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Der Terror

Im Tagebuch des Professors Zugmeyer, das mit anderem Aktenmaterial zur Geschichte der letzten großen Gleichgewichtserschütterung der Menschheit veröffentlicht wurde, finden sich nachstehende Aufzeichnungen. Zugmeyer war von Bezug als Leiter seiner großen Sternwarte angestellt worden, jenes kostspieligen Baues auf den kahlen Höhen des Schlangenberges, dessen riesenhafter Refraktor den der Lick-Sternwarte noch um ein Beträchtliches an Lichtstärke übertraf. Er stand einem ganzen Stab von Gelehrten und Hilfsarbeitern vor und bezog das Einkommen eines Ministerpräsidenten. Aber er hatte sich verpflichten müssen, seine wissenschaftliche Arbeit ausschließlich dem Dienst Bezugs zu widmen und die Ergebnisse seiner Forschungen zunächst diesem vorzulegen und erst dann zu veröffentlichen, wenn er von ihm die Erlaubnis dazu erhalten hatte. Neben dem Buch, in das Zugmeyer die astronomischen und mathematischen Daten eintrug, führte er noch ein zweites, dem er, nachdem er sich in dem ersten seines Selbst vollkommen entäußert hatte, anvertraute, was in ihm an Wünschen, Gedanken, Gefühlen übrig war. In diesem Buch also finden sich folgende Aufzeichnungen:

5. März. Die Schattenspiele der Sonnenfinsternis haben mir meine Rechnungen bestätigt. Es ist so. Oder es scheint doch so zu sein. Denn wie kann ich mit voller Sicherheit behaupten, daß dies oder jenes geschehen wird, wenn ich die Bahnelemente noch nicht habe. Es sind vorläufige Vermutungen ... freilich ... Ich bin so aufgeregt, daß ich mich nicht einmal auf mich selbst verlassen kann. Und ich kann keinen beiziehen und mich kontrollieren lassen. Nicht, bevor ich mit Bezug gesprochen habe. Ein paar Tage will ich noch warten, ehe ich mich wieder daranmache.

8. März. Eine zweite Entdeckung. Ich weiß nicht, welche von beiden größer und wichtiger ist. Jene Entdeckung, um derentwillen ich an die Beobachtungsreihe gegangen bin, die mir das schreckliche, vorläufige Ergebnis geliefert hat. Sie telegraphieren uns durch den Weltraum, sie geben uns Zeichen, die Marsleute ...

10. März. Das war der Weg, auf dem ich zu dieser Entdeckung gekommen bin. Ich habe ihn angetreten, bevor ich noch zu Bezugs Hofastronomen befördert worden. Die Pariser Akademie hat einen Preis von hunderttausend Franken ausgeschrieben. Ein hübsches kleines Vermögen, das mir damals recht willkommen gewesen wäre. Der Preis sollte dem zugesprochen werden, der zuerst eine Verbindung zwischen den Menschen und den Bewohnern eines anderen Planeten herstellen würde. Aber die Herren waren so vorsichtig, den Mars dabei auszunehmen. Das beweist, daß sie der Ansicht sind, daß eine solche Verbindung mit dem Mars keine besonderen Schwierigkeiten mehr bietet und daß sie über kurz oder lang Ereignis werden muß. Es ist wahr, die Marsgeographie hat in den letzten sechsundzwanzig Jahren außerordentliche Fortschritte gemacht, wir kennen seine Oberfläche fast schon so genau wie die unserer eigenen Erde. Und wenn man auch von dem Irrtum abgekommen ist, seine periodischen Kanalveränderungen seien eine Art von Telegraphie für uns, so konnte man doch schon von der nächsten Zukunft alles erwarten. Ich habe mir den Mars zum Spezialfach genommen. Denn unser Weg in den Weltraum geht über den Mars. Es ist anzunehmen, daß wir, sobald wir uns erst einmal mit den Marsleuten verständigen können, von ihnen auch über andere Planeten Näheres erfahren. Wer weiß, ob sie nicht schon längst im Raum Botschaften herumschicken und empfangen, und nur unsere harthörige Erde bisher noch nicht in den Kreis ihrer Korrespondenten getreten ist. Wenn ich also den Preis gewinnen wollte, so müßte ich mich zuerst daran machen, mit dem Mars eine Verständigung zu suchen. Marconi hat mir den Weg dazu gezeigt. Seine Station für drahtlose Telegraphie auf der Insel Cape-Cleau empfängt seit einigen Monaten Signale, für die man keine Erklärung hat. Diese Signale kehren regelmäßig wieder, in denselben Intervallen, in derselben Stärke und in derselben Form. Aber die Zeichen gehören keiner bekannten Sprache an. Sie sind von geheimnisvoller Herkunft, und man hat sich vergebens bemüht, sie zu enträtseln. Ich habe mir eine funkentelegraphische Station neben dem Observatorium eigens zu dem Zweck errichten lassen, um diese Signale zu studieren. Und ich bin überzeugt, daß die Zeichen vom Mars kommen. Wer kann sagen, seit wieviel Jahrhunderten die Marsleute eine Erfindung bereits kennen und verwerten, die bei uns ein Ereignis der jüngsten Zeit ist. Wer kann sagen, ob sie nicht schon seit Jahrhunderten mit unermüdlicher Ausdauer diese Versuche fortsetzen, um mit uns in Verbindung zu treten. Für wie dumm und rückständig müssen sie uns halten, da wir ihnen noch keine Erwiderung gesandt haben.

12. März. Es wird mir immer gewisser, daß die Signale meiner Station vom Mars stammen. Wir stehen unmittelbar vor einer Lösung alter Fragen, die Phantastik ungezählter Vermutungen will sich in klare Realität verwandeln. Und gerade jetzt, da der Bestand unserer Erde in Frage kommt. Gerade jetzt, da ein toller Körper mit feindseliger Gewalt auf uns zuzustürmen scheint.

13. März. Ich habe mich zur Ruhe gezwungen. Und es scheint mir leider bestätigt zu werden, was ich befürchte. Sollen wir untergehen, ohne unsere Bestimmung erfüllt zu haben?

16. März. Zwischen zwölf und ein Uhr nachts arbeitet mein Signalempfänger regelmäßig. Immer dasselbe ... immer dasselbe. Am Schluß der Zeichenreihe kommt immer mehrere Male dasselbe Signal. Es ist wie eine Anzahl von Ausrufungszeichen hintereinander. Als wollten sie uns dringlich auf etwas aufmerksam machen.

18. März. Geben sie vielleicht eine Warnung an uns? Haben sie, die uns in allen Dingen voraus zu sein scheinen, vielleicht auch schon längst bemerkt, welche Gefahr uns droht? Es ist zum Verzweifeln, diese Rufe aus einer fremden Welt zu empfangen und nicht zu verstehen, was sie bedeuten ...

Am 20. März erhielt Thomas Bezug mit dem Dienstschreiben von seiner Sternwarte einen Privatbrief des Professors Zugmeyer, in dem er gebeten wurde, sich gegen Mitternacht auf dem Observatorium einzufinden. Der Brief kam in ein zitterndes Haus. Seit ein paar Tagen brütete Bezug unheilvoll über Abgründen. Der Prozeß war gegen ihn entschieden worden. Eine selbstverständliche Entscheidung, die gefällt werden mußte, wenn man nicht dem Gesetz und allem Rechtsgefühl ins Gesicht schlagen wollte. Aber daß dies geschehen konnte, daß man es nicht wagte, Bezug zu Gefallen Recht und Gesetz zu verletzen, das bewies ihm, daß er noch immer nicht der Herr der Erde sei. Jetzt war er es weniger als jemals.

