Friedrich von der Trenck
Des Freiherrn von der Trenck seltsame Lebensgeschichte
Friedrich von der Trenck

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Neuntes Kapitel

Ich folgte dem Rate, eilte nach Wien, und seit diesem Augenblick hatten alle Freuden meines Lebens ein Ende. Ich geriet in ein Labyrinth von Prozessen, in die Gewalt böser Menschen, und alle möglichen Drangsale schlugen über meinem Kopf zusammen, welche allein ein Buch erforderten, wenn ich sie der Welt, zur Schande meiner Verfolger, umständlich schildern wollte.

Mein Unglück fing schon mit folgender Begebenheit an: Ein gewisser Herr von Schenck suchte im Haag meine Bekanntschaft. Er befand sich in eben dem Gasthofe, wo ich eingekehrt war, und bat mich, ihn bis Nürnberg mit mir zu nehmen, von wo er nach Sachsen reisen wollte. Ich nahm ihn umsonst mit. Da ich aber in Hanau frühmorgens aus dem Bette aufstand, um weiterzureisen, war meine Uhr, mit Brillanten besetzt, ein Ring, im Werte von 2000 Rubel, eine Tabakdose mit dem Porträt meiner besten Freundin in Moskau und mein Beutel mit ungefähr achtzig Dukaten vom Tische an meinem Bette gestohlen und Herr von Schenck unsichtbar. – Nichts schmerzte mich mehr, als die Tabatiere, Geldverlust habe ich nie geachtet. Der Schelm, dem ich nichts als Gutes erzeigte, war nicht mehr zu erhaschen. Ein Glück war es noch, daß meine Schatulle mit meiner ganzen Habseligkeit im Koffer eingeschlossen war. In dieser waren meine Wechsel vom Baron Wolf in Petersburg und noch ein Vorrat an barem Gelde. Ich setzte meine Reise nunmehr ohne Gesellschaft fort und kam nach Wien; – seit meiner Abreise im Jahre 1748 waren ungefähr nun zwei Jahre verflossen, bis ich 1750 wieder daselbst eintraf.

Da aber in Wien selbst so verschieden, so widersinnig, so nachteilig für die Ehre des Trenckschen Namens gesprochen wurde, so will ich in diesen Blättern nur das kurz, aber dennoch gründlich vortragen, was in den Protokollen der Gerichtshöfe noch zu finden ist.

Der ehemalige Pandurenchef Franz Freiherr von der Trenck starb auf dem Spielberge im Jahre 1749, den 4. Oktober, im Arrest.

Irrig glaubte man in Wien, daß sein Vermögen durch das Urteil, das ihn auf den Spielberg schickte, konfisziert wurde. Nein, er hatte kein Staatsverbrechen begangen, war auch keines beschuldigt, noch weniger überwiesen. Die Sentenz sagt: seine Güter und sein Vermögen sollten unter der Administration des von ihm selbst gewählten Hofrats von Kempf, und Baron Pejachevich, seines Freundes, verbleiben, ihm aber alle Jahre die Rechnung seiner Beamten zugeschickt werden. Er war und blieb also bis zum Tode Herr, über sein Vermögen zu disponieren, außerdem gab Ihre Majestät die Kaiserin ausdrücklichen Befehl, daß man dem Trenck alle Freiheit, sein Testament zu errichten, lassen sollte.

Uebrigens liegt das kaiserliche Handbillett noch gegenwärtig bei den Akten des Judici Trenckiani delegati, und lautete: Man soll des Trencks letzten Willen auf das allergenaueste pünktlich vollziehen, die Abhandlung beschleunigen und den Erben in allen seinen Rechten schützen.

Nun will ich aber auch zeigen, wodurch mir diese wichtige Erbschaft dergestalt entrissen wurde, daß ich nicht nur keinen Groschen von Trenck erbte, sondern noch über 60 000 Gulden von meinem eigenen bonis Avitis für seine Legate und Stiftungen aus meinem Beutel habe bar bezahlen müssen.

Der Vater dieses auf dem Spielberge verstorbenen Trenck hatte im Jahre 1743, da er als Kommandant und Oberst zu Leitschau in Ungarn starb, als ungarischer Kavalier und Güterbesitzer ein solennes Testament errichtet, in welchem er mich, als seines Bruders Sohn, seinem eigenen Sohne substituierte, falls dieser ohne männliche Erben sterben sollte.

