Maximilian Schmidt
Die Künischen Freibauern
Maximilian Schmidt

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I.

»Herrliches Böhmerland!«

»Wohl herrlich und gesegnet. Sieh nur, so weit das Auge reicht: saftig grüne Matten, goldgelbe Felder, ein Meer von Bergen und Hügeln mit Burgen und Schlössern, dazwischen glitzernde Flüsse und Bäche, zunächst die goldführende Wottawa, zahllose Ortschaften und Gehöfte. Wem sollte das Herz nicht aufgehen bei einem solch großartigen Anblick!«

»Aber wende die Blicke nach rückwärts, Marianka, sieh, wie unheimlich düster ist's dort.«

»Unheimlich nennst du das, Paula? Unsern Böhmerwald, unsere Heimat? Nicht düster, sondern großartig, 6 feierlich ernst ist diese endlose Waldmasse. Es ergreift mich bei ihrem Anblick ein eigenes Gefühl, eine Sehnsucht – ich weiß nicht, nach was. Wie Andacht ist's. Man fühlt sich dem Schöpfer nahe. Wer kann es aussprechen, was man da fühlt?«

»Mir ist's,« entgegnete Paula der Schwester, »als wären diese Berge mit ihren endlosen Waldmassen die letzte Grenze der bewohnten Welt, eine undurchdringliche Mauer, welche unser Böhmerland abschließt gegen die jenseits gelegenen Länder.«

»Sie bildeten einstens auch diese undurchdringliche Mauer,« belehrte die ältere Schwester, »so lange, bis der heilige Günther, nach welchem dieser Felsen benannt ist, auf dem wir stehen, die Wildnis durchbrach und Böhmen mit dem Reiche verband.«

»Der heilige Günther, der Einsiedler? Wie konnte ein einziger Mann ein solches Werk vollbringen?«

»Es halfen ihm schon noch einige Laienbrüder dabei,« versetzte Marianka, ein etwa zwanzigjähriges Mädchen von schlanker Gestalt. Ihr Haupt, von üppigen, dunklen Haarflechten umschlungen, bedeckte zum Schutze gegen die Sonne ein feines, weißgesticktes Tuch. Frisch war ihr Gesicht, aus dem ein paar große, dunkelblaue Augen entschlossen in die Welt blickten. Ihre Kleidung war gleich jener ihrer sechzehnjährigen Schwester, welche ihr zwar sehr ähnlich, jedoch bedeutend kleiner war, ihrem Range und ihrer Bildung angemessen, mehr nach herrischem Schnitte, aber dennoch schmuck und vorteilhaft. Sie war die Tochter des Oberrichters der künischen Freibauern, welche heute in dem zu Füßen des Güntherfelsens gelegenen Orte Gutwasser eine Zusammenkunft und wichtige Beratung hatten.

7 Paula war heute zum ersten Male hier und es machte Marianka Freude, der Schwester Auskunft geben zu können.

»Erzähle mir doch von dem heiligen Günther,« bat diese. »Wie kam dieser fromme Mann dazu, ein solches Werk zu vollbringen?«

Und Marianka teilte der Schwester mit, was sie wußte.

Endlose Waldmassen und Sümpfe bedeckten vor Zeiten das Böhmerwaldgebirge. Eine unheimliche Stille herrschte in diesem Urwalde, welche nur hin und wieder unterbrochen wurde, wenn ein Bär durch die Wildnis brummte oder die darüber wandernden Kraniche ihr Geschrei erhoben. Am längsten blieb jener Teil des Gebirges ein undurchdringliches Bollwerk, in welchem sich die Quellengebiete des Regens einerseits und diejenigen der Wottawa andererseits befinden, bis zu Anfang des elften Jahrhunderts ein Laienbruder, Namens Günther, aus dem Benediktinerstifte Niederaltaich jenes Bollwerk durchbrach und einen neuen Steig durch die grauenhafte Wildnis bahnte.

