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Erstes Kapitel

Ein sommerwarmer Novembertag lag mit Sonnenglitzern über der Hauptstadt, und Unter den Linden drängte eine tausendköpfige Menschenmenge auf und nieder. An den kahlen Ästen der Lindenbäume flatterten noch ein paar welke Blätter als trübselige Reste der grünen Sommerfahnen. Die bunte Menge der Promenierenden aber strahlte und lachte mit dem Spätsonnenschein um die Wette, ging in der sorglosen Freude des Augenblicks auf und ließ das winterdrohende Morgen Morgen sein.

Nur ein älterer Herr, der durch das Brandenburger Tor in die Linden einbog und sich langsam durch das Gedränge wand, schien für das späte Naturfeiern und die angeregte Stimmung der Hauptstädter kein Auge zu haben und nicht daran teilzunehmen. Der schwarze, schlappe und verstaubte, nachlässig eingebeulte Filzhut, der den eckigen Kopf bedeckte, war in die Stirn gezogen und beschattete ein Paar kühle, tief in den Höhlen liegende Augen. Ein gelber Überzieher in englischem Schnitt hüllte die lange Gestalt vom Hals bis zu den Knöcheln ein und war dem Mann trotz des leichten Stoffes beim Gehen hinderlich. Müßige drehten sich zuweilen nach dem gelben Monstrum von Überzieher und seinem Träger um und beehrten beide im Vorübergehen mit einer Art Geringschätzung – das glattrasierte, blasse Gesicht des Mannes blieb unberührt. Selbst der ziemlich laute Spottruf eines halbwüchsigen, naseweisen Bengels in der weißen Tracht der Konditorjungen störte ihn nicht, bis sich der Frechling ihm direkt in den Weg stellte und höhnisch rief: »Nanu, wat hat denn bei den die Jlock jeschlagen?«

»Eins!« versetzte der Angesprochene ruhig und verabfolgte dem Spötter eine so gut gezielte Ohrfeige, daß der Bengel unsanft zur Seite flog und sich unter dem Gelächter des Publikums trollte.

Der hagere Mann bog durch die Passage in die Friedrichstraße ein, schlenderte achtlos an den Läden vorüber und musterte nur die Hotelschilder mit einiger Aufmerksamkeit. Er hatte die Leipziger Straße bereits hinter sich, als er vor einem kleinen Hotel einen Augenblick stehenblieb, es prüfend musterte, dann über den Damm schritt und in das Haus eintrat.

»Wohn- und Schlafzimmer«, rief er dem Hausdiener, der zugleich die Stelle als Portier versah, kurz zu.

Der Türhüter hatte wohl kein besonderes Vertrauen zu dieser merkwürdigen Erscheinung.

»Bedaure – besetzt«, erwiderte er darum lakonisch.

Der gelb gekleidete Mann sah sich auf dem Flur um.

»Well«, sagte er und wies auf große, übereinandergestapelte Reisekoffer, »ich werde mein Gepäck abholen lassen.«

Der Hausdiener wurde aufmerksamer.

»Ihre Koffer?« fragte er. »Haben Sie Zimmer bestellt?«

»Von Hamburg aus. Telegraphisch ...«

»Bitte um Entschuldigung – das ist etwas anderes. Herr Hunter?«

»Derselbe!«

Der Hausdiener kroch in einen Verschlag unter der Treppe, der ihm zugleich als Schlafraum und als Portierloge diente, kehrte mit einem Telegramm in der Hand zurück und erklärte:

»Stimmt, Herr – Hunter. Bitte: erste Etage, Zimmer Nummer fünf mit Kabinett. Wollen der Herr mir folgen.« Oben legte er ein polizeiliches Meldeformular auf den Tisch und bat um Ausfüllung.

»William Hunter aus Australien«, malte der Gast in großen, energischen Schriftzügen hin und reichte dem Diener das Papier mit den Worten: »Da haben Sie den Wisch.«

»Wohin befehlen der Herr das Gepäck?«

Hunter sah sich in dem Raume um. »Drüben in die Ecke«, entschied er.

Die Koffer waren schwer, und der Hausdiener hatte daran zu schleppen.