Dieses Testament war vom Domkapitel zu Zips verfertigt, von sieben Kapitularen unterschrieben, und vom Palatin Graf Palfy ratifiziert, folglich ohne Widerspruch gültig.

Der alte Trenck starb zu Leitschau 1743. Sein Sohn war damals Pandurenoberst im bayerischen Kriege.

Das Zipser Kapitel schickte dies Testament an den Kaiserlichen Hofkriegsrat nach Wien zur Ausführung. Dieser übergab dem Sohne die Verlassenschaft simpliciter, ohne für die Sicherheit des Substituierten den rechtlichen Kurator zu bestellen. Durch dieses Versehen konnte aber meinem Substitutionsrechte gar nichts präjudiziert noch vergeben werden. Der Trenck übernahm die Erbschaft seines Vaters; hat auch niemals gegen diese klare Substitution protestiert. Er starb im Jahre 1749 wirklich ohne Kinder; folglich konnte er auch nie über sein väterliches Vermögen disponieren noch testieren und klausulieren. Ich war allezeit rechtmäßiger Erbe, ja sogar im Falle der Konfiskation hätte ich die Güter seines Vaters niemals verlieren können.

Mein Spielberger Testator wußte alles nur gar zu wohl. Er war, wie ich bereits erzählt habe, mein ärgster Feind, der mir sogar nach dem Leben getrachtet hatte. Nun will ich auch das eigentliche Rätsel seines arglistigen Testaments entwickeln.

Dieser in sich selbst böse Mann wollte nicht länger im Gefängnisse leben; er wollte auch nicht um Gnade bitten, wodurch er, wie landkundig ist, sogleich seine Freiheit hätte erhalten können. Er war keineswegs als überzeugter Uebeltäter auf den Spielberg verbannt. Seine mächtigen Feinde fürchteten seine Rache mit Recht. Er hatte schon im Arrest in Wien gedroht; sie fanden aber Mittel, ihm den Willen zu fesseln. Deshalb allein war er das Opfer ihrer Kunstgriffe bei Hofe.

Sein Prozeß hatte schon viel gekostet; sein Geiz, seine einmal verlorene Hoffnung, den Schaden zu ersetzen oder noch reicher zu werden, erniedrigte seine raubgierige Seele bis zur Verzweiflung.

Er wußte, daß ich nach seinem Tode sogleich die Verlassenschaft seines Vaters fordern, auch gewiß erhalten würde. Dieser hatte bereits im Jahre 1723 die Herrschaft Preslowatz und Pleternitza in Slawonien von seinen aus Preußen erhaltenen Familiengeldern gekauft. Und noch bei seinem Leben kaufte der Sohn mit 40 000 fl. von des Vaters Kapitalien die Herrschaft Pakratz. Diese drei Herrschaften waren also Güter, die auf mich direkt übergegangen waren, und worüber er so wenig als über die übrigen ererbten Gelder, Mobilien und Häuser seines Vaters testieren noch klausulieren konnte.

Alles Vermögen, das er selbst erworben hatte, stand in Administration, aber 100 000 fl. waren schon für den Prozeß verloren gegangen, und 63 Prozesse und Forderungen waren noch wirklich gegen ihn bei Gericht anhängig.

Nun wollte er auch gern für 80 000 fl. Legate machen. Wenn ich also nach Wien gekommen wäre und meine bona avita von seinem Vermögen weggenommen, mich aber um die anhängigen 63 Prozesse gegen seine Masse nicht angenommen hatte, so sah er wohl voraus, daß für seine Legatarien gar nichts übrigbleiben würde.

Er errichtete demnach ein arglistiges Testament, um mich noch nach seinem Tode unglücklich zu machen; deshalb ernannte er mich allein zu seinem Universalerben, machte gar keine Erwähnung von seines Vaters Testament, das ihm die Hände gebunden hatte; verordnete gegen 80 000 fl. Legata und Stiftungen, und suchte sowohl durch die bemäntelte Art seines Todes, als besonders durch folgende Bestimmungen die Monarchin zur Protektion seines Testamentes zu bewegen, nämlich, daß ich

  1. die katholische Religion annehmen,
  2. keinem andern Herrn als dem Hause Oesterreich dienen sollte, und
  3. machte er seine ganze Verlassenschaft, ohne das väterliche Vermögen auszunehmen, zum Fideikommiß.

