Friedrich von der Trenck
Des Freiherrn von der Trenck seltsame Lebensgeschichte
Friedrich von der Trenck

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Zweites Kapitel

Anfang September 1744 brach abermals das Kriegsfeuer zwischen Preußen und Oesterreich aus, und wir marschierten eilfertigst und ungehindert durch Sachsen nach Prag.

Diesmal ergriff Friedrich das Schwert gewiß ungern, hiervon war ich Augenzeuge. Die Wiener Drohungen, ihm auf den Leib zu fallen, sobald man die Franzosen zum Frieden gezwungen haben würde, und die grausame Mißhandlung des Kurfürsten von Bayern hießen ihn das Prävenire spielen. Wenn ich nicht irre, so stand die Armee bereits am 14. September vor Prag, wo Schwerin einen Tag später jenseits der Moldau eintraf.

Der Ziskaberg, der die Stadt beherrscht, war auch nur mit ungefähr vierzig Kroaten besetzt; folglich ward er fast ohne Widerstand sogleich erstiegen, und die Batterien am Fuße desselben spielten schon am fünften Tage in die Stadt und steckten sie mit glühenden Kugeln und Bomben in Brand. Der General Harsch fand für gut zu kapitulieren und ergab sich fast ohne Gegenwehr nebst 18 000 Mann als Kriegsgefangene.

Mangel und Hunger zwangen uns zum Rückmarsch, weil hinter uns im Durchmarsch alles verzehrt oder zugrunde gerichtet war. Die rauhe Witterung im November machte den Soldaten unwillig, und in sechs Wochen verloren wir 42 000 Mann. Das Trencksche PandurenkorpsDer Vetter unseres Trenck stand in der österreichischen Armee. saß uns überall auf dem Nacken, verursachte große Unruhen und Schaden, ohne daß sie jemals auch nur dem Kanonenschusse nahe kamen. Endlich ging der Trenck über die Elbe und verbrannte und vernichtete unsere Magazine in Pardubitz. Die gänzliche Retirade aus Böhmen ward also beschlossen.

Diesen ganzen Feldzug könnte niemand besser noch aufrichtiger schildern als ich, weil ich Adjutantendienste beim König verrichtete und zum Lagerabstecken und Rekognoszieren gebraucht wurde, auch über vier Wochen die Fouragierung für das Hauptquartier zu besorgen hatte, weshalb ich beständig mit berittenen Jägern im Lande herumschwärmte, die ich nach Gutdünken fordern konnte, weil der König mir nur sechs Mann Freiwillige von der Garde mitzunehmen gestattete. Hingegen habe ich im ganzen Feldzuge nur wenige Nächte im Zelte geschlafen, und mein unermüdlicher Diensteifer brachte mir die vollkommenste Gnade des Monarchen und sein ganzes Zutrauen zuwege. Oeffentliches Lob erhitzte mich zum Enthusiasmus, wenn ich zufällig das Glück hatte, an solchen Tagen mit 60 oder 80 Fouragewagen glücklich im Hauptquartier einzutreffen, wogegen alle unsere anderen Fouriere versprengt, verlaufen und leer nach Hause kamen, wo Mangel und Hunger einzureißen anfing, und niemand wegen der umherwimmelnden Panduren und Husaren einen Schritt vor die Front wagen durfte.

Bei Groß-Beneschau ritt ich mit 50 Husaren und 20 Jägern auf Fouragierung. Ich kommandierte die Husaren in ein Kloster und rückte selbst mit den Jägern in ein herrschaftliches Schloß, wo wir Wagen zusammentrieben und im Meierhofe Heu und Stroh zu laden anfingen.

Ein österreichischer Husarenleutnant mit 36 Pferden hatte mich und meine Schwäche aus einem verdeckten Gebüsche beobachtet – meine Leute waren alle im Aufladen begriffen, meine unvorsichtige Wache wurde überrumpelt, und auf einmal war der Feind im Meierhofe und alle meine Leute gefangen. Ich selbst aber saß ruhig im Schlosse bei der gnädigen jungen Frau und sah mit Schrecken, aber wehrlos aus dem Fenster dem Spektakel zu.

