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Vierzehntes Kapitel

Den für das Brautpaar entscheidenden Tagen folgten solche der äußeren Ruhe, und Dr. Bruchs wunderte sich, daß die aufs äußerste erbitterte Gegnerin scheinbar keine Schritte gegen ihn unternommen hatte. Bald stellte sich jedoch heraus, daß dem Frieden nicht zu trauen und Frau Wutschow wahrscheinlich heimlich an der Arbeit war.

Der Australier wurde zuerst auf einen Herrn aufmerksam, der jeden Tag kurz vor Mittag in der Villa vorsprach und von Wutschow, der ihn offenbar erwartete, in eigener Person, zwar auch brummig, aber doch zugleich dienstwillig eingelassen und nach oben geleitet wurde. Dem Hausherrn selbst aber konnte der Besuch nicht gelten; das ging schon daraus hervor, daß Wutschow meist bald schlurfend die Treppe wieder herabkam und sich in der Veranda aufhielt oder sich im Hof beim Kutscher zu schaffen machte, während der Fremde zweifellos noch im ersten Stock war. Galten aber die Visiten dem Hausherrn nicht, so blieb nur die zweite Möglichkeit übrig, daß sie der Frau des Hauses abgestattet wurden.

Hunter sprach sich zu dem jungen Arzt über seine Wahrnehmungen aus.

»Die Sache ist mir verdächtig«, meinte er. »Der Mann findet offene Türen, wo sie sonst jedem verschlossen sind. Es ist mindestens auffallend.«

»Ich beunruhige mich darüber nicht«, entgegnete Bruchs. »Daß sie irgend etwas beginnen würde, war doch selbstverständlich.«

»Allerdings. Und da sie offen nichts ausrichten kann, wird sie sich aufs Schleichen verlegen. Wissen Sie, was ich vermute? Ich glaube, der Kerl ist von irgendeinem Privatdetektiv-Büro. Nach einem Beamten sieht er mir nicht aus, eher nach einem Schauspieler. Und derartige Büros bedienen sich ja wohl für ihre Zwecke derjenigen Leute, die sie eben finden können.«

»Ich denke, die Inhaber sind meist frühere Beamte, pensionierte, vielleicht verunglückte...«

»Jawohl, die Leiter. Aber die können nicht überall sein, sondern müssen ihre Helfer haben. Und so einen Schauspieler stelle ich mir als eine ganz brauchbare Kraft vor. Natürlich, es sind nicht alles Intriganten, und den Stand will ich nicht angreifen; aber der Kerl sieht mir ganz danach aus. Geben Sie acht, Sie werden ihn auch hier bald bemerken. Zuerst schnüffelt er um das Haus herum – das hat er natürlich schon getan –, und dann führt er sich unter irgendeinem Vorwand direkt bei Ihnen ein oder spioniert und horcht unter den Hausbewohnern herum, besonders bei der Dienerschaft. Vielleicht ist es angebracht, wenn Sie Ihrer Haushälterin einige Instruktionen geben.«

»Nein, das werde ich bleiben lassen. Ich spreche über persönliche Angelegenheiten nicht mit ihr und möchte ihr auch in diesem Fall die Unbefangenheit nicht rauben. Zu allem ist sie gegen Fremde mißtrauisch und wird so bald nicht für eine Indiskretion zu haben sein.«

»Um so besser, Doktor. Übrigens bin ich einigermaßen davon überzeugt, daß der brave Mann von unserer Freundin zunächst auf eine falsche Fährte gehetzt worden ist. Die Madame wird von der Voraussetzung ausgehen, daß Hedwig in Berlin und mit Ihnen in Verbindung ist, und demgemäß der Spürnase aufgegeben haben, erstens Ihr Haus und zweitens jeden Ihrer Wege sorgsam zu überwachen. Haha! Der kann sich Stroh in die Stiefel stopfen, wenn ihm beim Warten die Füße nicht kalt werden sollen.«

»Ja. Andererseits wird er aber seine Beine recht oft unter die Arme nehmen können«, ergänzte er, »denn ich habe immerhin eine Anzahl Krankenbesuche abzustatten und mache in der freien Zeit mitunter ausgedehnte Spaziergänge.«

»Wissen Sie was, Doktor? Ich habe zuweilen auch Neigung, frische Luft zu schnappen und meine Pedale etwas zu vertreten: Ich werde Ihnen mal ein bißchen auf den Fersen bleiben und sehen, ob ich den Kujon nicht abfasse.«

Bruchs war einverstanden, und der Australier folgte ihm mehrere Tage hindurch bald zu Fuß, bald in offener oder geschlossener Droschke, ohne daß die gehoffte Entdeckung gelingen wollte. Daß Hunter aber dennoch richtig vermutet hatte, bestätigte sich bald.

