Friedrich von der Trenck
Des Freiherrn von der Trenck seltsame Lebensgeschichte
Friedrich von der Trenck

 << zurück weiter >> 

Anzeige. Gutenberg Edition 16. Alle Werke aus dem Projekt Gutenberg-DE. Mit zusätzlichen E-Books. Eine einmalige Bibliothek. +++ Information und Bestellung in unserem Shop +++

Dreizehntes Kapitel

Man hatte indessen meine Schildwachen verdoppelt, um mir das Hilfesuchen schwerer zu machen. – – Gefhardt kam zwar wieder zu mir auf Posten, hatte aber kaum Gelegenheit, etliche Worte ohne Gefahr zu sprechen. Er dankte mir für die Verschwiegenheit, wünschte mir Glück und sagte, daß die Garnison in wenig Tagen ins Feld marschieren würde.

Wie erschrak ich bei dieser Nachricht; mein ganzer Entwurf zur Rettung war abermals vereitelt! Ich faßte aber bald frischen Mut, weil meine Minierung nicht entdeckt war und ich noch bei 500 fl. Geld, auch Vorrat von Licht, und alle Instrumente bei mir wohl versteckt hatte.

Es dauerte auch nicht acht Tage nach dieser Begebenheit, als wirklich der Siebenjährige Krieg losbrach und die Regimenter ins Feld rückten.

Der Major von Weyner kam zum letzten Mal herein und überlieferte mich dem neuen Major von der Landmiliz, namens Bruckhausen, welcher der größte Flegel und ärgste Dummkopf auf Erden war.

Nun verlor ich meine alten Majore und wachhabenden Leutnants, die mir alle ohne Ausnahme mit möglichster Achtung und Menschenliebe begegnet waren, und war ein alter Gefangener in einer neuen Welt.

Indessen wuchs mein Mut, weil ich wußte, daß sowohl Offiziere als Gemeine einer zusammengerafften Landmiliz leichter zu bestechen sind, als die regulären Soldaten. Hiervon fand ich auch bald als Menschenkenner die Gründlichkeit meiner Begriffe.

Es waren nur vier Leutnants erwählt, die in Bewachung der Sternschanze abwechseln sollten. Und es dauerte nicht ein Jahr, so hatte ich drei davon mit mir im Einverständnis. Kaum aber waren die Regimenter ins Feld gerückt, so erschien der neue Kommandant General von Bork in meinem Gefängnis, in Gestalt eines gebieterisch grausamen Tyrannen.

Es war ihm vom Könige ernsthaft aufgetragen worden, mit seinem Kopfe für meine Person zu haften; dagegen erhielt er Erlaubnis, mit mir zu verfahren, wie er wolle.

Nun war der Mann ein wirklicher Dummkopf; ein Mensch mit einem gefühllosen Herzen und ein materieller Sklave seiner Order, dabei aber schüchtern, furchtsam und mißtrauisch; folglich bebte sein Herz, so oft er die Sache für möglich hielt, daß ich aus seinen Fesseln entfliehen könnte. Uebrigens hielt er mich wirklich für den ärgsten Bösewicht und Vaterlandsverräter, weil sein Monarch mich so grausam verurteilte und so unbegrenzt mißhandeln ließ. Seine Barbarei gegen mich war demnach auf seinen Charakter und auf seine niedrige Seele gestützt.

Er trat also in mein Gefängnis, nicht als ein Offizier zu einem unglücklichen Offizier, sondern als ein Büttel zu einem Missetäter. Sofort erschienen Schmiede und legten mir ein handbreites ungeheures Eisen um den Hals, das mit einer schweren Holzkette an der Fußschelle befestigt wurde.

