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Clemens Brentano

Ich hatte schon früh und von verschiedenen Seiten so mancherlei Lustiges und Sonderbares über Clemens Brentano gehört, daß ich auf seine Bekanntschaft sehr begierig war; Reichardt, Steffens, Schleiermacher, Neumann, Chamisso, zuletzt auch Rahel, alle wußten von ihm Wunderliches und Anziehendes zu erzählen, und zum Teil so Widersprechendes, daß alles in Eine Vorstellung zu bringen oft unmöglich schien. Seine Schriften, »Godwi«, »Die lustigen Musikanten«, »Ponce de Leon«, zeigten schönes Talent und reichen Witz, aber auch große Unordnung und Willkür, sollten indes seiner persönlichen Erscheinung in jedem Betracht weit nachstehen. Sich zur romantischen Schule haltend, war er doch ein so undiszipliniertes Mitglied derselben, daß er immerfort in Verwarnung oder Strafe fiel. Das Honorar für den Roman »Godwi« hatte er Friedrich Schlegeln, der in Not war, überlassen, zugleich aber solche Widrigkeiten und Spöttereien unter die Leute gebracht, daß dieser ihm nicht das Geld, aber das Buch zurücksandte, mit den eingeschriebenen Worten: der Autor verdiene hundert Stockprügel; und hiemit war die Sache von beiden Seiten aus. Mit Steffens ergab sich eine andere Geschichte; Brentano hatte den Einfall, sich mit einigem Anschein von Laster schmücken zu wollen, er meinte sich vortrefflich auszunehmen, wenn ihn die Leute mit etwas Schauder ansähen, und gab daher zu verstehen, er triebe gar sittenlose Dinge, und als er nun auch sagen sollte, wer seine unsaubern Genossen wären, nannte er in der Verlegenheit auf gut Glück Steffens, der aber, als ihm das schmähliche Vorgeben zu Ohren kam, dem tollen Erfinder eine tätliche Zurechtweisung zudachte, die nur dadurch unterblieb, daß der Bedrohte sich längere Zeit nicht sehen ließ. Auf ein ähnliches Äußerste hatte Brentano es mit Görres gebracht, der sich ihm jedoch in der Folge als Freund verbinden mochte. Dergleichen Geschichten erzwang er mit fast unwiderstehlicher Beflissenheit immerfort, und jedesmal ließ er sie ein so erbärmliches Ende nehmen. Er hatte die gräßlichste Furcht und Angst vor jeder Tätlichkeit, ruhte aber nicht, bis er sie erlitten hatte; mit unermüdlicher Steigerung reizte er jeden Umgang, jedes Verhältnis auf, und nachdem er verführerisch durch Anteil, Schmerz, Vertrauen und Neigung dies alles hervorgelockt, mißachtete und zerstörte er freventlich alles wieder, verletzte in willkürlicher Laune sich und andere schonungslos, und wenn die Folgen seiner Ungebühr dann hart ihn selber getroffen, erweckte er wieder neues Erstaunen und oft neue Teilnahme durch die Qualen und den Jammer, die er hierauf mit dichterischer Meisterschaft aus sich herausspann, doch immer lauernd bereit, das Erhabene und Rührende, bei erstem Schimmer der Gefahrlosigkeit, durch Schalkheit und Tücke zu unterbrechen.

