Friedrich von der Trenck
Des Freiherrn von der Trenck seltsame Lebensgeschichte
Friedrich von der Trenck

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Siebentes Kapitel

Ich floh Wien, und wollte Gott! ich wäre auf ewig geflohen! Mein Schicksal führte mich aber durch Umwege wieder dahin, wo ich schon von der Vorsehung zum Gefäß des Zornes, der Ungerechtigkeit und der Verfolgung bestimmt war. Meine Rolle sollte in Europa und nicht in Asien gespielt werden. Deshalb traf ich auf meiner Reise in Nürnberg das russische Korps an, das damals nach Holland marschieren und auf deutschem Boden Frieden machen sollte. General Lieven, ein Verwandter meiner Mutter, war der kommandierende General; Major Butschkow, den ich in Wien als russischen Residenten kennengelernt, überredete mich, ihm meine Aufwartung zu machen und stellte mich vor. Mein Vortrag gewann sein Herz; von diesem Augenblicke an war er mein Freund und Vater. Er überredete mich, in russische Dienste zu gehen, und ernannte mich zum Hauptmann im Tobolskischen Dragonerregiment. Ich mußte aber bei ihm bleiben, in seiner Kanzlei arbeiten, und sein Vertrauen, seine Achtung für mich waren unbegrenzt.

Der Friede erfolgte. – Wir marschierten nach Rußland ohne Schwertstreich zurück und blieben mit dem Hauptquartier zu Prosnitz in Mähren.

Hier begegnete mir ein Zufall, den ich mir selbst zuzog, und den ich allein deshalb erzähle, weil er mir zur Warnung für meine ganze Lebenszeit gedient hat. In Prosnitz, wo wir Winterquartier hielten, war am Krönungstage der Kaiserin Elisabeth ein Fest bei dem kommandierenden General Lieven, wo der Medikus der Armee am Pharaotische eine Bank hielt.

Mein ganzes Vermögen bestand damals in 22 Dukaten; Gewinnsucht, oder die Gesellschaft, oder vielleicht die Begierde, meinen Zustand zu verbessern, lockten mich herbei, und mein Vorsatz war, nur zwei Dukaten zu wagen. Ich verlor sie, wollte sie wieder zurückgewinnen, und in kurzer Zeit hatte ich keinen mehr im Beutel. Schamrot und bestürzt über meine Torheit ging ich nach Hause; es blieben mir noch ein paar schöne Pistolen übrig, für die mir der General Woyekow 20 Dukaten geboten hatte. Auf den Verkauf derselben stützte ich den Ersatz meines Verlustes, nahm sie von der Wand, und da alles in der Stadt, wo Russen lagen, aus den Fenstern Freudenschüsse tat, feuerte ich gleichfalls tapfer mit. Nach etlichen Schüssen zersprang mir eine in Stücken, so daß ich beinahe die Hand hätte verlieren können, und ein Stück vom Schlosse verwundete meinen treuen Bedienten an der Backe. Im Augenblicke entstand in mir ein Kleinmut, den ich noch nie empfunden hatte, und es fehlte nicht viel, daß ich die andere im ersten Feuer des verdienten inneren Vorwurfs auf meinen Kopf losgedrückt hätte. – Ich dachte nach, faßte mich wieder und fragte meinen Bedienten, wie viel Geld er habe; er gab mir drei Dukaten, und hiermit ging ich mit dem wirklich gefühlten Leichtsinne eines verzweifelten Spielers über den Markt, abermals nach dem Ball des Generals Lieven, fing wieder an zu spielen und verlor fast keine Karte mehr. Sobald ich mein Geld zurück hatte, steckte ich's in den Beutel, spielte mit dem Gewinne fort und debankierte wirklich den Herrn Doktor. – Es war eine neue Bank gemacht, auch diese geriet größtenteils in meine Hände, so daß ich gegen 600 Dukaten Gewinn nach Hause trug.

Von diesem Augenblicke an faßte ich nach reiflicher Ueberlegung den ernsthaften Entschluß, kein Hasardspiel mehr zu wagen; und ich habe mein Gelübde auch, da ich in der Folge reich wurde, wirklich bis zum grauen Haare heilig gehalten.

