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Gemetzel. Das Wunder

Adalbert hatte auf seiner Bank im Wartesaal dritter Klasse wenig Ruhe gefunden. Die ganze Nacht war ein Kommen und Gehen, ein Türenschlagen und Lärmen. Dazu auf dem Geleise draußen die gellenden Signalpfiffe des zu seiner Arbeit zurückgekehrten Bahnpersonals, das bemüht war, die zu Barrikaden ineinander gefahrenen Wagen wieder frei zu bekommen.

Wenn Adalbert nach einem kurzen, minutenlangen Schlummer wieder durch irgend etwas erweckt wurde und die Augen öffnete, sah er die drei Rumänen vor sich auf der Erde sitzen. Sie sahen in dem gelben Licht der Petroleumlampen, die anstatt der elektrischen Lichter hier brannten, ganz fahl aus und sprachen leise und traurig miteinander. Das Gemurmel dieses Gespräches hüllte endlich Adalbert immer dichter ein, wuchs um ihn empor und wölbte sich über ihm, bis er einschlief.

Im Morgengrauen erwachte er, rüttelte sich zusammen und ging auf den Bahnsteig hinaus. Während der Nacht hatten ein paar unternehmende und vorsichtige Leute einer Lokomotive einen Viehwagen angehängt und waren ein Stück hinausgefahren, um die Stadt zu verproviantieren. Die Kämpfe der letzten Tage hatten zur Folge gehabt, daß die Zufuhr von Lebensmitteln fast gänzlich unterblieben war. Die nächtliche Fahrt hatte einen guten Erfolg gehabt. Man hatte irgendwo ein paar Ochsen aufgetrieben, und die Tiere standen nun, nachdem sie ausgeladen worden waren, stumpfsinnig glotzend und wiederkäuend auf den Schienen.

Auf einer zerbrochenen Kiste neben Adalbert saß ein Mann, der hatte ein Skizzenbuch hervorgezogen und malte mit Wasserfarben heftig drauflos, um das Bild der Ochsen festzuhalten, diese gleichgültigen Mienen, diese breiten Rücken und Flanken, deren Farben in der Dämmerung ineinanderflossen.

»Morgen, Dibian«, sagte ein junger Mann, der, in einen Plaid gehüllt, aus der Restauration gekommen war.

Der Maler sah flüchtig auf: »Morgen, Hauser.«

»Dibian oder man muß die Gelegenheit bei der Stirnlocke fassen.«

»Gewiß, so was kommt net so bald wieder. Ich hab' noch kane Ochsen in solcher Situation g'sehen. Der zerschossene Bahnhof, die umgestürzten Wagen, dort draußen das Feuer auf dem G'leis ... die reinste malerische Unordnung.«

»Schade, daß man die Geschichte nicht in Marmor hauen kann. Aber ich habe eine Idee, ich mache eine symbolische Gruppe ... die wird den Staat und die Gesellschaft in den letzten Tagen darstellen. Und heißen wird sie ›Ochsen am Berge‹.«

»Na, was willst du?« fragte Dibian, indem er ein paar Klexe von Karmin in die Nebel aus Neutraltinte hineindrehte. »Sie hab'n sich doch aufg'rafft ... endlich ... und so weit man die Ereignisse überblicken kann ... hab'n wir gesiegt, glaub' ich.«

»Noch nicht ganz, mein Bester. Heute ist doch erst der Tag des Unterganges. Wenn er vorbei sein wird, werden wir es hoffentlich sagen können.«

»Du bist ja im Hauptquartier ... so eine Art von Adjutant, was? Du mußt's ja wissen. Ich beug' mich deiner höheren Einsicht.«

»Ich kann dir nur raten, daß du dich mit deiner Skizze beeilst. Es wird bald wieder losgehen. Die Brüder des roten Todes sind noch lange nicht niedergeworfen. Dieser Kerl, der Dreifaltigkeitsschuster ist entkommen. Und unsere Boten melden, daß er seine Truppen zusammenzieht. Aber es geht nicht gegen uns. Warte einmal ...« Er hatte die Hand auf die Schulter Dibians gelegt und reckte sie horchend hoch auf.

Aus der Richtung des Domberges kamen gedämpftes Geschrei und Schüsse.

»Da haben sie richtig schon wieder angefangen. Kaum daß sie ›Büchsenlicht‹ haben. Nämlich ...«

»Mit nämlich fängt man kan Satz an, da kannst d' jed'n Deutschprofessor frag'n.«

»Das ist die Grammatik des jüngsten Tages. Ich glaube nicht, daß der Terror nach den Deutschprofessoren gefragt hätte. Also nämlich, da haben sie so ein altes Tuch, von dem sie behaupten, daß es das Leintuch Christi ist. Und das ist so ein Talisman für den Untergang der Welt. Dem erweisen sie göttliche Verehrung. Und jetzt ist dieses Heiligtum aus dem Dom verschwunden. Jetzt muß also die Erde in ihren Sünden ohne Talisman dahinfahren.«

»Schrecklich!«

»Ja, nicht wahr – das sag' ich auch. Und die Brüder vom roten Tod behaupten, die Marianiten, die das heilige Grabtuch zu bewahren haben, die sollen es gestohlen haben und versteckt halten ... aus lauter Bosheit, damit die anderen nichts davon haben. Und jetzt sind die roten Brüder außer sich. Und in der Nacht haben sie ihre versprengten Streitkräfte gesammelt und wollen über die armen Teufel, die sich im Dom verschanzt haben, herfallen ... Wie allhier man hören tut«, fügte er im Ton eines Ausrufers hinzu, indem er mit der Hand nach dem Dom wies, dessen ungleiche Türme schon aus der Dämmerung in helleres Licht tauchten.

»Na, ich bin gleich fertig, und dann kann's meinetwegen wieder angeh'n«, sagte Dibian und setzte mit Deckweiß einen schmutzigen Fleck auf die breite Stirn eines Ochsen.

Adalbert kehrte in den Wartesaal zurück, nahm sein Jagdgewehr vor und den Patronengürtel um und hielt sich bereit, dem Befehl zum Aufbruch zu folgen. Die Rumänen hatten auf geheimnisvolle Weise für ihn und sich eine Art von Kaffee zu verschaffen gewußt, ein bräunliches Getränk, dessen beste Eigenschaft die Wärme war. Aber Adalbert hatte kaum die Hälfte hinuntergebracht, als draußen auf dem Bahnsteig ein Hornsignal zum Sammeln rief. Er war froh, der Qual enthoben zu sein, den braunen Lederabsud trinken zu müssen und dabei doch den guten Willen seiner Begleiter nicht zu kränken.

