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Ein Vermißter kehrt zurück. Looping the Loop

Während der Abwesenheit Bezugs hatte Frau Agathe einige Male hohen Besuch gehabt. Seine bischöfliche Gnaden, Doktor Franz Salesius Graf von Pöschau war vorgefahren und hatte sich nach ihrem Befinden erkundigt. Hocherfreut durch diese Aufmerksamkeit fühlte sich Frau Agathe jedesmal auch in ihrem körperlichen Befinden etwas gebessert und zweifelte nicht, daß diese günstigen Wirkungen dem Einfluß der Gnadenmittel zuzuschreiben seien, deren Verwaltung dem Bischof zustand. Nach dem dritten Besuch, bei dem sie den Grafen nicht mehr auf dem Divan liegend, sondern sitzend empfangen konnte, sprach sie, als er sich verabschiedete, von der Besserung des Befindens, die sie ihm verdankte.

Mit weltmännischem Lächeln hörte sie der Bischof an, und noch einmal in den Salon, den er schon verlassen wollte, zurückkehrend, fragte er: »Es war also nichts mit den toten Fröschen?«

Errötend gestand Frau Agathe, daß sie schon seit mehr als zwei Wochen diese Kur, die ihr keinerlei Erleichterung brachte, aufgegeben habe. »Tote Frösche,« sagte sie ... »ich begreife nicht, wie ich an solchen Unsinn glauben konnte.«

»Ich bin der Ansicht, daß man jedermann selbst gestatten soll, seine Überzeugung zu finden. Und nun habe ich das Vergnügen, meine Ansicht in Ihrem Fall wieder bestätigt zu sehen. Was nützt es, den Menschen überreden zu wollen oder ihn zu etwas zu zwingen. Er wird unwillig folgen oder nur halb überzeugt sein. Und die heilsamsten Mächte sind immer die geistigen Mächte, vor allem der Komplex von Gefühlen, den wir Religion benennen. Aber wenn die Religion heilsam sein soll, dürfen wir niemand zum Glauben zwingen.«

»Die geistigen Mächte ... gewiß! Sie, bischöfliche Gnaden, strahlen eine solche Macht aus.«

»Ich weiß,« fuhr der Bischof fort, ohne zunächst auf diese Hervorhebung seiner Persönlichkeit einzugehen, »ich weiß, daß dem Glauben auch der Afterglaube oder Aberglaube nahe verwandt ist. Aber man muß das wohl unterscheiden. Sie kennen mich, gnädige Frau, und wissen, daß ich kein Fanatiker bin. Meine Vergangenheit spricht dagegen. Aber denken Sie einmal an das Shakespearewort von den Dingen zwischen Himmel und Erde. Oft heftet sich der Glaube an ein Gnadenbild. Denken Sie, der Glaube von Tausenden, von Hunderttausenden ... alles auf ein Bild geheftet, das nur die Darstellung eines erlösenden Gedankens, einer heilsamen, geistigen Nacht ist. Ist es nicht, als ob diese Wünsche und frommen Gefühle von Hunderttausenden in diesem Bild aufgespeichert würden, etwa wie elektrische Kräfte in einer Leydener Flasche aufgespeichert werden können? Es ist so. In einem solchen Bild, auf das jahrhundertelang unzählige Menschen ihre Hoffnungen gerichtet haben, dem sie ihr Innerstes erschlossen haben, sind geheime Kräfte, denen wir keinen Namen wissen. Wir ahnen sie, und aus ihren Wirkungen erwächst uns die Gewißheit ihrer Gegenwart.«

»Sie sprechen von dem wundertätigen Bild in Schönau?«

»Ich denke an dieses Bild. Ich freue mich, Ihnen sagen zu können, daß es uns gelungen ist, Vergünstigungen zu erhalten, und daß sein Ruf in die Welt hinaus zu dringen beginnt. Polydor Schleimkugel, Sie erinnern sich des dicken Gastes beim Verlobungsfest Ihrer Tochter ... er hat sich Verdienste erworben. Und nun werden alle Leidenden und Beladenen die heilige Stätte aufsuchen.«

»Ich will ... ich darf es auch versuchen, ob ich der Gnade würdig bin?«

»Der Weg zum Heil ist allen Menschen offen. Aber Sie müssen das Bild an seiner Stätte besuchen. In Rußland, wissen Sie, kommt es vor, daß man die Gnadenbilder in die Häuser der Reichen bringt, um die vornehmen Leute nicht zu bemühen. Aber das ist nicht das Richtige. Wir dürfen nicht verlangen, daß das Heilige zu uns kommt. Wir müssen es selbst aufsuchen.«

»Sobald ich nur bei besserer Gesundheit bin ...«

»Gewiß; warten Sie so lange, bis Sie sich stark genug fühlen, um nach Schönau zu kommen. Sie sollen mit aller Aufmerksamkeit empfangen werden ...«

»Und inzwischen bringen Sie mir einen Abglanz des himmlischen Lichtes ...«

»Gerne ... so oft Sie es gestatten.« Und nach einem langen Blick in die erhellten Augen Agathes und einem Handkuß ging der Bischof fort.

Aber der Besserung in Agathes Befinden sollte ein jäher Rückfall folgen. Das Telegramm, das ihr den Tod ihres Sohnes meldete, traf sie im Gespräch mit Hecht. Der Bräutigam Elisabeths hatte sich neuerdings mit wildem Eifer in die Arbeit gestürzt, vom frühen Morgen bis zum späten Abend auf den Baugründen beschäftigt, wo Tausende von Arbeitern mit den Vorbereitungen zu einem allen unbekannten Werk bemüht waren, nahm er sich täglich kaum eine Stunde Zeit, um auszuruhen. Dann aber kam es vor, daß er sich tagelang wieder nicht im Bau sehen ließ und auch in seiner Wohnung nicht aufzufinden war. Die Geschäfte der Milliardengesellschaft kamen ins Stocken, die Arbeit verzögerte sich und ruhte endlich ganz, denn es war niemand da, der ihr Ziel und Wege gewiesen hätte. In dieser Zeit rannte Hecht in den Wäldern umher, kehrte in Dorfwirtshäusern ein, wo er sich mit Bauern und Tagelöhnern betrank. Wenn dieses Toben, in dem Tag und Nacht keine Abwechslung brachten, seine Kräfte erschöpft hatte, schlief er einen Tag lang im Wald hinter einer Hecke, auf dem Heuboden eines Bauernhofes, in dem schmutzigen Bett eines Dorfwirtshauses. Dann kehrte er wieder zur Arbeit zurück, mit erneutem Eifer und einer Hast, alles nachzuholen, was er versäumt hatte. Ab und zu kam er auch zu Frau Agathe, um sich nach Elisabeth zu erkundigen. Das war die einzige längere Unterbrechung, die er sich in den Tagen seines Eifers vergönnte. Er hatte sich eine Art des Benehmens gegen seine künftige Schwiegermutter zurechtgelegt, die von Respekt sehr weit entfernt war. Mit der Frage nach Nachrichten von Elisabeth betrat er ihr Boudoir, saß gleichgültig und gelangweilt, wenn sie von ihrem Zustand erzählte, und lenkte das Gespräch sogleich auf das einzige Thema, das ihn aufmerken machte, wo sich irgend Gelegenheit zu solcher Ableitung fand.

Als Frau Agathe das Telegramm erhielt, fuhr er auf und, von seinem Sitz halb erhoben, sah er gespannt zu ihr hinüber. Er sah, wie sie das Telegramm öffnete, entfaltete und dann mit einem Schrei zurückfiel. Das Blatt lag neben dem Diwan auf dem Boden und teilte nun auch Hecht, als er es aufhob, die Unglücksnachricht mit.

»Hm!« sagte er, »tot! Ertrunken ... da ist nichts zu machen ...«

Frau Agathe lag eine Weile ganz lautlos, so daß Hecht schon mit kalt prüfendem Blick an sie herantrat. Aber jetzt brach erst das Jammern los. Zuerst in ganz unzusammenhängenden Silben, dann in Kaskaden von Worten. Hecht stand neben der jammernden Frau und betrachtete sie, ohne einen Versuch zu machen, sie zu trösten.

»Ich begreife Sie nicht,« sagte er endlich, »warum schreien Sie so? Ob der unglückliche junge Mensch unten im Wasser liegt oder in Ihrem Haus eingesperrt gehalten wird, das kann doch Ihnen ganz gleich bleiben. Sie haben ihn doch seit Jahren kaum gesehen.«

»Mein Sohn, mein armer Sohn«, schluchzte Frau Agathe ...

»Was wollen Sie? Ihr Sohn ...? Gewiß ... Ihr Sohn ... gut. Was weiter? Was hat Sie mit ihm verbunden ...«

»Mutterliebe ... Sie begreifen nicht, was alles in dem Wort Mutterliebe liegt ...«

»Reden Sie nicht solchen Unsinn,« sagte Hecht brutal, »als ob ich nicht selbst eine Mutter gehabt hätte. Sie ist gestorben, und gerade ihr Ende habe ich nicht so mit Liebe umgeben können, wie sie es verdient hätte. Weil ich inzwischen ... Mutterliebe? ich weiß, was das bedeutet. Aber Sie? waren Sie diesem Unglücklichen eine Mutter?«

»Ich ...« Agathe fuhr empört auf, »ich? Ich soll ihm keine Mutter gewesen sein?«

»Nein! Sie haben ihn geboren, das war alles. Aber mehr haben Sie nicht getan. Nicht mehr!«

»Meine Angst, meine Sorgen um ihn ... mein Entsetzen ...«

»Schweigen Sie doch. Spielen Sie keine Komödie! Was wollen Sie mir vormachen? Gegraut hat es Sie vor ihm. Ihr seid seltsame Leute in diesem Haus. Ich vermute fast, daß irgendein gräßliches Geheimnis in diesen Dingen ist.«

Mit einem Schrei sprang Agathe auf, sah Hecht entsetzt an, mit Augen, die wie durch eine plötzlich hervorbrechende Erinnerung belebt waren, durch eine Vorstellung, die lange mühsam und mit allerlei Künsten in Tiefen zurückgehalten wurde. »Was wollen Sie sagen?« rief sie mit vorgestreckten, abwehrenden Händen.

»Ich weiß nichts und ich will nichts wissen. Ich habe genug an dem, was ich erfahren mußte und zu wissen gezwungen bin. Aber Sie ... Sie sind mir ein Rätsel. Was für eine Art von Frau sind Sie? Sie haben einen fürchterlichen Schmerz in Ihrem Leben und geben sich an kleine Schmerzen hin. Die Erschütterung, die Sie einmal hingeworfen haben muß, hat sich in lächerlichste Empfindlichkeiten umgewandelt. Andere Menschen werden durch solche Ereignisse tiefer und ernster, Sie sind ein verzogenes Kind geworden. Sie sind würdig, Elisabeths Mutter zu sein, und ich zweifle nicht einen Augenblick daran, daß Bezug ihr Vater ist.«

»Gehen Sie,« rief Agathe wankend, »Sie bringen mich um ... gehen Sie!«

Hecht aber stand auf und sah sie an; es war einen Augenblick, als ob er hintreten und sie stützen wollte, aber schon die erste kleine Bewegung ließ Frau Agathe erbeben, und schreiend schlug sie die Hände vor das Gesicht. »Gehen Sie ... haben Sie Erbarmen, gehen Sie! Ich kann Sie nicht mehr sehen ...«

Nach einem Augenblick des Zögerns wandte sich Hecht und ging. Wie seltsam verworren war die Welt und waren die Schicksale der Menschen? Und wie anmaßend von ihm, richtend über einem andern Menschen stehen zu wollen, da sein eigenes Leben nicht minder verwirrt und seltsam war? Kopfschüttelnd und wie in Nebeln ging er wieder an seine Arbeit.

