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Der Klub der babylonischen Jungfrauen

Im Schatten der Millionenstadt blühte der »Klub der babylonischen Jungfrauen«.

Mit einer Vereinigung unbefriedigter Frauen hatte das Ganze seinen Anfang genommen. Und eigentlich war der Anreger ein Mann gewesen, ein Weiser, ein Philosoph, der aus einem Athleten durch einen Sturz ein lahmer Krüppel geworden war. Als er starb, fand sich in seinem Nachlaß, unter vielen anderen Manuskripten auch eine Aufzeichnung, die den Eingeweihten den Schlüssel gab.

»Die physiologischen Bedingungen«, hieß es hier, »müssen im Dunkeln bleiben. An der Oberfläche glänzt im vollen Sonnenschein die Moral. Aber ich frage, warum schämen wir uns der Triebe, die uns von der Natur eingepflanzt sind. Warum? der ›geistige Mensch‹! Ein Vorurteil, daß der ›geistige Mensch‹ den triebhaften überwinden müsse. Im Gegenteil: der geistige Mensch wächst aus dem triebhaften auf und bezieht sich immer wieder auf ihn zurück. Wie sagt der Lateiner: naturalia non sunt turpia. Um dieses einen Spruches willen bedauere ich es, nicht Latein gelernt zu haben. Nun also: und zu den psychologischen Grundbedingungen des gesunden Menschen gehört die Erotik. Der gesunde Mensch verlangt nach der Liebe, genau wie er nach dem Schlafen und dem Essen verlangt. Das ist ja alles so einfach und selbstverständlich. Aber vielleicht will man gerade deshalb nichts davon wissen. Der Mann kann sich im diesem Belang helfen. Aber die Frau ist zu bedauern. Dem jungen Mädchen ist die Liebe ein geheimnisvoller Garten. Man kann durch Ritzen der Planken sehen, oder sich auf die Fußspitzen stellen, aber man darf nicht hinein. Vielleicht tragen die Mädchen bei uns weniger schwer daran, weil eine jahrhundertelange Gewöhnung keine Empörung der Sinne aufkommen läßt. Aber die Frauen. Sobald die Fackel einmal entzündet ist, darf man sie nicht verlöschen. Das ist die Ehe, und man nimmt an, daß die Frau darin ihre Befriedigung findet. Wie nun aber, wenn der Mann stirbt oder eine Krankheit seine Kraft vernichtet. Der Keuschheitsgürtel ist die größte Grausamkeit der Weltgeschichte. Wie viele unglückliche Frauen haben darunter gelitten. Und noch immer zwingt man unseren Frauen den Keuschheitsgürtel auf. Der wahrhaft freie Mann, der alles Natürliche und Menschliche mit hellen Augen betrachtet, wird sich von diesem Gespenst erlösen. Wie kann ein Krüppel von seiner Frau Keuschheit verlangen? Wenn er durch ein Unglück dazu gezwungen ist, zu entsagen, soll es die Frau freiwillig tun? Wo ist da Sinn und Gerechtigkeit? Und trotz aller Bitternisse und Schmerzen, trotz aller nagenden Qual wird der wahrhaft freie Mann den Keuschheitsgürtel vom Schoß der Frau herabgleiten lassen.«

Der Mann, der diese Zeilen geschrieben, hatte den Mut gehabt, seine Theorie ins Leben umzusetzen. Aber er hatte seine Frau gebeten: »Hänge dich nicht an einen, denn das wäre mir schwer zu ertragen. Aus der heimlichen Beziehung der Leiber wächst die Intimität der Seelen, und die möchte ich mir zu dir bewahren. Gib dich vielen, wie sie kommen, und mit Vorsicht, damit man nicht über dich lache, denn man versteht heute noch nicht, wie ich das meine.« Und die Frau – eine Frau, die ihren Gatten liebte – tat nach langem Sträuben seinen Willen. Die Freunde wunderten sich über die glückliche Ehe der beiden.

So war der »Klub der babylonischen Jungfrauen« entstanden. In einem weitläufigen alten Palais, das von einer eleganten und reichen Dame gemietet war, hatte der Klub sein Heim. Nicht einmal die nächsten Nachbarn wußten viel von dem Leben der Frau, die man, ohne ihren eigentlichen Namen zu kennen, kurz die »Gräfin« nannte. Man konnte nicht recht aus den sonderbaren Gewohnheiten der Gräfin klug werden. Sie war eigentlich nur immer auf kurze Zeit in ihrem Heim, kam oder entfernte sich meist zur Nachtzeit, nachdem sie ein paar Stunden in dem Palais zugebracht hatte. Nur selten sah man sie bei Tag in ihren Wagen steigen, immer tief verschleiert und nur von einer Kammerjungfer begleitet. Nachdem sich die Nachbarschaft einige Monate lang die Köpfe zerbrochen hatte, gab sie die Nachforschungen, die zudem dadurch erschwert waren, daß das Palais inmitten eines großen Parkes lag, gänzlich auf. Man begnügte sich damit, die Gräfin für überspannt zu erklären, und wandte sich lohnenderen Dingen zu.

Die ganze Organisation des Klubs war so genial, daß die Polizei niemals auch nur den leisesten Verdacht schöpfte. Die Frauen, die hier verkehrten, kannten einander nicht, denn sie trugen bei den großen Festen der Wollust Masken vor dem Gesicht, und nur die Gräfin wußte, wer die Gäste waren. Eine Anzahl von Agentinnen war darauf aus, dem Klub Männer zuzuführen. Es wurden ausschließlich Fremde genommen, und die Hotels ersten Ranges waren von den Emissärinnen des Klubs ständig überwacht. Unter allerlei geheimnisvollen Zeremonien wurden die Auserwählten den babylonischen Jungfrauen zugeführt und wieder unter allerlei Vorsichten weggebracht, so daß niemand der Beglückten wußte, wo er die Nacht verlebt hatte. –

Vor dem hellerleuchteten Eingang des Hotels »Stadt Karlsbad«, durch den man in ein mit Palmen und Statuen geschmücktes Vestibül sah, hielt zur Zeit der Ankunft des Abendzuges ein Auto. Ein junger Mann stieg aus, bezahlte den Chauffeur, und der Zimmerkellner, der schon wartend auf den Stufen des Einganges stand, sah an dem erstaunten Gesicht des Autolenkers, aus dem beschleunigten Schwung der Kappe, daß das Trinkgeld ganz ungewöhnlich reichlich gewesen sein mußte.