Unentschlossen und schamrot über meine Unvorsichtigkeit wollte mich eben die gute schöne Frau verstecken, da ich im Hofe auf einmal feuern hörte: meine Husaren, die ich in das Kloster detachiert hatte, hatten von einem Bauern Nachricht erhalten, daß ein österreichisches Kommando im Busche lauere. Sie sahen uns von weitem auf meinen Meierhof schleichen, sprengten mit verhängten Zügeln nach und überfielen uns kaum zwei Minuten, nachdem jene mich überfallen hatten.

Wie schleunig, wie freudig sprang ich hinunter; etliche Husaren entwichen zum Hintertore hinaus, wir machten aber 22 Gefangene nebst einem Leutnant vom Kalnockschen Regiment, zwei waren erschossen und fünf verwundet. Von meinen Leuten hingegen waren zwei Jäger, die wehrlos im Heustadel arbeiteten, niedergehauen.

Gleich wurde die Fouragierung mit mehr Vorsicht unternommen; die erbeuteten Pferde dienten uns teils als Vorspann, und nachdem ich in dem benachbarten Kloster 150 Dukaten abgeholt und diese unter meine Leute verteilt hatte, um ihnen das Maul zu stopfen, marschierte ich zur Armee, von der ich bei zwei Meilen entfernt war. Auf allen Seiten um mich herum hörte ich schießen, überall wurden Fouragierer angegriffen; ein versprengter Leutnant mit 40 Pferden schloß sich mir an; dies stärkte meine Bedeckung, hinderte mich aber in das Lager zu kommen, da ich Nachricht erhielt, daß mehr als 800 Husaren und Panduren vor mir herumschwärmten. Ich zog mich seitwärts, nahm einen Umweg und kam mit meinen Gefangenen und 23 beladenen Wagen glücklich im Hauptquartier an. Der König saß eben bei der Tafel, da ich in das Zelt trat. Weil ich aber die Nacht ausgeblieben war, hatte jedermann geglaubt, ich wäre gefangen worden, wie es verschiedenen an demselben Tage ergangen war.

Gleich beim Eintritt fragte der König: »Kommt Er allein?« – »Nein, Ew. Majestät! Ich bringe 25 beladene Wagen und 22 Gefangene mit ihren Pferden und Offizieren.« – Gleich mußte ich mich neben ihn zu Tisch setzen; er wandte sich zu dem neben ihm sitzenden englischen Gesandten Lyndford und sagte, indem er mir auf die Schulter schlug: »C'est un matador de ma jeunesse.« Er stellte nur wenige Fragen, wo ich bei einer jedweden zitterte und mich mit großer Müdigkeit entschuldigte. Nach etlichen Minuten stand er vom Tische auf, besah die Gefangenen, hing mir eigenhändig den Orden »Pour le Mérite« an den Hals, hieß mich ruhen und ritt davon.

Wie mir dabei zumute war, ist leicht zu erachten. Ich hatte wegen grober Unvorsichtigkeit bei dieser Begebenheit die Kassation verdient – und wurde belohnt. Ist das nicht ein sichtbares Vorbild unserer gewöhnlichsten Weltbegebenheiten? Der rechtschaffene Unteroffizier, der mich aus dem Labyrinthe riß, verdiente eigentlich, was ich erhielt.

Bei vielen Vorfällen meines Lebens, wo ich Ruhm und allgemeinen Beifall, Ehre und Achtung erwarten sollte, waren Schmach und Fesseln mein Lohn. Und der Monarch, dem ich mit Herz und Seele diente, wurde durch Verleumdung und Wahrscheinlichkeit hintergangen; er übereilte sich im Urteil und strafte mich als einen treulosen Uebeltäter.

Indessen war die Furcht, daß die Wahrheit, wobei so viele Zeugen reden konnten, bekanntwerden und mich öfters beschimpfen würde, eine Folter, dir mir alle Ruhe und Freude raubte.