Als Bezug mit Hainx heimkehrte und seine Frau aufsuchte, fand er sie fiebernd im Bett und den Bischof als Tröster bei ihr. Auch Hecht war da und saß mit verdrießlicher Miene auf einem Stuhl. Bei Bezugs Eintritt erhob sich der Bischof und kam ihm entgegen. Der Weltmann war vollkommen hinter dem Priester verschwunden. »Der Ratschluß Gottes«, sagte er ernst, »wir sollen mit Gott nicht hadern, sondern in seinen Willen ergeben sein.«

Bezug sah ihn an. Es war ein tiefer, glimmender Haß in seinem Blick. »Euer Gott«, sagte er, »hat mit dieser Sache nichts zu tun. Da waren andere Kräfte am Werk ... Ein Mensch, der ... aber ich will ihn zermalmen ...« Er erhob eine drohende, geballte Faust, daß der Bischof erschauernd zurücktrat. In ihre Kissen vergraben, wollte Agathe keinen Bericht über Arnolds Tod anhören. Als Bezug trotz ihres Sträubens fortfuhr, in abgebrochenen Worten, hastig, gehetzt, von jener fürchterlichen Nacht zu erzählen, schrie sie plötzlich gellend auf und sah ihren Gatten mit ungeheucheltem Entsetzen an.

»Schonen Sie sie doch«, sagte der Bischof mit einem kaum verhaltenen Vorwurf. Da Bezug angenommen hatte, daß bei Agathes Zustand wieder mehr als die Hälfte ihrem überwuchernden Mitleid mit sich selbst entsprungen sei, hatte er geglaubt, keine besondere Rücksicht auf sie nehmen zu müssen. Nun sah er, daß es wirklich ärger um sie stand als sonst.

»Lassen Sie nur,« fuhr der Bischof fort, »ich habe allen Grund anzunehmen, daß ich als geistlicher Berater am wenigsten Schmerz bereiten werde.«

Als Hecht nach Hause kam, schritt er unzählige Male durch die Dämmerung seines Arbeitszimmers, wo die Lampen über dem Schreibtisch heute vergebens warteten, entzündet zu werden. Wie rätselhaft waren die Menschen, die ihn umgaben? Aber war er nicht noch rätselhafter als sie? Er wußte, daß ihn Elisabeth betrog, und duldete es, trotzdem er sich in Qualen wand, nur durch die eine Hoffnung aufrechterhalten, daß auch er sich einmal von seiner Leidenschaft erlöst sehen werde. Noch immer war das furchtbare Wort in seinem Ohr, das ihm Hainx zugeflüstert hatte, als sich der Zug mit Elisabeth und Adalbert in Bewegung setzte. Der erste Trieb war: aufspringen, hinstürzen, sich von den Rädern zermalmen lassen. Aber etwas riß ihn zurück: vielleicht ist es auch dir vergönnt. Auch ... es war ein wahnsinniger Gedanke, aber er rettete ihn. In dem Wirrwarr, der durch Arnolds Tod entstanden war, hatte er nur Hainx nach Elisabeth zu fragen gewagt. Hainx wußte nichts von ihr, aber er hatte Hecht ein Versprechen gegeben, das diesen mit einer unklaren, aber bessernden Hoffnung erfüllte. »Wenn Sie morgen kommen,« hatte er ihm zugeflüstert, »so werde ich Ihnen etwas sagen, das Sie freuen wird.«

Am nächsten Tag kam Hecht nach beendeter Arbeit in Bezugs Palast. Er hatte sich diese Verzögerung selbst auferlegt, wie man den Eintritt eines freudigen Ereignisses hinausschiebt, um den Genuß der Vorfreude zu verlängern.

Er fand Hainx an der Arbeit, mit Hilfe zweier Untersekretäre die während Bezugs Abwesenheit eingelaufenen Schriftstücke zu ordnen und zur Erledigung vorzubereiten. Als Hecht eintrat, stand Hainx auf und nahm ihn hinaus, indem er ihn vertraulich unter dem Arm faßte.

»Nun, was ist es?« fragte Hecht, jetzt nicht mehr imstande, seine Ungeduld zu beherrschen.

»Ich denke, es wird Ihnen eine willkommene Nachricht sein.«

»Was denn? was denn?«

»Adalbert Semilasso ist tot.«

Ob der Zustand, in den Hecht versank, einige Minuten oder bloß einen Augenblick andauerte, wußte er sich später niemals klar zu machen. Es wirbelte ihn herum, Sonnen gingen mit explosiver Gewalt auf und unter, und grelle Lichtstreifen durchfurchten eine tiefe Finsternis. »Tot?« fragte er endlich, indem er Hainx an der Schulter faßte.

»Er ist tot.«

»Woher – woher wissen Sie es?«

»Ich habe es selbst gesehen ...«

»Was gesehen?«

»Daß er ertrank ...«

»Ertrunken ... Sie haben es gesehen?« Der Zweifel, der Hecht jetzt plötzlich aufgestiegen war, wich vor dem kalten und zuversichtlichen Lächeln des andern. »Und sie ... weiß sie es?«

»Ich glaube nicht, daß sie es weiß. Es wird Ihr Triumph sein, ihr die Nachricht mitzuteilen.«

»Soll ich es sagen ...?«

»Wagen Sie es nicht?«

Ohne eine Antwort zu geben, ließ Hecht Hainx stehen und lief die Treppen hinab. Durch einige Zimmer und über einige Korridore getrieben, fand er sich plötzlich in der großen Halle und – stand Elisabeth gegenüber, die durch die andere Tür eingetreten war. Sie war im Reisekleid, und in dem blassen Gesicht herrschte die Ähnlichkeit mit dem Vater über alles, was ihrem Wesen besonders eigentümlich war. Ohne ihren Verlobten zu beachten, trat sie auf Bezug zu, der vor den hellen Bogenausschnitten der Gartenterrasse stand. »Guten Abend, Vater«, sagte sie.

Langsam wandte sich Bezug um: »Guten Abend, Elisabeth; bist du schon zurück«; er sprach schwer und mühsam, und irgend etwas in seinem Tonfall erinnerte an die Sprechweise Arnolds.

»Ich bin zurückgekommen. Ja ... denn ...«

»Nun ... und ...«

Fast zärtlich näherte sich Elisabeth dem Vater. Es schien ihr, als sei es eine Bestechung des Schicksals, sich in diesem Augenblick weicheren Regungen zu überlassen. Als müsse sie dafür belohnt werden, indem für sie selbst eine günstige Wendung eintrat. »Ich habe es in den Zeitungen gelesen ... es ist furchtbar. Und du warst dabei und konntest ihm nicht helfen.«

»Vor meinen Augen, Elisabeth, vor meinen Augen. Barry war früher dort als sie ... aber was konnte Barry helfen ...«, er hatte ihre Hand erfaßt. Hecht erstaunte, er sah Elisabeth in einem anderen Licht. Was war mit ihr geschehen? Und er lauerte hier, um ihr seine Nachricht zu überbringen, triumphierend, indem er einen Leichnam als Brücke zu ihr zu benützen hoffte. Er sah sich in voller Dunkelheit, schwarz, ein unholder Zwerg, und Elisabeth stand in aller Klarheit und dem göttlichen Glanze des Mitleids. Etwas ganz Neues rührte ihn an.

»Vater!« sagte Elisabeth, »ich denke, darin ist ein Trost ... er wäre ja nie gesund geworden. Was willst du? Er hätte sein elendes Leben weiter geschleppt; wenn er zum Menschen geworden wäre, immer in der fürchterlichen Angst, wieder in seine Tierheit zu verfallen. Ist es nicht besser so ...?«

»Er ist ermordet worden, Elisabeth.«

»Ermordet?«

»Ja ... ein Rat, den ich befolgt habe, hat ihn ermordet. Er wird lachen, der Schurke, daß sein Anschlag so gut gelungen ist. Dieser Biedermann und Menschenfreund ... dieser Schwindler und Betrüger ...«

In diesem Augenblick entflammten sich die sämtlichen Lampen des großen Kronleuchters mit einem Schlag, und die Dämmerung war in den Park gewichen. Jeder der drei Menschen standen im vollen Licht, und neben jedem lag ein plumper, schwerer Schatten auf dem Boden. Als ob die plötzliche Helligkeit für Elisabeth ein Anreiz gewesen wäre, eine Loslösung der ursprünglichen Ungeduld, von der sie getrieben wurde, fragte sie jetzt plötzlich unvermittelt: »Und Adalbert ... wo ist Adalbert Semilasso?«

Bezug antwortete nicht. Und Elisabeth wiederholte ihre Frage, nachdrücklich und unwillig, wie einer, der einem andern gefällig zugehört hat und nun für seine eigenen Interessen Aufmerksamkeit beansprucht: »Ist Adalbert Semilasso nicht hier?«

»Ich glaube ...«, sagte Bezug aufgerüttelt, »ich glaube, er ist doch bei dir. Weißt du es denn nicht ...?«

»Nein ... er hat ... er hat Antothrake vor mir verlassen. Er hat ... ich habe ihn vorausgeschickt. Ist er denn noch nicht hier?«

»Er ist noch nicht gekommen. Ich habe ihn noch nicht gesehen ...«

»Noch nicht gekommen? Wo ist er also ...?«

Auch in Hecht wich die Dämmerung der Rührung und Beschämung vor einer plötzlichen Helligkeit. Diese Verwandlung Elisabeths ... wie stumpf und dumm war er geworden, wo war die Schärfe seiner Beobachtung? Wie hatte er sich so täuschen lassen können? Was anderes hatte diese Veränderung bewirkt, diese Milde, Zärtlichkeit und menschliche Anteilnahme, die ihn schon hoffen ließ, als die Angst? Einzig die Angst um den Geliebten. Nun hob er entschlossen seine Waffe zum Schlag.

Elisabeth stand noch eine Weile stumm, nachsinnend bei ihrem Vater. Dann verließ sie ihn und ging schnellen Schrittes auf die Tür zu, neben der sie von Hecht erwartet wurde. »Guten Abend«, sagte er und trat ihr in den Weg.

»Sie sind's? Wie geht es Ihnen?« fragte sie, gleichgültig und ungeduldig zugleich, und begierig an ihm vorbeizukommen. Es war, als hätte sie niemals seine Briefe erhalten, in denen sich sein Stolz vor ihr demütigte, in denen ein Herz seine ganze zuckende Qual offenbarte.

»Ich glaube, Sie wissen wohl, wie es mit mir steht.« Er gab ihr den Weg frei, ging aber neben ihr. Plötzlich blieb sie stehen. »Was wollen Sie von mir? Lassen Sie mich. Ich will Ruhe haben.«

Es war in dem kleinen Raum, der das Musikzimmer vom Speisesaal trennte. Einige Büsten waren an den Wänden angebracht, sie verrieten sich durch einen verstreuten Schimmer. Hinter den Portieren des geöffneten Fensters rauschte der Park. Rasch erwog Hecht, ob er hier sagen sollte, was er zu sagen hatte. Es war zu dunkel, um den Eindruck seiner Nachricht voll genießen zu können. Aber in einem erleuchteten Raum hätte er vielleicht nicht den Mut gefunden, den er hier zu haben glaubte, wo er Elisabeths drohendes Gesicht nicht sah.

»Ich will Sie nicht belästigen,« sagte er, »ich habe Ihnen nur etwas mitzuteilen.«

»Morgen!«

»Es geht Sie selbst an. Sie haben sich vorhin nach Adalbert erkundigt.«

»Ja! Wissen Sie etwas von ihm?«

»Ja ... ich weiß etwas ...«

Nach einem Schweigen der Sammlung kam die Frage:

»Nun?«

»Er ist tot.«

Nur ein keuchendes Atmen in der Dunkelheit. Dann sagte Elisabeth: »Nehmen Sie sich in acht. Nehmen Sie sich in acht.«

»Es ist die Wahrheit. Er ist tot. Ich bin glücklich. Sie wissen es, daß ich glücklich bin. Und ich bin mißtrauisch gegen alles geworden, was mir Glück verspricht. Aber ich glaube es: er ist ertrunken.«

»Haben Sie es gesehen ...?«

»Ich habe es von einem, der es selbst gesehen hat.«

»Wer ist das?«

»Rudolf Hainx.«

»Hainx! Hainx!« Und nach einer Weile ein tonloses Murmeln: »Dann ist es wahr ... dann ist es wahr ...«

Auf das äußerste gespannt, lauschte Hecht in die Dunkelheit, versuchte sie mit den Augen zu durchdringen, immer erwartend, von einem plötzlichen Ausbruch vernichtet zu werden. Aber es geschah nichts. Er hörte Schritte, die sich entfernten, das Geräusch einer Tür und war allein, ohne sich seines Sieges freuen zu können und mehr als je in Ungewißheit über seine Zukunft.