Am Tage nach der Verhandlung erhielt er ein Entschuldigungsschreiben des Landesgerichtsrates, der den Vorsitz gehabt hatte. Es war in den flehentlichsten Ausdrücken abgefaßt, verwies auf die starren Paragraphen der Gesetzbücher und versuchte die Schuld für den Ausgang auf die Ungeschicklichkeit des Advokaten zu überwälzen. Es sprach von der peinlichen Pflicht, der man sich nicht habe entziehen können, und rief die Gnade Bezugs an. Nachdem Bezug das Schreiben überlesen hatte, schrieb er den Namen des Absenders auf einen grünen Zettel und sandte ihn in das Geheimbüro seiner Auskunftei. Nach einer halben Stunde hatte er Nachricht, wie dem Landesgerichtsrat beizukommen sei. Er hatte Schulden, der Gute, ziemlich hohe Schulden, und dann sollte er, aber das war nicht erwiesen, perversen Leidenschaften ergeben sein. Bezug addierte die Schuldposten und schrieb daneben: »Übernehmen«, und neben die Andeutung, daß sich die Neigungen des Mannes auf gefährlichen Bahnen bewegten, setzte er den Auftrag: »Beobachten und binnen acht Tagen berichten.«

Kaum aber hatte er seinen Befehl abgehen lassen, so verdroß es ihn, daß er einem solchen Nichts, einem Landesgerichtsrätlein, das auf seinem Würdestuhl wie auf einem glühenden Rost gesessen hatte, so viel Aufmerksamkeit hatte schenken mögen. Und wenn er es sich nicht zum Grundsatz gemacht hätte, niemals einen Auftrag zu widerrufen, so hätte er es diesmal getan. Was konnte er sich damit beweisen? Das waren armselige Spielereien seiner Macht, und er schämte sich ihrer fast, wenn er bedachte, welchen Zielen er zustrebte. Aber damit war es vorbei, Hecht war tot, und Bezug zermarterte sein Gehirn nach einem Gedanken, nach der genialen Eingebung, die an Stelle des alten Planes hätte treten können. Alle seine Einfälle waren lahm und gichtbrüchig. Sie hatten keine Schwungkraft und keine Größe. Neben Hechts rasendem und furchtbarem Plan sahen sie aus wie gerupfte Gänse neben einem Adler. Er hätte die Menschheit peitschen mögen, grausam züchtigen, er hätte sie in Qualen und Entsetzen sich winden sehen mögen, diese widerstrebende, riesenhafte Masse kneten und würgen, bis ihr vor Angst der Atem ausging. Da lagen sie im Vordergrund zu seinen Füßen und schmeichelten, ließen seine Gnade als Sonne über sich scheinen und empfanden seine Umdüsterungen als Unglück. Aber was war das alles im Vergleich zu den Mengen, die abseits standen, die Bezugs Namen noch nicht kannten, die nichts von seinem Dasein wußten. Und sie sollten alle seine Macht verspüren, er wollte ihnen seinen Namen aufprägen wie ein Brandmal.

Da hatten sie drüben in Amerika ihre Trusts, mit denen sie den Geldmarkt und die wirtschaftliche Lage beherrschten. Der brave Smith aus Philadelphia war einer der mächtigsten Männer. Aber welche jämmerliche Macht war das doch, die keinem anderen Erfolg zugewendet war als dem Verdienst, der Anhäufung der Milliarden. Sie war den Besitzenden gefährlich, sie war imstande, die Konkurrenz zu vernichten, alle Beamten zu bestechen, den Präsidenten zu bedrohen. Eine jämmerliche Macht. Denn wer nichts besaß, war frei von ihr, der Hungerleider erhob sich triumphierend über sie und konnte sie verhöhnen.

Mit der brutalen Wucht der Milliarden war nichts getan, wenn der geniale Gedanke fehlte, der alle niederzwang ... alle!

Bezugs Hausgenossen ließen sich nicht vor ihm sehen, wenn sie nicht gerufen wurden. Hainx hatte schlimme Tage. Elisabeth war nicht in der Stadt, sie hielt sich in der Villa auf, von wo sie zwischen Bäumen das Dach von Enzbergers Mühle sah.

Bezug hatte den Brief des Professors vormittags erhalten, gelesen und auf den Schreibtisch geworfen. Dann vergaß er seiner und erinnerte sich erst abends wieder der Bitte Zugmeyers, als sich ihm das Schreiben von ungefähr wieder in die Hand drängte. Er wog es einen Augenblick ab, legte es auf den Tisch und klingelte nach Hainx.

»Professor Zugmeyer hat mir geschrieben, ich soll ihn heute nachts besuchen. Fahren Sie hinaus und fragen Sie, was der Mann von mir will!« Aber als ob es ihm keine Ruhe ließe, zog es seine Hand wieder nach dem Brief. Da stand: »... in einer dringenden und außerordentlich wichtigen Angelegenheit ...« – »Warten Sie,« fuhr Bezug fort, »ich werde doch mit Ihnen fahren. Ein Automobil soll um halb zwölf Uhr bereit sein. Lassen Sie die Straße bewachen.«

Hainx verneigte sich und ging. Seinem Haß gegen den Tyrannen gab eine Entdeckung der letzten Zeit eine nicht geringe Befriedigung. Es schien so, als ob sich Bezug in den letzten Wochen zu fürchten begonnen hätte. Er hatte einen strengen Wachdienst eingerichtet, war von einer auserlesenen Schar seiner Eideshelfer umgeben, als habe er irgendeinen Angriff abzuwehren, als ahne er etwas Bedrohliches über sich. Seine Sicherheit und Zuversicht schien erschüttert, und oft war es Hainx, als seien alle Wutausbrüche Bezugs nur Minenexplosionen, die eine geheime Schwäche zu maskieren bestimmt seien. –

Eine halbe Stunde vor Mitternacht hob einer der beiden Hammerschläger auf Bezugs Schreibtisch den Hammer und ließ ihn zweimal gegen die Glocke klingen. Das Zeichen, daß unten der Wagen bereitstehe, rollte klar durch die Stille des Zimmers und weckte einen Ton in der Wanduhr, ein verwandtes Summen und leises Rütteln im Räderwerk. Der Zeitgeier über der Uhr zuckte mit den Flügeln, als wolle er sich aufschwingen. Bezug, der ermüdet in dem großen Armstuhl mit den Schlangenköpfen zusammengesunken war, fuhr auf, sah sich im Zimmer um, als suche er jemand, und erhob sich dann schwerfällig. Als er aber in das Vorzimmer kam, ging er schon wieder straff und kraftvoll und ließ sich von dem Diener Mantel und Hut reichen.

Straff und elastisch bestieg er das Automobil, in dem ihn Hainx erwartete. Aber kaum hatte er sich zurechtgerückt, als schon wieder das Mißvergnügen über ihn kam. Er fragte sich, was er draußen auf dem Observatorium suche. Was konnte ihm Zugmeyer Großes und Wichtiges mitzuteilen haben? Irgendeine astronomische Entdeckung, die den Gelehrten in Aufregung versetzte und vielleicht auch die übrigen Astronomen ... aber die sonst herzlich gleichgültig war. Bezug war auf dem Weg, sich eine halbe Stunde lang langweilen oder ärgern zu lassen. Was konnte er von Zugmeyer erwarten? Was erwartete er überhaupt? Er gab es zu, daß er irgendeiner Nachricht entgegenharrte ... und er fand, daß diese Ahnung unsinnig sei, diese Erwartung ein leeres Gefühl – alles zusammen nur Symptome seiner Schwäche, die er sich einzugestehen gezwungen war.