Eben hieraus erwuchs mein ganzes Unglück, und dieses war seine wahre Absicht. Denn noch kurz vor seinem Tode sagte er zum Kommandanten Baron Kottulinsky: »Jetzt sterbe ich mit der Freude, daß ich meinen Vetter noch nach meinem Tode schikanieren und unglücklich machen kann.« –

Sein in Wien geglaubter mirakulöser Tod erfolgte auf folgende Art, wodurch er besonders viele Kurzsichtige ganz für seine Absichten lenkte, die ihn wirklich heilig glaubten.

Drei Tage vor seinem Tode, da er vollkommen gesund war, ließ er dem Kommandanten sagen, er wolle seinen Beichtvater nach Wien schicken, denn der heilige Franziskus habe ihm offenbart, er würde ihn an seinem Namenstage um zwölf Uhr in die selige Ewigkeit abholen. Man schickte ihm den Kapuziner, den er nach Wien abfertigte, und lachte mit den übrigen.

Am Tage nach des Beichtvaters Abreise sagte er: »Gottlob! Nun ist meine Reise auch gewiß. Mein Beichtvater ist tot und mir bereits erschienen.«

Dieses bestätigte sich am folgenden Tage wirklich. Der Pfaffe war gestorben. Nun ließ er die Offiziere der Brünner Garnison zusammenkommen, sich als Kapuziner tonsieren, auch in die Kutte einkleiden, hielt seine öffentliche Beichte und dann eine stundenlange Predigt, worin er alles zum Heiligwerden aufmunterte und den größten, aufrichtigsten Büßer spielte. Dann umarmte er sie alle, sprach lächelnd von der Nichtigkeit der Erdengüter, nahm Abschied und kniete nieder zum Gebet: schlief ruhig, stand auf, kniete, betete wieder, nahm um elf Uhr mittags am 4. Oktober die Uhr in die Hand und sagte: »Gottlob! Die letzte Stunde nahet.« Jedermann lachte über dieses Gaukelspiel eines Mannes seiner Art. Man bemerkte aber, daß sein Gesicht auf der linken Seite weiß wurde. Hier setzte er sich nun an den Tisch mit aufgelehntem Arm, betete, blieb aber ganz still mit geschlossenen Augen. Es schlug zwölf Uhr; er bewegte sich nicht; man redete ihn an – er war wirklich tot.

Nun erscholl das ganze Land von dem Mirakel: der heilige Franziskus habe den Panduren Trenck in den Himmel geholt.

Die Auflösung des Rätsels und Mirakels ist aber eigentlich diese und mir allein gründlich bekannt: Er besaß das Geheimnis des sogenannten Aqua Tofana und hatte beschlossen, nicht länger zu leben.

Seinem Beichtvater, den er nach Wien schickte, hatte er alle Geheimnisse vertraut und ihm viele Kleinodien und Wechselbriefe mitgegeben, die er auf die Seite geschafft wissen wollte. Ich weiß positiv, daß er einem gewissen großen Prinzen damals seine Wechsel pr. 200 000 fl. zurückgeschickt und kassiert hat, der mir als rechtmäßigen Erben keinen Groschen wiedergab. Der Beichtvater sollte aber außerstand gesetzt werden, ihn jemals zu verraten, deshalb nahm er seine Giftdose mit auf die Reise und wurde bei der Rückkehr tot gefunden. Er selbst hatte eben dieses Gift genommen und wußte daher die Stunde seines Todes. Nun spielte er seine tragische Rolle als Heiliger, um dereinst dem Florianus oder Crispinus den Rang streitig zu machen. Da er auf Erden nicht mehr der Reichste und Größte werden konnte, wollte er im Grabe angebetet sein. Versichert war er, daß Wunder bei seinem Grabe erfolgen würden, weil er eine Kapelle erbaut, eine ewige Stiftmesse fundiert und den Kapuzinern 6000 fl. vermacht hatte.

So starb dieser ganz besondere Mann im 34. Jahre seines Alters, er, dem die Natur keine Gabe, kein Talent versagt hatte, der die Geißel der Bayern und der Schrecken der Franzosen war, der mit seinen verächtlich geglaubten Panduren sogar gegen 6000 preußische Gefangene eingeliefert hat. Er lebte als Tyrann und Menschenfeind und starb als heiliger Schurke.