Als Hainx noch am selben Abend erfahren hatte, daß Elisabeth zurückgekommen sei, nahm er die Arbeit mit auf sein Zimmer. Nachdem er die Tür doppelt verriegelt und den eisernen Laden vor die Fenster gelegt hatte, untersuchte er auf das genaueste alle Winkel seiner drei Räume, sah unter die Betten und hinter Kasten und Öfen. Erst dann nahm er die Arbeit wieder vor und saß bis lange nach Mitternacht dabei, etwas zerstreut und den größeren Teil seiner Aufmerksamkeit den langsam ersterbenden Geräuschen des Lebens auf den Gängen zuwendend. Beim Frühstück traf er Elisabeth. Er hatte nicht erwartet, sie zu sehen, denn er wußte es gewiß, daß Hecht keine Stunde gezögert hatte, Elisabeth die Nachricht von Adalberts Tod zu überbringen. Und ehe er ins Frühstückszimmer gegangen war, hatte er selbst auch Bezug aufgesucht und ihm berichtet, daß Adalberts Boot in jener Unglücksnacht von der Regina maris überrannt worden war. Fraglos hatte Bezug den Bericht angehört, nur mit einem Aufglimmen der Augen und dann, wie zustimmend: »Es ist gut ... es ist gut.« Vor der Tür des Frühstückszimmers hatte er Hainx dann noch einmal zurückgehalten: »Sagen Sie ... er ist ihr Bruder? ... haben Sie mir das nicht gesagt? Ihr Bruder?« Und auf Hainx' bejahende Antwort noch einmal: »Es ist gut ... es ist gut.«

Auch Hecht hatte sich zu diesem Frühstück eingefunden, nach einer schlaflosen Nacht von dem Verlangen angetrieben, Elisabeth zu sehen, die Wirkung seiner Nachricht zu beobachten, sich über das klar zu werden, was er nun zu erwarten hatte. Aber Elisabeth versah nach langer Zeit wieder an diesem Tisch die Pflichten der Hausfrau, als ob sich nichts in ihrem Leben geändert habe. Einmal glaubte Hainx die Berührung eines glühenden Stahles zu fühlen. Er sah Elisabeths Blick auf sich und wußte, daß sie entschlossen war, das Geschehene zu durchdringen. Trotzig bemühte er sich in dem leichtfertigen Ton fortzufahren, den er angeschlagen hatte, als wolle er zeigen, daß er keine Drohungen fürchte.

Als sich Elisabeth vom Tisch erhob und mit einem leichten Kopfnicken das Zimmer verlassen wollte, blieb sie plötzlich stehen und leicht schwankend, griff sie wie nach einer Stütze hinter sich. Ihr Blick war durch das Fenster in den Park gefallen, und sie sah einen Mann über den Kiesweg kommen und die Stufen zum großen Saal hinanschreiten. Trotz des gesenkten Kopfes und der veränderten Kleidung erkannte sie Adalbert Semilasso. Sie hielt an sich und wandte sich nur, ohne ein Wort zu sprechen, ins Zimmer zurück, indem sie von einem zum andern schaute. Verwundert erkannte Hainx eine Veränderung, die er sich nicht zu erklären vermochte. Er sah nur so viel, daß Elisabeth wieder über ihn emporstieg, daß sie ihn mit irgendeiner noch nicht sichtbar gewordenen Waffe niedergerungen hatte.

Im nächsten Augenblick war Adalbert Semilasso eingetreten.

Inmitten der Verwirrung stand Elisabeth strahlend, königlich. »Guten Morgen, Adalbert,« sagte sie, indem sie ihm die Hand reichte, »Sie kommen etwas spät.«

Er sah sie an. Ein müder Blick aus verschleierten Augen. Zögernd antwortete er: »Ich habe einen Umweg gemacht.«

»Ich habe davon gehört.« Es war zugleich ein Sieg der Liebe und des Hasses, ein durch tausend Kräfte verstärktes Spiel aller Gefühle; wie ein Brausen in unterirdischen Höhlen erfüllte es Elisabeth, und es war ihr, als werde ihr Inneres von gewaltigen, rhythmischen Stößen erschüttert. Sie hätte jetzt lachen mögen. Lachen und tanzen. Einen wilden, bacchantischen Tanz, nackt ... unter einem glühenden Licht. Ein unwiderstehlicher Drang hob ihre Hände zu einer verdrehten Geste der Verzückung.

Hainx war der erste, der sich zu fassen vermochte und ein Wort fand. Indem er Adalbert fest ansah und in einem kalten Blick seine Bereitwilligkeit zeigte, bis auf das äußerste zu kämpfen, fragte er mit offener Herausforderung: »Und was hat Sie auf Ihrem Weg aufgehalten?«

Aber Adalbert war, trotzdem er sich gedrückt und müde fühlte, nicht mehr gesonnen, vor Hainx zurückzuweichen. Mit kühler Ruhe entgegnete er: »Ein kleiner Unfall ... ohne weitere Bedeutung ... es war wirklich nicht mehr als ein Zeitverlust.«

»Sie werden wünschen, das Frühstück auf Ihrem Zimmer einzunehmen«, sagte Elisabeth.

»Wenn Sie so gut sein wollen, den Auftrag zu geben ...«

Als Elisabeth Adalbert folgte, blieb sie bei Hainx stehen und sagte leise: »Danken Sie dem Gott, an den Sie glauben, daß er nicht ertrunken ist.«

Aber Hainx vermochte schon wieder zu lächeln und sah ihr achselzuckend ins Gesicht.

Auf seinem Zimmer angelangt, schloß sich Adalbert sogleich ein und öffnete selbst dem Diener, der ihm das Frühstück brachte, erst nach mehrmaligem Klopfen und nachdem er die Versicherung erhalten hatte, daß niemand außer dem Diener vor der Tür sei. Vor einem Alleinsein mit Elisabeth erzitterte er. Was hatte er von ihr zu erwarten? Das Frühstück blieb unberührt auf dem Tische stehen, trotzdem ihn ein quälender Hunger zum Speisen rief. Aber eine ungeheure Trägheit machte ihm jede Ortsveränderung fast unmöglich. Mit aufgestützten Armen saß er an seinem Schreibtisch und vermochte nicht, sich zu rühren. Erst als ihm der Diener das Mittagsmahl brachte, in verdeckten, silbernen Schüsseln, mit aller Sorgfalt zubereitet wie Krankenkost, nahm er zwei Mahlzeiten auf einmal. Noch immer war Elisabeth nicht gekommen, aber er konnte sie jeden Augenblick erwarten, und als die Dämmerung einbrach, verließ er sein Zimmer, ging leise über die Hintertreppe in den Park und gelangte durch eine kleine Tür in der Parkmauer auf die Straße.

Die Gräfin, die in einem mit allem Überfluß ausgestatteten und mit Wohlgerüchen gebeizten Gemach vor einem winzigen Bibliothekschrank saß, fuhr auf, als die Kammerzofe Adalberts Karte überbrachte.

Das Mädchen wollte das elektrische Licht einschalten.

»Lassen Sie es nur, und führen Sie den Herrn herein ...« Sie ging zu ihrem koketten Schreibtisch und nahm irgendeinen Gegenstand auf, legte ihn wieder hin und stand noch so, mit halberhobenem Arm, als Adalbert eintrat.

Er sagte kein Wort, blieb mitten in dem Zimmer stehen und sah die Gräfin an. Sie ging auf ihn zu, nahm seine Hand und küßte sie.

»Was tust du?« fragte er.

»Es ist das erstemal, daß du zu mir kommst. Du ... zu mir? Was ist das? Du kommst zu mir ... verzeihe ... ich weiß nicht, was ich spreche ... liebst du mich?« Sie schluchzte.

Adalbert strich ihr über das Haar, wie er es früher getan hatte. Aber er ließ die Hand sinken, denn es schien ihm plötzlich, als habe er nicht mehr das Recht zu dieser väterlichen und beruhigenden Gebärde. »Es ist schwer zu dir zu gelangen. Du verbirgst dich so sonderbar. Ich bin in die Wohnung gegangen, die du mir angegeben hast. Aber man wollte nichts von dir wissen. Und erst als ich das Wort aussprach, das du mir einmal gesagt hast: Ist er ... da, schickte man mich an eine andere Stelle. Und erst dort erfuhr ich, nachdem ich noch einmal dein Losungswort gesagt hatte, deine wirkliche Wohnung. Wozu diese seltsamen Umwege?«

Sie bat gequält: »Frage nicht ... ich kann's dir doch nicht sagen.«

»Und dieses Haus ... es sieht genug armselig von außen aus ... aber du wohnst prächtig ...«

»Frage nicht ... frage nicht! Sag' mir lieber, warum du kommst.«

»Du bist meine Freundin. Ich habe es gefühlt und ... auch erkannt. Du hast mich vor Elisabeth gewarnt ...«

Wortlos zog die Gräfin Adalbert neben sich auf ein mit Kissen überdecktes Sofa.

»Was ist aus meinem Leben geworden? Tue ich noch, was ich will? Andere bestimmen über mich. Wo wird mein Schicksal bereitet? Ich bin schwach, ich muß mich anklagen. Zu dir komme ich, meine Freundin ... dir kann ich alles sagen. Ich habe niemanden, zu dem ich sprechen könnte ...«

»Und du kommst zu mir ... Lieber, Guter!«

»Ich muß sie verloren geben ... und ich hatte sie schon gewonnen. Es ist vorbei ... Nun ist es aus ... kann ich noch so vor sie treten? Sie hat mir vertraut, und wie kam es, daß ich sie betrügen mußte?«

»Wen? Von wem sprichst du?«

»Von ihr ... die ich liebe ...«

»Du liebst ... du liebst ... wen? wer ist es?« Die Gräfin war aufgestanden, sie ertrug die Dunkelheit nicht länger und rief das blasse Licht einer Ampel über dem Sofa zu Hilfe.

Adalbert war ihr gefolgt: »Es ist die Tochter des Türmers Palingenius. Ich liebe sie ... und bin trotzdem Elisabeth verfallen. Durch welche Macht; ich weiß es nicht. Es war eine unheilvolle Nacht, und wie viele wilde Nächte folgten dieser ersten!«

»Ich weiß es, sie hat eine furchtbare Macht.«

»Und nun habe ich Regina verloren. Kann ich so vor die Reine treten?«

Leise sagte die Gräfin: »Tue es ... tue es doch ... die große Liebe weiß zu verzeihen.«

Kopfschüttelnd saß Adalbert in einem Stuhl am Schreibtisch und nahm verloren einen der Briefe auf, die dort lagen.

»Laß das ... laß das liegen ...« sagte die Gräfin und nahm ihm den Brief aus der Hand, »du sollst das nicht berühren.«

»Und dabei ... dabei,« fuhr Adalbert fort, »dabei habe ich niemals aufhören können an Regina zu denken. Ich bin geflohen.«

»Geflohen ... Und es ist gelungen? Aber Elisabeth ...«

»Höre mich an. Es ist ein seltsames Abenteuer ... seltsam, und ich bin durch ein Wunder gerettet worden ...«

»Du warst in Gefahr?« erschauernd faßte die Gräfin wieder seine Hand.