Außerdem wurden zwei leichte Nebenketten an dem Ringe desselben befestigt, wobei ich wie ein Bär an der Kette herumgerissen ward. Mein Fenster wurde zugemauert, bis auf ein kleines Luftloch, und endlich nahm er mir sogar mein Bett weg, gab mir kein Stroh, und verließ mich unter tausend Schmähworten auf meine Kaiserin, ihre ganze Armee und auf mich selbst, wobei ich ihm aber kein Wort schuldig blieb und ihn bis zur Raserei erbitterte.

Man stelle sich nun meine Lage in den Händen eines solchen Wüterichs vor! Mein Glück, meine einzige Hoffnung war noch, daß man das in der Fußschelle ausgefeilte Eisen nicht entdeckt hatte, folglich waren alle Ketten am Fußringe unbedeutend und zugleich abgelegt. An Instrumenten sowohl als an Licht, Feuerzeug und Papier hatte ich einen guten Vorrat. Und obgleich es unmöglich war, bei doppelten Schildwachen in den Graben hinauszubrechen, so blieb mir dennoch die Aussicht übrig, daß ich noch leicht einen wachhabenden Offizier durch Geld zu fernerer Hilfe gewinnen, und einen Erretter wie in Glatz finden könne.

Allgemach erhielt ich nämlich die Gelegenheit, allein mit den Offizieren zu sprechen, die sie endlich selbst suchten und auch fanden. Es waren nur drei Majore und Leutnants, die abwechselten, und die Bork hierzu ausgesucht und befehligt hatte.

Indessen war mein Zustand schrecklich. Mein Halseisen mit den ungeheuren Ketten hinderte mich in aller Bewegung, und losmachen durfte ich's noch nicht, bis ich nach etlichen Monaten die Stellen beobachtet hatte, wo man alles sicher glaubte und nie visitierte. Das Grausamste war, daß man mir das Bett genommen hatte. Ich saß also auf dem Boden, den Kopf an die feuchte Mauer gelehnt, und mußte die Fesseln am Halseisen beständig mit einer Hand halten, weil sie mich entweder würgten, oder hinten am Genick die Nerven drückten, folglich Kopfschmerzen verursachten. Da nun die Stange zwischen beiden Händen allezeit die eine hinunterhielt, wenn die andre, auf das Knie gestützt, die Halsfesseln erleichterte, so erstarrte mein Blut, und die Arme wurden so schwach, daß man sie wirklich schwinden sah. Man kann sich auch vorstellen, wie wenig ich in solcher Lage schlafen und ruhen konnte.

Endlich überwog das Ungemach meine Leibes- und Seelenkräfte, und ich verfiel in eine schwere Krankheit.

Der Tyrann Bork blieb unbeweglich und wünschte nur meinen Tod zu befördern, um der Sorge meiner Bewachung überhoben zu sein. Hier empfand ich erst, was eigentlich ein kranker Gefangener ohne Bett, ohne Erquickung, ohne Trost und Menschenhilfe ist. Die größte Seele, alle Vernunftschlüsse unterliegen da, wo der Gliederbau geschwächt wird; und mein damaliges Gefühl empört noch gegenwärtig mein Blut, wenn ich es auf diesen Blättern dem Leser schildern will.

Da ich aber einmal beschlossen hatte, mein Schicksal abzuwarten, männlich zu trotzen, auch noch immer Hoffnung zur möglichen Flucht vor mir sah, überdies wenn der Friede erfolgen würde, mich nicht ganz verlassen glaubte, so ertrug ich mehr als ein Weltweiser in meinem Falle erdulden sollte, der im Kerker Pistolen bei sich hatte.

Meine Krankheit dauerte fast zwei Monate. Ich wurde so schwach, daß mir kaum Kräfte übrigblieben, um meinen Wasserkrug an den Mund zu bringen. Wer kann sich denken, was ein Mensch leidet, der ohne Bett und Stroh, in schweren Fesseln an allen Gliedern zwei Monate lang auf der Erde im feuchten Kerker sitzt, der nichts als trockenes Kommißbrot und keinen Tropfen Suppe zur Labung erhält; den kein Arzt besucht, kein Freund tröstet, und der ohne Arznei und Menschenhilfe in solchem Zustande gesund werden muß?