Der militärische Geist, den die gemeinsame Gefahr der verflossenen Kämpfe geweckt hatte, erwies sich in einem festeren Zusammenhalt der Glieder und Rotten. Lautlos und in recht guter Ordnung rückte die Truppe ab und in zwei Kolonnen den Domberg hinan, um den Feind zugleich von zwei Seiten zu fassen.

Die Brüder des roten Todes hatten gegen die Marianiten noch keine Erfolge erzielen können. Von ihren Führern, dem Rahmenmacher und dem Dreifaltigkeitsschuster, angefeuert, stürmten sie immer wieder vergeblich gegen das Portal des Domes und das bischöfliche Palais, das auch von Marianiten und einigen Abteilungen Militär und Bürgergarden besetzt war. Die Ereignisse hatten die Marianiten auf die Seite der Ordnungspartei gedrängt, und sie wehrten sich gegen die Stürmer, als hätten sie sich schon davon überzeugen lassen, daß für heute der Untergang der Erde noch nicht zu befürchten sei.

Der Rahmenmacher, dem jeder Winkel und jeder Hof hier oben bekannt war, hatte endlich den Ansturm der Massen eingestellt und einen anderen Kriegsplan bei dem Nachfolger des Propheten durchgesetzt. Es war ziemlich schwer, den Dreifaltigkeitsschuster von der Nutzlosigkeit weiterer Angriffe zu überzeugen. In dem durch den Anblick des Blutes und der Greuel des Kampfes entfachten Fanatismus wollte dieser nichts von Vorsicht und Schonung hören. Er war in einem Zustand von Besessenheit und lallte wie ein Trunkener immer nur gräßliche Flüche und Verwünschungen. Und ein Teil seiner Truppen war auch nicht zu einer Änderung der Taktik zu bewegen gewesen. Sie rannten immer wieder sinnlos gegen das Portal des Domes und die Front des bischöflichen Palastes an, immer wieder zurückgeworfen und immer wieder auf der blutigen Spur vordringend, bis der letzte Mann weggeschossen war.

Die übrigen Mannschaften aber hatte der Rahmenmacher in die Häuser um den Domplatz verteilt. Er selbst hatte mit den verwegensten Leuten sein eigenes Häuschen besetzt und wollte versuchen, über die Dächer hin zum Palais des Bischofs vorzudringen. Die Passionsblumen in den Fenstern, die trotz aller Verwahrlosung wieder zu blühen begonnen hatten, waren von Kugeln zerfetzt, die Blumentöpfe zertrümmert, und die Brüder vom roten Tode trugen die schwarze, fette Erde an den Sohlen durch alle Räume.

Als die Truppen vom Bahnhof auf den Domplatz rückten, wurden sie von einem heftigen Feuer aus allen Fenstern empfangen. Sie verteilten sich sogleich in die Häuser zu einem Kampf Mann gegen Mann, wurden aufgerieben und hinausgedrängt, aber sie kehrten wieder, verstärkt durch immer neue Kämpfer, die auf dem Domberg eintrafen. Zum erstenmal trat hier reguläres Militär in größerer Anzahl in das Ringen ein. Ein paar Kompagnien Infanterie, die mit dem blanken Bajonett in kurzer Zeit einige Häuser räumten.

Inzwischen hatte der Rahmenmacher mit einer Anzahl seiner Leute über die Dächer hin das Palais des Bischofs erreicht. Sie sahen, wie unten die Brüder aus den Häusern hinausgeworfen und auf dem Domplatz niedergemacht wurden. Eine Abteilung wurde in die enge Gasse zwischen dem Thor des Domes und der Front des Palais gedrängt, eingeschlossen und vollständig aufgerieben. Es war ein schrecklicher Kampf, an dem sich auch die Weiber beteiligten. Sie fielen die Soldaten und Freiwilligen mit Nägeln und Zähnen an, faßten die Bajonette und Gewehrläufe, umklammerten die Füße der Feinde und rissen sie nieder. Auch Adalbert wurde von einem großen Weib mit verwirrtem Haar und rotgeränderten Augen umklammert und, indem sie ihn gegen einen Leichnam drängte, zu Fall gebracht. Er sah, wie sich einer der roten Brüder mit einem Messer über ihn beugte ... dann sah er ein anderes Messer in der Hand Marconianus und sah, wie es in die Kehle des Bedrängers fuhr. Er erhob sich, noch von seinem Fall betäubt, wischte das Blut von seinem Gesicht mit dem Handrücken ab und rannte weiter vorwärts, einem Knäuel von Kämpfenden zu, in dem er den Maler von heute morgen in Gefahr sah.

Auf dem Dachboden des Palais hatten sich dem Rahmenmacher und seinen Leuten ein paar beherzte Marianiten entgegengestellt. Aber die roten Brüder, die angesehen hatten, wie ihre Kämpfer unten niedergemetzelt wurden, schäumten vor Wut, rannten die Feinde nieder, schnitten ihnen die Hälse ab und warfen die Körper durch die Dachfenster auf die Köpfe der Soldaten vor dem Palais. Sie wußten, daß sie verloren waren, und wollten noch vor dem Ende die Vernichtung so weit als möglich tragen.

Auf den Treppen, in den Zimmern des Palais zog sich der Kampf hin, in hundert Szenen aufgelöst, ein schauriges Gemetzel, in dem alles zur Waffe wurde, Leuchter, Vasen, Stühle und alle Geräte der bischöflichen Küche.

Der Bischof hatte sich mit Frau Agathe in seinem Studierzimmer eingeschlossen. Sie war am Tage vorher zu ihm gekommen, nach einem schrecklichen Auftritt mit Bezug, fast besinnungslos vor Angst und dabei von einer siedenden Zärtlichkeit für den Geliebten erfüllt.

»Ich habe es ihm gesagt,« rief sie, kaum daß der Bischof sie begrüßt hatte, »ich habe es ihm gesagt. Meinen ganzen Haß ... meinen Abscheu vor ihm ... das hat er alles hören müssen. Er hat mir gar nichts geantwortet. Ach – er hat mich die ganzen Jahre her nur getreten und mich gequält. Und ich habe mir das alles gefallen lassen ... ich war schwach und willenlos. Aber durch dich bin ich stark geworden ... ich habe ihm gesagt, daß ich dich liebe. Ich habe es ihm gesagt ... warum sollte ich es ihm nicht sagen? Wenn doch morgen ohnehin alles vorbei ist ... Er soll es wissen. Er soll sehen, daß ihm sein Plan nicht gelungen ist, daß er mich nicht ganz unglücklich gemacht hat. Daß ich mir mein Glück doch noch erobert habe.«