An Geld fehlte es mir nicht. Ich gab jedem Unteroffizier zwanzig und jedem Gemeinen einen Dukaten aus meinem Beutel, um Verschwiegenheit zu erwirken. Die Leute liebten mich und versprachen alles; indessen nahm ich mir vor, bei der ersten Gelegenheit dem König die Wahrheit zu sagen.

Dies ereignete sich binnen zwei Tagen.

Wir marschierten; ich führte als Kornett den ersten Zug, und der König ritt neben der Paukenwache. Er winkte mir und redete mich an: »Trenck! jetzt erzähl' Er mir, wie hat Er seinen letzten Coup gemacht?« Ich glaubte mich schon verraten. Der Monarch machte aber bei der Frage eine so gnädige Miene, daß ich frischen Mut faßte und ihm alles trocken vortrug, wie es wirklich geschehen war. Ich bemerkte Verwunderung in seinen mir bereits bekannten Gesichtszügen, aber auch, daß ihm meine Offenherzigkeit gefiel: diesen Augenblick benutzte ich dergestalt durch einen reuerfüllten Vortrag, daß er mir nicht einmal einen Verweis gab.

Er sprach eine halbe Stunde lang nicht als König, sondern als Lehrer und Vater, lobte meine Offenherzigkeit und schloß mit den Worten, die ich ewig nicht vergessen werde: »Folg' Er meinem Rate – vertraue Er sich mir ganz an – ich will aus Ihm einen Mann machen.«

Wer Gefühl hat, der urteile, welchen Eindruck eine so königliche Handlung in meiner Seele hinterließ. Von diesem Augenblick an war mein ganzer Wunsch, mein Ziel die Ehre, für meinen König zu arbeiten, für mein Vaterland zu bluten. Das ganze Vertrauen dieses scharfsichtigen Monarchen war von diesem Augenblicke an für mich gewonnen, und ich empfand den Winter hindurch tägliche Beweise davon in Berlin, wurde meist mit in seine gelehrten Gesellschaften gezogen, und meine Aussicht in die Zukunft war beneidenswürdig. Ueberdies erhielt ich in diesem Winter mehr als 500 Dukaten in Geschenken; und der Neid fing zugleich an, seine Tücke an mir auszuüben, weil ich zum Hofmanne eine zu redliche, zu offenherzige Seele besaß.

Noch einen Vorfall muß ich von diesem Feldzuge bekanntmachen, der in der Geschichte Friedrichs merkwürdig ist.

Bei der Retirade aus Böhmen war der König selbst nebst der Garde zu Pferde, zu Fuße, den Pickets der Kavallerie, mit dem ganzen Hauptquartier und dem 2. und 3. Bataillon Garde in Kolin; wir hatten nur vier Feldstücke bei uns; unsere Eskadron lag in der Vorstadt. Gegen Abend wurden unsere Vorposten in die Stadt getrieben; die Husaren sprengten einzeln hinein – die ganze Gegend wimmelte von feindlichen leichten Truppen, und mein Kommandeur schickte mich zum König, um Befehl zu holen.

Nach vielem Suchen fand ich den König auf dem Kirchturme mit dem Perspektive in der Hand. Nie habe ich ihn aber so unruhig, so unentschieden gesehen als an diesem Tage. – Der Befehl war:

Wir sollten sogleich retirieren, durch die Stadt marschieren und in der anderen Vorstadt gesattelt und gezäumt bereit stehen.

Kaum waren wir in derselben, da fiel ein Regen ein, und die dickste Finsternis brach an. Gegen neun Uhr abends erschien der Trenck mit seinen Panduren und mit Janitscharenmusik, zündete etliche Häuser an – man ward uns gewahr und fing an, aus den Fenstern zu feuern.

Die Verwirrung ward allgemein – die Stadt war so voll, daß wir nicht hinein konnten; das Tor gesperrt, und über demselben feuerten unsere kleinen Feldstücke. Der Trenck hatte das Wasser abgraben lassen, und um Mitternacht standen wir mit den Pferden bis an den Bauch in der Flut, wirklich wehrlos. Wir verloren sieben Mann, und mein Pferd wurde am Halse verwundet.