Hunter beobachtete ihn wortlos, schlug, als das letzte Stück gebracht worden war, die Tür des Zimmers zu und drehte den Schlüssel um.

Er streckte die Arme hoch und reckte sich. Dann erst entledigte er sich des langen gelben Mantels, entnahm der Brusttasche seines grobgewirkten Jacketts einen Plan von Berlin und breitete ihn auf dem runden Sofatisch aus.

Mißtrauisch prüfte er das altmodische Sofa.

»Marterkasten!« knurrte er, zog an einer Klingel und schloß die Tür wieder auf.

»Wirt!« befahl er, als der Hausdiener den Kopf durch die halbgeöffnete Tür steckte.

Der Hotelier kam nach einigen Minuten.

»Schaffen Sie mir das vorsintflutliche Ungetüm da hinaus, und bringen Sie mir eine bequeme Chaiselongue.«

»Leider, Herr Hunter ...« Der Hotelier zuckte die Achseln.

Hunter zog ein dickleibiges Portefeuille, nahm einen Hundertmarkschein heraus und übergab ihn dem Wirt.

»Binnen einer halben Stunde wünsche ich befriedigt zu sein!«

Er sprach mit einer Bestimmtheit, die jeden Widerspruch ausschloß.

Der Wirt verbeugte sich devot. »Wie der Herr befehlen.«

Hunter stützte sich mit beiden Armen auf den wackligen Tisch und studierte den Plan.

Nach einer guten Viertelstunde ertönte auf dem Flur ein Poltern, und zwei Leute erschienen, um das verbannte Möbelstück gegen das verlangte umzutauschen.

Der Australier trat an eines der Fenster und sah auf die Straße. Als es im Zimmer wieder still war, kehrte er für einige Augenblicke zu der unterbrochenen Beschäftigung zurück, faltete den Plan dann wieder zusammen und warf sich zum Ausruhen auf die Chaiselongue.

Nach halbstündigem Schlaf tauchte er den Kopf in die Waschschüssel, rieb sich mit dem Handtuch, daß das fahle Gesicht pfirsichrot wurde, schlüpfte wieder in den monströsen gelben Mantel, klopfte oberflächlich den Staub vom Schlapphut und entfernte sich.

Er wandte sich durch die Leipziger Straße dem Westen zu, durchstreifte die Gegend um den Potsdamer Platz und bog erst, als die Sonne bereits im Sinken war, in die Potsdamer Straße ein.

Ohne Eile und ohne Aufenthalt schritt er gleichmäßig aus. An der vornehmen Bülowstraße machte er halt, brachte sich auf der Promenade vor dem lebhaften Bahn- und Wagenverkehr in Sicherheit und widmete der Umgebung seine scharfe Aufmerksamkeit. Nach Minuten überschritt er wieder den Fahrdamm, kam abermals in die Potsdamer Straße und blieb nach kurzer Zeit vor einem alten Gebäude stehen, das sich zwischen Mietskasernen wie verloren ausnahm.

Das villenähnliche Haus mochte, als die Umgebung es noch nicht erdrückte, ganz stattlich gewesen sein. In seinem gegenwärtigen Zustand litt es nicht nur unter dem Kontrast mit den benachbarten Riesenbauten, sondern zeigte auch auffallende Spuren des Verfalls durch Alter und Vernachlässigung, der sich sogar auf das Schild mit der Hausnummer ausdehnte, auf dem die Zahl »100« nur noch in Fragmenten zu erkennen war. Der Putz der Wände war abgeblättert und ließ das rote Gestein zum Vorschein kommen; die Fenster- und Türrahmen waren, mit Ausnahme der grellweiß gestrichenen Mitteltür, schmutziggrau, die Steinstufen der steilen und schmalen Freitreppe schief und ausgetreten.

Im rechten Parterregeschoß des Hauses befand sich ein kleines Blumengeschäft, und gerade über diesem in einem niedrigen Anbau zum ersten Stockwerk ein Fenster, das den Australier lebhaft interessierte. Ein feinmaschiger, sauberer Store verwehrte den Einblick ins Innere; ein vor den spiegelnden Scheiben sichtlich erst vor kurzem angebrachtes Gitter schien den Weg nach außen verlegen zu sollen.