Ich sah Offiziere der besten Art am Spieltische erst ihr eigenes Geld, dann aber auch die ihnen anvertrauten Kompaniegelder verlieren, wodurch sie kassiert und lebenslang unglücklich wurden. Vielleicht hätte ich in Prosnitz eben das gewagt, wenn ich eine Kasse in Händen gehabt hätte – – man meide den ersten Schritt, sonst geht es im Spiel ebenso wie in der Liebe.

In Krakau schickte mich der kommandierende General Lieven, mein besonderer Protektor, mit 140 Kranken auf der Weichsel nach Danzig, von wo aus wir mit russischen Schiffen nach Riga transportiert wurden.

Ich bat ihn um diese Gnade, weil ich gerne meine Mutter und Geschwister in Preußen sprechen wollte. Bei unserer Ankunft in Elbing übergab ich mein Kommando dem Leutnant von Platen und ritt nebst einem Bedienten in das Bistum Ermeland, wo ich in einem Grenzdorfe die Zusammenkunft bestimmt hatte.

Hier widerfuhr mir aber eine Begebenheit, die mich beinahe das Leben gekostet hätte. Die Preußen hatten einige Tage zuvor einen Bauerssohn aus diesem Dorfe als Rekruten fortgeschleppt. Alles war in Gärung; ich trug lederne Hosen und den blauen russischen Dragonerrock. Man hielt mich für einen Preußen; die Bauernburschen tanzten, ich ging vor die Tür hinaus, im Augenblicke aber fielen etliche mit allerhand Mordprügeln über mich her. Ein von ungefähr daselbst eingekehrter Jäger und der Wirt kamen mir zu Hilfe. Mein eigener Bedienter im Zimmer kroch aber mit den Pistolen in der Hand in den Backofen. Zwei hielt ich bei den Köpfen fest und stieß sie auf das Steinpflaster unter dem Tore. Endlich halfen mir die zwei Schutzengel aus dem Gedränge; ich erhaschte ein Stück Holz, und wir wurden Meister vom Schlachtfelde. – Indessen habe ich einige Mordschläge in den Nacken, einen auf den linken Arm, und einen andern über die Nase bekommen, wobei das Nasenbein zerschlagen wurde. In dieser betrübten Lage rief mir der Wirt zu, ich solle eiligst fliehen, ehe das ganze Dorf zusammenkäme und mich unfehlbar erschlüge. Mein tapferer Bedienter kroch aus dem Ofenloche heraus, wir warfen uns auf die Pferde und ritten davon.

Im nächsten Dorfe ließ ich mich verbinden, der Kopf und die Augen waren verschwollen: ich mußte also zwei Meilen weit in diesem Zustande bis in das Städtchen Ressel reiten: dort fand ich einen geschickten Chirurgen, der mich innerhalb acht Tagen soweit herstellte, daß ich nach Danzig zurückkehren konnte. Unterdessen kam mein Bruder in Ressel zu mir, meine rechtschaffene Mutter hingegen hatte das Unglück, auf der Reise zu mir unweit ihres Gutes umgeworfen zu werden, brach den Arm, kehrte mit meiner Schwester zurück, und ich habe sie in der Welt nicht wiedergesehen.

Nun war ich in Danzig bei meinem Krankentransport. Hier ereignete sich eine Begebenheit, die eine der merkwürdigsten meines Lebens ist, und die mir noch Freude macht, so oft ich an diese Szene denke.

Ich machte daselbst Bekanntschaft eines preußischen Offiziers, der ein geborener Preuße war, dessen Namen ich aber hier seiner Familie wegen nicht nennen will, weil ich sie verehre. Dieser besuchte mich täglich, und wir ritten bei schönem Wetter oft in die Vorstädte spazieren.

Mein treuer Bedienter hatte Freundschaft mit dem seinigen gemacht. – Wie erstaunte ich aber, da derselbe mir eines Tages mit Freude und Verwirrung sagte: »Herr! Hüten Sie sich vor der Falle, die Ihnen gelegt wird. Der Leutnant N*** will Sie vor das Tor locken, sodann fangen, in den Wagen werfen und den Preußen in die Hände liefern.« – Ich fragte, woher er das wisse: er gab zur Antwort, der Bediente des Offiziers habe ihn davon benachrichtigt, weil er mich lieb habe und mich vor Unglück warnen wolle.