Sie fiel außer sich mit Küssen über den Geliebten her und klammerte sich an ihn. »Du läßt es dir nicht nehmen, Agathe?« sagte er, »du hältst immer noch daran fest, daß morgen das Ende kommt? Ich habe es dir doch schon erklärt: es ist keine Rede davon. Die Astronomen haben das haarklein nachgewiesen ... die Erde wird sich ruhig weiterbewegen, die Sonne wird aufgehen wie immer ...«

»Ja ... ja ... ich glaube es dir ja ... wenn ich bei dir bin, weiß ich es.«

»Und? Denkst du nicht daran, was daraus folgen wird ... jetzt, da dein Mann davon weiß, daß wir ...«

»Nein ... ich denke nicht daran. Es ist mir alles eins, was geschieht. Und ich bin meinem Zweifel und meiner Angst dankbar ... Er weiß es jetzt wenigstens ... ich habe es ihm ins Gesicht werfen können ... Wort um Wort ... ich habe ihn nicht geschont, du kannst es dir denken. Ich bereue nichts, ich bedauere nichts. Ich bin glücklich, daß ich endlich – endlich den Mut gefunden habe, ihm das zu sagen ... so heiß, wie es mir nur aus dem Herzen heraus wollte. Und jetzt ist mir wohl ... ich bin bei dir ... und ob morgen die Welt untergeht oder nicht ... das ist etwas, das mich gleichgültig läßt ... ich bin bei dir.«

»Ja ... auch ich bin glücklich«, sagte er und machte sich von ihr los, um mit sich zu Rate zu gehen. Das war eine recht fatale Geschichte. Frau Agathe, die arme, stets um Mitleid werbende Kranke war zu mänadenhafter Wildheit verwandelt. Er zweifelte nicht, daß es ihm gelingen würde, sie, wenn erst der Tag des Unterganges vorbei war, zur Vernunft zu bringen und zur Rückkehr zu bewegen. Aber darüber war nicht hinweg zu kommen, daß Bezug jetzt um alles wußte, und es blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten, was er beginnen würde. Übrigens, wenn der Bischof allen Zusammenhängen nachdachte, so wollte es ihm scheinen, als sei hier eine Art von Vergeltung sichtbar geworden. Die Strafe dafür, daß Bezug das Volk in diese maßlose Angst gehetzt hatte.

Frau Agathe hatte sich indessen zu längerem Aufenthalt bei ihrem Geliebten eingerichtet ... ganz rücksichtslos, als müsse ihm genau so wie ihr das Urteil der Leute gleichgültig sein. Der Bischof mußte es geschehen lassen, und während rings in der Stadt der Kampf entbrannt war, zog sie ihn in ihre Umarmungen, bemächtigte sich seiner und überströmte ihn mit einer sengenden Leidenschaft.

Er war durch die Nachricht von dem Anrücken der Brüder des roten Todes erweckt worden, und eine Viertelstunde später war er schon auf dem Platze, um den Befehl über die Verteidiger zu übernehmen. Alle militärischen Erinnerungen waren lebendig geworden. Und seinen raschen und besonnenen Maßregeln war es zu verdanken, daß die Angriffe der Stürmer abgewiesen worden waren. Agathe hatte ihn auf allen Gängen begleitet, durch seinen überlegenen Willen wie gestählt und von aller Angst befreit.

Sie war nicht einmal erschrocken, als durch das Fenster, von dem aus sie neben dem Bischof dem Kampf zusah, zwei Kugeln einschlugen und einer der Glassplitter sie leicht an der Wange ritzte. Dann hatte sich der Bischof mit ihr in das Studierzimmer eingeschlossen. Auf den Treppen und in den Zimmern des Palais war das Getöse des Gefechtes. Sie saß in einem der breiten Armstühle, hatte ein Knie heraufgezogen und die Hände darüber gefaltet und sah dem Bischof zu, wie er die schwere Eichentür verschloß und dann aus einem Schrank zwei schöne mit Gold tauschierte Pistolen und einen Browning holte, die er vor sich auf ein kleines Tischchen legte.

Alles glitt traumhaft an ihr vorüber. Sie hatte das Gefühl, als sähe sie von einer Brücke in einen raschen Fluß hinunter, bis die Empfindung des Schwimmens über sie kam. Das leichte Bewußtsein der Gefahr war ihr nur wie ein angenehmer Reiz. Sie lebte in nichts anderem als in dem Anblick des Geliebten, dessen entschlossene und ruhige Bewegungen sie mit Behagen genoß.

Das Geschrei draußen war näher gekommen und vor der Tür ein Getümmel entstanden, aus dem sich ein paar Stöße gegen das Getäfel wie plötzliche Verdichtungen des Lärmes richteten. Dann fielen einige Schüsse, und sie wurden von einem wütenden Gebrüll beantwortet. Der Vorsaal vor dem Studierzimmer war zum Kampfplatz geworden.

Noch immer hatte Frau Agathe das Gefühl des Schwimmens. Es summte ihr in den Ohren, und sie sah nichts als die Gestalt des Geliebten, der hochaufgerichtet, eine Pistole in jeder Hand, gespannt nach der Tür blickte.

Dann schien es, als lasse das Summen in den Ohren nach. Der Lärm des Kampfes wich von der Tür zurück, jemand rief draußen: »Bischöfliche Gnaden ... sie sind fort ...« Und der Bischof ging zur Tür und öffnete. Irgend jemand sah hinein. »Er lebt,« rief er zurück, »er ist da!« Ein paar Menschen drängten sich in den Türrahmen. Es war Agathe, als sähe sie ein bekanntes Gesicht.

Dann ging alles in einem angenehmen Rausche unter ... und ganz zuletzt fiel es ihr noch ein, daß der Mann, den sie da gesehen hatte, Adalbert Semilasso gewesen war ...

Adalbert war wirklich unter der Abteilung, die den Verteidigern des Palais zu Hilfe gekommen war und die Stürmer zurückgeworfen hatte. Der Rahmenmacher war vor der Tür des bischöflichen Studierzimmers gefallen, und die letzten seiner Schar zogen sich zurück, auf demselben Weg, auf dem sie gekommen waren. Sie wurden auf den Dachboden verfolgt, der Kampf spann sich auf den Dächern weiter fort, bis die letzten der roten Brüder durch die Nachbarhäuser zu fliehen versuchten, um den Truppen, die schon diesen Teil des Domplatzes besetzt hatten, in die Hände zu laufen.

Auch Adalbert war auf das Dach des Palastes gestiegen. Marconianu und die zwei anderen Rumänen hielten sich immer hinter ihm. Ein frischer Ostwind brachte ihm nach dem Taumel des Kampfes Kühlung. Adalbert sah zum Himmel auf. Der Wind hatte die Regenwolken zerrissen und zog sie langsam von einem strahlend blauen Schild zurück.