So hatte man mir Brentanon geschildert, und ich war darauf vorbereitet, eine solche Natur, wenn sie mir einmal begegnete, mit großer Nachsicht und ohne sonderliche Besorgnis aufzunehmen. Die nähere Bekanntschaft entging mir aber lange Zeit. Endlich im Sommer 1811, zu Teplitz, trat unerwartet Clemens zu mir ins Zimmer, nannte seinen Namen und sagte, er wolle mich kennenlernen, da er die nächste Zeit in Böhmen und vorzüglich in Prag zu leben denke. Ich empfing ihn aufs beste, er benahm sich äußerst liebenswürdig, seine gute Laune, der Witz und die Schärfe seiner Bemerkungen erhöhten jeden Augenblick mein Wohlgefallen. Als er dessen nun völlig sicher war, regte sich sogleich der Schalk, er wurde spöttisch, bemühte sich empfindliche Stellen zu berühren, drückte diese dann geflissentlich, und da er immer dreister wurde und endlich von einem meiner Freunde Unwürdiges vorbringen wollte – daß er Prügel bekommen zum Beispiel – , mußte ich unwillig gegen ihn auffahren, und wiewohl er gleich wieder einlenkte und das Gesagte zurücknahm, so blieb doch das gute Vernehmen zwischen uns aufgehoben, und ich entließ ihn mit Worten, nach denen ich glauben mußte ihn nicht wiederzusehen. Er reiste auch noch desselbigen Tages ab.

Aber nicht lange war ich in Prag zurück, als auch Brentano sich wieder einfand und aufs neue seine Liebenswürdigkeit entfaltete. Sein muntrer Geist, sein eindringender Sinn und seine großartige Einbildungskraft wurden mir in meiner Stimmung und Lage unendlich wert, ich konnte wieder Gespräche führen, wie ich sie in Berlin gewohnt gewesen, in Prag aber stets entbehrt hatte. Brentanos Freundlichkeit wurde bald inniges Zutrauen und herzliches Anschließen, er erzählte mir nach und nach all seine Schicksale und Verhältnisse, mit rückhaltloser Offenheit und lebendiger Darstellung, in trüber Wehmut und oft leidenschaftlichem Schmerz. Ich glaubte schon, ihn doch verkannt zu haben, und um des innern Kernes willen ihm die wunderliche, verletzende Außenseite verzeihen zu müssen. Meine Teilnahme war ihm der größte Trost, mein Wohlgefallen an seiner Poesie die wirksamste Aufmunterung. Er besuchte mich jeden Tag, las mir seine neusten Sachen vor, besprach die Erscheinungen des Lebens und der Literatur mit Laune, mit Einsicht, mit oft großartigen Bemerkungen. Ich machte ihn mit dem Grafen von Bentheim, dem Major von Nostitz und dem Hauptmann von Pfuel bekannt, führte ihn zur Gräfin Pachta und zu Mad. Brede, und da er sich bald in die letztere heftig verliebte, so belebte sich unser Umgang noch mehr, und ich hatte als Vertrauter seines Herzens allen glänzenden Aufwand mitzugenießen, mit dem seine unerschöpfliche Phantasie die neuen Regungen und Begegnisse seiner Neigung ausstattete.

