Friedrich von der Trenck
Des Freiherrn von der Trenck seltsame Lebensgeschichte
Friedrich von der Trenck

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Siebzehntes Kapitel

Meine Kenntnisse erweiterten sich indessen täglich, und nirgends hat ein Mann meiner Gattung bessere Gelegenheit dazu als in Aachen und Spa, wo eigentlich der Zusammenfluß aller Nationen ist. Morgens sprach ich in meinem Hause mit einem Lord von der Oppositionspartei und nachmittags mit einem Königsfreunde und Parlamentsredner, dann mit einem ganz unparteiischen klugen Mann aus eben diesem Land. Folglich konnte niemand besser die Wahrheit entwickeln als ich. –

Man fing allgemach an, mich als einen Staatskenner zu suchen und bei dieser Gelegenheit fand ich selbst die beste Aufklärung. Ich unternahm einen Handel mit ungarischem Wein in England, Frankreich, Holland und im Reiche. Hierdurch hatte ich Gelegenheit, alle Jahre große Reisen zu machen, und da sich meine persönlichen Bekanntschaften täglich durch die Zusammenkünfte in Aachen und Spa erweiterten, wo ich Gelegenheit hatte, den Fremden in meinem Hause Höflichkeit zu erzeigen, so fand ich auch in allen Ländern, wo ich hinkam, Freunde und Förderer meiner Absichten.

Meine Wiener Einkünfte blieben dort fast gänzlich für Prozesse, Kuratoren und Agenten zurück, das übrige vernichteten die erzwungenen Wiener Reisen, wohin ich dreimal durch den Hofkriegsrat mit schweren Kosten persönlich zu erscheinen gezwungen wurde und niemals das mindeste für mich erreichen konnte.

Man schilderte mich endlich als einen gefährlichen Mißvergnügten, der nicht mehr in den Erblanden leben wollte. Und hierdurch hatten meine Feinde offenes Feld, mir zu schaden. Ich blieb aber in allen Fällen und trotz aller Verfolgungen ein ehrlicher Mann in allen Ländern, wo ich lebte, und wußte mir meine Hausnotdurft ohne Niederträchtigkeit noch Hofgnaden zu verschaffen. Und wo ich hinkam, war jeder begierig, mich zu kennen. In Wien allein blieb ich ungesucht, ungenannt, ungebraucht.

Die Engländer suchten mich besonders in Aachen wegen der Jagdlust und kamen aus London mit Hunden und Jagdpferden, um mit mir Wölfe und Wildschweine zu jagen, die in ihrem Vaterlande nicht zu finden sind. Dagegen brachte ich öfters ganze Sommer auf ihren Landgütern, auch in Schottland und Irland zu und lernte die Nation und diesen ganzen Staat gründlich kennen.

Der Kurfürst von der Pfalz hatte mir ein Jagdrevier in Jülich gegeben, und der immediate Reichsgraf von Merode-Westerloo überließ mir seine Jagd und sein Schloß willkürlich zu meinem Vergnügen, wo ich alles im Ueberfluß hatte. Der Schutz dieser Jagdgerechtigkeit, die mir nunmehr Pflicht war, verursachte mir zugleich große Verdrießlichkeiten. Das Beste dabei war, daß man dort nicht viele Jagdprozesse führt, sondern ein jeder sein Recht mit dem Gewehr in der Faust beweist. Und eben das war meine Sache.

Bei dieser Gelegenheit muß ich meinem Leser auch eine besondere Geschichte erzählen, die mich in der ganzen Gegend als einen Erzzauberer berühmt machte, der sich kugelfest, auch Nebel und Witterung machen konnte. Der Vorfall war dieser.

Ich geriet in Streit mit dem kurpfälzischen Präsidenten Baron von Blankart wegen eines kleinen Jagdbezirks. Das Recht war ganz auf meiner Seite. Ich schrieb ihm also, daß ich am Tage, den ich dazu bestimmt, früh um zehn Uhr auf dem strittigen Platz erscheinen und meine Pistolen und Degen mitbringen würde, hoffte also, ihn daselbst persönlich zu finden, um mir Satisfaktion für die ehrwidrige Art seines Angriffs zu verschaffen.

