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Fünftes Kapitel

Der Portier im Bayrischen Hof stand dienstbereit, als der Wagen mit dem Australier vor dem Hotel vorfuhr, er drückte sich aber beiseite, sobald er das finstere Gesicht des Gastes bemerkte.

Hunter verlor kein Wort, schloß sich bis gegen Abend in sein Zimmer ein und verließ das Hotel stumm, wie er gekommen war. In der Friedrichstraße und Unter den Linden hielt es ihn nicht; er schritt durch das Brandenburger Tor in den Tiergarten und schlug Seitenwege ein, die zwar schlecht beleuchtet, aber auch fast ohne Verkehr waren.

Die Bäume ragten schwarz und kahl in die Nacht, kein Stern erhellte den wolkenverhängten Himmel. Waldeinsamkeit und Waldstille fast mitten in der Großstadt; nur das Klingeln der Straßenbahnen drang zuweilen gedämpft herüber.

Hunter ließ sich auf einer Bank nieder. Er starrte in das Dunkel, und unwirtlich wie in der Natur war es in ihm. Seine Erregung hatte sich gelegt, aber ein dumpfer Druck wich nicht von ihm. Die Finsternis des Waldes glich dem Dunkel seiner unklaren Gedanken und Vorsätze. Aber er war nicht der Mann, der sich von äußeren Eindrücken widerstandslos lähmen ließ. Er erhob sich, stieß mit dem Krückstock auf und schüttelte die Befangenheit mit einem Fluch von sich ab.

»Wir sind noch nicht fertig miteinander«, murmelte er im Weitergehen. »Erst wissen«, überlegte er, »dann handeln!«

Wissen! Aber wer konnte ihm zu Wissen verhelfen? Und wer konnte ein Interesse daran haben, ihn aufzuklären?

Der Agent kam ihm plötzlich in den Sinn.

Fantig!

Er atmete erleichtert auf.

Fantig! Er besaß das Mittel, dem die Zunge zu lösen. Er sollte profitieren dabei, aber er sollte auch herausrücken mit der Sprache, mit der Wahrheit – sollte sie ergründen helfen, wenn er sie selbst nicht kannte –, sollte forschen, horchen, reden um jeden Preis!

Er hatte bis dahin kein Gewicht darauf gelegt, sich die Adresse des Mannes zu notieren. Aber er wußte ihn ja zu finden. Und er wollte keine Zeit verlieren.

Er kehrte zum Brandenburger Tor zurück und benutzte eine Pferdebahn nach dem Nollendorfplatz.

An der Kreuzung der Bülow- und Potsdamer Straße stieg er aus und begab sich direkt in das Restaurant, an dessen Stammtisch er Jeremias Kluckhohn und den Agenten kennengelernt hatte. Es war noch zu früh, als daß er den einen oder den anderen schon anzutreffen hoffen durfte; erfuhr er hier von jemandem die gewünschte Adresse, war sein Zweck auch so erreicht.

»Fantig?« fragte der korpulente Wirt überlegend und wandte sich zugleich an seine Frau, die neben ihm hantierte. »In der Bülowstraße wohnt er, nicht weit von der Lutherkirche. Weißt du nicht die Nummer?«

Die Frau kam seinem Gedächtnis zu Hilfe.

»Ich glaube zweiundsiebzig. Im ersten Stock vorn wohnt ein Buchhändler, und vor dem Hause stehen in dem kleinen Vorgarten zwei Kugelakazien.«

»Ja, richtig – zweiundsiebzig«, bestätigte der Wirt. »Wenn Sie warten wollen, um zehn, mitunter auch eine halbe Stunde früher, kommt er her.«

Hunter verspürte keine Neigung, in dem dumpfen Lokal zu bleiben und womöglich auch mit Jeremias zusammenzutreffen.

»Danke«, sagte er. »Mir ist die Zeit etwas knapp heute, und so eilig mit dem Treffen ist es nicht... Mal bei Gelegenheit genügt auch ... höchstens – na ja, das kann ich machen – ihm ein paar Zeilen schreiben. Dürfte ich um einen Bogen Papier und um einen Umschlag bitten?«

Der Wirt holte das Verlangte und brachte auch Tinte und Feder.

