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Dreizehntes Kapitel

Hunter harrte bereits seit einer Stunde auf seinem Wachposten am Fenster, und noch immer war kein Bote von dem Rechtsanwalt eingetroffen. Ein Uhr war bereits vorüber, da endlich steuerte ein Telegrammbote auf das Haus zu, klinkte die Gitterpforte auf und bog in den Seitengang ein. Der Australier schlich auf die Veranda und beobachtete, wie der Bote seiner Diensttasche einen Rohrpostbrief entnahm, laut gegen die wie immer geschlossene Tür pochte, dann den Brief unter der Tür hindurch ins Innere schob, nochmals dröhnend pochte und sich darauf wieder entfernte.

Vom ersten Stockwerk her wurde ein Knurren Wutschows vernehmbar. Er kam schlurfend die Treppe herab, hob den Brief auf und entzifferte die Adresse. Mürrisch schob er das Schriftstück in eine Tasche seines Schlafrockes und stieg die Treppe wieder hinauf.

›Sollte der ehrliche Finder am Ende der Madame einen Streich spielen‹, dachte der Australier, ›und die Botschaft in seiner Tasche vergessen?‹ Gespannt wanderte er auf und ab. Aber schon nach wenigen Minuten bewies ihm ein heftiges, das ganze Haus durchhallendes Rumoren, daß die Bombe geplatzt war und der Aufruhr über ihm begonnen hatte. Und kaum eine Viertelstunde später bog auch schon das Schimmelgespann auf die Straße und jagte davon.

Hunter hatte die Hände auf den Rücken gelegt und lachte hinter dem Wagen her.

»Ja, wenn du gleich bis nach Holland traben könntest!« rief er in ungedämpfter Schadenfreude. »Ui jeh, und das würde dir auch noch nichts nützen!«

Er pfiff vor sich hin, verließ den Fensterplatz und machte sich zum Ausgehen fertig. Er war früh aufgestanden und fühlte den Magen knurren. Und das Mittagsmahl würde ihm nach der gelungenen Rache doppelt gut munden.

Beim Fortgehen traf er wie gewöhnlich auf Wutschow.

»Wollen Sie mir die Schimmel verkaufen?« fragte er freundlich.

Wutschow fuhr böse herum. »Kaufen Sie sich Pudel, die sind auch vierbeinig!«

»Na, nichts für ungut, alter Freund. Und die Pudelidee ist so schlecht nicht. Treue Tiere, sagt man, treuer als manche Menschen. Die Madame ausgefahren?«

»Soll sie bei Ihnen fragen?«

»Meinetwegen braucht sie nicht einmal wiederzukommen. Sie würden ja freilich untröstlich sein. So 'ne Sanfte! – Aha, die Zeit ist da, an seine Weihnachtseinkäufe zu denken. Madame vergißt es nicht. Haben Sie schon einen Tannenbaum besorgt?«

Wutschow entfernte sich fluchend.

»Soll ich Ihnen einen mitbringen?« rief ihm der Australier gefällig nach. Er erhielt aber keine Antwort mehr und trollte sich schmunzelnd.

Nach Tisch sprach er bei dem Rechtsanwalt vor, der gleich ihm eben im Büro eintraf.

»Darf man wissen, wohin sich das Fräulein gewendet hat?« fragte Jendrowski, nachdem er die Restsumme eingestrichen hatte.

»Nein«, gab Hunter kurz zurück.

»Sie ist geborgen?«

»Vollkommen sicher ... Hm, Frau Wutschow war bei Ihnen? – Ich sah sie fortfahren.«

»Ja. Und hat mir eine Szene gemacht!«

»Kann ich mir ausmalen ...«

»Konnte ich mehr tun als das Fräulein hüten? Vor dem Fenster kann ich doch nicht Posten stehen.«

»So – ist sie aus dem Fenster gestiegen?«

»Das Haus war abgeschlossen, ein Fenster ihres Zimmers stand offen ...«

Hunter amüsierte sich über die Biedermannsmiene des Anwalts.

»Strickleiter draußen?« fragte er.

»Ein Seil«, versicherte Jendrowski trocken.

»Sehr schön ... Na, was gedenkt die Madame zu unternehmen? Polizei?«

»Damit beliebte sie zu drohen. Eher, denke ich, wird sie dem Doktor Bruchs auf den Hals rücken.«

»Da möchte ich aber dabeisein.«

Und als könnte ihm die Gelegenheit entgehen, brach er sofort ab und suchte den jungen Arzt auf.