Es war eine Woche nach Hedwigs Abreise vergangen, als die Freunde abends von einem Weg gemeinsam heimkehrten und Bruchs zu seiner Freude einen Brief von seiner Schwester vorfand. Ehe er noch abgelegt hatte und lesen konnte, trat die Haushälterin ein und erstattete die Meldung, daß ein Herr den Herrn Doktor zu sprechen verlangt und allerlei merkwürdige Fragen gestellt habe.

»Merkwürdig?« fragte Bruchs, das Wort aufgreifend.

»Nu ja«, meinte die Frau.

»Zum Beispiel?« forschte Bruchs.

»Na – zuerst, ob der Herr Doktor verheiratet sei.«

»Was haben Sie geantwortet?«

»Nee. Dann, ob der Herr Doktor verlobt sei.«

»Und?«

»Mit mir nich, habe ich gesagt. Und dann wollte er wissen, ob viele junge Damen herkämen oder bloß mal eine – und immer dieselbe. Und ob vor acht Tagen eine Blonde dagewesen sei. Ich aber bin nicht dämlich und habe ihm gesagt, das ginge mir nichts an, und Kranke kämen, Alte und Junge und Arme und Reiche. Ja, und ob ich denn dem Herrn Doktor seine Braut kenne. Nee, kenne ich nicht. Was ja auch wahr ist. Und dann sagte er, er sei Künstler und er habe seine Tochter zu dem Herrn Doktor geschickt, so vor acht Tagen, und ob die beim Herrn Doktor gewesen wäre. Das war nämlich die Blonde gewesen. Nee, sagte ich, das weiß ich nicht, da fragen Sie man bei Ihre Tochter selbst an.«

»Noch mehr?«

»Er quatschte noch was von Tochter verreist und wollte man lieber wiederkommen, wenn der Herr Doktor selbst da wär' – und ist dann gegangen.«

»Wie sah der Kerl aus?« fragte Hunter. »Trug er einen Bart?«

»Nee.«

»Hatte er langes, schwarzes Haar?«

»Ja, hinten lang, vorne in die Mitte gescheitelt und platt an den Kopf gekämmt.«

»Ungefähr so groß wie der Herr Doktor?«

»Das kann schon stimmen.«

Bruchs dankte, und die Alte zog sich zurück.

»Das war mein Mann«, behauptete Hunter.

Der Arzt griff nach dem Briefe.

»Maries Handschrift – deutsche Marke und Poststempel Leipzig –, sie ist also heimgekehrt. Das interessiert mich mehr als alle Schleicher.«

Er trennte den Umschlag auf und hielt drei kleine Oktavbogen in der Hand, deren einer von der Schwester war, während die anderen von Hedwig stammten.

Hunter rückte seinen Stuhl weit an den Schreibtisch, und Bruchs las gedämpft vor:

»Lieber Bruder Max! Ich bin glücklich zurück und kann dir eine freudige Mitteilung machen: Es ist alles gelungen und alles über Erwarten gut. Deine Braut, die ich bei Mrs. Stanburn zurückgelassen habe, ist mir in der kurzen Zeit eine teure Freundin und Schwester geworden, für die ich so viele gute Wünsche hege wie für Dich. Sie schreibt Dir selbst, und wie ich wirst auch Du aus ihren Zeilen herauslesen, daß sie voll Mut, Dankbarkeit und Vertrauen an die Zukunft denkt, die sie zu Dir zurückführen soll. Sie ist eine weiche, kindliche Natur und doch stark und voll Entschlossenheit in ihrer Liebe, anhänglich und überschwenglich dankbar allen, die zu Dir halten und ihr nur mit einer Spur von Güte begegnen. Mrs. Stanburn hatte sie mit offenen Armen aufgenommen, und sie läßt Dir danken, daß Du – ihre eigenen Worte – ihr den Sonnenschein zugeschickt hast. Freilich, der Sonnenschein ist die alte Dame mit dem weißen Haar und den feinen, jungen Zügen auch selbst. Aber für Hede ist es dort gut, und weil sie nie die Mutterliebe kennengelernt hat, wie wird ihr weiches Herz da aufgehen in Dankbarkeit. Max, tausend Grüße soll auch ich Dir von ihr bestellen und Dich bitten, bald an sie zu schreiben. Tu's und vergiß aber auch mich nicht.