»Nicht nötig«, wehrte Hunter ab, ließ sich an einem der Tische nieder und warf mit Kopierstift die flüchtigen Zeilen hin:

»Bin in der Gegend. Haben Sie eine Stunde für mich übrig, so treffen Sie mich im ›Prinzen Luitpold‹.

Hunter«

Der »Prinz Luitpold« war das Restaurant, in dem er bereits am ersten Abend eingekehrt war. Er sah, bevor er den Namen niederschrieb, über die Bülowstraße und stellte das deutlich an der Front des Hauses angebrachte Firmenschild fest.

»Soll ich einen Dienstmann rufen?« fragte der Wirt höflich.

Der Australier bat darum.

Der Mann mit der roten Mütze wußte Bescheid.

»Zweiundsiebzig – Gartenhaus, drei Treppen. Als es ihm noch besser ging, hat er vorn gewohnt, Beletage... Herrn Fantig kennt hier jedes Kind... Wünschen Sie eine Antwort?«

»Nein!«

Der Mann entfernte sich, und Hunter folgte ihm bald.

Er wandte sich nicht direkt nach dem »Luitpold«, sondern machte einen Umweg, um den Wirt irrezuführen, falls die Neugier diesen gar zu sehr plagen sollte.

Fantig stellte sich früher ein, als der Australier erwartet hatte.

»Guten Tag, Herr Hunter«, sagte der Agent und setzte fragend hinzu: »Gibt es etwas Neues?«

Hunter hielt es nicht für nötig, lange zu palavern. Er hoffte im Gegenteil, den Partner um so gefügiger zu machen, je schneller und deutlicher er dessen materielle Interessen anreizte.

»Ja, für Sie«, gab er zur Antwort.

»Da bin ich gespannt ...«

Fantig hing seinen Überzieher an einen Ständer und fuhr, noch ehe er Platz genommen hatte, lakonisch fort: »Angenehmes?«

»Well. Wir können einig werden.«

»Das wäre ausgezeichnet!« entfuhr es dem Agenten in freudiger Überraschung.

»Unter bestimmten Bedingungen«, schränkte der Australier ein.

»Die erste, daß Sie preiswert kaufen – weiß ich, weiß ich!« entgegnete Fantig voll Eifer. »Diesmal habe ich mich auch vorbereitet und einen Grundriß eingesteckt – bitte, Herr Hunter...«

Hunter vertiefte sich in den Plan und folgte geduldig Fantigs Erläuterungen. Dann griff er in den Wortschwall des Vermittlers ein und faltete das Papier ohne Umstände zusammen.

»Ich danke – und mein Entschluß steht nahezu fest: Unter Ihrer Führung werde ich morgen vormittag den Platz besichtigen, und gefällt mir die Umgebung ...«

»Oh, es gibt nichts auszusetzen!«

»Well, dann machen wir kurzen Prozeß. Bis dahin halten Sie reinen Mund – Wutschows wegen...«

»Wegen Wutschow? Der will wohl nicht mehr? Oder stellt sich so? Habe ich Ihnen das nicht gleich gesagt?«

Fantig war voll Zuversicht, aber der Australier störte sein Frohlocken ziemlich unsanft.

»Wutschow ist Ihr Konkurrent«, erklärte Hunter trocken. »Er hat mir Ihren Vorschlag ebenfalls unterbreitet.«

Fantig war aufgebracht.

»Meinen –? So ein Schuft! Und Sie? Sie haben doch abgelehnt? Mit dem darf man sich nicht einlassen ... bloß mit dem nicht, ich rate Ihnen gut... Der dreht Ihnen den Strick, ohne daß Sie's merken!« sprudelte er hervor.

Hunter hob beschwichtigend die Hand. »Hätte ich Sie herbestellt, wenn ich Sie nicht mehr brauchte?« fragte er trocken.