»Küß d' Hand, Herr Baron«, sagte der Chauffeur und ließ den Motor anlaufen. Wenn die Chauffeure noch höflich sind, auch nachdem sie ihr Trinkgeld schon erhalten haben, so ist das ein gutes Zeichen – auch für die Zimmerkellner. Das wußte Franz aus seiner Praxis, und so vertiefte er rasch die Höflichkeitsfalten um die Mundwinkel und schwänzelte nach einem devoten Gruß diensteifrig hinter dem Gast drein.

»Hat noch niemand nach mir gefragt?« wandte sich der junge Mann sogleich an den Portier ... »Ingenieur Hecht!«

»Herr Ingenieur Hecht? Nein – bitte!« antwortete der Portier, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte.

»Geben Sie mir also ein Zimmer. Und wenn jemand nach mir fragt, so schicken Sie ihn sofort zu mir.«

»Sehr wohl. Bitte, ... wünschen der Herr ein Zimmer mit Balkon, oder ...«

»Ist mir egal.«

Hecht ging an einem Bären aus Bronze vorbei, der in seinen Pfoten ein mit allerlei Reklameanzeigen gefülltes Tablett den Gästen entgegenhielt, die teppichbelegte Treppe hinauf. Der Zimmerkellner, immer zwei Stufen hinter dem Gast, wies ihm mit leiser und höflicher Stimme den Weg: »Links bitte ...« »Gerade aus.« Dann öffnete er eine Tür, schaltete die Beleuchtung ein und ließ den Gast allein, nachdem er ihn mit untertäniger Gebärde auf die auf dem Tisch liegenden Meldezettel aufmerksam gemacht hatte. Als Hecht allein war, trat er an das Fenster und sah hinaus. Alles war mit einer weichen Schicht Schnee bedeckt. Die Straße, die Dächer der Häuser, in der schmalen Parkanlage drüben, die im Sommer verzweifelt um Luft und Wasser zu kämpfen hatte, hing der Schnee in feuchten, schweren Klumpen an den verdrückten, zerzausten Sträuchern. Hinter dem Parkstreifen klingelten in fast ununterbrochener Reihe die beleuchteten Wagen der Straßenbahn vorbei. Unten vor dem Hotel hielten die Autos, und auf ihren Dächern hatte sich der Schnee angehäuft. Das Leben der Millionenstadt, das Hecht sonst mit sich fortriß, das ihm immer wieder neue Impulse gab, berührte ihn nicht. Nach einer Viertelstunde wandte sich Hecht wieder ins Zimmer und schickte sich eben an, sich zu waschen, als es klopfte. Er fuhr herum und rief überlaut: »Herein!« Er fürchtete, nicht Herr über seine Stimme zu sein. Von dem lauten Herein erschreckt und besorgt, lästig zu fallen, kam das Stubenmädchen. »Ich bitte ... der Zimmerkellner ... es soll eingeheizt werden.«

»Ja! Ja!« Hecht erinnerte sich, daß der Zimmerkellner etwas dergleichen gefragt hatte, aber er konnte sich seiner Antwort nicht mehr entsinnen. Während das Mädchen möglichst geräuschlos Feuer machte, goß Hecht Wasser in das Waschbecken, steckte den Kopf hinein und wusch dann auch die Hände. Dann setzte er sich in eines der großen Fauteuils, die Arme auf der Lehne, den Kopf zurückgelehnt und sah zur Decke hinauf. Mit weit offenen Augen sah er die Malerei da oben an und verfolgte immer wieder wie mit einem Stift die Arabesken und Girlanden, zeichnete die Zacken des großen Sternes nach, aus dessen Mitte der mit einer Menge von Glasprismen betroddelte Lüster herabhing. Er wünschte nicht anderes zu denken, hypnotisierte sich gleichsam selbst durch den Zwang, diesen Linien da oben zu folgen. Trotzdem er vor Ungeduld zitterte, war ihm jede Minute wie ein Geschenk, und nachdem er seinen halbwachen Zustand gefestigt hatte, fühlte er sich jenseits der Zeit entrückt.

Es klopfte.

Hecht zuckte zusammen, der Kopf sank ihm auf die Brust herab und an dem widrigen, trockenen Gefühl im Hals erkannte er, daß er die ganze Zeit mit offenem Mund dagesessen hatte. Alle Sehnen des Halses schmerzten ihn. Es war furchtbar heiß im Zimmer, der Ofen hinter Hechts Fauteuil fauchte eine glühende Hitze aus, und Hecht fühlte kalten Schweiß auf seinen Händen.

Es klopfte abermals, und dann wurde die Tür geöffnet.

Langsam, auf beide Arme gestützt, richtete sich Hecht auf und wandte sich dem Eintretenden zu. Es war eine Frau, die Hecht mit verquollenen, kalten Augen betrachtete. In dem aufgedunsenen weißgrauen Gesicht fielen nebst diesen Augen am meisten die dicken, roten Lippen auf.

»Sie sind die Frau Thumas?« fragte Hecht mühsam.

»Ja!« Ein wenig vorgebeugt stand sie da, dienstbeflissen und eines Befehles gewärtig, und dabei glaubte Hecht doch in ihrem Wesen eine versteckte Schadenfreude zu sehen.

»Wollen wir gehen?« Dabei schob Hecht das schwere Fauteuil zur Seite, denn er mußte irgend etwas tun, um seine Aufregung ein wenig zu verbergen.

»Es wird Zeit sein«, antwortete Frau Thumas. Hecht zog seine Uhr hervor. Es war elf vorbei. Und abends um sechs war er angekommen. Die Zeit zwischen dem Moment, in dem er das Zimmer betreten hatte, und jetzt gähnte wie ein schwarzes, tiefes Loch. »Also gehen wir!« sagte er und zog seinen Wintermantel an, der ihm die kraftlosen Arme herabdrückte. Am liebsten hätte er den schweren Mantel fallen gelassen und sich wieder in das Fauteuil geworfen.