»Gefahr? Es war nur eine andere Art von Gefahr als die, in der ich täglich verurteilt war unterzugehen. Das Meer ... siehst du, es schlug über mir zusammen, aber es trug mich wieder empor.«

»Wie war das? Wie geschah das? Erzähle doch.«

»Gut ... so war es. Eine Nacht brachte mir den Entschluß, zu fliehen. Ich kam von ihr. Seit Tagen hatte ich trotz ihrer Maske an ihr einen Argwohn bemerkt. Sie hatte entweder Briefe Reginas aufgefangen oder sonst auf irgendeine Weise von ihr erfahren. Ich dachte nach. Du kannst mir glauben, daß mir das Denken Mühe machte. Denn es war, als ob sich Elisabeth bemühte, sich meiner selbst zu berauben. Sie häufte ein Übermaß von Wollust um mich auf, zog mich hinein, betäubte mich, so daß ich deutlich fühlte, daß mich die Kraft des Widerstandes verlasse. Innerlich ausgehöhlt, war ich wie ein morscher Baum, der nur durch die Rinde noch aufrecht erhalten wird. Trotzdem ich ihren Plan durchschaute, war ich kaum imstande, ihm zu begegnen. Ich glaubte zu fühlen, daß sich etwas gegen Regina vorbereite, daß sich Netze um sie zusammenziehen, daß sie aus dem Hinterhalt bedroht werde. Jetzt war es höchste Zeit, einen Plan auszuführen, der schon lange in mir war. Jene Nacht kam, und ich war stark genug, mich vor Elisabeth nicht zu verraten. An den Sarkophag der Königin Omphale gelehnt, sah sie mir nach.«

»Ich glaube, auch sie liebt dich. Nach ihrer Art, wie ein Raubtier ...«

»Der alte Kastellan des Schlosses hatte mir viel Freundlichkeit erzeigt. Aber er hielt mich wie einen Gefangenen und bewachte meine Schritte. Um fliehen zu können, mußte ich die Schlüssel gewinnen, die die unterirdischen Gänge und Räume der Burg erschließen. Unheimliche Räume, sage ich dir, in denen grausame Gespenster zu lauern scheinen. Es traf sich günstig, daß ich in jener Nacht, als ich von Elisabeth kam, den Schließer unter einem Vorwand in ein entferntes Zimmer locken konnte. Wir treten ein, und der Alte läßt den Schlüsselbund außen an der Tür. Ich lenke seine Aufmerksamkeit ab ... er wendet mir den Rücken ... ich gebe ihm einen Stoß, daß er fällt ... Mit einem Sprung war ich draußen, drehte den Schlüssel um und zog den ganzen Bund ab. Der Alte begann zu schreien, aber ich durfte hoffen, daß ihn in diesem entlegenen Zimmer nicht so bald jemand hören werde. Tief unten im Felsen ist eine Höhle, in deren Wand ein Fenster ins Freie führt. Und draußen vor dem Felsen das Meer ... die Freiheit. Eine kleine Bucht schützte hinter einem vorgestreckten natürlichen Molo das kleine Segelboot der Insel. Mit Mühe kletterte ich nach unzähligen mißlungenen Versuchen den Felsen hinan und beim Fenster hinaus, ließ mich über die nasse, von der Brandung bespülten Wand außen hinabgleiten. Zweimal sind große Wellen über mich gegangen, denn es war eine bewegte See in jener Nacht.«

»Und du hast es doch gewagt?«

»Ich habe versucht, bei meinen Fahrten mit Elisabeth die Handgriffe der Fischer zu erlernen, und ich wußte, in welcher Richtung das Land liegt. Das war alles. Mich eindringlicher zu erkundigen, durfte ich nicht wagen. Elisabeth hätte wohl gleich Verdacht geschöpft. Trotz dieser mangelhaften Vorbereitungen hielt ich mich für genügend gerüstet, um es mit dem Meer aufzunehmen. Aber als ich mit meinem Boot aus der geschützteren Bucht hinaus kam, mußte ich erkennen, daß ich dem Meer nicht gewachsen war. Nach einer halben Stunde war ich fertig. Ich hatte die Herrschaft über mein Boot verloren. Der Mast wurde abgebrochen und ging mit dem Segel über Bord. Zum Glück, denn ich glaube, daß ich sonst mit meinem schon halb gefüllten Boot untergegangen wäre. Es war eine fürchterliche Nacht. Gegen Morgen, als ich alle Hoffnung aufgegeben hatte und schon ausgestreckt in dem Boote lag, riß mich etwas auf. Es trieb mich an, mich aufzurichten und hinauszusehen. Da sah ich ... ein Schiff kam auf mich zu. Sie hatten mich schon erblickt und schienen entschlossen, mich zu retten. Als das Schiff näher kam, erkannte ich Bezugs Regina maris. Das Schiff, das ihren Namen trägt. Es ist ein Zeichen, ein Zeichen, dachte ich und lachte und weinte über dieses Wunder. Aber es kam ein Augenblick, wie ich ihn ähnlich nicht zum zweitenmal in mein Leben wünsche. Ein jäher Wechsel aus Freude in Todesangst. Das Schiff ist da, aber es will mich nicht aufnehmen, sondern vernichten. Ich sehe eine steile Wand über mir, höre einen höhnischen Zuruf ... schreie auf ... aber in einem Wirbel werde ich hinuntergezogen ... Niemals ist mir Regina so klar und leuchtend vor Augen gestanden als in den Sekunden, die ich unter dem Kiel des Schiffes in der Gefahr des Ertrinkens verbracht habe ...«

»Immer sie ... immer wieder sie«, murmelte die Gräfin, als Adalbert jetzt ein wenig innehielt. »Und du glaubst, daß sie dich absichtlich überrannt haben?«

»Ich weiß es gewiß. Der Mann, den ich im Augenblick meines Unterganges zuletzt erblickt habe war Rudolf Hainx. Und niemals vergesse ich den Ausdruck seines Gesichtes, diese boshafte und grausame Freude ... Ich glaube, er haßt mich, weil er weiß, daß Elisabeth ...«

»Die Schurken! Kommst du endlich darauf. Er hat vor dir Elisabeth besessen ...«

»Ich habe gesiegt ... ich habe den Triumph gehabt, sein Erschrecken und dann seine maßlose Wut zu sehen, vielleicht war auch das mit dabei ... daß ich wieder zu Bezug kam. Denn wenn ich einfach verschwunden wäre, man hätte geglaubt, daß ich tot bin. Nicht? Man hätte mir nicht nachgeforscht ... man hatte ja meinen Untergang mit angesehen. Ich war tot ... und hätte irgendwo beginnen können zu leben. Von neuem ... und die Qual meiner Knechtschaft abschütteln ...«

»Und wie bist du gerettet worden?«

»Durch ein Wunder. Oder einen Zufall. Meinst du nicht, daß im Grunde Zufall und Wunder eines ist? Ich trieb bis gegen Mittag herum ... an ein paar Planken meines zertrümmerten Bootes geklammert, die Wellen warfen mich hin und her ... immer sanfter, denn die See beruhigte sich. Endlich nahmen mich Fischer auf. Sie haben mich in den nächsten Hafen gebracht, und ich fand sie voll Mitleid und tatkräftiger Hilfsbereitschaft gegen mich. Ich verschaffte mir sogleich Kleider und trat die Heimfahrt an ...«

Die Gräfin hatte den Arm um Adalberts Schultern geschlungen und näherte ihr bleiches, mit Puder leicht überhauchtes Gesicht dem seinen. Wange an Wange saßen sie da, und Adalbert ließ sich von ihrer Zärtlichkeit einhüllen, mit einem leisen, wunderlichen Gefühl glücklicher Geborgenheit, kindlich vertrauend, ohne jede Regung der Sinne trotz der Nähe dieses bebenden, verlangenden Leibes. Endlich sagte er aus einem tiefen Empfinden von Dankbarkeit: »Du bist so gut.«

Unter dem weißlichen Hauch des Puders erglomm eine sachte Röte. »Sag' das nicht. Ich bin nicht gut. Was weißt du von mir! ... Und was weiß ich von dir? Siehst du, ich verstehe dich nicht. Du warst frei. Tot für Bezug und seine niederträchtigen Helfer. Und du bist dennoch zu ihm zurückgekommen. Warum? Warum? Das begreife ich nicht ...«

»Das begreife ich selbst nicht ganz. Es war ein dunkler Zwang ...«

»Sie hat dich zurückgezogen ...« sagte die Gräfin mit kaum verhaltenem Zorn, »du bist von ihr vergiftet.«

»Vergiftet? Von Elisabeth? Du hast recht. Ich bin von ihr vergiftet, krank, unrein und darf mich Regina nicht mehr nähern. Aber das war es nicht. Sie hat mich nicht zurückgezogen ... nicht so, wie du es meinst. Ich weiß nicht ... ich weiß nicht ...«

Beruhigend nahm die Gräfin die Hände des Aufgeregten zwischen die ihren. Adalbert ließ es geschehen, erhob sich dann und ging im Zimmer auf und ab. »Ich mußte hierher zurückkommen ... ich mußte ... denn sonst wäre meine Flucht ja sinnlos gewesen. Deshalb bin ich doch geflohen, um endlich zu erfahren, wie es Regina geht. Ob ihr nichts zugestoßen ist. Meine Angst mußte vor allem zum Schweigen gebracht werden.«

»Nun, und? Was ist es mit Regina? Wie geht es ihr?«

»Es war mein erster Weg, als ich ankam. Zu ihr durfte ich nicht. Der Freundschaft, die mir Eleagabal Kuperus, der Freund ihres Vaters, entgegenbringt, hatte ich mich unwürdig gemacht. Auf Umwegen mußte ich mir Nachrichten holen. Das alte Weib, das im Dom für das Seelenheil der verstorbenen Kerzen anzündet, weiß, was bei Palingenius geschieht. Ich habe sie aufgesucht und befragt. Palingenius ist wieder ein wenig krank gewesen, aber Regina ist gesund ... es ist ihr nichts geschehen.«

»Sie wird mit dem kranken Vater viel zu tun gehabt haben.«

»Es mag sein, viel zu tun. Aber trotzdem ... das Rätsel ihres Schweigens bleibt. Sie hätte mit einer Zeile meinen dringenden Briefen antworten können. Sie hätte antworten müssen.«

»Du konntest aber nun ruhig sein. Abwarten, bis du dich ihr von neuem nähern kannst. Warum bist du aber zu Bezug zurückgekehrt? Du sagst es selbst, daß du dich hättest befreien können.«

Mit dem Rücken gegen das Zimmer gewendet, stand Adalbert am Fenster und sah in die Nacht hinaus. Es war draußen nichts zu sehen, vollkommene Finsternis lag in dem kleinen, an drei Seiten von hohen, fensterlosen Mauern umgebenen Hof. »Es ist seltsam,« sagte er zögernd, »ich mußte hierher zurück, das war der Sinn meiner Flucht. Aber je näher ich Bezug kam, desto mehr kam der Bann über mich, der mich an ihn fesselt. Ich habe erfahren, daß Regina nichts geschehen ist. Und dann ging ich, als müsse es so sein, zu ihm zurück. Nach einem Kampf. Aber jener war stärker als ich. Noch etwas war da. Ich sagte es schon. Der Wunsch, hinzutreten und Hainx zu zeigen, daß sein Anschlag mißlungen ist. Ein Triumph ... ein Sieg nach so vielen Niederlagen. Und doch ... wieder ein Sieg, den ich nicht mir verdanke. Sondern dem Zufall ...«

Schmeichelnd legte die Gräfin ihren Arm auf den seinen und führte Adalbert langsam zum Sofa hin. »Und nun?« fragte sie, indem sie ihn neben sich niederzog. »Was wirst du tun?«

»Ich weiß es nicht.«

»Geh zu ihr, Adalbert ... geh zu ihr und sag ihr alles ...«

»Nein, nein ... nein! Das kann ich nicht ...«

»Warum willst du es nicht tun? Die große Liebe verzeiht alles. Alles. Weißt du denn, was die große Liebe einer Frau zu überwinden vermag? Jeder Frau, selbst der armseligsten und verachtetsten. Geh zu ihr.«

Aber Adalbert schüttelte den Kopf. Da waren Hindernisse und keine Möglichkeit, über sie hinweg zu gelangen. Mit immer härteren Vorwürfen gegen sich wiederholte er, was er gesagt hatte.

»Höre,« sagte die Gräfin, nachdem sie eine Weile schweigend gesessen hatte, »ich will dir etwas sagen. Ich gehe hin und bereite dir den Weg zu ihr. Ich werde mit ihr sprechen.« Sie zitterte am ganzen Körper.