Die doppelte Sicherung machte einen geheimnisvollen, fast unheimlichen Eindruck und hielt die Aufmerksamkeit des Beobachters gefesselt. Er überlegte, ob er nicht kurz entschlossen in den Blumenladen eintreten, eine Kleinigkeit kaufen und sich nach der Bedeutung der gefängnisartigen Vorrichtung am Fenster erkundigen sollte, gab den Gedanken aber wieder auf, wandte sich nach der Bülowstraße zurück und begab sich nach flüchtigem Suchen in ein offensichtlich vornehmes Restaurant.

Das Restaurant gehörte in der Tat zu den besten des Westens und hielt, was sein Äußeres versprochen hatte. Hunter bestellte ein Abendbrot, verzehrte das Mahl mit Appetit und ließ sich dann mehrere Tageszeitungen geben, in die er sich stundenlang vertiefte. Erst als der Zeiger der Wanduhr auf die elfte Stunde vorgerückt war, rief er den Kellner zum Zahlen und fragte scheinbar nebenher: »Neu Ihr Lokal?«

»Nicht gerade. Fünf Jahre wird es schon bestehen.«

»Gibt es ältere in der Nähe?«

»Uns gegenüber ist eines, das wohl dreimal so alt sein mag. Zu den besseren gehört es aber nicht.«

»Das auf der anderen Seite – mit Vorgarten?« suchte der Australier sich zu vergewissern.

»Ja.«

»Stammgäste da, alte?« forschte Hunter weiter.

»Drin gewesen bin ich noch nicht; ich glaube aber schon.«

»Danke.«

Hunter schob ein Fünfzigpfennigstück als Trinkgeld hin und schlüpfte mit Hilfe des Kellners in den Mantel.

Er ging über die Promenade zu der ihm bezeichneten Wirtschaft und nahm in einer Ecke Platz, von der aus er einen runden Tisch, durch ein Schild als Stammtisch kenntlich gemacht, übersehen konnte.

Dunst von gekochtem Fleisch und Sauerkohl mischte sich mit dem beißenden Qualm von billigen Zigarren und dem widerlich süßen Duft eines eben servierten Grogs. Hunter ließ sich dadurch nicht anfechten, lehnte aber schroff ab, als der Grogtrinker schwankend an seinen Tisch trat und ein Gespräch mit ihm zu beginnen suchte.

»Nehmen Sie Platz, wo Sie wollen; aber mich lassen Sie in Ruhe, ich spreche nicht mit Betrunkenen.«

Die wäßrigen Augen des Trinkers starrten blöde.

Der Wirt mischte sich ein und führte den Lästigen fort.

Hunter musterte wieder den Rundtisch, an dem vier Personen saßen. Drei, schlußfolgerte er, gehören nur zusammen. Nummer vier, einen etwas abseits hockenden Menschen fremdländischen Typs, hielt Hunter für einen Italiener, und nach der Werktagskleidung tippte er auf einen Steinarbeiter oder Stukkateur. Den Wortführer des Tisches, einen etwas aufgeschwemmten Herrn, hielt er für einen ehemaligen Kaufmann, der Schiffbruch erlitten hatte und sich mit irgendeinem Agenturgeschäft, so gut oder schlecht es gehen wollte, redlich durch die Welt schlug. Das größte Interesse fand bei dem Beobachter ein alter Herr neben dem »Agenten«, dessen gelbes, von unzähligen Furchen durchzogenes Gesicht ununterbrochen nervös zuckte und dessen Rechte bald durch das gelichtete Haupthaar, bald über den langen eisgrauen Spitzbart fuhr. Die Augen des Alten waren unruhig und verschleiert, wanderten fortwährend umher oder hafteten, wenn einer der Tischgenossen mit ihm sprach, auf dem vor ihm stehenden Weißbierglas. In die Augen schien er niemand zu sehen, und auch dem Australier wich er scheu aus, als der irrende Blick diesen zufällig streifte. Irgendein Geizkragen oder Wucherer, schätzte Hunter.

Der letzte der Gesellschaft hatte dem Fremden den Rücken zugekehrt und machte einen Eindruck zunächst unmöglich. Hunter trat an den Schanktisch und sprach mit dem Wirt.