Längs der Dachrinnen drang Adalbert bis zur nächsten Gasse vor, ohne ein Gefühl des Schwindels mit vollkommener Sicherheit im Gebrauch seiner Glieder. Er beugte sich vor, um auf den Domplatz hinunterzusehen.

Der Kampf war entschieden, nur ein Trupp von etwa fünfzig der roten Brüder machten eben den Versuch, sich durchzuschlagen. Sie hatten sich fest zusammengeschlossen, feuerten sich durch ihr gellendes »Hu – hu – hu!« an und waren schon bis zu der Gasse gekommen, deren Schacht unter Adalbert war. Die Weiber rissen ihre Blusen auf und warfen sich den Soldaten entgegen, während die Männer hinter ihnen Deckung suchten und auf die Feinde schossen.

Die Freiwilligen beteiligten sich nicht mehr am Gefecht. Sie standen in Gruppen auf dem Domplatz oder waren um die Verwundeten bemüht, die man nach einem von der Rettungsgesellschaft vor dem Portal des Domes errichteten Verbandplatz brachte.

Ein seltsames Geschrei am anderen Ende der Gasse ließ Adalbert dorthin sehen. Da kam eine Anzahl von Weibern heran, halbnackte Weiber, in Tanzschritten ... mit aufgereckten Armen und bloßen Brüsten, die Kleider bis zu den Knien aufgeschürzt. Was war das? Griff der Wahnsinn noch immer weiter um sich?

Die Frau, die den anderen vortanzte, trug ein zerfetztes schwarzes Kleid, ihre blonden Haare wurden vom Wind verwirrt und wehten um ihre Schultern, flossen über ihre Brust ... wer war das nur? Wer war das? An einer Stange trug sie ein großes Tuch mit braunroten Flecken. Es war mit großen Knoten an zwei Zipfeln an die Stange geknüpft und blähte sich wie ein Segel, floppte dann wieder schlaff gegen das Gesicht der Trägerin und dämpfte das Gelächter, mit dem sie dem Zug voransprang.

Jetzt war sie so nahe heran, daß Adalbert die Gräfin erkennen mußte. Er beugte sich so weit vor, daß ihn seine Begleiter zurückrissen. Die Frau war ihm in der letzten Zeit ganz aus dem Gedächtnis gekommen, sie hatte an keinem seiner Gedanken teil, und er baute seine Zukunft ganz ohne sie auf. Jetzt aber sah er sie da unter sich in einem Zustand von Trunkenheit und Raserei, und die Gewißheit war in ihm, daß sie geradenwegs von einer schrecklichen Orgie kam, in Begleitung dieser Weiber, die daran teilgenommen hatten. Und er erinnerte sich einer Stunde, in der er bei ihrer Freundschaft Trost gesucht hatte, einer Stunde, die ihm mehr von ihrem guten und verstehenden Herzen gezeigt hatte, als sie einem anderen jemals hätte zeigen können. Diese Erinnerung war ihm ein Vorwurf und eine Beschämung. Er wollte hinuntereilen und sie aus ihrem Taumel erwecken ... sie würde ihm gehorchen, ihm als dem einzigen ...

Aber in diesem Augenblick erhob sich in der Gasse ein fanatisches Gebrüll. Die letzten der roten Brüder hatten die Reihen der Feinde durchbrochen und stürzten sich in einem dichtgedrängten Haufen die Straße hinab, gerade dem Zuge der Weiber entgegen. Als die vordersten die seltsame Fahne der Anführerin erblickten, fuhren sie zurück. Dann schrien sie auf.

»Das Grabtuch! Das Grabtuch! Sie hat das heilige Tuch!«

Und wie wilde Tiere fielen sie über die Frauen her. Die Gräfin tanzte dem Tod entgegen. Sie hörte nicht auf zu lachen und ihre Fahne zu schwingen, bis ihr das Beil eines Zimmermanns in den Kopf fuhr und ihr einer der Brüder das heilige Tuch entriß. Heulend wollten die Weiber entfliehen, aber die roten Brüder setzten ihnen in der engen Gasse nach, rissen ihnen die letzten Fetzen vom Leib und schlugen auf die nackten Körper los, unbekümmert darum, daß sie selbst von den Feinden verfolgt und niedergehauen wurden. Adalbert hatte von seinem Dache aus den Blick in eine Hölle, auf einen Haufen von Toten und Sterbenden, aus dem jetzt ein paar bewaffnete Priester das heilige Tuch entwirrten, um es in den Dom zurückzubringen. Aber die Zeichnung eines blutigen Körpers, der vor Jahrhunderten in dieses Tuch gehüllt worden sein mochte, war verwischt und unkenntlich geworden durch große hellrote Flecken ganz frisch vergossenen Blutes.

Wankend stieg Adalbert die Treppe hinab. Er hatte das Bild eines offenen, geifernden Rachens vor sich, mit einem fürchterlichen Gebiß, zwischen dem Fleischfetzen und Fettbrocken hingen. Und im Hintergrunde des Rachens bewegte sich wie ein dickes Tier in einer dämmerigen Höhle eine angeschwollene blutrote Zunge.

Er war krank, das fühlte er. Und er mußte zu Eleagabal Kuperus, um durch dessen Einfluß wieder zur Besinnung zu kommen. Indem er den Blick fest auf das Haustor und die mit Fresken geschmückte Wand von Eleagabals Haus geheftet hielt, schritt er über den von Blut glitschigen Domplatz, wich den Haufen von Leichen aus, die man da und dort zusammengetragen hatte, und streckte wie im Traum die Hand nach der Klingel aus. Dabei sah er nach den Bildern über der Tür empor. Da war die Opferung Isaaks zwischen allerlei Rankenwerk und unleserlichen Sprüchen und der Durchzug der Juden durch das Rote Meer und auch das Urteil Salomos mit den beiden Frauen, die Elisabeth und Regina ...

Adalbert taumelte ein paar Schritte zurück und starrte mit weit aufgerissenen Augen nach dem Bild. Die Frau, die Elisabeth glich, stand da, mit erhobener Hand und einem Gesicht, dessen Ausdruck ganz verändert und zu einem höhnischen Triumph verzerrt war. Und der Platz, auf dem ihr Regina gegenüber gestanden hatte, war leer. Regina war wie aus dem Bild gelöscht, sie war verschwunden ... und die anderen Personen der Darstellung schienen mit den Mienen des Entsetzens nach diesem leeren Platz inmitten des Bildes zu schauen.

»Sie ist weg ... sie ist weg«, keuchte Adalbert und ergriff den Arm Marconianus, der neben ihm stand.