»Nein ... hoffentlich...«

»In geschäftlichen Dingen bemüht man niemand umsonst, ich am allerwenigsten. Aber damit Sie klarsehen: Den Kauf des Hauses Nummer einhundert habe ich ebenfalls nicht aufgegeben, und ich behalte mir einstweilen noch die Wahl vor. Bitte, lassen Sie mich aussprechen; wir kommen so am ehesten zum Ziel. Ich bin eine zähe Natur, und wenn ich mir mal was in den Kopf gesetzt habe, lasse ich so leicht nicht davon ab. So geht es mir mit Wutschows Fuchsbau. Ich bin – wenn es auch Zufall ist – zuerst daraufgestoßen, und deshalb halte ich noch daran fest.«

»Ja, aber erlauben Sie ...«

Fantig rückte unbehaglich auf seinem Stuhl.

Die Miene des Australiers zeigte einigen Unwillen.

»Ich habe Sie schon einmal gebeten, mich nicht zu unterbrechen«, fiel er bestimmt ein. »Ich wiederhole nicht gern. Also der Plan, der ursprüngliche, besteht noch – bis jetzt. Wutschow habe ich auch, sozusagen, halb in der Tasche, und ich hätte schon abschließen können, wenn, na, wenn eben kein Wenn wäre. Da ist aber eins, ja, und deshalb bin ich stutzig geworden. Ich bin viel in der Welt herumgekommen, und es ist im Grunde lächerlich, wenn man da nicht alle kleinen Verrücktheiten, Torheiten, Vorurteile – oder wie Sie wollen – als überflüssigen Ballast von sich geworfen hat; ich habe das aber nicht ganz fertiggebracht und werde es wohl auch nie zustande bringen. Ich bin nicht furchtsam, bewahre, aber, was soll ich erst viel Worte machen, ich bin ein wenig abergläubisch. Und sehen Sie, jeder Mensch hat wohl seine schwache Seite. Das dumme Kindergruseln macht mir altem Kerl auch in diesem Falle zu schaffen. Man hat dem baufälligen Kasten einen Namen gegeben ... einen Namen...«

»Aha – das Spukhaus!«

»Jawohl, Herr Fantig, und der – der stört mich. Nicht zu glauben, aber leider auch nicht zu leugnen. Dumm, ich sage es mir selbst; aber ich kann mich nicht dagegen auflehnen, und ich muß – muß! – der Sache auf den Grund kommen. Herumgehört habe ich schon – viel erfahren indes nicht. Nur soviel scheint mit festzustehen, daß da – mit zwei Kindern – was nicht ganz in Ordnung gewesen ist...«

Fantig nickte lebhaft.

»Stimmt es?« fragte Hunter.

»Und ob!«

Aus den Mienen des Agenten strahlte die Genugtuung, daß er unterrichtet war, und die Überzeugung, daß er dem Kauflustigen das störende Projekt gründlich verleiden könne.

»Das kann ich Ihnen genau erzählen«, nahm er eifrig das Wort, »und der Jeremias müßte es Ihnen bestätigen, wenn der nicht so unzuverlässig wäre und immer auf Wutschows Seite stände. Ich bin nicht gerade abergläubisch, aber das mit den beiden Kindern, zwei Mädchen, das war zu arg, und das lastet auf dem Hause – und auf dem Flecken Erde, möchte ich sagen – für immer als ein Fluch. Auch dann noch, wenn der alte Kasten abgerissen wird. Der Boden ist entweiht...«

Er unterbrach sich, führte sein Bierglas an den Mund und trank in hastigen Zügen.

