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In seinem Zimmer angekommen, machte Lord Berkeley Vorbereitungen, der ersten und letzten, niemals zu versäumenden Pflicht des reisenden Engländers zu genügen: seine »Eindrücke« in seinem Tagebuch niederzulegen. Diese Vorbereitungen bestanden darin, daß er seinen Koffer nach einer Feder durchwühlte. Auf dem Tisch beim Tintenfaß waren eine Menge Stahlfedern vorhanden – aber, er war eben ein Engländer. Das englische Volk fabriziert Stahlfedern für neunzehn Zwanzigstel der Erdbewohner, aber es benutzt solche niemals selbst. Man bedient sich in England ausschließlich der prähistorischen Gänsefeder. Mylord fand nicht nur eine Gänsefeder, sondern sogar die beste, die er seit Jahren besessen hatte, und nachdem er eine Zeitlang eifrig geschrieben, schloß er mit der folgenden Eintragung: »In einer Hinsicht habe ich einen ungeheuren Irrtum begangen. Ich hätte, ehe ich abreiste, meinen Titel aufgeben und einen andern Namen annehmen sollen.« – Er betrachtete die Feder eine kleine Weile mit Bewunderung, dann fuhr er fort:

»Alle Versuche, mich unter das Volk zu mischen und für die Dauer einer von den Ihrigen zu werden, können nur mißlingen, wenn ich denselben nicht los werde, mit ihm verschwinde und im zuverlässigen Schutz eines neuen Namens wieder erscheine. Ich sehe mit Erstaunen und Betrübnis, wieviel Wert die Amerikaner darauf legen, mit einem Lord bekannt zu werden, und wie sie sich befleißigen, ihm Aufmerksamkeiten zu erweisen. Die englische Servilität fehlt ihnen zwar, das ist gewiß ... aber sie könnten sie durch Übung leicht erlangen. Mein Rang reist in der geheimnisvollsten Weise vor mir her. Ich schreibe meinen Familiennamen ohne jeden Zusatz in das Fremdenbuch dieses Hotels und bilde mir ein, für einen unbedeutenden, unbekannten Wanderer zu gelten; aber der Sekretär ruft augenblicklich: ›Front! Führen Sie Seine Lordschaft nach vierhundertzweiundachtzig.‹ Und ehe ich in den Lift steigen kann, ist schon ein Zeitungsreporter da, der mich interviewen will, wie man das nennt! Das muß aufhören! Ich will den amerikanischen Prätendenten gleich morgen früh ausfindig machen, meine Mission erfüllen und unter einem angenommenen Namen allen Nachforschungen entgehen.« –

Er ließ das Tagebuch auf dem Tisch liegen, wo er es für den Fall, daß neue »Eindrücke« ihn in der Nacht wecken sollten, rasch zur Hand hatte; dann ging er zu Bett und schlief gleich ein. Nachdem eine oder zwei Stunden vergangen waren, kam er langsam zum Bewußtsein durch einen Wirrwarr von unerklärlichen und immer zunehmenden Tönen und Geräuschen, die an den Toren seines Gehirns um Einlaß klopften; im nächsten Augenblick war er vollständig wach, und jene Laute drangen nun als ungedämpfter Lärm in seine Ohren. Er hörte deutlich das Schlagen der Fensterläden und Türen, das Klirren fallender Glasscherben; die Schritte eiliger Füße im Treppenhaus, Geschrei, Bitten, dumpfes, verzweifeltes Stöhnen im Innern des Hauses, heisere Kommandorufe von außen, Krachen und Brechen und das Sturmgeheul siegreicher Flammen.

Bum, bum ... jetzt schlug man an seine Türe und rief: »Heraus! – Das Haus brennt.« Lord Berkeley sprang aus dem Bett und bemühte sich, so schnell als möglich in der Dunkelheit und dem eindringenden Rauch den Kleiderschrank zu erreichen, aber er fiel über einen Stuhl und verlor nun die Richtung. Auf den Händen kroch er mühsam umher, stieß mit dem Kopf an den Tisch, und war diesem sehr dankbar dafür, denn nun wußte er sich wieder zurechtzufinden, da der Tisch dicht an der Türe stand. Er ergriff nun sein kostbarstes Besitztum, das Tagebuch mit den »amerikanischen Eindrücken«, und stürzte aus dem Zimmer. Er lief durch den menschenleeren Flur nach der roten Lampe, von der er wußte, daß sie einen Notausgang bezeichnete. Die Türe des danebenliegenden Zimmers war offen, das Gas brannte in voller Helle, und auf einem Stuhl lag ein Haufen Kleider. Er lief zum Fenster, konnte es nicht öffnen, zertrümmerte es daher mit Hilfe eines Stuhls und stieg hinaus auf die Nottreppe. Unten sah er einen Haufen Männer, einzelne Frauen und Knaben sich im Scheine rötlichen Lichtes bewegen. Mußte er in seinem gespensterhaften Nachtanzug da hinuntergehen? Nein – diese Seite des Hauses war erst am äußersten Ende von den Flammen ergriffen, er hatte noch Zeit, sich der daliegenden Kleider zu bemächtigen. Das tat er. Sie paßten ihm so ziemlich, waren nur etwas weit und der Schnitt ungewöhnlich; auch die Form des Hutes war ihm neu, da Buffalo-Bill noch nicht in England gewesen war. Den einen Ärmel des Rockes zog er ohne Mühe an, aber in den andern konnte er nicht gelangen, er war hinaufgeschlagen und an der Schulter angenäht. Er stürzte fort, ohne den Ärmel erst loszumachen, sprang glücklich die Stufen hinunter, und die Polizeileute brachten ihn durch den abgesperrten Teil der Straße.