Nun kam ich bald hinter das Geheimnis: ein paar Dukaten entdeckten mir den ganzen Anschlag.

Der preußische Resident Reimer hatte den Leutnant überredet, das größte Schelmenstück an mir, seinem Freunde und Wohltäter, auszuüben.

Er sollte mich nämlich in die Vorstadt Langfuhr hinauslocken. – Dort liegt an der Straße ein Wirtshaus auf preußischem Grund und Jurisdiktion; hier sollten acht Werbeunteroffiziere im Hofe auf mich lauern. Sobald ich in das Haus treten würde, sollte ich überfallen, in einen Wagen geworfen und nach Lauenburg in Pommern geführt werden. Zwei Unteroffiziere waren beritten, um den Wagen bis an die Grenze zu begleiten, und die andern hätten mich geknebelt, damit ich im Danziger Territorium nicht hätte um Hilfe rufen können.

Durch meinen treuen Bedienten erfuhr ich nun genau alle gemachten Vorkehrungen: ich wußte auch, daß meine Feinde nur mit ihren Säbeln bewaffnet, ohne Schießgewehr mich hinter dem Tore des Wirtshauses erwarten würden, um mir sogleich in die Arme zu fallen und alle Gegenwehr zu hindern. Die berittenen zwei Unteroffiziere sollten sich aber meines Bedienten bemeistern, falls er mit den Pferden davonsprengen und Lärm machen wollte.

Nun hätte ich alle diese Anstalten leicht zunichte machen können, denn ich durfte nur den Spaziergang abschlagen, wenn er mir angeboten würde. – Mein Ehrgeiz reizte mich aber zu tun, was wirklich geschah, um mir zugleich selbst an den Verrätern eine entzückende Genugtuung zu verschaffen.

Gegen Mittag erschien nun Leutnant N***, speiste bei mir wie gewöhnlich und war tiefsinnig, auch ernsthafter als sonst, ging gegen vier Uhr weg, nachdem ich ihm vorher versprechen mußte, am folgenden Tage früh mit ihm nach Langfuhr zu reiten. Meine positive Zusage machte seine Gesichtszüge fröhlich, denn ich beobachtete den Verräter genau, dessen Schicksal schon in meinem Herzen beschlossen war. Kaum war er fort, so ging ich zu meinen Leuten, wählte sechs Mann und führte sie im Dunkeln dem preußischen Wirtshause gegenüber, wo sie sich im Korn versteckten und Befehl hatten, auf den ersten Schuß mit gespanntem Gewehr mir zu Hilfe zu eilen (diese Gewehre führte ich ihnen heimlich im Wagen hinaus); dann sollten sie alles fangen, was sie könnten, bei Gegenwehr aber Feuer geben.

Durch aufgestellte Kundschafter erfuhr ich früh um vier Uhr schon alles, auch, daß der preußische Resident Reimer mit Postpferden hinausgefahren war.

Ich selbst hatte meine und meines Bedienten Pistolen sicher geladen, meine Terzerole in der Tasche und meinen türkischen Säbel bereit. Dem Bedienten des Leutnants hatte ich versprochen, ihn zur Dankbarkeit in meine Livree aufzunehmen, und ich war seiner Redlichkeit versichert.

Gegen sechs Uhr früh trat nun der Herr Leutnant mit fröhlichen Blicken in mein Zimmer, lobte das schöne Wetter und versicherte mir viel Vergnügen bei einer schönen Wirtin in Langfuhr.

Ich war gleich fertig: wir setzten uns zu Pferde und ritten jeder mit seinem Bedienten zum Tore hinaus.

Wir waren noch etwa 300 Schritt von dem Wirtshause entfernt, wo man auf mich lauerte, als mein edler Freund mich aufmunterte, bei so schönem Wetter zu Fuße zu gehen und die Pferde führen zu lassen; vermutlich, damit ich sicherer zu fangen wäre. Gleich war ich bereit; stieg vom Pferde und sah des Verräters Auge bei gesicherter Beute vor Freude funkeln.