»Du?« Er sah auf und blickte ihr in die Augen, erstaunt, wie einer, der durch ein nicht im Bereich seiner Gedanken gelegenes Neues überrascht wird. »Du?«

»Ich will es für dich tun.«

»Nein ...« sagte er nach einem kurzen Besinnen, »nein ... du nicht. Du sollst nicht zu ihr gehen.«

Abgewandt saß die Gräfin neben ihm, und der unter ihrem Spitzenkleid vorgestreckte Fuß zuckte. Die Hand, die seine Rechte umfaßt hielt, glitt herab. »Ich verstehe ...« sagte sie, »ich verstehe. Ich bin nicht rein.«

Er sah, wie weh er ihr getan hatte, und mitleidig legte er ihr die Hand auf das Haar, wie früher, ohne sie wieder zurückzuziehen, begütigend, liebreich und voll Schmerz über die seltsame Verwirrung ihrer Schicksale. Ein leises Klopfen an der Tür wiederholte sich jetzt, und die Kammerzofe der Gräfin trat ein. Die Gräfin blickte auf und sah das Mädchen an der Tür stehen. Erschrocken erhob sie sich. »Du mußt jetzt gehen,« sagte sie hastig, »geh! Nur eine Warnung sollst du nicht vergessen. Gib acht, daß sie nicht dein Geheimnis erfährt. Sie ist zu allem fähig. Sie ist gefährlich und kennt keine Bedenken.« Und dann, als sich Adalbert zum Gehen wandte, fragte sie voll schmerzlicher Sehnsucht: »Wirst du wiederkommen?«

»Verzeihe mir!«

Die Gräfin lächelte mit zuckendem Mund: »Komm immer, wenn es dich treibt. Ich will dich anhören, wenn du mir vertraust. Und ich danke dir.«

Von dem Mädchen wurde Adalbert auf einem andern Weg hinausgeleitet. Wieder durch ein Gewirr von dunkeln Räumen und Gängen, über einen Hof und eine zuerst ansteigende, dann wieder abwärts führende Treppe. Er fühlte sich von einer warmen und belebenden Empfindung durchstrahlt, einem leuchtenden Wogen, dem er eine Ahnung von Glück und wiederkehrender Kraft verdankte. Es schmerzte ihn, die Gräfin verletzt zu haben, aber er gab sich zu, daß er ein ähnliches Anerbieten wieder zurückweisen würde, wenn sie es wiederholen sollte. Nach einem langen Irrgang durch abgelegene Straßen kam er auf den Domberg. Dem Haus des Eleagabal Kuperus gegenüber in den Schatten eines Haustores gedrückt, sah er die ungeheure Masse des Domes in die Nacht streben. In der Wohnung des Türmers brannte ein Licht, in so unerreichbarer Ferne, so hoch über ihm, daß es ihm wie ein Traum war, es könnte dieses Licht jemals auch für ihn gebrannt haben. Es schien ihm, als sei der menschenleere Platz vor dem Dom von einer unsäglich traurigen Melodie erfüllt, einer eintönigen, klagenden Weise, als hätte sich die verhaltene Trauer des Steines in Töne aufgelöst, die in weiten, wallenden Gewändern gleich Gespenstern über dem Platz schwebten. Aber trotz der Schauer, die ihm aus dem verschlossenen Tor des Domes zu kommen schienen, wollte sich jenes beglückende Gefühl der Hoffnung nicht verdrängen lassen, das er der Gräfin verdankte. Ein Wort war in ihm geblieben; ihr Wort von der großen Liebe, die alles überwindet und verzeiht. Dieses Wort stand über seinem Sträuben, und ein Glanz ging von ihm aus, den Adalbert selbst dann zu fühlen glaubte, wenn er die Augen schloß. Wie gerne hätte er Eleagabal Kuperus aufgesucht, um sich ihm anzuvertrauen, und zaghaft stand er schon an der geschnitzten Tür, wo die Dämonen und Tiergestalten im ungewissen Licht der Laterne zu wimmeln schienen. Aber zuletzt wandte er sich doch ab und ging langsam nach Haus, noch immer durch jenes starke Gefühl beglückt, in dem er auch eine Waffe gegen Elisabeth zu haben glaubte.

Der Kampf, auf den er sich gefaßt gemacht hatte, fand nicht statt. Keine Vorwürfe, keine Drohungen, keine peinlichen Fragen. Ja, es war sogar, als vermeide es Elisabeth, mit Adalbert irgendwo zusammenzutreffen. Zuerst zitterte Adalbert vor dem Befehl, der ihn zu ihr rufen würde. Dann sehnte er diesen Ruf herbei, denn es war noch unheimlicher, sich mit Elisabeth noch gar nicht ausgesprochen zu haben. Hinter ihrem Schweigen vermutete er eine Gefahr.

Aber Elisabeth dachte nicht daran, ihm irgend Fallen zu stellen oder ihn zu belauern. Sie war in ihrem Besitz unsicher geworden und strebte danach, wieder zu gewinnen, was sie schon verlorenen gegeben hatte. Was für eine Art von Mann war Adalbert? Er hatte sie genossen und vermochte ihr zu entsagen. Um irgendeines andern Weibes willen, das war sicher, und Hainx hatte damals die Wahrheit gesagt. Wer diese andere war, das blieb eine Frage, die ihr auf der Seele brannte. Aber sie versagte es sich vorläufig, die Antwort zu suchen, ließ alle Hilfsmittel, die ihr zur Verfügung standen, unbenützt und wandte sich ausschließlich dem einen Ziele zu, Adalbert wiederzugewinnen. Sie unterdrückte ihren Zorn gegen die Unbekannte und ihre Neugierde, sie kennenzulernen, denn sie befürchtete, daß sie dann, einem leidenschaftlichen Haß unterliegend, verderben würde, was jetzt noch zu retten war. Und es kam ihr darauf an, Adalbert für sich zu retten. Darum umgab sie ihn mit aller Zärtlichkeit, ohne zudringlich zu werden, mit kleinen Aufmerksamkeiten, die Adalbert nur in Bestürzung versetzten, weil er nicht wußte, wie er sie zu deuten und zu Elisabeths Wesen anpassen sollte. Aber Elisabeth verstand sich selbst nicht, sie hatte sich verloren und war verwandelt, sie warb um Adalbert, wie sie sich in Stunden ohnmächtiger Wut selbst eingestand.

So blieb Adalbert in den folgenden Tagen sich selbst überlassen und konnte seine einsamen labyrinthischen Spaziergänge fortsetzen, deren Mittelpunkt und Ziel der Dom war, in dem er sich täglich einfand, um von der alten Swoboda gegen eine milde Spende für das Seelenheil der Verstorbenen Nachrichten über Heinrich Palingenius und seine Tochter einzutauschen.

Bezug widmete sich in diesen Tagen vollkommen der Arbeit, spannte alle Schrauben und Federn seiner ungeheuren Maschine an, überzeugte sich selbst, daß jeder auf seinem Platze war, und betrieb die Geschäfte der Milliardengesellschaft mit doppeltem Eifer. Hainx sah, daß er mehr als je entschlossen sei, seinen Plan durchzuführen.

»Es war zuerst,« sagte Hainx zu Hecht, »als ob er zusammenklappen müßte. Ich habe ihn niemals so gesehen. Das hat ihn furchtbar mitgenommen. Aber jetzt ... jetzt hat er sich wieder aufgerafft. Seine Kraft wächst von Tag zu Tag ...«

»Sie fürchten ihn alle. Mehr als je. Es ist, als ob er ein Automat geworden sei. Nichts Menschliches mehr. Nur Eisen, Triebräder, Kugelgelenke, größte Präzision! Und er zwingt sie alle, alle.«

Zwei Wochen später brachte Bezug das Gespräch auf Hainx' Nachricht vom Tod Adalberts. »Sagen Sie«, fragte er plötzlich am Schluß einer langwierigen und mühsamen Aufstellung einer Statistik über die letzten Bodenerwerbungen der Gesellschaft; »sagen Sie ... Bianca war ja damals auf dem Schiff ... hat sie etwas davon gesehen, wie Adalberts Boot überrannt wurde?«

»Sie hat es gesehen.«

»Gut. Und jetzt erzählen Sie mir, was sie von dem Verhältnis dieses Mädchens zu Adalbert wissen. Ihre Kindheit ... alles ...«

Bis spät nach Mitternacht hatte Hainx zu berichten, was ihm inzwischen durch die Eideshelfer an Einzelheiten zugetragen worden war.

Das war in der Nacht vor Bianca Semonskis Auftreten im Looping the Loop. Die junge Seiltänzerin hatte seit ihrem ersten Erscheinen das Publikum der ganzen Stadt zum Freund. Ihrer rührenden Schönheit, der befangenen Grazie, mit der sie sich in dem ungeheuren Amphitheater des Zirkus vorstellte, war es im Augenblick gelungen, sich die Gunst aller zu gewinnen. Und diese Gunst war dauernder, als sie das Publikum sonst Akrobatinnen zu gewähren pflegt. Während sonst das Interesse an ihren Kolleginnen sich rasch verflüchtigte, bewahrte man ihr immer gleiche Freundschaft, begrüßte sie mit lautem Beifall, wenn sie die Manege betrat, und rief sie nach Beendigung ihrer Nummer unzählige Male hervor. Es schien sogar, daß man sie immer lieber gewann, je länger ihr Engagement dauerte. Der stete Wechsel, der sonst das Personal eines großen Zirkus verändert, berührte sie nicht, und Kutschenreuter, dem tüchtigen Leiter des großen Unternehmens, wurde es so leicht, Bezugs Wünsche zu erfüllen. Zuerst hatten die Lebemänner der Stadt, die hier eine frische anziehende Beute sahen, alles versucht, um sich ihr zu nähern. Aber Bianca behandelte sie alle mit gleicher Freundlichkeit, nahm ihre Besuche in der Garderobe entgegen, wies auch kleine Geschenke nicht zurück, stand aber stets hinter einer gläsernen Wand. Endlich sickerte irgendwie das Gerücht durch, daß Bianca in »festen Händen« sei. Bezug wurde genannt. Der Name allein scheuchte die Zaghafteren zurück. Vor Bezug mußte man weichen, er war ein Gegner, gegen den es keinen Kampf gab. »Also ... vorläufig ... Feuer einstellen,« sagte der Statthaltereirat von Pensinger, »aber die Hoffnung brauchen wir nicht aufzugeben, vielleicht spricht einmal ihr Herz ... und wenn dann die Enttäuschung kommt ... es könnte sein.« Der Statthaltereirat von Pensinger sprach die Meinung der meisten aus. Sie hatten Erfahrung auf diesem Gebiete und zweifelten daran, daß es Bezug sei, für den ihr Herz gesprochen habe. Seltsam war es immerhin, daß auch, als die größten Optimisten ihre Hoffnungen begraben mußten, die Aufmerksamkeit für Bianca unvermindert anhielt. Es stellte sich heraus, daß man dieses Weib, das unter Bezugs sorgsamen Sicherheitsmaßregeln wie eine Gefangene lebte, mit einer Art von Liebe umgab. Man wußte nichts von ihr, und die Geheimnisse, die man selbst um sie erdichtete, ließen sie noch anziehender erscheinen. Der Selbstmord eines jungen Studenten im ersten Jahr Medizin, der sich erschossen hatte, weil er keine Möglichkeit sah, Bianca zu gewinnen, war die Belastungsprobe der Zuneigung des Publikums. Während sonst der Schatten solcher Ereignisse immer auf die Frau fällt, um die einer aus dem Leben gegangen ist, besonders dicht und schwer dann, wenn die Frau bloß Akrobatin ist, blieb Bianca im hellsten Licht stehen. Was konnte sie dafür? Sie hatte den dummen Menschen keineswegs ermutigt, war es also ihre Schuld, wenn er sich ganz besonders zu Herzen genommen hatte, was doch gemeinsames Schicksal aller war? An den Abenden nach dem Selbstmord des jungen Mannes war der Beifall noch lauter und stürmischer als sonst, als wollte man Bianca zeigen, daß sie unantastbar in der Verehrung des Publikums stand.