Bruchs war zu Hause.

»Die Alte schon dagewesen?« forschte Hunter.

»Nein. Wollte sie?«

»Mutmaßung von Jendrowski.«

Bruchs nickte. »Ich habe gleichfalls daran gedacht.«

»Doktor, lassen Sie mich rufen.«

»Wenn Sie es wünschen ...«

»Ich komme durch Zufall hinzu.«

»Gewiß, dem Zufall kann nachgeholfen werden.«

»Gestatten Sie, daß ich es mir bequem mache? Ich habe so eine Ahnung, als ob die Madame gar nicht lange auf sich warten ließe.«

»Heute noch? – Unmöglich ist es ja nicht.«

»Nein, ganz wahrscheinlich. Können Sie den Pelz irgendwo auf dem Flur unterbringen, daß er nicht gleich ins Auge fällt? Mich wundert, daß sie Sie nicht direkt von Jendrowski aus heimgesucht hat. Vielleicht ist sie noch nicht mit sich im reinen, überlegt noch. Wenn sie aber kommt, seien Sie auf der Hut. Selbstverständlich wissen Sie von nichts, sind überrascht, bedauern unendlich ...«

»Überlassen Sie es mir.«

Bruchs sah nicht aus, als ob er sich überraschen lassen werde. Ein fester Ernst prägte sich in seinen Zügen.

Ein Patient brachte eine Unterbrechung, und als er aus dem Sprechzimmer zurückkam, sah Hunter vom Fenster des Wartezimmers aus auf der Straße neben das Schimmelgespann Wutschows auftauchen.

»Da ist sie schon!« rief er dem Doktor zu. »Jetzt ruhig Blut.«

Er drehte eilig die Gasflammen im Wartezimmer aus und zog sich hinter einen Schrank zurück, der ihm ein sicheres Versteck gewährte.

Draußen ging die Klingel. Nach einigen Sekunden wurde die Tür zum Wartezimmer geöffnet, Frau Wutschow rauschte über die Schwelle.

Die Aufwartefrau des Doktors mochte verwundert sein, daß das Zimmer bereits in Dunkel gehüllt lag. Sie trat in die halboffene Tür zum Kabinett des Arztes und fragt: »Wollen Herr Doktor schon ausgehen? Es ist noch eine Dame da...«

»Ich lasse bitten«, gab Bruchs kurz zurück.

»Soll ich wieder Licht machen?«

»Nein. Lassen Sie. Meine Zeit ist bemessen.«

Frau Wutschow schlug den Schleier zurück. »Für mich werden Sie doch noch zu sprechen sein?« fragte sie herausfordernd.

»Bitte nehmen Sie Platz«, versetzte Bruchs geschäftsmäßig ruhig, wies auf einen Stuhl und ließ sich selbst wieder in seinen Sessel nieder. »Was verschafft mir die Ehre?«

»Sie fragen noch?«

»Ich darf voraussetzen, daß Sie mich als Arzt aufsuchen?«

»Als Arzt? Sie als Arzt! Ich würde mich bedanken! Es ist überhaupt ein Jammer, daß so junge Menschen...«

»Gnädige Frau«, unterbrach Bruchs, »vergessen Sie nicht, daß Sie mein Hausrecht zu achten haben.«

»Ich achte weder Sie noch...«

»Kommen Sie gefälligst zur Sache. Womit kann ich dienen?«

Sie stampfte mit dem Fuße auf. »Wollen Sie mit Ihrer scheinbaren Ruhe mich noch mehr aufbringen? Ich denke, Sie haben alle Ursache, mich zu schonen!«

»Sie sind nervös. Ist etwas vorgefallen?«

Sie warf den Kopf zurück. »Nein – nichts wenigstens, was Sie nicht längst wüßten, besser wüßten als ich!«

»Ich bin ein schlechter Rätsellöser.« Er zog leicht die Schultern hoch.

»Aber ein guter Komödiant! Wollen Sie mir gefälligst sagen, wo meine Tochter ist?«

»Suchen Sie Hedwig bei mir?«

»Allerdings suche ich!«

»Sie hat sich Ihrem Wohlwollen entzogen?«

Sie beachtete den Spott nicht. »Mit Ihrer Hilfe!« schrie sie.

