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Sechzehntes Kapitel

Hedwig Wutschow sank auf einen Diwan, legte die Rechte auf die heiße Stirn und überlegte. Herb waren die Lippen aufeinandergepreßt, unter den Augen zeigten sich blaue Halbringe, die Augenlider zuckten. Sie zog nach Minuten eine Decke über die Knie, lehnte den Kopf gegen die Polster und schien zu schlafen. Aber von Zeit zu Zeit öffneten sich die Lider, die Finger zupften an den weichen Seidenflocken der Schutzdecke.

Stundenlang brütete sie, schickte die Frau, die zum Bestellen des Hauses angenommen war, mit dem Essen zurück und versank in neues Grübeln.

Am späten Nachmittag erwachte sie aus nervösem Halbschlummer zu frischem Leben, machte Toilette und befahl den Wagen.

Sie wollte versuchen, das, was sie angedroht hatte, zu verwirklichen – wenn es ging. Für den richtigen Mann, ihr zu raten, hielt sie Jendrowski. Sie wähnte ihn durch die Flucht der ihm anvertrauten Tochter verstört und zu Diensten für sie um so willfähriger.

Da das Büro des Festtages wegen geschlossen war, fuhr sie nach seiner Wohnung und hatte Glück, ihn dort anzutreffen.

Er kam ihr ausgesucht höflich entgegen und heuchelte eine warme Ergebenheit.

»Nachricht vom Fräulein Tochter?« fragte er gespannt.

»Nein.« Sie brachte es nur zu der einsilbigen Antwort.

»Aber Sie haben doch Ermittlungen angestellt? Gnädige Frau, ich bin noch nicht wieder zur Ruhe gekommen seit dem Unglückstage – und meine Frau ist gleichfalls noch immer außer sich. Sie werden begreifen, mit welcher Sehnsucht ich auf Nachrichten von Ihnen warte – und noch immer nichts, keine Spur, kein Anhalt?«

»Nein – oder doch ...«

Frau Wutschow baute im Nu ein Phantasiebild zusammen, das ihr den Vorzug zu besitzen schien, sein Interesse noch wirksam zu erhöhen und zugleich die wahre Sachlage, die sie nicht unnötig preisgeben wollte, zu verbergen.

»Ich weiß, wo Hedwig ist«, log sie und setzte erbittert hinzu: »Und die Familie will ich treffen. Doktor, geben Sie mir Ihren Rat, das Weitere werde ich dann selbst veranlassen. Antworten Sie mir kurz und bündig, wenn Sie auch nicht gleich alle Namen und alle Einzelheiten erfahren. In der Familie herrscht ein Streit – ein Streit um das Haus, das sie bewohnt. Es wurde von dem ersten Mann der Frau in die Ehe mitgebracht ...«

»War Gütergemeinschaft vereinbart?«

»Nein.«

»Also Eigentum des ersten Mannes?«

»Ja, damals. Aber der Mann verließ die Frau, war irgendwo in Au... – Amerika oder sonstwo – verschollen und wurde für tot erklärt. Die Frau heiratete zum zweiten Mal. Nach fünfundzwanzig Jahren kehrte der erste Mann heim und erhob Anspruch auf sein ehemaliges Eigentum. Wem gehört es nun: der Frau oder dem ersten Manne?«

»Dem ersten Manne, meine Gnädige, das ist wohl klar.«

»Aber wie kann das sein, nachdem er für tot erklärt war?«

»Die Todeserklärung gab der Frau das Recht zu ihrer zweiten Vermählung, die sonst strafbar gewesen wäre. Ihre Ehe ist also unanfechtbar – mit dem Besitzrecht an dem Hause hat das aber nichts zu tun. Auch seine Erben könnten die Herausgabe des Hauses fordern.«

»Er hat aber zu der Flucht einen Teil ihres Geldes verwendet.«

»Hat er so viel mitgebracht, ihr das zu ersetzen – bon. Sonst – wo nichts ist, hat selbst der Kaiser sein Recht verloren.«