Das stete, warme Interesse der Stadt für Biancas Kunst stieg zu einer ganz besonderen Höhe, als sich die Nachricht verbreitete, daß sie dem Publikum das halsbrecherische Experiment des Looping the Loop vorzuführen beabsichtigte. Man stutzte und verwunderte sich nicht wenig. Bisher hatte Bianca weniger das Element des Gefahrvollen als die Reize der graziösen Bewegung bevorzugt. Die Art, mit der sie ihre Kunststücke auf dem Seil durchführte, war unnachahmlich. Spielend überwältigte sie alle Schwierigkeiten und ließ ihren Zuschauern, die beim Anblick des unter dem Seil gespannten Netzes vollkommen beruhigt waren, nichts als die angenehme Empfindung der leichten und mühelosen Beherrschung eines fremden Gebietes. So fiel es nun allen Verständigen auf, daß sich Bianca plötzlich mit einer neuen Nummer zeigen wollte, die nur durch ihre Gefährlichkeit aufregend wirkte. Mit einem Automobil in rasendster Geschwindigkeit durch eine doppelte Schleife zu fahren, in deren zweitem Teil eine Strecke mit dem Kopf nach unten zurückzulegen, dann mit dem schweren Wagen über eine Unterbrechung der Bahn hinwegzuspringen, das schien etwas gewaltsam und Biancas eigentlichstem Wesen fremd.

»Ich verstehe das nicht,« sagte der Statthaltereirat von Pensinger am Abend der Vorstellung zu seinem steten Begleiter, dem Rennstallbesitzer Tintler ... »ich will sofort selbst auf dem Seil tanzen, wenn ich das verstehe.«

»Ein sonderbarer Einfall. Ich hätte ihn der Semonski nicht zugetraut.«

»Jetzt bin ich schon bald fünfundzwanzig Jahre beim Sirius,« sagte der Statthaltereirat mit nicht geringem Stolz, »aber so etwas ist mir noch nicht vorgekommen.«

Doktor Störner befand sich auch unter den Freunden Biancas, die sie erwarteten. Trotz einer glücklichen Ehe konnte er es sich nicht versagen, bisweilen Streifzüge in fremdes Gebiet zu unternehmen, nur um das Gefühl der Freiheit nicht einzubüßen, das ihm unentbehrlich war. Seine kluge Frau, die von diesen Ausflügen wußte, schwieg dazu und hörte nicht auf, ihn zu lieben.

Er hatte bisher aufmerksam zugehört, wie die Schulreiterin ihrem immer etwas aufgeregten Pferd freundlich zuredete, und wandte sich jetzt um: »Es ist gerade so, wie wenn sich eine muntere Liebhaberin plötzlich entschlossen hätte, als Heldin aufzutreten.«

Obzwar der Statthaltereirat den Kritiker des Morgenblattes nicht leiden konnte, hielt er es doch stets für angezeigt, zu seinen Bemerkungen verbindlich zu lächeln. »Gewiß,« beeilte er sich zu sagen, »gewiß!«

»Also einer wird sicher nicht unzufrieden sein, der Direktor Kutschenreuter ...« sagte Tintler.

»Hallo, Direktor,« rief Störner Kutschenreuter an, der eben aus den Ställen in das Künstlerzimmer trat, »man fragt hier, ob Sie zufrieden sind.«

»Ein großartiges Haus ... schauen Sie nur einmal selbst. Ausverkauft!« Mit der linken Hand den Vorhang ein wenig zurückschlagend, lud der Direktor mit einer Bewegung der Rechten die Auserwählten ein, näher zu treten.

Draußen war das ungeheure Rund des Amphitheaters bis zu den höchsten Reihen besetzt. In der Mitte der Manege baute sich das Gerüst für Biancas Fahrt bis dicht unter das Dach auf. Mit ungemeiner Befriedigung erklärte der Direktor die sinnreiche Konstruktion des eisernen Baues und betonte mit einem kleinen Seufzer, daß er ein schweres Stück Geld gekostet habe. Hinter ihm drängten sich die Neugierigen, um zu sehen, wo der Teil der Schleife war, in dem das Automobil, durch die fürchterliche Geschwindigkeit hinausgeschleudert, die Schwerkraft der Erde zu überwinden hatte.

»Man sollte es nicht glauben,« sagte der Statthaltereirat, »daß ein solches Gewicht sich auch nur einen Augenblick in dieser Lage halten kann ...«

»Es hält sich eben nicht,« antwortete Störner, »Sie finden das in den Lehrbüchern der Physik unter dem Kapitel Zentrifugalkraft.«

»Gewiß, gewiß.«

»Und ... macht das die Semonski heut zum erstenmal?« fragte der junge Mühlrich, der sich von den Aufregungen und Genüssen des Zirkuslebens nicht lossagen konnte, obzwar man ihn vor einem halben Jahr als Verschwender unter Kuratel gestellt hatte. Er hatte sich nur, seinen verminderten Mitteln entsprechend, für billigere Verhältnisse entscheiden müssen und nahm nun die exotischen Damen auf sich. Zur Zeit bemühte er sich um Tamaru, eine der drei japanischen Geishas, in deren Liebe er zu vergessen suchte, daß er in dieser Welt nicht mehr für voll galt.

»Zum erstenmal?« sagte der Direktor ... »Nein ... das geht doch nicht. Sie hat es schon mindestens dreimal gemacht. Am schwersten ist es das erstemal gegangen.«

Doktor Schwartzkopf, der eben eingetreten war, begrüßte die Herren, reichte Tamaru und der Schulreiterin die Hand, nickte dem Clown und Rolf, dem Pyramidenmann zu und griff dann in das Gespräch ein: »Die Gefahr liegt nicht so sehr in dem Äußerlichen, in der Fahrt selbst, sondern in ihrer Wirkung auf den Organismus. Sie ahnen nicht, welchen fürchterlichen Druck der Körper bei dieser rasenden Geschwindigkeit auszuhalten hat.«

»Die Semonski war nach der ersten Fahrt wie tot. Es hat eine halbe Stunde gedauert, bis wir sie wieder zu sich gebracht haben.«

Der Arzt hatte seine Brille abgenommen und sah nun den Direktor mit seinen kurzsichtigen Augen an. Der kahle blanke Schädel glänzte wie eine Kappe aus Metall. »Hören Sie,« sagte er, »wenn es bloß Ihr Wunsch gewesen wäre, Direktor, so hätte ich es niemals zugegeben. Ich habe ihr abgeraten. Aber sie bestand darauf. Warum? Ich weiß es nicht ... aber sie ließ nicht ab. Was soll man da tun? Und ich weiß, daß sie jedesmal alle Qualen der Todesfurcht durchzumachen hat. Sie hat selbst eine entsetzliche Angst.«

»Lieber Doktor, das zweitemal und das drittemal ist es ja auch schon viel besser gegangen.«

»Ja, es war schon besser ... aber dennoch.« Kopfschüttelnd wandte sich der Arzt ab, um eine Frage der Schulreiterin zu beantworten.

Doktor Störner las das monumentale Plakat, auf dem in Kutschenreuters pomphaftem Stil angekündigt war, daß Bianca am Ende ihrer schwindelerregenden Todesfahrt einen Sprung durchs Leere machen würde. Er war sehr erregt und bemühte sich, nichts merken zu lassen. Er verspürte einen unangenehmen, kalten Schauer im Nacken, der sich verbreitete und in die Glieder zu sinken schien, daß sie erstarrten. Angst? Eher ein Gefühl des Unheimlichen, der äußersten Spannung, der Erwartung eines gräßlichen Geschehens. Fühlten denn die andern nicht das gleiche? Es lag doch fast greifbar in der Luft, ein Nebel, der sich zu verdichten schien, daß die Lampen trüber brannten und alle Bewegungen unwirklich und grotesk, alle Worte schal und bedeutungslos wurden. Warum waren gerade ihm die feineren und empfindlicheren Organe gegeben, daß er alle Waffen seiner Skepsis gebrauchen und seinen ganzen Zynismus aufbieten mußte, um nichts von seiner Besorgnis zu verraten? Gleich allen anderen, hatte auch er das seltsam warme Empfinden für Bianca, und es war ihm, als wäre es seine Pflicht gewesen, sie mit warnenden Worten zurückzuhalten.

Die Vorstellung hatte schon längst mit den üblichen Schulreiterparaden begonnen, und man war eben bei dem ersten komischen Intermezzo des amerikanischen Clowns mit seinen drei dressierten Elefanten. Direktor Kutschenreuter kam aus der Manege zurück. »Sie lachen heute nicht. Alles fällt ab. Sie sind zu sehr auf Bianca gespannt.« Die indische Schlangentänzerin näherte sich dem Direktor und legte ihm die Hand mahnend auf die Schulter. Sie hatte die nächste Nummer und war gewohnt, vorher eine halbe Flasche Kognak zu bekommen. Das mußte der Direktor selbst besorgen, denn sie hatte den Ehrgeiz, die Flasche von ihm zu erhalten.

Als er eben den Wandschrank öffnete, um der Tänzerin die Flasche zu überreichen, kam Bianca, von Bezug gefolgt, aus der Garderobe. Man wich ein wenig zurück, so daß sie plötzlich im Mittelpunkt eines Kreises stand, in dem neuen Kostüm, das ihr von dem aufmerksamen Direktor für dieses erste Auftreten geschenkt worden war. Einer Art Ballkleid aus blauer Seide, das Arme und Schultern frei ließ, und es wollte Doktor Störner scheinen, als seien die reinen Linien ihres Leibes in den letzten Wochen härter geworden. Doktor Schwartzkopf, dem Störner seine Beobachtung mitteilte, nahm seinen Zigarrenstummel mit gespitzten Fingern aus dem Mund und nickte, indem er mit besorgtem Blick nach Bianca hinsah. Im selben Moment wandte Bianca den Kopf und fing den Blick des Arztes auf. Störner sah, wie ihre Schultern erzitterten.

»Wenn Sie sich nicht ganz wohl fühlen,« sagte Doktor Schwartzkopf, indem er zu ihr hintrat, »so dürfen Sie nicht fahren.«

Bianca lächelte angestrengt: »Was fällt Ihnen ein? Wer sagt Ihnen denn, daß ich nicht ganz wohl bin?«

»Ich sehe es Ihnen doch an, daß Sie sich zusammennehmen müssen.«

»Lächerlich! Ich bin etwas aufgeregt ... selbstverständlich! Eine neue Nummer ...!«

Von Direktor Kutschenreuter mit unzähligen Verbeugungen begrüßt, ward Bezug vorgekommen und stand nun neben Bianca. »Beunruhigen Sie sich nicht, Doktor,« sagte er, »es ist alles in Ordnung. Bianca ist stärker als Sie glauben.« Zum erstenmal, seit Bianca an Kutschenreuters Zirkus engagiert war, betrat Bezug den Künstlerraum. Früher war er häufig genug hier zu finden gewesen, und Kutschenreuter hatte das Ausbleiben Bezugs als herbe Kränkung empfunden. Um so freudiger war er jetzt erregt, daß er den Gewaltigen wieder begrüßen durfte. Und wie es beim Eintritt eines Herrschers zu geschehen pflegt, hatten sich die Minderbedeutenden, die Kleinen und Unscheinbaren sogleich bescheiden zurückgezogen und standen nun in ehrfurchtsvoller Entfernung. Der Cercle um Bezug bestand aus dem Direktor, dem Statthaltereirat, Tintler, Störner und dem Doktor. Selbst Mühlrich ertrug die Nähe des Gewaltigen nicht. Seitdem man ihm durch die Verhängung der Kuratel die Verfügung über sein Geld entzogen hatte, empfand er einen gewaltigen Respekt vor allen Leuten, die mit Geld umzugehen verstanden. Schmachtend stand er neben Tamaru in einer Ecke und versuchte ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er verstand es, auf eine absonderliche Art zu schmachten, mit geschlossenen Augen, etwa wie ein Hahn, und er erweckte in solchen Momenten den Eindruck, als stünde er auf einem Misthaufen.

Unweit von ihm stand Rolf, der Pyramidenmann, mit einem der rotbefrackten Stallmeister und sah unverwandt nach Bianca hinüber.