Verwundert sah der Portier, daß der Neuangekommene Gast in Begleitung einer älteren Frau noch so spät das Hotel verließ. Nachdem er die vorgeschriebenen Ehrenbezeugungen geleistet hatte, kehrte er in seine Loge zurück, um mit Eduard, der aus dem jetzt schon verödeten Restaurant herübergekommen war, seine »Strohmandl«-Partie fortzusetzen. »Was glaubst d'?« fragte er, indem er mit einem kurzen Ruck des Kopfes andeutete, daß er von den eben Fortgegangenen sprach. »Schiech is die gnug!«

»Na was! Alles möglich, sag ich! Es gibt ja soviel verschiedene Gusto auf der Welt. Meine Gäst' schicken 's Wild zurück, wann's no net recht stinkt.«

Sie überschritten die Straße und warteten jenseits des schmalen Parkstreifens auf einen Wagen der Straßenbahn. »Sie müssen sich allem fügen, alle vorgeschriebenen Sachen mitmachen«, sagte Frau Thumas. »Wir dürfen keinen Verdacht erwecken.«

»Gut, gut«, murmelte Hecht und gab sich Mühe, zu verbergen, daß ihm die Zähne gegeneinanderschlugen. Sie stiegen in einen der Wagen ein und fuhren eine ganze Weile kreuz und quer. Nachdem sie einige Male umgestiegen waren, hatte Hecht, trotzdem er die Stadt recht gut zu kennen glaubte, vollkommen die Orientierung verloren. Er kam durch Gegenden, die ihm ganz fremd waren, und es schien ihm, als gehe die Fahrt ganz außen an der Peripherie der Stadt. Als er wieder auf die Uhr sah, war es halb Eins. Wenn sie wieder den Zehnuhrzug benützt hatte, mußte sie schon eingetroffen sein. Bei diesem Gedanken schien es ihm, als setze sein Herzschlag sekundenlang aus. Endlich verließ Frau Thumas den Wagen, und Hecht folgte ihr durch einige dunkle und winkelige Gassen, bis sie vor einem Haus stehen blieb, über dessen Eingang eine rote Laterne brannte. Es kam Hecht wie der Eingang zu einem Verbrecherkeller vor. »Hier hinein?« fragte er.

»Kommen Sie nur«, sie nahm den Zögernden bei der Hand und zog ihn hinter sich her. Über einen langen feuchten Gang führte sie ihn, einige Stufen hinab, auf einen kleinen Hof, der rings von schmutzigen Mauern eingeschlossen war, aus denen blinde Fenster starrten, dann wieder durch einen dunklen Gang. Stimmen und ein zitternder Lichtschein kamen Hecht entgegen. Frau Thumas öffnete eine Tür und sie traten in eine Wolke von Rauch und Lärm. An den ungedeckten Tischen einer Kneipe saß eine Anzahl von Männern, die mit aufgestützten Armen vor sich hinstierten oder mit lauten, gröhlenden Stimmen aufeinander losbrüllten. Aus einer Ecke kam das Kreischen von Weiberstimmen. Am Schenktisch, der durch feste Eisenstangen zu einer Art von Käfig und zugleich zu einer Festung gemacht war, lehnte ein Frauenzimmer in einer roten Bluse und sprach mit dem Wirt. Hinten, oberhalb des Gürtels, war die Bluse etwas aufgerissen, so daß ein nicht mehr reines Hemd zum Vorschein kam. Als Frau Thumas mit Hecht eintrat, wandte sich einen Augenblick die Aufmerksamkeit aller Anwesenden ihnen zu. Aber man schien hier an solche späte und absonderliche Gäste gewöhnt oder man war so gut erzogen, daß man sie nicht weiter belästigte, und tat, als seien sie nicht vorhanden. Nur der Wirt kam hinter seiner Festung hervor, nahm die schwarze Taftkappe vom Kopf und sagte, während sich die Gäste an einem leeren Tisch beim Ofen niederließen, mit einer vollständig heiseren Stimme »Ich wünsch gunn Ab'nd.«

Ohne einen Auftrag erhalten zu haben, setzte der Wirt nach der Begrüßung in zwei hohen, schmalen Gläsern ein grünes Getränk vor sie hin. Frau Thumas hob ihr Glas und sagte: »Zur Gesundheit«, dann schüttete sie den Inhalt mit einem schnellen Ruck des Handgelenkes hinunter. »Trinken Sie«, flüsterte sie. Hecht gehorchte und trank. Es war ein abscheuliches, bitteres und brennendes Zeug. Dann sah er sich in dem Raum um und wünschte, er könnte bis zum Morgen so da sitzen.

Plötzlich erhob sich von einem der Tische ein Mann in einem gelben Überzieher, dessen Kragen aufgestellt war, und kam zu Hechts Tisch.

»Bitt' schön,« sagte er, »also wenn ma fahr'n wolln.«

»Gut«, sagte Frau Thumas. Verwundert sah Hecht sie an. »Zahlen Sie«, flüsterte sie ihm zu. Und Hecht folgte den beiden, nachdem er gezahlt hatte. Er ging wieder durch eine kaum durchdringliche Finsternis, über einen zweiten Hof, und dann kamen sie in eine kleine Gasse, in der ein Wagen stand.

»Vorwärts, vorwärts«, drängte Frau Thumas, »es ist Zeit.«

»Es ist Zeit!« Hecht ließ alles mit sich geschehen. Er war nicht mehr imstande, Zusammenhänge wahrzunehmen. Und doch war etwas in ihm, vielleicht unter der Wirkung des Getränkes in der Kneipe, seltsam gespannt, so daß er eine unaufhörliche Vibration in sich fühlte, wie von einer dünnen und äußerst empfindlichen Membran. Nach einer Fahrt von einer Viertelstunde zog Frau Thumas eine schwarze Binde hervor. »Lassen Sie sich jetzt die Augen verbinden«, sagte sie.

»Ja! Es muß sein. Sonst werden wir nicht eingelassen.« Und sie legte Hecht die Binde um und faßte seine Hand.

