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23

Am nächsten Tage kam das Telegramm nicht; das war ein ungeheures Mißgeschick, denn Tracy konnte ohne diese Eintrittskarte nicht vorgelassen werden, obgleich sie als Beweisstück keine Bedeutung haben sollte. Wenn das Ausbleiben des Telegramms am ersten Tag ein ungeheures Mißgeschick genannt werden konnte, welches Wörterbuch hat dann einen Ausdruck, der umfassend genug wäre, um ein zehntägiges Fehlschlagen der Hoffnung zu bezeichnen? An jedem Tag, an dem das Telegramm nicht kam, schämte sich Tracy um achtundvierzig Stunden mehr als am vorhergehenden Tag, und Sally wurde ebenso um vierundzwanzig Stunden sicherer, daß er nicht nur keinen Vater, sondern nicht einmal einen Verbündeten habe, woraus folgte, daß er ein zweifacher Aufschneider war und nichts andres sein konnte.

Es waren dies schwere Tage für Barrow und die Kunstfirma. Sie hatten alle Hände voll zu tun, um Tracy zu trösten. Barrows Aufgabe war besonders schwierig, weil er zum Vertrauten der ganzen Angelegenheit gemacht worden war und auf Tracys Wahn, daß er einen Vater habe, daß dieser Vater ein Lord sei und ein Telegramm schicken werde, eingehen mußte. Barrow hatte den Versuch, Tracy zu überzeugen, daß er keinen Vater habe, sehr bald aufgegeben, weil er einen sehr nachteiligen Einfluß auf den Patienten ausübte und seine Gemütserregung in beunruhigender Weise steigerte.

Er hatte nun als Experiment Tracy in dem Glauben gelassen, daß er einen Vater habe, und der Erfolg war ein so guter, daß er mit gehöriger Vorsicht weiter ging und ihn versuchsweise glauben ließ, sein Vater sei ein Lord; dies wirkte so günstig, daß er kühn wurde und ihn, wenn er es gewünscht hätte, in dem Glauben bestärkt haben würde, er besitze zwei Väter. Aber er wünschte das nicht, und Barrow verzichtete auf den einen und ließ ihn dafür glauben, daß er ein Telegramm bekommen werde. Im stillen indes nahm Barrow an, daß dies nicht der Fall sein werde, und er hatte recht. Aber er benützte die Hoffnung auf das Telegramm täglich nach ihrem ganzen Wert, und sie war nach seiner Meinung das, was Tracy am Leben erhielt.

Auch für die arme Sally waren es bittere Tage und hauptsächlich geheimen Tränen gewidmet. Sie hielt es mit dem feuchten Element, und Feuchtigkeit, Erkältung und Kummer untergruben ihren Appetit, so daß wirklich das arme Kind ein Gegenstand des Mitleids wurde. War ihr Zustand, wie erwähnt, schon schlimm genug, so schienen alle Kräfte der Natur und der Verhältnisse sich verschworen zu haben, ihn noch schlimmer zu machen – und das mit Erfolg.

Da lasen am Morgen nach Tracys Entlassung Sellers und Hawkins in der Zeitung, daß ein Vexierspiel, genannt »Schweinchen im Stall«, in den letzten Wochen plötzlich zu hoher Gunst gelangt sei und daß vom Atlantischen bis zum Stillen Ozean die Bevölkerung aller Staaten die Arbeit aufgegeben habe, um damit zu spielen, und daß die Geschäfte des Landes demzufolge zum Stillstand gekommen wären. Richter, Advokaten, Geistliche, Räuber, Diebe, Kaufleute, Arbeiter, Mörder, Frauen, Kinder, Säuglinge – sie alle konnte man von morgens früh bis Mitternacht nur mit dem einen Zweck und Bemühen beschäftigt sehen – die Schweinchen einzusperren, das Geheimnis des Spiels zu entdecken. Alle Heiterkeit und Fröhlichkeit war aus dem Volk geschwunden, und anstatt ihrer waren Sorge und Angst auf jedem Gesicht zu lesen. Die Runzeln des Alters und der Zweifel bedeckten die Züge aller, und bei den meisten zeigten sich die noch traurigeren Spuren geistigen Verfalls und beginnenden Wahnsinns. Die Fabriken von acht Städten mußten Tag und Nacht arbeiten, und doch war es bis jetzt unmöglich, der Nachfrage nach dem Spiel zu genügen.