Hitze und Kopfschmerz und der im Eisen angeschwollene Hals brachten mich zur Raserei, und in solchen Anfällen waren Füße, Hände und Leib wund gerissen. – – Genug hiervon! Der lebendig Geräderte, der ohne Gnadenstoß auf dem Rade sterben muß, empfindet gewiß nicht, was ich zwei ganze Monate hindurch fühlen mußte. Endlich erschien ein Tag, an den ich nur mit Schauer und Schrecken denken kann. Ich saß in der größten Hitze und Blutwallung, wo die Natur mit ihrer Zerstörung rang, und da ich trinken wollte, fiel mein Krug aus der Hand und zerbrach. Nun mußte ich 24 Stunden warten, ehe ich wieder zu trinken erhielt. In dieser schrecklichen Lage hätte ich meinen Vater ermordet, um sein Blut zu lecken. Gerne hatte ich zuletzt meine Pistolen hervorgesucht, die Kräfte fehlten aber, mein fest verwahrtes Loch aufzubrechen. Hauptsächlich aber hielt mich mein Ehrgeiz zurück; ich wollte nicht im Kerker sterben und wie jeder Schurke oder wirkliche Missetäter begraben werden.

Als man am folgenden Tage visitierte, hat man mich wirklich tot geglaubt, weil ich die Zunge aus dem Halse lechzend herausgestreckt, ganz in Ohnmacht da lag. Man labte mich, fand Leben, und o Gott! mit welcher Begierde verschlang ich das Wasser aus meinem Kruge!

Man füllte ihn von neuem, wünschte mir Glück, daß mich der Tod bald von meiner Qual erlösen würde, und ging wieder davon. Indessen hatte man in der Stadt so rührend von meinem Zustande gesprochen, daß sich alle Damen, auch die Stabsoffiziere der Garnison, vereinigten und den Tyrannen Bork bewogen, mir mein Bett wiederzugeben.

Wirklich ward ich von dem Tage an, da ich so bitteren Durst gelitten und so viel auf einmal trank, täglich stärker und bald wieder zu aller Menschen Erstaunen gesund.

Das Herz meiner Inspektionsoffiziere hatte ich gewonnen, und nach sechsmonatlichen schweren Leiden ging meine Hoffnungssonne auf einmal wieder für mich auf.

Ein Major vertraute dem Leutnant Sonntag die Schlüssel. Er kam allein zu mir; sprach vertraut, schüttete mir sein Herz aus, klagte über Schulden, Mangel und Not. Ich gab ihm 25 Louisdors, und hiermit war unsere Freundschaft, unser ewiges Bündnis geschlossen.

Allgemach wurden alle drei wachhabende Offiziere meine Freunde. Sie saßen stundenlang bei mir, wenn ein gewisser Major die Inspektion hatte, den ich gleichfalls ganz auf meine Seite zu ziehen wußte. Endlich kam es so weit, daß er selbst halbe Tage bei mir zubrachte.

Er war arm; ich gab ihm einen Wechsel auf 2000 fl., und hiermit war die Bahn gebrochen, um neue Unternehmungen anzufangen. Geld war notwendig? Ich hatte unter die Offiziere bald alles ausgeteilt, und in meiner Kasse waren nicht mehr 100 fl.

Sofort fand ich Gelegenheit, ein gutes Projekt auszuführen.

