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Das entflogene Haar.

An ebendieselbe.

Dank sey dem Schutzgeist meines Lebens,
Der mir ein Heer von Fantasie'n
Und leichtes Blut, nicht ganz vergebens
Zu meines Alters Trost verliehn.

Wie schlau versteckt er nicht am Stege
Zum Grabe mir den Uebergang
Durch treue Blumen seiner Pflege,
Durch Liebe, Freundschaft und Gesang!

Es segnete mit edlem Muthe
Mich die Natur. Aus Muttersinn
Warf sie jedoch dem höhern Gute
Noch eine Kinderklapper hin.

»Nimm diesen Talisman zur Reise
»Des Lebens mit, und fühlst Du Dich,«
Sprach sie, »zu traurig und zu weise,
»So wend' ihn an und denk an mich.«

Wie lieb und durch Versuch bewähret
Mir dieß Geschenk geworden sey,
Geliebte Freundin, das erkläret
Dir schon mein Hang zur Tändelei.

Drum lass' ich die Gedankenfeste
Gern dem, der sie verdauen mag,
Ess' meinen Kohl, und spar die Reste,
Wenn er mir schmeckt, zum andern Tag.

Drum werf' ich nur den kleinen Engeln
Der Freude meine Küsse zu,
Und laß die Welt mit ihren Mängeln
Und ihrer Prahlerei in Ruh.

Drum wünscht' ich nie ein Ordenszeichen
Als eins von Dir: Glück über Glück,
Ein Zephir im Vorüberstreichen
Ließ es auf meiner Brust zurück.

Ein einzeln Haar der vollen Kette,
Das leis, als sie Dein Busen wog,
Auf Amors Hauch, gleich einer Klette
Zu meinem Lorber überflog.

Laß es der Stunde mich verweben,
Wo ich dem Krater allzunah,
Vor Glut im Auge, das Entschweben
Des dunkeln Fünkchen übersah.

Kein Stäubchen, das im Tanz der Horen
Sich hebt und durch die Lüfte streift,
Kein Haar ist, das nicht unverloren
Ins große Rad des Schicksals greift.

Ein Apfel trieb aus Edens Schranken
Das Glück der Welt. Ein klügrer fiel
Vor Newtons Fuß und trieb Gedanken
Des größten Sehers an sein Ziel.

Er ließ ihm das Gesetz erklären,
Das in dem Liebesraum der Welt
Die größern und die kleinern Sphären
Durch Druck und Gegendruck erhält.

So ward er ihm zur Himmelsleiter;
O würde Dein entfallnes Haar
Jetzt mir, was jenem Sternendeuter
Ein abgefallner Apfel war!

Dann zög' ich es den Kostbarkeiten
Der Kirche vor, die Josephs Bart
Als Spielwerk der Gebenedeiten
Zu Saint-Denis in Glas verwahrt.


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