Friedrich von der Trenck
Des Freiherrn von der Trenck seltsame Lebensgeschichte
Friedrich von der Trenck

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

Einundzwanzigstes Kapitel

Dreiundvierzig Jahre habe ich in Oesterreich aufgeopfert und mich und mein Haus durch meine Kopf- und Federarbeit ernähren müssen. Undank ist mein Lohn und Verachtung meine Rache!

Unter Josefs Zepter war meine Lage höchst gefährlich, und die Rolle, die ich spielte, forderte einen Meister. Genug, ich habe viel für ihn getan und gearbeitet, er aber tat nichts für mich, versprach viel und betrog mich. Er starb. Ich hatte keine Ursache, ihn zu beweinen. LeopoldLeopold II., der Bruder Josefs II., war nur zwei Jahre Deutscher Kaiser (1790–1792). trat die Regierung an, und nun folgte eine ganz neue Epoche für meine Lebensgeschichte, die noch nie so glänzend, so günstig schien, niemals mich so großen Unternehmungen und Gefahren aussetzte, nie grausamer für mich endigte, als diese neue Szene.

Kaum hatte der Kaiser Leopold den Thron bestiegen, so eilte ich zu ihm. Bei dem ersten Eintritt nahm er mich bei der Hand und sagte:

»Mein lieber Trenck, es freut mich, daß ich Sie noch am Leben finde. Ihre Geschichte habe ich mit Gefühl durchgelesen, und es ist eine Schande für Wien, daß sie bekannt gemacht wurde.«

Ich sprach nur, was ein Mann meiner Gattung bei solch günstiger Gelegenheit sprechen soll. Noch nie hatte ich dergleichen offenherzige Ausdrücke, solche Merkmale eines edlen Gefühles aus dem Munde eines Monarchen gehört . . . Meine ganze Seele erwachte aus ihrem bereits durch Grundsätze gebildeten Fürstenhasse, bis zum Enthusiasmus erhob sich meine Liebe, mein Vertrauen für Leopold, die Aussicht für mein Recht schien glänzend, und ich entschloß mich, meine letzten Tage ganz für ihn zu leben.

Im ersten Taumel dieses Gefühles schrieb ich ein kleines Gedicht, das seinen Beifall fand.

Nun ging ich wenigstens zwei- und dreimal in der Woche zu ihm, ohne jemals abgewiesen zu werden. Sah und fand Vertrauen und Achtung, wurde auch in den wichtigsten Gegenständen befragt und erhielt so viele Aufträge zu verschiedenen schriftlichen Ausarbeitungen, daß ich manche Nacht für ihn schrieb und am folgenden Tage schon fertig übergab, was er erst nach vierzehn Tagen erwartete. Mein Diensteifer gefiel, und er versprach mir alles, was ein redlicher, bisher in Untätigkeit erhaltener und beleidigter Mann von einem gerechten und scharfsichtigen, auch wohltätigen Monarchen erwarten kann.

Alle unsere Staatsblutegel und der ganze Hof- und Justizhummelschwarm, die arbeitsame Bienen zu verdrängen gewohnt sind, spitzten nun die Ohren und erwarteten üble Folgen für sich, wenn ein Mann meiner Gattung offen Zutritt bei einem guten Monarchen findet. Hier ging nun schon das Kabalieren an, weil man den Trenck so oft bei Hofe sah. Alles vereinigte sich, um mich zu beobachten und mir überall Fallgruben zu legen.

Bei einer Unterredung mit dem Monarchen über die damalige Lage seiner Staaten, wo alles in Gärung war, sagte er mir:

»Trenck! Ich weiß, daß Sie viele Freunde in Ungarn haben, daß Sie alle Unzufriedenen kennen, weil Sie selbst Ursache haben, mißvergnügt zu sein. Wie wäre es, wenn Sie bei dem jetzt beginnenden Landtage nach Ofen reisen würden und dort für meine besten Absichten arbeiteten und schrieben?«

Gleich war ich freudig bereit dazu, bat mir aber die Erlaubnis aus, alle meine Manuskripte, ehe sie im Druck erschienen, Seiner Majestät zur Beurteilung vorzulegen, weil ich die Wahrheit trocken vorzutragen gewohnt war und sicher falsche Ausleger zu erwarten hatte. Dies wurde mir mit der huldreichsten Versicherung erlaubt.

Nun brach ich mit einer öffentlichen Schrift, »Bilanz« betitelt, hervor, die das ganze priesterliche Wespennest erschütterte und sicher ganz zerstört hätte, wenn der Monarch mir freie Hände hätte lassen wollen.