Immer Deine treue Schwester Marie«

Auf der letzten Seite des Bogens kam noch ein Gruß von Männerhand zum Vorschein, mit steilen, festen, schmucklosen Buchstaben:

»Ich bin froh, daß ich mein Hauskreuz wieder habe, und wenn das Deine mal dem meinen gleichen wird, kannst Du froh sein. Der Verhimmelung traue ich aber nicht recht. Meine Alte hat – ich schreibe hinter ihrem Rücken – ihre Mucken; beuge denen bei Deiner Zukünftigen gleich vor.

Wenn Du Dich mal wieder bei uns sehen ließest, könnt's auch nicht schaden.

Gruß Fritz!«

Bruchs schmunzelte. »Natürlich, der muß seinen Senf auch dazugeben. Na, Fritzchen, 'nüberdampfen kann man ja mal wieder. Ich muß sehen, wie's paßt.«

»Die anderen Bogen mögen Sie allein lesen; ich weiß aus dem ersten genug.«

Hunter wollte seinen Stuhl zurückschieben, aber Bruchs wehrte ihm ab.

»Nein, nein«, protestierte der Australier, »ich halt's mit Ihrem Schwager, und so was ist mir zu überschwenglich.«

Er wanderte hinter Bruchs auf und ab, nahm dann die ihm dargereichten engbeschriebenen Bogen aber doch und las ernst:

»Mein Liebster! Nun bin ich weit fort von Dir und doch mit all meinen Gedanken bei Dir. Ich habe im Zug erst geweint, und es war mir so bang, bis Deine Schwester mir Mut zusprach und von Dir redete. Nein, Max, ich bin nicht mehr traurig, ich denke an Dich und lebe unter lieben, guten Menschen! Deine Schwester und die gütige Mrs. Stanburn! Deine Schwester hat mir immer von Dir erzählt, von der Zeit, als Du noch ein kleiner Junge warst, einmal von einem Birnbaum auf die Erde und einmal von einem Boot ins Wasser geplumpst bist – und dann von Deiner Studentenzeit, wie sie schon verheiratet war und Dir heimlich ihre Spargroschen zugesandt habe – ach, Du, wenn Du der mal ein böses Wort sagen könntest, ich glaube, ich würde Dir auch mit böse sein. Nein, böse nicht. Aber, nicht wahr, Du könntest das auch gar nicht? Deiner Schwester, ich nenne sie auch meine, kann ja niemand böse sein. Und die gute Mrs. Stanburn. Weißt Du, Max, sie sieht noch ganz jung aus und hat doch fast schneeweißes Haar – ist das nicht merkwürdig? Das kommt, sagt sie, weil ihr Herz jung geblieben ist und gar nicht daran denkt, alt zu werden. Sie kennt Deutschland, Max, auch unser schönes Berlin. In Leipzig, bei ihrer Schwester, ist sie früher oft gewesen, wenn das nun auch schon lange her ist. Deutsch spricht sie fast ebensogut wie Marie und hat es gern, wenn ich ihr aus deutschen Büchern vorlese.

Und für mich ist das so herrlich, all das Schöne kennenzulernen. Viele, viele deutsche Bücher hat sie in ihrer Bibliothek, die wir alle durchgehen wollen. Und immer neue läßt sie kommen, heute ein ganzes Paket. Ach, Du, und Englisch soll ich auch lernen. Ein paar Brocken kann ich schon, und ich glaube, es ist gar nicht schwer. Oder doch, Max? Ja, das Schreiben, das ist verrückt, oder ich bin ein bißchen zu dumm dazu, was Mrs. Stanburn aber nicht zugeben will. Die Gute! Werde ich ihr ihre Liebe jemals vergelten können? Ja, Max, wenn Du nicht wärst, würde ich das alles gar nicht kennenlernen. Alles Liebe kommt wieder einzig und allein durch Dich. Ich bin Dir nah, wenn auch eine schreckliche Entfernung zwischen uns liegt. Einmal wird ja die Zeit kommen, wo Du mich wieder holst, sagt auch Mrs. Stanburn, und dann will sie sich mit uns freuen. Weißt Du, was ich von zu Hause heimlich mitgenommen habe? Deine Photographie, Max, und jetzt hat Mrs. Stanburn sie einrahmen lassen, wunderhübsch, und sie steht in meinem Zimmer auf dem kleinen Schreibtisch dicht am Fenster. Ein Blick von dem weißen Papier, während ich schreibe, und ich sehe Dich, mein Lieber! –

