Friedrich von der Trenck
Des Freiherrn von der Trenck seltsame Lebensgeschichte
Friedrich von der Trenck

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Drittes Kapitel

Wenige Tage nach der Schlacht bei Sorau kam der Feldpostbriefträger in mein Zelt und brachte mir einen Brief.

Er war von meinem Vetter, dem Pandurenobersten Baron Trenck in Esseg datiert, und vier Monate alt. – Der Inhalt war kürzlich dieser:

»Aus Dero Schreiben de dato Berlin, den 12. Februar ersehe ich, daß Sie gerne ungarische Pferde von mir haben möchten, um sich gegen meine Husaren und Panduren herumzutummeln. Ich habe bereits in voriger Kampagne mit Vergnügen erfahren, daß der preußische Trenck auch ein guter Soldat ist. Zur Bezeugung, daß ich Sie schätze, habe ich Ihnen Ihre von meinen Leuten gefangenen Pferde zurückgeschickt. Wollen Sie aber ungarische reiten, so nehmen Sie mir im nächsten Feldzuge die meinigen im offenen Felde ab, oder kommen Sie zu Ihrem Vetter, der Sie mit offenen Armen empfangen und als seinem Sohn und Freund Ihnen alle Zufriedenheit verursachen wird usw.«

Ich erschrak und lachte beim Durchlesen dieses Briefes, dann gab ich ihn meinen Zeltkameraden zu lesen. Wir lachten über den Inhalt, und gleich ward beschlossen, ihn dem Eskadronkommandanten von Jaschinski bei der Parole zu lesen zu geben.

Dies geschah auch kaum eine Stunde nach dem Empfange.

Der Leser wird sich zu erinnern wissen, wie ich oben erzählt habe, daß eben dieser Oberst Jaschinski am 12. Februar mich in Berlin zum Schreiben bewog und meinen Brief offen empfangen, auch an den Trenck bestellt hatte, – – worin ich scherzend ungarische Pferde forderte und dem Jaschinski eines davon versprach, wenn sie ankommen würden.

Kaum hatte er den Brief mit einer gewissen Art von Verwunderung gelesen, so entstand ein Gelächter unter uns allen. Und da das Gerücht eben bei der Armee lief, wir würden nach dieser gewonnenen Schlacht mit einem Korps in Ungarn einbrechen, so sagte Jaschinski: »So wollen wir jetzt die ungarischen Pferde selbst in Ungarn holen.« Und hiermit ging ich mit ruhigem Gewissen in mein Zelt.

Vermutlich aber war es also eine Falle, die der in seiner Art böse und falsche Mann mir gelegt hatte. Die Zurückschickung meiner Pferde in der vorigen Kampagne hatte Aufsehen gemacht. Vielleicht hatte Jaschinski Befehl vom Könige, mich zu beobachten. Vielleicht überredete er mich zum schreiben, um mir durch eine falsche untergeschobene Antwort eine Falle zu stellen. Denn gewiß ist es, daß der Trenck in Wien bis zu seinem Tode standhaft beteuerte, daß er nie einen Brief von mir empfangen, auch niemals einen beantwortet habe. Ich glaube also noch, daß es ein Uriasbrief war.

Jaschinski war damals ein Liebling des Monarchen, ein armeekundig falscher und boshafter Mann, ein Kundschafter und heimlicher Zuträger auf Rechnung akkreditierter Verleumdung; wie er denn auch einige Jahre nach dieser Begebenheit deshalb vom Könige kassiert und aus seinem Lande gejagt wurde.

Er war damals der Liebhaber der schönen sächsischen Residentin von Bossart in Berlin, und durch sie kam der falsche Trencksche Brief in Sachsen oder Oesterreich auf die Post, um unter meiner Adresse befördert zu werden. Indessen hatte Jaschinski alle Tage Gelegenheit, mich bei dem Könige verdächtig zu machen und seinen Entwurf gegen meine Unschuld auszuführen.

Hierzu kam noch, daß er mir 400 Dukaten schuldig war, die ich ihm bar geliehen hatte, weil es mir niemals an Geld fehlte. Dieses Geld war seine Beute, da ich ohne Verhör arretiert und ins Gefängnis gesperrt wurde; und von meiner Ausrüstung hatte er sich auch den größten Teil angeeignet.

Gott weiß, was er dem Monarchen bei allen Gelegenheiten für Stoff zum Argwohn gegen mich eingeflößt hat, denn sicher ist es unglaublich, wie Friedrich mich bei seiner weltbekannten Gerechtigkeitsliebe ohne alle Untersuchung, ohne Verhör noch Kriegsrecht verdammen konnte. Hier steckt demnach der Knoten, den ich nie auflösen konnte. In so wichtigen Uebereilungen muß der Schwache allezeit Unrecht behalten, und ich bin in unserm Jahrhundert das überzeugende Beispiel dieses Grundsatzes in despotischen Staaten gewesen.

