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22

Tracy schrieb an seinen Vater, ehe er zur Ruhe ging. Er schrieb einen Brief, von dem er glaubte, daß er eine bessere Behandlung erfahren würde als die seinem Telegramm zuteil gewordene, denn er enthielt, was als willkommene Neuigkeit gelten konnte, nämlich, daß er mit der Gleichheit und Brüderlichkeit und mit dem Arbeiten für den Lebensunterhalt einen Versuch gemacht, einen Kampf gekämpft habe, dessen er sich nicht zu schämen brauche und in bezug auf das Erwerben des Lebensunterhaltes seine Fähigkeit dazu bewiesen habe, daß er aber im ganzen zu der Überzeugung gekommen sei, er könne für sich allein die Welt nicht reformieren und willens wäre, sich mit redlich erworbenen Ehren aus dem Kampf zurückzuziehen, auch bereit nach Hause zurückzukehren, seine Stellung wieder einzunehmen und in Zukunft damit zufrieden und dankbar dafür zu sein, weitere Experimente im Missionsfach andern jungen Leuten überlassend, die der reinigenden, abkühlenden Wirkungen der Erfahrung bedürften, als der einzig sicheren Logik, um eine kranke Einbildung zu heilen und ihr zu kräftiger Gesundheit zu verhelfen. Dann berührte er das Thema einer Heirat mit der Tochter des amerikanischen Prätendenten mit großer Vorsicht und umsichtiger Geschicklichkeit.

Er sagte viel Lobendes und Empfehlendes über das Mädchen, aber er verweilte nicht lange bei diesem Gegenstand und machte ihn nicht zu einem hervorragenden. Was er hervorhob, war die nun so glücklich sich darbietende Gelegenheit, York und Lancaster zu versöhnen, die kriegführenden Rosen auf einen Stamm zu pfropfen und einer schon lang andauernden schreienden Ungerechtigkeit für immer ein Ende zu machen. Man konnte annehmen, daß er dies ausgedacht und diesen Weg, alles gut und redlich zu gestalten, gewählt habe, weil er gerecht und doch beträchtlich klüger war, als der Entsagungsplan, den er mit von England gebracht hatte. Man konnte das aus seinen Ausführungen schließen, aber er sprach es nicht aus. Je öfter er seinen Brief überlas, desto mehr gelangte er selbst dahin, es so anzusehen.

Als der alte Lord diesen Brief erhielt, erfüllte ihn der erste Teil desselben mit grimmiger Genugtuung, das übrige rief ein Brummen hervor, das verschieden gedeutet werden konnte.

Er verschwendete bei dieser Gelegenheit keine Tinte, weder in Depeschen noch in Briefen; er schiffte sich rasch nach Amerika ein, um sich die Sache selbst anzusehen. Er hatte die ganze Zeit über standhaft an seinem Vorsatz festgehalten und nicht das geringste merken lassen von dem Hunger, den sein Herz nach seinem Sohn empfand, in der Hoffnung, daß dieser von seinem ungesunden Traum geheilt werden würde, und fest entschlossen, die Krankheit die nötigen Stadien durchlaufen zu lassen, ohne lindernde Telegramme oder sonstigen Unsinn aus der Heimat. Und nun endlich war der Sieg da; – der Sieg wohl, aber einfältigerweise verdorben durch diesen blödsinnigen Heiratsplan.

Ja, er mußte hinüberreisen und selbst in die Sache eingreifen.

Während der ersten zehn Tage nach dem Abgang des Briefes hatten Tracys Stimmungen keine müßige Zeit; sie erhoben sich entweder bis zu den Wolken, oder sie stürzten in die Erde, so tief, als das Gesetz der Schwere reichte. Er war abwechselnd unendlich glücklich und unendlich elend, je nach Miß Sallys Laune. Er konnte nie sagen, wann die Laune wechseln würde, und wenn sie wechselte, konnte er die Veranlassung dazu nicht entdecken.