Es war eine schöne, laue Vorfrühlingsnacht, und obzwar der Mond nicht sichtbar war, ließ eine seltsame Helle die dunkeln Massen der Gehöfte und Baumgruppen in ihrem wuchtigen Schwarz erkennen. Das Licht rieselte in dünnen Fäden aus der Menge von Sternbildern herab, die heute dem armen Himmel des Nordens einen fast südlichen Glanz gaben. Mit dem breiten, grellen Schein der Laternen schien der Wagen seinen Weg abzusuchen, und die Schotterhaufen und die Baumstämme wurden rasch hindurchgezogen. Die Wagenspuren der Straße wurden zu breiten, laufenden Streifen, zu endlosen Riemen, die durch ein wirbelndes Schwungrad irgendwo weit hinten in der Finsternis in Bewegung gesetzt waren.

Als sie an dem großen Steinbruch vorbeikamen, traten zwei Männer in den Lichtschein und nahmen die Hüte ab. Das war wie eine flüchtige Vision. Aber Bezug nickte zufrieden, er gewann daraus wieder ein wenig Sicherheit. Dann tobte das Automobil an der langgestreckten Schanze hin, die von den Schweden im Dreißigjährigen Krieg aufgeworfen worden war, und bog an ihrem Ende auf die Seitenstraße ein, die den Hügel hinan und zu Bezugs Sternwarte führte.

Zugmeyer erwartete seinen Herrn an dem Einfahrtstor in den von einer Mauer festungsartig umschlossenen Hof. Während der Chauffeur den Wagen sorgsam in die offene Remise lenkte, führte der Professor seine Gäste die Treppe hinan und ließ sie auf die Galerie unter der ungeheuren Kuppel des Observatoriums treten. Der Raum war nur zum Teil erhellt; in der Nähe des Sitzes vor dem Objektiv des großen Refraktors, der sich unförmig gegen den Himmel richtete, glänzten die Metallteile des feinen und komplizierten Apparates, der zur Einstellung des Rohres diente. Das Durcheinander der Schrauben, Zahnräder, Rädchen, Stäbe und Pendel vor dem Sitz war dem Uneingeweihten nichts als ein verwirrendes Chaos, ein krauses Hieroglyphenzeug, dessen Bedeutung nicht zu enträtseln war. Das Uhrwerk, das den ganzen Apparat der Drehung des Himmels anpaßte, tickte laut in der Stille.

»Jetzt sagen Sie mir,« begann Bezug ungeduldig, »warum Sie mich eigentlich mitten in der Nacht hierher hinauszitiert haben?«

Der Professor stand vor ihm, an der Brüstung der Galerie, dunkel vor dem Licht inmitten des Raumes und schwieg noch immer. Er wußte nicht, was er beginnen sollte.

»Na ... also!« drängte Bezug.

»Es ist ... es ist ... eine Sache von solcher Wichtigkeit ... daß ich wünschte, sie bliebe zwischen uns beiden allein ...«

»Hainx ist meine rechte Hand ... sprechen Sie ruhig vor ihm.«

»Gut, dann bitte ich Sie, mir zu folgen.« – Zugmeyer schritt von der Galerie auf eine Art von Kommandobrücke hinaus, die in den Raum vorgebaut war. Sie endete auf eine kleine Plattform, die an drei Seiten von weißen, straff über Rahmen gespannten Tüchern umschlossen war. Unten lag der dunkle Raum des Observatoriums wie ein toter Krater. Als der Professor mit einer Umdrehung des kleinen Hebels an der Barriere der Plattform auch die letzten Lichter verlöscht hatte, gewann das Sternenlicht seine Macht ... Bezugs Blicke richteten sich hinauf zur Kuppel. Eine schwanke dünne Stange, von der Drähte hinabliefen, reckte sich außen, neben der Sternwarte, hoch hinauf.

»Das ist wohl der Funkentelegraph?« fragte Bezug.

»Ja – ich habe Sie gebeten, hierherzukommen, um zu sehen wie er arbeitet. Ich habe die Einrichtung getroffen, daß die empfangenen Depeschen sogleich in Lichtzeichen umgesetzt werden. Das ermöglicht eine noch schärfere und genauere Beobachtung. Sie werden die Zeichen auf diesen Schirmen vor sich erscheinen sehen.«

»Wann?«

»Sogleich, wenn es zwölf Uhr geschlagen hat.«

Und wie auf ein Stichwort folgten rasch aufeinander zwölf helle klingende Schläge, dann ein kleines Schnaufen im Uhrwerk, und nun wieder das gleichmäßige Schwingen des Pendels.

In diesem Augenblick erschien auf dem Schirm vor Bezug ein breiter, ungleichmäßig erhellter Lichtstrahl. Er zuckte einige Male auf und verschwand. Dann kam er wieder, verringerte seinen Umfang bei gleichzeitiger Erhöhung der Intensität des Lichtes, bis er in einem gleichmäßigen, grünlichen Schimmer erstrahlte.

»Das ist das Alarmsignal!« sagte der Professor. »Geben Sie acht, jetzt kommt die eigentliche Depesche.«

Nach einigen Sekunden verschwand der Fleck wieder, und nun folgte in einer durch Abschnitte unterbrochenen Reihenfolge eine Anzahl von Zeichen. Sie bestanden aus längeren und kürzeren Blitzen, aus kleinen, runden Lichtstreifen, Dreiecken und Vierecken von quadratischer und gestreckter Gestalt, die in Gruppen zusammentraten, dann wieder durch längere Intervalle getrennt waren und in den mannigfachsten Verbindungen sich aus den Pausen zu entwickeln schienen. In langsamem Zeitmaß ging das vor sich, als solle die Depesche nur ja recht verständlich sein, als bemühe sich ihr Absender um nichts so sehr als um Deutlichkeit, wie ein Lehrer, der vor seinen Schülern Buchstabe um Buchstabe zu Worten zusammensetzt.