So gingen wir vorwärts; im Wirtshause lag der Herr Resident von Reimer im Fenster – rief mir zu: »Guten Morgen, Herr Hauptmann! herein, herein da! soeben ist das Frühstück fertig.« – – –

Ich lachte ihn höhnisch an und antwortete: »Ich habe keine Zeit!« und ging weiter. – Mein Führer wollte mich nötigen, nahm mich beim Arm, um mich hineinzuführen. Nun verließ mich die Geduld, und ich gab ihm eine Ohrfeige, daß er fast zur Erde sank, sprang hierauf nach meinen Pferden zurück und wollte aufsitzen.

Gleich prellten die Preußen aus dem Tore heraus und liefen mit Geschrei auf mich los: – ich schoß aber dem ersten, der sich mir näherte, auf die Haut. In eben dem Augenblick brachen meine Russen hervor und schrien mit gespanntem Gewehr: – »Stuy, stuy, Jebionnamat!« – Den Schrecken der wehrlosen Preußen, die unerwartet überfallen wurden, kann man sich leicht denken. Alles lief davon: – ich bemeisterte mich in der ersten Bestürzung des Anführers; sprang in das Haus, um den Residenten zu fangen; dieser wischte aber zur Hintertüre hinaus und ließ mir seine weiße Perücke zurück. Meine Russen hatten indessen vier Gefangene gemacht. Gleich ließ ich meine Mannschaft die Straße besetzen und einem jeden fünfzig Prügel geben. Ein Fahnenjunker, namens Casseburg, gab sich zu erkennen, sagte, daß er mit meinem Bruder studiert habe und bat um Gnade, weil er zu diesem Straßenraub beordert wäre. Sein Vortrag rührte mich und ich ließ ihn gehen. Hierauf zog ich den Degen und rief dem Leutnant zu, er solle sein Leben verteidigen. Der Mensch aber war so bestürzt, daß er den Degen zog, aber nur um Verzeihung bat, alles auf den Residenten schob und sich gar nicht verteidigen konnte. Zweimal warf ich ihm den Degen aus der Hand: endlich nahm ich den russischen Korporalstock und prügelte ihn, so lange ich konnte, ohne daß er an Gegenwehr dachte. Nachdem ich ihn übel zugerichtet hatte, verließ ich ihn, kniend auf der Erde zu meinen Füßen – rief ihm zuletzt zu: »Schurke! Jetzt erzähle deinen Kameraden, wie der Trenck Straßenräuber zu züchtigen weiß!«

Das Volk war indessen zusammengelaufen; ich erzählte ihm kurz den Vorfall, denn der Angriff war wirklich auf Danziger Gebiete geschehen. Die elenden Menschen wären beinahe vom Pöbel gesteinigt worden. Ich hingegen marschierte mit meinen Russen siegreich vom Schlachtfelde, aber gleich in den Hafen. Wir gingen zu Schiffe, das bereits unser wartete, und drei oder vier Tage hernach mit meinem ganzen Kommando unter Segel nach Riga.

Nach der Hand habe ich erfahren, daß der große Friedrich durch den unfehlbar falschen Bericht des Residenten Reimer gewaltig gegen mich aufgebracht war, und die Folge hat gezeigt, daß sein Zorn mich in allen Winkeln der Erde suchte, bis ich endlich drei Jahre nach dieser Begebenheit dennoch in Danzig in seine Hände geriet und mit allen möglichen Martern bestraft wurde, die eine gerechte Notwehr gewiß nie verdiente.

Nun war ich in offener See auf der Reise nach Riga, hatte viel gegessen, ehe ich zu Schiffe ging: wir waren kaum von der Danziger Reede abgesegelt, so stieg ein Wetter auf, es stürmte gewaltig. Ich arbeitete die halbe Nacht mit, wurde seekrank, legte mich auf mein Lager, war aber kaum eingeschlummert, als mich der Schiffer weckte und die vergnügte Botschaft brachte, daß wir sogleich in den Hafen von Pillau einlaufen würden. Wie erschrak ich über diese Nachricht! Ich lief auf das Verdeck, sah die Festung vor mir und die Lotsen bereits nahe an unserem Schiffe. Hier war nun kein anderes Mittel, als im Sturm mit Gefahr See zu halten, oder in preußische Hände zu geraten, weil mich die ganze Garnison in Pillau persönlich kannte.