Gleich darauf hielt der Wagen. An der Hand seiner Führerin tappte sich Hecht aus dem Wagen und wurde fortgezogen. Eine Tür fiel ins Schloß. Noch war man im Freien. Hecht fühlte die kalte Nachtluft, und unter den Füßen den weichen Schnee, bisweilen streifte seine Hand dünnes Gesträuch. Jetzt ging es einige Stufen hinauf, und nun kam man in ein anderes Bereich. Warme, duftende Luft war um ihn, und Teppiche unter seinen Füßen. Es schien ihm, als führe man ihn durch eine Reihe von Zimmern. Manchmal hörte er Stimmen und das Geräusch von sich öffnenden Türen.

Frau Thumas blieb stehen und nahm Hecht die Binde ab. »Warten Sie hier«, sagte sie und ließ ihn allein in einem kleinen Gemach, dessen Wände mit dicken, roten Teppichen verkleidet waren. Außer einem kleinen Tischchen war kein Möbel in dem Raum, und so dicht schien diese Zelle abgeschlossen, daß kein Laut von außen hereindrang. In dieser vollkommenen Stille überfiel Hecht plötzlich die Angst wie ein schwarzes, wütendes Tier. Er sah sich nach einem Ausgang um, aber er konnte nicht entdecken, wie Frau Thumas hinausgekommen war. Mitten in dem Zimmer stand er, mit unruhigen Augen um sich spähend wie ein Gehetzter, dem alle Wege zur Flucht versperrt sind. Ich werde sie sehen, sagte er sich, ich werde sie sehen, ich werde sie sehen ... Und er wiederholte das immer wieder, hundertmal, endlich mit halblautem Flüstern.

Plötzlich, ohne daß Hecht gesehen hätte, wie sie gekommen war, stand eine Frau vor ihm. Sie trug ein schwarzes Seidenkleid, dessen Ausschnitt mit Spitzen besetzt war, auf deren Ranken Diamanten blühten. Das schwere, blonde Haar umgab den Kopf in breiter Welle. Von dem Gesicht der Frau aber waren nur ein schmaler Streifen der Stirn und Mund und Kinn sichtbar, denn sie hatte eine schwarze Halbmaske vorgebunden. Zwischen dem Schwarz des Kleides und dem der Maske erwachten auf dem kostbaren Elfenbeinweiß der Haut ihrer Brust und ihres Halses zarte rosige Töne.

Hecht fühlte sich von einem durchdringenden Blick gemustert. Dann sagte die Frau, indem sie wieder einen Schritt zurücktrat: »Sie sind in ein Haus eingeführt worden, wo Sie Unerhörtes erleben können.«

Hecht dachte, es sei jetzt notwendig, irgendein Zeichen zu geben, daß er auf alles bereit sei und sich allem fügen wolle. Unbeholfen breitete er die Arme aus und erhob sich etwas und neigte dazu den Kopf zur Seite. »Ein Sonderling!« dachte die Gräfin, die aufmerksam jede seiner Bewegungen beobachtete.

Nach einem Schweigen fuhr sie fort: »Die Frauen, die Sie hier finden, sind die Priesterinnen einer wunderbaren, berauschenden Liebe. Ihre Geheimnisse stammen aus dem Altertum.« Wieder beobachtete die Gräfin, welchen Eindruck ihre Worte auf den Mann machten. Er schien sich in der furchtbarsten Aufregung zu befinden und seiner Sinne kaum Herr zu sein. »Aber,« sagte sie, »nehmen Sie sich wohl in acht. Wenn Sie zu jemandem ein Wort von dem verraten, was Sie hier gesehen oder erlebt haben, so sind Sie ein toter Mann. Unser Bund ist mächtig und weiß die Verräter zu finden! Geloben Sie zu schweigen?«

»Ich gelobe es.«

»Dann segne ich Ihren Einritt im Namen Astaroths.« Mit einem schnellen Griff faßte die Frau vorne in den Ausschnitt ihres Kleides und zog es auseinander, so daß die schmalen Achselspangen herabsanken und ihre Brüste sichtbar wurden. »Leiste den Kuß des Gelöbnisses zwischen meine Brüste.« Sie kam auf Hecht zu und stand vor ihm. Der Geruch ihres Körpers betäubte ihn, und schwindelnd beugte er sich herab und küßte sie zwischen die Brüste.

»Es ist gut«, sagte die Frau kalt und verhüllte sich wieder. Dann ging sie auf die Wand zu und zog einen der Teppiche zur Seite. Aus einem Wandschrank, dessen mit Emailarbeit verziertes Türchen auf einen Druck aufsprang, nahm sie ein Buch, das sie nun vor Hecht auf das Tischchen mitten im Zimmer legte. »Du hast die Wahl unter diesen Frauen.«

Hecht schlug den schweren Deckel zurück. Das Buch enthielt eine Menge von Photographien in künstlerischer Ausführung. Nackte Frauenkörper in Stellungen, die das Charakteristische, die Eigenart jedes dieser Leiber hervorhoben. Hecht empfand sofort, hier hatte ein Künstler gewaltet; mit feinstem artistischem Verständnis, mit ungemein sicherem Takt war alles Banale und Grobe vermieden und kein Gedanke streifte die Sphäre einer bloßen, niedrigen Wollust. Allen diesen Frauen waren auch die eigentlichen Pikanterien, die Reizungen der Neugierde genommen, denn jede von ihnen trug eine Halbmaske vom gleichen Schnitt wie die der Frau im schwarzen Kleid. Es waren namenlose Priesterinnen der Liebe, deren bürgerliche und seelische Individualität verhüllt war, um die Individualität des Geschlechtlichen stärker zu heben. Nichts sollte entscheidend sein, als der Zug der Leiber, veredelt durch die Freude am reinen Spiel der Formen, an einem erneuerten Griechentum von höchster Glut und Kraft.