Des Hauptmanns von K***n, der Majorsdienste tat, ältester Sohn war kassiert, brotlos, und sein Vater klagte mir seine Not; ich schickte ihn zu meiner Schwester unweit Berlin. Diese gab ihm 100 Dukaten. Er kam zurück und brachte mir die Nachricht von ihrer Freude; er hatte sie auf dem Totenbette angetroffen, und sie schrieb mir in wenigen Zeilen, daß mein Unglück und die Berliner Verräterei im Jahre 1755 ihre Armut, und nunmehrige zweijährige Krankheit zuwege gebracht hätten. Sie wünschte mir Glück zur Rettung und empfahl mir ihre Kinder; sie ist aber wieder besser geworden, hat den Obersten von Pape zum zweiten Manne gewählt und starb im Jahre 1758. Ihre wahre Geschichte will ich nicht erzählen, weil sie der Asche Friedrichs keine Ehre macht und mein eigenes Herz durch neue Erinnerung an das Vergangene unversöhnlich machen könnte.

Nun kam K***n freudig mit Geld zurück. Alles wurde mit dem Vater verabredet. Ich schrieb an meine große Freundin, die Kanzlerin Bestuscheff, auch an den Thronfolger Peter nach Petersburg, empfahl den jungen Menschen bestens und bat um mögliche Hilfe für mich.

K***n reiste nach Hamburg, von da nach Petersburg, ward sogleich Hauptmann, bald darauf Major durch meine Empfehlung, handelte auch so redlich, daß ich wirklich durch einen Hamburger Kaufmann, den der alte K***n kannte und zur Korrespondenz gewählt hatte, 2000 Rubel erhielt, die mir die Kanzlerin schickte. Er selbst aber war in Petersburg für diesen Dienst reichlich beschenkt worden und hat sein Glück gemacht.

Dem ehrlichen alten K***n, der ein armer Teufel war, gab ich gleich 300 Dukaten, und er ist bis zum Grabe mein dankbarer Freund geblieben. Ebensoviel wurde allmählich unter die Offiziere ausgeteilt; und Leutnant Glotin trieb es gar so weit, daß er die Schlüssel dem Major zurückstellte, ohne meine Türen zuzuschließen, und halbe Nächte bei mir im Kerker zubrachte. Der Wache gab er von meinem Gelde zu trinken. So ging alles eine Zeitlang nach Wunsch, und der Tyrann Bork wurde betrogen.

Man steckte mir Licht zu, gab mir Bücher und Zeitungen zu lesen. Meine Tage verflossen wie Stunden, und ich schrieb, las und beschäftigte mich so gut, daß ich fast meinen Zustand vergaß.

Nur allein, wenn der dumme grobe Major Bruckhausen die Inspektion hatte, mußte alles behutsam zugehen. Der andere Major, namens Z***, ward auch allgemach mein Freund. Ich gewann ihn als einen Geizhals, weil ich ihm versprach, seine Tochter nach erlangter Freiheit zu heiraten, und ihm mit meiner Handschrift 10 000 fl. versicherte, falls ich im Kerker sterben sollte.

Endlich kam es so weit, daß mir der Leutnant Sonntag heimlich andere Handschellen machen ließ, die so groß waren, daß ich die Hände bequem herausziehen konnte. Dies konnte leicht geschehen, weil die Leutnants allein und kein anderer meine Eisen visitierten. Alles war dem alten ähnlich, und Bruckhausen war zu dumm, um etwas zu bemerken.

Alle übrigen Fesseln konnte ich nach Belieben ablegen. Wenn ich also meiner Gewohnheit nach Bewegungen machte, so hielt ich die Ketten in der Hand, machte damit eben das Gerassel und betrog so die aufpassenden Schildwachen.

Das Halseisen allein durfte ich nicht losmachen; es war auch viel zu kennbar angeschmiedet. Es wurde aber das obere Gelenk durchgeschnitten, so daß das nächste durchgezogen werden konnte, und auf bereits von mir gemeldete Art mit Brot vorsichtig zugeschmiert. Folglich konnte ich nach Belieben meine Fesseln alle ablegen und ruhig schlafen.

Kaltes Fleisch und Würste trug man mir gleichfalls heimlich zu; mithin war meine Lage ganz erträglich.