Was ich sonst von ihm vernahm, war freilich oft von schlimmer Art. Die Erzählungen aus seinem Ehstandleben setzten oft alle Scham beiseit, und das Vertrauen erschien ganz reizlos, nur müßig und ungeziemend. Seine erste Frau, früher Mad. Sophie Mereau, und unter diesem Namen schon als liebliche Dichterin bekannt, hatte er mit Eifersüchteleien, ohne allen Grund und Anlaß, bloß aus willkürlicher Erfindung, fürchterlich gequält und bestrafte sich nun dafür, indem er seine Reue darüber ebenso willkürlich als nutzlos aufreizte. Von der zweiten Frau, die sich mit irrer Heftigkeit ihm an den Hals geworfen, war er glücklicherweise wieder geschieden, aber, was die Hölle sei, meinte er durch sie recht vollständig zu wissen. Von seinem letzten Aufenthalt in Berlin erwähnte er zweier leidenschaftlichen Verhältnisse, die er in so reichen und abenteuerlichen Schilderungen darlegte, daß ich oft in Zweifel stand, ob nicht alles ein bloß dichterisches Spiel gewesen. Eine heiße Liebe, die er zu einem unwürdigen Mädchen gefaßt, wurde nicht erwidert, und das täglich vor seinen Augen sich erneuernde Unwürdige floß mit seiner Liebe und deren Verschmähung in ein so gräßliches Gemisch zusammen, daß man glaubte eine Hexenlauge überkochen zu sehen, wenn er davon erzählte oder vorlas; denn er hatte angefangen, diesen Greuel in einem Roman darzustellen, dessen Titel schon ein Ärgernis war und hier verschwiegen bleiben muß. In dieser Geschichte quälte er nur sich selbst, dagegen die andere, fast gleichzeitige, ein strafbares Eingreifen in fremdes Gemüt und Geschick offenbarte. Er hatte durch anhaltende Beeiferung die Neigung eines jungen schönen Mädchens gewonnen, dem er in der traurigen Zurückgezogenheit der herabgekommenen Familie eine glänzende Erscheinung war; er teilte die Neigung gar nicht, allein durch sie geschmeichelt, fachte er sie aus allen Kräften nur immer stärker an, hielt aber zugleich dem armen Kinde nur um so grausamer die Überzeugung vor, sie müsse doch ewig von ihm getrennt bleiben, weil sie nicht seines Glaubens, nicht katholisch sei. Nicht das Geringste, so gestand er nun selbst, war ihm an der Sache gelegen, aber er wollte doch sehen, was er mit diesem Motiv ausrichten könnte, und so spielte er eifrig den Bekehrer mit so gutem Erfolge, daß das Mädchen wirklich katholisch wurde, und dem frevelhaften Scheineiferer, der sich durch die vorgeschobene Glaubensverschiedenheit auch den Rückzug zu erleichtern gemeint, nun erst recht, und auf lange Zeit, zu schaffen machte.

Von den Personen, die wir gemeinschaftlich kannten, sprach Brentano meist ungünstig, aber mit außerordentlichem Scharfsinn, der jedesmal unfehlbar eine wunde Stelle traf. Die tiefsten und geheimsten Gebrechen der Gemüter zog er ans Licht, die Schwächen der äußern Erscheinung bezeichnete er mit brennenden Farben, und seine Darstellungen waren zugleich lehrreich und komisch. Ein Wort, das er über irgendeinen Menschen spöttisch ausließ, wurde gewiß vielmals wiederholt und lebte lange fort, weil nicht leicht ein bezeichnenderes zu finden war. Auch die würdigsten und höchsten Personen schonte er nicht, wenn er auch anfangs einige Ehrfurcht bewies, so warf er diese doch nach kurzer Zeit ab, und ehe man sich's versah, hatte er Lächerliches und Beschämendes angebracht. So bezeigte er große Achtung für den Professor Meinert und hielt ihm große Lobreden; doch als ich zu sehr beistimmte, wurde er verdrießlich und meinte, aber das könne ich doch nicht leugnen, daß der vortreffliche Mann trocken sei; trocken, sehr trocken, so ohne alle Feuchtigkeit trocken, daß er ohne Zweifel Pulver schwitze! Nur seine Geschwister und nächsten Freunde machten eine Ausnahme, die Schwester Bettine, Achim von Arnim, Savigny, der Bruder Christian, und noch einige andre, die er nicht nur pries und rühmte, sondern als Wesen höherer Art aufstellte, vor denen wir andern Sterblichen uns zu beugen hätten. So sollte z. B. nicht nur Tieck, sondern auch sogar Goethe in der Poesie gegen Arnim kaum noch bestehen, so der Bruder Christian in allen mutigen Übungen die Meisterschaft Pfuels weit überbieten. Und dennoch tat ihm auch hier, wenn man sein Lob nicht bestritt, sondern daran glaubte, die Wirkung fast wieder leid, und er suchte sie zu bedingen und einzuschränken. Aus diesen Erörterungen entstanden gleich anfangs einige harte Auftritte, die er aber mit weicher und ernster Empfindsamkeit wieder zu begütigen wußte. So schrieb er mir einen Brief, der mich wirklich einen Augenblick glauben machte, ich sei zu hart gewesen. Auch ließ ich ihm seine Heroen gern gelten, ich war durch ein Wort von Rahel über Bettinen für diese schon mit günstigstem Vorurteil erfüllt, von Arnim aber persönlich sehr eingenommen, und statt zu widersprechen, suchte ich nur auch meine besten und höchsten Menschen in ihrem wahren Werte zu zeigen, wobei denn natürlich Rahel obenan stand. Brentano unterwarf sich ungern, tat es aber doch und gestand gerührt, so großen Vorzügen müsse er unbedingt huldigen. Meinen Eifer, weit entfernt, ihn als leere Übertreibung und frevelnde Vergötterung zu tadeln – die er selber auch weit mehr sich hatte zu Schulden kommen lassen – , wollte er gerade als das entschiedenste Zeugnis annehmen, und auf dieses hin nun auch selbst an Rahel schreiben.