»Also passen Sie auf. Das Ehepaar Wutschow hat jetzt noch ein Kind, ein Mädchen, das Ihnen vielleicht nur deshalb im Hause nicht begegnet, weil die Alten sie förmlich wie eine Gefangene halten. Das Kind ist von Wutschow. Früher waren noch zwei Mädchen da, von dem ersten Mann der Frau. Der Mann, der erste, soll an der Frau nicht ganz recht gehandelt haben, ins Ausland gegangen sein; das kann ich nicht entscheiden. Und geht uns den Teufel an. Jedenfalls heiratete die Frau nach Jahren zum zweiten Mal und behandelte ihre ersten Töchter wie eine Rabenmutter, als ihr das dritte Mädchen geschenkt worden war. Gut war sie niemals zu ihnen gewesen – ich glaube, dazu ist sie überhaupt nicht fähig. Wutschows Lieblinge waren die beiden auch nicht, und was sie unter diesen Umständen für Tage verlebten, das kann man sich vorstellen. Es gibt aber Pflanzen, die auch im Schatten groß werden, und so ging es den beiden Mädeln auch. Notabene: Ich habe sie beide gekannt, wenn auch flüchtig, weil sie eingekerkert waren, wie jetzt die dritte. Blaß und verschüchtert waren die jungen Dinger, aber durchaus nicht häßlich – im Gegenteil, hübsch, sage ich –, und zwei junge Leutchen, Söhne guter Familien, fanden sie sogar verteufelt hübsch. Wie sie sich getroffen, gesprochen und verliebt haben, das weiß der Himmel – Gott Amor hat ja seine besonderen Schleichwege. Aber die Tatsache war nicht aus der Welt zu schaffen, trotz Papa und Mama Wutschow, und eines schönen Tages kam sogar heraus, daß die beiden verliebten Paare bei Nacht und Nebel davongegangen waren. Die Wut von dem Drachen, das Schimpfen des Obertyrannen! Aber die Alte blieb nicht bei Reden, sondern ging zum Handeln über – hetzte die Polizei auf, machte Lärm in allen Zeitungen und sandte für ihr Geld Spürhunde nach allen Seiten aus. Die Jünglinge kamen zurück und wurden von der Polizei ins Gebet genommen – aus ihnen war nicht mehr herauszupressen, als daß sie die Mädchen hätten in Sicherheit bringen wollen. Wäre die Zeit gekommen, so würden sie sie holen und heiraten. Damit war die Dame Wutschow nicht zufrieden, und – leider! – sie hatte Erfolg. Die Ausreißer wurden in Wien gefunden. In Wien! Als Dienstmädchen hatten sie sich vermietet – sie, deren Stiefvater ein Millionär war!«

»Konnten die jungen Männer nicht besser für sie sorgen?« fiel Hunter fragend ein.

»Die?« überlegte Fantig. »Nein, wohl nicht. Deren Eltern waren wohl nicht arm, aber die Jungen selbst hatten nichts als die Zukunft und ihre Hoffnungen.«

»Dann hätten sie sie doch lieber daheim lassen sollen!«

Fantig lächelte. »Meinen Sie?« fragte er überlegen. »Ich nicht. Die Mädchen jedenfalls auch nicht. Nein, nein! Zwar: sie sind zurückgekommen, mit Gewalt zurückgeholt. Bereut haben sie aber nicht. Nur sich todunglücklicher gefühlt als jemals und dann dem jungen Leben, ihrem Lieben und ihrem Leiden ein Ende gemacht. Mit Gift, wenn Sie es wissen wollen. Vielleicht ... man munkelt ... die Alte konnte auch ... einige sprachen von vergiftetem Kuchen, den sie gereicht haben soll. Man kann das glauben oder den Kopf schütteln, seine Gedanken sind jedem unbenommen... Ich will nichts gesagt haben. Die Ärzte konstatierten Vergiftung. Die Polizei stellte Selbstmord fest – das Genaue wird Sankt Petrus in seinem Hauptbuch verzeichnet haben. Der Volksmund schiebt alle Schuld der Alten zu und läßt die armen Opfer zur Strafe der unnatürlichen Mutter klagend in dem Hause umgehen. Davon hat das Spukhaus seinen Namen, und davon haben Sie munkeln hören.«

»Das ist nicht einladend«, versetzte der Australier rauh.