Hawkins war außer sich vor Freude, aber Sellers war ruhig. Kleine Dinge konnten seinen Gleichmut nicht stören. Er sagte:

»So geht es mit allen Dingen. Man macht eine Erfindung, die alle Künste umgestalten, Berge von Gold einbringen und die Welt beglücken könnte, aber wer kümmert sich darum oder zeigt ein Interesse dafür? Und so ist man so arm wie vorher. Aber wenn einer ein wertloses Ding erfindet, um sich damit zu unterhalten, und es wegwerfen würde, wenn man ihn gewähren ließe – da greift plötzlich die ganze Welt danach, und es springt ein Vermögen heraus. Suche du den Yankee auf und erhebe das Geld – die Hälfte davon ist dein, wie du weißt; mich aber laß an meinem Vortrag zimmern.«

Es war dies ein Vortrag für den Mäßigkeitsverein. Sellers war ein Hauptanführer im Mäßigkeitslager und hatte dann und wann schon Vorträge in dessen Interesse gehalten, war aber mit seinen Erfolgen nicht zufrieden gewesen; deshalb hatte er nun einen neuen Plan entworfen. Nach reiflichem Nachdenken war er zu dem Schluß gekommen, der Hauptgrund, weshalb es seinen Vorträgen an Zündkraft fehle, sei zu augenscheinlicher Dilettantismus, das heißt: es sei wohl zu deutlich bemerkbar, daß der Vortragende den Leuten von den entsetzlichen Wirkungen geistiger Getränke erzähle, ohne diese Wirkungen anders als vom Hörensagen zu kennen, da er wohl kaum jemals in seinem Leben ein berauschendes Getränk versucht habe. Es war nun sein Plan, sich dergestalt vorzubereiten, daß er aus bitterer Erfahrung sprechen könne. Hawkins sollte mit der Flasche dabei stehen, die Dosen berechnen, Notizen über die Wirkung machen und in andrer Weise noch bei den Vorbereitungen behilflich sein. Die Zeit war kurz, denn die Damen würden um Mittag da sein – das heißt der Mäßigkeitsverein der Töchter von Siloam – und Sellers mußte bereit sein, sich an die Spitze des Zuges zu stellen. Die Zeit verging, und Hawkins kam nicht zurück. Sellers konnte es nicht wagen, noch länger zu warten; so machte er einen Angriff auf die Flasche und notierte die Wirkungen. Hawkins kam endlich, warf einen verständnisvollen Blick auf den zum Vortrag Angemeldeten und ging hinunter, um statt seiner den Vorsitz zu übernehmen. Die Damen waren sehr betrübt, als sie hörten, daß ihr Ritter plötzlich, und zwar heftig erkrankt sei, aber sie freuten sich, daß zu hoffen war, er werde in einigen Tagen wieder ausgehen können. Tatsächlich jedoch rührte sich der alte Herr nicht und gab fast kein Zeichen von Leben während der nächsten vierundzwanzig Stunden. Dann fragte er nach der Sitzung und hörte, wie es damit gegangen war. Er zeigte sich sehr traurig und blieb mehrere Tage zu Bett; seine Frau und Tochter saßen abwechselnd bei ihm, um ihn zu pflegen. Oft strich er liebkosend über Sallys Scheitel und versuchte sie zu trösten.

»Weine nicht, mein Kind, weine nicht so sehr; du weißt, daß dein alter Vater es nur aus Versehen und durchaus nicht in böser Absicht tat; du weißt, daß er um die Welt nicht vorsätzlich etwas tun würde, dessen du dich zu schämen hättest. Du weißt, daß er sich bemühte, etwas Gutes zu tun, und den Irrtum nur aus Unwissenheit beging, da er die richtigen Dosen nicht kannte und Washington nicht da war, um ihm zu helfen. Weine nicht so, meine Liebe, es bricht mir mein altes Herz, dich so zu sehen und zu denken, daß ich dir diese Demütigung bereitet habe, dir, die du mir so teuer und so gut gegen mich bist. Ich werde es nie wieder tun, gewiß nicht; nun tröste dich, du Süße, und sei ein gutes Kind.«