Er schrieb wirklich, aber im Schreiben bezwang ihn die Schalkheit wieder, er konnte sich nicht darein finden, einfach und schlicht ein Gutes zu bekennen; in den Ausdruck der Verehrung mischte er tolle Fratzen, aus denen bald unziemlicher Hohn und verletzende Tücke wurden. Als er mir den Brief vorlas, mit dem Ansinnen, ihn ganz vortrefflich zu finden, ergriff mich abwechselnd Wehmut und Empörung, und als er geendet hatte, überströmten beide in schmerzliche Rede, die ihm seine Verkehrtheit und Unbill vorhielt, und auch wirklich mehr, als ich erwartet hatte, sein Innerstes bewegte. Er schlug den Brief zusammen, sagte, er wolle nun einen andern schreiben, gut und ordentlich, ohne die schlechten Späße, die auch ihm nicht recht wären, obwohl er sie nicht für bös erkennen wollte. Wir blieben lange beisammen, und schieden endlich unter herzlicher Umarmung, als wie er meinte nur um so bessere Freunde.

Aber solche Koboldsart duldet keine Rührung noch gute Vorsätze, und hat nichts Eiligeres zu tun, als deren Anwandlungen durch neue dreistere Streiche zu überflügeln. Brentano schrieb einen zweiten Brief, aber einen, der schlimmer war als der erste; wahre Kränkungen und Beleidigungen sprach er mit dem größten Aufwände verführerischen Witzes und unterhaltender Schilderungen aus. Er las mir nur Einzelnes vor und überging gewiß das Ärgste. Ich war außer Fassung. Warum überhaupt schrieb er? was sollte bezweckt werden? wozu so viel unnütze Mühe? Er sollte den Brief nicht abschicken, verlangte ich; dem Eigensinn der schlechten Laune frönend, tat er es doch und tat hiemit den ersten Schritt auf einer Bahn, die für ihn unseligen Verdruß und auch mir die peinlichsten Empfindungen bringen sollte.

Inzwischen erfuhr Brentano mancherlei Mißvergnügen und verfehlte nicht, mir dasselbe getreulich zu bekennen, oft bis zu Tränen erweicht, oft in aufgereiztem Zorn. Seine Bewerbungen bei der schönen Frau dienten derselben zum angenehmen Zeitvertreib, aber Gunst erlangten sie nicht, und ein ganzer Stoß von Briefen, Gedichten, humoristischen Schilderungen, die in der Tat durch ihre Außerordentlichkeit für jede Empfängerin schmeichelhaft sein konnten, war umsonst verschwendet. Er wünschte die frühern Papiere zurückzuerhalten und setzte sein Schreiben zwar fort, aber schon nicht mehr im huldigenden, sondern im höhnenden Sinne, und zuletzt wurden die giftigsten Schmähreden daraus, die durch nichts in der Welt veranlaßt sein konnten. Ich sah verwundert diese Verwandlung vorgehen und fing an zu erkennen, mit was für einem unsichern Menschen ich mich eingelassen hatte!

