Autorenseite

 << zurück weiter >> 

19

Tracys Arbeit machte nur langsame Fortschritte, denn seine Gedanken weilten bei andern Dingen. Vieles war ihm unerklärlich. Zuletzt ging ihm plötzlich ein Licht auf – es schien ihm wenigstens so – und er sagte sich: »Nun habe ich einen Anhaltspunkt gefunden – der Verstand dieses Mannes ist aus dem Gleichgewicht gekommen, um wieviel, weiß ich nicht, aber um eine oder zwei Linien gewiß, und genug, um diesen unbegreiflichen Wirrwarr von Verlegenheiten zu erklären. Diese entsetzlichen Chromos – die er für alte Meister hält; diese schauderhaften Porträte – die für seinen gestörten Geist die Roßmore darstellen; die Wappenschilder – der prahlerische Name Kastell Roßmore für diesen alten baufälligen Stall – und seine wunderliche Behauptung, ich sei erwartet worden. Wie konnte man mich erwarten? Das heißt Lord Berkeley. Er weiß aus den Zeitungen, daß diese Person in dem Gadsby-Hotel verbrannte. Nun zum Henker, er weiß wirklich nicht, wen er erwartete; denn aus seinen Worten war zu entnehmen, daß er keinen Engländer erwartete, auch keinen Künstler, und trotzdem entspreche ich seinen Erwartungen. Er scheint hinlänglich zufrieden mit mir. Ja, er scheint ein wenig verdreht, ich fürchte sogar verrückt, der arme alte Herr. Aber er ist interessant – alle Leute in seinem Zustand sind das vermutlich immer. Ich hoffe, er wird mit meiner Arbeit zufrieden sein; ich würde gern täglich kommen und ihn beobachten. Und wenn ich meinem Vater schreibe – ah, das schmerzt – ich darf daran nicht rühren, das ist meiner Stimmung nicht zuträglich. Es kommt jemand – ich muß an die Arbeit gehen. Der alte Herr ist es, er sieht verdrießlich aus. Vielleicht kommen ihm meine Kleider verdächtig vor, sie sind es ja auch für einen Künstler. Wenn mein Gewissen mir erlaubte, sie zu wechseln – aber davon kann nicht die Rede sein. Ich möchte wissen, weshalb er immer diese Handbewegungen in der Luft macht. Es scheint, als ob ich der Gegenstand derselben wäre. Versucht er vielleicht mich zu mesmerisieren? Das gefällt mir nicht, es ist etwas Unheimliches dabei.«

Der Oberst murmelte für sich: »Es tut seine Wirkung bei ihm, das sehe ich. Für einmal ist es aber genug. Er ist wohl nicht kräftig, und ich könnte ihn auflösen. Ich werde ihm nun eine oder zwei schlaue Fragen stellen und sehen, ob ich herausfinden kann, wie sein Zustand ist und woher er kommt.«

Er näherte sich Tracy und sagte freundlich: »Lassen Sie sich durch mich nicht stören, Mr. Tracy; ich wollte nur einen Blick auf Ihre Arbeit werfen. Ah, das ist schön, das ist wirklich sehr schön! Sie führen das so elegant aus. Meine Tochter wird entzückt sein. Darf ich mich zu Ihnen setzen?«

»O bitte, es wird mir sehr angenehm sein.«

»Wird es Sie wirklich nicht stören? Ich meine, werden dann Ihre Inspirationen nicht verfliegen?«

Tracy lachte und sagte, sie seien nicht ätherisch genug, um so leicht vertrieben zu werden.

Der Oberst stellte eine Anzahl vorsichtiger und wohlüberlegter Fragen, die Tracy wunderlich und phantastisch vorkamen, aber seine Antworten schienen die gewünschte Aufklärung zu bringen, denn der Oberst sagte sich mit stolzer Genugtuung:

»So weit ich bis jetzt damit vorgeschritten bin, ist die Arbeit gut; ist kräftig – kräftig und wird dauern – kräftig wie ein wirkliches Wesen. Es ist wunderbar, wunderbar. Ich glaube, ich könnte ihn versteinern.«

Bald nachher fragte er behutsam:

»Sind Sie lieber hier oder – – dort?«

»Dort? Wo?«

»Nun, wo Sie vorher gewesen sind.«

Tracys Gedanken wandelten zu seinem Kosthaus, und er antwortete mit Entschiedenheit:

»Oh, viel lieber hier.«

Der Oberst war überrascht und sagte bei sich: »Das klingt ganz sicher. Es deutet an, wo er gewesen ist, der arme Bursche. Ich bin nun befriedigt: es ist mir sehr lieb, daß ich ihn zum Reden gebracht habe.«

Er saß nachdenklich da und beobachtete Tracys Pinselstriche; endlich sagte er bei sich: »Ja, das scheint das Fehlschlagen meiner Versuche in dem Fall des armen Berkeley zu erklären. Er ging in der andern Richtung. Nun, es ist alles gut so. Er ist besser dran.«