Eine fürchterliche Angst hatte ihn befallen, wie eine plötzliche Finsternis, in der gräßliche Stimmen einander zurufen und weiche, schwammige Körper vorbeitappen. Dann kam ein Schimmer in diese Finsternis, ein phosphoreszierender Schein, und in diesem Licht der Verwesung sah Adalbert ein anderes Bild, in undeutlichen Umrissen, halb zu erraten, aber doch durch die ahnende Angst schrecklich bestimmt: die Vision von Antothrake. Jenes Bild, das er damals in dem öden, heiß überzitterten Hexenkessel der Insel gesehen hatte. Die beiden Frauen ... an einem Ufer ... er sah Regina ihrer Feindin den Rücken zukehren, sah einen Dolch in Elisabeths Hand ... zwei Stöße und zwei rote Flecken auf dem Nacken Reginas.

Etwas schrie in ihm. Und er stürzte wieder auf die Klingel an Eleagabals Tür los. Dann, als sich der Eingang geöffnet hatte, durch die Gänge und Zimmer, an dem Diener vorbei in die große Halle.

Eleagabal schien in einem blauen Nebel auf ihn zuzuschwimmen.

Adalbert umklammerte zwei dürre, knochige Knie: »Sie ist fort! ... sie ist fort! ... fort! Fort!«

»Wer ist fort?«

»Sie, die Frau auf dem Bilde ... Regina ... die Frau, die Regina gleicht ... sie ist aus dem Bild verschwunden.«

In dem blauen Nebel schienen sich Eleagabals Züge zu verändern. Ein schwerer, aber besonnener Ernst wirkte auf Adalberts verwirrte Seele. »Du meinst die Frau, die Regina gleicht ...?«

»Ja, sie ist fort ... Elisabeth hat sie ermordet ... es ist so ... oh, es ist fürchterlich. Wo ist sie? Wir müssen sie suchen. Du wirst mich zu ihr führen; komm mit mir ... komm sofort ...«

Da stand schon irgendwie der Diener mit Mantel und Hut Eleagabals neben ihm. »Gehen wir«, sagte der Alte.

Vor der Tür seines Hauses wandte sich Eleagabal um und sah nach dem Bild und dann folgte er kopfschüttelnd dem Drängen Adalberts. Als sie den Domberg hinabstiegen, sahen sie auf dem kleinen Platz vor dem Kellerwirtshaus zum »Schwarzen Adler« einen leeren Einspänner stehen. Die Wände des geschlossenen Coupés waren von einer Kugel durchlöchert, die glatt durch den Wagen durchgefahren war. Das Pferd stand mit gesenktem Kopf da und leckte an dem Eisenbeschlag der Deichsel. Von dem Kutscher war nichts zu sehen. Er mochte sich von den Schrecken des Tages vielleicht unten im Keller erholen. Auf einen Wink Eleagabals sprang Marconianu auf den Kutschbock und ergriff die Zügel. Die vier Männer zwängten sich in das enge Coupé, und dann fuhr Marconianu los durch die von aufgeregten Menschen belebten und von Truppen besetzten Straßen.

Manchmal mußten sie vor Barrikaden abbiegen, dann gab es wieder Verhandlungen mit den Kommandanten der Patrouillen, die nach dem Ziel der Fahrt fragten. Adalbert hielt während dieser Aufenthalte und Umwege die Hand Eleagabals in der seinen, mit einem festen, schmerzhaften Druck. Und erst als Marconianu vor der Stadt das Pferd zu schnellster Gangart antreiben konnte, ließ er den Alten los.

Mit ungelenken Sprüngen folgte der Gaul den Zurufen und der Peitsche des Rumänen, daß der Wagen stoßend und klirrend von einer Seite zur anderen schwankte. Da kamen sie über die Höhe in den Schild der Talmulde, und vor ihnen lagen das Wirtshaus »Zum General Laudon« und Enzbergers Mühle und weiter drüben Bezugs Villa.

Adalbert hielt den Griff des Wagenschlages schon lange, ehe Marconianu den Gaul zum Stehen gebracht hatte, in der Hand, sprang dann hinaus und schlug mit beiden Fäusten gegen das verschlossene Tor. Als er Enzbergers verstörtes Gesicht sah, fragte er gar nicht und rannte in den Hof, die Treppe hinauf in Reginas Zimmer. Aber da war nichts, was ihm Aufschluß gegeben hätte, wo er sie zu suchen habe. Er lief durch das ganze Haus, öffnete jede Tür und sah in jede Kammer hinein, raste durch alle Schopfen und Scheuern und durch den Garten und sank endlich schweißbedeckt und atemlos auf den Hackblock mitten im Hof.

Sie standen alle um ihn herum, und niemand wußte ein Wort des Trostes. Nur der alte Johann hielt sich abseits und ging zwischen der Gruppe um den Hackstock und dem Hoftor unablässig hin und her, mit hängendem Kopf und hart stoßendem Stelzfuß, wie immer, wenn er einer Sache angestrengt nachdachte.

Enzberger sagte irgend etwas ... und seine Frau ... Adalbert hörte nichts als einzelne Worte, die sogleich, wie sie gesprochen waren, in einen Abgrund fielen. Dann begann Kuperus zu sprechen, so langsam und nachdrücklich, daß Adalbert aufzumerken gezwungen war. Er fühlte sich wie an Ketten aus einem Schacht gewunden.

»Enzberger sagt uns, daß Regina über dein Fortgehen verzweifelt war. Sie wollte dir sogleich nach und in die Stadt, und es kostete Enzberger alle Mühe, sie zurückzuhalten. Endlich schien sie sich zu beruhigen und Hoffnung zu fassen, daß sie dich wiedersehen würde. Wenn sie nun doch weggegangen ist – und wir haben allen Grund anzunehmen, daß sie doch in die Stadt gegangen ist – so muß irgend etwas auf sie gewirkt haben ...«

»Elisabeth hat sie getötet ... ich weiß es.«

»Enzberger hat niemanden gesehen. Aber ... es bleibt uns nichts anderes übrig, wir müssen in die Stadt zurück und sie suchen ...«

»Suchen,« wiederholte Adalbert, indem er sich erhob, »... sie ist tot ... ich weiß es ...«

Alle gingen mit, auch Enzberger und seine Frau; sie sperrten das große Tor ab und ließen die Mühle allein. Die Rumänen hatten alles noch einmal genau untersucht unter Verwünschungen gegen die Mörder der jungen Frau, die sie alle liebten. Kreuz und quer laufend, wie Hunde auf einer Spur, kamen sie jeder dreimal an dieselbe Stelle. Sie verständigten sich durch kurze Rufe, und als sie vor das Tor getreten waren, setzten sie vor der Mühle ihre Nachforschungen fort. Nachdem sie ein paar Schritte gemacht hatten, bog Marconianu mit seinen Gefährten von der Straße ab, lief ein Stück in die Wiese hinein, kam wieder zurück und ging nun so schnell neben der Straße voran, so daß die anderen weit dahinten blieben. Dann wandten sich alle drei nach links und gingen durch das hohe, schon lange ungemähte Gras den Bäumen am Fluß zu.

