Friedrich von der Trenck
Des Freiherrn von der Trenck seltsame Lebensgeschichte
Friedrich von der Trenck

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Neunzehntes Kapitel

Am 22. August 1786 lief endlich die Nachricht ein, daß der große Friedrich die Welt verlassen habe, und der gegenwärtig regierende Monarch,Friedrich Wilhelm II., der Neffe Friedrichs des Großen. der größte unter allen Menschenfreunden, der Augenzeuge meines Schicksals im Vaterlande war, schickte mir sogleich einen Kabinettspaß, um mit sicherem Geleite nach Berlin zu reisen.

Kaum war ich in Berlin angekommen, so empfing mich der weltbekannte große Staatsmann und Minister Graf von Herzberg, dessen Beifall und Achtung ich mir, wie der Leser weiß, längst bei persönlicher Bekanntschaft in Aachen erworben hatte, mit aller nur möglichen Güte.

In seinem Hause widerfuhr mir alle mögliche Ehre. Beim Gastmahle, dem ich beiwohnte, war ich in Gesellschaft der gelehrtesten Männer der Akademie, wo ich alle die kennen lernte, welche Wissenschaften in preußischen Staaten gemeinnützig und ihrer Bestimmung Ehre machen, und nichts schmeichelte meiner Eigenliebe lebhafter, als daß sie mich ihrer Freundschaft würdig fanden. Etliche Tage nach meiner Ankunft wurde ich am Courtage durch den Oberkammerherrn Fürst Sacken dem Monarchen vorgestellt, weil es in Berlin nicht Brauch ist, daß ein Fremder von dem Minister seines Hofes, dem er dient, vorgestellt wird. Ich erschien also in kaiserlicher Uniform als ein geborener preußischer Vasall bei Hofe.

Der König empfing mich mit sichtbarer Huld, und aller Augen waren auf mich gerichtet. Jeder, ohne Ausnahme, bot mir die Hand, hieß mich willkommen im Vaterlande, und dieser Auftritt war ebenso rührend für mich als merkwürdig für die auswärtigen Minister, die mit Bewunderung fragten, wer denn wohl der österreichische Offizier sei, den man in Berlin so liebreich und mit sichtbaren Merkmalen der Freude empfange. Der gütige Monarch selbst zeigte ein edles Wohlgefallen, da er mich von Glückwünschern umringt sah.

Sobald ich bei Hofe vorgestellt war, beobachtete ich das gewöhnliche Zeremoniell, und der kaiserliche Gesandte Fürst Reuß führte mich bei allen auswärtigen und einheimischen Ministern und in allen Häusern ein, wo man Visite zu machen pflegt. Ich wurde bei den königlichen Prinzen, bei der regierenden und verwitweten Königin, in allen Palästen der königlichen Familie mit solcher Gnade und Achtung aufgenommen, die mir eine ewige Achtung und Dankbarkeit und Ehrfurcht einflößt und ewig unvergeßlich bleiben wird. Se. Königliche Hoheit der Prinz Heinrich, der weltbekannte große Bruder des großen Friedrich, ließ mich zur Privataudienz rufen, unterhielt sich lange mit mir, und ich genoß die Ehre seines warmen Mitleids für das Vergangene und die Versicherung seiner Protektion für die Zukunft, wurde zum Privatkonzerte eingeladen und soupierte bei Hofe.

Nach einigen Tagen, als ich dem Monarchen vorgestellt worden und bei der regierenden Königin soupiert hatte, wo mir der König mit besonderer Auszeichnung begegnete, bat ich um eine Privataudienz und erhielt am 12. Februar abends folgenden Brief:

»Ihren Brief vom 9. dieses Monats habe ich erhalten, und es ist mir lieb, Ihnen antworten zu können, daß, wenn Sie morgen nachmittag um fünf Uhr zu mir kommen wollen, ich das Vergnügen haben werde, Sie zu sehen und zu sprechen. Unterdessen behalte Gott Sie in seinem heiligen und würdigen Schutze.

Friedrich Wilhelm.

P. S. Nachdem ich diesen Brief schon unterzeichnet hatte, finde ich's bequemer für mich, Sie auf morgen früh um neun Uhr zu mir zu bestellen. Sie dürfen also nur um diese bestimmte Stunde in der sogenannten Marmorkammer sich einfinden.«

Man urteile nun, mit welcher Begierde ich diese Stunde erwartete. Ich fand diesen wahrhaften Titus ganz allein, und die Unterredung dauerte länger als eine Stunde.

Er hatte bereits meine ganze Lebensgeschichte selbst gelesen. Er war selbst als Prinz von Preußen in Magdeburg Augenzeuge aller meiner Martern und meiner Unternehmungen zur Flucht. Er erinnerte sich mancher Vorfälle und hatte auch schon die noch lebenden Augenzeugen gesprochen, welche die reine Wahrheit meiner Erzählung und mein unschuldiges Leben bestätigten. Ewig werde ich an diese glückliche Stunde denken. Sie verfloß aber auch. Er verließ mich mit Merkmalen seiner für mich entschiedenen Achtung und Huld. Mein Auge sah zurück, mein Herz blieb aber in der Marmorkammer bei einem Fürsten, der edler Empfindungen fähig ist, und meine Wünsche für seine Wohlfahrt waren unbegrenzt.

