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18

Währenddessen hielten der Lord und Hawkins eine unruhige, sorgenvolle geheime Beratung. Der erstere sagte:

»Das, was mich in dieser geheimnisvollen Sache am meisten quält, ist: woher hat Es seinen andern Arm?«

»Ja, das beunruhigt mich auch, und noch etwas andres verwirrt mich – die Erscheinung ist ganz englisch. Wie erklärst du das, Oberst?«

»Aufrichtig gestanden, ich weiß es nicht, Hawkins, ich weiß es wirklich nicht. Es macht einen ganz konfus und besorgt.«

»Glaubst du nicht, daß wir am Ende den Unrechten erweckt haben?«

»Den Unrechten? Wie käme es dann, daß er die Kleider hat?«

»Die Kleider sind die rechten, darüber ist nicht hinwegzukommen. Was sollen wir aber tun? Wir können die Belohnung nicht einziehen, soviel ich sehe. Sie ist für einen einarmigen Amerikaner ausgesetzt; dieser ist ein zweiarmiger Engländer.«

»Nun, es könnte sein, daß das kein Hindernis bildete. Siehst du, es ist ja nicht weniger, als gefordert wurde, es ist mehr, und so – –«

Er sah ein, daß dieses Argument schwach war und ließ es fallen. Die Freunde saßen, über ihre Verlegenheiten brütend, eine Weile schweigend da. Bald aber strahlte das Gesicht des Lords wieder im Licht der Inspiration, und er sagte sehr eindringlich:

»Hawkins, diese Materialisation ist eine weit großartigere und vornehmere Kunst, als wir uns haben träumen lassen. Wir haben nicht geahnt, was für eine ernste und weitreichende Tat wir vollbracht haben. Das ganze Geheimnis ist mir jetzt vollständig klar, klar wie der Tag. Jeder Mensch ist aus Ererbtem zusammengesetzt, aus Atomen und Teilen seiner Vorfahren aus alten Zeiten. Diese gegenwärtige Verkörperlichung ist unvollständig; wir haben sie nur bis ungefähr zum Anfang dieses Jahrhunderts gebracht.«

»Was willst du damit sagen, Oberst?« rief Hawkins, den bei des alten Mannes ehrfurchtgebietenden Worten und Benehmen eine unbestimmte Angst erfasste.

»Ich will sagen, daß wir einen von dieses Räubers Vorfahren verkörperlicht haben.«

»Oh, sage das nur nicht, das ist entsetzlich!«

»Aber es ist wahr, Hawkins, ich weiß es. Sieh dir die Tatsachen an. Diese Erscheinung ist entschieden englisch – beachte das. Sie spricht grammatikalisch richtig – beachte das. Sie hat die Manieren und die Haltung eines Gentleman – beachte das. Wo ist der Kuhbube? Antworte mir darauf!«

»Roßmore, das ist schrecklich, zu schrecklich, um es auszudenken.«

»Von dem Räuber erstand nichts als die Kleider, nicht ein einziges kleines Stück von ihm als die Kleider.«

»Oberst, meinst du wirklich – –«

Der Oberst schlug mit der Faust kräftig auf den Tisch und sagte:

»Ich meine entschieden folgendes: Die Materialisierung war eine unzeitige, der Räuber ist uns entwischt, dieser ist nur ein verwünschter Vorfahr.«

Er stand auf und ging in großer Aufregung im Zimmer umher. Hawkins sagte sehr kläglich:

»Das ist eine bittere Enttäuschung – sehr bitter.«

»Ich weiß es, ich weiß es, Senator; ich fühle es so tief wie irgend jemand. Aber wir müssen uns darein ergeben – aus moralischen Gründen. Ich brauche Geld, aber Gott weiß, ich bin nicht arm oder erbärmlich genug, um eines Mannes Vorfahren bestrafen zu helfen für ein Verbrechen, welches der Nachkomme begangen hat.«

»Aber Oberst,« bat Hawkins, »warte doch und denke nach, sei nicht so rasch. Du weißt, es ist die einzige Aussicht, die wir haben, das Geld zu erlangen; und außerdem sagt selbst die Bibel, daß die Nachkommen bis ins vierte Glied bestraft werden sollen für die Sünden und Vergehen ihrer Väter, mit denen sie doch gar nichts zu tun hatten; und so wäre es nur redlich, die Regel umzudrehen und nach beiden Richtungen wirken zu lassen.«