Als Hecht mit bebenden Händen immer weiter blätterte, glaubte die Gräfin eine Erklärung geben zu müssen. »Der Zufall soll ausgeschaltet werden,« sagte sie, »der Zufall, der einem hübschen Gesicht einen Vorteil über andere Frauen gibt. In unserem Klub soll das ausgeschlossen sein. Denn die Frauen sind alle gleich zur Liebe geschaffen. Und der Körper entscheidet. Nur verkrüppelte und Mißgestaltete müssen verzichten.«

Hecht nickte immer mit dem Kopf, ohne zu hören, was die Frau sagte. Plötzlich hielt er inne, hörte auf zu blättern und starrte eines der Bilder auf der aufgeschlagenen Seite an. Gespannt sah ihm die Gräfin über die Schulter. Das Bild zeigte einen schlanken, ebenmäßigen Körper mit breiter Brust und nur ein weniges schmäleren, unverschnürten Hüften.

»Sie! wieder sie ... immer und immer wieder sie ...« murmelte die Gräfin unwillkürlich.

Die Frau auf dem Bilde stand vor einem dunklen Vorhang, dessen Farbe die Umrisse ihres Körpers hob. Und als habe sich die Natur entschlossen, diesem Leib neben der edlen Plastik der Antike auch den koketten Reiz des Rokoko zu geben, waren auf der weißen Haut unterhalb der rechten Brust noch zwei kleine, bräunliche Flecken. Mit zitterndem Finger deutete Hecht auf das Bild, aber er zog den Finger sogleich zurück, als habe er das Fleisch des Körpers selbst berührt.

»Diese da!« sagte er. »Wer ist es? Sagen Sie mir, wer es ist?«

»Du sollst nicht fragen,« sagte die Gräfin, »niemanden fragen! Hörst du! Du hast gewählt. Komm mit mir!«

Sie ging voran und hob einen der Teppiche auf, hinter dem eine kleine Tür in der Wand war. Ein kurzer Gang leitete in einen Baderaum, wo eine in ein dunkles, schwerfälliges Gewand gekleidete Dienerin wartete. Die Führerin verschwand, und Hecht ließ es willenlos geschehen, daß ihm die Dienerin die Kleider nahm. Ein lauwarmes Bad in einem Marmorbecken roch nach seltsamen Gewürzen. Hecht stieg in das Wasser und duldete, daß ihn die Dienerin nachher mit einer Salbe einrieb und auf das Haar ein duftendes Öl goß. Dann bekam er einen weiten, weichen Mantel aus weißem Stoff, dessen Rand mit einem roten Streifen verziert war. Während des ganzen Vorgangs stand Hecht außerhalb seiner selbst, gleichgültig, willenlos und sah allem zu, was mit ihm geschah. Als er nun fertig war und die Dienerin sich anschickte ihn zu führen, kam es wieder über ihn; er wollte wissen, ob er sich auch nicht irrte, und trotz des Verbotes wagte er noch einmal die Frage, wer die Erwählte sei. Er hatte gesehen, daß seine Begleiterin dem Mädchen etwas zugeflüstert hatte, ehe sie den Baderaum verließ.

»Wer ist es? Wer ist es?« drängte er in sie.

Die Dienerin, die gleich der Frau im schwarzen Kleid eine Maske trug, sah ihn an. »Das Fragen ist verboten!« sagte sie.

»Du sollst belohnt werden ...«

»Ich darf keine Antwort geben. Und ich weiß es auch nicht, hier heißt sie Istar.«

»Istar! Istar!« murmelte Hecht und folgte der Voranschreitenden. Sie kamen durch eine Halle. Aus irgendeinem Nebenraum klang tolles, lautes Gelächter, Geschrei, Gesang und das Klimpern eines Saiteninstrumentes seltsam gemischt. Plötzlich flackerte der brünstige Lärm einen Augenblick lauter auf, eine Tür schlug zu, und eine nackte Frau lief vor Hecht quer über die Halle, verfolgt von einem jungen Mann, der den hindernden Mantel zusammengerafft über dem Arme trug.

Und sie ... und sie war in der Schar dieser Bacchantinnen ... auch sie ... dachte Hecht, und eine furchtbare Wut und Bitterkeit kam über ihn. Die Dienerin öffnete eine Tür, und Hecht trat in einen halbdunklen Raum.

»Du mußt sie dreimal rufen«, flüsterte sie ihm zu: »Istar!« Und dann ging sie.

»Ich werde sie sehen ... ich werde sie sehen ...« murmelte Hecht vor sich hin, aber dieser eine Gedanke war so ganz außerhalb aller Beziehungen zu seinem Ich und diesem Ort an dem er sich befand, er schwebte in ihm, wie eine feurige Wolke im leeren Raum ... ringsum lauter Unendlichkeiten. Das Einheitsgefühl war Hecht abhanden gekommen. Er fühlte nur, wie sich diese feurige Wolke tiefer senkte, schwerer und röter erglühend, als wolle sie platzend neue Wolken gebären. Und plötzlich brach die furchtbare Erkenntnis über ihn herein, daß dies ja alles in ihm war.

»Istar!« schrie er wild und entsetzt auf, als wolle er mit dem Namen den ärgsten der Schrecken bannen. Und noch einmal, klagend und leiser: »Istar!« Bevor er aber den Namen zum drittenmal aussprach, hielt er inne. Es war wie eine Beschwörung, ein dreimaliger Anruf, der die Geister entfesselt. Was erwartete ihn in dem Augenblick, wenn er sie zum drittenmal angerufen haben würde? Und jetzt, in dieser letzten Minute vor der Entscheidung zitterte er und wich zurück. Er wünschte sich fort von hier. Aber da war es ihm, als höre er von draußen wieder das Gelächter und Geschrei ... und alles fiel ihm ein, was er nun von den Mysterien dieses Hauses wußte ... alles, was er erfahren hatte. Und nun ... erinnerte er sich, daß er als Rächer gekommen war. Eine rasende Kugel drehte sich in seinem Gehirn.

»Istar!« rief er zum drittenmal, laut und befehlend.

Da war es wie bei dem Wechsel von Nebelbildern. In dem dämmernden Licht des Raumes schob sich ein neues Bild vor. Hecht gegenüber stand vor einem dunklen Vorhang das Weib, das er gerufen hatte. Istar! In derselben Stellung, in der sie jene Photographie zeigte. Der dunkle, schwere Vorhang hob die Umrisse ihrer Gestalt, und unter der rechten Brust sah Hecht die beiden braunen Flecken. Durch die Augen der Maske strahlte ein seltsames Licht, grünlich, als wären dort innen glimmende Kugeln.