Mrs. Stanburn war eben bei mir, und sie sagt, ich solle Dich von ihr mit grüßen und dann zum Tee kommen. Ach, ich hätte Dir noch so viel zu sagen, mein Max, aber ich tröste mich auf morgen und freue mich, daß ich Dir dann wieder schreiben kann. Wenn mir nur nicht wieder bange wird, wenn Deine gute Schwester morgen in die Heimat zurückfährt. Aber nein, ich will mutig sein, Max, und Marie und Mrs. Stanburn nichts merken lassen.

Leb wohl, Max, und behalte mich lieb!

Deine treue, glückliche Hede

PS: Bald hätte ich die Adresse vergessen! Aber nein, hier ist sie noch: London, Chelsea, King's Road 15.

›The Red House‹ heißt das wunderschöne Heim von Mrs. Stanburn.«

Hunter gab den Brief zurück. »Die Adresse – werden Sie hüten müssen«, sagte er, und nach einer Pause: »Dem einen Schnüffler werden sich andere zugesellen. Nichts herumliegen lassen. Wer spionieren will, sieht doppelt, wenn möglich auch durch Schlösser und in Briefkästen. Adressieren Sie an Mrs. Stanburn.«

»In die Postämter wird ein Privatdetektiv kaum vordringen können.«

»Nein, direkt nicht. Heilig sind die Stephansjünger aber auch nicht.«

»Ich werde, um aller Vorsicht zu genügen, verschiedene Ämter benützen.«

»Well. Wie ist's mit Huth – kommen Sie mit?«

»Nach ... wenn Sie erlauben. So in einer kleinen Stunde.«

Der Australier war auf dem Weg in Gedanken vertieft und merkte nicht, daß bei seinem Fortgang ein Herr in der Nähe der Bruchsschen Wohnung aus einem Hausflur trat, ihm in einiger Entfernung folgte und auch sein Einbiegen in das bekannte Weinrestaurant beobachtete. Er hatte aber eben erst Platz genommen und sich eine Zeitung kommen lassen, als auch der Fremde im Lokal erschien und sich suchend nach einem Tisch umsah.

»Gestatten?« fragte er Hunter.

Der Australier hätte den Tisch am liebsten reserviert; aber da Bruchs erst später nachzukommen versprochen hatte und die Tische in der Nähe stark besetzt waren, nickte er zustimmend, gab dem Kellner seinen Auftrag und vertiefte sich in das Abendblatt.

Der Fremde war ein breitschultriger Herr von weltstädtischem Äußeren. Er bestellte eine halbe Flasche Erdener Treppchen, setzte eine Zigarre in Brand und widmete seine Aufmerksamkeit scheinbar ausschließlich den bläulichen Rauchringen, die er mit lässiger Meisterschaft vor sich hin blies, und dem Blitzen eines Brillantringes an seiner Linken. Erst als für Hunter serviert war, wandte er sich an diesen und fragte aufmerksam: »Darf ich weiterrauchen?«

»Bitte.«

Der Fremde musterte ihn interessiert.

»Verzeihung! Aber wenn ich nicht irre ...«

Der Australier sah auf.

»Herr Hunter?«

»Der bin ich.«

»Steinberg. Ich habe die Ehre von der Potsdamer Straße her.«

»Wieso?«

»Ich wohne Ihnen gegenüber. Ist mir aber wirklich interessant. Gesehen habe ich Sie schon oft; freut mich, daß der Zufall uns auch einmal näher zusammenführt. Hoffentlich befremdet es Sie nicht, wenn ich sage, daß der Mieter im Hause Nummer einhundert im Berliner Westen Gegenstand einiger Neugierde ist ...«

Daß dich die Maus beißt! dachte Hunter. Sollte der auch zu den Spürnasen gehören und mit dir anbinden wollen? Dem werde ich leuchten. »Neugierde?« wiederholte er.