Der Oberst war betroffen über die starke Logik dieser Stellungnahme. Er ging auf und nieder und dachte ernstlich nach. Endlich sagte er:

»Es ist viel Vernünftiges daran, ja, viel Vernunftgemäßes, und wenn es auch erbärmlich scheint, diesen armen, hundertjährigen Teufel für einen Diebstahl schwitzen zu lassen, mit dem er gar nichts zu schaffen gehabt hat, meine ich doch, daß wir, wenn die Pflicht gebietet, ihn der Obrigkeit ausliefern müssen.«

»Ich würde,« sagte der wieder beruhigte Hawkins, »ihn ausliefern, und wenn in ihm tausend Vorfahren in einen verschmolzen wären.«

»Gott stehe mir bei, gerade das ist der Fall,« sagte Sellers mit einem Seufzer, der wie ein Stöhnen klang. »In ihm ist ein von jedem seiner Vorfahren gelieferter Beitrag. In ihm sind Atome von Priestern, Soldaten, Kreuzfahrern, Poeten und zarten, anmutigen Frauen, Teile von Leuten aller Arten und Klassen, die diese Erde in alten, alten Zeiten bewohnten und schon seit Jahrhunderten von ihr verschwunden sind. Und durch unser Eingreifen sind sie nun alle aus ihrem heiligen Frieden aufgestört worden, um über das Ausplündern einer kleinen Bank an der Grenze von Cherokee-Strip Rede zu stehen; es ist eine schreiende Ungerechtigkeit.«

»Oh, ich bitte dich, Oberst, spricht nicht so, das nimmt mir allen Mut, und ich schäme mich wegen des Anteils, den ich – –«

»Warte – ich hab's.«

»Eine Hoffnung auf Rettung? Heraus damit, ich verschmachte.«

»Es ist eigentlich ganz einfach, ein Kind würde darauf verfallen sein. Jener ist ganz in Ordnung, kein Flecken oder Mangel an ihm, so weit ich das Werk hergestellt habe. Bin ich imstande gewesen, ihn bis zum Anfang dieses Jahrhunderts zu bringen, was kann mich nun noch aufhalten? Ich will daran gehen und ihn bis auf den heutigen Tag verkörperlichen.«

»Land! Daran hätte ich nie gedacht,« sagte Hawkins, dem die freudige Hoffnung wiederkehrte. »Das ist das Rechte. Was für einen Kopf du hast! Und wird er auch den überflüssigen Arm abwerfen?«

»Das wird er.«

»Und den englischen Akzent verlieren?«

»Der wird vollständig verschwinden; er wird Cherokee-Strip und andre gewöhnliche Dialekte sprechen.«

»Oberst, vielleicht gesteht er!«

»Gestehen? Nur den Bankdiebstahl?«

»Nur? Ja, warum denn nur?«

Der Oberst sagte in ausdrucksvollem Ton:

»Hawkins, er wird ganz in meiner Gewalt sein. Ich werde ihn dazubringen, alle Verbrechen einzugestehen, die er begangen hat. Es müssen wohl tausend sein. Fassest du den Gedanken?«

»Nicht ganz.«

»Die Belohnungen werden uns alle zukommen.«

»Welch wunderbarer Verstand! Es gibt keinen zweiten Kopf, der wie der deinige mit scharfem Blick alle Verzweigungen und Möglichkeiten eines Hauptgedankens erfaßt.«

»Das ist gar nichts, es kommt mir ganz von selbst. Wenn dann seine Zeit in einem Gefängnis um ist, geht er in das nächste und das zweitnächste, wir haben weiter nichts zu tun, als die Belohnungen zu erheben, während er weiter geht. Es ist für uns ein vollständig sicheres Einkommen, solange wir leben, Hawkins, und viel besser als andre Arten der Verzinsung oder Kapitalsanlage, da er unzerstörbar ist.«

»Es sieht wirklich so aus, wie du sagst; ja wirklich.«

»Es sieht aus? – Nein, es ist so. Du wirst nicht leugnen wollen, daß ich umfassende, weitgehende finanzielle Erfahrungen habe, und ich zögere nicht zu sagen, daß dieses ein so wertvolles Eigentum ist, wie es mir seit lange nicht vorgekommen ist.«