Gewiß ist es, daß in dieser Nacht der König und wir alle gefangen wären, wenn mein Vetter seinen vorgesetzten Sturm (wie er mir in der Folge selbst erzählte) hätte ausführen können. Es ward ihm aber durch eine Kanonenkugel der Fuß zerschmettert. Man trug ihn zurück, und das Pandurenfeuer hatte ein Ende. Tags darauf erschien das Nassauische Korps zu unserer Unterstützung. Wir verließen Kolin, und während des Marsches sagte mir der König: »Sein sauberer Herr Vetter hätte uns heute nacht einen garstigen Streich versetzen können; er ist aber laut Deserteursnachrichten erschossen worden.« Er fragte mich, wie nahe ich mit ihm verwandt sei, – und hierbei blieb es.

In der Mitte des Dezember trafen wir in Berlin ein. Hier war ich nun wieder der glücklichste Mensch und wurde mit offenen Armen empfangen. Ich war aber weniger vorsichtig als im vorigen Jahre, vielleicht auch mehr beobachtet. – Ein Leutnant griff mich wegen meiner geheimen Liebe mit Stichelreden an. Ich hieß ihn einen – et cetera – wir griffen zum Degen, und ich brachte ihm einen Hieb im Gesicht bei. Bei der Kirchenparade am nächstfolgenden Sonntage nach dieser Begebenheit sagte mir der König im Vorbeigehen:

»Herr! der Donner und das Wetter wird Ihm aufs Herz fahren – nehm' Er sich in acht!« – –

Und hierbei blieb's.

Wenige Zeit hernach kam ich einige Augenblicke zu spät auf die Parade. Der König, der mich schon beobachtet und vermißt hatte, schickte mich nach Potsdam zur Garde zu Fuß in Arrest, wo ich auf der langen Brücke mein Zimmer erhielt. Nachdem ich vierzehn Tage gesessen, kam der Oberst Graf Wartensleben zu mir und riet mir, ich sollte bitten. Ich war noch zu unerfahren in Hofränken, merkte folglich nicht, daß ich mit einem Kundschafter sprach, und stellte mich unwillig über den langen Arrest, für einen Fehler, der gewöhnlich mit drei, höchstens sechs Tagen abgebüßt wird. – Ich blieb also sitzen. –

Abermals verflossen acht Tage – der König kam nach Potsdam. Ich ward vom General Bork, Generaladjutanten des Königs, ohne den Monarchen zu sehen, mit Briefen nach Dresden geschickt. – Bei meiner Zurückkunft meldete ich mich bei dem Monarchen auf der Parade – und da die Eskadron in Berlin stand, fragte ich:

»Befehlen Ew. Majestät, daß ich zur Eskadron nach Berlin reite?« – Die Antwort war: »Wo kommt Er her?« – »Aus Dresden.« – »Wo war Er, eh' Er nach Dresden ritt?« – »Im Arrest.« – »So gehe Er wieder hin, wo Er gewesen ist.«

Und hiermit war ich wieder Arrestant und blieb es wirklich bis auf drei Tage vor dem Ausmarsche, da wir Anfang Mai aufbrachen und nach Schlesien mit schnellen Schritten zum zweiten Feldzuge marschierten.

Nun muß ich einen Hauptvorfall umständlich erzählen, woraus in eben diesem Winter die eigentliche Quelle aller meiner in der Welt erlittenen Drangsale entsprang.

Franz Freiherr von der Trenck,Dieses Trenck Vater und mein Vater waren leibliche Brüder. der die Panduren in kaiserlichen Diensten kommandierte, wurde 1743 in Bayern schwer verwundet; er hatte meiner Mutter nach Preußen geschrieben und ihr gemeldet, daß er ihren ältesten Sohn zum Universalerben ernannt habe. Diesen Brief schickte mir meine Mutter sogleich nach Potsdam. Ich ließ ihn aber unbeantwortet, weil ich damals mit meinem Zustande, mit meinem Monarchen so zufrieden war, so zufrieden zu sein Ursache hatte, daß ich mein Glück nicht mit Mogulsschätzen vertauscht hätte.