»Er ist nicht verpflichtet?«

»Sie soll ihn verklagen, meine Gnädigste. Sie soll ihre Gegenforderungen geltend machen. Wie der Prozeß ausläuft – ich bin auf dem Gerichte heimisch –, das Ende eines solchen Prozesses kann aber auch ich nicht voraussagen. Gütliche Vereinbarung wäre wohl das einfachste...«

Sie ging weiter. »Der Mann lebt unter einem falschen Namen!«

»Hm. Wollen Sie das – etwas deutlicher erklären?«

»Er hat seinen alten Namen im Ausland gegen einen neuen vertauscht, wohl um sich Nachforschungen zu entziehen.«

»Und auf den neuen ausländische Bürgerrechte erworben?«

»Ist das von Einfluß?« fragte sie verärgert.

»Allerdings. Ist er – ein Beispiel – als preußischer Staatsangehöriger gegangen und kehrt als amerikanischer Bürger zurück, so kann ihm das niemand verwehren.«

»Schöne Gesetze!« entgegnete sie geringschätzig. »Ist der Mann – ich will ihm mein Kind um jeden Preis entreißen – auch nicht zu fassen, wenn er einen – Mord auf dem Gewissen hat?«

Jendrowski war über ihre Fragen verwundert. »Ist das nachgewiesen?« fragte er vorsichtig.

»Er selbst hat es zugestanden.«

»Wann soll er das Verbrechen begangen haben?«

»Wann! Wann! Vor zweiundzwanzig Jahren ...«

»Im Ausland?«

»Das kann doch gleich sein.«

»Ist er deswegen verfolgt worden?«

»Verfolgt nicht. Es ist erst jetzt an den Tag gekommen.«

»Lassen Sie Ihre Finger davon, gnädige Frau.«

Er erklärte ihr, daß die Tat nach deutschem Strafrechte verjährt und eine Auslieferung selbst auf Antrag der ausländischen Behörden nicht zu erwarten sei.

»Und so was kann verjähren – ein Mord?«

»Gewiß«, bestätigte er etwas kühl. »Allerdings sieht das deutsche Strafrecht eine Unterbrechung der Verjährung vor, wenn der Richter wegen der begangenen Tat eine ›Handlung‹ gegen den Täter richtet. Danach muß aber erstens die Tat und zweitens der Täter bekannt geworden sein, was beides in diesem Falle ausgeschlossen scheint.«

»Ich danke!«

Sie war enttäuscht und entrüstet. »Verzeihen Sie die Störung ...«

Sie ließ sich nicht mehr halten, und Jendrowski begleitete sie höflich bis an die Flurtür.

»Nach Hause!« rief sie dem Kutscher zu.

Sie fand in ihrem Prunkgemach keine Ruhe, entzündete eine Kerze und wanderte durch das Haus. Drei-, viermal leuchtete sie in den öden Salon und kehrte an der Schwelle um. Aber aufs neue zog es sie geheimnisvoll in den dunklen, kalten Raum, sie legte den Fuß auf die knarrenden, klappernden Bretter und schritt hinüber nach Hedwigs Zimmerchen. Gespenstisch schimmerte das Weiß der Türgardinen im Kerzenlicht, verzerrt spiegelten die Scheiben das Antlitz der Frau. Wie gehetzt flüchtete sie zurück, schloß die Salontür, zog den Schlüssel ab und ließ ihn wie glühendes Eisen aus den Fingern auf den Läufer fallen.

Mit schmerzenden Augen folgte sie den Zeigern der Uhr.

Wutschow war längst schlafen gegangen, schwarz lag die Nacht in dem unheimlich stillen Haus.

Die Frau band ein Kopftuch um, schlich um das Haus und starrte auf Hunters Fenster. Mit lautlosem Schritt kehrte sie um, raffte im Zimmer ihres Mannes ein Bündel Schlüssel an sich, glitt auf die Veranda und klopfte an Hunters Tür, erst leise, dann laut. Aber keine Antwort als, der hämmernde Widerhall des Pochens.