»Sehr interessant!« sagte Bezug nach einer Weile, »und was wird Ihnen da telegraphiert?«

»Ich weiß es nicht.«

»Was ... Sie wissen es nicht? Was soll das heißen? Haben Sie nicht versucht, die Depesche zu lesen?«

»Ich verstehe die Sprache nicht, in der sie abgefaßt ist.«

»Und da können Sie sich nicht helfen? Sie wissen doch, daß Ihnen eine ganze Akademie von Sprachgelehrten zur Verfügung steht, wenn Sie mich nur davon verständigen.«

»Ich glaube, daß sich auch in einer ganzen Akademie niemand finden wird, der diese Depesche lesen kann.«

»Ja ... hören Sie ... warum denn nicht?«

»Weil diese Depesche in einer Sprache verfaßt ist, die kein Gelehrter versteht. Weil es sich hier um keine der auf Erden gebräuchlichen Sprachen handelt.«

Bezug wurde ungeduldig. »Zugmeyer, Sie können ein tüchtiger Astronom sein. Aber von diesen Dingen scheinen Sie nicht viel zu verstehen.«

»Ich bin überzeugt, Herr Baron, daß diese Depeschen aus einer Gegend kommen, wo es noch niemandem vergönnt war, Sprachstudien zu machen. Sie kommen vom Mars.«

»Ist das Ihr Ernst, vom Mars!«

Zugmeyers Stimme war schwer und dunkel: »Es ist mein voller Ernst ...«

»Aber zum Teufel ... es ist doch sonderbar, was mögen die uns mitzuteilen haben? Können die es nicht erwarten, mit Thomas Bezug in Verbindung zu treten?« Und Bezug wandte sich Hainx zu, den er im Widerschein des grünlichen Lichts neben sich sah. »Der Mars kommt erst später daran, wenn die Erde mein ist.«

Langsam fuhr Zugmeyer fort: »Ich weiß nicht, was diese Depesche enthält. Ich weiß es nicht mit voller Sicherheit. Aber ich kann ihren Sinn vermuten, mit einiger Wahrscheinlichkeit.«

»Nun ... und?«

Zugmeyer drehte den Hebel zurück. Und der schmale Kranz von Lichtern um den Schwerpunkt des Raumes entzündete sich wieder, daß die Messingteile der Apparate aus der Dunkelheit erlöst und wieder lebendig wurden, während die Lichtzeichen auf dem Schirm verloschen.

»Die Marsdepeschen treffen auf die seltsamste Weise mit einer anderen Entdeckung zusammen, die ich in der letzten Zeit gemacht habe. Und aus diesem Zusammentreffen glaube ich den Sinn der Mitteilungen erraten zu können.«

»Und der ist ...?«

»Eine Warnung ... Ich bitte Sie jetzt, mit mir in mein Arbeitszimmer zu kommen.« Er ging seinen Gästen voran, über die schmale Brücke, dann ein Stück der Galerie entlang und öffnete eine eisenbeschlagene Tür in der Wand des Observatoriums. Hier führte eine gewundene Treppe hinab, zum Arbeitszimmer des Astronomen. Es war ein einfacher Raum, bis zur halben Höhe der Wand mit Holz getäfelt, und innerhalb dieser strengen Zweckmäßigkeit doch von einer Art von poetischem Zauber durchwirkt, dem sich selbst Bezug nicht zu entwinden vermochte. So wenig er die Bemühungen der Gelehrten, die in seinem Dienst standen, sonst schätzte, vor der Arbeit des Astronomen hatte er mehr Ehrfurcht, als er sich selbst einzugestehen willens war. Er, dessen ganze Ziele auf diesem Ball lagen, sah mit Erstaunen und einer Art von Neid, wie es den Astronomen gelang, sich auch anderer Welten zu bemächtigen, sie in die Stille ihrer Studierzimmer herunterzuziehen, sie in mathematische Formeln zu bannen und ihren Lauf zu bestimmen. Da lagen die Geheimnisse des Himmels, der Bewegungen fernster Gestirne, aufgeschlossen in langen Zahlenreihen, in Tabellen, da war eine ihm unbegreifliche und fast unheimliche Weisheit in unscheinbaren Büchern und Regalen aufgehäuft.

Während sich Bezug in dem Raum umsah, nahm Zugmeyer vor seinem Schreibtisch Platz und öffnete eine der kleinen Laden an der linken Seite. Er nahm ein Pack photographischer Negative hervor und legte es vor sich hin.

»Nun, Professor, und Ihre andere Entdeckung?« fragte Bezug endlich, als sich Zugmeyer noch immer nicht entschloß zu sprechen.

Da nahm der Astronom die oberste der Platten auf und hielt sie gegen das Licht, das über seinem Schreibtisch hing. »Sehen Sie sich einmal dieses Negativ an!«

Bezug blickte hindurch. Er sah nichts als einen kleinen schwarzen Strich mitten auf der sonst unbelichteten Platte.

»Nun, und ...?« fragte er.

»Was Sie hier sehen, ist die Photographie eines neuen Planeten, den ich entdeckt habe.« Bezug reichte die Platte an Hainx weiter: »Das ist wohl für die Astronomen sehr überraschend ...«

»Ja – es ist aber eine wenig angenehme Überraschung. Sie werden mich sogleich begreifen, wenn Sie mich eine Viertelstunde lang anhören wollen. Außer den aller Welt bekannten großen Planeten gibt es noch eine Menge kleiner Planeten. Man hat sie eigentlich seit jener Zeit immer schon vermutet, seitdem man das Gesetz der Planetenabstände von der Sonne aufgefunden hat. Dieses Gesetz verlangte in der Lücke zwischen Mars und Jupiter mit aller Entschiedenheit einen Weltkörper. Nun hat man in dieser Lücke allerdings keinen ganzen Weltkörper gefunden, aber doch die Trümmer eines solchen – eben jene kleinen Planeten, deren erster in der Neujahrsnacht des neunzehnten Jahrhunderts entdeckt worden ist. Eine Anzahl von Trümmern ... kleinere und größere, und es wurden immer mehr, je eifriger man seine Beobachtungen auf ihre Auffindung richtete. So weit war das Gesetz glänzend erwiesen. Aber dann kam die Entdeckung des Astronomen Witt. Er fand nämlich abermals einen neuen kleinen Planeten, den er Eros nannte. Aber dieser Planet bewegte sich nicht in jener Planetenzone, die ihm das Gesetz anwies, in der Lücke zwischen Mars und Jupiter, sondern – gegen alle Ordnung und Harmonie – zwischen der Erde und dem Mars.«

»Wie ist das möglich?« fragte Bezug gespannt.

»Man hat es sich mit außergewöhnlichen Einflüssen zu erklären versucht, die den neuen Planeten aus seiner Sphäre gerissen haben. Seine ungemein exzentrische Bahn scheint darauf hinzudeuten. In seiner Sonnenstärke rückt er bis auf drei Millionen Meilen an uns heran, während die Venus immer noch fünf Millionen Meilen entfernt bleibt. In der Sonnenferne aber reicht seine Bahn noch über die des Mars hinaus. Nachdem Witt einmal die Bahn des Eros rechnungsmäßig festgelegt hatte, gab es einiges Kopfschütteln. Denn ein so seltsamer Himmelskörper ist eine Warnung für uns, er deutet eine Gefahr an.«

»Eine Gefahr?«

»Wenn solche Unregelmäßigkeiten stattfinden können, wenn uns unbekannte Einflüsse Planeten aus ihrer Sphäre herauszureißen vermögen ... ist es dann ausgeschlossen, daß einmal einer von ihnen uns so nahe kommt, daß die Anziehung der Erde über seine Masse siegt, und daß er auf uns herunterstürzt?« Der Professor hatte sich erhoben und stand vor Bezug, bleich und entschlossen, jetzt alles zu sagen. »Wir dürfen diese Möglichkeit schon rein logisch nicht ausschließen, verstehen Sie. Wir haben Anzeichen dafür, daß Ähnliches schon stattgefunden hat. Sehen Sie einmal unsern Mond an. Die ungeheuren Ringgebirge, die Wallebenen ... Wenn Sie in einen zähen Brei einen Stein werfen, so entsteht ein ganz ähnliches Gebilde. Diese Ringgebirge können keine vulkanischen Erscheinungen sein. Sie fordern eine Erklärung heraus, daß hier in den zähflüssigen feurigen Brei des Mondes einmal solche irrende Himmelskörper hineingestürzt sind. Und dann das, was man Polhöheschwankungen der Erde nennt. Schwankungen um etwa zwanzig Meter. Aber sie genügen, um die sonderbaren Klimaschwankungen der Erde zu erklären. Auf Spitzbergen hat es einst Kirschbäume und Lorbeersträucher gegeben, der Südpolkontinent war nicht immer unter Eis begraben ... vielleicht hat auch unsere Erde einmal ein solcher Stoß getroffen ...«