Ich erschien zu bestimmter Stunde nebst zwei Jägern und zwei Freunden in der Gegend, fand aber mit Erstaunen den strittigen Platz von mehr als 200 bewaffneten Bauern besetzt.

Was war zu tun? Ich schickte einen Jäger hinüber und ließ der feindlichen Armee bedeuten, wenn sie nicht Platz machte, so würde ich Feuer geben. Es war im August, der Tag war hell und schön; in eben dem Augenblicke verfinsterte sich aber zufällig die Luft, ein dicker, undurchdringlicher Nebel brach herein. Und mein Jäger kam mit der Nachricht zurück, daß alles in der größten Bestürzung davongelaufen sei, sobald er seine Botschaft zu eben der Zeit gemeldet, da just der Nebel hereinbrach.

Ich benutzte diesen Augenblick, rückte heran, fand niemand, ließ feuern und marschierte bis auf das Schloß meines Gegners, wo ich das Jagdhorn zum Triumph auf seinem Hofe blasen ließ. Man fing an, in der Entfernung gleichfalls zu feuern, der Nebel hinderte aber, daß jemand gesehen werden konnte.

Mit dieser Genugtuung ging ich nach Hause, wo bereits die falsche Nachricht eingelaufen war und meine Frau erschreckt hatte, daß ich nebst einer Menge Verwundeter nach der Stadt geführt würde. Es war aber niemand ein Haar beschädigt.

Nun aber lief das Gerücht schon im ganzen Lande, daß ich ein Zauberer sei und mich durch Nebel unsichtbar gemacht hätte; 200 Augenzeugen schworen darauf. Gleich predigten alle Mönche in Aachen, Jülich und Köln von öffentlicher Kanzel diese Geschichten, lästerten, schimpften und warnten das Volk vor dem Erzhexenmeister und Lutheraner Trenck.

Diesen Vorfall benutzte ich bei einer anderen Gelegenheit, die ich selbst wohlbedächtig veranstaltete.

Ich ging in den ungeheuren Waldungen der Grafschaft Montjoye auf die Wolfsjagd und lud Bauern und Bürger hierzu ein. Wir machten am ersten Tage einige kleine Triebe, gegen Abend aber ging ich mit einem Schwarme von mehr als vierzig Schützen in die einsame Kohlenbrennerhütte schlafen; Wein und Branntwein war in Vorrat da.

Abends sagte ich: »Kinder, ein jeder muß jetzt sein Gewehr ausziehen oder ausschießen und frisch laden, damit morgen kein Gewehr auf einen Wolf versagt und sich niemand entschuldigen kann.« Dies geschah, und alle Flinten und Büchsen wurden in eine Nebenkammer gesetzt, dann wurde getanzt, gefressen und gesoffen. Indessen schlichen meine Jäger in die Kammer und zogen alles Blei aus den Röhren; luden frisch, aber blind und manchem doppelte Ladung, um ihm eine gute Ohrfeige zu geben. Einige kennbare Kugeln oder gehacktes Blei steckte ich in meine Tasche.

Am Morgen folgte mir der ganze Schwarm auf die Jagd, unterwegs fingen einige von denen, die mein Geheimnis wußten, an, von meinen Hexereien, von Nebel und Festmachen mit den Bauern zu sprechen. Ich wandte mich um und fragte: »Was schwätzt ihr da?« – Mein Jäger antwortete: »Niemand will glauben, daß Euer Gnaden Kugeln auffangen können.« – Ich lächelte und rief einem zu: »So probiere und schieß auf mich.« Er wollte nicht, mein Jäger riß ihm das Gewehr aus der Hand und schoß. Ich parierte mit der Hand und rief: »Wer probieren will, der schieße, aber einer nach dem andern.« – Gleich ging das Feuer los. Ich machte allerhand Wendungen dabei und ließ sie alle schießen. Wohl zu bemerken, daß ich vollkommen sicher war, weil meine Leute im Hinausgehen wohl beachteten, daß niemand etwas an der vermeinten Ladung verändern konnte. Einige bekamen von der heimlich angebrachten doppelten Ladung solche Stöße, daß sie mit Schrecken zu Boden fielen und den Zauberer erstaunt betrachteten. Nun trat ich vor und hielt in der Sand einige kennbare Kugeln und gehacktes Blei mit den Worten: »Sucht heraus, was einem jeden zugehört.«