Sally Sellers kam von der Straße herein und sah entzückend aus; der Künstler wurde ihr vorgestellt. Es ereignete sich nun einer der heftigsten Fälle von gegenseitiger Liebe auf den ersten Blick, obgleich vielleicht keine der beiden beteiligten Personen sich dessen bewußt war. Der Engländer machte im stillen die ganz unpassende Bemerkung: »Vielleicht ist er doch nicht verrückt.« Sally nahm Platz und zeigte ein Interesse an Tracys Arbeit, das ihm sehr gefiel, und ihre wohlwollende Nachsicht gab ihm die Überzeugung, daß die Natur des Mädchens eine groß angelegte sei. Sellers hatte es eilig, Hawkins seine Entdeckungen mitzuteilen; so verabschiedete er sich und sagte, wenn die beiden »jungen Verehrer der farbigen Muse« ohne ihn fertig zu werden glaubten, wolle er seinen Geschäften nachgehen. Der Künstler mußte sich sagen: »Ich glaube, er ist ein wenig überspannt, das ist alles.« – Er machte sich Vorwürfe darüber, so abfällig über einen Mann geurteilt zu haben, ohne ihm gerechterweise Gelegenheit zu geben, sich zu zeigen, wie er war.

Es war begreiflich, daß der Fremde sich bald ganz behaglich fühlte und unbefangen plauderte. Die amerikanischen Mädchen besitzen durchschnittlich die schätzenswerten Eigenschaften anmutiger Natürlichkeit, Ehrlichkeit und harmloser Geradheit; von unbequemer Förmlichkeit und Künstelei sind sie fast ganz frei, deshalb macht ihre Gegenwart nie verlegen, man wird mit ihnen in der angenehmsten Weise bekannt, ehe man noch weiß, wie es zugegangen ist. Diese neue Bekanntschaft – vielmehr Freundschaft – machte sehr rasche Fortschritte, und die ungewöhnliche Schnelligkeit und Gründlichkeit derselben wurde durch eine bemerkenswerte Tatsache bewiesen, dadurch, daß in der ersten halben Stunde beide Teile Tracys sonderbare Kleidung ganz außer acht gelassen hatten. Später wurde der Gedanke an diese wieder erweckt: Gwendolin war es aber dann deutlich, daß sie mit derselben fast ausgesöhnt war, Tracy dagegen, daß er das durchaus nicht war. Dieses Wiedererwachen wurde dadurch bewirkt, daß Gwendolin den Künstler einlud, zum Mittagessen zu bleiben. Er mußte ablehnen, denn jetzt wollte er leben – das heißt jetzt, wo es etwas gab, was ihm des Lebens wert schien – und er hätte es nicht überleben können, in diesen Kleidern am Tisch eines Gentleman zu sitzen; davon war er überzeugt. Trotzdem ging er mit einem Gefühl des Glückes hinweg, denn er sah, daß Gwendolin in ihren Erwartungen getäuscht war.

Und wohin ging er? Er ging geradeswegs nach einem Kleiderladen und kaufte einen so netten und gut passenden Anzug, als ein Engländer überhaupt zu tragen sich entschließen kann. Er sagte bei sich, aber an die Adresse seines Gewissens: »Ich weiß, daß es unrecht ist; aber es wäre ebenfalls unrecht, es nicht zu tun; und durch zweimaliges Unrechttun tut man noch nicht recht.«

Das befriedigte ihn und machte sein Herz leichter: vielleicht befriedigt es auch den Leser – wenn er herausfinden kann, was es heißt.

Die alten Leute beunruhigten sich wegen Gwendolinens Benehmen bei Tische; sie war so zerstreut und still. Wenn sie achtgegeben hätten, würden sie bemerkt haben, daß sie lebhaft und teilnahmvoll genug war, sobald das Gespräch auf den Künstler und seine Arbeit kam, aber sie gaben nicht acht, und so wendete sich die Plauderei auf einen andern Gegenstand, und man beunruhigte sich gleich wieder im stillen über Gwendolin und fürchtete, sie sei unwohl, oder im Putzgeschäft sei etwas versehen worden. Ihre Mutter bot ihr verschiedene bewährte, patentierte Arzneimittel und Tränke an, mit Eisen und Stahl und dergleichen versetzt, und ihr Vater schlug sogar vor, nach Wein zu schicken, obgleich er ein strenger Mäßigkeitsvereinler und Vorstand des Ordens im Bezirk Columbia war; doch diese freundlichen Anerbieten wurden sämtlich mit Dank, aber entschieden abgelehnt. Zur Schlafenszeit, als die Familie sich für die Nacht trennte, nahm Gwendolin im geheimen einen der Pinsel mit sich, indem sie sich sagte:

»Das ist der, den er am meisten benützt hat.«

Am nächsten Morgen verlieh Tracy das Haus in seinem neuen Anzug und mit einer Nelke – dem täglichen Geschenk von Puß – im Knopfloch. Sein ganzes Herz war von Gwendolin Sellers erfüllt, und dieser Zustand begeisterte ihn für die Ausübung der Kunst. Den ganzen Morgen strich sein Pinsel eifrig über die Leinwand, fast ohne sein Bewußtsein – Bewußtsein in dem Sinne, daß es »Sich-bewußtsein« bedeutet, obgleich das von einigen Autoritäten bestritten wird – und schuf Wunder über Wunder in betreff der dekorativen Gegenstände seiner Bilder, und das überdies mit einer Freudigkeit und Schnelligkeit, über welche die Veteranen der Firma ganz verblüfft waren, und die ihnen fortwährend Beifallsausbrüche entlockte.

