Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Zehntes Kapitel

Tauwetter!

Nach reichlichem Schneefall und andauernder Kälte klatschte ein strömender Regen auf die Dächer und wusch die schmutzigen Straßen. Ein rauher Sturmwind blies sein eintöniges Konzert, peitschte die strömende Flut gegen die Fenster, fuhr den Passanten fauchend unter die triefenden Schirme und trieb mit den Kleidern der Frauen ein übellauniges Spiel.

Hunter horchte, als er am vorgerückten Vormittag erwachte, auf das Trommeln und Klatschen an den Fensterscheiben, reckte sich faul und bequemte sich nur widerwillig zum Aufstehen.

Im Wohnzimmer fand er die Aufwartefrau vor, die eben damit beschäftigt war, die welk gewordenen alten Rosen durch neue zu ersetzen. Sie hatte den verblühten Schmuck achtlos beiseite geschafft.

Der Australier fuhr sie an. »Halt! Was machen Sie denn da?«

Sie ließ sich nicht stören. »Die alten taugten ja doch nichts mehr, Herr Hunter ...«

»Himmeldonner! Wo sind sie –?«

»Die hab' ich natürlich weggeworfen. Sollte ich das nicht?«

»Dann holen Sie sie gefälligst wieder! Die neuen ... Wo haben Sie denn die her?«

»Das wissen Sie nicht? Sie hat mir doch die anderen auch gegeben.«

»Wer – Hedwig, das Fräulein?«

»Das Fräulein? Nein, die nicht.«

»Die nicht?«

»Nein. Die Frau Wutschow.«

»Die Frau Wu...«

Hunter lachte, daß es ihn schüttelte. Dann kam die Wut über ihn.

»'raus mit dem Zeug!« brüllte er, faßte Vase und Inhalt, stürzte ans Fenster, riß es auf und warf die schuldlosen Opfer im Bogen hinaus. Die Vase zerschellte an dem Eisengitter, die Rosen fielen verstreut in den tauenden Schnee.

»Aber Herr Hunter!« stotterte die Frau.

»Da brauchen Sie wenigstens nicht gegossen zu werden!« gab er erbost zurück.

»Die schönen, teuren Rosen ...«

Hunter stellte sich breitbeinig vor die überraschte Frau.

»Wenn die Gnädige von oben Ihnen noch mal was anvertrauen will«, herrschte er, »dann werfen Sie es ihr gefälligst an den Kopf! Verstanden?«

»Ich konnte doch nicht wissen, Herr Hunter ...«

»Nein«, er zwang sich zu einem ruhigeren Ton, »Sie konnten nicht ... Aber jetzt – jetzt wissen Sie! Ich kann Ihnen den Mund nicht verbieten, und wenn die Madame die Gnade hat, Sie anzusprechen, dann mögen Sie ihr antworten, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist. Nur mich lassen Sie aus dem Spiel – und gar reingeschleppt wird ein für allemal nichts! So, das wäre abgetan ... So'n kleiner Ärger regt den Appetit an ...«

Er ließ sich am Frühstückstisch nieder und schenkte der verblüfften Frau keine Beachtung mehr. Erst als sie nach geraumer Zeit mit ihrer Arbeit fertig war und sich geräuschlos entfernen wollte, fand er ein versöhnendes Wort für sie.

»Na, ich bin etwas hitzig gewesen. Grüßen Sie Frau Fantig. Und darum keine Feindschaft ...«

»Nee, ich werde mich in Zukunft aber vorsehen, Herr Hunter.«

»Schön, schön.«

Er schlug die Beine übereinander, griff nach der Zeitung und vertiefte sich anscheinend in die Tagesneuigkeiten.

Kaum hatte die Frau das Zimmer verlassen, als das Blatt wieder auf den Tisch flog und der Australier aufsprang.

»So eine Frechheit! Na ja, geradezu blind ist man gewesen. Die und so'ne Rosen! Die mit dem mageren Taschengeld – wenn's überhaupt eines gibt – und so eine Ausgabe. Dummkopf ich! – Nun sage mir aber einer, was der Satan von mir will!«

Sein Lachen schlug in ein Fluchen um. »Laß du dich nur sehen! « wiederholte er. »Ich war schon in Stimmung – das hat noch nachgeholfen!«

Er setzte sich wieder, streckte sich halb liegend aus, nahm abermals die Zeitung und überflog die Stichworte. »Zur Lohnbewegung – Eine Dampferkollision auf der Havel – Der Bahnhof Stralau-Rummelsburg – Verhaftung eines ungetreuen Postbeamten – Scham über einen Fehltritt – Die Besitzer von Zughunden – Die Hauptpumpstation ...«

»Quatsch, Quatsch!« knurrte er und starrte, durch ein Geräusch abgelenkt, nach der Tür, die eben ohne Klopfen von Frau Wutschow geöffnet worden war.

Hunter verharrte mit absichtlicher Nachlässigkeit in seiner bequemen Lage.