»Elisabeth!« schrie Hecht und streckte die Arme aus.

Das nackte Weib stieß einen Schrei aus und machte einen Schritt vor, so hastig, daß Hecht zurückwich. Dadurch kam er in einen helleren Bereich der Lampe, und die Frau erkannte ihn. »Du bist es,« keuchte sie ... »wie kommst du hierher?«

Hecht antwortete nichts. Dann sagte er langsam und traurig: »Wie kommst du hierher?«

Nun schwiegen beide, und nur das heftige Atmen der beiden Menschen durchzitterte den Raum.

Plötzlich riß Elisabeth die Maske vom Gesicht: »Wozu das noch ... wenn du es ja doch weißt.« Hecht war es, als sei Elisabeth erst jetzt nackt, als habe sie jetzt erst den Gipfel der Schamlosigkeit erreicht. Sie stand vor ihm und machte keinen Versuch, sich zu verhüllen. Und nun lachte sie laut auf: »Ich frage noch, wie du es weißt ...? Ich frage noch ... Er hat es dir gesagt ... Hainx!«

Hecht gab keine Antwort ... er bemühte sich, einen Zipfel des Mantels, der ihm herabrutschen wollte, wieder über die Schulter zu schlagen.

»War er vielleicht feige genug, es dir zu verbieten, seinen Namen zu nennen. Nun – sage ihm, daß du ihn nicht genannt hast, daß ich es gewußt habe ... daß er es war.«

»Ja«, sagte Hecht.

»Das ist also seine Rache ... und dann streckte sich Elisabeth auf das Eisbärfell des Diwans, der quer im Zimmer stand, unbekümmert um ihre Nacktheit, als sei sie vollkommen angekleidet. Die schlanken Beinen waren leicht gekreuzt; die Arme unter den Kopf gelegt, sah sie zur Decke hinauf. Ohne Hecht anzusehen, lachte sie: »Und du bist der Rächer? ... du? ... es ist so unglaublich lächerlich ...«

Hecht stand noch immer mitten im Zimmer und versuchte sich aufzureizen. Er hatte sich vorgenommen, brutal zu sein, auf seine Braut loszustürzen, sie zu würgen und zu schlagen; und nun fand er nicht die Kraft in sich. Er war eine dunkle, träge Masse, der die Möglichkeit zur Explosion fehlte. Er sah die brennende Gier nach ihrem Leib, gezähmt und beschränkt durch das Bewußtsein seiner Knechtschaft, die sie ihm allzutief aufgezwungen hatte. Und Elisabeth fuhr wie im Selbstgespräch fort: »Hainx hat ... er muß hier irgendwo eine seiner Kreaturen haben. Er hat das Ganze geleitet ... oh, er ist ein vortrefflicher Regisseur ... es hat dich jemand hergeführt, der von ihm bestochen ist ...«

»Ja!«

Nach einer Weile wandte Elisabeth ihrem Bräutigam wieder den Kopf zu: »Und was willst du noch hier ... Geh doch.«

Ganz anders hatte sich Hecht den Verlauf der Szene vorher ausgemalt, wenn er überhaupt jemals so weit zu denken gewagt hatte. Er hatte eine Zerknirschte, Erschütterte vor sich und sich selbst als Richter gesehen. Nun wies ihn Elisabeth hinaus, als schicke sie einen lästigen Besucher aus ihrem Boudoir. Hatte sie ganz vergessen, wo sie sich befanden, daß sie nackt vor ihm lag und bereit gewesen war, sich an den ersten besten hinzugeben?«

»Nun?« fragte Elisabeth, als Hecht sich noch immer nicht anschickte zu gehen. Da brach der Rest seines Mutes und seines Stolzes zusammen. Er fiel vornüber, vor dem Diwan in die Knie, und seine Stirn berührte Elisabeths nacktes Bein. Aber sie zog das Bein zurück, und sein Kopf sank auf das Eisbärfell. »Elisabeth«, murmelte er, »Elisabeth ... du hast dich diesem Adalbert gegeben ... du hast früher Hainx gehört ...«

»Das hat er dir auch gesagt ...? Ach so, er hat dir auch das Kennzeichen gegeben.«

»Ja! Und du hast Unzählige hier glücklich gemacht ... gib dich auch mir ... gib dich mir ...«

»Nein!«

»Und warum nicht? warum nicht?«

»Weil ich dich hasse ... weil sich mein Leib gegen dich empört.«

»Und ich könnte sterben, um dich einmal zu besitzen«, murmelte Hecht, das Gesicht in die Zotten des weißen Felles vergraben. Er bekam keine Antwort, aber er fühlte einen kalten Strahl auf sich gerichtet. Als er aufblickte, sah er Elisabeth, auf die Ellenbogen gestützt, ihn anstarren. Etwas Neues lag in ihren Augen, eine funkelnde, scharf geschliffene Grausamkeit. »Du redest Phrasen,« sagte sie langsam, »spiele nicht mit solchen Dingen. Es könnte ein schlimmer Ernst für dich daraus werden.«

»Versuch es nur ... stelle ... mich auf die Probe ...«, er stammelte vor Aufregung, denn es schien ihm, als zeige sich eine Hoffnung auf Erfüllung.

»Du wolltest ... was du gesagt hast ... tun ...? Sterben?«

»Ja ...«

»Wenn ich ... du wolltest dich töten?«

»Ja!« Er sagte es fest und bestimmt und sah sie dabei an.

»Höre du,« sagte Elisabeth, und der grüne Schimmer in ihren Augen verstärkte sich, »ich muß dich aus meinem Leben streichen. Du mußt hinaus. Um diesen Preis ... bin ich bereit ... bin ich bereit ...«

»Und ich bin bereit zu sterben ...«, jauchzte Hecht und schlang den Arm um Elisabeths Knie.

»Du schwörst es mir ...?«

»Ich schwöre es ...«

»Ich gebe dir von morgen früh an vierundzwanzig Stunden. In diesen vierundzwanzig Stunden muß es geschehen sein ...«

»Ja ... ja ...« Was war der Tod? Was war der Tod, wenn dies das letzte große Geschenk des Lebens war. »In vierundzwanzig Stunden ...« murmelte Hecht.