Manchmal liebte sie ihn so heftig, daß ihre Liebe tropisch, stürmisch zu nennen war und sie keine Worte fand, die feurig genug waren, ihre Gefühle auszudrücken; dann pflegte plötzlich und ohne erkennbaren Grund das Wetter sich zu ändern, und das Opfer fühlte sich zwischen Eisbergen umhertreibend, so einsam und freundlos wie der Nordpol. Es kam ihm manchmal vor, als wäre es besser tot, als diesem aufreibenden Klimawechsel noch länger ausgesetzt zu sein.

Der Fall war einfach der: Sally wollte glauben, daß Tracys Neigung uneigennützig sei; deshalb legte sie ihm immer kleine Prüfungen der einen oder andern Art auf, in der Hoffnung und Erwartung, daß dieselben augenscheinliche Beweise liefern würden, die ihren Glauben bestätigten und befestigten. Der arme Tracy wußte nicht, daß diese Experimente mit ihm angestellt wurden, deshalb ging er leicht in alle Fallen, die ihm das Mädchen stellte. Diese Fallen bestanden in anscheinend zufälliger Erwähnung gesellschaftlicher Unterschiede, aristokratischer Titel und Vorrechte und dergleichen. Oft antwortete Tracy auf solche Beziehungen achtlos und ohne sich um das zu kümmern, was er sagte, wenn nur das Gespräch im Gang blieb und die Sitzung verlängerte. Er argwöhnte nicht, daß das Mädchen sein Gesicht beobachtete und auf seine Worte lauschte, wie einer, der des Richters Gesicht beobachtet und auf die Worte lauscht, die ihm Freiheit, Heimat und Freunde wiedergeben oder ihn für immer der menschlichen Gesellschaft berauben sollen. Er ahnte nicht, daß seine sorglosen Worte gewogen wurden, und so sprach er oft ein Todesurteil aus, wenn es ebenso leicht und ihm ganz gleichgültig gewesen wäre, eine Freisprechung zu gewähren. Täglich brach er des Mädchens Herz; allnächtlich litt sie Folterqualen anstatt zu schlafen. Er konnte das alles nicht begreifen. Mancher Mann an seiner Stelle würde eines und das andre zusammengereimt und bemerkt haben, daß das Wetter nur dann wechselte, wenn ein bestimmtes Thema angeschlagen wurde, daß es dann aber jedesmal wechselte. Er würde daraus geschlossen haben, daß damit ein besonderer Zweck verknüpft sein müsse. War dieser Zweck nicht auf irgendeine leichtere und einfachere Art zu ergründen? So würde er gefragt haben. – Aber Tracy war nicht scharfsinnig oder mißtrauisch genug, um an solche Dinge zu denken. Er bemerkte nur die Eigentümlichkeit, daß das Wetter zu Anfang eines Besuchs immer sonnig war. Wie sehr es sich auch später bewölkte, es fing immer mit hellem Himmel an. Er konnte sich diese sonderbare Tatsache nicht erklären, er wußte nur, daß es eine solche war. Die Lösung dieses Rätsels war, daß in den sechs Stunden, in denen Sally Tracy nicht sah, sie so nach seinem Anblick schmachtete, daß Zweifel und Verdacht im Feuer dieser Sehnsucht verzehrt wurden, und so strahlte sie bei seinem Kommen in überraschender Freudigkeit, bei seinem Gehen aber war das Gegenteil der Fall.

In derartigen Verhältnissen ist ein im Entstehen begriffenes Bild mancherlei Gefahren ausgesetzt. Sellers Porträt von Tracy kämpfte sich Tag für Tag durch dieses unbeständige Wetter, und es wurden ihm täglich unverwischbare Zeichen des buntwechselnden Lebens, das es führte, aufgedrückt. Nach einzelnen Stellen zu urteilen war es das glücklichste, gelungenste Porträt, das man sehen konnte; aus andern wieder blickte eine zur Hölle verdammte Seele heraus, eine Seele, die alle Arten von Leiden erduldet, von Magenschmerzen angefangen. Aber Sellers gefiel es. Er sagte, es sei ganz er selbst – ein Bild, das aus allen Poren Laune schwitze und nicht zwei davon die gleichen; er habe ja so viele verschiedene Arten von Gemütsbewegungen in sich. In Hinsicht auf die Kunst war es vielleicht ein nichtswürdiges Werk, aber als Schaustück ein sehr stattliches Bild.