Nun fing ich auch an, für meine Freiheit zu arbeiten. Unter den drei Offizieren war aber leider keiner, der das Herz hatte, für mich zu tun, was Schell in Glatz tat, nämlich mit mir von der Wache fortzugehen. Das benachbarte Sachsen war in preußischer Gewalt, desto mehr Gefahr fand sich im Fliehen, und alle möglichen Vernunftschlüsse blieben bei solchen Leuten vergebens, die nichts wagen und ganz sicher gehen wollten. Der Wille war bei Glotin und Sonntag gut; aber der erste war eine feige Memme, und der andere ein Skrupulant, der hierdurch seinen Bruder in Berlin unglücklich zu machen glaubte.

Ich hatte doppelte Schildwachen: folglich war es unmöglich, durch mein Loch, das unter dem Fundamente seit zwei Jahren fertig war, vor den Füßen derselben auszukriechen, noch weniger die zwölf Fuß hohen Pallisaden vor den Augen der Wächter zu übersteigen.

Es ward demnach folgender Plan gemacht, der zwar Herkulesarbeit erforderte, aber gewiß möglich zur Ausführung war.

Der Leutnant Sonntag hatte ausgemessen, daß von dem Orte, wo ich das Loch in meinem Boden fertig hatte, bis in den Eingang zur Galerie im Hauptwalle 37 Fuß zu durchbrechen waren. Da nun mein Gefängnis daran stieß, so konnte ich unter den Fundamenten des Walles neben dem Graben bis in denselben fortarbeiten, und da der Grund aus feinem weißen Sande bestand, so war es um so möglicher.

Sobald ich in diese Galerie gelangen konnte, war meine Freiheit gewiß. Man unterrichtete mich, wieviel Schritte ich rechts und links zu gehen hatte, um in diesem Souterrain die Türe zu finden, die in den zweiten Wall führt. Dann hätte mir der Offizier an dem zu meiner Flucht festgesetzten Tage diese Türen heimlich geöffnet. Allenfalls hätte ich Licht, Brecheisen und Bohrer bei mir gehabt, um alle Hindernisse zu heben, und dann mußten mir Vorsicht und Geld weiter forthelfen.

Die Arbeit wurde also angefangen und dauerte über sechs Monate. Kaum hatte ich das Fundament hinter mir weggebrochen und das alte Loch damit gefüllt, so fand ich, daß der Hauptwall wirklich kaum einen Fuß tiefe Fundamente hatte, was ein Hauptfehler einer so wichtigen Festung ist.

Im Anfang ging das Werk vortrefflich; ich konnte in einer Nacht drei Fuß vorwärts arbeiten, so lange ich Raum hatte, den ausgegrabenen Sand wieder hineinzubringen.

Kaum war ich aber zehn Fuß vorwärts, so empfand ich erst die Beschwerden. Denn ehe ich anfing, mußte das Loch, wo ich hinunterstieg, mit der Hand ausgeleert werden, was schon etliche Stunden Arbeit erforderte. Dann mußte jede Handvoll Sand aus dem Kanal geholt werden, um auszuräumen und weiter vorwärts zu minieren. Alles lag auf einem Haufen im Gefängnis und mußte auf eben die Art, wie ich's herausgebracht, alle Tage wieder hineingeschafft werden.

Auf diese Art habe ich berechnet, daß ich, da ich einmal über 20 Fuß hineingearbeitet hatte, binnen 24 Stunden gegen 1500 bis 2000 Klafter in der Erde auf dem Bauche kriechen mußte, um den Sand heraus- und wieder hineinzubringen. War ich dann hiermit fertig, dann mußte erst jede Ritze in meinem Fußboden genau ausgeputzt werden, daß man beim Visitieren den schneeweißen Sand nicht bemerken konnte. Dann ward erst der aufgebrochene Boden und zuletzt die Fesseln in Ordnung gebracht. Wenn ich nun auf diese Art einen Tag gearbeitet hatte, war ich so abgemattet, daß ich stets die drei folgenden ruhen mußte.