Da ließ es Elisabeth geschehen, daß sich Hecht über sie warf und sie küßte ... –

In einer dringenden Angelegenheit hatte Bezug Hecht schon einige Male im Laufe des Tages zu sprechen gewünscht. So oft er ihn aber telephonisch anrief, erhielt er die Antwort, daß Hecht noch nicht zugegen sei. Bezug schickte einen Boten auf den Bau und ließ sich in der Kanzlei nach Hecht erkundigen. Man hatte ihn nirgends gesehen, und auf dem Bau herrschte die größte Verwirrung. Die Arbeiten waren gerade an einem Punkt angelangt, wo man Schritt für Schritt der Weisungen Hechts bedurfte. Niemand kannte die Pläne, die sorgfältig geheimgehalten und nur stückweise, um den Zusammenhang nicht vorzeitig aufzudecken, an die Ingenieure und Architekten hinausgegeben wurden. Jetzt war man eben dabei, die ungeheuren Maschinen dem Bau einzufügen, und hier hatte Hecht selbst die leiseste Andeutung vermieden. Niemand wußte, was zu tun war, und nachdem man noch den Vormittag über zögernd wenigstens den Schein einer Geschäftigkeit gerettet hatte, mußte man nachmittags die Arbeit vollends einstellen. Müßig standen die Arbeiter herum, die Leiter gingen nervös auf und ab und telephonierten alle Viertelstunden in Hechts Wohnung, ob er von der Reise, die er gestern nachmittags angetreten hatte, noch immer nicht zurückgekehrt sei.

Bezug war wütend. Er drängte gerade jetzt unerbittlich vorwärts, war über jede Verzögerung ungehalten und anerkannte kein Hindernis. Er warf sich geradezu allem entgegen und setzte eine so gewaltige Kraft ein, daß sein Werk wie in Rucken vorwärts kam. Und nun verursachte Hecht einen solchen Aufenthalt. Bezug nahm sich vor, ihm, sobald er ihn nur erst wieder hatte, seine Meinung unumwunden zu sagen. Inzwischen fuhr er selbst nach dem Bau hinaus, raste zwischen den Gerüsten herum und überzeugte sich, daß wirklich nichts zu machen war. Zornig schrie er mit den Architekten herum, als ob sie an diesem Stillstand schuld seien, und donnerte jede Widerrede nieder. Auf der Heimfahrt wandte er sich nach einem mürrischen Schweigen an Hainx: »Sie hätten sich schon längst Abschriften und Kopien der Pläne verschaffen sollen!«

Hainx fragte verwundert: »Ich?«

»Ja ... Sie! Wer denn sonst? Mit wem rede ich denn? Vielleicht mit dem Mann, der da drüben die Zettel anklebt?«

»Aber ich verstehe doch rein gar nichts von diesen Sachen. Ich bin ja kein Ingenieur.«

»Das ist egal, ganz egal. So werden Sie es eben lernen, verstehen Sie! Was wäre denn ... wenn dem Hecht einmal etwas zustieße. Man kann ja nicht wissen. Also ... ich werde das gleich morgen ...« Und er unterbrach sich und starrte den Rücken des Chauffeurs an, der durch die Glasscheibe sichtbar war, als lese er dort die Fortsetzung seines Planes ab.

Gerade als Bezug sein Turmzimmer wieder betrat, klingelte das Telephon. Es war schon dunkel, nur ein rötlicher Schein lag noch draußen auf den schneebedeckten Dächern der Stadt. Während Bezug den Pelz ablegte, ging Hainx an das Telephon.

»Wer dort?« fragte er ... Dann wandte er sich nach Bezug um.

»Hecht ist am Telephon,« sagte er, »er möchte mit Ihnen sprechen.«

»Endlich ... endlich«, und Bezug sprang mit einem Satz zum Telephon, von dem er Hainx hastig zurückstieß. »Sind Sie endlich da? ...« brüllte er in die Muschel des Apparates, »endlich ... Sie sind ein fleißiger Herr, das muß man sagen. Man kann sich ja prächtig auf Sie verlassen. Was denken Sie denn eigentlich? Wo waren Sie? Was?«

Hainx, der eben das elektrische Licht einschaltete, wußte, wo Hecht gewesen war, und sein Gesicht zuckte in einem nervösen Krampf. Er sah nach der Wanduhr, über der der Geier hockte. Es war halb fünf.

»Verreist?« brüllte Bezug wieder, »verreist? Sie können ja verreisen, soviel Sie wollen, aber wenn man Sie braucht, müssen Sie da sein. Ich glaube, Sie sind doch selbst daran interessiert, daß unser Werk möglichst bald zu Ende kommt.«

»Nicht mehr!« sagte Hecht, und Bezug fiel es auf, wie matt und schleppend er sprach. Als sei er sehr schläfrig ... oder, Bezug wurde ganz blaß vor Wut, hatte er vielleicht getrunken?

»Nicht mehr? Was ist das wieder für ein Unsinn! Zum Teufel, Sie reden wie ein kleines Kind. Sie wissen doch, was wir vereinbart haben. Und davon gehe ich nicht ab ... Ehe Sie nicht unseren Vertrag erfüllt haben ...«

»Ich habe kein Interesse mehr daran, den Vertrag zu erfüllen ...«

»Herr ... Sie sind wahnsinnig! Ich stecke Sie in eine Zwangsjacke ... ich lasse Sie einsperren.«

»Sie ... haben ... keine Macht mehr über mich, Verehrtester ... ich sterbe ...«

»Ja ... einmal ... wie alle ... bis dahin aber werde ich Sie zu zwingen wissen, daß Sie Ihre Pflichten erfüllen. Die ganze Arbeit hat heute eingestellt werden müssen ... weil es Ihnen nicht gefällig war, zu kommen.«