Es war lebensgroß, in ganzer Figur, mit den drei Hermelinstreifen, die den Lordsrang bezeichneten, und auf dem grauen Haupt saß eine Grafenkrone, die wie in fröhlicher Laune ein ganz klein wenig seitwärts geneigt war. Wenn Sallys Wetter sonnig war, so machte das Bild Tracy lachen; war das Wetter aber trübe, so verwirrte es seinen Geist und hemmte den Lauf seines Blutes.

Eines Abends, als die Liebenden ein ungetrübtes Beisammensein genossen hatten, fing Sallys inwendiger Teufel wieder in seiner Spezialität zu arbeiten an, und bald trieb die Unterhaltung auf die gewöhnliche Klippe zu. Inmitten einer heiter dahinfließenden Rede fühlte Tracy plötzlich einen Schauder, der aber nicht sein eigner war, sondern außerhalb seiner Brust und doch dicht an derselben sich regte. Auf den Schauder folgten schluchzende Laute. Sally weinte.

»Oh, mein Liebling, was habe ich getan, was habe ich gesagt? Da ist deine trübe Stimmung wieder. Was habe ich nur getan, um dich zu verletzen?«

Sie machte sich aus seinen Armen los und sah ihn mit vorwurfsvollem Blick an.

»Was du getan hast? Ich will es dir sagen. Du hast unwillkürlich enthüllt, oh – zum zwanzigsten Male, obgleich ich es nicht glauben konnte, nicht glauben wollte, daß du nicht mich liebst, sondern jenen törichten Schein, die eingebildete Grafenkrone meines Vaters; und du hast dadurch mein Herz gebrochen.«

»Oh, mein Kind, was sagst du? Ich habe im Traum nicht an so etwas gedacht.«

»O Howard, Howard, die Dinge, die du geäußert hast, wenn du deine Zunge zu hüten vergaßest, haben dich verraten!«

»Dinge, die ich geäußert, wenn ich meine Zunge zu hüten vergaß? – Das sind harte Worte. Wann habe ich daran gedacht, sie zu hüten? Nie, in keinem Augenblick. Sie hat kein andres Amt, als die Wahrheit zu reden, dazu ist kein Hüter nötig.«

»Howard, ich habe deine Worte beachtet und sie abgewogen, wenn du nicht an ihre Bedeutung dachtest, und sie haben mir mehr gesagt, als du sie sagen lassen wolltest!«

»Willst du damit sagen, daß du dem Vertrauen, das ich in dich setzte, dadurch entsprochen hast, daß du es als einen Hinterhalt benutztest, von dem aus du meiner nichtsahnenden Zunge Schlingen legtest und vor Entdeckung sicher warst, während du das tatest? Das hast du nicht getan – gewiß, das hast du nicht getan. Oh, ein Feind wäre dazu kaum imstande.«

Das war eine Auffassung ihres Benehmens, welche Sally vorher noch nicht ins Auge gefaßt hatte. War es Verrat? Hatte sie sein Vertrauen mißbraucht? Der Gedanke machte sie vor Scham und Reue erröten.