Adalbert war stehengeblieben. Er sah den drei Männern nach. In dem hohen Gras schienen sie auf und nieder zu springen, als würden sie an Gummischnüren bewegt. Auch die Bäume dort drüben standen nicht still, sondern hoben und senkten sich ...

Dann sah Adalbert einen winkenden Arm ... er erhob sich zwischen den tanzenden Bäumen aus einer schwarzen Gruppe von Menschen. Und da begann er zu laufen ... und es war ihm, als müsse er durch eine rauschende Brandung vordringen ... irgendwohin ... zu einem Punkt, der sehr fern und sehr schwer zu erreichen war ...

Da lag aber Regina vor ihm, auf dem feuchten Sand des Ufers. Er sah zuerst nur das Gesicht, das mit einer Wange in den Sand gedrückt ... ihr Mund war offen und die Augen nur halb geschlossen. Adalbert zitterte gar nicht mehr, als er sich jetzt zu ihr niederneigte. Dann deutete er auf zwei kleine Wunden in ihrem Nacken, die wie Schlangenbisse waren. Die Ränder klafften nur wenig auseinander, und es war auch nicht viel Blut auf den Kleidern und dem Sand zu sehen.

»Elisabeth,« sagte Adalbert, und alle erschraken über seine fürchterliche Ruhe, »Elisabeth hat sie getötet. Es ist wie auf Antothrake! So habe ich es auf Antothrake gesehen, Eleagabal, genau so ...«

Mit zärtlichen Händen wendete er die Tote auf den Rücken. Und lange kniete er neben ihr, mit demselben Gesicht, dem jede Möglichkeit des Wechsels im Ausdruck erstorben schien. Dann griff er, wie einer untrüglichen Eingebung folgend, in eine der Taschen von Reginas Kleid und zog einen Zettel hervor, den er, nachdem er ihn gelesen hatte, Eleagabal reichte.

»Es ist Elisabeths Schrift«, sagte er.

Eleagabal las auf dem zerknitterten Papier die drei Zeilen: »Adalbert ist in der Stadt, wenn Sie es nicht wissen sollten. Er befindet sich in großer Gefahr. Eilen Sie, ihn zu retten. Es erwartet Sie eine Freundin, um Sie zu ihm zu führen.«

Adalbert hörte irgend jemanden sagen: »Sie hat sich wenig Mühe gegeben, ihre Spur zu verwischen.«

Dann schien es ihm, daß der Fluß sich vor ihm zu einer Mauer verwandle. Das jenseitige Ufer klippte auf und stieg empor, während das diesseitige Ufer ruhig blieb, als ob hier die Scharniere für die Bewegung des Flusses angebracht seien. Und dann sah Adalbert noch, daß neben der Leiche Reginas, im Sand halb verborgen, eine zerbrochene Flasche lag und eine zerbeulte alte Sardinenbüchse und ein durchnäßtes Stück einer Zeitung ...

Als man den Leichnam nach der Mühle brachte, war es bereits Abend, und die Welt war noch immer nicht untergegangen. Eine Kavalleriepatrouille kam von der Straße her. Die Hufe klangen auf der noch immer regenweichen Straße gedämpft. Jetzt, da die Ordnung in der Stadt wiederhergestellt war, sandte man Militär aus, um auch in der Umgebung den Unruhestiftern entgegenzutreten. Als die Reiter an der Leiche vorüberkamen, beugte sich der Offizier vor, um der Toten ins Gesicht zu sehen, und wie von einer plötzlichen Rührung ergriffen, hob er die Hand grüßend an den Helm.

Adalbert, der nach einer halben Stunde den Anfall von Schwäche überwunden hatte, folgte den Männern, die sein totes Weib trugen, stieg hinter ihnen die Treppe hinan und ließ sich, als sie den Körper auf das Bett gelegt hatten, in einem Sessel nieder. Er wälzte immer den einen Gedanken: Nun ist alles vorbei ... nun soll es vorbei sein. Sie wird nicht mehr sprechen und lachen, und das Bett, in dem sie jetzt liegt ... es ist dasselbe, das unser Glück getragen hat.

Er hob den Kopf. Es war draußen Nacht geworden, und er sah durch das Fenster einen schwarzblauen, hell übersternten Sommerhimmel. Dieser Himmel sah nur wie ein Vorhang aus, ein kunstreicher, wundersam gewebter Vorhang, der, so fein er ist, doch alles verhüllt, was sich dahinter befindet.

Außer Eleagabal, der an dem Tisch mit der Petroleumlampe saß, war kein Fremder im Zimmer.

Kuperus hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt und die Augen geschlossen, so daß es schien als schlafe er.

Mit einemmal war es Adalbert, als sei das alles nicht wahr, alles nur Täuschung, ein arger Traum. Es waren da gar keine Realitäten, an die man sich halten konnte, nichts Wesenhaftes, und er fühlte sich gegen seinen Willen von einem brodelnden Schlammvulkan langsam eingesogen, ohne daß er etwas Festes hätte ergreifen können; die Stimme eines Menschen ... er wollte die Stimme eines Menschen hören.

»Eleagabal ... schläfst du?«

Eleagabal schlief nicht. Er öffnete sogleich die Augen, wie einer, dem es gar nicht schwer wird.

»Es ist also wahr?«

»Ja, mein armer Kerl – es ist wahr.«

»Was soll ich tun? Ich kann nicht ohne sie leben. Bei Tagesanbruch folge ich ihr. Ich möchte noch einmal das Licht sehen, dann –«

»Das darfst du nicht tun, Adalbert. Du mußt es erst versuchen, das Leben zu tragen. Und nur dann, wenn dich nichts mehr halten kann ...«

Die Worte glitten an Adalbert vorbei und gewannen keine Bedeutung für ihn. Eleagabal war ihm jetzt so fern, daß er sich durch nichts mit ihm verbunden fühlte. Mit Erbitterung stellte Adalbert fest, daß Eleagabal nichts getan hatte, um Regina zu retten. Er hatte sie untersucht und festgestellt, daß sie bereits am Abend vor der Auffindung getötet worden sein mußte. Das war alles gewesen. Und er besaß doch sicher Mittel, die anderen unbekannt waren und die vielleicht geeignet waren, wenigstens einen Versuch zu machen. Freilich ... gegen den Tod war nicht anzukämpfen ...