»Nicht wahr?« fragte Fantig befriedigt und führte noch weiter aus: »Ich glaube zwar nicht an Gespenster und an diese beiden auch nicht. Aber es gehören Nerven dazu, an Stätten, die durch Unglück und Verbrechen gezeichnet sind, sich heimisch und wohl zu fühlen. Ich könnte das nicht. Ich müßte immer an die armen Geschöpfe denken, denen da das Herz gebrochen ist. Übrigens, was mir da plötzlich einfällt...«, Fantig beugte sich zu dem Australier hinüber, »haben Sie das ganze Haus gesehen?«

Der Befragte mußte dies verneinen.

»Wenn Sie wieder mal hineinkommen und es bietet sich Ihnen Gelegenheit, holen Sie das Versäumte nach. Die Sage behauptet, die beiden Mädchen seien in Wachs nachgebildet und noch in einem der Räume vorhanden. Vielleicht können Sie sogar ihre Bekanntschaft machen!«

»In Wachs?« wiederholte der Australier. »Etwa – Totenmasken?«

»Nein, nein, nach dem Leben. Allerdings zeitlich nach dem Tode. Nach Fotografien, sagt man, die während der kurzen Freiheit in Wien aufgenommen und von den Mädchen mit in die Heimat gebracht worden waren. Diese Fotografien sind ja auch nicht unwahrscheinlich. Ich denke mir, die Verliebten haben sich für ihre Liebsten aufnehmen lassen und ein oder ein paar Bilder auch für sich behalten.«

Hunter war erstaunt, wie viel von den Rätseln des Hauses bekannt war und wie an manchen Stellen die Kombination, nicht unwahrscheinlich ergänzend, einsetzte. Aber er hatte genug gehört und suchte das Thema abzubrechen.

»Vielleicht – ja«, gab er widerwillig zu. »Das hat Zeit. Wichtiger ist unsere Sache. Haben Sie morgen eine Stunde für mich frei – zur Besichtigung des Grundstücks?«

»Für den ganzen Tag – bestimmen Sie!«

Hunter überlegte einen Augenblick. »Am Nachmittag? So um vier herum?«

»Wie Sie wünschen!«

»Also abgemacht. Haben Sie Vollmacht zur Verhandlung?«

»Schwarz auf weiß, Herr Hunter! Darf ich sie Ihnen zeigen?«

Er langte schon in die Tasche, aber Hunter winkte ab.

»Ihr Wort genügt mir.«

»Soll ich den Besitzer auch hinbestellen?«

»Nach Ihrem Belieben. Wollen Sie fünftausend extra verdienen?«

»Wieviel – was?« Fantig fuhr sich mit der Hand durch die Haare.

»Extra«, wiederholte der Australier. »Welches ist der niedrigste Preis?«

Fantig wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Hunter reichte ihm mit stummer Zusicherung die Rechte.

»Vierhundertsechzig Mille – statt fünfhundert ...«, flüsterte der Agent.

Hunter nickte dankend. »Ich erwarte Sie hier.«

»Ich werde pünktlich sein.«

»Suchen Sie noch Ihr Stammlokal auf?«

Fantig verneinte. »Wenn Sie gestatten, begleite ich Sie ein Stück.«

Hunter lehnte ab. »In dieser vorgerückten Stunde kann ich das nicht annehmen, ich fahre.«

Sie brachen bald auf, und Hunter bestieg vor dem Haus die Straßenbahn.

Fantig verfolgte den Weg nach seiner Wohnung, kehrte kurz vorher um und suchte doch noch den Stammtisch auf.

Der Wirt trat ihm lebhaft entgegen. »Nanu, was hast du denn mit dem Herrn vor?« forschte er neugierig.

»Ich?« fragte Fantig unschuldig, »'n Abend, Jeremias. Was soll ich weiter vorhaben! Nichts Besonderes. Der Mann ist fremd hier, sucht Anschluß, wendet sich an mich, soll ich ihm den Gefallen abschlagen?«

»Wo seid Ihr denn gewesen?« warf Jeremias dazwischen.

»An der Quelle – sei nicht so neugierig.«

Jeremias seufzte. »Freigehalten?« forschte er weiter.