Nun war ich den 12. Februar 1744 in Berlin bei meinem Garde du Corps-Kommandanten, dem Rittmeister von Jaschinski, der in der Armee Oberstenrang hatte, nebst dem Leutnant von Studnitz und meinem damaligen Zeltkameraden, dem Kornett von Wagenitz, in Gesellschaft.

Hier fiel nun die Rede auf den österreichischen Trenck, und Jaschinski fragte mich, ob ich mit ihm verwandt sei?

Die Antwort war ja, und zugleich erzählte ich ihm, daß er mich zum Universalerben eingesetzt habe. – – – Er fragte, was ich ihm geantwortet habe? – – – Gar nichts. – – – Hierauf munterte mich die ganze Gesellschaft auf, ich sollte bei einem so wichtigen Glücke weder gleichgültig noch undankbar sein, wenigstens danken, und die gute Gesinnung für die Zukunft zu erhalten suchen.

Mein Chef setzte hinzu: »Schreiben Sie ihm, er soll Ihnen gute ungarische Pferde zur Equipierung schicken! Geben Sie mir den Brief, ich will ihn durch den sächsischen Legationsrat von Bossart bestellen lassen, mit der Bedingung, daß ich auch ein ungarisches Pferd erhalte. Es ist keine Staats-, sondern eine Privatfamilienkorrespondenz; die Verantwortung nehme ich auf mich – – –«

Sogleich setzte ich mich nieder; schrieb, folgte dem Rate meines Vorgesetzten. Und wäre mir jemals ein Verhör über diesen Vorfall gestattet worden, so hätten die vier gegenwärtigen Zeugen, die den Inhalt des Briefes gelesen, meine reine Unschuld sonnenklar gerechtfertigt.

Jaschinski übernahm also diesen Brief offen, versiegelte ihn selbst, und hat ihn auch wirklich zu meinem Unglücke befördert.

In der Kampagne 1744 wurde unter vielen anderen auch mein Reitknecht mit zwei Handpferden von den Trenckschen leichten Truppen gefangen.

Ich sollte an eben dem Tage, da wir in das Lager rückten, mit dem Könige rekognoszieren reiten. Mein Pferd war müde; ich meldete mein Unglück, und sogleich gab er mir einen Engländer.

Einige Tage nachher kam mein gefangener Reitknecht nebst meinen Pferden und einem feindlichen Trompeter zurück, mit einem Billett, ungefähr dieses Inhalts:

»Der österreichische Trenck hat keinen Krieg mit dem preußischen Trenck, seinem Vetter. Es ist ihm ein Vergnügen, daß er zufällig von seinen Husaren die ihm weggenommenen Pferde zurück erhalten konnte, welche er ihm hiermit überschickt usw. usw.«

Da ich mich noch an eben dem Tage bei dem Monarchen meldete, machte er mir eine finstere Miene und sagte: »Da Sein Vetter Ihm Seine Pferde zurückgeschickt hat, so braucht Er das meinige nicht.«

Nun weiter zum Zusammenhange der abgebrochenen Geschichte.

Wir marschierten also zum zweiten Feldzuge nach Schlesien, der ebenso blutig, als siegreich für uns war.

Zu Kloster Kamenz war des Königs Hauptquartier; daselbst standen wir vierzehn Tage ruhig, und die Armee kantonierte; da aber Prinz Karl die Torheit beging, daß er, anstatt uns in Böhmen zu erwarten, in die Ebene von Striegau mit seiner Armee rückte, war er auch so gut als geschlagen.

Eilfertig brach also die kantonierende Armee auf. Binnen 24 Stunden stand alles in Schlachtordnung. Den 4. Juni lagen schon 18 000 Tote bei Striegau und die kaiserliche Armee nebst den alliierten Sachsen war total geschlagen.