Die Pfaffen spien Gift und Galle, aber fruchtlos, der tödliche Streich war angebracht, und die, welche bisher in Ungarn als Halbgötter verehrt wurden und alle Stimmen im Landhause nach ihrer Willkür lenkten, sahen sich nunmehr verspottet und entkräftet. Die Protestanten hoben den Kopf empor, sprachen in ernsthaftem Tone und fanden wenig Widerspruch. Ich selbst hatte Gift und Dolch in jedem Augenblicke zu fürchten, ging aber aller Gefahr trotzig entgegen, erhielt viele anonyme Briefe mit der Warnung, in gewisse Häuser einiger Magnaten nicht zu gehen, wo ich Gift zu erwarten hätte, wenn ich zum Essen eingeladen würde.

Auch auf der Schiffbrücke, wo ich alle Abende ausdrücklich spazieren ging, um zu zeigen, daß ich mich vor nichts fürchtete, waren Meuchelmörder bestellt, um mich in die Donau zu werfen. Dann hätte man ausgesprengt, ich hätte mich selbst aus Reue oder Verzweiflung ersäuft. Niemand hatte aber das Herz zum Angriffe. Ich aber war immer gut bewaffnet, und mein Hinterhalt war auch bestellt.

Ich predigte Frieden, Geduld und Ruhe, nahm aber die Post und eilte nach Wien, um nähere Verhaltungsbefehle vom Monarchen einzuholen.

Sogleich erhielt ich Privataudienz, und das erste Wort war:

»Trenck, Sie sind schon bei mir angeklagt, aber ich bin nicht böse auf Sie. Sie machen es nur zu grob und werfen mit Prügeln unter die Sperlinge. Sie sind in größter Gefahr . . . . Man will absolut, ich soll Sie aus Ungarn zurückrufen, und ich kann Sie öffentlich nicht schützen.«

Ich fragte: »Sind Ew. Majestät unzufrieden mit meinen ungarischen Schriften und meinem Betragen?« – »Nein, im Gegenteil,« war die Antwort, »ich bin Ihnen Verbindlichkeit schuldig, aber schützen kann ich Sie nicht . . .«

»In diesem Falle fürchte ich nichts für mich,« erwiderte ich, »und ich will freudig zurück . . .« – »Nur mäßiger und behutsamer!« waren seine letzten Worte.

Nun eilte ich nach Ofen und schrieb in allem dreizehn Broschüren in diesem Landtage.

Endlich erschien 1790, am 17. November, der Krönungstag in Preßburg. Ich war gleichfalls dort, und alle Ungarn sahen mich noch am Tage vor der Krönung zur Privataudienz bei dem Monarchen eintreten. Sie konnten also sehen, daß ich wegen meiner Schriften und meines Betragens nicht in Ungnade war. An diesem Tage gab ich auch ein Krönungsgedicht heraus, um zu zeigen, wie ich für Leopold arbeitete, und hieraus kann man auf meine anderen Schriften in Ungarn schließen.

Nun verließ ich Ungarn und kehrte nach Wien zurück, arbeitete noch verschiedene Schriften für den Monarchen aus, besaß sein Zutrauen, und er versprach, mir bei dem nächsten Landtage und bei Austeilung der Kronenfiskalitäten im Banat eine Vergütung alles dessen, was das Aerar in barem Gelde vom Verkaufe der Trenckschen Güter wirklich genossen hatte. Dieses betrug freilich nicht 200 000 fl. Ich wäre aber gerne damit zufrieden gewesen und hatte Ursache, wenigstens hierauf bereits sichere Rechnung zu machen.

Ich lebte einige Zeit ruhig im Schoße meiner Familie in Iwerbach, obgleich ich nur gar zu deutlich bemerkte, daß die Fanatiker in den Wiener Gerichtsstellen mich unausgesetzt als einen Erzketzer verfolgten und auf alle Gelegenheit lauerten, mir tödliche Streiche zu versetzen, mich auch vom Hofe zu entfernen, damit ich die Gelegenheit verlöre, dem Monarchen ihre Ränke aufzudecken. Sogar im Staatsrate wurde man aufmerksam, wo der Egoismus ebenso wie in allen Dikasterien gegen solche Männer wacht, die so wie ich sehen, auch so wie ich vor dem Throne handeln und sprechen. Man kannte auch die schwache Seite Leopolds und benutzte alle Gelegenheit.

Der kluge Kaiser kannte zwar mein Herz, meine Gesinnungen für ihn und hatte alle meine Schriften gelesen und heimlich gutgeheißen, sah sich aber genötigt, der Statthalterei und dem mächtigen Klerus nachzugeben.