»Morgen!« schnarrte er dem Besuch entgegen. »Wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt. Hier: ›Ein Sprung aus dem Fenster‹ – nee – ›Eine Rabenmutter‹. – Schon gelesen? ›Ihr eigenes Kind schwer mißhandelt zu haben wird eine Frau Franziska S. in der Usedomstraße beschuldigt.‹ – Ach so! Das sind Sie ja nicht mal. Schade! Na, vielleicht kommt's noch.«

Er las die Stichworte laut weiter und verirrte sich auch in die Kunstrubrik. » ›Bluthochzeit – Maria Magdalena – Schnitzlers Grüner Kakadu – Der Gewissenswurm ...‹ Weiß vielleicht die Madame, was ein Gewissenswurm ist?«

»Ich bin zu Possen nicht aufgelegt.«

»Nicht?« fragte er höhnisch. »Na, dann blättern wir etwas weiter. ›Wiener Herbstmoden‹. – Aha, das ist was.« Und er las eintönig: »Die ehedem beliebte Kapotte scheint ganz aus der Mode zu kommen. Wer hielte sich auch für alt genug, solch einen simplen Hut aufzusetzen! Selbst die Großmütter ...«

Sie riß ihm das Blatt aus der Hand.

»Erlaube mal!« fuhr er auf.

»Ich will deine Zeit nicht lange in Anspruch nehmen, du kannst nachher von der Großmutter weiterlesen. Was mich zu dir führt...«

Sie rang in der Erregung nach Atem.

»Ich bin gespannt!« höhnte er.

»Ich habe meine Tochter vor dir – und anderen! – in Sicherheit gebracht. Ich darf mir ausbitten, daß ich ebenfalls von jetzt ab unbelästigt bleibe...«

»Und deshalb fällst du mir ins Haus?«

»Ich wollte nur noch ein ›Wenn‹ hinzufügen.«

»Ah? Du zeigst dich großmütig? Was für ein Wenn ist denn das? Ich bin total dumm.«

»Ich will einen letzten Versuch machen. Ich habe dir bewiesen, daß ich mir meine Rechte nicht einschränken lasse und daß ich der Gewalt mit Gewalt zu begegnen weiß!«

»Jawohl, Madame!«

»Ich bin aber verständigen und friedlichen Erwägungen nicht unzugänglich...«

»Hört, hört!«

»Und ich habe nach einer Basis gesucht, auf der...«

»Sehr gütig! Auch schon gefunden?«

»Willst du mich wenigstens reden lassen? Und bist denn du in einer friedfertigen Stimmung? Nach dem Schicksal, das du meinen armen Rosen bereitet hast, kann ich das nicht gerade annehmen.«

Er richtete sich etwas auf, ließ sich aber gleich wieder lässig zurückfallen und knurrte: »Die Ehre war unverdient...«

»Deine Selbsterkenntnis wundert mich.«

»Darf ich fragen, wie du zu der Liebenswürdigkeit gekommen bist?«

Sie schwieg einen Augenblick und schien auf das Regenklatschen zu horchen.

»Wolltest du das Kriegsbeil begraben?« fragte er.

Die Spitzen ihrer Finger spielten nervös. »Ja, etwas Ähnliches«, versetzte sie zögernd. »Ich habe an die Vergangenheit gedacht und daran, daß es doch einmal Tage gegeben hat, die Besseres versprachen, als nachher eingetroffen ist. Meine Überzeugung, wem der Hauptteil der Schuld zuzuschreiben war, ist nicht schwankend geworden und – mein Groll gegen dich nicht erloschen. Du hast selbst dafür gesorgt, daß das nicht möglich war. Die stillen Stunden der Erinnerung stimmten mich aber – weicher ...« Sie sprach stockend, als ob sie die ungewohnten Laute aus einer fremden Tiefe heraufholen müsse.

»Die Verstellung wird dir verdammt sauer!« warf Hunter derb ein.

Sie schüttelte den Kopf und fuhr beherzt fort: »Sie brachten mich dahin, daß ich deinem Einzug unter das Dach, das uns ehemals gemeinsam gehörte, ruhig, fast – versöhnt zusehen konnte. Es drängte mich dann, dir ein Zeichen zu geben.«

»Von deiner Bekehrung!«

»Du nahmst den Gruß an ...«

Er schnellte auf. »Jawohl, weil ich glaubte, er käme von Hedwig!«

Sie warf den schönen Kopf zurück und ließ ihn gleich darauf wieder sinken.

»Ich habe mich noch weiter gedemütigt, den Friedensgruß erneuert, nachdem du gestern den Streit abermals begonnen ...«

Er lachte dröhnend, unterdrückte dann aber den Wutausbruch, der ihm auf den Lippen lag, und wartete in schweigender Neugier, worauf sie wohl hinauswollte.

»Fahre fort!« forderte er nur.