Nun rückte aber die Zeit heran, daß ich Berlin verlassen mußte, um meine Reise ins Vaterland nach Preußen anzutreten. Am Vorabend dieser Abreise genoß ich noch das Glück, über zwei Stunden bei Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Amalie, Schwester des großen Friedrich, zuzubringen. Diese wirklich große Frau, die wegen ihrer Scharfsicht allein die Ehre genoß, Friedrichs ganze Liebe und sein unbegrenztes Vertrauen zu besitzen, die mich in allen Drangsalen meines Lebens schützte und mich mit Wohltaten überhäufte, die auch im Grunde das meiste zu meiner Befreiung beigetragen hatte und mich während meines jetzigen Aufenthalts in Berlin nicht als fremden Offizier, sondern als einen alten Patrioten und Freund aufnahm und auszeichnete, befahl mir, ich sollte sogleich an meine Frau schreiben und ihr auftragen, daß sie nebst ihren beiden ältesten Töchtern im Juni nach Berlin kommen sollte. Sie versprach mir die Versorgung dieser Töchter und im Testament an meine Frau zu denken.

Beim Abschied fragte sie mich sogar mit den liebreichsten Merkmalen einer gefühlvollen Seele, ob ich zu meinen gegenwärtigen Reisen auch mit Geld versehen sei? Meine Antwort war: »Ja. Ich bedarf jetzt nichts, empfehle aber meine Kinder.« Dieser mit sichtbarer Empfindung vorgebrachte Ausdruck erschütterte sie. Die edle Fürstin gab mir Zeichen, daß sie mich verstände, und nahm mich bei der Hand mit den Worten: »Kommen Sie bald zurück, Freund! Ich will Sie gern bald wiedersehen!« Hiermit eilte ich fort. Vielleicht fühlte ich eine gewisse Ahnung, daß mich noch etliche Tage in Berlin hätten zurückhalten sollen, wo ich unfehlbar große Vorteile für meine Kinder durch meine Gegenwart erlangt hätte. Mein böser Genius trieb mich aber fort, und fünf Tage nach meiner Abreise wurde diese edle Fürstin vom Tode überrascht, folglich mein ganzer Plan, die Hauptabsicht meiner Reise, vereitelt.

Ist dieses nicht ein neues Merkmal, daß mein Schicksal in seinen Tücken gegen mich bis zum Grabe fortwüten will? Man lese nur meine Geschichte mit Aufmerksamkeit. Es erhebt mich bis zum höchsten Gipfel der wahrscheinlichsten Aussicht in eine glückliche Zukunft, und wenn ich glaubte, nun sei es Zeit, den Anker zu werfen und im Hafen der Ruhe zu genießen, dann schleudert mich ein neuer, unerwarteter Sturm in das Meer der Sorgen zurück.

Ich reiste am 22. März von Berlin nach Königsberg, wo mich mein Bruder mit Sehnsucht erwartete. Man kann sich denken, wie lebhaft die brüderliche Umarmung nach einer zweiundzwanzigjährigen Abwesenheit aus dem Vaterlande war. Von vier Geschwistern, die ich hinterließ, fand ich noch diesen, der im Wohlstande auf seinen Gütern lebt und Menschenpflichten erfüllt, dessen Kinder aber im Grabe liegen. Mit vollkommener Herzensberuhigung lebte ich mit ihm und seiner würdigen Frau vierzehn Tage in Königsberg, dann aber noch sechs Wochen auf seinen Gütern.

Diese Tage gehören unter die glücklichsten meines Lebens – täglich umringt von Blutsfreunden, Enkeln und Urenkeln aus der Nachbarschaft, mit Vettern und Verwandten, die mich alle bewillkommneten, genoß ich eine Zufriedenheit in meiner Seele, die nur der Edle nach besiegten Stürmen im Hafen der Weisen empfindet.

Man ist wirklich nirgends besser als zu Hause bei gewissen Jahren, wenn man zuvor die Menschen in fremden Ländern so wie ich kennenlernte und in ihrem Umgange echte Freundschaft suchen wollte. Hier erfuhr ich nun erst gründlich, was während meiner Abwesenheit vorgegangen war. Der Zorn des großen Friedrich hatte sich auf alle meine Geschwister verbreitet. Mein älterer Bruder nach mir war im Jahre 1746, als ich unglücklich wurde, Standartenjunker bei dem Kiewschen Kürassierregimente. Er diente sechs Jahre, wohnte drei Bataillen bei, doch weil er Trenck hieß, blieb er im Avancement zurück. Endlich müde des Wartens, nahm er den Abschied, heiratete und lebte auf seinem Gute Meicken.