So war nun die Lage des Trenckschen Testaments, da ich im Jahre 1750 nach Wien kam.

Bei der ersten Audienz konnte die Monarchin nicht gnädiger sein, als sie zu sein schien. Sobald ich aber den bestimmten Präsidenten und die Räte kennenlernte, sobald ich 63 wirklich anhängige Prozesse sah, die ich in Wien ausführen sollte, wo ein ehrlicher Mann einer Lebenszeit bedarf, um nur für einen Recht zu finden, beschloß ich sogleich, die ganze Erbschaft abzulehnen, auf das Spielberger Testament Verzicht zu tun und nur allein meine bona avita zu fordern.

Zu dem Ende begehrte ich copiam vidimatam von dem Leitschauer Alttrenckschen Testamente. Ich erhielt sie. Hiermit erschien ich vor Gericht in Person; erklärte, daß ich vom Franz Trenck nichts verlange, keine Prozesse noch Legate von ihm übernehmen wolle und allein das Vermögen seines Vaters, laut produziertem legalen Testament von der Masse im voraus fordere, das die drei Herrschaften Pakratz, Prestowatz und Pleternitza ohne die Kapitalien und Mobilien betraf. Nichts war billiger, nichts unwidersprechlicher als diese Forderung.

Wie erschrak ich aber, da man mir ganz entscheidend im öffentlichen Rate antwortete: »Ihro Majestät die Kaiserin haben ausdrücklich befohlen: ›Daß, falls Sie nicht alle Bedingungen des Franz Trenckschen Testaments erfüllen wollen, Sie absolut und entschieden von der ganzen Masse abgewiesen werden und gar nichts zu hoffen haben!‹« –

Was war zu tun? Ich wagte einen Schritt bei Hofe – wurde aber ebenso abgewiesen.

Es war einmal beschlossen, ich sollte römisch-katholisch werden, und so war ich schutz- und hilflos. –

Durch ein Geschenk erhielt ich von einem Pfaffen ein Attest, »daß ich mich bekehrt und das verfluchte Luthertum abgeschworen habe.« – Ich blieb aber, was ich war, und konnte auch für Millionen mich nicht entschließen, zu glauben, was der Papst will, daß ich glauben soll. Für Geld und Fürstengut machte ich auch kein Heuchler- und Gaukelspiel. Um diese Zeit kam auch der General Bernes von seinem Gesandtschaftsposten aus Petersburg nach Wien zurück. Ich klagte ihm mein bitteres Schicksal. – Er sprach mit der Monarchin – sie versprach ihm alles – er hieß mich Geduld haben: indessen sollte ich alles tun, was man fordere – alle Prozesse übernehmen. Er müsse eilfertig in Familiengeschäften nach Turin reisen; bei seiner baldigen Rückkunft würde er meine ganze Sache auf sich nehmen und mich gewiß in Oesterreich glücklich machen. Dieser Mann liebte mich wie sein Kind. Seiner Versicherung gemäß blieb mir Hoffnung, viel von ihm zu erben, da er weder Kinder noch Verwandte hatte. Er reiste fort, umarmte mich mit nassen Augen väterlich. – Kaum war er sechs Wochen abwesend, so lief die Nachricht ein, daß er in Turin von einem Freunde mit Gift in eine bessere Welt befördert sei.

So spielte das Glück mit mir; so entriß es mir meine Stützen allezeit zu einem Zeitpunkte, wo ich sie am notwendigsten brauchte, was man in meiner ganzen Lebensgeschichte bei allen Vorfällen bemerken wird.

Kaum war Bernes von Wien abgereist, so ereignete sich eine Begebenheit, die mein Unglück vergrößerte. Der preußische Minister zog mich im Hause des pfälzischen Gesandten, Herrn von Beckers, auf die Seite und machte mir den Antrag, ich sollte nach Berlin in mein Vaterland zurückkehren, der König hätte alles Vergangene vergessen; ich sei bei ihm gerechtfertigt, er würde mein Glück machen und mir die Trencksche Erbschaft und Güter gewiß verschaffen, wofür er mir mit seiner Ehre Bürge sein wolle.