Wir hatten mit der Garde du Corps den rechten Flügel. Ehe wir attackierten, rief der König der Eskadron selbst zu: »Kinder! zeigt heute, daß ihr meine Garde du Corps seid, – – – und gebt mir keinem Sachsen Pardon!« – – Wir hieben dreimal in die Kavallerie und zweimal in die Infanterie ein; nichts widerstand einer solchen Eskadron, die gewiß in Leuten, Pferden, Mut und Geschicklichkeit und Ehrgeiz die erste auf Erden war. Wir allein hatten sieben Standarten und fünf Fahnen erbeutet, und in weniger als einer Stunde war alles entschieden.

Ich bekam einen Pistolenschuß durch die rechte Hand. Mein Pferd war stark verwundet, und bei dem dritten Angriff mußte mir mein Reitknecht ein anderes geben.

Am Tage nach der Schlacht erhielten alle Offiziere den Orden »Pour le Mérite«, ich aber blieb vier Wochen unter den Verwundeten in Schweidnitz, wo gegen 16 000 Menschen auf der Folterbank von Feldscheren gemartert und viele erst am dritten Tage verbunden wurden.

Meine Hand konnte ich zwar drei Monate lang nicht brauchen; dennoch kehrte ich zur Eskadron zurück und tat in allen Vorfällen meine Schuldigkeit, war täglich beim Monarchen und bei allen Rekognoszierungen mit ihm gegenwärtig. Seine besondere Gnade und vorzügliche Achtung vermehrte sich täglich, und mein Enthusiasmus für ihn, mein Diensteifer stiegen bis zur Ausschweifung.

Hierher gehört noch eine Begebenheit, die des großen Friedrichs Charakter und besondere Art, Jünglinge für seinen Dienst zu bilden und sie sich ganz zu eigen zu machen, schildert.

Ich liebte besonders die Jagd, und ungeachtet sie auf das schärfste verboten war, so wagte ich dennoch, mich ohne Erlaubnis aus der Armee zu entfernen.

Mit Fasanen beladen kam ich zurück: wie erschrak ich aber, da die Armee indessen aufgebrochen war, und ich kaum die Nachhut erreichte!

Wie mir dabei zumute war, ist leicht zu erachten. Kurz, ein Husarenoffizier lieh mir ein Pferd, und so kam ich zu meiner Eskadron, die allezeit den Vortrab machte, setzte mich auf mein Pferd und ritt zitternd vor meinen Zug hin, den ich führen mußte.

Eben, als wir in das Lager rücken wollten, ritt der König daher, erblickte mich und winkte mich zu sich heran. – – Er sah meine Verwirrung und fragte mit lächelnder Miene: »War Er schon wieder auf der Jagd?« – – – »Ja, Ew. Majestät! . . . ich bitte . . .« Er ließ mich aber nicht ausreden, sondern sagte: »Diesmal hat Er's noch zugute, wegen Potsdam – – nehm' Er sich aber in acht, und denk' Er besser an Seine Schuldigkeit.«

Hiermit war alles vorbei – – – wo ich Kassation verdient hätte. Ich muß aber den Leser erinnern, daß der König eigentlich damit sagen wollte: er habe mich den vorigen Winter in Potsdam zu hart für ein kleines Versehen bestraft und sähe mir deswegen jetzt durch die Finger.

Kann ein König größer denken, größer handeln? Ist das nicht die erhabenste Art, Gemüter zu gewinnen, Fehler zu bessern und große Männer zu bilden? Er kannte meine gefühlvolle Seite und wirkte durch diese zu rechter Zeit angebrachte Gnade gewiß mehr, als wenn ein gebietender General fünfzig junge Offiziere bei Temperamentsfehlern mit Ketten oder Profosen bedroht, oder nach Kriegsartikeln, ohne Unterschied des Gegenstandes, mißhandelt.

Wenn ich nicht irre, so war der 14. September der Tag, an welchem die merkwürdige Schlacht bei Soor oder Sorau vorfiel. Der König hatte so viele Korps nach Sachsen, auch hin und wieder nach Schlesien und Böhmen detachiert, daß wirklich nicht mehr als 26 000 Mann bei seiner Hauptarmee blieben. Prinz Karl, der trotz aller Erfahrung dennoch allezeit seinen Feind nur materiell nach der Zahl abwog und den Kern der preußischen Macht nicht kannte, hatte den kleinen Haufen der pommerschen und brandenburgischen Regimenter mit einer Macht von 86 000 Mann eingeschlossen, wollte dieses Häuflein überfallen und uns alle gefangennehmen.