Der Leuchter in ihrer Linken zitterte, als sie vorsichtig aufschloß... Auf den Zehen ging sie über den roten Teppich. Die Tür zum Schlafzimmer stand auf. Sie leuchtete hinein. Das Bett war leer.

Hunter war nicht zu Hause. Sie hatte es nicht anders erwartet. Er blieb selten daheim und kam, wenn er ausgegangen war, selten vor Mitternacht zurück.

Sie untersuchte den Schreibtisch und riß an den bronzenen Handgriffen der Schubfächer. Die Verzierungen der Griffe drückten sich tief ins Fleisch ihrer Finger, aber alle Fächer waren verschlossen und widerstanden ihren Versuchen, sie mit Gewalt aufzureißen.

Sie huschte über die Veranda zu einem Verschlag hinter der Treppe, riß einen Kasten mit verrostetem Werkzeug an sich und flog zurück. Ein dünnes Stemmeisen zerbrach, ein stärkeres ließ sich nicht ansetzen. Sie riß ihr Kopftuch ab, umhüllte mit einer Ecke den Holzgriff und trieb das Eisen mit festen Hammerschlägen in eine Fuge. Krachend splitterte unter dem Druck ihrer Fäuste das Holz ab, bis sie ein noch stärkeres Brecheisen einführen und die Vorderwand des Schubfaches mit einem Ruck sprengen konnte.

Der blitzende Lauf eines vernickelten Revolvers war das erste, was ihr in die Augen fiel. Sie faßte nach der Waffe, schob sie auf den Tisch und griff nach einer braunen Ledermappe, auf der der Revolver gelegen hatte. Die Mappe barg Banknoten im Werte von einigen tausend Mark und daneben eine Anzahl von Rechnungen und Briefen. Sie ließ die Noten unbeachtet, stöberte in den Papieren und warf sie achtlos auf den Boden. Ein Brief mit der Handschrift des Dr. Bruchs entlockte ihr einen Freudenruf. »Lieber Herr Hunter«, las sie fliegend, »Sie haben mir gestern einen Korb gegeben; aber lassen Sie mich meine Einladung nochmals wiederholen, und nehmen Sie sie freundlichst an. Ich fahre mit dem Zuge um 1 Uhr 05, Anhalter Bahnhof; lassen Sie nicht umsonst warten Ihren ergebenen Bruchs«. Der Brief wanderte in ihre Tasche, und rastlos blätterte sie weiter, ohne anscheinend noch etwas zu entdecken, was sich für ihre Wünsche lohnte. Erst nach geraumer Zeit wurde sie wieder von einigen meist mit Kopierstift flüchtig geschriebenen Zahlscheinen gefesselt, die sie ausschließlich in Anspruch nahmen. Die Quittungen bezogen sich auf eingekaufte Pelzsachen, Handschuhe, Taschentücher, Reisekoffer und Necessaire – und trugen in den Kassenstempeln sämtlich das Datum vom Tage der Flucht Hedwigs.

Sie nahm den Revolver und warf ihn gegen die Fensterwand, riß, was noch weiter an Papieren in der Lade war, heraus, musterte alles flüchtig und streute es wild umher.

Mit wenigen Schritten war sie am Ausgang, zögerte, kehrte um, las die Banknoten auf und schob sie zerknüllt zu dem Bruchsschen Brief, während sie die Quittungen in der Hand behielt.

Sie legte sich nicht schlafen, sie wartete auf die Rückkehr des Australiers und stand vor diesem, noch ehe er das Staunen über die Verwüstung überwunden hatte.

Frau Wutschow hielt ihm in der erhobenen Rechten ihren Fund entgegen: »Wo ist – meine Tochter?«

Er begriff. »Weib, warst du das?« fragte er eisig.

»Ich!« entgegnete sie mit wildem Trotze.

Er umklammerte ihr Handgelenk und entriß ihr Fetzen der Zahlscheine.

»Wer hat das bekommen?« keuchte sie.