Um weniger Raum zu bedürfen, war mein Kanal so enge gemacht, daß ich ganz eingezwängt kriechen mußte und nicht einmal die Hand auf den Kopf bringen konnte. Ueberdies mußte alles mit nacktem Leibe geschehen, weil man das schmutzige Hemd bemerkt hätte. Der Sand war auch ganz naß, weil man vier Fuß tief schon Wasser findet, wo der grobe rauschende Kiessand anfängt.

Endlich kam ich auf den Gedanken, mir Sandsäcke zu machen, weil ich diese geschwind heraus- und hereinbringen konnte. Die Offiziere steckten mir zwar Leinwand zu, die aber nicht hinlänglich war und bei etwaiger Entdeckung zu viel Aufsehen gemacht hätte, woher so viel Leinwand in meinen Kerker gekommen sei.

Ich griff also zuletzt mein Bett an, legte mich hinein, wenn Bruckhausen visitierte, als ob ich krank sei; zerschnitt Strohsack und Bettlaken und machte Sandsäcke.

Zuletzt, da ich mich dem Ausbruche näherte, war es fast nicht mehr möglich, mit der ungeheuren Arbeit fertig zu werden. Und oft saß ich in meinem Gefängnisse ermüdet auf meinem Sandhaufen, daß ich's unmöglich glaubte, alles wieder hinein zu schaffen, und wirklich beschloß, die Visitation abzuwarten, ohne mein Loch zuzumachen. Ja, ich kann versichern, daß mir in 24 Stunden nicht so viel Zeit übrigblieb, ein Stück Brot ruhig zu essen, wenn ich alles wieder in Ordnung haben wollte.

Kaum hatte ich aber eine Weile schwermütig gerastet, so munterte mich der bisher glückliche Fortgang auf, die letzten Kräfte zu wagen. Ich griff von neuem an, und wurde dennoch fertig, aber öfters kaum fünf Minuten vor dem Visitieren.

Da ich nun nur noch sechs bis sieben Fuß vom Ausbruche entfernt war, ereignete sich eine wunderbare Begebenheit, die alles vereitelte.

Ich arbeitete, wie gesagt, unter den Fundamenten des Walles neben dem Graben, wo die Schildwachen standen.

Alle meine Eisen konnte ich ablegen, nur das um den Hals blieb mit dem daran hängenden Haken fest und war im Arbeiten, wo ich's festband, losgegangen; sogleich hatte eine Schildwache das Klirren in der Erde, ungefähr fünfzehn Fuß weit von meinem Kerker gehört. Sie hatte den Offizier herbeigerufen; man legte das Ohr auf die Erde, und hatte mich darin die Säcke hin und her schieben gehört. Am folgenden Tage ward es gemeldet; der Major, der eben mein bester Freund war, trat nebst dem Platzmajor, einem Schmied und Maurer, herein.

Ich erschrak; der Leutnant winkte mir, daß ich verraten sei. Nun ging die Visitation an, – – kurz gesagt, die Offiziere wollten nicht sehen; der Schmied und der Maurer fanden alles ganz. Hätte man mein Bett visitiert, so wäre der halbe Strohsack und das Bettlaken vermißt worden.

Der Platzmajor war dumm und hielt die Sache für unmöglich. Er hatte also draußen der Schildwache, die mich belauscht, gesagt: »Du Esel! Hast einen Maulwurf, aber nicht den Trenck in der Erde gehört. Wie wäre es möglich, daß er so weit aus seinem Kerker arbeiten könnte?« Und hiermit ging alles fort.

Jetzt war es nicht mehr Zeit zu säumen. Wäre man einmal abends zur Visitation gekommen, so hätte man mich bei der Arbeit gefunden. So klug war aber niemand binnen zehn Jahren. Denn Kommandant, Platzmajor und Bruckhausen waren kurzsichtige, elende Menschen; die andern hingegen wünschten mir alle Glück und wollten nichts sehen.