Wenn sie aber den Dienst am Bett des Vaters nicht hatte, dauerte das Weinen ganz in derselben Weise fort. Dann versuchte die Mutter sie zu trösten und sagte:

»Weine nicht, meine Liebe, er wollte nichts Böses, es war einer von den Zufällen, vor denen man sich nicht bewahren kann, wenn man Versuche anstellt. Du siehst, ich weine nicht. Das macht, ich kenne ihn genau. Ich könnte niemals wieder jemand ins Gesichte sehen, wenn er sich mit Absicht in einen so schrecklichen Zustand versetzt hätte, aber behüte Gott, sein Zweck war ein reiner und hoher, und das macht auch sein Handeln rein, obgleich er weiter ging, als nötig war. Wir sind dadurch nicht gedemütigt, meine Liebe; er tat es in einer edlen Eingebung, und wir brauchen uns nicht zu schämen. So, nun weine nicht mehr.«

So war der alte Herr einige Tage lang von Nutzen für Sally, weil er als Erklärung ihrer tränenvollen Stimmung diente. Sie war ihm dankbar für den Vorwand, den er ihr gewährte, aber sie sagte sich oft: »Es ist eine Schande, ihn meine Tränen als einen Vorwurf ansehen zu lassen – als ob er je etwas tun könnte, was ich ihm vorzuwerfen hätte. Aber ich kann nichts gestehen, ich muß ihn immer noch als Vorwand brauchen, es ist der einzige, den ich in der Welt habe, und ich brauche ihn so nötig.«

Sobald Sellers wieder hergestellt war und fand, daß Hawkins und der Yankee ganze Haufen Geldes für ihn in der Bank angelegt hatten, sagte er:

»Nun werden wir ja sehen, wer der Prätendent und wer der wahre Lord ist. Ich will gleich hinüberreisen und dem Oberhaus ein wenig warm machen.«

Während der nächsten Tage war er mit seiner Gattin so sehr von Reisevorbereitungen in Anspruch genommen, daß Sally so viel Alleinsein und Gelegenheit zum Weinen fand, als gut für sie war. Dann reiste das alte Paar nach Neuyork ab – und nach England. Sally hatte aber noch zu andern Dingen Muße. Sie kam zu der Überzeugung, daß es unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht der Mühe lohnte zu leben. Wenn sie ihren Betrüger aufgeben mußte und sterben, so mußte sie sich darein ergeben; aber könnte sie nicht vorher ihren ganzen Fall einer unbeteiligten Person vorlegen und sehen, ob es nicht doch einen Weg zur Rettung gab? Sie dachte viel darüber nach. Bei ihrem ersten Zusammensein mit Hawkins nach der Abreise ihrer Eltern kam das Gespräch auf Tracy, und sie fühlte sich getrieben, dem Staatsmann ihre Angelegenheit vorzutragen und seinen Rat zu erbitten. So schüttete sie ihm ihr Herz aus, und er hörte sie mit schmerzlicher Besorgnis an. Sie schloß in bittendem Ton:

»Sagen Sie mir nicht, er sei ein Betrüger. Ich vermute, daß er es ist, aber sieht es für Sie nicht aus, als ob er es nicht wäre? Sie sind kühl und stehen draußen, und so kann es Ihnen doch möglicherweise vorkommen, als wäre er keiner, was für mich nicht möglich ist. Sieht es in Ihren Augen nicht aus, als ob er es nicht wäre? Könnten Sie – kann es Ihnen nicht so erscheinen um – meinetwillen?«

Der arme Mann war verwirrt, aber er fühlte sich verpflichtet, der Wahrheit nahe zu bleiben. Er kämpfte eine Weile mit sich über die Einzelheiten, dann gab er es auf und sagte, er könne wirklich keinen Grund finden, Tracy zu rechtfertigen.