Gegen Mitternacht kam der König persönlich in mein Zelt und weckte auf diese Art alle Offiziere aus dem Schlafe. Er befahl, sogleich in aller Stille zu satteln, alle Bagage zurückzulassen und sich auf den ersten Wink zur Schlacht zu richten.

Ich und Leutnant von Pannewitz mußten mit dem König reiten. Der Monarch selbst brachte seine Befehle durch die ganze Armee, und so erwartete man den Anbruch des Tages mit Sehnsucht.

Gegen das Defilee, wo der König im voraus wußte, daß der feindliche Angriff geschehen sollte, wurden in möglicher Stille acht Feldstücke hinter einem kleinen Hügel verborgen. Folglich muß er ja den österreichischen Plan im voraus gewußt haben. Sogar die Vorposten gegen das Gebirge wurden zurückgezogen, um den Feind in seiner Mutmaßung zu stärken, daß er uns alle im Schlafe wehrlos fangen würde.

Kaum brach der Tag heran, so brach rings herum das Artilleriefeuer von allen besetzten Anhöhen los, beschoß das ganze Lager, und die feindliche Kavallerie stürzte durch das Defilee herein – – –

Im Augenblicke standen wir in Schlachtordnung, und in weniger als zehn Minuten sprengten wir schon mit unsern wenigen Eskadrons (wir hatten nur fünf Regimenter Kavallerie bei der Armee) in den Feind hinein, der sich erst vor dem Defilee ganz gravitätisch zu formieren anfing und keine Gegenwehr, viel weniger einen so überraschenden Angriff vermutet hatte. Wir warfen ihn in das vollgestopfte Defilee zurück; sogleich war der König selbst mit den acht Feldstücken bei der Hand und machte in diesem gedrängten Haufen, wo niemand mehr vorwärts konnte, ein Blutbad. – – – Hiermit war in einer halben Stunde der feindliche Plan vereitelt und die Bataille gewonnen.

Nadasky, Trenck und die leichten Truppen, die uns im Rücken angreifen sollten, hielten sich im Lager mit Plündern auf; niemand konnte die raubsüchtigen Kroaten abhalten, wir aber schlugen unterdessen den Feind. Merkwürdig ist hierbei folgendes: man brachte dem Könige Nachricht, daß der Feind in das Lager gefallen sei und plündere. – – »Desto besser!« gab er zur Antwort; »so haben sie was zu tun und hindern mich an der Hauptsache nicht.« – –

Wir behielten also den vollkommensten Sieg, hatten aber alle unsere Bagage verloren. Das ganze Hauptquartier, das ohne alle Bedeckung zurückblieb, war gefangen, geplündert, und der Trenck hatte des Königs Zelt und silbernes Tafelservice davongeführt.

Diese Begebenheit habe ich hier deshalb eingerückt, weil im Jahre 1746, da eben der Trenck, mein Vetter, in Wien der Gewalt seiner ärgsten Feinde überlassen und in einen sogenannten Kriminalprozeß verwickelt war, einige nichtswürdige Bösewichte ihn beschuldigt hatten:

Er habe bei der Schlacht zu Sorau den König selbst im Bette gefangengenommen und durch Bestechung wieder freigelassen.

Was das anbetrifft, so bin ich Augenzeuge, daß der wachsame König nicht überfallen werden konnte, besonders da er wußte, daß man ihn überfallen wollte. Ich selbst bin von Mitternacht bis gegen vier Uhr früh mit ihm im Lager herumgaloppiert, wo die Anstalten, den Feind zu empfangen, gemacht wurden. Und um fünf Uhr sprengten wir schon zum Einhauen heran. Der Trenck konnte folglich den König nicht im Bette fangen. Die Schlacht war bereits entschieden, da er erst mit seinen Panduren in das Lager fiel und des Königs Equipage erbeutete.



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