»Ich bitte um Pardon! Selbstverständlich keine lästige, am allerwenigsten von meiner Seite. Der alte Wutschow ist als Sonderling bekannt, mit dem bisher niemand hat auskommen können. Man wundert sich, daß Ihnen das zu gelingen scheint, und wendet Ihnen so eine Art fragender Aufmerksamkeit zu. Oder sollte es mit Wutschows Wunderlichkeiten nicht so weit her sein, wie die Fama glauben machen möchte?«

»Das kann ich schwer beurteilen. Die Klatschereien betreffen wohl auch vorwiegend zurückliegende Zeiten.«

»Vorzugsweise allerdings, aber doch nicht ausschließlich. Ich möchte Sie in Ihrer angenehmen Beschäftigung nicht stören, sonst dürfte ich wohl sagen, daß gerade neuerdings wieder mancherlei herumgeredet wird.«

»Hm. Kann man erfahren –?«

»Na, so von der Tochter ...«

»Ah?«

»... die ja wohl – ich wiederhole nur, was so geredet wird – sich vom Hause oder von einer Pension entfernt haben soll. Man wird nicht klug daraus.«

Der will dir richtig auf den Zahn fühlen, überlegte Hunter und erklärte scheinbar gleichmütig: »Ähnliches ist mir auch zu Ohren gekommen. Ich habe keinen großen Wert darauf gelegt, mehr zu erfahren.«

»Das würde ich für meinen Teil auch nicht tun. Anders ist es bei meiner Frau. Sie wissen ja, wie die Frauen sind. Die Neugier plagt sie alle. Das heißt, der Grund für die Anteilnahme meiner Frau liegt doch etwas tiefer: sie hat das hübsche blonde Mädchen gern gehabt, und wenn sie etwas Positives in Erfahrung zu bringen wünscht, so ist es zu einem guten Teil die Sorge, die ihren Wünschen einige Berechtigung gibt. Vorgefallen sein muß doch etwas!«

»Allerdings, ganz aus der Luft gegriffen sind Gerüchte wohl selten«, pflichtete Hunter unverbindlich bei.

»Das meine ich auch. Die junge Dame wird man von Hause fortgebracht haben. Das scheint mir festzustehen. Und zwar durch die Mutter. Aber warum? Einige wollen wissen, sie sei erkrankt gewesen und darum bei einem Arzt untergebracht worden. Dieser Ansicht ist auch meine Frau, und sie ist darüber recht beunruhigt. Könnten Sie nicht die Liebenswürdigkeit haben, mir – selbstredend vertraulich – einigen Aufschluß zu geben? Als Hausgenosse dürften Sie wohl dazu imstande sein, und wenn ich Ihnen meine strengste Diskretion zusichere ...«

»Was wünschen Sie denn, im einzelnen zu erfahren?« unterbrach der Australier mit harmloser Miene.

»Nur zur Beruhigung: War sie krank? Ist sie es noch? Und welchem Arzt mag ihre Behandlung anvertraut sein?«

Mit anderen Worten, dachte Hunter, ich soll verraten, ob ich ihren Aufenthalt gekannt habe, und daraus soll geschlossen werden, ob ich etwa weiter beteiligt war.

»Mir ist von einer Erkrankung der Dame nichts bekannt geworden«, sagte er laut.

»Meinen verbindlichsten Dank, Herr Hunter, auch im Namen meiner Frau. Allerdings, ganz beruhigt wird sie schwerlich sein. War Fräulein Wutschow gesund, so gewinnt die Behauptung derjenigen an Wahrscheinlichkeit, die eine Liebesaffäre gewittert haben.«

»Ich denke, die Dame war verlobt?«

»Gewiß, mit einem jungen Arzt. Das war allgemein bekannt. Man munkelt aber, daß die Verlobung von der Mutter des Mädchens aufgehoben worden sei.«

»Merkwürdig, was sich alles herumspricht.«

»Nicht wahr? Man versteigt sich sogar zu der Hypothese, die Tochter sei von der Mutter geradezu vor dem Verlobten versteckt worden.«

»Na, die Phantasie braucht sich ja keinen Zwang aufzuerlegen.«

»Sollte das bloß Phantasie sein? Auch, daß der junge Arzt den Aufenthalt der Braut entdeckt und sie nun seinerseits wieder vor der Mutter versteckt hat?«