Plötzlich aber ließ er die Hand der Toten fahren, die er bis jetzt festgehalten hatte, stieß seinen Sessel zurück und stand steil auf. Etwas war ihm eingefallen, so groß, so bedeutend, so schwer, daß er erschrocken war. Er hatte sich einer Unterredung mit dem Alten erinnert und einer seltsamen Mitteilung, die ihm dieser damals gemacht hatte.

»Eleagabal ... ich bitte dich um aller Barmherzigkeit willen ... du darfst mir jetzt nicht ausweichen ... sag' mir die Wahrheit. Bin ich schon wahnsinnig, wenn ich mir dies einfallen lasse, oder ist es wirklich so ...? Du hast einmal gesagt, du könntest das Leben wieder zurückrufen. Du hast ein Mittel, den Tod in Leben zu verwandeln ...«

Auch Eleagabal war aufgestanden und kam nun langsam um den Tisch herum. Er trat zu dem Bett, faßte Reginas Hand und sah ihr ins Gesicht. Dann wandte er sich zu Adalbert: »Es ist so, wie du sagst. Ich habe viele Experimente gemacht. Und sie sind zum Teil gelungen. Freilich habe ich mein Geheimnis noch niemals im Ernst angewendet. Denn du wirst dich erinnern, was ich damals gesagt habe: Der Tod ist noch zu mächtig in dieser Welt. Zu mächtig ... und dann muß ich etwas anderes dagegen fragen, ehe ich daran gehe, mich in einen Kampf einzulassen ... Sie ist dein Weib, Adalbert, nicht wahr?«

Adalbert senkte den Kopf und schwieg.

»Ich habe euch damals mein Gebot auferlegt, nicht euch zur Qual, sondern zu eurer Rettung. Ich ahnte schon, was geschehen werde. Ich wußte nicht, auf welche Weise und durch wen. Das vermochte ich nicht zu sehen. Aber ich ahnte diese Stunde. Ich wußte, daß wir beide an ihrer Leiche stehen würden und daß du mir sagen würdest ... was du mir eben gesagt hast. Und ich war gesonnen, dir zu helfen, aber du selbst solltest auch dazu beitragen ...«

»Es war zu einer Zeit ... wir glaubten damals an den Untergang ... Sollten wir so ...?«

»Ich verstehe, was euch dazu getrieben hat. Und ich mache euch keine Vorwürfe. Es hat wohl so kommen müssen. Aber ihr habt mir's schwer gemacht ... ich sage nicht, daß es unmöglich ist. Jedem Menschen ist eine Lebenskraft gegeben, die in der Regel bis zur Erfüllung der natürlichen Bestimmung vorhält. In der Regel. Und die natürliche Bestimmung des Weibes ist die Liebe. Nun wirst du erfassen, daß die Lebenskraft stärker und brausender sein muß in einer Jungfrau als in einem Weib ... es wäre mir leichter gewesen, euch zu retten, wenn ihr gefolgt hättet. Nun aber ... es ist geschehen und ich muß sehen, daß ich dennoch den Tod besiege. Vielleicht sind andere Kräfte in ihr wach geworden, indem sich für sie das Leben erfüllte. Ich weiß es nicht. Es ist ja da noch vieles dunkel und ungewiß.«

Adalbert war auf den Stuhl Eleagabals gesunken und hatte das Gesicht in den Händen verborgen. Es war ihm ängstlich und beklommen zumut, aber dennoch wollte die Hoffnung sich nicht mehr vertreiben lassen. Es würde Eleagabal gelingen ... es mußte ihm gelingen.

»Er wird sich nicht so leicht betrügen lassen ... der Tod ... er wird ein anderes Opfer für sie fordern. Denn siehst du, Adalbert, ich spreche dir von einem großen Mysterium des Alls. Im ganzen All ist die Summe des Todes und des Lebens immer gleich. Wir können diesen Gedanken schwer erfassen, denn wir sehen ja nur ein winziges Stück der ganzen unermeßlichen Welt. Wir sind auf die Erde gebannt oder vielmehr im eigentlichen Sinn in uns selbst eingeschlossen. Was wir Entwicklung nennen, ist ein Gesetz von sehr bedingter Gültigkeit. Es bezieht sich auf uns und auf unser Stückchen Welt. Darüber hinaus? Wer kann darüber hinaus sehen ... Aber die großen Mysterien werden nicht erschaut, sondern erfühlt. Und so sage ich dir, daß das All in einem unabänderlichen Gleichgewicht von Tod und Leben schwebt. Was hier zugegeben wird, wird dort genommen. Die eine große Kraft ist sich immer gleich. Es findet immer ein Ausgleich statt. Allem Keimenden hier steht ein Absterbendes dort gegenüber. Jedem ersten Atemzug ist ein Todesröcheln entgegengesetzt. Und wenn wir hier auf unserer Erde von Entwicklung sprechen, also von einem Zunehmen an lebendigen Kräften, wer weiß, auf welchem der dunklen Sterne dort, die um die Sonnen anderer Systeme kreisen, zur selben Zeit der Ausgleich stattfindet, die Abwicklung, das Zurücksinken in den Tod, durch das die unveränderliche Summe erhalten wird. Und wenn wir mit unseren plumpen Händen in das wunderbare Gewebe greifen, so wissen wir nicht, was unserer Willkür nachfolgt. Wenn wir Regina ins Leben zurückrufen, so müssen wir gegenwärtig sein, daß der Tod ein anderes Opfer sucht.« Und leise murmelnd fügte er hinzu: »Ich ... ich bin bereit ...«

Ergriffen erhob sich Adalbert und ging auf Eleagabal zu, nahm seine Hände und küßte sie.

»Ich gehe jetzt,« sagte der Alte, »ich muß in die Stadt gehen ... bis zum Morgen bin ich wieder zurück.«

Adalbert hörte ihn über die Treppe gehen, unten mit jemandem sprechen ... Dann knarrte das Hoftor und, während sich alle diese Geräusche wie auf silbernen Gleitbahnen in die Nacht fortzupflanzen schienen, überließ sich Adalbert seiner Müdigkeit. Er war so voller Zuversicht, daß fast alle Unruhe in ihm getilgt war. Die Geräusche schienen wiederzukehren, sich zu wiederholen, bis ein gleichmäßiges Summen vor seinen Ohren entstand, in dem er, neben Reginas Bett sitzend, einschlief.

Als er erwachte, lag schon ein zaghafter Dämmerschein des nahenden Tages im Zimmer. Jemand sprach unten auf dem Hof. Wenn nicht schon ein leises Zirpen und Pipsen in dem großen Birnbaum vor dem Fenster den Morgen bestätigt hätte, so hätte Adalbert glauben mögen, daß erst einige Minuten seit Eleagabals Fortgang verflossen seien. Dann kam wieder jemand die Treppe herauf, mit müden, schleppenden Schritten ...