Günther war ein geborener Fürst von Hessen und Thüringen und ein Verwandter Kaiser Heinrichs II. Früher ein lebensfroher, namentlich am Hofe zu Prag gefeierter Kavalier, trat er, schon fünfzig Jahre alt, im Jahre 1006 in den genannten Orden, zog aber alsbald den Einzelnkampf des Eremitenlebens vor und verbarg sich mit einigen Ordensbrüdern in der Waldwüste am Flüßchen Rinchnach, woselbst er einige Zellen und eine Kapelle baute. Nachdem ihm Kaiser Heinrich II. den umliegenden Forst, mehrere Meilen im Umfange, überlassen, begann er mit eigener Hand und unterstützt von seinen Laienbrüdern, einen Steig 8 durch den Urwald nach Böhmen zu bahnen. – Der von ihm geschaffene Böhmerweg (via Boemorum) wurde zur Heerstraße, als Günther selbst auf jenem im Jahre 1040 den Rest des von dem Böhmenherzog Bretislaw geschlagenen deutschen Heeres unter Kaiser Heinrich III. zurück in die Heimat führte und dieser im nächsten Jahre auf demselben Wege in Böhmen eindrang, um den Herzog für die erlittene Niederlage zu züchtigen. Trotz seiner Parteinahme für Heinrich starb Günther doch in den Armen des ihn hochverehrenden böhmischen Herzogs in seiner Einsiedelei auf dem Güntherfelsen bei Gutwasser 1045 in seinem 94. Lebensjahre. Man nennt ihn den »heiligen Gunderi« und zu seiner Kapelle wallfahrten zahllose Scharen von Bayern und Böhmen und verherrlichen den gottgesegneten Mann in Gebeten und Gesängen.

An und zunächst des Günthersteiges entwickelte sich alsbald ein reger Handel und Wandel und es ward dann als dringendes Bedürfnis erkannt, das mit Urwald bedeckte Gebiet ebenfalls urbar zu machen und zu bevölkern. Hiezu wurden ausschließlich deutsche Bauern verwendet, welche ohnedies das Vorgebirge inne hatten und tüchtige Arbeiter waren, da die im Innern Böhmens lebenden Slaven, jeder Kultur abhold, für Gewerbe, Handel, Berg- und Ackerbau gar kein Verständnis hatten. Fast das ganze Gebiet vom Passe von Neumark bis hinab gegen Zdikau, eine Strecke von etwa 40 Kilometer, war Eigentum der königlichen Kammer und deshalb der »Künische (königliche) Wald« oder »königliche Waldhwozd« genannt. Um nun die deutschen Bauern zur Niederlassung in dieser unwirtlichen Gegend geneigter zu machen, erhielten sie von Herzog Bretislaw I. (1041) einen Gnadenbrief, wornach sie unter 9 Nachlassung aller Steuern und Abgaben die Freiheit erhielten, daß sie und ihre Nachkommen auf ewige Zeiten robotfrei, niemand zinsbar und nur der königlichen Kammer unterthänig sein sollen. In Folge dessen wurden sie die »Künischen Freibauern« genannt.

Aber nicht kulturelle Zwecke allein, sondern auch die Verteidigung der Grenze hatte der Böhmenherzog bei Gründung dieses Freibauernstandes im Auge. Sie sollten, gleich den Choden bei Taus, eine Verteidigungskolonie des südlichen Gebirges bilden und dadurch das Bollwerk von Bergen und Wäldern, die natürliche Schutzwehr gegen feindliche Angriffe von außen, noch verstärken.

Sie hießen deshalb auch die »Hwozder Grenzwächter.« Durch Feuerzeichen auf den Berggipfeln mußten sie etwa nahende Kriegsgefahr anzeigen.

Diese Kriegskolonie umfaßte jedoch nicht nur den Waldhwozd allein, sondern einen großen Teil der böhmischen Hochebene, des Bezirkes mehrerer später selbständiger, landtäflicher Güter im gegenwärtigen Neuerner-, Schüttenhoferer-, Bergreichensteiner und teilweise Winterberger Bezirke, welche den eigentlichen »Waldhwozd« umgeben und von denen einige im Verlaufe der Zeit zu größeren Herrschaften vereinigt wurden, denn die innere Linie dieser Verteidigungskolonie ging von dem Orte Hochwartl (Stráz) bei Taus über Drosan zur Burg Wellhartic, von da über den Berg Borek zum Berge Stráz bei Wolschow, zog sich dann gegen Hartmanic und von da in südlicher Richtung bis unterhalb Winterberg. –

Das eigentliche Haupteingangsthor (porta terrae) in dieser Richtung war der Günthersteig unweit dem heutigen Marktflecken Hartmanic (theloneum in Presnich 10 genannt), welches nicht nur in militärischer und politischer, sondern auch in finanzieller Beziehung Bedeutung hatte, da hier der Eingangszoll für auf dieser Einbruchstraße aus Bayern kommende Waren entrichtet wurde. Die Maut befindet sich in der Nähe des Güntherfelsens, wo die künische Hochebene beginnt.Das dortige Einkehrhaus führt im Schilde die Worte: »Jetzt sind wir auf der Eben.«