Zugmeyer hielt inne. Seine Stirne war naß, er sah Bezug starr an, mit funkelnden Brillengläsern. Dann nahm er die Glasplatte aus der Hand Hainx' und hielt sie empor. »Ich habe meinen neuen Planeten Terror genannt ... Terror ... Jetzt bin ich der Überzeugung, daß er früher auf seiner Bahn nicht entdeckt werden konnte, einfach weil er früher nicht da war. Er ist erst in der jüngsten Zeit aus seiner Zone gerissen worden, und er kommt auf unsere Erde zu, meine Herren, wenn meine Berechnungen nicht falsch sind ... oder wenn ihn nicht irgendein anderer Einfluß zurückreißt ... und er muß mit uns zusammenstoßen. Das ist es auch, was uns die Marsleute telephonieren, sie haben ihn entdeckt, und sie warnen uns ...«

»Und was geschieht ...?« fragte Bezug atemlos.

»Der Untergang ... er ist nur den zehnten Teil so groß wie unser Mond. Aber es genügt.«

»Was ist zu tun? Was ist zu tun?« Bezug sah Hainx an. Aber der war bis an den ungeheuren Bücherwall zurückgewichen, der die eine Wand verdeckte, und hatte sich schwer atmend mit dem Rücken dagegen gelehnt.

»Es ist nichts zu tun. Wir müssen schweigen.«

»Schweigen?«

»Denken Sie an das Entsetzen, das über die Welt kommen müßte.«

»Es ist wahr! Es ist wahr! Ein fürchterliches Entsetzen müßte über sie kommen. Müßte über sie kommen ... Sie werden nicht wissen, was sie in ihrer Angst tun sollen ... und wann müßte dieser Zusammenstoß erfolgen, Professor?« Bezugs Augen brannten.

»Nach meinen Berechnungen im Juli.«

»Im Juli! Sehr gut. Da können sie noch mehr als drei Monate zucken und sich winden ... in Todesangst ...«

Zugmeyer griff hinter sich und faßte die Armlehnen seines Stuhles. »Ich habe Ihnen davon gesagt, Herr Baron, weil ich es für meine Pflicht hielt, eine Entdeckung, die ich auf Ihrer Sternwarte gemacht habe, Ihnen nicht zu verschweigen. Sie wollen doch nicht ...?«

»Ich wünsche nicht, daß Sie mir Ratschläge erteilen«, fuhr Bezug auf, so bedrohlich, daß Zugmeyer sich aus seiner Nähe wünschte. Da war die ganze Brutalität wieder vorgebrochen, die Bezugs Siege zuletzt entschied. »Es war Ihre Pflicht, gewiß. Ich danke Ihnen. Was ich mit Ihrer Entdeckung zu tun gedenke, das ist meine Sache, verstehen Sie mich. Ich werde sie benützen oder nicht benützen, wie es mir gefällt, und wie es meinen Plänen entspricht ... Kommen Sie, Hainx!« Und mit einem Kopfnicken verließ er das Arbeitszimmer, gefolgt von Hainx, der seine Beine mit Mühe zum Dienst zwang.

Auf dem Hof blieb Bezug stehen und sah zu dem hellen Nachthimmel empor. Da waren diese fernen Welten, aus deren Hintergrund irgendwo die Zerstörung hervorbrach; schon war das zertrümmernde Geschoß in Bewegung, erst nur den Berechnungen des Gelehrten erfindlich, aber bald würden sich die Augen der gesamten Menschheit in Todesangst zum Himmel wenden, bis in die fernsten Winkel der Erde würde die schreckliche Botschaft dringen ...

»Ich werde das Schauspiel erleben, die ganze Menschheit wie eine Meute winselnder Hunde feige kriechen zu sehen«, murmelte Bezug.

Knatternd fuhr das Automobil vor. Die beiden Nachtwächter rissen das Hoftor weit auf und standen stramm aufgerichtet, während Bezug an ihnen vorüberfuhr. Als sie von dem Weg zur Sternwarte auf die Straße einbogen, wandte er sich um. Das weiße Gebäude mit seiner dunklen Kuppel glich auf seinem Hügel einem riesenhaften Märchenpilz, der durch ein Zauberwort der Nacht aus dem Boden gezogen worden war. Dann sah Bezug zu den Sternbildern auf, und als sein Blick wieder auf die Kuppel herabsank, da schien sie ihm klein und gedrückt, zusammengekauert und zusammenschauernd unter der gewölbten Wucht des Firmamentes. Dünn und spitz stach daneben der Mast der telegraphischen Station in die Nacht.

Bezug fühlte, wie Hainx, der neben ihm saß, zitterte.

»Ist es Ihnen kalt, Hainx?« fragte Bezug.

»Ja!«

Aber Bezug lächelte. Da hatte das Fieber schon ein Opfer erfaßt. Er schwang eine Geißel. Er spann sich wieder in seine Phantasien: »So ist es gut ... so muß es kommen. Ich habe sie meiner Macht nicht unterwerfen können, hören Sie, Hainx! Nicht unterwerfen können. Dazu sollte es nicht kommen ... aber ich werde dafür entschädigt: ich werde ein Schauspiel erleben, wie es noch nie gesehen worden ist. Die Wissenschaft ... hören Sie, Hainx ... wenn es die Wissenschaft sagt! Wenn es nur ein Glaube wäre, ein Aberglaube: aber die Wissenschaft! Da ist kein Entrinnen in den Unglauben ober in die Vernünftigkeit. Da wird die Vernunft selbst sie mit Peitschenhieben antreiben ... in den Wahnsinn. Die Vernunft wird ihnen sagen: es ist aus, es ist aus, es ist aus ... kein Entrinnen. Denn wir haben keinen Punkt außerhalb der Erde, auf den wir flüchten können. Keine Arche Noah, die im Weltraum schwimmt, bis wir wieder irgendwo landen können. Sie müssen alle zugrunde gehen, das ganze Gewimmel ... die ganze Brut. Sie werden durcheinanderlaufen und beten und fliehen und sich im Wahnsinn selbst umbringen. Und die Ordnung wird in Trümmer gehen ... hören Sie, Hainx! ... und das »Gesetz« und die Sitte und alles, alles, alles« – und Bezug schlug mit der geballten Rechten bei jedem Wort auf den Rand des Wagenschlages – »sie werden toll und tobsüchtig werden, hören Sie, Hainx! Toll und tobsüchtig, ein ungeheurer Käfig, aus dem niemand ausbrechen kann ... in dem sie alle miteinander umkommen müssen. Ich werde auch mit umkommen ... und Sie, Hainx ... wir alle, alle! Aber das macht nichts, wenn ich auch umkomme. Ich werde ganz zuletzt doch noch dieses wunderbare Schauspiel genießen ... den Triumph, sie alle erniedrigt und vernichtet zu sehen ... wenn auch nicht durch meine Macht – aber ich werde doch noch zuletzt über sie herrschen ... in ihrer Todesangst ...«

Ein keuchender Husten zwang ihn, abzubrechen. Die Worte wollten sich nicht zurückdrängen lassen, quollen herauf, aber die Luft kam nur pfeifend aus seinen Lungen, er bäumte sich auf und sank zurück. Dann saß er zusammengekrümmt da, mit rundem Rücken und hängenden Schultern, den Kopf weit vorgestreckt, als trage er eine Last auf dem Nacken. Seine Augen waren stier und blutunterlaufen.