»Geraten, alter Schluckspecht. Tut dir wohl leid, daß du nicht dabei warst?«

Jeremias schwieg grollend.

Fantig schwamm in Zufriedenheit und bestellte sogar für Jeremias ein Glas mit.

»Für mich auch?« fragte der Wirt vom Büfett her.

»I wo, dem Wirt was schenken, ist eine Sünde.«

»Erzähl doch«, drängte Jeremias Kluckhohn, und der Wirt schloß sich an.

»Ja!« Fantig lachte. »Er hat mir eine Geschichte erzählt, famos, prachtvoll. Eine Entengeschichte. War da mal ein Bauer, der einen guten Hof und ein gutes Herz hatte. Der fand im Moor ein Nest wilder Enten, nahm die Eier – sieben an der Zahl – heraus und mit nach Haus. Die will ich mir ausbrüten lassen, dachte er, legte sie einer Henne unter und sah nach Wochen sieben graugelbe Dinger herauskriechen, die von der alten Henne mit sehr mißtrauischen Augen betrachtet wurden. ›Schad't nichts‹, sagte der Bauer für sich, ›wenn sie auch nicht so schön dottergelb aussehen wie die anderen, wenn sie nur zahm werden; und dafür will ich schon sorgen.‹ Und er hatte seine Freude daran, wie sie wuchsen und viel lebhafter waren als die dummen Zahmen. ›Kiek‹, sagte er einmal abends, als es eben schummrig wurde und die Entenschar um einen Teich herum im Gras watschelte, ›kiek, Mutter, die sind doch leicht auseinanderzuhalten, die zahmen und die wilden: die ersten tragen den Hals gradaus, so waagerecht, und die mal wild waren, strecken ihn empor und tragen den Kopf ordentlich stolz.‹ Und wie er noch über seine Schützlinge lachte, ging's hoch oben in der Luft plötzlich los: ›Kräk – kräk – kräk‹, die Zahmen duckten sich ins Gras, die Wilden reckten die Hälse, schrien ›kräk – kräk‹ mit, schlugen mit den Flügeln, erhoben sich plötzlich – und zogen mit den Blutsverwandten eilig davon. Grad so mach ich's auch ...«

Er warf lachend zwei Nickelstücke auf den Tisch und eilte aus der Tür.

»Bist du auch wild geworden?« rief ihm der Wirt nach. Aber Fantig antwortete nicht mehr. Morgen ist auch ein Tag, und ein wichtiger dazu, dachte er bei sich und ließ sich vom Nachhauseweg nicht mehr abbringen.

Er kam früher nach Hause als Hunter, der noch nach Mitternacht in einem Cafe der Friedrichstraße saß und finster das ihn umbrandende Treiben der Lebewelt beobachtete. »Das schwatzt und lacht nun«, knurrte er für sich, »in den Tag oder vielmehr in die Nacht hinein, als wenn das Leben nichts anderes wäre als eine Skatpartie. Aber selbst im Skat bringen die da, wenn's hoch kommt, es nur zur Schellenfarbe.«

Er wandte sich durch die Menge zum Ausgang.

Auf dem Heimweg fiel ihm das Versprechen ein, das er am ersten Abend dem jungen Arzt gegeben hatte. Er lachte bitter. Der mochte warten. Was sollte er ihm berichten? Von den Unglücklichen, deren Tod ihn nicht berühren konnte? Der Mann war nicht mehr von Interesse für ihn. Ihm stellte das Leben nur noch, die eine Aufgabe, zu rächen, zu strafen – und die wollte er zu lösen suchen.

Noch eine Stunde lang lag er angekleidet auf der Chaiselongue und zermarterte das schmerzende Hirn.

Plötzlich ging ein Ruck durch seinen Körper, er hob sich auf die Ellenbogen und schnellte hastig vollends empor. »Ich hab's!« keuchte er, starrte mit brennenden Augen um sich und ballte die Fäuste. »Ich hab's – ich hab's! Muß ich kaufen, wo ich...« Ein unterdrücktes, wildes Lachen schüttelte ihn, »Ich hab's, Madame, und du wirst große Augen machen!«

Der Fußboden dröhnte unter seinen Schritten, und das Lager krachte, als er sich endlich zur notwendigen Ruhe hinwarf.