Er selbst war nach dem allgemeinen Zeugnisse ein Mann, der dem Staate gewiß gute Dienste in seinem gewählten Fache geleistet hätte, aber er war mein Bruder, deshalb allein wollte der König nichts von ihm wissen. Mein jüngster Bruder hatte sich auf Wissenschaften verlegt, wurde vom Minister zu einer Zivilcharge als ein besonderer Mann vorgeschlagen, der König schrieb aber auf den Bericht: »Es ist kein Trenck zu etwas nutz.«

So hatte meine ganze Familie durch meine unschuldige Verdammnis leiden müssen.

Nun war für mich in Preußen nichts mehr zu tun. Da ich aber Gelegenheit hatte, als ein ehrlicher deutscher Patriot zu handeln, ungeachtet mir binnen 43 Jahren weder Gerechtigkeit, noch Gnade, noch Lohn in Wien widerfahren war, so machte ich einen Entwurf, um beide Höfe miteinander zu verbinden, da ich weiß, daß ohne gesicherte Eintracht derselben, beide Völker und ganz Deutschland keine dauerhafte Ruhe zu erwarten haben. Fürst Reuß, der kaiserliche Gesandte, wünschte die Erfüllung von Herzen, und meine Schritte waren so glücklich, daß durch eine Zusammenkunft zwischen ihm und dem Minister Grafen Herzberg, die ich veranstaltete, die Präliminarien in Ordnung gebracht und wirklich nach Wien geschickt wurden. Man erhielt aber keine Antwort.

Nun eilte ich nach Wien, wurde zum Kaiser berufen und sprach so, wie ich in dergleichen Fällen zu sprechen gewohnt bin. Und was erfolgte? Nichts für den Staat, nichts für mich. Ich zuckte mit den Achseln und blieb bei Hof unsichtbar. Josef war damals der Meinung, daß er mit 300 000 Mann seiner unüberwindlichen Krieger Berlin erobern könnte, und ich zuckte mit den Achseln, da er es mir sagte.

Ich eilte demnach nach Zwerbach und blieb bis zum November 1788 in den Armen der Meinen ruhig, aber nie sorgenlos, da acht Kinder, die man selbst unterrichtet, und Söhne, die im Offiziersstande Zulage brauchen, immer einem redlichen Vater Beschäftigung geben, der noch an alten Lücken zu flicken hat, die mir meine feinen Wiener Kuratoren, Agenten und Advokaten verursacht hatten. Im November reiste ich abermals nach Berlin, um dort neue Versuche zu machen.

Hier fand ich in einem Jahre so viele Veränderungen, so viel gegeneinander kreuzende Kabalen, so viele Ursachen, die mich abhielten, etwas zu unternehmen, daß ich meinen Vorsatz auf günstigere Zeiten verschob. Indessen fand ich noch eben den gnädigen König für mich, der mir alles, was ich in der damaligen Lage zu bitten für gut fand, sogleich bewilligte. Ebendieselbe Achtung fand ich bei Hofe und im Ministerium.

Von Berlin reiste ich nach Dresden. Dort erzeigte mir der erste Minister, Graf Marcolini, die Distinktion und in Sachsen seltene Höflichkeit, daß er mich selbst im Gasthofe abholte, an den Hof führte und dem kurfürstlichen Hause vorstellte. Ich muß gestehen, daß man mir überhaupt alle mögliche Ehre in Dresden erwies. Der Markt, wo ich wohnte, war beständig mit Menschen gefüllt, und wohin ich mich wandte, folgte mir das Volk mit lautem Zujauchzen.

Von da besuchte ich den alten ehrwürdigen Greis, General Grafen Solms, auf dem Königstein. Er wußte meine Ankunft und war im Regenwetter bis zum Fuße des ungeheuren Felsens mir entgegen heruntergestiegen. Hier empfand ich bei seiner redlichen Umarmung die angenehmen Augenblicke, die zwei Menschenfreunde edler Art im ersten Anblicke auf ewig vereint. Seliger Tag, der mich auch diese Freude erleben ließ, wo ich die Freundschaft des Edelsten unter den Soldaten, den Greis, den alles liebt und verehrt, gewann! Kann ich ihn in der Welt noch wiedersehen, dann reise ich gewiß noch einmal auf den Königstein.

Dieser ungeheure Felsen ist keine Festung, die der Feind erobern muß, um Sachsen zu besitzen. Er leidet nur eine kleine Garnison, und diese kann gar keine Ausfälle machen, er dient also nur dazu, das Archiv und die Staatsgefangenen zu verwahren. Der Königstein ist die Bastille der Sachsen, wo schon mancher brave Mann im Kerker verschmachtet ist.

Man sprengte zur Zeit, da ich dort war, den Felsen, um ihn zu kasemattieren, und hatte ein Loch gefunden, das sechzig Klafter tief in denselben gebohrt war. Unten fand man ein Bett, worin das Gerippe eines Unglücklichen ruhte, und daneben lagen die Ueberbleibsel eines Hundes . . . . Schrecklicher Anblick für ein Menschenherz!



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