Hainx sah seinen Herrn entsetzt an.

Die Derwische, die er in Ägypten besucht hatte, waren im letzten Stadium ihres fanatischen Taumels ähnlich anzusehen gewesen wie jetzt Bezug.

Nur langsam löste sich die Spannung und kehrte Bezug die Besinnung zurück. Aber er sprach nichts mehr. Er lächelte nur und sah Hainx bisweilen von der Seite an, mit einem spöttischen und prüfenden Blick. Das war wieder dieser alte Blick des Inquisitors, des Henkers, der seine Kraft aus der Verzweiflung seines Opfers zog. Und mit aller Macht seines Willens nahm sich Hainx zusammen, um nicht zu zittern.

Als sie in den Hof des Palais einfuhren, schlug Bezug die Decken zurück. Und indem er aus dem Wagen stieg, sagte er leichthin: »Wird das nicht ein köstlicher Spaß werden, Hainx?«

Und Hainx antwortete fest: »Ich freue mich darauf, Baron.«

Thomas Bezug blieb den ganzen folgenden Vormittag in seinen Schlafzimmern. Der Kammerdiener hatte strengen Befehl, ihn unter keiner Bedingung stören zu lassen. So konnte auch ein Brief, den ein Diener von Bezugs Sternwarte brachte, und den Zugmeyer als besonders dringend und sogleich zu übergeben bezeichnet hatte, nicht seinen Adressaten erreichen. Es war ein letzter Versuch des Gelehrten, seinem Herrn die schrecklichen Folgen einer Preisgebung des Geheimnisses vorzuhalten und ihn zu warnen. Trotz der Gefahr, Bezugs Zorn auf sich zu laden, hielt es Zugmeyer für seine Pflicht, noch einmal an ihn heranzutreten.

Dann kam der Ausschuß des vereinigten Künstler- und Schriftstellerbundes »Minerva«, der für heute vormittag zur Audienz befohlen war, um sein Memorandum zu überreichen. Auch ihm blieb der Eintritt verwehrt, und Richard konnte nichts anderes tun, als die Abgesandten auf Nachmittag zu vertrösten.

Es handelte sich bei dieser Audienz um nichts Geringeres als um die geplante Gründung der Künstlerstadt, die Bezug in Aussicht gestellt hatte. Der Verein hatte sich eigens zu dem Zwecke gebildet, um die Vorarbeiten durchzuführen und Bezug mit festen Vorschlägen zu kommen. Darüber war man einander in die Haare geraten und hatte eine ganze Reihe erbitterter Fehden auszufechten gehabt. Es bereitete Bezug ein ganz besonderes Vergnügen, die Bulletins dieses Kampfes zu erhalten. Oft focht man in ganzen Schlachtreihen gegeneinander: hie Schriftsteller und hie Maler, oder hie Maler und hie Architekten, oft löste sich das Gefecht in eine Anzahl von Einzelkämpfen auf. Störner behauptete, es sei ein ähnlich erhebender Anblick wie der Furor der homerischen Helden. Wenn hüben und drüben je einer vor die Phalangen trat und wenn beide nun zum Ergötzen der übrigen übereinander herfielen. Es war wie bei Hahnenkämpfen. Selten genug kam einer ungerupft davon. Und oft genug fand sich, daß die Federn, die einer bei einem solchen Streit verloren hatte, fremde Federn waren.

Wenn Bezug aber seine Laune besonders festlich steigern wollte, dann wohnte er den Versammlungen der »Minerva« bei. In Anwesenheit des hohen Protektors war man noch weniger als sonst geneigt, sich etwas gefallen zu lassen, und griff einander noch grimmiger an. Mit den Fäusten zerrte einer den andern von dem Kothurn, auf dem er in der Öffentlichkeit stand. Und Bezug hatte seinen Spaß daran.

Jetzt war man endlich so weit gekommen, nach endlosen Beratungen, Erwägungen und eifersüchtigen Listen, daß man die Grundzüge der Organisation festgestellt hatte.

Nachmittags fanden sich die Herren des Ausschusses wieder in Bezugs Palais ein. Sie wurden in die Halle mit den Alabastersäulen geführt, die jetzt noch durch eine Wand aus einer einzigen ungeheuren Spiegelscheibe gegen den Park abgeschlossen war.

Man stand ein wenig in Gruppen herum und erwartete mit einiger Ungeduld das Erscheinen des Hausherrn.

Dibian, Harthausen und Schönbrecher wanderten gemessenen Schrittes längs der Spiegelscheibe auf und ab.

»Glauben Sie, daß er alles so annehmen wird, wie wir es vorschlagen?« fragte Harthausen nach einer Pause, die einem Vortrag über seinen letzten Roman gefolgt war.

»Warum sollte er denn nicht?« fragte Schönbrecher dawider. »Er hat uns doch alle Vollmacht gegeben.«

Dibian lachte: »Na also: er gibt's Geld her. Das bedeut't immer und allzeit: ich behalt's letzte Wort.«

Schönbrecher zupfte an seiner Krawatte und versuchte sein Bild in der Glaswand zu erhaschen: »Aber die Kunst hat ihre eigenen Gesetze. Und auch die Künstler haben ihre eigenen Gesetze. So soll es wenigstens überall sein. Und hier gibt sich zum erstenmal Gelegenheit, zu zeigen, wie unsere Leistungsfähigkeit gesteigert wird, wenn wir frei vom Zwang der Bestie Publikum – vollkommen frei, verstehen Sie mich ...« Er unterbrach sich mit einem feindseligen Blick auf Doktor Störner, der eben zu ihnen getreten war.

Doktor Störner gehörte nicht eigentlich zum Ausschuß der »Minerva«. Aber er bummelte gelegentlich so mit, aus Neugierde, um zu sehen, welche Entwicklung die ganze Angelegenheit nehmen würde. Und da man ihn fürchtete und sein Blatt für jene Berichte brauchte, die dem Publikum die ungemeine Bedeutung der Künstlerrepublik vor Augen rücken sollten, wagte man nicht, ihn zurückzuweisen.

»Sagen Sie einmal, verehrter Sophokles,« begann er, »haben Sie denn schon auch über die Liebe nachgedacht? Wie haben Sie denn die Liebe in Ihren sozialen Organismus hineinreglementiert?«

»Die freie Liebe«, wollte Harthausen dozierend anfangen.

Aber Schönbrecher fiel ihm geärgert ins Wort: »Sehen Sie denn nicht, daß uns der Herr Doktor Störner nur aufziehen will. Wie kann man denn so was reglementieren! Die freie Liebe, das ist ein Unsinn. Ein Unsinn, wie jedes Schlagwort. Schlagworte sind etwas für die großen Massen. Aber nichts für freie Geister. Es ist selbstverständlich, daß im Belang der Liebe alle Vorurteile abgeschafft werden ...«

»Hören S', Schönbrecher, da wird meine Frau schon dagegen sein«, sagte Dibian.