Ein Vorfall, der sich an der Wirtstafel eines Gasthofes ereignete, wo viele Offiziere zu speisen pflegten, fügte neue Unlust zu der schon vorhandenen. Brentano hatte von einem Stabsoffizier öffentlich einen Verweis empfangen, weil er in Ausdrücken, welche sogar den rauhen Kriegsmännern bis zur Empörung unanständig geschienen, von seiner geschiedenen Frau zu erzählen angefangen, und wieder ohne Anlaß und Zweck, ganz vom Zaun gebrochen, wie zur Verhöhnung der Anwesenden. Schon seit einiger Zeit hatte ich gemerkt, daß ich sein rückhaltloses Vertrauen mir persönlich nicht allzu hoch anschlagen durfte, allein, daß er seine Geheimnisse öffentlich jedem fremden Hörer aufdringen mochte, war mir doch eine neue widrige Erfahrung.

Die Ankunft seines Bruders Christian in Prag ergab noch schlimmeres Ärgernis. Bei gleichem Übermut hatte er weniger Witz als Clemens, und seine Dreistigkeit war deshalb plumper und mißfälliger. Eines Abends in dem erwähnten Gasthofe erlaubte er sich spöttische Erzählungen, welche für die anwesenden Offiziere, deren keinen er näher kannte, höchst beleidigend wurden. Das Erstaunen war allgemein, es mußte darauf etwas erfolgen, und erfolgte nur allzu schnell. Ein Major, jetziger Feldmarschall-Lieutenant von Mengen erhob sich, sagte dem Frevler, solch ein Unverschämter müsse hinaus, packte ihn und warf ihn unter wiederholten Stößen auf die Straße. Am andern Morgen kam Clemens ganz verstört zu mir, beklagte, welche Kameraden ich hätte, und als ich nicht wußte, was er meinte, erzählte er mir den ganzen Hergang. »Und was wird Ihr Bruder nun tun?« fragte ich nach einer Pause. »Tun? was kann er tun?« erwiderte Clemens. Ich versetzte, wer ein so guter Fechter und Schütze sei, werde doch wohl bei dieser Gelegenheit es zeigen, und sich mit dem Gegner hauen oder schießen. »Schieße?« wiederholte Clemens verwundert, und gleich im schönsten Frankfurtisch, in das er aus seinem würdigen Hochdeutsch immer zurückfiel, sowie er lebhaft wurde, »aber ich bitte Sie warum? Fünfmalhunderttausend Franzose sind expreß dazu angestellt, auf den Mann zu schieße, die werde schon ihre Schuldigkeit tun, was soll denn da noch mei Bruder auf den schieße?« So wurde freilich dessen gerühmtes Heldentum völlig zu Wasser, und Clemens suchte auch hier über Beschämung und Verlegenheit durch irgendeine wirksame Lächerlichkeit so gut als möglich hinauszukommen. Mir aber blieb das alles sehr widerlich, und die Folgen mußten in manchem Betracht störend sein; der Kreis, in welchem ich lebte, hatte für dergleichen Vorgänge eine ganz feste Regel und stieß jeden, der sich ihr nicht fügte, unerbittlich aus.

In dem Mißbehagen, zu welchem beide Brüder sich verurteilt sahen, wuchs ihre Bitterkeit und Schalkheit, und Clemens setzte meine persönliche Geduld durch böse Neckereien und Anzüglichkeiten auf harte Proben. Ich verzieh indes leicht, was er mir unmittelbar antat. Bald aber vernahm ich Possen und Tücken, die er hinter meinem Rücken verübte, Mißbrauch des früheren Vertrauens, Verrätereien, die meine teuersten Bezüge dem Spott preisgaben. Dies war nicht zu dulden, und ich mußte erschrecken, wenn ich überdachte, wie vielerlei Ärgernis und Entweihung ich allzu leichtsinnig oder gutmütig in seine Hand gelegt hatte! Ihn hierin zu zügeln, war eine Pflicht in Betreff meiner selbst und meiner Freunde, aber dazu kein andres Mittel als das der leiblichen Furcht, jede andere Einschüchterung war ihm nur lächerlich.