»Sie wird auch nicht mehr aufgenommen werden können. Ich habe alle meine Pläne, Aufzeichnungen ... und Entwürfe ... verbrannt.« Mit einem Male überfiel Bezug ein furchtbarer Schrecken. Es war unzweifelhaft, daß Hecht plötzlich wahnsinnig geworden war. Die Wandlung von Zorn zu Entsetzen war so jäh und durchzuckte ihn so, als werde er aus der Glut eines Schmelzofens plötzlich in eisiges Wasser gestoßen. Er sprang zurück, so rasch, daß ihm die mit einmal gespannte Schnur der Leitung die Hörmuschel aus der Hand riß. »Hainx,« schrie er, »ich bitte Sie ... kommen Sie doch ... nehmen Sie die andere Muschel ... ich glaube – Hecht ist verrückt.«

Dann, nach einigen Sekunden der Sammlung, begann er gleichsam suggestiv, begütigend, zuredend: »Machen Sie keine Witze, Hecht ... was sind das für kuriose Einfälle? – Warum sollten Sie denn die Pläne verbrennen. Und Ihre Aufzeichnungen ... lächerlich!«

»Es ist ... so ... ich habe alles verbrannt ...« Hechts Stimme war gepreßt, verschleiert, als ob er nur mit größter Mühe spräche.

Bezug machte eine verzweifelte Gebärde zu Hainx, der die andere Muschel ans Ohr hielt, eine Gebärde: also hören Sie nur, was ist da zu tun? Und dann schrie er wieder in den Apparat: »Dann werden Sie eben neue Pläne machen.«

»Dazu werde ich keine Zeit mehr haben.«

»Warum nicht?«

»Ich sagte Ihnen doch, daß ... ich ... sterbe. Ich habe vor einer Viertelstunde ... Veronal genommen. Ich glaube – die Dosis genügt.«

Bezugs Arm mit der Hörmuschel sank herab. Er schaute in Hainx' bleiches Gesicht und sah, daß diesem kein Zweifel kam. Aber noch einmal riß er die Muschel empor: »Was haben Sie genommen?« brüllte er in den Apparat, als ob er noch immer nicht glauben könne.

»Veronal«, antwortete Hecht.

»Vorwärts ... Hainx ... vorwärts,« schrie Bezug, »laufen Sie ... Sie dürfen nicht zu spät kommen. Er muß gerettet werden. Nehmen Sie einen Arzt mit ... nur rasch ...« Und obzwar Hainx keine Hoffnung hatte, sprang er auf, riß seinen Rock und seinen Hut vom Kleiderrechen und rannte, ohne ein Wort zu sagen, hinaus.

»Hören Sie, Hecht ... Hecht ... sind Sie am Telephon?«

»Ja!« kam es mühsam zurück.

»Sie dürfen nicht sterben. Der Arzt wird kommen ... Sie werden gerettet werden. Tun Sie doch etwas ... So reden Sie doch ... warum sprechen Sie nicht? Haben Sie kein Gegengift zur Hand ... Sie sind doch Chemiker ... Sie werden gerettet werden ...«

»Ich habe gewartet ... bis es zu spät ist ...«

»Und warum denn nur? Ich bestehe ja nicht darauf ..., ich gebe Ihnen Elisabeth schon früher. Gleich, wenn Sie wollen ...« Und als darauf keine Antwort kam, schrie er: »Hören Sie nicht? So sprechen Sie doch.«

»Ich kann nicht ... mehr stehen ... der Schlaf kommt ...« und es gab ein dumpfes Dröhnen im Apparat. Da wußte Bezug, daß Hecht die Hörmuschel aus der Hand gefallen war. Aber er blieb am Telephon und schrie unaufhörlich hinein, bat ihn, doch wenigstens noch ein Wort zu sagen, drohte und rief endlich die wütendsten Beschimpfungen in den Apparat. Dann hielt er inne ... sah mit verstörten Augen nach der Uhr, über deren Zifferblatt der Zeitgeier unbarmherzig im Takt des Pendels mit den Flügeln schlug. Zweimal rannte er im Zimmer auf und ab und nahm die Muschel wieder ans Ohr. Hainx mußte, wenn er alles aufgeboten hatte, jetzt bald bei Hecht sein. Es war nichts zu hören. Was war das? Wo blieb Hainx?

Und wieder begann Bezug in den Apparat zu rufen, fast unfähig, sich auf den Beinen zu halten, den einen Arm gegen die Wand gestemmt. Er hielt inne ... die Flügelschläge des Zeitgeiers schienen ein Rad zu treiben, das unaufhaltsam einem Abhang zurollte.

Plötzlich begann die Membran der Hörmuschel leise zu summen ... ein leichtes Geräusch war aufgenommen und weiter geleitet. Verworrene Stimmen ... sie waren da ... sie waren in Hechts Zimmer getreten. Dann wieder Stille ...

»Was ist denn? Was ist denn?« schrie Bezug ins Telephon. Aber niemand gab ihm Antwort. Und Bezug wiederholte seine Frage, immer lauter, brüllend, bis sich die Stimme überschlug.

»Hallo ... Sind Sie da?« hörte er Hainx am Telephon.

»Ja ... Ja ... Ja!«

»Er ist tot!«

»Tot?«

»Nichts mehr zu machen, sagt der Arzt. Mausetot.«

Da faßte Bezug die Hörmuschel mit festem Griff und schlug auf den Apparat los, daß das Holz splitterte und krachte und die Membranen mit wehem Laut zerplatzten. Und als er nicht mehr weiter konnte, warf er die Muschel mit einem Fluch in die Ecke des Zimmers.

Hainx brachte Bezug ein beschriebenes Blatt, das er auf dem Schreibtisch des Toten gefunden hatte. Auf diesem Blatt stand: »Teurer Meister! Meine große ›Idee‹ ist selbstverständlich ein Unsinn. Nie wird es dem Menschen gelingen, die unendliche Fülle der Natur zu überwältigen. Das mußte jeder einsehen, nur gerade Sie konnten es nicht. Wenn ich einen anderen hätte gewinnen wollen, so hätte ich innerhalb des Möglichen bleiben müssen. Ihnen mußte ich das Unmögliche anbieten. Sie haben darnach gegriffen. Leben Sie wohl. Wenn ich jetzt auf alles zurückblicke, so muß ich mir gestehen, es war ein guter Spaß. Ganz Ihr ergebener Hecht.«


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