Schönbrecher zuckte geringschätzig die Achseln und wandte sich ab. Dieser Ochsenmaler war auch von einer Schwerfälligkeit, die ihresgleichen suchte. Die Frauen?

»Die Frauen werden sich immer jeder Genialisierung des Mannes widersetzen. Je höher wir uns erheben, desto erbärmlicher fühlen sie sich. Die Überwindung des Weibes! Ein Ziel aufs innigste zu wünschen! Aber es ist in der Praxis schwer durchführbar ...«

Störner war ein arger Heide, der nicht einmal vor Schönbrechers antikem Schönheitsideal Ehrfurcht hatte. Er lächelte ihn immer an, so oft er mit ihm sprach. Und lächelnd sagte er, indem er den Kopf auf die Schulter neigte: »Mein lieber Sophokles ...!«

»Sagen Sie zu mir doch nicht immer Sophokles!« fuhr Schönbrecher auf.

»Also, mein lieber Äschylos oder Euripides, wie Sie wünschen. Ich hatte eigentlich vor, das Problem von einer anderen Seite anzuschneiden. Nämlich, wie steht es mit dem Geld, das zur Liebe so im allgemeinen gehört?«

Dibian lachte und nickte Störner zu. Aber der fuhr ernsthaft fort: »Muß da jeder in die eigene Tasche greifen? ... oder kommt da der berühmte gemeinsame Fonds daran? ... oder wird Ihnen die Liebe sozusagen – in Naturalien geliefert werden?«

Schönbrecher pflanzte sich vor Störner auf, sah ihn mit überirdischer Hoheit von oben herab an und sagte: »Wir sind eine ›neue Gemeinschaft‹, verstehen Sie mich. Unsere Ethik muß sich erst bilden. Nach eigenen Gesetzen, wie ich bereits gesagt habe.«

»Aber Sie haben eine radikale Gruppe unter sich. Die sozialistischen Dichter und Künstler werden verlangen, daß es nach ihren Grundsätzen geht. Sie werden die Honorare, die Sie verdienen, für die Allgemeinheit in Anspruch nehmen.«

Da fiel aber Harthausen ein. Eine solche Aussicht konnte ihn außer sich bringen. »Das ist selbstverständlich ausgeschlossen«, eiferte er.

Störner schüttelte den Kopf: »Ich fürchte, meine Herren, der Leim für Ihre ›neue Gemeinschaft‹ ist ein wässeriger Klebestoff.«

»Wenn's ausanandergeht«, sagte Dibian, »ich mach mir nix draus. Meine Ochsen kann ich immer anbringen. Ich mach ja kane antiken Dramen.«

Bezug trat in diesem Augenblick in die Halle, und sogleich verstummte das Summen. Man begrüßte den edlen Spender mit schweigenden Verbeugungen. Mit ein paar raschen Schritten kam Bezug bis in die Mitte des Raumes und dankte mit Kopfnicken nach allen Seiten.

»Was hat er denn?« flüsterte Dibian Harthausen zu, »schaun S', was er für a G'sicht macht.«

Bezugs Ernst war auffallend. Seine Stirn schien von schweren Sorgen gefurcht, und um den Mund lag ein unbestimmter Zug, etwas wie Teilnahme oder wie Angst. »Entschuldigen Sie, meine Herren, daß ich Sie heute vormittags nicht empfangen konnte. Sie werden mich entschuldigen, wenn Sie hören ... Ich habe Sie also gebeten, mit Ihren Vorschlägen zu kommen ...«

Die Pause, die Bezug eintreten ließ, hielt Harthausen, der sich zum Sprecher aufgeworfen hatte, für eine Aufforderung zu beginnen. Er verbeugte sich also und zog mit einiger Anstrengung ein Kuvert aus der Tasche.

»Wir haben uns erlaubt, Herr Baron, hier alles aufzuzeichnen, was wir sozusagen als Basis unserer – Ihrer Gründung ansehen ... angesehen wünschen ... bitten! Einem Unternehmen, dem Ihr Name auf die Stirne geschrieben werden soll, konnten wir nichts Kleinliches, nichts Bedeutungsloses zumuten. Deshalb haben wir uns immer vor Augen gehalten, daß es wohl Ihrer Großmut entsprechen dürfte, wenn wir den gewaltigsten Maßstab an alles legen, wenn wir es im größten Stil entwerfen. In diesem Sinn haben wir –«

Da streckte Bezug die Hand gegen den Sprecher aus, daß dieser erschreckt verstummte. Und nun bedeckte Bezug die Augen mit der anderen Hand und stand lange so, bis er an dem Flüstern der Gäste merkte, daß man den Eindruck seiner Gebärde voll erfaßt habe. »Ja, meine Herren,« sagte er endlich, »ich danke Ihnen für Ihre Mühe. Ich danke Ihnen recht sehr, daß Sie meinen Intentionen so vollkommen gefolgt sind. Ich hätte wirklich gewünscht, meinen Plan im größten Stile durchgeführt zu sehen. Kein sehnlicherer Wunsch, als der Kunstgeschichte aller Zukunft meinen Namen zu lehren. Aber ... ich muß Ihnen sagen ... ich muß Ihnen sagen, aus diesem schönen Plan kann nichts werden.«

Er schwieg wieder, wie vom Schmerz überwältigt. Die Abgesandten schauten einander an, bestürzt, fassungslos, sie sahen ein scheinbar fest begründetes Gebäude wanken und stürzen. »Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe?« murmelte Störner. »Wenn Zeus auf seinem Throne wackelt ...!«

»Aber ... Herr Baron ...« begann Harthausen noch einmal mit unsicherem Einsatz, »es liegt uns selbstverständlich fern, in Ihre ... Motive eindringen zu wollen. Das können wir nicht. Und wollen wir nicht. Wir hoffen nur, daß nicht irgendein Unglücksfall in Ihrer Familie, Sie so ... ja, wir hatten ein stattliches Haus gebaut. Tausende der Besten haben ihre Blicke auf diese neue Gemeinschaft gerichtet, welcher Segen für die Zukunft ...«

»Ja ... die Zukunft,« fiel ihm Bezug ins Wort, »sehen Sie, eben die Zukunft! Gerade das ist es. Wir haben keine Zukunft mehr.«

»Keine Zukunft? Wir hätten ...«

»Es ist schwer zu begreifen, nicht wahr? Aber Sie können mir es glauben, wir nicht, ich nicht. Die ganze Menschheit treibt dem Abgrund des Nichts zu. Sie haben den Entwicklungsgedanken hochgehalten, meine Herren, Sie haben von Übermenschen der fernen Zeiten geträumt. Unsere Entwicklung ist zu Ende. Ein paar Wochen noch, dann ... Sie sind Männer, meine Herren, Sie werden wie Männer zu tragen wissen, was ich Ihnen sagen muß. Es sind keine kleinlichen Bedenken ... aber wozu an die Gründung einer Künstlerstadt gehen, wenn dieser ganze Ball, auf dem wir stehen, in kurzer Zeit verödet sein wird, alles Leben ausgelöscht, alle Herrlichkeit und Größe der Menschheit dahin ...«

Da trat ein Lächeln auf Harthausens Gesicht. Und er versuchte Bezug verständnisvoll anzusehen: »Herr Baron, Sie sprechen wie ein Prophet. Sie wollen uns den Weltuntergang verkünden. Und die Propheten, das wissen wir ja ... sie haben immer die Läuterung ihres Geschlechtes gewollt. Sie wollen uns ... es ist ein Scherz.«