Nachdem die Stadt Schüttenhofen mit ihrem Gebiete infolge der Vermählung Ludmillas, der Witwe Graf Alberts III. von Bogen, Tochter Herzog Friedrichs von Böhmen, mit Herzog Ludwig I., dem Kelheimer, an Bayern gekommen war, bei welchem sie von 1192–1273 verblieb, wurden auch aus Bayern zahlreiche Kolonisten zur Ausrodung in die Waldwildnis gebracht und denselben die gleichen Rechte, wie den andern künischen Freibauern zugestanden. Sie waren gleichfalls robotfrei, durften Bier brauen, Branntwein brennen und hatten freie Jagd und Fischerei auf ihren Gründen und Gewässern. Das ganze Gebiet war in neun Gerichtsbezirke eingeteilt, in die Gerichte von St. Katharina, Hammern, Eisenstraß, Seewiesen, Haidl, Kochet, Alt- und Neustadeln und Stachau.

Mit Ausnahme von Stachau bestanden sämtliche Freigerichte nur aus deutschen Kolonisten. Sie hießen »königliche Freigerichte«, denn sie hatten nach alter deutscher Sitte das Recht, ihren eigenen Richter zu wählen, der sich verpflichten mußte, ihre Rechte zu schützen. Ueber diesen Richtern stand der Oberrichter, welcher in Seewiesen seinen Wohnsitz hatte. Er leitete alle Rechtsangelegenheiten, wie das Steuer- und Konscriptionswesen u. a. Wie die alten Deutschen auf ihre Freiheit hielten und keine herrische 11 Abhängigkeit duldeten, so waren auch die Freibauern des Böhmerwaldes stolz in dem Bewußtsein, daß ihre Ahnen nur einzig und allein dem König von Böhmen, niemals anderer Herrschaft unterthan waren.

Trotzdem ließ es sich König Sigmund im Jahre 1429 beikommen, die sogenannten Königsdörfer an Bohuslaw von Rinnberg zu verpfänden. Die Bewohner derselben erlegten jedoch eigenhändig Lösegeld und kamen so alsbald aus dem Privatschutze des Kammergläubigers wieder in die ursprüngliche Eigenschaft unmittelbar königlicher Schutzleute zurück.

Den Freibauern blieben bei dieser Verpfändung wohl ihre Rechte gewährt, doch hatten sie an den Kammergläubiger ihre Steuern zu zahlen, und man zeigte sich sehr geneigt, sie wie andere robotpflichtige Unterthanen zu behandeln. Ihre Freibriefe und später das erlegte Lösegeld schützten sie davor.

Die Freibauern wurden indessen durch die fast ununterbrochenen politischen und religiösen Fehden in ihrem friedlichen Wirken sehr gestört. Aber trotz all der Wunden, welche die Hussitenkriege dem Böhmerlande und mit ihm den Besitzungen der Freibauern geschlagen, erholten sich diese doch schnell immer wieder.

Zu ihrem Verdrusse wurden jedoch die Freibauern unter Kaiser Rudolf II. im Jahre 1578 abermals verpfändet und zwar an Johann von Lobkowitz den Ältern um fünftausend Schock meißnischer Groschen,Ein Schock Groschen ist 2 Thaler, sonach 5000 Schock gleich 10,000 Thaler = 30,000 Mark. freilich mit dem Vorbehalt der Wiederablösung. Jener Pfandschilling ging aber auf Wolf von Kolowrat im Cessionswege über 12 und so kamen die Königsdörfer dann an dessen Sohn Zdenko und später an dessen Witwe, Juditha von Kolowrat.

Diesen fortwährenden Wechsel ihrer Schutzherrschaft betrachteten die Freibauern nachgerade als ein Unglück und sie beratschlagten unter sich, wie sie sich wieder und für alle Zeit unter die unmittelbare Oberherrschaft der Krone bringen könnten. Demgemäß verabredeten sie sich auf den St. Bartholomäustag 1617 zu einer allgemeinen Versammlung nach Gutwasser. Sie wollten ihre Unmittelbarkeit wieder erreichen, so lange noch Kaiser Mathias über Böhmen zu herrschen hatte, denn es war vorauszusehen, daß nach dessen Tode infolge der Unzufriedenheit des Adels mit Ferdinand, dem künftigen Thronerben und bereits gekrönten König von Böhmen, dieses wieder in einen blutigen Bürgerkrieg verwickelt würde, eine Befürchtung, die sich in ungeahnt schreckenerregender Weise verwirklichen sollte.