Ich antwortete, daß diese Gnade mir nunmehr zu spät widerführe; ich hätte im Vaterlande zu großes Unrecht erlitten, traute keinem Fürsten auf Erden, dessen Wille alle Rechte der Menschheit auf Erden vernichten kann. Mein treues Herz für den König sei zu sehr mißhandelt worden. Mein Kopf könne in der ganzen Welt die Notdurft verdienen, und ich wollte keiner Gefahr eines unverdienten Gefängnisses mehr unterworfen sein.

Er tat alles, um mich zu überreden; da aber nichts fruchtete, sagte er zu mir: »Mein lieber Trenck! Gott weiß, ich habe es redlich mit Ihnen gemeint; ich bin Ihnen auch Bürge dafür, daß mein König Sie gewiß glücklich machen wird. Sie kennen aber Wien nicht, und werden hier nach vielen Prozessen alles verlieren, auch gewiß verachtet und verfolgt werden, weil Sie keinen Rosenkranz beten können.«

Wie viel tausendmal habe ich in der Folge bedauert, daß ich damals nicht nach Berlin zurückkehrte!

Wien war nie der Ort für meine Talente, noch weniger für meine unerschrockene Wahrheitsliebe und Einsichten. Zum Kriechen und Gnadenbetteln bin ich zu stolz, ich fühle meinen Wert zu lebhaft.

Sicher aber ist es, daß seit dem Tage, da der preußische Gesandte mit mir sprach, auch nichts mehr in Wien für mich zu hoffen war. Der König weiß die Wege, durch seine Gesandten bei den meisten Höfen Europas zu stürzen oder zu erheben, wie er will. Der Trenck, der ihm nicht mehr traute, nicht mehr dienen wollte, sollte auch nie Gelegenheit finden, wider ihn zu dienen. Ich bin also durch dritte Hand bei der Monarchin als Erzketzer, zugleich auch als ein Mensch geschildert worden, der dem Hause Oesterreich nie dienen wollte und nur die große Erbschaft suche, um zum König von Preußen zurückzukehren.

Ich war nunmehr gezwungen, mich, jedoch allezeit cum reservatione juris mei, niemals aber simpliciter als Erbe zu erklären, und die Arbeit mit 63 Prozessen wurde übernommen. Man weiß, was einer in Wien kostet, und urteile jetzt, wie es mir ging, da ich aus der ganzen Trenckschen Masse binnen drei Jahren nur 36 000 fl., folglich kaum so viel erhielt als die Neujahrsgeschenke an Kanzleien und Sollizitatoren erforderten. Wie viele Ballen Papier habe ich in Prozeßakten und Memorialien unnütz verschrieben? mein aus Rußland mitgebrachtes Geld war also bald geschmolzen; meine Familie in Preußen unterstützte mich; die Gräfin Bestuscheff schickte mir die 4000 Rubel, die ich in Petersburg nicht annehmen wollte.

Aus Berlin erhielt ich Hilfe von meiner alten Freundin, aber dennoch mußte in Wien bei Wucherern Geld gesucht werden, wobei ich oft nach Wiener Brauch 60 Prozent verlor.

In Berlin und Moskau war ich überall unter den Ersten des Landes wegen meiner Wissenschaften geehrt, geachtet und gesucht. In Wien hingegen bliesen die Exzellenzscharen die Backen auf und wollten dem Forestier Trenck kaum Audienz in ihrem Antichambre geben.

Die Folgen waren ganz natürlich vorauszusehen: Ich verlor alles, weil ich nicht kriechen wollte, und wurde verfolgt, weil ich laut die Wahrheit schrie. Meine anhängigen 63 Prozesse wurden alle innerhalb drei Jahren auf eine Art geendigt, die nach mir gewiß niemand mehr in Wien auch nicht in fünfzig Jahren bewerkstelligen wird.

Der Kammerdiener des Präsidenten öffnete mir für etliche Dukaten allezeit das Kabinett des Fürsten, woraus ich durch eine Oeffnung in der Tür alles so gut sah und hörte, als wenn ich selbst im Rate mitgesessen hätte.

Dieses Mittel war mir oft sehr nützlich, bösen Absichten zuvorzukommen, meine Freunde kennenzulernen, auch manchen Anschlag zu vereiteln.