»Pardon. Sind Sie schon lange in der Gegend?«

»Na, an die fünfzehn Jahre kommen zusammen.«

»Können Sie mir Auskunft geben, wem das Haus Nummer einhundert in der Potsdamer Straße gehört?«

»Das? Das Spukhaus?« gab der Wirt fragend zurück.

»Den alten Kasten auf der rechten Seite meine ich«, ergänzte der Fragesteller.

»Ja.« Der Wirt nickte. »Das gehört einem gewissen Wutschow, Bernhard Wutschow. Ist etwas verrufen ...«

»Das Haus oder der Besitzer?«

»Na, im Grunde alle beide. Haben Sie da was zu suchen?« »Könnte sein.«

»Und möchten von mir so etwas wie eine Auskunft erhalten? Hm ... Wollen Sie nicht mit am Stammtisch Platz nehmen? Ich will Sie gern bekannt machen, und die Herren können Ihnen besser behilflich sein als ich. – Jeremias«, rief er nach dem runden Tisch hinüber, »du lebst doch wohl schon so lange hier wie der Wutschow?«

Der mit Jeremias Angerufene war der von Hunter mit dem Wuchertitel Beehrte. Der nervöse Alte nickte und preßte, ohne aufzublicken, die heisere Antwort hervor. »Hm, ja, so ungefähr ...«

Der Australier wandte sich nach dem Stammtisch. »Mit Erlaubnis, meine Herren. – Hunter ...«

Der Agent erhob sich höflich. »Fantig«, erwiderte er und wies zugleich auf seine beiden Tischnachbarn. »Jeremias, eigentlich Jeremias Kluckhohn«, stellte er den spitzbärtigen Alten vor und den dritten als »Rinke«, könnte Gärtner oder Grünzeugonkel sein, setzte Hunter in Gedanken rasch hinzu. Der vierte am Tisch blieb unbeachtet und schenkte auch seinerseits den Vorgängen um sich keinerlei Aufmerksamkeit.

»Wenn Sie mit Wutschow zu schaffen haben«, nahm der Agent das Gespräch auf, »werden Sie vorsichtig sein müssen.«

»Einer mit Ellenbogen?« fragte Hunter.

»O ja! Und im Oberstübchen –«, der Agent tippte sich gegen die Stirn, »man braucht ja nichts weiter zu sagen. Was, Jeremias?«

Jeremias wiegte nur den grauen Kopf, blies den Atem durch die Nase und tastete mit der Linken nach dem Weißbierglas, das er unsicher an den Mund führte.

»Trinken Sie aus, meine Herren, und erlauben Sie mir, eine Runde zu spendieren – oder ein paar«, lud Hunter ein, und die Stammgäste nahmen die Einladung gern an.

Dieser Jeremias ist ein richtiger Geizkragen, dachte der Australier für sich. Die beiden anderen rauchen, und er schnuppert ... »Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten, Herr – Herr ...«

»Sagen Sie einfach Jeremias«, riet der Agent.

»Herr Jeremias«, ergänzte Hunter und hielt sein gutgefülltes Etui hin.

Jeremias kniff das linke Auge zu, und seine linke Wange zuckte heftig. Er schielte nach den Zigarren und bediente sich wortlos.

Auch die beiden anderen griffen eilig zu.

Hunter musterte den Agenten, der die Zigarre neben sein Stammglas schob, um erst sein eigenes Kraut zu Ende zu rauchen, verstohlen. Etwas abgetragener schwarzer Gehrock, ging es ihm durch den Sinn, leidliche Krawatte, saubere Wäsche – hält noch auf sich. Mr. Jeremias im altmodischen, fadenscheinigen Jackett, ohne Manschetten und Halskragen, den Kragenkopf locker im zerdrückten Chemisett – ein Groschenfuchser, dem das Äußere schon Wurst ist! »Also Sie kennen den Wutschow schon lange, wenn ich den Namen recht verstanden habe?« wandte er sich laut an Jeremias. Der antwortete nicht gleich. Er hatte sich eben seine Zigarre angezündet und zog den Rauch begierig durch die Nase.

»Solange der bei uns in der Gegend haust«, versetzte statt seiner der Agent.

»Auch persönlich?« fuhr Hunter fort.