Marianka hatte dies alles in allgemeinen Umrissen der aufmerksam zuhörenden Schwester erzählt, welche ihr nun dankend die Hand drückte, dann aber noch wißbegierig diese und jene Frage stellte, welche ihr Marianka bestmöglichst beantwortete.

Die beiden Mädchen hatten gar nicht darauf geachtet, daß die andere Spitze des Felsens von einem seiner Kleidung nach vornehmen Herrn erstiegen wurde, der sich dort niederwarf, um sich gleichfalls an der herrlichen Rundschau zu ergötzen.

Die Goldsand führende Wottawa erglänzte, je höher die Sonne stieg, gleich einem silbernen Bande, und mit Entzücken wandten die Schwestern nun wieder ihre Aufmerksamkeit dem inneren Lande Böhmens zu. Marianka 13 erklärte der Schwester, wie viele dieser Ortschaften mit Gold- und Silberbergbau gesegnet seien, so auch das zu ihren Füßen zunächst Gutwasser gelegene Hartmanitz, und daß nicht mit Unrecht gesagt würde, wenn in dieser Gegend ein Hirte einen Stein nach seiner Kuh werfe, wisse man nicht, was wertvoller sei, der Stein oder die Kuh.

Nun aber blieb Mariankas Blick auf einem Punkte haften, der all ihre Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen schien. Sie überhörte mehrere Fragen Paulas, bis diese endlich ungeduldig ausrief:

»Aber Marianka, wo schaust du denn hin?«

Marianka wies mit dem Finger in die Ferne.

»Sieh nur, wie die Fenster von der mächtigen Burg dort herüber glänzen,« sprach sie. »Kannst du dir nicht denken, wie sie heißt? Sie liegt kaum zwei Stunden von Seewiesen entfernt und der Vater ist dort ein gern gesehener Gast.«

»Ah, dann weiß ich's schon!« rief das Mädchen. »Es ist Welhartitz, von dem du mir so oft erzählst?«

Marianka bejahte und als ob sie einen frohen Gruß hinüber senden wollte, fügte sie mit leuchtenden Augen bei:

»Ja, Welhartitz! Dort habe ich als Kind vergnügte und glückliche Stunden verlebt.«

Sie sprach diese Worte in so lautem und freudigem Tone, daß sie der auf dem andern Felsenvorsprung ruhende Mann wohl vernehmen konnte.

»In Welhartitz?« fragte dieser, sich erhebend und neugierig nach den beiden Mädchen blickend.

Marianka sah ihn jetzt ebenfalls aufmerksam an und entgegnete dann halb zögernd, halb freudig:

14 »Herr, Ihr seid doch nicht – der Junker von Welhartitz – Wolf von Perglas?«

»Gewiß bin ich's!« sprach der junge Mann herüber; »aber Euch, schöne Jungfrau, kenne ich nicht – und doch – je mehr ich Euch betrachte, desto bekannter sind mir Eure Züge.«

»Dann betrachtet nur zu,« erwiderte lachend, aber doch errötend das Mädchen.

Sein Blick ging prüfend von einer Schwester zu der andern, dann rief er:

»Ihr seid Marianka, des Oberrichters von Seewiesen Tochter?« Und sich mit der Hand vor die Stirne schlagend, fügte er bei: »daß ich Euch nicht sofort erkannte!«

Er verließ eiligst die Felsenspitze und begab sich zu den Mädchen, um diese zu begrüßen.

»Ist's denn möglich, sich so zu verändern?« rief er verwundert, Marianka die Hand zum Gruße reichend.

»Je nun, es sind sechs bis sieben Jahre, seit wir uns nicht mehr sahen,« meinte Marianka lächelnd. »In dieser Zeit kann man sich wohl verändern; 's ist ja bei Euch nicht anders, Junker Wolf.«

Sie blickte dabei mit sichtlichem Wohlgefallen nach dem etwa vierundzwanzigjährigen Junker in dem grausamtenen Wams und den hohen, hellen, bis an die Schenkel reichenden Sporenstiefeln. Ein grünes Samtbarett mit Reiherfedern schmückte das braunlockige Haupt des Jünglings. Sein hübsches, blühendes Gesicht zeigte natürliche Heiterkeit. Ein kleines, braunes Schnurrbärtchen zierte seine Oberlippe.