Sicher aber ist es, daß man einen Mann meiner Gattung, der reden und schreiben kann, dessen ganzer Lebenswandel ohne Tadel ist, entweder für so große ertragene Drangsale groß belohnen, oder ihn im Gefängnis heimlich hätte hinrichten sollen, weil seine nicht mehr zu vertilgende Geschichte allezeit der Biographie Friedrichs des Großen als ein Beispiel wirklicher Grausamkeit ankleben wird.

Unbegreiflich aber bleibt es allezeit, wie der scharfsichtige Monarch, der mich täglich um sich sah, der als Menschenkenner mich ganz kannte, der wußte, daß mir gar nichts fehlte, weder Ehre noch Geld noch Hoffnung für die Zukunft – – daß er, sage ich, sich jemals einen Argwohn gegen meine Treue konnte einflößen lassen.

Gewiß ist es, und ich nehme noch heute Gott und alle Menschen zu Zeugen, die mich in Glück und Unglück gekannt haben, daß ich nie einen untreuen Gedanken gegen mein Vaterland empfunden habe.

Ich war meinem Könige ebenso mit Leib und Seele ergeben, als mein Vetter, der Pandurenchef, seiner Kaiserin; und beide waren wir dennoch die schimpflichsten Opfer der Verleumdung und Mißgunst.

Wie war es auch möglich, gegen mich damals zu argwöhnen? Im achtzehnten Lebensjahre war ich schon Kornett der Garde du Corps, tat Adjutantendienste bei dem Könige und besaß seine Achtung, Gnade und sein Vertrauen im höchsten Grade.

In einem Jahre hatte er mir mehr als 1500 Reichstaler geschenkt. In Berlin hatte ich eine Freundin, die ich verehrte und liebte, die ich für keine Krone, viel weniger für eines Pandurenführers Versprechen verlassen hätte, und die mir gewiß mehr gab, mehr geben konnte, als alle Panduren der Erde, die ich im Herzen verabscheute.

Sollte mir wohl in meiner Lage ein vernünftiger Mensch einen solchen verfluchten und niederträchtigen Gedanken zumuten wollen, daß ich die brillanteste Aussicht bei dem Könige der Weisen, die Ehre, in seiner Schule ein Meister zu werden, einem Panduren aufopfern würde, der mir etliche elende ungarische Pferde antrug?

Ich hatte sieben Pferde in meinem Stalle zu Berlin und vier Leute in Livree, war geliebt, geschätzt und ausgezeichnet, in Zivil wie in der Armee hatten meine Blutsfreunde die wichtigsten Ehrenstellen. Mein ganzes Herz war lautere, bis zum Fanatismus getriebene Vaterlands- und Königsliebe, und mir fehlte gar nichts, was der junge Mensch auf Erden wünschen, auch von Gott erbitten kann.

Das Meisterstück meines Feindes, um mich zu stürzen, bestand allein in der Kunst, die Rolle bei dem Monarchen so zu spielen, daß ich alle Gelegenheit verlor, mich zu rechtfertigen. Und dieses geschah wirklich.

Denn am folgenden Tage, nach Empfang dieses Briefes, wurde ich ohne Verhör, ohne Kriegsrecht, ohne daß mir jemand ein Verbrechen vorhielt, arretiert, und mit einer Bedeckung von fünfzig Husaren als ein wirklicher Delinquent aus der Armee nach Glatz auf die Festung geführt. Drei Pferde und meine Bedienten durfte ich mit mir nehmen; meine ganze Equipage aber blieb zurück, und ich habe sie nicht wiedergesehen. Sie ist eine Beute des Herrn von Jaschinski geworden. Meine Stelle war sogleich durch den Standartenjunker Herrn von Schätzel ersetzt; und ich war kassiert ohne zu wissen, warum, auch ein Arrestant auf der Festung Glatz, ohne Untersuchung noch Recht, sondern durch Machtspruch des Königs.

Hier saß ich zwar in keinem Kerker, sondern bei einem wachhabenden Offizier im Zimmer, durfte auch in der Festung herum spazierengehen, und behielt meine Leute zur Bedienung.

Weil es mir an Geld nicht fehlte und in Glatz auf der Zitadelle nur ein Kommando vom Mütschevalschen Garnisonregimente die Dienste verrichtete, wo die Offiziere alle arme Ritter waren, so hatte ich bald Freunde und Freiheit genug, und alle Tage war offene Tafel bei dem reichen Arrestanten.