»Nein,« sagte er, »es ist die Wahrheit, er ist ein Betrüger.«

»Das heißt, Sie – Sie fühlen sich halbwegs sicher, aber nicht ganz – oh, nicht ganz, Mister Hawkins.«

»Es ist traurig, daß ich es sagen muß – es ist mir verhaßt, es zu sagen – aber ich denke nicht bloß so, ich weiß, daß er ein Betrüger ist.«

»O Mister Hawkins, so weit können Sie nicht gehen. Niemand kann das sicher wissen; es ist nicht bewiesen, daß er nicht ist, was er sagt.«

Sollte Hawkins mit der ganzen unglückseligen Geschichte herausrücken und sein Gewissen erleichtern? Ja, wenigstens zum größten Teil – das mußte sein. So biß er denn die Zähne zusammen und ging mit Entschiedenheit auf die Angelegenheit los, nahm sich aber vor, dem Mädchen einen Schmerz zu ersparen – die Gewißheit, daß Tracy ein Verbrecher war.

»Jetzt werde ich Ihnen eine einfache Geschichte erzählen – eine, die für mich ebensowenig angenehm zu berichten, als für Sie zu hören ist; aber wir müssen das ertragen. Ich weiß alles über diesen Burschen, und ich weiß, daß er kein Grafensohn ist.«

Die Augen des Mädchens flammten, und sie sagte:

»Dafür gebe ich keinen Pfifferling – fahren Sie fort!«

Das kam so ganz unerwartet, daß es die Erzählung ins Stocken brachte. Hawkins war nicht einmal sicher, ob er recht gehört hatte. Er sagte:

»Ich weiß nicht, ob ich Sie recht verstanden habe. Wollen Sie sagen, daß, wenn er nur in andrer Beziehung gut und anständig sei, Sie gegen den gräflichen Teil der Angelegenheit gleichgültig sein würden?«

»Durchaus.«

»Sie würden ganz zufrieden mit ihm sein und sich nichts daraus machen, daß er kein Grafensohn ist – und wäre er es, so würde ihm das in Ihren Augen keinen neuen Wert verleihen?«

»Nicht den geringsten Wert, nach dem ich frage. Ja, Mister Hawkins, ich habe all die wachen Träume von Grafenkronen und Vornehmheit und all diesen Unsinn überwunden und bin ein einfacher, gewöhnlicher Niemand geworden und damit zufrieden, und er ist es, dem ich meine Heilung verdanke. Nichts kann in meinen Augen seinem Wert etwas hinzufügen. So wie er ist, ist er für mich die ganze Welt, in ihm ist aller Wert inbegriffen – wie können Sie dem etwas hinzufügen?«

»Sie geht schon sehr weit,« sagte er bei sich, »ich muß meinen Plan ändern; ich kann nicht hoffen, ein Mädchen zu überzeugen, das entschlossen scheint, die Schrullen ihrer seltsamen Phantasie aufrechtzuerhalten, und wenn sie auch volle fünf Minuten auf das Streckbett geschnallt werden sollte. Ohne diesen Burschen zum Verbrecher zu machen, denke ich für ihn einen Namen und einen Charakter zu finden, die geeignet sind, sie zu entzaubern. Wenn auch das den Zweck verfehlt, werde ich daraus sehen, daß es das beste ist, dem armen Ding zu ihrem Schicksal zu verhelfen, nicht sie an seiner Erreichung zu hindern.«

»Also, Gwendolin –«

»Ich wünsche Sally genannt zu werden.«

»Das ist mir lieb, auch mir gefällt es besser. Also ich will Ihnen von dem gewissen Snodgraß erzählen.«

»Snodgraß? Ist das sein Name?«

»Ja, Snodgraß. Der andre ist sein nom de plume.«

»Das ist ein gräßlicher Name.«

»Das weiß ich wohl, aber wer kann für seinen Namen?«

»Und das ist wirklich sein wahrer Name, und nicht Howard Tracy?«

Hawkins antwortete im Ton des Bedauerns:

»Ja, leider.«

Das Mädchen sprach den Namen mit nachdenklicher Miene ein- oder zweimal langsam aus:

»Snodgraß – Snodgraß. Nein, das könnte ich nicht ertragen; ich könnte mich nicht daran gewöhnen. Nein, ich würde ihn bei seinem Vornamen nennen. Wie ist sein Vorname?«

»Seine – hm – seine Anfangsbuchstaben sind S. M.«

»Seine Anfangsbuchstaben? Ich frage nicht nach denen; für welche Namen stehen sie?«