Der Arzt bewahrte eine kalte Sicherheit. »Ich kann ihre Flucht nicht bedauern.«

»Das ist mir gleichgültig. Wo sie ist, will ich wissen!«

»Wollen Sie meine Wohnung absuchen?«

»Wenn Sie mir das anbieten, kann ich mir die Mühe sparen. Wohin ist sie verschleppt?«

»Nehmen Sie eine Entführung an?«

Sie holte keuchend Atem.

»Darf ich Ihnen ein Glas Wasser anbieten?« fragte er eisig. »Es dürfte Sie beruhigen.«

In brennendem Zorn sprang sie auf. »Zur Schmach noch den Hohn! Wollen Sie zu mir reden, oder soll ich Ihnen eine andere Autorität senden?«

»Ihre Autorität haben Sie verloren. Ich sehe in Ihnen die fanatische, in gewissem Sinne – bedauernswerte Frau, vor der die Tochter fliehen mußte.«

»Weil ich«, ein Blitzsprühen zuckte aus ihren Augen, »weil ich – mein Kind vor Ihnen retten wollte, deshalb war ich fanatisch! Ich habe Sie noch zu hoch eingeschätzt, ich sehe, Sie führen Ihr Spiel gewissenlos durch.«

Er erhob sich langsam, lehnte sich gegen den Schreibtisch und kreuzte die Arme über der Brust.

»Sie sollen ganz klar sehen, meine Gnädigste. In der Tat, Sie haben mich in anderer Beleuchtung kennengelernt. Ich habe bei Ihnen um Hedwig gedient, habe mir Ihr Kind von Ihnen erbitten wollen. Ich schäme mich, daß ich Ihnen energielos und unmännlich erscheinen mußte; daß ich es über mich brachte, meine ehrliche Auflehnung gegen Sie – und Ihren Herrn Gemahl – immer wieder zu unterdrücken; daß ich nicht schon lange den Kampf mit Ihnen kalt und rücksichtslos aufgenommen habe. Aber die, die sich über mich täuschte, waren doch Sie allein, und da nun die Maske gründlich gefallen ist, soll Ihnen mein wahres Gesicht nicht länger verborgen bleiben ...«

»Das Gesicht des Heuchlers!«

Er hatte vollkommen beherrscht gesprochen und ließ sich davon durch ihre Unterbrechung nicht im geringsten abbringen. Kalt und klar überlegte er jedes Wort.

»Nennen Sie mich so«, fuhr er fort. »Ein Wort, das nach meinem Bewußtsein die Unwahrheit an der Stirn trägt, kann mich nicht beleidigen. Es spricht allein gegen die, die es gebraucht. Ich habe mich Ihnen unterzuordnen, ein Einvernehmen mit Ihnen zu erzielen gesucht aus Liebe zu Hedwig. Sie hat mich tragen, dulden, übersehen, überhören lassen. Sie hat meinen Stolz gedämpft, wenn er sich aufbäumen wollte gegen all das Verrückte, Häßliche und Sinnlose in Ihrer Umgebung, gegen die Unsauberkeit und Hohlheit des Lebens und Gebarens, gegen den wuchernden Geiz und seine traurigen Folgen. Sie hat mir die Überzeugung gegeben, daß das Kind im Hause des Wahns gesund geblieben war. Und ich habe den Trost gehabt, daß die Eltern der Geliebten sich fernhalten müßten, nicht mehr hineinsprechen dürften nach dem Tag der Vereinigung. Das Schicksal hat es anders gewollt, und nun habe ich mich abgefunden damit. Sie sind mir keine Fremde, Sie sind eine mir vertraute Figur in meinem Leben, aber eine, die frevlerisch hineingegriffen hat in meine lauteren Empfindungen, eine, für die ich keine Pietät, keine Achtung und keine Schonung mehr übrig habe...«

»Auch keine Furcht?« schnitt sie ihm das Wort ab.