Ich redete dem Schiffer zu, er solle das Schiff in die hohe See wenden und nicht einlaufen. Er wollte durchaus nicht. Ich eilte in das Schiffszimmer, ergriff meine Pistolen, trat an das Steuerruder und zwang ihn mit Bedrohung des Todes, die See zu halten.

Meine Russen fingen an zu murren, keiner wollte im Sturm der Gefahr entgegengehen, aber keiner wagte mich anzugreifen; die Pistolen schreckten, und meine beiden Bedienten standen mir redlich bei.

Kaum hatten wir eine halbe Stunde mit dem Sturme gekämpft, so legte er sich, und wir liefen am folgenden Tage glücklich in den Hafen von Riga ein.

Der Schiffer war aber unversöhnlich und verklagte mich bei dem damaligen Gouverneur, dem allen ehrwürdigen Feldmarschall Lascy. Ich mußte erscheinen und verantwortete mich mit der trockenen Wahrheit, worauf der Gouverneur erwiderte, ich hätte aber durch meine Tollkühnheit können Ursache sein, daß 160 Russen ersoffen wären, worauf ich lächelnd antwortete: »Euer Exzellenz, ich habe sie alle lebendig hierhergebracht, und für mich war es ratsamer, in die Hände Gottes, als in die Hände meiner Feinde zu geraten: überdies dachte ich in eben dem Augenblick, da ich mich für meine Selbsterhaltung entschloß, gar nicht an die Gesellschaft, die bei mir war, und ich wußte auch, daß sie alle Soldaten sind, die den Tod so wenig fürchten, als ich.«

Die Antwort gefiel, ich war absolviert, und der edle Greis gab mir selbst eine Empfehlung nach Moskau an den Kanzler mit.

Kaum war ich etliche Tage in Moskau, so begegnete ich dem Grafen Hamilton, der als Rittmeister vom Regiment Bernes in Wien mein Freund war, und dessen General damals als kaiserlicher Botschafter am russischen Hofe akkrediert war.

Eben dieser Graf Bernes war im Jahre 1743 kaiserlicher Gesandter in Berlin, als ich bei dem großen Friedrich in höchster Gnade stand, und hatte mich daselbst schon bei Hofe persönlich gekannt. Hamilton stellte mich diesem echten und aufgeklärten Menschenfreunde vor, der nach einigen Unterredungen mich so lieb gewann, daß er mir von russischen Diensten abreden und mit bester Empfehlung nach Wien schicken, mir auch eine Kompanie bei seinem Regimente geben wollte. Meines Vetters Schicksal hatte mich aber bereits abgeschreckt, und ich wäre damals lieber nach Indien als nach Oesterreich gereist.

Der Gesandte lud mich zum Essen ein, und sein Busenfreund, der englische Gesandte Lord Hyndford, war gleichfalls bei der Tafel.

Welch ein Glück für mich! Dieser erhabene Staatsmann kannte mich genau aus Berlin und war gegenwärtig, als mich der König mit dem Ausdruck beehrte: »C'est un matador de ma jeunesse!« Er wußte, wozu ich taugte und fähig war; und da er Menschen kannte, auch zu suchen und zu prüfen wußte, so war er auch mein Freund, mein Vater und Lehrer. Er nahm mich gleich auf die Seite und fragte mich: »Was machen Sie in diesem Lande, Trenck?« »Ich suche Brot und Ehre,« war meine Antwort, »weil ich in meinem Vaterlande beides verlor, ohne ein Verbrechen begangen zu haben.« – Er fragte weiter: »Haben Sie Geld?« – »Nein: mein ganzes Vermögen, das ich gegenwärtig besitze, besteht in ungefähr 30 Dukaten.«