»Sie hat ja Geld und alles,« sagte er, »aber ich glaube, früher war sie doch ganz anders.«

»Du warst mit ihr beisammen?«

»Ja, beim alten Biancini. Ein verrückter Kerl. Hunger hat's oft genug gegeben. Aber schön war's doch.«

»Ich weiß, Bezug hat sie dort gefunden und zu uns gebracht. Was ist aus dem Biancini geworden?«

Rolf kreuzte statt einer Antwort die Arme, so daß sich die Handgelenke berührten. Dann machte er die Gebärde des Schlüsselumdrehens: »Krr … krr!«

»Sitzt?«

»Ja ...!«

»Warum denn?«

»Na ... kleine Mäderln ... unter vierzehn Jahren.«

»So ...? Die alten Herren! Und dann war's aus mit euch, was?«

»Natürlich! Was sollten wir tun? Solang er da war, haben wir ihn ausgelacht. Dann haben wir gesehen, daß wir nichts sind ohne ihn. Da sind wir auseinandergegangen. Was die andern gemacht haben, weiß ich nicht. Ich hab' mich zum Glück an Nella erinnert, so hat sie damals geheißen.«

»Und die hat dich hier untergebracht?«

»Sie hat das beste Herz. Ich glaub', der Kerl dort ist nichts für sie.«

»Sei doch still ... der Bezug ...«

»Ach was, ich hab' sie gerne. Sie tut mir leid. Schau nur, wie sie heut wieder aussieht!«

Die elektrische Klingel über der schwarzen Tafel mit der Reihenfolge der Nummern zeigte an, daß Miß Elliot, die Schwimmkünstlerin, zu Ende war. Der Inspizient rief die indische Schlangentänzerin auf. »Sechste Nummer! Siebente Nummer vorbereiten.«

Die siebente Nummer war Biancas Looping the Loop. Die letzte Nummer der ersten Abteilung. Sie hatte gebeten, ihr Auftreten hier anzusetzen, denn es sei ihr schwer, bis zum Ende des Programms zu warten. Etwas schwankend erhob sich die Schlangentänzerin von dem Tischchen, an dem sie die Hälfte der Kognakflasche, jedes Gläschen mit einem kleinen raschen Ruck, geleert hatte. Ihre Augen glänzten, und indem sie dem Direktor eine Kußhand zuwarf, folgte sie der schwarzen, schweren Kiste, in der ihre Schlangen vorangetragen wurden.

Inzwischen war Biancas Automobil aus dem Nebenraum hereingebracht worden. Über und über mit Blumen geschmückt, waren seine ungefügen Formen anmutig und leicht geworden. Nur die Tafel, die anzeigte, daß die Maschine zweihundert Pferdekräfte hatte, schaute aus den Blumenketten hervor. Überrascht sah Bianca den reichen Schmuck, den ihre Freunde gespendet hatten, und blickte von einem zum andern. Sie las die Antwort auf ihre Frage in den Augen des Doktors. Gerührt trat sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand. »Ihr seid liebe Menschen.«

Der Doktor hob mit der linken Hand den schwarzen Schnurrbart und brummte halb abgewendet: »Lächerlich! was ist denn weiter? wenn Ihnen nur nichts passiert.«

Störner saß an dem kleinen Tisch, den die Schlangentänzerin eben verlassen hatte, und war dabei, die andere Hälfte des Kognaks zu vertilgen. Von der peinlichen Beklemmung, der schwebenden Ahnung einer Gefahr gequält, wollte er sich in eine zuversichtliche Stimmung retten. Irgendwie hing sein aufgewühltes Empfinden mit Bezug zusammen, das hatte er in dem Augenblick gewußt, als Bianca mit ihrem Herrn eingetreten war. Die Bewegungen des Maschinisten an dem Automobil, die geschäftigen Vorbereitungen hatten für ihn etwas Beschwörendes, Unheimliches, und auf irgendwelchen geheimen Gedankenbahnen kam er, vielleicht unter dem Einfluß des Kognaks, zu der Erkenntnis, daß es seine Aufgabe gewesen wäre, Bianca zu retten. Aber da hätte er vor allem selbst sein Leben anders gestalten müssen. Mit einiger Verwunderung stellte er bei sich fest, daß er ähnlichen Gedanken schon mehrmals bei sich begegnet war, seit er Biancas Tanz zwischen den sausenden Pendeln, damals bei Bezugs großem Fest, gesehen hatte. Noch immer suchte er, durch alle Irrungen hindurch, das Weib, das ihm bestimmt war, ein schwermütiger Idealist, der sich die Maske des zynischen Pessimismus vorgebunden hatte. War nicht sie es, Bianca, der sein unbewußtes Sehnen nachgehangen hatte ... seit jeher schon ... und jetzt? Er nahm sich vor, sich ihr, trotz Bezug und seiner Macht, zu nähern, wenn sie zurückkam. Wenn sie zurückkam ... es wurde ihm dabei wieder so schwer und ängstlich zumute ... und er suchte vergebens nach einem Rest seiner Kraft.

Der Inspizient steckte den Kopf durch den Vorhang. »Nummer sechs geht zu Ende.«

»Einsteigen, Bianca, es wird Zeit.«

Mit einem Blick auf Bezug stieg Bianca in das Automobil, setzte sich und ordnete die Schleppe ihres Kleides. Dann lehnte sie den Kopf zurück. »Nun?« fragte sie Bezug mit matten Lippen.

»Gleich ... ehe du losfährst«, antwortete er, und sie sah ein wildes Glimmen auf dem Grund seiner Salzseeaugen.

Als der Chauffeur sich daranmachte, Bianca mit dem breiten Ledergurt festzuschnallen, sprang Störner plötzlich auf und lief auf den Mann zu. »Nicht anschnallen, nicht anschnallen,« rief er, indem er die Hand des Chauffeurs packte, »nicht anschnallen.«

Erstaunt fragte Kutschenreuter: »Ja warum denn nicht?«

Störner machte den Eindruck eines Trunkenen: »Warum nicht? Warum nicht? Es ist furchtbar.«

»Reden Sie doch nicht; es ist eine Sicherung.«

Mit festem Griff faßte Doktor Schwartzkopf Störners Schulter: »Schweigen Sie ...« flüsterte er, »Sie machen sie nur ängstlich.«

Bianca sah von einem zum andern, und die bisher mühsam beherrschte Angst verzerrte nun ihr Gesicht. Während sich Störner abwandte, trat der Doktor auf Bianca zu: »Glückwünschen soll man euch Künstlern ja nicht«, sagte er und reichte ihr die Hand: »Na ... Servus!«

Die elektrische Klingel schrillte. Von schwachem Beifall gefolgt, kam die indische Schlangentänzerin aus der Manege, und als die Vorhänge auseinandergezogen wurden, hörte man ein aufgeregtes Murmeln, mit dem sich das Publikum auf die nun folgende Hauptnummer vorbereitete. Mit einem zornigen Blick auf Bianca ging die Tänzerin an dem geschmückten Automobil vorbei, auf den Tisch zu, auf dem sie die Kognakflasche stehengelassen hatte. Und als sie die Flasche leer fand, warf sie sie wütend zu Boden, daß das spitze Geklirr zerbrechenden Glases Bianca aus einer Art von Betäubung aufschreckte.

»Wo ist Bezug?« fragte sie und griff wie eine Erwachende um sich.

Sie bekam die Hand Rolfs, des Pyramidenmannes, zu fassen, der hinzugetreten war und nun, enge an sie gepreßt, ihr etwas zuflüsterte. Sie fühlte nur einen Schmerz in der von seinen eisernen Fingern umfaßten Hand, aber sie verstand nichts von dem, was er sagte. Mit gewaltsamer Anspannung des Willens mußte sie sich auf ihn einstellen. »Ob du es nicht vergessen hast,« sagte er zum dritten- oder viertenmal, »das Beste gegen Schwindel; den Daumen in die Herzgrube und dreimal ›Jehuboa‹. Hörst du? Es gibt nichts Besseres.«

Bianca nickte, aber ihre Augen suchten Bezug, der mit dem Doktor sprach und sich absichtlich zurückgezogen zu haben schien, um nicht früher als im letzten Augenblick jene Nachricht zu geben, an der ihr Leben hing.

»Fertig?« fragte der Inspizient, und der Chauffeur trat an das Ventil heran. »So legen Sie doch die Hände auf und machen Sie sich fertig«, sagte er. Bianca gehorchte, aber sie sah sich angstvoll nach Bezug um.

Langsam kam das Automobil heran. »Ist alles fertig?«

»Ja, es kann im Augenblick losgehen.«

Über Bezugs Gesicht zuckte das Lachen eines fürchterlichen Triumphes, als er sich jetzt zu Bianca hinüberneigte. Sie sah ihm entgegen, erstarrt, unfähig, noch ein Wort zu sprechen. »Nun ... dein Bruder? Nicht wahr, das möchtest du gerne wissen«, sagte er, so leise, daß nur sie es hören konnte.

Ein Nicken und ein flehender Blick ...

»Ich habe es dir versprochen ... jetzt, in diesem Augenblick ... aber es tut mir leid, daß meine Nachricht nicht besser ist ...«

Wieder eine kleine Pause, während der Biancas Hände langsam von der Steuerung herabsanken.

»Er ist nämlich tot.«

Alles um Bianca war in gleitender, drohender Bewegung, und sie spürte plötzlich, wie etwas in ihr spitz und unerträglich gegen die Rippen schlug.

»Ja, tot!« wiederholte Bezug. »Dein Bruder ist der junge Mann im Schloß von Antothrake, der Dichter, Adalbert Semilasso. Und er ist derselbe, der damals von der Regina maris in seinem Boot überrannt wurde. Er ist ertrunken.« Noch einen Moment lang sah Bezug in Biancas versteintes Gesicht, dann sprang er zurück und schrie: »Los!«

»Los«, wiederholte der Direktor und hob die Hand.

»Was ist denn? Hände auf«, brüllte der Chauffeur und riß den Hebel herum. Und als lebe Bianca nur mehr durch den Willen der Menschen, die da auf sie einschrien und sie zur rasenden Fahrt hinaushetzten, legte sie die Hände auf, faßte die Steuerung und den Regulator, und nun schoß das Automobil an den beiden Dienern vorbei, die den Vorhang zurückgerissen hatten, in die Manege.

In diesem Augenblick erhob sich rings auf allen Rängen des ungeheuren Amphitheaters ein tobender Beifall. Händeklatschen, Füßestrampfen, und hundertfach wiederholt, in einem Brausen von Begeisterung, Biancas Name. Das ganze Gebäude schien zu beben, als jetzt das Automobil rasch im Kreise längs der Wehr der Manege herumfuhr.

»Schau,« sagte der Bildhauer Hauser, der mit Adamowicz und Dibian gekommen war, um Biancas neue Nummer zu sehen, »sie ist gar nicht eitel. Sie dankt nicht einmal ... gar nicht eitel. Sie macht, als wenn sie nichts hören möcht'.«

Dibian, der die Arme auf die Lehne der vorderen Sitzreihe verschränkt und den Kopf darauf gelegt hatte, sah zurück: »Sie hat halt mit dem Automopperl Arbeit genug. Schaut's nur, wie sie daran herumreißt.«

»Es ist, als ob sie nicht ganz sicher wär'. Als ob sie nicht wüßte, was sie tun soll.«

»Lächerlich ... die Semonski? Die weiß was sie tut. Die wird euch die Nummer mit Glanz hinlegen.«

»Na, ich weiß,« sagte Adamowicz, »ich möcht' jetzt nicht dort unten drin sitzen.«

Biancas Automobil war indessen unten in immer wildere Fahrt geraten, und je rascher es die Manege umkreiste, desto schwerer wurde die Stille im ganzen steinernen Rund des Theaters. Nur das Schnaufen und Klappern des Motors ... die Menge schien ein einziger großer Körper ohne Atem und Bewegung. Zum zwanzigstenmal schoß Bianca an der unteren Mündung des Gerüstes vorbei, als sei die Schnelligkeit ihrer Fahrt noch immer nicht genügend gesteigert, aber nun ... nun änderte sich fast unmerklich die Richtung des Automobils, und mit fürchterlicher Wucht fuhr es in die unterste Windung des Gerüstes hinein, daß dieses bis zum obersten Teil erzitterte. Von dem Schwung emporgetrieben, durchsauste es die erste Schleife, raste in die zweite hinein, und es schien, als ob es sich durch die Geschwindigkeit in die Länge ziehe. In gleicher Höhe mit den oberen Rängen kam nun der erste Augenblick der Fahrt, der alle Zuschauer erstarren ließ. Es war kaum eine Sekunde, während der das Automobil mit Bianca umgekehrt durch die Schleife fegte. Aber in dieser Sekunde schienen alle Gesetze des Lebens vollkommen aufgehoben, das Entsetzen, wie es etwa während eines Erdbebens alles befällt, warf den Gleichmütigsten hin, und ein stummer Schrei schien durch die Menge zu gehen.