Aber Bezugs Gesicht veränderte sich nicht, der drückende Ernst wich nicht von ihm: »Ich wollte jetzt lachen können und Ihnen sagen: ja, meine Herren, ich habe Sie auf die Probe gestellt, ich wollte sehen, wie Sie eine Nachricht aufnehmen, die geeignet ist, den Tapfersten zu erschüttern, den Ruhigsten aus seinem Gleichgewicht zu bringen ... ich bin stolz darauf, sagen zu können, daß ich unter den Künstlern, die ich um mich versammelt habe, lauter Helden finde. Sie müssen sich aber nun auch mit dem Gedanken vertraut machen: es ist so, wie ich es Ihnen sage. Es ist uns und unserer alten Erde eine kurze Frist gegeben. Bis zum Juli etwa – dann – kommt die Vernichtung.«

Etwas minder zuversichtlich als vorhin fuhr sich Harthausen über die Stirn. Und Schönbrecher nahm an seiner Stelle das Wort, indem er den Kopf senkte, daß die tadellose Scheitellinie bis zum Wirbel sichtbar wurde. Dabei spielte seine rechte Hand mit der aus der Westentasche herabhängenden kurzen Uhrkette, an der einige Kameen bammelten. »Nun,« sagte er, »Herr Baron, wir werden unser Haus bestellen und unsere Arbeit beenden. Aber man soll nicht sagen, daß wir Künstler aus Angst vor dem Untergang irgend etwas beschleunigt hätten, das sich nicht beschleunigen läßt.«

»Also«, setzte Störner, gegen Schönbrecher gewandt, hinzu: »... Motto: in Schönheit sterben.«

Bezug sah von einem zum andern: »Sie scheinen es mir noch immer nicht zu glauben, meine Herren! Ich wiederhole Ihnen, es ist so, wie es ich Ihnen sage. Auf meiner Sternwarte hat Professor Zugmeyer einen aus seiner Bahn geratenen kleinen Planeten entdeckt. Und der kommt geradenwegs auf unsere alte Erde zu. Das wird einen schönen Krach geben ... Ich muß mich vor Ihnen legitimieren, wie es scheint ...«

Bezugs Ernst war jetzt so zwingend und wuchtig, daß sich niemand mehr zu lächeln getraute. Es kam eine seltsame Bewegung in die Versammlung, ein Schwanken und Zittern, und als jetzt mit einemmal das Aufspringen des elektrischen Lichts die Dämmerung beendete, wagten sie es kaum, einander anzusehen. Indessen hatte Bezug einen Brief hervorgezogen und hielt ihn Dibian hin, der von seinen Hintermännern ganz in die Nähe Bezugs geschoben worden war.

»Bitte,« sagte Bezug, »lesen Sie. Sie werden sehen, daß, ich nicht scherze. Lesen Sie nur ...«

Die andern drängten heran, von einem unwiderstehlichen Zwang überwältigt. Dibian entnahm den Briefbogen dem Kuvert und entfaltete ihn mit seinen dicken klobigen Fingern. Seine Lippen bewegten sich.

»Teixel, Teixel,« sagte er nach einer Weile, »Sapperment. Die G'schicht is schiefg'wickelt!«

»Also, was steht denn drin?«

»So geben Sie doch her!«

»Lesen Sie vor!«

»Regen Sie uns nicht auf!«

Sie riefen und schrien durcheinander, fielen über Dibian her und rissen ihm den Brief aus der Hand. Aber es konnte keiner dazu kommen, ihn zu lesen, denn er wanderte von einem zum andern, bis er an Störner gelangte. Der befreite sich mit einem Satz aus dem Getümmel und wich, den Brief in der hochgehaltenen Hand, bis zur Glaswand zurück. Dort hielt er mit ausgestrecktem Arm die Nachdrängenden zurück. »Einen Augenblick,« rief er, »sogleich ... Sie werden es sogleich alle hören. Der Brief ist von Professor Zugmeyer ...: ›Ich beschwöre Sie nochmals, die Nachricht von der Vernichtung unserer Erde nicht laut werden zu lassen. Das furchtbarste Entsetzen müßte die Folge sein ... schweigen Sie darüber, bewahren Sie die schreckliche Entdeckung bei sich ... wenn andere Astronomen den Terror entdecken, werden sie gewiß ebenso schweigen, wie ich wünschte, geschwiegen zu haben – auch Ihnen gegenüber‹ – und Sie haben doch nicht geschwiegen,« unterbrach sich Störner, »Sie haben nicht geschwiegen, Herr Bezug.«

Bezugs Gesicht lag fahl, seine Salzseeaugen glommen: »Zugmeyer ist ein Gelehrter. Ein Büchermensch. Er kennt die Unendlichkeit der Himmelsräume und die Entfernungen der Gestirne voneinander. Die Größe des Himmels hat ihn verhindert, seine Aufmerksamkeit einer noch erhabeneren Größe zuzuwenden, der Größe der menschlichen Seele. Und der Mensch, meine Herren, der Mensch war seit jeher der Gegenstand meines Studiums. Ich kenne seine Schwächen und seine Kräfte und habe eine unbegrenzte Ehrfurcht vor der Schönheit und der Stärke seiner Seele. Ich vertraue auf sie. Und sehen Sie, meine Herren, kann es ein erhabeneres Schauspiel geben, als wenn diese ganze Menschheit in ihrer vollen Kraft, auf der Höhe des Könnens, wissend und doch gefaßt und heldenkühn dem Tod entgegengeht? Die ganze Menschheit, so gefaßt und kühn, wie ich Sie vor mir sehe. Es wird niemand übrigbleiben, um dieses Schauspiel zu besingen oder im Bild festzuhalten und es der Nachwelt zu überliefern. Aber das wird nichts von seiner Schönheit nehmen. Es wird ein würdiges Gegenstück sein zu unserem Emportauchen aus der Nacht der Tierheit. – Gehen Sie jetzt, meine Herren, Sie werden das Bedürfnis haben, sich auf sich selbst zurückzuziehen. Und auch ich ... ich möchte allein sein!«

Mit scharfem Blick beobachtete Bezug, wie sich die Männer, die er als Helden gepriesen hatte, ansahen, wie sie sich mit ängstlichen und scheuen Augen abtasteten, wie sie sich ratlos durcheinander schoben. Langsam zogen sie sich zurück.

Dibian, der neben Störner ging, murmelte: »Schad is, 's Ochsenmalen war mir noch lang nicht z'wider.«

Und Störner legte die Hand auf seinen Arm: »Dieser Bezug ... er ist wahnsinnig. Man sollte ihn über den Haufen schießen ...«

Als alle gegangen waren, zögernd, als erwarteten sie doch noch ein Wort der Erklärung, ein Lachen, das sie zurückrief, ging Bezug mit raschen Schritten einige Male die ganze Länge der Halle ab. Dann wandte er sich zu Hainx, der aus einem Nebenraum getreten war: »Na ... also ... Hainx, was sagen Sie dazu?«

»Es ist ... es ist ...«

»Ich konnte nichts Besseres tun, um den Schrecken recht rasch und grimmig unter die Menschheit zu jagen, als indem ich es diesen sagte ... da werden sie reden und schreiben und reden und schreiben ... bis sie einander vor Angst zerfleischen.«


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