Hier stand ich unbewegt, einer nach dem andern nahm sein Gewehr über die Achsel und schlich nach Hause. Ich behielt nur wenige bei mir und machte mit ihnen eine glückliche Jagd.

Am Sonntag predigten schon die Mönche in Aachen und im ganzen Lande von meiner Schwarzkünstlerei, und alle Augenzeugen dieser Begebenheit schwören noch heute, daß sie auf mich geschossen haben, daß ich ihr Blei mit der Hand auffing und ihnen zurückgab.

So wird die dumme Welt betrogen. Und eben hierdurch schwört jedermann in der Gegend von Aachen, Jülich, Mastricht und Köln, daß sich der Trenck festmachen und Kugeln parieren kann. Dieses Vorurteil hat mir in der Folge wohl zehnmal mein Leben gerettet, da mich alle Pfaffen von der Kanzel in einem Lande vogelfrei erklärten, das von Straßenräubern wimmelte, und wo in einem Jahre 160 Menschen lebendig gerädert, gevierteilt und verbrannt wurden, und wo man für einen Dukaten einen Menschen in die andere Welt expedieren lassen kann.

Nun folgt in diesem Zusammenhange die wunderbarste Geschichte, wie ich in einer solchen Gegend, in einer Stadt, wo 23 Klöster, Kirchen und Domkapitel herrschen, wo das Volk den Mönch wie einen Gott verehrt, dennoch etliche Jahre hindurch mein Leben wunderbar erhalten habe.

»Der mazedonische Held« hatte schon die ganze Pfafferei gegen mich empört. Ich schrieb im Jahre 1772 in Aachen die Wochenschrift: »Der Menschenfreund«, in der ich ungescheut dem Aberglauben die Larve vom Gesicht riß. Damals war es wirklich Verwegenheit, und so predigten auf einmal der Erzpriester und neun andere Pfaffen an einem Sonntage mit Nennung meines Namens, daß ich ein Zauberer und Freigeist sei, den jedermann Gott und der Kirche zu Ehren ermorden darf. Der Jesuit Pater Zünder erklärte mich gar für vogelfrei. Und es wurde der Tag bestimmt, wo vor meinem Hause meine Schriften verbrannt, mein Haus geschleift und alle Einwohner desselben vertilgt werden sollten.

Meiner Frau wurden Briefe zugesteckt, sie sollte sich mit den Kindern flüchten und in Sicherheit bringen. Dies geschah mit Furcht und Schrecken. Ich aber blieb nebst zwei Jägern und 84 geladenen Flinten, die ich auf die Galerie vor dem Fenster hinaussetzte, damit niemand an meiner ernsthaften Verteidigung zweifeln könne. Ich wohnte dem Rathause gegenüber. Der Tag des bestimmten Angriffs rückte heran, und Pater Zünder mit meinen Schriften in der Hand nebst allen Studenten der Stadt waren bereit zum Angriffe.

Die anderen Mönche hatten den Pöbel und die Zünfte aufgewiegelt, der Generalsturm sollte beginnen – weil ich mich aber an der mit Gewehren gespickten Galerie sehen ließ, hatte niemand das Herz, sich auf dem Markte zu zeigen.

So verging Tag und Nacht – und nichts geschah.