»Nun, sehen Sie, sein Vater war Arzt und er – nun – er vergötterte seinen Beruf und – nun – er war ein sehr exzentrischer Mann – und –«

»Für welche Namen stehen sie? Weshalb rücken Sie nicht mit der Sprache heraus?«

»Sie – nun ja, sie stehen für Spinal Meningitis. Da sein Vater ein Arzt –«

»Noch nie habe ich einen so entsetzlichen Namen gehört. Man kann doch unmöglich eine Person so nennen. Einem Feind möchte ich nicht einen solchen Namen geben. Er klingt wie ein Beiwort.« Nach einer kleinen Pause setzte sie ganz bestürzt hinzu: »Aber das würde ja auch mein Name sein; auf Briefen würde er stehen.«

»Ja – Mrs. Spinal Meningitis Snodgraß.«

»Wiederholen Sie ihn nicht – ja nicht; ich kann es nicht hören. War der Vater verrückt?«

»Nein, das ist nicht erwiesen.«

»Das ist mir lieb, weil das erblich sein könnte. Was aber, meinen Sie, habe ihm gefehlt?«

»So eigentlich weiß ich das nicht. In der Familie kommt häufig Blödsinn vor, und so vielleicht –«

»Oh, hier ist von keinem Vielleicht die Rede; dieser war blödsinnig.«

»Ja, das könnte wohl sein, man argwöhnte es.«

»Argwöhnte es?« sagte Sally zornig. »Würde man argwöhnen, es werde Dunkelheit eintreten, wenn man Sonne, Mond und Sterne vom Himmel fallen sähe? Aber nun genug von dem Blödsinnigen. Ich interessiere mich nicht für Blödsinnige; reden Sie mir von dem Sohn.«

»Ganz recht. Dieser war der älteste, aber nicht der Lieblingssohn; sein Bruder Zylobalsamum –«

»Warten Sie – lassen Sie mich das erst fassen; das ist geradezu verblüffend. Zylo – wie sagten Sie?«

»Zylobalsamum.«

»Den Namen habe ich nie gehört. Er klingt wie der einer Krankheit. Ist es eine Krankheit?«

»Nein, ich denke nicht. Er ist entweder biblisch oder –«

»Nein, er ist nicht biblisch.«

»Dann ist er anatomisch. Ich wußte, daß er eines oder das andre ist. Ja, ich erinnere mich nun, er ist anatomisch. Es ist der Name eines Nervengeflechts; man spricht von dem Zylobalsamumprozeß.«

»Nun, so fahren Sie fort, aber wenn noch mehr Brüder kommen, so lassen Sie die Namen weg; es wird einem ganz unbehaglich dabei.«

»Ganz wohl. Wie ich schon sagte, dieser eine war nicht der Liebling der Familie, und deshalb wurde er in jeder Hinsicht vernachlässigt; man schickte ihn nicht zur Schule, erlaubte ihm, mit den schlimmsten und gemeinsten Persönlichkeiten zu verkehren, und so ist er natürlich ein roher, gemeiner, unwissender, leichtsinniger Schurke geworden und –«

»Er? – Das ist nicht wahr. Ich hätte Sie für edler gehalten, als daß Sie eine solche Schilderung von einem armen jungen Ausländer machen würden, der – der, aber er ist ja das Gegenteil von alledem! Er ist rücksichtsvoll, höflich, verbindlich, bescheiden, sanft, feingebildet – oh – schämen Sie sich, wie können Sie solche Dinge von ihm sagen!«

»Ich tadle Sie ja nicht, Sally – gewiß, ich habe kein Wort des Tadels für Sie, weil Ihre Neigung Sie blind macht für diese kleinen Mängel, welche andern so sichtbar sind, die –«

»Kleine Mängel? Nennen Sie das kleine Mängel? Was ist dann Mord und Mordbrennerei?«

»Diese Frage ist schwer kurz zu beantworten; selbstverständlich wechselt die Bedeutung dieser Dinge mit den Verhältnissen. Bei uns draußen würden sie selbstverständlich nicht so viel Aufsehen erregen als bei Ihnen, dennoch werden sie oft mit Mißbilligung angesehen.«

»Mord und Mordbrennerei mit Mißbilligung angesehen?«

»O ja, häufig.«

»Mit Mißbilligung! Wer sind denn die Puritaner, von denen Sie sprechen? Aber warten Sie – wie kamen Sie dazu, so viel von der Familie zu erfahren? Woher erhielten Sie diese Zeugnisse zweiter und dritter Hand?«

»Diese Zeugnisse, Sally, habe ich nicht vom Hörensagen, das ist das Ernste an der Sache. Ich kannte die Familie persönlich.«

Das war eine Überraschung.