Es vergingen düstre Wochen, voll Zweifel und Kampf. Brentano benahm sich mit jedem Tage unangenehmer, und da die Wirkung hievon auch ihn selber traf, so besuchte er mich bald seltener. Auch zog er mich für seine Schriften nicht mehr zu Rat. Er hatte in Prag zwei Schauspiele zu dichten angefangen, deren Entstehen ich schrittweise mit Anteil gefolgt war, wie denn diese Arbeiten unserm Umgang ein hauptsächliches Band geworden waren; eines dieser Stücke, Aloys und Imelde, lag bei mir verwahrt, ich sollte es durchsehen und etwanige Besserungen vorschlagen. Nach längerem Wegbleiben, während dessen der Kobold in ihm aber nicht geruht, sondern gegen mich die ärgsten Frevel verübt hatte, kam Brentano eines Morgens und forderte ungestüm sein Manuskript. Er kam mir eben recht, das Maß war voll, ich hielt ihm sein Betragen vor und warnte ihn, dasselbe nicht fortzusetzen; aber das war ihm nur zum Lachen. »Ich sehe«, rief ich endlich ergrimmt, »mit Ihnen muß man anders verfahren, damit Sie Respekt haben«, und legte Hand an ihn. Erschrocken fuhr er zusammen: »Warum schlage Sie mich?« rief er, und als er sah, daß die Handlung mehr symbolisch als materiell sei und mit der bloßen Andeutung schon aufhörte, fügte er mit schon beinahe lustigem Eiter hinzu »Sie werde mei bester Freund, wie Görres; grad wie Sie hat der mir ins Gesicht geschlage!« Mir war unaussprechlich weh, ich fand mich und ihn häßlich in der Geschichte, ich fühlte Scham und Reue. Doch eben in diesem Gefühl trat ich zurück und wich der angebotenen Umarmung aus. »Nein, Brentano«, versetzte ich, »das bleibt ein ewiger Unterschied zwischen Görres und mir, Ihr bester Freund werde ich nunmehr nicht; aber ich meine es doch nicht schlecht mit Ihnen. Mir tut es entsetzlich leid, daß dergleichen zwischen uns vorfallen mußte, aber es mußte; Sie müssen die Versicherung haben, daß es dahin kommen kann zwischen uns, und die haben Sie nur, wenn wirklich es dahin gekommen ist. Nun werden Sie sich besinnen, wenn Sie von mir und von Personen reden, die mir wert sind. Übrigens braucht kein Dritter es zu wissen, ich sage es niemandem, schon weil ich mich, glauben Sie es, für mich zu sehr schäme.« Diese Worte beruhigten ihn vollends, und er forderte nun sein Manuskript. »Das sollen Sie wiederhaben«, sagte ich, »aber erst übers Jahr, bis dahin dient es mir zum Pfand Ihrer guten Aufführung.« Jetzt wieder auf einem Boden, wo er sich nicht fürchtete, nahm er alle sonstige Lebhaftigkeit wieder an, und wollte sein Manuskript erbitten, ertrotzen, erscherzen. Unter andern stellte er die lächerlichste Besorgnis für mich auf: »Es wird Krieg, Sie gehn ins Feld, Sie sinn e toller Kerl und gehn in alles 'nein, da werde Sie totgeschosse – wo krieg ich mei Manuskript widder?« Wie sollte man ernsthaft bleiben bei solchen Possen? »Fürchten Sie nichts«, sagte ich, »Sie halten mich für allzu tapfer, ich werde mich nicht so wild in jede Gefahr stürzen, ich werde um Ihres Manuskripts willen am Leben bleiben!«