»Oh, vergib mir,« sagte sie. »Ich wußte nicht, was ich tat. Ich war so unglücklich. – Du wirst mir verzeihen, du mußt, ich habe so viel gelitten, und nun bin ich so demütig, so betrübt. Du verzeihst mir, nicht wahr? Wende dich nicht weg, weise mich nicht ab; nur meine Liebe trägt die Schuld, und du weißt, daß ich dich liebe, dich von ganzem Herzen liebe. Ich könnte es nicht ertragen, zu – – o mein Gott, ich bin so elend und doch beabsichtigte ich nichts Böses, ich sah nicht ein, wohin dieser Wahnsinn mich führte, und wie er dem teuersten Herzen, das ich aus der Welt habe, unrecht tat durch Mißtrauen und – oh – nimm mich wieder in deine Arme, ich habe keine ander Zuflucht, keine andre Heimat und Hoffnung.«

Die Versöhnung kam unmittelbar darauf zustande, vollständig, allumfassend – und mit ihr alles Glück. Das wäre eine passende Zeit zum Vertagen aller Verhandlungen gewesen. Aber nein, nun, wo der Wolkenerzeuger endlich entdeckt und es ersichtlich war, daß all das schlechte Wetter nur aus des Mädchens Furcht entstanden war, Tracy möchte von ihrem Rang und nicht von ihr selbst gewonnen sein, beschloß er, dieses Gespenst ein für allemal zu Boden zu werfen, indem er den bestmöglichen Beweis lieferte, daß er niemals den vermuteten Beweggrund gehabt haben konnte. Er sagte also:

»Laß mich dir ein kleines Geheimnis ins Ohr flüstern, ein Geheimnis, welches ich die ganze Zeit in meiner Brust verschlossen gehalten habe. Dein Rang konnte mir gar nie eine Verlockung sein. Ich bin Sohn und Erbe eines englischen Lords.«

Das Mädchen starrte ihn an – eine, zwei, drei Sekunden lang, vielleicht noch länger – dann öffnete sie die Lippen.

»Du?« – sagte sie und trat von ihm zurück, ihn immer noch mit dem höchsten Staunen ansehend.

»Nun ja, gewiß bin ich das. Weshalb nimmst du das so auf? Was habe ich nun getan?«

»Was du getan hast? Du hast entschieden eine sehr sonderbare Erklärung abgegeben, das mußt du selbst einsehen.«

»Ja« – mit einem kleinen, schüchternen Lachen – »es mag eine sonderbare Erklärung sein, aber von welcher Bedeutung ist das, wenn sie wahr ist?«

»Wenn sie wahr ist? Du nimmst sie schon wieder zurück.«

»O nein, nicht für einen Augenblick. Das solltest du nicht sagen; ich habe es nicht verdient. Ich habe die Wahrheit gesprochen; warum zweifelst du?«

Ihre Antwort erfolgte sehr rasch:

»Einfach deshalb, weil du nicht früher gesprochen.«

»Oh!« – es war nicht ganz ein Stöhnen, aber doch ein sehr deutlicher Ausdruck dafür, daß er diesen Einwand als einen berechtigten anerkennen mußte.

»Du schienst nicht das geringste, was ich hätte wissen sollen, vor mir zu verbergen, und du hattest kein Recht dazu, etwas Derartiges vor mir geheimzuhalten, nachdem – nachdem – nun, nachdem du dich um mich beworben.«

»Das ist wahr, wohl wahr, und ich weiß es! Aber es waren Umstände im – im Wege – Umstände, welche –«

Sie schob die Umstände gleichsam mit einer Handbewegung beiseite.

»Sieh,« sagte er bittend, »du schienst so viel Wert darauf zu legen, daß wir den stolzen Pfad redlicher Arbeit und erhabener Armut gingen, daß ich erschrocken war – das heißt – ich fürchtete – nun, du weißt ja, wie du gesprochen hast.«

»Ja, ich weiß, wie ich gesprochen habe; und ich weiß auch, daß, ehe ich noch mit meiner Rede zu Ende war, du fragtest, wie ich über Standesvorrechte denke; und meine Antwort war darauf berechnet, deine Besorgnisse zu zerstreuen.«

Er schwieg einen Augenblick, dann sagte er im Ton der Entmutigung:

»Ich sehe keinen Ausweg. Ich habe einen Fehler begangen, aber nur einen Fehler, das ist alles. Ich beabsichtigte nichts Böses, nicht im geringsten; ich dachte nicht daran, wie es später erscheinen würde. Das ist so meine Art, ich bin nicht scharfsichtig.«