»Wer? Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig.«

»Doch bist du's. Für Hedwig war es.«

»Danach hast du bei mir gestöbert? Vielleicht – nach Hedwigs Adresse?«

»Wo – ist sie? Bei Gott im Himmel, ich will es wissen!«

»Du kennst einen Gott? Hast du einen anderen als das Gold?« Er schleuderte ihren Arm von sich. »Diebin! Hast du nicht zugleich den Plunder ...«

Sie warf die Banknoten mit einer im Augenblick wahren Gebärde des Ekels von sich.

»Blutgeld! Behalte es! – Wo ist meine Tochter?«

»Suche sie!« klang die ruhige Antwort.

Sie hob die Hand, als wollte sie in der besinnungslosen Erregung zuschlagen. Aber dann streifte ihr Blick den blinkenden Lauf des Revolvers unter dem Fenster, blitzschnell sprang sie an dem Australier vorbei, bückte sich nach der Waffe und hob sie gegen den Feind.

Ein Schuß knallte kurz und hart, und die Kugel schlug seitwärts in die Wand, riß die Tapete auf und ließ den weißen Mörtel hervorbröckeln. Ein zweiter Knall folgte, der Australier wankte, griff um sich, hielt sich sekundenlang am Schreibtisch und glitt dann auf den Boden.

Der Revolver entfiel der Hand der Frau, schlug gegen eine Stuhllehne und fiel hart neben den Getroffenen.

Frau Wutschow stand wie entgeistert.

»Was ist das? Gott im Himmel!« flüsterten die blutleeren Lippen.

Taumelnd ging sie um den Niedergestreckten herum, dessen offene Augen seltsam starr auf sie gerichtet waren.

Mit wankenden Knien erstieg sie die Treppe, tastete sich in das Gemach ihres Mannes und keuchte: »Hast du gehört?«

Wutschow schnarchte, und sie rüttelte ihn wach.

»Steh auf! Unten ist geschossen worden – hast du gehört?«

»Nu – nein ...«

»Hunter – ich fürchte mich ... Rasch, kleide dich an, komm mit!«

Brummend kam Wutschow ihren Wünschen nach, stieg mit ihr nach unten und fand den Australier bewußtlos ausgestreckt, den Revolver dicht neben der schlaffen Rechten.

»Arzt – hole einen Arzt!« herrschte die Frau.

Es litt sie nicht in dem Gemach, als der Ehemann schlurfend gegangen war. Scheu stand sie im Dunkel der Veranda, und die Viertelstunde bis zum Erscheinen des Arztes schien ihr eine Ewigkeit.

Endlich vernahm sie eilende, feste Schritte. Ein Herr bog auf den Hof und sah sich suchend um. Sie ging ihm bis an die Treppe entgegen, rief ihn an und führte ihn.

»Selbstmord?« fragte der Arzt.

»Wahrscheinlich«, gab sie leise zurück.

Der Doktor tat seine Pflicht, und Frau Wutschow half den Ohnmächtigen betten.

Nach kurzer Zeit erlangte der Verletzte das Bewußtsein zurück.

»Fantig ...«, hauchte er.

Der Arzt, der seit langem in der Gegend ansässig war, kannte den Agenten und hatte ihn auch bisweilen in Hunters Gesellschaft gesehen.

»Soll ich ihn holen lassen?« fragte er.

Hunter antwortete mit den Augen, und Wutschow mußte widerwillig auch den Weg nach der Bülowstraße antreten, um Fantig zu suchen.

Der Schuß war in die Brust gegangen, der Sitz der Kugel nicht gleich zu ermitteln. Aber der Getroffene erholte sich, und wenigstens eine unmittelbare Lebensgefahr schien nicht vorhanden.

»Bruchs – telegraphieren – Leipzig«, flüsterte Hunter, als Fantig und die junge Frau eilig gekommen waren. »Doktor Stahl«, fügte er hinzu.

Frau Wutschow entfernte sich stumm.

»Sieht das nach Selbstmord aus?« fragte Fantig den Arzt im Nebenzimmer erregt und wies auf den gewaltsam erbrochenen Schreibtisch und die verstreuten Papiere.

»Lassen Sie alles unverändert, ich habe eine Anzeige zu erstatten«, lautete die reservierte Antwort des Doktors.


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