Nachdem er zwischen Lachen und Weinen von mir gegangen, war mir, ich gesteh es, so erbärmlich wie je in meinem Leben, ich hätte ihn gern zurückgerufen, ihn um Verzeihung gebeten, ihm seine Blätter überliefert. In dieser Stimmung fand mich noch nach mehreren Stunden ein Bekannter, der vom Kaffeehause kam. »Was haben Sie denn mit dem tollen Brentano gehabt?« sprach er mich an. Ich wollte nichts sagen, aber mit Staunen vernahm ich, daß Brentano schon selbst an jenem Orte die Geschichte erzählt, und sich dabei auf das abenteuerlichste gebärdet, alles Einzelne höchst lächerlich, aber dann doch das Ganze als ein furchtbares Schrecknis dargestellt habe, das ihn in Verzweiflung stürze. Auch dem Professor Meinert erzählte er alles gleich an demselben Tage, und gar nicht zu eignem Vorteil. Mein Schweigen war nun nutzlos, aber ich konnte nie ohne Pein von der Sache reden, und auch das Ergötzen und Rechtgeben der andern tat mir weh. Brentano im Gegenteil mochte sich des neuen Stoffes lyrischer Ergießungen nicht ersättigen, er bearbeitete ihn auch schriftlich, und sogar gedruckt in einer Prager Zeitschrift ließ er späterhin Andeutungen darüber in die Welt gehen.

Die Brüder mieden nach einer Weile die ihnen unheilbringende Stadt und zogen auf das Familiengut Bukowan. Ich verlor sie aus den Augen, um so mehr, als auch ich Prag bald verließ und nach Berlin reiste. Hier war ebenfalls meine unglückliche Geschichte schon bekannt, durch Brentano selbst, der davon geschrieben hatte. Seine Schwester Bettine, die ich zuerst in einer Gesellschaft bei Stägemann sah, erinnerte mich so sehr an den Bruder, als daß ich ihr gern auswich; doch mußte ich gleich darauf hören, sie hätte sich beklagt, daß ich mich ihr so aufgedrängt! Sie bestätigte hiedurch nur jene Ähnlichkeit mit Clemens, der auch frischweg alles für wahr ausgab, was ihm für den Augenblick beliebte.

Während der Kriegszeiten wurde Rahel nach Prag verschlagen, und wider alles Erwarten suchte Brentano sie auf. Er hatte das größte Bedürfnis, diese verworrenen Fäden wieder aufzunehmen, fortzuspinnen, hin und her zu ziehen. Auch mit Rahel besprach er umständlich das zwischen ihm und mir Vorgefallene, beteuerte seine Unschuld und bot alles auf, bald sie gegen mich zu stimmen, bald ihre sühnende Vermittlung zu erlangen. Dem schmerzlichen Andränge seines unglücklichen Wesens konnte Rahels Güte nicht widerstehen, sie verzieh ihm, tröstete ihn und wurde ihm, wie so vielen andern, ein wohltätiger Anhalt, wiewohl er noch oft wieder in tückische Launen verfiel. Erst recht aber schien er ihren Wert zu empfinden, als er wieder von ihr getrennt war und in Wien lebte, von wo er ihr mit größter Herzensbewegung die innigste Freundschaft antrug. Der Brief, worin dies geschah, kommt mir nach langem Vermissen eben wieder vor Augen, fast gleichzeitig mit Rahels Antwort, die mir nach fünfundzwanzig Jahren glücklicherweise durch Bettinen jetzt zugestellt worden. Die hierauf von Clemens wieder geschriebenen Briefe sind merkwürdig. Als ob ihn verdrösse, daß seine Hinneigung so liebevoll und verständig aufgenommen worden, als sei ihm der Erfolg unerträglich, bei dem er sich kein Übergewicht mehr zuschreiben konnte, suchte er sogleich den guten Eindruck zu vernichten und ließ alle gewohnten Tollheiten springen, indem er unter der Hülle von hohem Ernst oder launigem Scherz die frechsten Eingriffe in das innerste Heiligtum der Persönlichkeit wagte, sie mit dem gehässigsten Gift bespritzte und diesem eine fromme Salbung beimischte, die er ohne innere Wahrheit nur als ein Werkzeug dazu mißbrauchte, der eignen Hoffart durch Demütigung der andern zu schmeicheln. Ist auch in der Tat die nichtsachtende Willkür und Bosheit hier noch mit einer Art Unschuld vermischt, welche ihren eigenen Schmerzensschrei dem den andern bereiteten Weh reichlich zugesellt, und läßt sich auch nicht verkennen, daß bei diesen grausamen Versuchspielen die tatsächliche Wirkung ärger ausfällt, als die ursprüngliche Absicht und Meinung ist: so wird doch immer ein solcher Zustand, wo jedes sittliche Maß verloren ist und das Edelste und Beste im Menschen dem aberwitzigen Dünkel des Augenblicks unterworfen wird – ein solcher Zustand wird in seinen Folgen kaum günstiger zu betrachten sein als der des völligen Wahnsinns, gegen den wir durch Zucht und Gewalt uns schützen.