Eleagabal trat ein, und von seinem Gesicht waren im Grau des Morgens nur die Stirn und der lange Bart sichtbar. Sie glänzten beide silbern, und es war ein beständiges Rieseln über ihnen wie von beleuchteten Wassern. Ohne Adalbert anzusehen, ging er auf das Bett los und ergriff die Hand der Toten.

Adalbert war zurückgewichen, denn er fühlte: bei dem, was da geschehen sollte, war er zu klein und unbedeutend, um in irgendeiner Weise im Vordergrund zu stehen. Aber Eleagabal rief ihn heran und bat ihn, reine Bettücher und Wasser zu besorgen.

Die Müllersleute waren schon auf oder noch auf, Adalbert fragte nicht darnach und auch sie fragten nicht, wozu er diese Dinge brauchte. Und sie boten sich auch nicht an, ihm zu helfen, als verständen sie, daß er keinem andern gestatten könnte, für Regina in dieser Stunde etwas zu tun.

Als Adalbert mit dem Verlangten kam, blieb er einen Augenblick lang unter der Tür stehen. Der Herzschlag setzte aus. Eleagabal hatte inzwischen Regina entkleidet. Sie lag nackt auf ihrem Bett, und ihr Körper schimmerte matt im Morgendämmern. Die Vollkommenheit ihrer Schönheit war erhaben und rührend, und der Alte stand mit gesenkten Armen vor ihr, wie im Gebet.

Dann wies er wortlos mit leisen Winken Adalbert an, was zu tun war. Und als alles bereit stand, machte er sich daran, Reginas Körper zu waschen. Er tat es mit so sanften und zärtlichen Bewegungen, mit so leichten Händen, daß Adalbert, der sich wieder abseits gestellt hatte, durch nichts verletzt wurde. Als er fertig war, rieb er Reginas Brust und Glieder mit einer weißen Salbe ein und hüllte dann den Leichnam fest in die Tücher.

Die Spatzen vor dem Fenster waren alle erwacht und hatten ihren fröhlichen Lärm begonnen.

Adalbert wollte die Laden schließen. »Laß nur,« wehrte ihm Eleagabal, »laß nur ...« und dann setzte er hinzu, indem er Adalbert mit einem großen Blick ins Auge sah: »Wie ich euch liebe ... wie ich euch beide liebe ...«

Der Tag war da. Er reckte sich auf den Hügeln hinter der Villa Bezugs empor und sah nach der Stadt hinüber, noch hatte er graue und rosenrote Schleier vor dem Gesicht, aber er hob schon lächelnd die Hände, um sie wegzuziehen.

Eleagabal war wieder an das Bett getreten. In seiner Hand sah Adalbert eine winzige, blinkende Spritze mit scharfer, nadelförmiger Spitze, die der Alte jetzt in ein Kristallglas tauchte. Es war jenes Gefäß, das ihm Eleagabal in einer Nacht gezeigt hatte, jenes Gefäß, in dem der Gärungsstoff vorhanden war, das Ferment des Lebens. Hoch aufgerichtet und schwer atmend stand der Alte da, den Blick nach oben, wie in einer Anrufung aller guten Mächte. Dann beugte er sich über Regina und setzte nach kurzem Suchen die Nadelspitze in ihren Hals ein. Langsam ging der Kolben nieder ...

»Jetzt ist der Platz dort dein ...«, sagte er, indem er zurücktrat.

Und Adalbert kniete an ihrem Bett, mit verhaltenem Atem ... sein ganzes Wesen war in einem einzigen Strom an die Rettung der Geliebten hingegeben ... Er wußte nicht, ob er lange so warten mußte oder ob er bloß Sekunden vor Regina gelegen hatte ... Plötzlich wurde er sich einer Veränderung im Gesicht der Geliebten bewußt. Die Haut der Wangen schien sich zu spannen, als würden die Gefäße darunter gefüllt; noch regte sich erst jede Zelle für sich, als hätte sich noch keine in den großen Zusammenhang aller finden können. Hier und dort traten einzelne Partien aus der Erstarrung heraus, belebten sich und gewannen Farbe und den untilgbaren Reiz des im Wechsel des Stoffes beharrenden Organismus. Immer mehr verschwanden die toten Stellen aus dem Gesicht Reginas. Sie wurden von Strömen des Lebendigen umkreist, in den Wirbel hineingezogen und waren von neuen Kräften und Lichtern überflutet. Es war Adalbert, als sei er der Zeuge einer neuerlichen Erschaffung des Menschen aus dem Unbelebten. Ein so erhabenes Schauspiel enthüllte sich vor ihm, daß er fast vergaß, was sein persönlicher Anteil daran war. So vollkommen hingegeben hing er an dem Wunder, so erschüttert war er in seinen Tiefen, daß er zuerst Eleagabals Flüstern nicht hörte.

Eleagabal mußte seine Schulter berühren. »Schneide die Hüllen auf«, sagte er noch einmal, indem er Adalbert ein kleines scharfes Messerchen reichte.

Adalbert trennte die Tücher mit einem raschen Schnitt auf, und es war ihm, als atme ihm nun der ganze Körper mit allen Poren zugleich mächtiger entgegen.

Sein Ohr lag an Reginas Brust und darinnen ... da war ein leiser, warmer, nur noch etwas zaghafter Ton, und dann fühlte er ein leichtes Heben und Senken. Er begann zu schluchzen, hielt mühsam an sich, indem er die Zähne zusammenbiß, um die Geliebte nicht vielleicht vorzeitig zu wecken. Und dann sah er auch wieder ein neues Zeichen der Wiederkehr ins Leben ... die Finger der Hand, die an ihrer Seite lag, zuckten, krümmten sich, und die Nägel waren nicht mehr blau, sondern wurden rosig ... mit weißen Halbmonden an den Wurzeln ... und dann, dann hob sich diese Hand ein wenig müde und schwer und legte sich auf Adalberts Kopf. Er sah auf und schaute in Reginas Augen, die geöffnet waren und strahlenden und freudigen Blick hatten. »Ist der Morgen schon da?« fragte sie nach einer Weile.

Da schob er sich höher, indem er seine Arme um ihre Schultern legte und seinen Mund auf ihre Lippen drückte, die noch etwas kühl waren und ein wenig bebten. So verharrte er, bis das Frösteln aus Reginas Körper gewichen war, bis ihre Lippen warm und fest seinen Kuß erwiderten.

Und dann erinnerte er sich des Retters. Er wollte ihm zu Füßen fallen und seine Hände küssen.

Aber Eleagabal Kuperus war fort. Das Zimmer war leer und schien zum Empfang der Morgensonne bereit, deren erster Strahl eben über die Höhen hinter Bezugs Villa kam.


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