Der nächste Mittag fand ihn wieder in der Wutschowschen Villa. Auf der Holztreppe zur Veranda traf er auf einen jüngeren Herrn, der ihn nach dem Hausherrn fragte.

»Treten Sie nur ein; er wird nicht weit sein.«

Wutschow saß auf einem Treppenabsatz, hielt eine zerknüllte Zeitung in der geballten Faust und fluchte laut.

»Bagage, Lumpenpack – geht das jemand was an? Ich tu', was ich will, die sollen sich an die eigene Nase fassen!«

Wütend warf er die Zeitung auf den Boden und zerstampfte sie mit den unförmigen Filzschuhen.

Hunter machte ihn auf den Begleiter aufmerksam.

»Der Herr wünscht Sie zu sprechen.«

»Was wollen Sie?« fuhr ihn Wutschow laut an.

»Kann ich den Laden sehen, der hier zu vermieten ist?« fragte der Unbekannte etwas unsicher.

Der Zettel mochte wer weiß wie lange hängen – bis dahin hatte sich niemand darauf gemeldet, da es sich sichtlich nur um ein einfaches, zweifenstriges Eckzimmer im Hochparterre handelte, das erst bei Nachfrage für Ladenzwecke eingerichtet werden sollte.

»Laden hin – Laden her!« schrie Wutschow. »Nein! Ich habe keine Zeit.«

»Wann kann ich wiederkommen?«

»Wenn's hinter Ihren Ohren trocken geworden ist.«

Der Mann war verblüfft.

»Was – was – soll er kosten?« stotterte er verlegen.

»Das können Sie gar nicht bezahlen, junger Mann!«

»Das fragt sich doch!«

»So? Zweitausend Mark!«

»Wer ... werden Sie da die Wand durchbrechen lassen, für Schaufenster?«

»Bei Ihnen rappelt's wohl! Nichts werde ich machen lassen! Noch was? Sonst drücken Sie sich.«

Das ließ sich der Besucher nicht zweimal sagen.

»Und Sie?« wandte sich Wutschow fauchend an den Australier. »Haben wir noch was miteinander zu tun?«

Hunter lächelte eisig. »Wir? Ich möchte auch Ihren Laden mieten.«

Wutschow blies die Backen auf und rannte wütend umher.

Der Australier bückte sich nach der mißhandelten Zeitung und stopfte sie zerknüllt in die Tasche. Dann stieg er die Treppe hinan.

»Wohin?« zischte Wutschow hinterher.

Hunter ließ sich nicht zurückhalten und gab auch keine Antwort. Ohne abzulegen und ohne anzuklopfen, trat er in das Zimmer der Hausfrau. Eine eiserne Härte lag auf seinen Zügen.

Frau Wutschow saß am Fenster. Sie erhob sich und trat dem Eindringling entgegen.

»Frechheit!« stieß sie hervor.

»Man lernt dazu«, parierte er. Er stand energisch da und fixierte sie kalt. »Ich bin gekommen, Madame, um Ihnen zu erklären, daß ich zu Ihnen ins Haus ziehe ...«

»Bist du wahnsinnig geworden?«

»Das Parterre steht leer. Ich miete es und richte es mir ein.«

»Niemals!«

»Das können Sie nicht verhindern.« Er trat so dicht vor sie hin, daß sein Atem sie streifte. »Fürchtest du mich?«

Sie lachte nur verächtlich.