»Auch die nicht. Ich wäre Ihnen im Gegenteil verbunden, wenn ich der Behörde, mit der Sie zu drohen belieben, mit Erklärungen dienen dürfte, wie die Flüchtige im Hause ihrer Eltern behandelt worden ist. Die Behörde dürfte dann gleich mir zu der Überzeugung kommen, daß die Flucht ein Akt begreiflicher und berechtigter Notwehr war, und es ablehnen, Ihrem Despotismus Vorschub zu leisten. Sie wird überhaupt, weil die Originalität und Unnatur Ihres Hauses, die stadtbekannt sind, auch ihr nicht verborgen sein können...«

»Ihre Schmähungen treffen mich nicht! Aber ich durchschaue Sie. Sie sind erbost über die entgangene Mitgift...«

»Ich verzichte auf jeden Pfennig. Ich will nur das Mädchen.«

»Langt Ihr trockenes Brot für zwei?« höhnte sie.

»Für bescheidene Ansprüche reicht mein Einkommen aus. Und Hedwig ist nicht verwöhnt.«

Dr. Bruchs ließ die Arme sinken und stützte sie leicht auf die Schreibtischplatte.

»Nein, nicht verwöhnt ...«

Die Frau ließ den Pelzmantel, der ihr über die Schultern geglitten war, achtlos fallen, und ihre Augen blitzten mit den Diamanten der Brosche und der beringten Finger um die Wette.

»Meine Tochter ist unselbständig und mittellos«, fuhr sie fort, »sie kann nicht allein auf die Fluchtgedanken gekommen sein und sie ebensowenig ohne fremde Hilfe verwirklicht haben. Wer hat ihr die Anregung – und die Mittel – gegeben?«

Bruchs schwieg sekundenlang.

»Sie?« faßte die Frau energisch nach.

»Ich verweigere die Antwort«, erklärte er ruhig.

»Darin liegt Ihr Zugeständnis! Ist meine Tochter in Berlin?«

»Fragen Sie die Polizei!«

»Wie haben Sie ihren Aufenthalt erfahren?«

»Sie sind sehr neugierig, meine Gnädige.«

Seine Ruhe reizte sie zur Wut. »Hat Hedwig Ihnen geschrieben?« schrie sie.

»Hatte sie Gelegenheit dazu?« fragte er kalt dagegen.

»Ist sie zu Ihnen gekommen?«

Er konnte mit gutem Gewissen verneinen.

»Sie ist aus dem Fenster gestiegen. Wer hat ihr das Seil geliefert?«

Der gute Jendrowski hat mit dem plumpen Witz richtig spekuliert, dachte Bruchs belustigt.

»Vielleicht können andere das Rätsel lösen«, erwiderte er.

»Sie nicht?«

»Leider nein, obgleich ich ihr gern jeden Dienst erwiesen hätte.«

»Sie war krank; sie hätte verunglücken können!« trumpfte sie auf.

»Ihre späte Sorge rührt mich!« entgegnete er sarkastisch.

Sie griff nach ihrem Mantel. »Wir kommen so nicht zum Ziel...« Sie flog vor Erregung.

»Nein«, gab Bruchs zu. »So nicht und auf anderem Wege auch nicht. Vielleicht gestatten Sie mir aber, Ihnen – ehe Sie gehen, ich sehe, Sie wollen aufbrechen – einen guten Rat zu erteilen: Wenn Sie sich nicht einer Unhöflichkeit meinerseits aussetzen wollen, bitte ich Sie, mich eines weiteren Besuches nicht zu würdigen.« Er lenkte noch etwas ein: »Es sei denn, ein Rest von Mutterliebe triebe Sie zu mir, den ich dankbar anerkennen würde.«

Er wollte ihr behilflich sein, den Mantel umzulegen; sie wies ihn entrüstet ab.

»Mutterliebe zu der – Dirne?« keuchte sie.

Sie stolperte gegen ein Bauerntischchen neben der Tür, verfing sich im Dunkel des Wartezimmers mit dem Fuß im Teppich und wäre fast hingeschlagen.

Bruchs folgte ihr an die Flurtür, öffnete und ließ sie an sich vorbei. Die matte Beleuchtung des Flurs traf auf ein rotes, entstelltes Gesicht.

Hunter drückte dem Arzt die Hand. »Schade«, sagte er, »auf eine Mitwirkung meinerseits scheint die Dame bisher nicht verfallen zu sein.«

»Vielleicht kommt sie noch darauf«, entgegnete Bruchs, »und dann haben Sie den Tanz.«

»Ich tanze mit«, erklärte der Australier scharf.

»Wir wollen sie nicht unnötig reizen«, mahnte Bruchs mit besonnenem Ernst.


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