»Sie? Sie kannten sie wirklich?«

»Ich kannte Zylo, wie wir ihn zu nennen pflegten, und seinen Vater, Doktor Snodgraß. Ihren Snodgraß kannte ich nicht, aber ich habe ihn von Zeit zu Zeit flüchtig gesehen und immer von ihm gehört. Er bildete das Tagesgespräch, weil er –«

»Weil er kein Mörder oder Brandstifter war, vermutlich. Das würde ihn alltäglich gemacht haben. Wo kannten Sie diese Leute?«

»Im Cherokeelande.«

»Oh, wie abgeschmackt. Im Cherokeelande gibt es doch nicht Leute genug, um einem einen guten oder schlechten Ruf zu geben. Es existiert dort kein Friedensgericht, die ganze Bevölkerung besteht ja in einigen Wagenladungen von Pferdedieben.«

Hawkins antwortete gelassen:

»Unser Freund gehörte zu diesen Wagenladungen.«

Sallys Augen blitzten, und sie atmete rasch und heftig, aber sie hielt ihren Zorn mit festem Griff zurück und ließ ihn nicht den Sieg über ihre Zunge gewinnen. Der Staatsmann saß schweigend da und erwartete die Entwicklung. Er war mit seinem Werk zufrieden; es war seiner Meinung nach ein so hübsches Stück diplomatischer Kunst, als er nur je geliefert hatte; nun mochte das Mädchen eine Wahl treffen. Er glaubte, sie werde ihr Gespenst aufgeben, er zweifelte kaum daran; aber wie dem auch sei, eine Wahl mußte sie treffen, und er war bereit, dieselbe zu bestätigen und kein weiteres Hindernis zu bereiten.

Währenddessen hatte Sally ihre Lage nochmals bedacht und einen Entschluß gefaßt. Zu des Majors Enttäuschung lautete der Urteilsspruch gegen ihn. Sally sagte:

»Er hat keinen andern Freund als mich, und ich werde ihn jetzt nicht verlassen. Wenn er wirklich ein unmoralischer Charakter ist, werde ich ihn nicht heiraten, aber wenn er beweisen kann, daß das nicht der Fall ist, werde ich es tun, und es soll ihm diese Aussicht offen stehen. Mir erscheint er durchaus gut und liebenswert. Ich habe nie etwas an ihm gesehen, was einen andern Eindruck machte – natürlich ausgenommen, daß er sich den Sohn eines Lords nannte. Vielleicht ist das nur Eitelkeit und keine wirkliche Sünde, wenn man der Sache recht auf den Grund geht. Ich glaube nicht, daß er so ist, wie Sie ihn geschildert haben. Ich muß ihn sprechen. Ich bitte Sie, ihn aufzusuchen und zu mir zu schicken. Ich will ihn beschwören, offen gegen mich zu sein, die volle Wahrheit zu sagen und nichts zu fürchten.«

»Ganz gut; wenn das Ihre Entscheidung ist, so will ich es tun. Aber Sally, Sie wissen, daß er arm ist und –«

»Oh, das kümmert mich nicht. Wollen Sie ihn zu mir führen?«

»Ja, das will ich. Wann?«

»Ach, es wird jetzt schon dunkel, so müssen Sie es auf morgen verschieben. Aber Sie werden ihn gleich morgen früh aufsuchen, nicht wahr? Versprechen Sie es mir.«

»Bei Tagesanbruch bringe ich ihn her.«

»Oh, jetzt sind Sie wieder Sie selbst – und liebenswürdiger als je.«

»Besseres kann ich ja nicht verlangen. Leben Sie wohl, meine Liebe.«

Als Sally allein war, dachte sie noch einen Augenblick nach, sagte dann mit großem Ernst: »Ich liebe ihn trotz seines Namens,« und ging mit leichtem Herzen ihren Geschäften nach.


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