Der Cowboyhut und der nur halb übergeworfene Rock machten ihn mehr, als ihm angenehm war, zu einem Gegenstand der Aufmerksamkeit, obgleich das Benehmen der Menge durchweg achtungsvoll, um nicht zu sagen, ehrerbietig war. In Gedanken verfaßte er eine Eintragung für sein Tagebuch: »Es hilft alles nichts, sie erkennen einen Lord in jeder Verkleidung und erzeigen ihm Ehrfurcht – die beinahe an Furcht grenzt.«

Einer aus dem ihn anstarrenden und bewundernden Halbkreis von Knaben wagte eine schüchterne Frage. Mylord beantwortete sie. Nun sahen die Knaben einander verwundert an, und von irgendeiner Seite fiel die Bemerkung:

»Ein englischer Cowboy ... ist doch sonderbar.« – Wieder eine in Gedanken formulierte Notiz für das Tagebuch: »Cowboy! Was wollen sie damit sagen? Vielleicht ...«

Aber der Graf sah, daß man noch mehr Fragen zu stellen beabsichtigte; er brach sich deshalb Bahn durch die Menge, machte den Ärmel los, zog den Rock wieder an und ging, eine bescheidene Wohnung zu suchen. Er fand eine solche, legte sich zu Bett und war bald eingeschlafen.

Am andern Morgen besah er die Kleider näher. Sie waren von etwas auffallendem Geschmack, aber doch neu und rein. In den Taschen fanden sich ziemlich bedeutende Summen: fünf Hundertdollarscheine; fast fünfzig Dollar in kleinen Scheinen und Silbergeld; ein Paket Tabak; ein Gesangbuch, das nicht zu öffnen war, und sich später als Behälter einer Branntweinflasche entpuppte; ein Notizbuch ohne Namen, mit einzelnen Aufzeichnungen in steifer, ungeübter Handschrift, Verabredungen, Wetten, Pferdehandel und dergleichen betreffend mit Leuten, die sehr sonderbare zusammengesetzte Namen führten, wie Sechsfingeriger Jack – Junger Schatten-Fürchte und ähnliche. Keine Briefe, keine Legitimationspapiere.

Der junge Mann dachte ernstlich nach und entwarf einen Plan für die einzuschlagenden Wege. Sein Kreditbrief ist verbrannt; er will die in diesen Taschen gefundenen kleinen Scheine und das Silber leihweise an sich nehmen, einen Teil davon zu einem Aufruf an den Eigentümer verwenden und von dem übrigen seinen Lebensunterhalt bestreiten, bis er Arbeit findet. Zuerst schickt er nun nach der Morgenzeitung und liest, was sie über die Feuersbrunst sagt.

Die oberste Zeile in fetter Schrift zeigt seinen eignen Tod an. Der Bericht gibt alle Einzelheiten und sagt, wie der Lord mit dem seinem Stande angeborenen Heldensinn nur an die Rettung von Frauen und Kindern gedacht, bis für ihn selbst ein Entkommen unmöglich geworden war. Dann stand er im Angesicht der weinenden und jammernden Menge mit gekreuzten Armen und erwartete das Näherkommen des alles verschlingenden Feindes. »Und so, in einem Meer von Flammen und Rauch stehend, wurde der edle junge Erbe des großen Hauses Roßmore in einem Wirbel feuriger Glorie emporgehoben und entschwand für immer den Augen der Menschen.«

Das war so groß, schön und ritterlich gedacht, daß ihm die Augen feucht wurden. Dann sagte er sich: »Was ich zu tun habe, ist mir jetzt ganz klar. Mylord Berkeley ist tot; mag er es bleiben. Er starb ehrenvoll, das wird meinem Vater den Schicksalsschlag erleichtern. Nun habe ich dem amerikanischen Prätendenten nichts mehr zurückzugeben. Ja, die Sache hätte sich gar nicht besser gestalten können. Ich brauche mich nur mit einem neuen Namen zu versehen und kann mein neues Leben ungehindert beginnen. Jetzt tue ich den ersten Atemzug wirklicher Freiheit, und wie leicht, frisch und belebend ist er. Endlich bin ich ein Mann; ein Mann, der seinem Nachbar gleichsteht, und durch meine Mannheit, durch sie allein werde ich emporkommen und in der Welt angesehen sein oder es verdienen, aus dem Gesichtskreis zu verschwinden. Dies ist der freudigste und stolzeste Tag, den mir die Sonne je gebracht.«


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