Für einen Augenblick war das Mädchen beinahe entwaffnet; bald aber brach sie wieder in die Worte aus:

»Der Sohn eines Lords? Gehen die Söhne der Lords auf niedrige Berufsarbeit aus, um sich Brot und Butter zu erwerben?«

»Gott weiß, daß sie das nicht tun; ich wünschte, sie täten es.«

»Lassen die Grafensöhne in einem Land wie dieses ihren Rang fallen und werben nüchtern und anständig um die Hand eines Kindes der Armut, während sie, der Genußsucht frönend, leichtsinnig dahinlebend und in ehrenrührigen Schulden steckend die Wahl unter den Millionärstöchtern haben? Du eines Lords Sohn? Laß mich die Kennzeichen sehen!«

»Ich danke Gott, daß ich das nicht imstande bin – wenn das die Kennzeichen sind, die du genannt. Aber dennoch bin ich Sohn und Erbe eines Lords, das ist alles, was ich sagen kann. Ich wünschte, du glaubtest mir; aber du willst nicht. Ich weiß kein Mittel, dich zu überzeugen.«

Sie war wieder nahe daran, sich besänftigen zu lassen, aber seine letzte Bemerkung veranlaßte sie, ärgerlich mit dem Fuß aufzustampfen, und sie rief aus:

»Oh, du bringst mich um alle Geduld! Soll man denn glauben, du habest keine Beweise bei der Hand und seiest doch, was du behauptest? Du greifst jetzt nicht in deine Tasche, denn dort ist nichts zu finden. Du stellst solche Ansprüche, und dann wagst du es, ohne Beglaubigung zu reisen. Das sind unglaubliche Dinge. Siehst du das nicht ein?«

Er mühte sich, etwas zu finden, was zu seiner Verteidigung dienen konnte, zögerte ein wenig und sagte dann schüchtern und als ob es ihm schwer fiele:

»Ich will dir die volle Wahrheit sagen, so töricht ich dir auch dadurch erscheinen mag – dir und jedem andern, wie ich vermute – aber es ist die Wahrheit. Ich hatte ein Ideal – nenne es einen Traum, eine Narrheit, wenn du willst – ich wollte den Vorrechten und den ungerechten Vorteilen entsagen, die der Adel genießt und die dem Volk durch Gewalt und Betrug entrissen sind, und wollte mich von meinem Anteil an diesem Vergehen gegen Recht und Vernunft reinigen, indem ich mich mit den Armen und Niedrigen verbrüderte und unter gleichen Bedingungen wie sie das Brot, das ich esse, mit meinen Händen verdiente, nur durch eignes Verdienst steigend, wenn ich überhaupt steigen konnte.«

Das junge Mädchen sah ihm scharf prüfend ins Gesicht, während er sprach, und in der Einfachheit seines Wesens und seines Berichtes lag etwas, was sie in einem beinahe gefährlichen Grad rührte; aber sie packte den Geist der Nachgiebigkeit und zwang ihn zum Schweigen: es wäre sehr unklug gewesen, sich dem Mitleid oder irgendeiner Gefühlsschwärmerei hinzugeben. Doch sie mußte ihm noch eine oder zwei Fragen stellen.

Tracy suchte in ihren Zügen zu lesen, und was er dort sah, hob seine gesunkene Hoffnung ein wenig.

»Ein Grafensohn sollte das tun? Wahrhaftig, das wäre ein Mann, ein Mann, den man lieben – oh, noch mehr, den man anbeten müßte!«

»Nun, ich –«

»Aber ein solcher Mann lebt nicht. Er ist noch nicht geboren und wird nie geboren werden. Die Selbstverleugnung, die das unternehmen könnte, selbst im törichten Wahn und ohne die Hoffnung, jemand dadurch anders als durch das bloße Beispiel zu nützen – diese Selbstverleugnung könnte man für Seelengröße halten! Nein, es wäre Seelengröße in diesem gefühllosen Jahrhundert der niedrigen Gewinnsucht. Einen Augenblick noch – warte, laß mich zu Ende kommen, ich habe noch eine Frage zu tun. Dein Vater ist Graf von –?«

»Von Roßmore – und ich bin Graf Berkeley.«

Nun war das Gefäß wieder übergelaufen. Das Mädchen fühlte sich so beleidigt, daß es ihr schwer wurde zu reden.