Jetzt war das Automobil hindurch, erreichte in etwas verlangsamter Fahrt die Höhe des Gerüstes, durchlief die oberste Windung und begann sogleich die Niederfahrt, durch die nun breiteren Spiralen seinen Schwung beschleunigend. Wieder in die Länge gezogen, näherte es sich der Unterbrechung seiner Bahn, sausend und keuchend, ein rasendes, tollgewordenes Ungetüm, das eigenes Leben hat.

Und jetzt hatte es den breiten Spalt erreicht ... schoß darüber hinaus ... der Sprung durchs Leere war gelungen ... es war geglückt ...

Da brach der Zwang entzwei, der die Menge gebannt hatte, der einzelne löste sein eigenes Empfinden vom Gemeingefühl der Angst und des Entsetzens, und brüllend brandete der Beifall unter der Kuppel des Amphitheaters. Man stieg auf die Sitze, und schrie und winkte in die Manege hinab, wo Bianca wieder in unverminderter Schnelligkeit im Kreise fuhr. Einige Frauen begannen zu weinen, auf den obersten Sitzreihen brüllte jemand immer wieder irgendein Wort, das man nicht verstand.

Schlaff nach hinten gelehnt, als sei sie von der Aufregung und Anstrengung vollkommen erschöpft, durchfuhr Bianca die Manege. Ihre Hände waren herabgesunken ...

»Ich glaube, sie ist ohnmächtig geworden«, sagte Hauser und ließ die Hand seines Nachbarn zur Linken, eines Unbekannten, los, eine Hand, die er wie im Krampf gefaßt hatte.

Dasselbe sagte Doktor Schwartzkopf zu Kutschenreuter, der darauf dem Chauffeur den Befehl gab, das Automobil zum Stehen zu bringen. In die Gruppe, die am Eingang zur Manege stand, war eine Unruhe gekommen. Wenn Bianca vorbeikam, rief man ihr zu, aber sie rührte sich nicht.

»So halten Sie den Teufelswagen schon auf«, schrie der Doktor dem Chauffeur zu.

»Gleich, Herr Doktor ... er geht schon langsamer.« Der Chauffeur war auf die Wehr der Manege geklettert, um in den Wagen zu springen, sobald es ohne Gefahr möglich war.

Über den Beifall des Publikums senkte sich wie ein Schleier eine Verlegenheit, die den Jubel der Zurufe, das Händeklatschen zu dämpfen schien. Irgendwo entstand ein Gemurmel, das erst zaghaft, dann immer lauter den Lärm der noch immer Ahnungslosen durchfurchte. Störner, der sich an einer der Falten des roten Vorhangs anhielt, sah nach den oberen Sitzreihen des Amphitheaters, als erwarte er von dort eine Antwort auf eine Frage, die er an keinen der Umstehenden zu richten wagte. Er hütete sich, auf den immer wieder vorbeisausenden Wagen hinzusehen, in dem Bianca mit hintenübergesenktem Kopf und schlaff herabgesunkenen Armen saß. Einen Moment war es ihm gewesen, als habe er in ein offenstehendes, starres Auge geblickt. Und man erwartete gerade von ihm eine Äußerung, ein Wort der Zuversicht, vielleicht des Spottes über eine lächerliche und übertreibende Besorgnis.

»So reden Sie doch,« sagte Tintler aufgeregt und fuchtelte mit seiner Reitpeitsche, »reden Sie doch. Warum reden Sie denn nicht?«

Endlich, als der Schwung des Automobils sich verminderte und die Anfangsgeschwindigkeit wieder erreicht war, machte der Chauffeur ein Zeichen nach rückwärts.

»Springt er schon?«

»Er wartet nur noch,« erklärte Kutschenreuter, »der Benzinvorrat ist genau abgemessen. Es wird gleich noch langsamer gehen.«

Im ganzen Amphitheater war es wieder still geworden. Selbst die Stumpfen und Unbekümmerten merkten, daß dort unten etwas vor sich ging, daß ein im Programm nicht vorgesehenes Ereignis eingetreten war.

Jetzt kam das Automobil langsamer um das Rund der Manege ... jetzt näherte es sich dem Eingang, und als es sich gerade unter dem Chauffeur befand, sprang dieser mit einer so schönen Gewandtheit auf den Platz neben Bianca, als habe er ein wohl vorbereitetes Kunststück auszuführen. Eine Sekunde später war der Wagen zum Stehen gebracht. Als erster war der Doktor Schwartzkopf heran, zwei Diener in roten Röcken mit silbernen Schnüren hoben Bianca aus den Blumen. Störner sah die Regungslose an sich vorübertragen, und wie in einem plötzlich einfallenden roten Licht sah er aus den Menschen, die hinten nachdrängten, einen herausgehoben, Bezug, dessen Gesicht von wilder Freude belebt war. Langsam folgte er den andern.

Im Künstlerraum lag Bianca auf dem Sofa, den Kopf auf dem Kissen, das ihr Tamaru untergeschoben hatte, die Beine mit einer goldgestickten Decke der Schlangentänzerin verhüllt, die über den Unfall der Kollegin ihren Zorn und ihre Eifersucht vergessen hatte. Mit bebenden Händen hatte Doktor Schwartzkopf die Spangen des Ballkleides zurückgeschoben und untersuchte den Körper der Verunglückten. Störner sah, wie er sich aufrichtete und umherschaute. Er hörte das schwere Wort ...

»Tot«, sagte der Doktor.

»Was denn? Um Gotteswillen!« Der Direktor war außer sich, er sah jenseits des Verlustes eine endlose Kette von Scherereien mit der Polizei.

»Ein Herzschlag.«

Draußen tobte ein fürchterlicher Tumult. »Brechen Sie die Pause ab,« schrie der Direktor dem Inspizienten zu: »nächste Nummer.«

»Sie wollen nichts sehen. Sie wollen wissen, was geschehen ist. Kommen Sie heraus, Herr Direktor.«

»Ich soll hinaus! Zum Teufel ...«

»Ja, so hören Sie doch.«

Ein Stampfen und Schreien, ein Durcheinander von Lärm rief nach dem Direktor. »Also gut, ich komme!« Direktor Kutschenreuter fuhr mit beiden Händen über die glatt an den Schädel geklebten Haare und trat in die Arena. Mit raschen Schritten ging er bis in die Mitte vor, wo sich das Gerüst für Biancas Todesfahrt über ihm türmte. Man rief sich zu, zu schweigen, man zischte sich gegenseitig zur Ruhe. »Meine Herrschaften!« begann er, als es ruhiger geworden war, noch einmal: »Meine Herrschaften! Es ist ein kleiner Unfall passiert. Fräulein Bianca Semonski hat einen Ohnmachtsanfall erlitten. Sie ist in besten Händen, und der Arzt sagt, daß es weiter nichts von Bedeutung ist. Sie dürfen hoffen, daß Bianca Semonski recht bald wieder auftreten wird.« Mit einer Verbeugung beendete Kutschenreuter seine Ansprache.

Ein Teil des Publikums, die seltenen Besucher, denen die Gebräuche dieser Welt nicht bekannt waren, schien beruhigt, aber der andere Teil kam nicht von dem unangenehmen Gefühl los, daß etwas Ernstliches geschehen sei. Und ohne die zweite Abteilung des Programms abzuwarten, verließen einige hundert Menschen den Zirkus, während alle, die irgendwelche Beziehungen zu den Künstlern hatten, auf den hinteren Gängen und Treppen zu der Quelle drängten, wo sie Erkundigungen einzuziehen hofften. Aber sie fanden eine strenge Absperrung. Zwei Wachleute standen vor der Tür zu den Garderoberäumen und ließen niemanden vor.

Aus der Hintertür des Gebäudes, die gegen eine einsame 5traße, unweit des Beginnes der Felder lag, kam Bezug, den Kragen seines Überrocks hoch aufgezogen, den Zylinder tief in die Stirn gedrückt, als wünsche er nicht erkannt zu werden. Die einzige Laterne, die diesen Ausgang der Eingeweihten beleuchtete, flackerte im Hauch einer kalten, herbstlichen Nacht. Als Bezug in den Schatten der kleinen, schon schlafenden Häuschen tauchen wollte, trat ihm ein Mann in den Weg. Er sah auf: breiter, wallender Vollbart und zwei starke, gebietende Augen unter dem verborgenen Rand eines alten, schwarzen Hutes.

»Ach, Sie sind es!« sagte Bezug.

»Ja, ich bin es«, antwortete Eleagabal Kuperus.

»Und Sie wagen es, mir in den Weg zu treten?«

Ohne auf Bezugs Drohung zu achten, sagte Kuperus mit schwerer Betonung: »Sie haben heute Nella getötet.«

Bezug trat zurück und ließ den Stock mit dem schweren Bleiknopf so weit in der Hand nach abwärts gleiten, daß er genügend Schwungkraft und Wucht zum Schlag bekam. »Wenn Sie das wissen,« sagte er nach einer Weile harten Widerstandes, »so wissen Sie auch alles, was auf der Regina maris geschehen ist.«

»Ich weiß es.«

»Sie hat meinen Sohn getötet. Und jetzt habe ich sie getötet.«

»Durften Sie das von ihr verlangen? Haben Sie nie gewußt, daß sie Ihnen das nicht geben konnte? Sie sind ihr Mörder.«

»Und wer hat mir denn geraten, den Einfluß der Frauen zu versuchen? Von wem kam denn dieser tolle Rat, mit ihm auf das Meer zu gehen? Die Unendlichkeit der Horizonte! Wer hat denn das gesagt? Sie!«

»Ich habe gesagt, daß er auf dem Meer gesund werden wird. So habe ich es gesagt.«

»Ach, Sie sind schlau. Schämen Sie sich. Das sind Pfaffenkniffe.«

»Wie sollte ich es Ihnen anders sagen? Habe ich selbst etwas anderes gewußt? So habe ich es gelesen. Mehr konnte ich nicht wissen. Es war wohl die einzige Art, wie er gesund werden konnte.«

»Sie selbst, Sie sind ein Mörder. Und ich werde Sie vernichten. Sie können es mir glauben, daß ich Sie vernichten werde. Alle Künste werden Ihnen nichts nützen. Gar nichts.«

»Endlich, Thomas Bezug, sind wir so weit. Dorthin mußte es kommen.« Eleagabal Kuperus stand dunkel und aufrecht neben dem Laternenpfahl, und Bezug fühlte zornig, daß er sich der Wirkung nicht entziehen konnte, die von seines Feindes ruhiger und sicherer Haltung ausging. »Deshalb bin ich gekommen,« fuhr der Widersacher fort, »um das von dir zu hören. Es ist die Kriegserklärung.«

»Ja, die Kriegserklärung!« sagte Bezug. Er knirschte mit den Zähnen.

»Und ich werde alles tun, um dich unschädlich zu machen. Ich werde dich nicht töten, ich werde dir nur die Macht entreißen.«

Bezug wollte lachen, recht höhnisch, klirrend, wie ein Unverwundbarer. Aber Kuperus stand so furchtbar und drohend vor ihm, daß er es nur zu einem Achselzucken brachte. Dann sagte er bloß: »Gut! Es ist gut ... wir werden ja sehen ...«

»Wir werden es sehen. Nur dies noch vorher, Bezug! Am Tode deines Sohnes bin ich unschuldig. Was geschehen ist, war bestimmt, und du hast nur alles getan, um den Ausgang zu beschleunigen.« Damit wandte sich Kuperus und ging der mächtigen Außenmauer des Zirkus entlang nach rechts, während Bezug, nachdem er dem Feind einige Herzschläge lang nachgesehen hatte, in die stille Gasse der niedrigen Häuser einbog.


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