Während dieser Zeit verlor Gwendolin ihren Morgen und manchen Dollar. Sie glaubte, Tracy werde schon am Vormittag kommen – ein Schluß, auf den sie ohne Hilfe von außen verfallen war. So trippelte sie in jeder Viertelstunde einmal von ihrem Arbeitszimmer aus die Treppe hinunter, um die Pinsel und alles Nötige wieder und wieder zu ordnen und nachzusehen, ob er angekommen sei. Wenn sie aber auch in ihrem Arbeitszimmer war, nützte das doch nichts; gerade im Gegenteil – wie sie zu ihrem Kummer entdeckte. Sie hatte in der letzten Zeit ihre freien Augenblicke dazu angewendet, eine besonders hübsche und kleidsame Toilette für sich selbst zu entwerfen, und an diesem Morgen machte sie sich daran, dieselbe auszuführen; aber sie war zerstreut, wie geistesabwesend, und verpfuschte das Ganze in nicht wieder gutzumachender Weise. Als sie sah, was sie angerichtet hatte, erkannte sie auch die Ursache des Versehens und seine Bedeutung; sie legte die Arbeit beiseite und sagte, sie wolle es als ein Zeichen annehmen. Von da an ging sie nicht mehr aus dem Empfangszimmer, sondern blieb dort und wartete. Nach dem Gabelfrühstück wartete sie wieder eine ganze Stunde. Dann regte sich eine große Freude in ihrem Herzen, denn sie sah ihn kommen. Sie flog dankerfüllt die Treppe hinaus, und konnte es kaum erwarten, bis er den nötigsten Pinsel vermissen würde, den sie unten verlegt hatte – sie wußte recht gut, wohin. Die andern wurden alle nacheinander herbeigerufen und konnten den Pinsel nicht finden; dann wurde nach ihr geschickt, und auch sie wußte ihn zuerst nicht zu finden, aber sie fand ihn, als die andern gegangen waren, um in der Küche, vom Boden bis zum Keller und an allen Orten zu suchen, wo die Leute nach den Dingen spüren, mit denen sie nicht umzugehen gewöhnt sind. Sie gab ihm also den Pinsel und bemerkte dabei, sie hätte wohl nachsehen sollen, ob alles für ihn in Ordnung sei, aber es wäre ihr dies nicht nötig erschienen, da es noch so früh sei und sie nicht erwartet habe – hier hielt sie inne, erstaunt über sich selbst, daß sie das gesagt. Er fühlte sich getroffen und beschämt und sagte sich: »Ich wußte, daß meine Ungeduld mich früher hierherziehen würde, als man mich erwartete; das ist nun geschehen, und ich habe mich verraten, sie durchschaut mich und lacht über mich – wenn auch nur innerlich.« Gwendolin war in einer Hinsicht sehr erfreut, in einer andern aber eher das Gegenteil; erfreut über den neuen Anzug und die durch denselben hervorgebrachte vorteilhafte Veränderung; weniger erfreut über die Nelke im Knopfloch. Die gestrige Nelke hatte sie kaum interessiert, diese hier war ganz die gleiche, aber sie erregte doch augenblicklich ihre Aufmerksamkeit und hielt dieselbe fest. Sie wünschte, es möchte ihr ein Mittel einfallen, die Geschichte der Nelke auf eine gleichgültige, unauffällige Weise zu ergründen. Sie machte einen dahinzielenden Versuch und sagte:

»Welches auch das Alter eines Mannes sein mag, er kann sich um mehrere Jahre jünger machen, wenn er eine Blume von lebhafter Farbe im Knopfloch trägt. Ich habe das oft bemerkt. Ist es wohl das, was Ihr Geschlecht veranlaßt, eine Knopflochblume zu tragen?«

»Ich glaube nicht, aber dieser Grund wäre wohl ein hinreichender. Ich habe übrigens noch nie etwas von dieser Ansicht gehört.«

»Sie scheinen die Nelken zu bevorzugen. Geschieht das der Farbe oder der Form wegen?«

»O nein,« sagte er ganz einfach; »man gibt sie mir. Ich habe keinerlei Vorliebe in dieser Beziehung.«

»Man gibt sie ihm,« sagte sie sich, und sie fühlte beinahe Abneigung gegen diese Nelke. »Wer es wohl ist, und wie sie wohl aussieht.«

Die Blume nahm nun einen hervorragenden Platz ein; sie drängte sich überall auf, sie hinderte jeden Ausblick; sie wurde sehr lästig und auffallend für ein so kleines Ding.

»Ob er sie wohl leiden mag?« Dieser Gedanke bereitete ihr entschieden Schmerz.


 << zurück weiter >>