»Deine Antwort liegt draußen im Schnee«, hielt sie ihm entgegen. »Wenn es deine letzte sein sollte, könnte ich mir jede fernere Mühe ja sparen.«

»Nicht doch! Ich bin wirklich begierig...«

»Ich glaube, wir Frauen sind doch aus anderem Holze als ihr Männer und können den Haß nicht so konsequent herumtragen wie... Ich wollte dich fragen: Muß – muß es bleiben zwischen uns, wie es ist?«

Sie hielt den Kopf gesenkt, und er suchte vergeblich in ihren Zügen zu lesen. Aber alles in ihm bäumte sich gegen den Glauben an ihre Wahrhaftigkeit auf; er sah in ihr nichts als die heuchlerische Komödiantin, die irgendeinen eigensüchtigen Zweck unter der Maske scheinbarer Nachgiebigkeit zu erreichen suchte. Es kochte in ihm, und nur das drängende Verlangen, sie ganz zu durchschauen, zwang ihn zu äußerlicher Ruhe.

»Das kommt nicht auf mich an«, erwiderte er ausweichend.

»Doch«, beharrte sie.

»Wieso?«

»Ich habe meine Bedingungen – du kannst sie annehmen.«

»Aha! Willst du sie hören lassen?«

»Ja. Zuerst: du glaubst mir, daß unsere Kinder – unsere – nicht durch meine Schuld so früh entschlafen sind.«

Er funkelte erregt zu ihr hinüber, ohne sie zu unterbrechen.

»Sie waren nie die Stärksten. Und als du gegangen warst, ich muß das berühren, kränkelten sie.«

»Und flohen, um gesund zu werden! Sehr richtig. In welches Bad waren sie doch gleich gegangen?«

»Ich hatte sie streng häuslich erzogen. Es war mir unbegreiflich, daß sie sich von zwei halben Kindern betören lassen konnten ... Ich tat nur meine Pflicht, als ich sie zurückholte.«

Hunters derb aufeinandergepreßte Lippen zuckten. »Deine zweite Bedingung?« zischte er.

»Hedwigs Heirat mit dem Doktor unterbleibt.«

»Bist du zu Ende? Oder hast du noch ein Drittes und Viertes? Soll ich Hedwig heiraten? Oder willst du dich von deinem schmutzigen Kummergreis scheiden lassen und mich zum zweiten Mal beglücken? Ich danke für die Ehre ...«

Sie bezwang sich noch immer.

»Darf ich erfahren«, entgegnete sie mit Betonung und ersichtlicher Spannung, »ob du auf Hedwigs Verbindung – mit dem – besonderen Wert legst?«

»Ah! Du kommst zur Hauptsache. Endlich! Willst du ein Handelsgeschäft machen?«

»Ich würde – unter Umständen – meine Zustimmung nicht vorenthalten.«

»Soll ich sie dir abkaufen?«

Sie runzelte die glatte Stirn.

»Du stellst Hedwigs Zukunft sicher!« forderte sie geradeaus.

»Wieviel verlangst du –?«

Sie vergaß jede Zurückhaltung und fragte eisig: »Wie groß ist dein Vermögen?«

Der Australier krallte die Finger in die Polsterlehnen seines Sessels und nannte heiser eine ungeheure Summe.

Ein Schlag durchzuckte sie.

»So sichere Hedwig die Hälfte ...«

»Ich habe dir die Wahrheit gesagt«, keuchte er, »und du stehst nun auch wahr vor mir ...«

Sein Atem ging schwer.

»Das Vermögen geht in meine Verwaltung über«, steigerte Frau Wutschow ihre Forderung.

Jetzt hielt Hunter nicht mehr an sich. Mit einem Ruck stand er hochaufgerichtet.

»Goddam!« sagte er und streckte ihr die geballten Fäuste hin. »Wenn du kein Weib wärst!« Die Zähne schlugen ihm aufeinander. »Mit meinen Händen würde ich dich erwürgen.«

»Ich liebe die Romantik nicht«, entgegnete sie kalt. »Ich bin wie das Leben: die Nüchternheit, und ich vertusche nicht: Ich rechne und fordere!«

»Das Geld bedeutet dir mehr als alles auf der Welt!«

»Du hast es doch! Und wer geizt mehr; ich nach der einen Hälfte oder du mit beiden?«

»Verlaß mich!«

»Ja. Aber ich habe ein Anrecht an dem, was du hast; denn mit meinem Gut hast du es erworben!«

»Du!«

Hunter trat so ungestüm und dicht vor sie hin, daß sie zurückwich.

»Du –! Dränge mich nicht zum Äußersten! Ich hätte kein Erbarmen für den Teufel in Menschengestalt! Ich habe für dich keines mehr – und ich werde dich zu fassen wissen! Meine Kinder will ich an dir rächen – mich selbst, die Menschlichkeit, die du mit Füßen trittst Ich bin ein Elender gewesen – du bist es hundertfach. Ich habe gemordet im Hunger – du spielst im Überfluß mit Menschen von deinem eigenen Fleisch und Blut!«

Mit drei Schritten war er an ihr vorüber, knallend schlug die aufgerissene Tür gegen die Flurwand.

Schweigend, mit haßerfülltem Blick, ging die Frau – fluchend durchmaß der Australier das Zimmer, und einförmig trommelnd schlugen die Wassertropfen gegen die blinkenden Fensterscheiben.


 << zurück weiter >>