Um neun Uhr war die Stunde der Zusammenkunft, und selten setzte man sich vor elf Uhr an den Ratstisch. Der Präsident betete heimlich den Rosenkranz – einer sprach oder trug vor, die anderen sprachen paarweise unter sich: dann wurden Stadt- oder Hofgeschichten erzählt, und der Rat war zu Ende. Ueber drei Wochen abermals Zusammenkunft bestimmt. Endlich kam es zur Hauptsache, an die ich ewig mit Schauder und Abscheu denken werde.

Das Hauptvermögen des Trenck bestand in den slawonischen großen Gütern, genannt die Herrschaften Pakratz, Prestowatz, Pleternitza, die er von seinem Vater ererbt hatte und die eigentlich Trencksche Familiengüter waren; dann Velika und Nustar, die er selbst gekauft hatte; die aber zusammen über 60 000 fl. jährliche Einkünfte ihren gegenwärtigen Besitzern eintragen, auch eine Strecke von mehr als 200 Dörfern und Höfen umfassen.

Ohne weitere Umstände, aus Eigenmacht und Willkür, nahm nun der ungarische Kammerpräsident Graf Grassalkovics im Namen des Fiskus Besitz von allen Trenckschen Gütern. Der Braten war fett; nicht sowohl wegen der Güter als Beute, die dabei zu machen war. Denn mein Vetter hatte aus Bayern, Elsaß und Schlesien verschiedene Schiffsladungen mit Kaufmannsgütern, Leinwand, Gold und Silber in Stangen gegossen, auf seine Güter geschickt. Dabei war die prächtige Gewehrkammer, die Sattelkammer, und das silberne Service des Kaisers Karl des Siebenten, das er alles aus München mit fortgeschleppt hatte. Auch das große silberne Tafelservice des Königs von Preußen war dabei. Man sagt wirklich, daß der Trencksche Schatz in Slawonien weit mehr im Wert als die Güter selbst betragen habe.

Einer der ehrwürdigsten Männer in der Armee, ein großer General, hat mir noch unlängst erzählt, daß aus dem Trenckschen Schatze zu Mihaljevci etliche schwere Wagen mit Silber und Pretiosen beladen, weggeführt worden. Die beiden Panduren, die des Trenck Vertraute und Schatzbewahrer waren, nahmen bei der allgemeinen Plünderung ein jeder eine Schachtel mit Perlen, flüchteten damit in das türkische Gebiet, und wurden dort reiche Kaufleute. – Die prächtigen Gestüte, sogar das Vieh aus den Meierhöfen wurde fortgetrieben: die Gewehrkammer bestand allein aus mehr als 3000 Stück der seltensten Sammlung. Kurz gesagt – alles wurde gestohlen, weggeführt und geplündert; und da Befehl vom Hofe erfolgte, man solle alle Trenckschen Mobilien nach Wien für den Universalerben liefern, war nichts mehr übrig als Kleinigkeiten, die niemand haben wollte, und zwei alte preußische Komißgewehre. Nach Wien hat man nichts geschickt und dem Aerar auch keinen Heller dafür berechnet. Es war also nicht Konfiskation, sondern wirklicher Raub. Verloren habe ich einmal alles, und der mir den Verlust verursachte, den heiß ich einen Dieb.

Nun wollte ich die Sache wegen der Güter auf Anraten einiger rechtschaffener Ungarn gern zum ordentlichen Prozeß in Ungarn einleiten; forderte in einer Bittschrift demütig mein Recht von der Monarchin. Ich erhielt aber Befehl, schlechterdings nicht nach Ungarn zu reisen, und die Sache wurde dem Judicio delegato Trenckiano in Wien übergeben.

Man untersuchte mein Recht bei diesem Judicio delegato, und hat der Monarchin die Wahrheit für mein Recht referiert. Auf einmal aber erschien folgender Machtspruch vom Hofe. – Die Monarchin schrieb eigenhändig:

»Der Kammerpräsident Graf Grassalkovics nimmt es auf sein Gewissen, daß dem Trenck die Güter in Slawonien nicht in natura gebühren. Man soll ihm also die Summam empticiam und inscriptitiam bar herauszahlen, auch alle erweisliche Meliorationes gutmachen, und die Güter bleiben der Kammer!« –

Hiermit hatte auf einmal der Prozeß und alle Hoffnung ein Ende. Ich hatte in Wien 63 kleine Prozesse mit Aufopferung meines eigenen Vermögens durchgearbeitet, und verlor die ganze Erbschaftsmasse ohne Prozeß.



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