»Entführt?«

»Auf die Bezeichnung kommt es wohl nicht an. Oder ist Fräulein Wutschow aus eigenem Antrieb geflüchtet? Hat sie sich – von der Vorstellung wird meine Frau gepeinigt – gar ein Leid angetan? Ja, wenn man wüßte, daß sie geborgen ist, daß es ihr gut geht! Dann wäre ja alles Sorgen mit einem Schlage zu Ende ...«

»Die Teilnahme Ihrer Frau Gemahlin deutet auf ein weiches Gemüt«, heuchelte Hunter, ohne eine Miene zu verziehen.

Herr Steinberg wurde vertraulicher. »Sie sollen mit dem jungen Arzt befreundet sein?«

»Wer sagt das?«

»Ach, so was spricht sich herum. Berlin ist eine große Stadt, aber auch ein Klatschnest wie die ärgste Kleinstadt. Sie sind zusammen ausgegangen, Sie sind auch bei ihm gesehen worden – gleich weiß es natürlich jeder, den es angeht und nicht angeht, wenn er's nur hören will. Aber das nebenbei. Meine Frau leidet unter ihren Vorstellungen und in gewissem Sinn ich mit ihr. Ich wäre Ihnen wirklich herzlich dankbar, wenn Sie mich mit einem Wort, mit einem Wink, und wär's mit dem kleinsten, zu belehren, zu beruhigen die Güte haben wollten.«

»Hm ...«

»Ich wäre schon zufrieden, wenn Sie auf die teilnehmende Frage ›Geht es dem Fräulein gut?‹ auch nur mit einem kurzen, einsilbigen Ja antworten möchten.« Hunter schob den Teller zurück, lehnte sich mit den Armen auf den Tisch und fixierte sein Gegenüber durchdringend. »Ganz so leicht geht es doch nicht«, erklärte er. »Also auf Ihre Diskretion kann ich bauen?«

»Unbedingt.«

»Auf die Ihrer Gemahlin auch? Frauen haben recht lose Zungen.«

»Meine nicht. Für die bürge ich.«

»Na, also auf Ihr Ehrenwort! Ich muß aber etwas ausholen ... Wissen Sie, daß Frau Wutschow eine große Kunstfreundin ist?«

»Das kommt mir überraschend.«

»Ja, sie liebt es auch nicht, damit in die Öffentlichkeit zu treten. Die Kunst ist ihr Heiligtum, und das behält man ja für sich. Pinseleien sind nicht nach ihrem Geschmack; sie ist für die plastische Kunst. Und mit der Sicherheit der Kennerin geht sie ihre eigenen Wege. Marmor ist ihr zu kalt, und auch der Bronze zieht sie ein Material vor, das bei weitem zarter und schmiegsamer ist, ich möchte sagen, das das Leben am lebendigsten wiedergibt. Waren Sie einmal in Castans Panoptikum? Da sehen Sie die echte Kunst. Die Kunst in Wachs. Wachs ist das Idealste. Und für Wachs schwärmt Frau Wutschow. Für Büsten. In ihrem großen Salon stehen zwei Meisterwerke. Sie sollen ihre beiden ersten verstorbenen Töchter darstellen. In Wachs will sie auch die junge Braut modellieren lassen. Aber Verlobung aufgehoben? Unsinn. Das Fräulein krank? Fabel. Bei einem Künstler ist sie, Modell steht sie.«

Herr Steinberg hatte verstanden. »Sie haben mir meine Fragen verübelt – ich bedaure wirklich!«

»I wo, keine Ursache, Mr. Steinberg. Beruhigen Sie nur Ihre verehrte Frau Gemahlin! An dem ganzen Kuddelmuddel ist lediglich die verflixte Wachsmanie schuld. Ich glaube sogar, die Frau Wutschow trägt sich allen Ernstes mit dem Gedanken, einmal Castan empfindlich Konkurrenz zu machen.«

Hunter stand auf. »Empfehle mich Ihnen – und Ihrer Frau Gemahlin – gehorsamst ...«

Seelenruhig setzte er sich an einen frei gewordenen Ecktisch und würdigte den Ausfrager keines Blickes mehr. Erst als Bruchs hinzugekommen war und er diesem den Vorfall erzählte, verzog sich sein Gesicht spöttisch.


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