Ich hätte schon drei Tage nach diesem Vorfalle ausbrechen können; da ich aber eben an des Bruckhausen, meines einzigen Feindes Inspektionstage entfliehen wollte, um ihm einen Streich zu versetzen, so hatte dieser Schuft mehr Glück als Verstand. Er war etliche Tage krank, und K***n mußte seinen Dienst verrichten.

Endlich erschien er beim Visitieren. Kaum war aber die Tür geschlossen, so griff ich zur letzten Arbeit, weil ich die letzten drei Fuß nicht mehr den Sand herausbringen durfte, sondern immer vorwärts zum Ausbruche arbeiten und denselben hinter mir durchwerfen konnte.

Man stelle sich vor, wie emsig ich wühlte.

Mein Schicksal wollte aber, daß eben die Schildwache, die mich vor etlichen Tagen in der Erde gehört hatte, wieder bei mir auf Posten stand.

Dieser, von Ehrgeiz gekitzelt, weil man ihn einen Esel geheißen und er mich dennoch gewiß gehört hatte, legt sich auf den Bauch und hört mich abermals hin und her kriechen. Er ruft die Kameraden, – sie melden es – der Major wird gerufen. Er erscheint; hört gleichfalls alles; geht jenseits der Pallisaden; hört mich nahe an der Tür wühlen, wo ich mich eben in die Galerie hinausarbeiten wollte. Sofort wird diese Tür geöffnet; man geht mit Laternen hinein und lauert auf den herauskommenden Fuchs.

Als ich nun von unten her den Sand wegarbeitete und die erste Oeffnung gewann, sah ich Licht, auch die Körper derer, die mich erwarteten.

Welcher Donnerschlag für mich! Ich war verraten; kroch also mit größtem Mühe durch den hintergewühlten Sand zurück und erwartete mein Schicksal mit Schrecken und Schauder; hatte aber dennoch die Geistesgegenwart, daß ich meine Pistolen, mein Geld, meine Instrumente, Papier, Licht, auch etwas Geld unter dem Fußboden verbarg, den ich jederzeit wieder durchschneiden konnte.

Mein meistes Geld war aber in verschiedenen in den Boden, auch in das Türgerüste eingebohrten und wieder gut zugeschmierten Löchern versteckt, und nichts wurde gefunden. Hin und wieder waren in den Ritzen des Bodens kleine Feilen, auch Messer verborgen.

Kaum war ich fertig, so rasselten die Türen. Man kam herein und fand den Kerker bis oben an mit Sand und Sandsäcken angefüllt. Die Handschellen aber, nebst den Stangen hatte ich in Eile angelegt, um sie glauben zu machen, daß ich mit ihnen in der Erde gearbeitet hätte. Sie waren auch dumm genug, alles zu glauben, und hierdurch gewann ich schon einen Vorteil für die Zukunft.

Niemand war geschäftiger dabei als der grobe dumme Bruckhausen. Er stellte viele Fragen; ich gab ihm keine Antwort, außer, daß ich ihm versicherte, daß vor etlichen Tagen schon der Ausbruch vollzogen wäre, wenn sein Glück ihn nicht hätte krank werden lassen. Und allein deswegen, weil ich ihm hätte den Possen spielen wollen, sei ich gegenwärtig unglücklich. – – Dies hat ihn auch wirklich so schüchtern gemacht, daß er in der Folge höflicher wurde und mich wirklich zu fürchten anfing, weil ich alles möglich zu machen wußte.

Die Nacht war da; es war unmöglich, den Sandhaufen hinauszuschaffen. – Der Leutnant und die Wache blieben also bei mir. Ich hatte große Gesellschaft, und am Morgen erschien ein Schwarm Arbeiter, die das innere Loch zuerst ausfüllten. Dann wurde es ausgemauert und die durchschnittene Bohle in des Fußbodens Oberfläche neu gemacht. Der Tyrann Bork kam gar nicht, weil er eben krank war; sonst wäre es mir viel ärger ergangen.