»Wie können Sie eine solche Unverschämtheit wagen! Sie wissen, daß er tot ist, und daß ich das weiß. Oh, den Lebenden um eines selbstsüchtigen, vergänglichen Zweckes willen Name und Ehre zu rauben, ist schon Verbrechen, aber den wehrlosen Toten zu berauben, das ist mehr noch, das übersteigt jedes Verbrechen!«

»Oh, höre mich an – nur ein Wort – wende dich so nicht ab. Gehe nicht fort – verlaß mich nicht – bleibe nur noch einen Augenblick. Bei meiner Ehre – –«

»Oh, bei Ihrer Ehre!«

»Auf mein Ehrenwort, ich bin, was ich sage! Und ich werde es beweisen, und du wirst es glauben, ich weiß, du wirst es glauben. Ich will dir eine Botschaft bringen, ein Kabeltelegramm.«

»Wann?«

»Morgen – übermorgen!«

»Unterzeichnet Roßmore?«

»Ja – unterzeichnet Roßmore.«

»Was wird das beweisen?«

»Was es beweisen wird? Was könnte es denn beweisen?«

»Da Sie mich zwingen es zu sagen – möglicherweise das Vorhandensein eines Verbündeten!«

Das war ein harter Schlag und erschütterte ihn. Er sagte sehr niedergeschlagen:

»Das ist wahr, das bedachte ich nicht. O mein Gott, ich weiß nicht mehr, was ich tun soll, ich mache alles verkehrt. Du gehst und willst mir nicht einmal »gute Nacht« oder »Lebewohl« sagen? Ach, so trennten wir uns sonst nicht!«

»Ich muß fort und – nein, gehen Sie jetzt.« Eine Pause, dann sagte sie: »Wenn die Botschaft kommt, dürfen Sie sie bringen.«

»Darf ich das? Gott segne dich!«

Er war fort und keine Minute zu früh; Sallys Lippen zitterten schon, und nun war ihre Fassung zu Ende. Ihr heftiges Schluchzen unterbrachen nur von Zeit zu Zeit einige Worte.

»Oh, er ist fort. Ich habe ihn verloren. Ich werde ihn nie wiedersehen. Und er küßte mich nicht zum Abschied, versuchte nicht einmal, einen Kuß zu erzwingen, und wußte doch, daß es der allerallerletzte war; und ich erwartete, er würde – und ließ mir nicht träumen, daß er mich so behandeln würde nach allem, was wir einander gewesen sind. Oh, oh, was soll ich tun, was soll ich tun! Er ist ein lieber, armer, unglücklicher, gutherziger, durchsichtiger Lügner und Prahler, aber ach, ich liebe ihn so sehr!«

Nach einer Weile brach sie wieder in Klagen aus: »Wie lieb ist er, und wie werde ich ihn vermissen, wie sehr ihn vermissen! Warum denkt er nicht daran, eine Botschaft zu fälschen und sie zu bringen? Aber nein, das tut er nicht, er denkt an nichts; er ist so ehrlich und einfach, daß ihm so etwas nicht einfällt. Oh, was brachte ihn nur auf den Gedanken, daß ihm ein Betrug glücken könne? Er hat nicht ein einziges Erfordernis dazu, ausgenommen die Doppelzüngigkeit, das sieht man ja. O mein Gott, ich will zu Bett gehen und alles aufgeben. Hätte ich ihm doch gesagt, er solle kommen und es mir sagen, wenn er kein Telegramm bekommt – nun bin ich selbst daran schuld, wenn ich ihn nie wiedersehe. – Wie meine Augen aussehen müssen!«


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