»Nun,« sagte er, »folgen Sie meinem Rate, Sie besitzen alle Eigenschaften, um in Rußland ein großes Glück zu machen. Man verachtet aber hier den Armen, und sieht nur auf den äußern Glanz, ohne auf Verdienste noch Talente und Fähigkeiten zu achten. Sie müssen reich scheinen; ich werde Sie nebst Bernes in die hiesigen großen Gesellschaften einführen und in allem unterstützen, was Sie brauchen. Schöne Livree, Handpferde, Brillanten auf den Fingern; in Gesellschaften groß mitspielen, stolz, trotzig mit den Ministern sprechen, bei den Damen frei sein und sich Ihrer natürlichen Gaben bedienen, um gefällig zu werden. – Dieses sind die Mittel für einen Fremden, um hier alles zu erhalten, was man will. Für alles Uebrige lassen Sie mich sorgen.«

Nun wurde ich sogleich in allen Gesellschaften, nicht als ein fremder Dienstbettler oder Tobolskischer Hauptmann, sondern als der künftige Millionenerbe des reichen Trenck in Ungarn, als ein ehemaliger Liebling des Königs von Preußen, zugleich auch als ein würdiges Mitglied der ersten Gelehrten vorgestellt.

Ich verfertigte ein Gedicht auf den Krönungstag der Kaiserin Elisabeth; Hyndford wußte es anzubringen, stellte mich sodann selbst neben dem Kanzler der Monarchin vor, die mich aller Gnade versicherte, mich selbst dem Kanzler empfahl und mit einem goldenen Degen, der 1000 Rubel wert war, beschenkte.

Da ich zugleich in der Ingenieurkunst sehr fein zeichnete und freien Zutritt sowohl in des Kanzlers Hause, als auch im Kabinette hatte, arbeitete ich mit dem Oberstleutnant Oettinger, der damals der erste Architekt in Rußland war. Ich zeichnete den eben neu zu erbauenden Bestuscheffschen Palast in Moskau im verschobenen Perspektiv so schön, daß ich mir allgemeine Ehre erwarb, und war noch nicht einen Monat in Rußland, als ich bereits mehr Ehre, mehr Achtung genoß, mehr Nationalkenntnisse besaß, mehr Bekanntschaften hatte, als viele, die jahrelang in Hauptstädten verschwendeten.

Lord Hyndford war mein Vater, mein treuester Führer. Ihm brachte ich an jedem Tage redliche Nachricht von meinen Handlungen und Beschäftigungen. Er gab sich die Mühe mich zu unterrichten, und da er in Staatsgeschäften grau wurde, und in mir den Keim zur Erweiterung dieser Kenntnisse entdeckte, so habe ich ihm allein das Licht zu danken, wozu er in mir die ersten Funken anfachte. Er kannte die Ränke aller europäischen Höfe, alle Familien- und Parteikabalen, die Schwächen der Monarchen, auch die Triebfedern aller Regierungsformen: von ihm lernte ich Rußland aus dem Grunde kennen. Des großen Peters Entwürfe für die Zukunft waren ihm bekannt; den schlesischen Frieden im Jahre 1742 hatte er gemacht. Er war Friedrichs vertrauter Freund und kannte sein Herz und alle Quellen seiner Größe genau; sein Verstand war durchdringend, seine Seele erhaben, britisch groß, ohne Nationalstolz; und seine praktische Weltkenntnis wußte das Gegenwärtige mit der Zukunft so zu verbinden, daß ich als sein aufmerksamer Schüler seit 36 Jahren fast alle Hauptrevolutionen im europäischen Staatskörper habe vorhersagen können. Und wenn ein Minister an irgend einem Hofe fiel, so konnte ich bestimmen, wer seine Stelle erhalten würde.

Hyndford bildete überhaupt mein Herz ganz republikanisch, lehrte mich den Wert erhabener Seelen schätzen, Tyrannen verachten, allen Schicksalen trotzen, nach wahrer Seelengröße streben, großen Gefahren mutig entgegengehen und nur solche Männer verehren, die Mut genug haben, sich dem Strome der Eigenmacht, des Fanatismus oder der Unwissenheit stolz entgegenzustellen.



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