»Meinst du das wirklich?«

»Ja, das tue ich.«

»Ach, Oberst, die aufreibende Sorge und Qual der Armut! Wenn wir es doch gleich zu Geld machen könnten! Ich meine nicht alles verkaufen, nur einen Teil – aber genug, weißt du, um – –«

»Wie du vor Erregung zitterst! Das macht der Mangel an Erfahrung. Mein Junge, wenn du mit großen Unternehmungen erst so lange vertraut sein wirst wie ich, wird das anders sein. Sieh mich an! Ist mein Auge unstet? Siehst du mich zittern? Fühle meinen Puls, poch – poch – poch – als ob ich schliefe. Und doch, was geht jetzt durch meinen kalten, ruhigen Sinn? Eine Reihe von Zahlen, deren Anblick schon einen Neuling in Geldangelegenheiten trunken machen würde. Nur dadurch, daß man kühl und ruhig bleibt und die Sache von allen Seiten betrachtet, kann man sehen, was wirklich daran ist, und sich vor dem unvermeidlichen Fehler des Neulings bewahren, dem einen, den du gerade vorschlugst: Werte schnell zu Gelde zu machen. Höre mich an. Deine Meinung war, einen Teil von ihm für bares Geld zu verkaufen; der meinige ist – nun rate!«

»Ich habe keine Ahnung. Was ist es?«

»Ihn als immerwährendes Kapital anzulegen, natürlich.«

»Nun, daran würde ich nie gedacht haben.«

»Weil du kein Finanzmann bist. Nehmen wir an, er habe tausend Verbrechen begangen, das ist gewiß eine niedrige Schätzung, denn selbst in seinem unvollendeten Zustand hat er deren wohl eine Million begangen. Aber sagen wir tausend, um ganz sicher zu gehen; fünftausend als Belohnung, multipliziert mit tausend, gibt uns ein sicheres Grundkapital von – wieviel? Fünf Millionen Dollar –«

»Warte, laß mich zu Atem kommen.«

»Und der Grundstock ist unzerstörbar, fortwährend einträglich, fortwährend! Denn ein Grundstock, ein Besitztum mit seinen Anlagen wird immer wieder Verbrechen begehen und Belohnungen einbringen.«

»Du betäubst mich, mir schwirrt der Kopf.«

»Laß ihn schwirren, das tut nichts. Jetzt, wo die Sache festgestellt ist, laß mich nur machen. Ich werde die Teilnehmer schaffen und die Papiere ausgeben, alles zu seiner Zeit. Laß nur alles in meiner Hand, ich denke, du setzest keinen Zweifel in meine Fähigkeit, alles aufs beste und einträglichste zu ordnen.«

»Nein, gewiß nicht, das kann ich in Wahrheit sagen.«

»Gut also, das wäre besorgt, alles der Reihe nach. Wir alten Unternehmer halten auf Ordnung und systematisches Vorgehen – kein geschäftliches Durcheinander bei uns. Was ist nun das nächste auf der Liste? Das Wiederaufnehmen der Materialisierung, das Fortführen derselben bis auf den heutigen Tag. Ich werde gleich daran gehen. Ich denke – –«

»Aber, Roßmore, du hast Es nicht eingeschlossen, ich wette hundert gegen eins, Es ist entkommen.«

»Beruhige dich, mache dir keine Sorge darüber.«

»Aber warum sollte Es nicht entkommen können?«

»Laß Es, wenn Es will. Was ist dabei?«

»Nun, ich würde das für eine ziemlich ernste Verlegenheit halten.«

»Mein lieber Junge, einmal in meiner Gewalt, immer in meiner Gewalt. Es mag frei gehen und kommen, ich kann Es herbeischaffen, sobald ich will, nur durch die Ausübung meines Willens.«

»Es ist mir sehr lieb, das zu hören, das versichere ich dir.«

»Ich werde ihm alles zu malen geben, was er nur will, und wir und die Familie werden es ihm so behaglich und angenehm wie möglich machen. Es ist gar keine Veranlassung, Es in seinen Bewegungen zu beschränken. Ich hoffe Es zu überreden, sich ruhig zu verhalten, obgleich eine Materialisierung, welche sich in einem Zustand unterbrochener Entwicklung befindet, notwendigerweise sanft, schlaff und unwesentlich sein muß. – Hm – nebenbei gesagt, ich möchte wissen, woher Es kommt.«

»Wieso, was meinst du?«

Der Lord zeigte bedeutungsvoll und zugleich fragend nach dem Himmel. Hawkins fuhr empor; dann verfiel er in tiefes Sinnen, schüttelte endlich betrübt den Kopf und zeigte nach unten.