Wenn ich gesagt, Brentano habe die Formen und Sprache der Religion, ohne selber davon durchdrungen zu sein, zu spielenden Versuchen mißbraucht, wiefern sie wohl auf andre wirken möchten, so war dies nicht leichtsinnig und unbedacht gesprochen. Für die Zeit meines Umgangs mit ihm kann ich meine tägliche Erfahrung einsetzen; aber auch in späterer Zeit, als er ganz der Religion, ja dem Aberglauben hingegeben war und andere mit Schrecken und Ehrfurcht für seine Heiligensachen zu erfüllen strebte, unterließ er nicht, sich selber durch allerlei Schnippchen darüber lustig zu machen. Nachdem er bei der wunderbaren Nonne von Dülmen mehrere Jahre zugebracht, alle ihre Gesichte und Aussagen umständlich aufgeschrieben und zuletzt ihre zum Teil ekelhaften Reliquien sorgfältig gesammelt, kam er mit diesen Schätzen an den Rhein, tat äußerst heilig geheimnisvoll damit und rechnete es seiner Schwester Bettina als eine besondere Gunst an, daß er dies alles vor ihr entfaltete. Unter andern hatte er auch Zeichnungen nach den Gesichten der Nonne verfertigt, und diese sollten das echte, genaue, durch Offenbarung überkommene Bild solcher Zustände und Vorgänge sein, von welchen die Evangelien gar keinen oder doch nur allgemeinen Bericht geben. So beteuerte er, in einer dieser Zeichnungen sei die Kleidung und überhaupt das ganze Aussehn der Apostel mit unwidersprechlicher Treue abgebildet, ganz wie die Nonne in der Verzückung sie anzuschauen begnadigt worden, und es dürfe daher auch nicht an dem kleinsten Einzelnen irgendein Zweifel haften. Nun hatte Brentano in früherer Zeit einmal einen sonderbaren und lächerlichen Tabaksbeutel gehabt, einen Tabaksbeutel, von dem alle seine Bekannten gewußt und oft gesprochen hatten, und mit dem allerlei lustige Geschichten begegnet waren – auch Bettine hatte den Tabaksbeutel wohlgekannt, aber seit langer Zeit vergessen. Plötzlich erhebt sie ein helles Gelächter, und als Clemens unwillig ihr die Unheiligkeit verweisen will, ruft sie lachend: »Aber Clemens! da hat ja der Apostel Petrus deinen Tabaksbeutel als Reisetasche umhängen!« So hatte er seine Possen unter die Heiligkeiten gemischt und lachte nun, als er sich ertappt sah, ganz munter mit! Dies eine Stück möge statt aller andern dienen, die er in ähnlicher Weise gemacht und die sehr für seine Laune, aber wenig für seine Frömmigkeit zeugen.

Daß Brentano sein Manuskript nach dem Frieden wiederbekam, ergibt sich aus seinen letzten Briefen an Rahel; daß wir uns in späterer Zeit freundlich wiedergesehen, ist auch seines Ortes zu ersehen.

Karl August Varnhagen von Ense Bleistiftzeichnung von Wilhelm Hensel, 1822


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