Am Abend desselben Tages waren die Schmiede auch schon mit ihrer Arbeit fertig. Alle Fesseln wurden schwerer gemacht als die ersten. Und anstatt der Schelle über den Fußeisen wurden diese mit Schrauben zusammengezogen und verschmiedet.

Alles übrige blieb beim alten. Bis zum folgenden Tage wurde noch am Fußboden gearbeitet. Ich konnte abermals nicht schlafen, so daß ich vor Müdigkeit und Schwermut zu Boden sank.

Mein größtes Unglück war, daß man mir wieder das Bett wegnahm, weil ich es zu Sandsäcken zerschnitten hatte. Ehe man nun die Türen zuschloß, visitierte mich Bruckhausen und der Platzmajor bis auf den nackten Leib. Sie hatten mich öfters gefragt – – wo ich denn alle Instrumente hergenommen hätte? – – Mein Antwort war: »Meine Herren, der Teufel ist mein bester Freund! Er bringt mir alles, was ich brauche. Wir spielen auch ganze Nächte Piket miteinander, und er bringt mir auch Licht. Sie mögen mich bewachen, wie Sie wollen, so wird er mich doch aus Ihrer Gewalt erretten.

Sie erstaunten, die andern lachten. Endlich, da sie alles auf das genaueste durchsucht und die letzte Tür zugeschlossen hatten, rief ich: »Meine Herren! Kehren Sie zurück! Sie haben etwas Wichtiges vergessen.«

Indessen zog ich eine versteckt Feile aus dem Boden heraus und sagte bei ihrem Eintritt: »Ich habe Ihnen nur beweisen wollen, daß der Teufel mir alles bringt, was ich bedarf.« – – Man visitierte wieder – – und schloß zu. Während man an vier Schlössern arbeitete, hatte ich ein Messer und zehn Louisdor hervorgesucht, weil ich mein Geld an verschiedenen Orten versteckt halte. Das meiste lag unter dem Boden.

Ich rief sie noch einmal herein, sie kamen mit Murren und Fluchen zurück. Und nun gab ich ihnen Geld und Messer.

Ihre Verwirrung war unbegrenzt. Ich hingegen lachte und spottete nur bei allem meinem Unglück über so kurzsichtige Wächter, und bald war ich durch sie in der ganzen Stadt, besonders bei dem Pöbel, als ein Zauberer und Schwarzkünstler ausgeschrien, dem der Teufel alles zutrage.

Bald darauf kam Befehl, man sollte mir den Schlaf hindern und mich alle Viertelstunden durch meine Schildwachen anrufen und wecken lassen, womit man sogleich den Anfang machte.

Dies schien mir unerträglich, bis ich's gewohnt war und auch im Schlummer antwortete. Und diese Grausamkeit hat vier Jahre hindurch gedauert, bis endlich ein Jahr vor meiner erlangten Freiheit der großmütige Landgraf von Hessen-Kassel, als damaliger Gouverneur, ihr ein Ende machte und mir den ruhigen Schlaf wieder gönnte.

Ein Major, der mein Freund war, und der mir gern meinen Zustand erleichtern wollte, gab mir den Rat, ich solle auf das Zurufen gar nicht antworten; man könne mich dazu auf keine Art zwingen. Dieser Rat glückte – – ich vollzog ihn und schloß hierdurch die Kapitulation, daß man mir endlich mein Bett wiedergab, und unter dieser Bedingung tat ich, was man wollte, und ließ mich wecken.

Gleich nach dieser Anordnung ward der wirklich gegen mich grausame und aufgebrachte Kommandant General von Bork krank und verrückt, folglich von seinem Amte abgesetzt und Oberstleutnant von Reichmann, ein wahrer Menschenfreund, wurde an seiner Stelle Kommandant.



 << zurück weiter >>