»Freilich«, bestätigte wieder Fantig.

»Geschäftlich?« forschte Hunter.

Die Nachbarn sahen auf Jeremias. Auf diese Frage konnten sie keine Auskunft geben, und sie waren selbst auf die Antwort gespannt. In flüchtig auftauchenden Gerüchten waren die Namen Kluckhohn und Wutschow schon des öfteren miteinander in Verbindung gebracht worden.

Jeremias wich aus. »Geschäftlich –?« wiederholte er langsam, ohne aufzusehen. Er plinkerte mit den Augen und zuckte mit den Schultern. »Ich mit meinen paar Kröten und der mit seinen Millionen! Der braucht unsereinen nicht.«

»Ich wollte nicht indiskret sein«, versicherte Hunter. »Würden Sie die Freundlichkeit haben, das, was Sie von Wutschow wissen, mir beiläufig zu erzählen?«

Jeremias schien zu überlegen.

»Hm, das würde wohl ein bißchen viel sein«, meinte er nach einer Weile. »Wenn Sie mich aber fragen, antworten will ich schon. Ich kann ja auch nicht wissen – hm –, worum es Ihnen zu tun ist. Und manches – hm – erzählt man auch nicht gern. Die Finger verbrennen, da lass' ich sie lieber davon ...«

Er sprach rauh und stockend.

»Auch gut«, fiel Hunter ein. – »Um Geheimnisse ist es mir übrigens nicht zu tun«, fügte er hinzu und dachte das Gegenteil. »Also ich soll fragen. Na – ist der Wutschow ein Berliner?«

Jeremias schüttelte den Kopf.

»Geborener wohl nicht«, entgegnete er. »Was von Sachse habe ich gehört, weiß es aber nicht genau.«

»Verheiratet?«

»Ja. Eine Tochter ...«

»Und vermögend, wie Sie sagten?«

Jeremias nickte.

»Das ist bekannt«, bestätigte auch der Agent.

»Sogar Millionär?« forschte Hunter.

»Das ist leicht zu beweisen ...«

»Der Rumpelkasten, den er bewohnt, spricht nicht gerade dafür«, stichelte der Australier.

Jeremias Kluckhohn tat einen Zug aus dem Weißbierglas, wischte sich den Mund mit dem Handrücken und starrte vor sich hin.

»Wutschow ist ein – Original«, hob er endlich wieder an. »Geld genug haben sie ihm geboten für den Kasten – wenn er müßte, hätte er wohl zugeschlagen. Er muß aber nicht und will auch nicht. Ich könnte Ihnen Sachen erzählen – Sachen –, na, Sie werden ja später noch manches erfahren und vielleicht miterleben. Meinen Sie, das Haus sei sein einziges? Fünf hat er außerdem noch. Zwei in der Bülow-, zwei in der Kurfürstenstraße, eins in der Potsdamer ...«

»Auch solche Baracken?«

»Baracken –? Neu, solid, gehören zu den besten rundherum. Aber alle stehen leer.«

»Stehen – was –?« fuhr es dem Australier heraus.

»Alle leer«, wiederholte Jeremias bedächtig. »Vom Keller bis zum Dach.«

»Buchstäblich wahr«, warf Fantig wieder lebhaft dazwischen.

»Sind wohl mal 'n paar Wohnungen vermietet gewesen«, fuhr Jeremias fort und sah auf den Tisch, als spräche er zu seinem Bierglas, »waren aber alle bald wieder frei. Hält eben niemand aus bei ihm.«

»Wieso das?« drängte Hunter interessiert.

»Weil er verrückt ist, weil er schikaniert. Haben Sie Bilder, dürfen Sie sie nicht aufhängen, weil er keinen Nagel in die Wand schlagen läßt. Rauchen – verboten, der Feuergefahr wegen. Katzen und Hunde halten – gibt's nicht. Die Gasleitung, die da ist, darf nicht benutzt werden – das steht sogar im Kontrakt. Einige Zimmer sind nur mit Zeitungen tapeziert, und wem sie nicht gut genug sind, der soll sie sich selber machen lassen. Und so'n Unsinn mehr.«

»Das ist mein Mann, den muß ich kennenlernen«, versicherte Hunter.