»Well. In einer Woche – oder zwei – ziehe ich ein. Bis dahin lasse ich herrichten – tapezieren, möblieren. Ob Wilhelm Mumm, ob William Hunter ... eingeweiht bist nur du – und dein Schweigen erkaufe ich!«

Er riß ein dickes Portefeuille aus seiner Tasche und warf es mitten ins Zimmer. »Gift und Gold sind die besten Schweigegelder. Deine Hand mag ich nicht berühren; heb es auf.«

»Ich werde es hinauskehren lassen!«

»Das wirst du, wie ich dich kenne, nicht tun.«

Sie stieß mit dem Fuße danach. »Ich brauche deinen Mammon nicht!«

Ein Zucken umspielte seine Lippen. »Ich bin zu höflich gewesen, scheint es. Muß ich Ihnen ins Gedächtnis rufen, Madame, wem dies Haus einst gehört, wer es mit in die Ehe gebracht hat?«

»Den Kasten?«

»Du scheinst sagen zu wollen: der Kasten war nicht allzuviel wert – damals. Ich muß dir recht geben. Dein Vermögen war größer. Aber, das war damals! Das war vor einem Vierteljahrhundert. Jetzt liegen die Verhältnisse anders. Der Kasten hat an Wert gewonnen, und der Kasten gehört nach wie vor mir!«

Sie lachte höhnisch.

»Dir? Du hast deine Rechte längst aufgegeben!«

»Darf ich fragen, wo das geschrieben steht?«

»Deine Frage ist lächerlich!«

»Nicht so ganz. Kannst du beweisen, daß ich es dir geschenkt habe?«

»Du hast durch deine Flucht selbst darauf verzichtet!«

»Das hast du angenommen. Ich – verneine das!«

Er fuhr mit starker Betonung fort: »Wir haben nie in Gütergemeinschaft gelebt, und das Haus ist nie dein Eigentum gewesen. Es ist es auch heute nicht. Dennoch – ich will nicht überstürzen; ich will es nicht als mein Eigentum zurückfordern, ich will es neu erwerben, will mieten – wenn es gütlich geschehen kann. Im Guten alles, mit Gewalt nichts. Das merke dir. Besprich dich mit deinem Mr. Wutschow, lege mir kein Hindernis in den Weg, wenn ich einziehe, rede ihm zum Verkauf zu – zu deinem eigenen Vorteil. Bei Gott, nein – ich bin nicht sentimental; aber an der Stelle, wo meine Kinder – hingemordet sind, soll niemand anders den Fuß aufsetzen als ich! Das schwöre ich dir! Und nun erwäge und beschließe nach deinem Belieben. Den kleinsten Widerstand deinerseits betrachte ich als Kriegserklärung, und was dann folgt, hast du zu tragen ...«

Er wartete keine Entgegnung von ihr ab, und die Frau suchte ihn nicht zurückzuhalten. Erst als die Tür hinter ihm zuschlug, schien sie das Übergewicht seiner Drohungen zu fassen. Abermals stieß ihr Fuß nach der auf dem Teppich liegenden Tasche, daß diese im Bogen gegen ein Tischbein flog und Banknoten sich rund herum verstreuten. Ihr Auge hing starr an den Scheinen, die schon die Farbe als Tausendmarknoten kennzeichnete. Sie trat vor, bückte sich, raffte die Scheine zusammen, breitete sie auf ihrem Schreibtisch aus und zählte, zählte ...

Die kostbar beringten Finger zitterten ihr.

Sie strich sich über die Stirn, als sie zu Ende gezählt hatte, setzte sich und starrte auf die Scheine.

Als von draußen gegen die Zimmertüre gepocht wurde, stellte sie sich, den Schatz versteckend, breit vor den Schreibtisch.

Hedwig trat schüchtern ein. »Mama, darf ich dir den Tisch decken?«

»Jetzt nicht, ich habe Kopfschmerzen. In einer Stunde.«

»Ja, Mama.«

Das Mädchen ging wieder, brachte dem Vater das Mittagsmahl auf den Verandaplatz und aß selbst in der Küche.

Frau Wutschow legte die Scheine zusammen, zählte sie nochmals durch und schob sie langsam in ein mit Stahlplatten gepanzertes Fach des Schreibtisches, in dem sie ihre Schmucksachen aufzubewahren pflegte. Sie weidete sich an dem Anblick – der Australier hatte sie richtig eingeschätzt.


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