Am Morgen brach zufällig Feuer in der Stadt aus; anstatt mich zu fürchten, eilte ich mit meinen zwei Jägern, aber heimlich wohl bewaffnet zu Hilfe – machte ein Spalier mit Wassereimern, und alles war mir gehorsam. Auf der andern Seite tat Pater Zünder mit seinen Studenten dasselbe. Ich näherte mich ihm allgemach und schlug ihm mit einem ledernen Wassereimer auf die geweihten Ohren, als ob es zufällig geschehen wäre, und niemand wagte, mich anzugreifen. Ich ging mitten durch den Schwarm, ohne die mindeste Scheu zu zeigen; alles nahm den Hut ab, lachte und sagte: »Guten Tag, Herr Trenck!« – So denkt, so handelt der Pöbel, da, wo er sich nicht gefürchtet sieht. Das Volk in Aachen ist fanatisch dumm, aber zu feig, um jemanden zu ermorden, der noch freie Hände zur Gegenwehr hat.

Nach dieser Begebenheit war alles ruhig. Unweit Heerlen, da ich nach Mastricht ritt, pfiff mir eine Kugel im Hohlwege an den Ohren vorbei, unfehlbar war sie von Pfaffen abgedrückt.

Bei Kloster Schwarzenbruck, wo ich auf der Jagd war, lauerten aber drei Dominikaner auf mich hinter einer Hecke; der Platz war mir von einem ihrer Kollegen, der öfters mit mir auf die Jagd ging, verraten worden. Ich war mit meiner Doppelflinte auf meiner Hut; kam nahe heran, wurde sie gewahr und rief ihnen mit schrecklichem Tone zu: »Schießt, Schurken! aber schießt ihr mich tot, so soll euch der Teufel das Licht halten!« – Sie liefen vor Schreck alle drei davon: einer schoß und streifte mir den Hut nahe am Kopfe; ich schoß und einer stürzte zu Boden. Sie trugen ihn weg – er war tödlich verwundet, ist aber wieder geheilt worden und gleich darauf mit einer Kuhmagd durchgegangen.

Mit Gift konnten sie mir nicht beikommen: ich aß nirgends als zu Hause. Im Jahre 1774 wurde ich aber auf dem Wege nach Spa im Limburgischen von acht Straßenräubern angegriffen. Es war Regenwetter, meine Flinte steckte im Futteral, und um das Gefäß meines türkischen Säbels war zufällig die Schnur gezogen, so daß ich ihn in Eile nicht ziehen konnte und mich mit der Scheide schützen mußte. Ich sprang aus dem Wagen, schlug vor mir alles mit tödlichen Streichen nieder; mein treuer Jäger aber schützte mich von hinten – so machte ich mir Platz, sprang in den Wagen und eilte davon. Kurz darauf wurde einer von diesen Kerlen gehenkt und sagte aus, ihr Beichtvater habe ihnen ewigen Ablaß versprochen, wenn sie mich totschlügen. Erschießen könne mich niemand, weil mich der Teufel festmache.

Bei meiner Monarchin war nun auch nichts mehr für mich zu hoffen, da der Beichtvater mich bereits als einen Erzketzer geschildert hatte. – Nicht genug! ganz Wien wurde durch Blendwerk überzeugt, ich sei ein unruhiger Kopf und ein höchst gefährlicher Mann im Staate. Indessen konnte niemand hindern, daß mir meine Schriften viel Geld eintrugen und in ganz Deutschland mit großem Beifall verbreitet wurden. Die Aachener Zeitung stieg im ersten Jahre so weit, daß für das zweite Jahr gegen viertausend Exemplare bestellt wurden, und für jedes hatte ich einen Dukaten reinen Gewinnst.

Ich kannte die meisten Höfe und Staatsverbindungen und stand mit den größten Männern in Korrespondenz; folglich konnte ich, anstatt geschehene Dinge anzukündigen, die künftigen voraussagen; dabei war mein Vortrag angenehm und in Staatssachen allezeit zweideutig, so daß die Folgen meist auf meine Vorspiegelung gedeutet werden konnten.

Meine Souveränin schrieb an den Reichsoberpostmeister und bat ihn, daß er die so gefährliche »Aachener Zeitung« in allen seinen Postämtern verbieten sollte. Ich erhielt Wind davon und hörte mit dem neuen Jahre selbst auf, schrieb aber indessen ein kleines Traktat über die Teilung Polens, das Beifall fand, mir aber auch neue Feinde auf den Hals lud.



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