Was aber mein Herz dabei empfand, kann nur der entscheiden, der mich im Jugendfeuer auf der Ehrenbahn gekannt, in Berlin in meinen Glücksumständen gesehen und jemals empfunden hat, was ein ehrgeiziges Herz in meiner dermaligen Lage empören kann.

Ich schrieb an den König und bat trotzig um Verhör und Kriegsrecht, ohne Nachsicht und Gnade, wenn ich schuldig erkannt würde. Dieser pochende Ton eines beleidigten feurigen Jünglings gefiel dem Monarchen nicht; ich erhielt also keine Antwort. Und dies war genug, mich zu allen Staffeln verzweifelter Entschließungen zu erheben, nachdem ich mich nunmehr mir selbst überlassen glaubte.

Durch einen Offizier war die Korrespondenz mit dem Gegenstande meines Herzens bald in Ordnung und Sicherheit gebracht. Dort war man überzeugt, daß ich nie einen untreuen Gedanken gegen mein Vaterland gehegt hatte, noch zu bergen imstande war. Man tadelte die Uebereilung, den falschen Argwohn des Königs, versprach mir gewisse Hilfe und schickte mir 1000 Dukaten, damit es mir im Arrest nicht an Geld fehlte.

Hätte ich in diesen kritischen Umständen einen aufgeklärten und redlichen Freund gefunden, der mein aufloderndes Feuer dämpfen konnte, so wäre nichts leichter gewesen, als den Monarchen durch gelassene Demut und gegründete Vorstellungen von meiner Unschuld zu überzeugen und auch meiner Feinde Anschlag zu vereiteln. Die Offiziere der damaligen Glatzer Garnison gossen aber alle Oel in meine Glut. Sie glaubten, mein Geld, das ich unter sie so freigebig austeilte, käme alles aus Ungarn aus der Pandurenkasse, und jeder munterte mich auf, nicht lange im Arrest zu warten, sondern mir, dem König zum Trotz, meine Freiheit eigenmächtig zu verschaffen.

Nichts war leichter, als dieses auszuführen und einem Menschen einzuflößen, der noch nie unglücklich war und folglich schon das erste Uebel für unübersteiglich hielt. Noch war meinerseits gar nichts entschieden noch beschlossen, weil ich mich nicht entschließen konnte, mein Vaterland und besonders Berlin zu verlassen.

Endlich, nachdem ich ungefähr fünf Monate im Arrest zugebracht hatte, und der Frieden erfolgte, auch der König in Berlin und meine Stelle bei der Garde besetzt war, erboten sich ein gewisser Leutnant von Piaschky, vom Foquéschen Regiment, und der Fähnrich Reiz, der oft bei mir die Wache hatte, sie wollten Anstalten machen, daß ich aus Glatz entweichen und sie beide mitnehmen könnte.

Es saß aber eben damals ein gewisser Rittmeister von Manget vom Natzmerschen Husarenregiment, ein geborener Schweizer, neben mir in den Glatzer Gefängnissen. Er war kassiert, auf zehn Jahre zum Arrest verurteilt und hatte monatlich nur vier Reichstaler zu verzehren.

Diesem Manne hatte ich viel Gutes getan. Aus Mitleid wollte ich ihn mit mir befreien; es ward verabredet, beschlossen und ihm vorgetragen.

Gleich waren wir durch diesen Schurken verraten, der dadurch Gnade und Freiheit erhielt.

Piaschky erhielt in Zeiten Wind, daß Reiz bereits Arrestant war und rettete sich durch Desertion. Ich leugnete, ward aber mit Manget konfrontiert, und weil ich den Auditeur mit 100 Dukaten gewinnen konnte, kam Reiz mit Kassation und einem Jahr Gefängnis davon. Ich hingegen ward nunmehr als ein Verführer der Offiziere des Königs in ein enges Gefängnis eingeschlossen und scharf bewacht.

Mein Schicksal war nun in Glatz unendlich verschlimmert, und der Monarch in seinem Argwohn bestärkt, auch äußerst gegen mich aufgebracht, daß ich zu entfliehen gesucht hatte.

Ich war also mir selbst überlassen und sann nur auf Mittel zur Flucht oder zu sterben, weil das enge Gefängnis meinem feurigen Temperamente auf die Dauer unerträglich war.