»Auf Sie allein kommt's nicht an«, belehrte ihn Jeremias. »Erst müssen Sie abwarten, ob er will.«

»Ich werde ihm einen von seinen leeren Palästen abkaufen ...«

»Versuchen Sie Ihr Glück.«

»... oder die alte Bude Nummer einhundert.«

Jeremias streifte ihn mit einem raschen Schielen.

»Wenn Sie die Lust nicht verlieren«, sagte er nickend und leise warnend.

»Ah bah!« machte der Australier geringschätzig. »Die Madame und das Fräulein auch so – so – konfus?« forschte er. »Kellner, Bier!« rief er.

»Die Tochter nicht; aber die Alte ist auch so ein Drache«, behauptete der Agent.

»Also eine gediegene Familie –!«

»Bis auf die Tochter«, schränkte der Agent nochmals ein, während Jeremias wieder in Schweigen verfiel und nur dem billigen Getränk hastig zusprach.

»Apropos, die Alte, auch keine Berlinerin?« fragte Hunter obenhin.

Der Agent fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Ja, wenn ich das wüßte ...»

Er klopfte Jeremias auf die Schulter. »Du hast keine Ahnung?«

Aber Jeremias trank, ohne zu antworten, und Fantig zuckte vielsagend mit den Achseln.

»... 'nüber, der Jeremias. 'n andermal, Herr Hunter, wenn Sie noch was wissen wollen. Wir – sind jeden Abend hier; sonst ist der Jeremias auch vernünftig – heute ...«

Ein Schluckauf ließ ihn abbrechen.

Der Australier hatte während des Gespräches den Kellner beauftragt, die leeren Gläser ohne Nachfrage zu füllen, und die Gäste hatten die Gelegenheit reichlich wahrgenommen. Jeremias' faltiges Gesicht zuckte noch heftiger als gewöhnlich, der Atem ging hörbar, und endlich sank der Kopf ihm schwer auf die den Spitzbart umklammernde Faust.

Hunter erkannte, daß ihm die Nachrichtenquellen einstweilen verstopft waren, und fühlte dadurch sein Interesse an der Gesellschaft erlahmen. Aber er war zunächst mit dem Ergebnis zufrieden, reichte zum Dank nochmals seine Zigarren herum, wobei er diesmal statt des stummen Krautonkels den Wirt bedachte, und rechnete dann freigebig mit dem Kellner ab.

Mit dem Versprechen wiederzukommen, schied er.

Fünf Häuser leer? überlegte er draußen. Jedes nur zu zehn Wohnungen – fünfzig insgesamt –, und in diesem Viertel kaum eine unter tausend – oder noch bedeutend teurer –, und Läden auch noch, vielleicht Hinterhäuser ...

Er beschloß die oberflächliche Rechnung mit einem langgezogenen Pfiff.

Wenn er das aushalten kann – hm –, da wird er auch das Spukhaus nicht hergeben wollen. Spukhaus? Ja so, der Wirt hatte es so benannt.

Die Nacht war merklich kühler geworden, und Hunter knöpfte den gelben Mantel bis zum Halse zu, während er gerade vor dem Hause Nr. 100 den Schritt anhielt und den durch die nächtliche Beleuchtung veränderten Eindruck des alten Baus in sich aufnahm. Gespenstisch hell leuchtete der weiße Rahmen der Mitteltür aus dem verschwommenen Nachtgrau der Front; lichtlos, schwarzglänzend lagen die Fenster, und nur über schmale Streifen des schadhaften Schieferdaches goß der Mond, der aus zerrissenen, fliegenden Wolken niederschaute, ein mattes Silberflimmern.

Die letzten Pferdebahnen kamen aus dem Zentrum der Stadt und fuhren in Richtung Schöneberg, Droschken kreuzten zwischen den schwerfälligen, dichtbesetzten Bahnwagen. Die breiten Bürgersteige aber waren nur spärlich belebt, und Hunter brauchte sich nicht zwischen den Passanten durchzuwinden wie am Nachmittag in der breiten Prachtstraße Unter den Linden, in die der Sonnenschein Tausende gelockt hatte, die für den bleichen, wolkenumflogenen Wächter der Nacht kein Auge mehr hatten.


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