Ich forderte daraufhin meinen Abschied, wobei ich zugleich auf meine Militärpension von 900 fl. feierlichst verzichtete und erklärte, daß ich den Rest meiner Tage ganz unabhängig nach Willkür inner- oder außerhalb der österreichischen Staaten zubringen wolle, ohne daß ich hierzu Erlaubnis bedürfe oder irgendeiner Militärobrigkeit Gehorsam schuldig wäre.

Man hatte hierüber berichtet, und ich erhielt folgendes Dekret vom Wiener Generalkommando, wohin ich mich als an die erste Stelle gewendet hatte:

»Seine Majestät haben dem Herrn Major Baron Trenck auf sein Ansuchen die Quittierung der bisher bekleideten Majorscharge ohne Ausstellung des sonst gewöhnlichen Quittierungsreverses bewilligt und die bisher genossene Pension von 900 fl. auf 1500 fl. zu vermehren und selbige seiner Frau und seinen Kindern ad personam geben zu lassen genehmigt, daß sie solche in Seiner Majestät Landen genießen.«

Kann man wohl einen rühmlicheren Abschied erhalten? Und zeugte dieses nicht, daß der großmütige Monarch gnädig und gerecht über mich dachte? Als ich meinen Abschied forderte und stolz auf die Pension verzichtete, vermehrte er diese und gab sie meinen Kindern. Das ist also ein offenbarer Beweis, daß er mir wohlwollte, in der Lage aber, worin er sich befand, noch nichts öffentlich für mich tun konnte, ohne die ungarische Geistlichkeit zu beleidigen, die er noch sehr zu schonen Ursache hatte. Man mutmaßte ohnedies, daß ich bei dem Landtage unmöglich so viel zu schreiben gewagt haben würde, wenn ich nicht den Rücken heimlich frei gehabt hätte, denn auf so häufige Klagen und ungeschickte Berichte hätte ja der Monarch mir nur Schweigen befehlen oder mich nach Wien berufen können, da aber dieses bis zum Ende des Landtages nicht geschah, so zweifelte niemand an politischer Nachsicht des Hofes, und man beurteilte mich als Leopolds Werkzeug, um seinen Zweck zu erreichen. Er durfte mich also noch nicht öffentlich schützen oder belohnen, und obgleich er mir heiligst versprochen hatte, wenigstens das zu vergüten, was der Staat bei Verkauf der Trenckschen Güter wirklich eingezogen hatte, und mir sodann die Freiheit gab, die jetzigen Besitzer den ungarischen Landesgesetzen gemäß anzugreifen, obgleich er mir versicherte, daß ich bei Austeilung der königlichen Fiskalitätgüter im Banat ein Aequivalent für das Verlorene erhalten sollte, so blieb er dennoch unentschieden und verschob die Erfüllung, bis ihm ein schleuniger Tod die herrschende Macht entriß. So hat mein widriges Schicksal in allen Unternehmungen mit mir gespielt.

Die Literatur ist jetzt mein Steckenpferd, auf dem der österreichische und preußische Belisar vielleicht noch ganz Europa, ausgenommen solche Länder, wo man Ketzern meiner Gattung mit dem Scheiterhaufen drohen kann, durchgaloppieren wird, bis ich einen vor Ministerialränken und Priesterrache gesicherten Raum finde, wo meine donnernde Wahrheitsstimme für den Widerhall unbegrenzte Dunstkreise durchdringt und die gekrönte Wahrheit in Stille für meine Feder zurückkehrt, wenn ihr die strenge Zensur mit ihrem Polizeikorporal und ehernen Fesseln vergebens nachgesetzt hat.

Gott, der mich bisher bei tausend Gefahren die Rolle eines ehrlichen Mannes und echten Wahrheitsmärtyrers spielen ließ, beschütze und stärke mich auch in der letzten Szene meines Trauerspieles und lasse meine Kräfte nicht sinken, wo mir der Widerstand unübersteiglich wird.

Euch Menschenfreunden aber, die ihr meine Schriften mit Gefühl leset, euch empfehle ich meine Kinder, wenn ich im Kampfe unterliege. Vom Nachruf empfinde ich für mich nichts mehr im Grabe, mein Kopf ist grau, und ich hätte Ursache, jeder aufgehenden Sonne zu fluchen, die so viele mächtige Schurken beleuchtet. Oh, schiene sie heute auch das letztemal für mich! Mein forschendes Auge ist längst müde, die Menschen und alle Weltbegebenheiten zu sehen, und der wünscht Ruhe im Schatten des Grabes, der des Schicksals Sonnenglut so rastlos empfunden hat wie ich.



 << zurück weiter >>