Die Garnison hatte ich immer auf meiner Seite; folglich war es unmöglich, mir Freunde und Beistand zu verhindern. Man wußte, daß ich Geld hatte; und bei einem armen preußischen Garnisonregiment, wo ohnedies die Offiziere alle unzufrieden leben und meist zur Strafe von den Feldregimentern dahin versetzt werden, war mir alles zu unternehmen möglich. Der erste Anschlag war folgender:

Mein Fenster war an der Lärmschanze bei 15 Klafter hoch gegen die Stadtseite zu gelegen. Ich konnte also nicht aus der Zitadelle kommen, und mußte zuvor in der Stadt einen Zufluchtsort suchen.

Dieser ward mir zuvor durch einen Offizier bei einem ehrlichen Seifensieder gesichert. Dann schnitt ich zuvörderst mit einem Federmesser, das schartig gemacht war, drei eiserne Stangen durch, die von ungeheurer Dicke waren. Da aber dieses zu lange aufhielt und acht Stangen durchgearbeitet werden mußten, ehe ich zum Fenster hinaus konnte, so steckte mir ein Offizier eine Feile zu, mit der ich sehr vorsichtig arbeiten mußte, um nicht von den Schildwachen gehört zu werden.

Sobald dieses fertig war, schnitt ich mein ledernes Felleisen in Riemen, nähte sie zusammen, wozu ich einen aufgelösten Zwirnstrumpf brauchte; nahm mein Bettlaken zur Hilfe, und ließ mich von dieser erstaunlichen Höhe glücklich hinunter.

Es regnete, die Nacht war finster, und alles ging glücklich. Ich mußte aber durch die Senkgrube der öffentlichen Kloake durchwaten, ehe ich die Stadt erreichen konnte, und das hatte ich nicht vorhergesehen. Ich sank nur bis über die Knie hinein, war aber nicht imstande, mich herauszuarbeiten: alles, was möglich war, geschah; ich steckte aber so fest, daß ich zuletzt alle Kräfte verlor und der Schildwache auf der Lärmschanze zurief: »Melde dem Kommandanten, daß der Trenck hier im Drecke steckt.«

Nun war zur Vergrößerung meines Unglücks damals der General Fouqué Kommandant in Glatz. Er war ein weltbekannter Menschenfeind, hatte sich mit meinem Vater als Hauptmann duelliert, wurde von ihm verwundet, und der österreichische Trenck hatte ihm seine Bagage Anno 1744 weggenommen, auch die Grafschaft Glatz in Kontribution gesetzt. Er war also ein Hauptfeind des Trenckschen Namens, ließ es mich bei allen Gelegenheiten empfinden, und mich bei dieser bis gegen Mittag zum öffentlichen Schauspiel der Garnison im Unflat stecken, dann aber erst herausziehen, wieder in mein Gefängnis einsperren, und mir den ganzen Tag kein Wasser geben, um mich zu reinigen. Niemand kann sich vorstellen, wie ich aussah; meine langen Haare waren bei der Arbeit gleichfalls in die Pfütze geraten, und mein Zustand war wirklich erbarmungswürdig, ehe man mir ein paar Arrestanten gestattete, die mich reinigten.

Nun wurde mein Arrest auf alle mögliche Art verschärft. Achtzig Louisdore hatte ich aber bei mir im Sacke, die mir bei der schmutzigen neuen Einfahrt in einen anderen Kerker nicht abgenommen wurden, und diese taten mir in der Folge gute Dienste.

Nun stürmten auf einmal alle Leidenschaften über mich her, und das jugendliche Blut empörte sich gegen alle Vernunftschlüsse. – Die Nächte wurden schlaflos und die Tage unerträglich. Ruhmbegierde folterte meine Seele, und das Bewußtsein meiner Unschuld war im wehrlosen Kerker ein reizender Trieb, diesem mich nur quälenden Bewußtsein ein Ende zu machen.

Bücher zum Zeitvertreib wurden mir allezeit gestattet. Im Glatzer Arrest habe ich demnach sehr viel gelesen und meine Kenntnisse im gelehrten Fache erweitert. Die Zeit wurde mir auch nicht lang, wenn aber der Freiheitstrieb erwachte, wenn mich Liebe und Sehnsucht nach Berlin riefen und mein Ehrgeiz meinen schimpflichen Zustand mit verächtlichen Farben schilderte, wenn ich betrachtete, daß mich mein geliebtes Vaterland nunmehr wirklich als einen niederträchtigen Verräter der Wahrscheinlichkeit gemäß beurteilen müßte, dann war ich in jeder Minute bereit, mich in tausend Säbel und Bajonette meiner Wächter zu stürzen, die ich nunmehr als meine Feinde betrachtete, weil sie mir den Weg zur Freiheit verriegelten.