»Weshalb glaubst du das, Washington?«

»Kaum weiß ich es, aber du kannst selbst sehen, daß er sich nicht nach seinem letzten Aufenthaltsort zu sehnen scheint.«

»Das ist gut ausgedacht und richtig geschlossen. Wir haben diesem Ding eine Gunst erzeigt. Aber ich werde Es vorsichtig ein wenig ausforschen, um herauszubekommen, ob wir recht haben.«

»Wieviel Zeit dürfte wohl dazu gehören, ihn zu vervollständigen und bis zum heutigen Datum zu führen, Oberst?«

»Ich wünschte, ich könnte das sagen, aber ich weiß es nicht. Ich bin vollständig geschlagen durch diese neue Einzelheit, diese unvorhergesehene Notwendigkeit, ein Subjekt von seinem Zustand als Vorfahr allmählich herunter zu arbeiten bis zu seinem Endresultat als Nachkomme. Aber ich will ihn schon auf irgendeine Weise dahin bringen.«

»Roßmore!«

»Ja, meine Liebe; wir sind hier im Laboratorium; komm herein, Hawkins ist hier. – Bedenke wohl, Hawkins, er ist für die ganze Familie ein gesundes, lebendes menschliches Wesen – vergiß das nicht. Hier ist sie.«

»Bleibt nur sitzen, ich komme nicht herein. Ich wollte nur fragen, wer das ist, der da unten malt?«

»Der? Oh, das ist ein junger Künstler, ein junger Engländer namens Tracy; sehr talentvoll, ein Schüler von Hans Christian Anderson oder einem andern alten Meister – Anderson glaube ich doch. Er ist dabei, einige von unsern alten italienischen Meisterwerken neu zu besohlen. Hast du mit ihm gesprochen?«

»Nur zwei Worte. Ich polterte herein, ohne jemand dort zu vermuten, wollte höflich gegen ihn sein und bot ihm einen Bissen an (Sellers winkt Hawkins hinter der vorgehaltenen Hand mit den Augen), aber er dankte und sagte, er sei nicht hungrig (wieder ein sarkastischer Wink), da brachte ich ihm einige Äpfel, und er aß einen davon –«

»Was?« – Der Oberst sprang hoch auf von seinem Sitz und fiel mit einem Schreckensschrei darauf zurück.

Lady Roßmore war stumm vor Staunen. Sie sah erst den blöden Vertreter von Cherokee-Strip, dann ihren Gatten und wieder den Gast an und sagte:

»Was ist dir denn, Mulberry?«

Er antwortete nicht sogleich. Er drehte ihr den Rücken zu und beugte sich über seinen Stuhl herab, den Sitz befühlend. Im nächsten Augenblick aber antwortete er und sagte:

»Ah, das ist es; es war ein Stift.«

Die Dame sah ihn einen Augenblick zweifelnd an, dann sagte sie ziemlich schnippisch:

»Solch ein Lärm um einen Stift! Gottlob, daß es kein Brettnagel war, der hätte dich in die Milchstraße hinaufgesprengt. Ich mag es nicht leiden, daß man meine Nerven so erschüttert.«

Sie drehte sich auf dem Absatz und ging hinaus.

Sobald sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, sagte der Oberst mit halberstickter Stimme:

»Komm, wir wollen selbst nachsehen; das muß ein Irrtum sein.«

Sie eilten hinunter und lauschten an der halbgeöffneten Tür. Sellers flüsterte im Tone der Verzweiflung:

»Es ißt wirklich! Was für ein greulicher Anblick! Hawkins, das ist entsetzlich. Führe mich hinweg – ich kann es nicht ertragen.«

Sie schwankten wieder nach dem Laboratorium.


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