Mit solchen Gedanken schwanger, waren nicht acht Tage seit der letzten fehlgeschlagenen Unternehmung zur Flucht verflossen, da sich schon ein Vorfall ereignete, der in den Geschichtsbüchern unwahrscheinlich wäre, wenn ich ihn nicht selbst öffentlich zu einer Zeit schriebe und bekannt machte, wo ich als der Hauptakteur bei dieser Rolle noch wirklich lebe und ganz Glatz, die ganze preußische Armee als Augen- und Ohren-, auch Lokalzeugen auffordern kann.

Ich tat vielleicht eben das, was der tollkühne schwedische Karl der Zwölfte in Bender unternahm.

Unsere Absicht war aber verschieden; er suchte Ruhm, ich hingegen Freiheit oder Tod.

Der Platzmajor Doo kam in mein Gefängnis, von dem Adjutanten und wachhabenden Offizier begleitet, visitierte in allen Winkeln und ließ sich mit mir in eine Unterredung ein, wobei er meine Unternehmung zur Flucht ein doppeltes Verbrechen hieß, das des Monarchen Ungnade gegen mich anfachen müßte. Das Wort Verbrechen brachte schon mein Blut in Wallung; er sprach von Geduld. – Ich fragte, auf wie lange mich der König verurteilt habe? – Er antwortete, ein Verräter seines Vaterlandes, der mit dem Feinde korrespondiert, habe keine bestimmte Zeit und nichts als die Gnade des Königs. – In eben dem Augenblicke riß ich ihm den Degen von der Seite, auf den ich schon lange mein Augenmerk gerichtet hatte, sprang zur Türe hinaus, warf die erschrockene Schildwache die Stiege hinunter – fand am Stockhaustore die Wache unterm Gewehr, die eben zufällig zur Ablösung herausgerufen hatte, lief ihnen mit dem Degen in der Hand auf den Leib: Alles erschrak, war überrumpelt, machte Platz, ich hieb rechts und links, verwundete vier Mann, lief mitten hindurch, sprang auf die Brustwehr des Hauptwalles und gerades Wegs von der erstaunlichen Höhe hinunter, ohne allen Schaden, behielt auch sogar den Degen in der Hand. Auch den zweiten niederen Wall sprang ich ebenso glücklich hinunter. Niemand hatte ein geladenes Gewehr, niemand wollte nachspringen, und um mich zu verfolgen, mußte man zuvor durch Umwege in die Stadt, dann aber erst zum Tore hinaus, folglich hatte ich eine halbe Stunde im voraus, ehe mir jemand folgen konnte.

Bei einer engen Passage an einem Außenwerke lief mir eine Schildwache entgegen und widersetzte sich meiner Flucht. Bald war sein Gewehr mit dem Bajonette auspariert, und er erhielt einen Hieb über das Gesicht. Die andere Schildwache vom Außenwerke kam mir von hinten auf den Leib, ich sprang schleunigst über die Pallisaden, blieb aber mit dem Fuße zwischen denselben stecken, ward mit einem Bajonettstoße in der Oberlippe verwundet, dann aber bei dem Fuße festgehalten, bis andere zu Hilfe kamen, die mich mit Kolben zerstoßen und übel zugerichtet in mein Gefängnis trugen, weil ich mich wie ein Verzweifelter verteidigte.

Mein Arrest ward verschärft, man gab mir einen Unteroffizier mit zwei Mann in das Zimmer, die mit mir eingeschlossen und von draußen wieder bewacht wurden. Ich war elendiglich mit Kolbenstößen zugerichtet, mein rechter Fuß war verrenkt, ich spie Blut, und meine Wunde war erst nach vier Wochen geheilt.

Nun habe ich in der Folge erst erfahren, daß mich der König nur auf ein Jahr auf die Festung geschickt hatte, um mich zu probieren, ob sein Argwohn begründet wäre. Meine Mutter hatte für mich gebeten und zur Antwort erhalten: . . . Euer Sohn muß sein Jahr als eine Strafe für seine unvorsichtige Korrespondenz aushalten . . . Dieses wußte ich aber nicht, und in Glatz hieß es, ich sei lebenslang verurteilt. – Ich hatte also nur noch drei Wochen zu warten, um meine Freiheit mit Ehre zu erhalten, da ich diese verzweifelte Unternehmung ausführte. Mein widriges Schicksal lenkte aber alles zu meinem Nachteil – und eine Wahrscheinlichkeit türmt sich in solcher Verbindung auf eine andere, daß ich endlich mit der reinsten Seele einem Uebeltäter vollkommen ähnlich scheinen mußte.



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