»Seit wann seid Ihr von Prag zurück?« fragte sie dann den jungen Mann.

15 »Seit der Krönung Ferdinands zum König von Böhmen. Ich mag unter ihm nicht dienen. Nach Welhartitz kam ich erst vor einigen Tagen.«

»So seid Ihr auch ein Gegner unseres künftigen Herrn?« sagte das Mädchen mit einem Blicke des Vorwurfs auf den jungen Mann.

»Ihr wißt doch: ich bin Protestant. Doch lassen wir das! Wallfahrer kommen; hört Ihr sie singen? Sie werden auch hierher kommen, sich an dieser herrlichen Aussicht zu erfreuen, an dem Anblick der reichen Fruchtfelder. Bald sind die goldenen Ähren geschnitten und der Wind weht über die Stoppeln. Gönnen wir ihnen den Anblick. Wer weiß, ob sie ihn nicht in den nächsten Jahren entbehren müssen. Machen wir ihnen Platz!«

»Ihr schaut trübe in die Zukunft, Junker,« sagte Marianka, ihn mit einem prüfenden Blicke von der Seite betrachtend. Dann stiegen sie schweigend von dem Felsen. Junker Wolf war nicht gewillt, dieses Gespräch weiter zu führen.

Als sie unten angekommen, wieder ebenen Boden betraten und an den neugierig nach dem Junker blickenden Wallfahrern vorbeigeschritten waren, fragte Wolf die Jugendfreundin, wie es ihr bis jetzt ergangen. Diese erzählte ihm, daß sie mehrere Jahre hindurch in einem Kloster zu Linz ihre Ausbildung genossen habe, aber nach dem Tode ihrer Mutter nach Hause gerufen worden sei, um neben ihrer Muhme den Haushalt zu leiten und die Erziehung ihrer jungen Schwester zu vollenden.

»Da ist sie wohl recht streng mit Euch?« fragte der junge Mann Paula.

»O nein, dazu ist sie viel zu gut,« erklärte diese 16 eifrig, sich zärtlich an die Schwester schmiegend. »Furcht habe ich nur vor dem Vater. Er ist oft so unwirsch mit uns, mit allen Leuten.«

»Das bringt sein Amt mit sich,« belehrte Marianka; »die immerwährenden Streitigkeiten mit der Schutzherrschaft –«

»Mit Frau Juditha von Kolowrat?« fragte der Junker neugierig.

»Ach ja!« seufzte Marianka. »Doch verzeiht, gerade fällt mir ein –«

»Was fällt Euch ein? Etwa gar das lächerliche Gerücht, daß ich mit Frau Juditha verlobt sei? Mag sein, daß diese Dame ihre Gunst über mich hat leuchten lassen, daß sie vielleicht auch gewünscht hat – aber ich habe das auch nur durch das Gerücht erfahren, gottlob nicht selbst erlebt. Lassen wir das! Sagt mir lieber, sind die »Künischen« heute deshalb hier versammelt, um sich von Frau Juditha frei zu machen?«

»So ist's!« bekannte das Mädchen. »Sie wollen dem Kaiser die Pfandsumme geben, damit sie wieder unter seine Unmittelbarkeit kommen.«

»Das allein wird nicht genügen,« erwiderte Wolf. »Der Kaiser braucht Geld. Wenn er nicht selbst von dem Handel Vorteil hat, wird er nicht darauf eingehen, denn die Kolowrat halten zu ihm und er braucht jetzt Freunde. Bieten ihm aber die Künischen außer der Pfandsumme, die er ja an Juditha zurückgeben muß, noch eine weitere ansehnliche Gabe, so werden sie ihren Zweck erreichen. Das, Marianka, sagt dem Vater, aber noch ehe die Freibauern wieder auseinander gehen. Und sagt ihm auch, daß es gut sein dürfte, dem Kaiser das Geld ohne Verzug 17 zu bringen, sonst könnte er von wichtigeren Dingen in Anspruch genommen werden.«

»Ich will das nicht versäumen,« erwiderte Marianka. »Ich danke Euch für den wohlgemeinten Rat.«

»Die Perglas halten es stets mit den Künischen,« erwiderte Wolf. »Gehörte ja unsere Besitzung Welhartitz selbst zum Gebiete derselben, bis sie als eigenes Dominium davon getrennt wurde. Insoferne sind wir sowohl, wie mein Freund Hracin, Herr auf Hrádek, ebenfalls »Künische.« Jetzt aber sprechen wir von uns selbst. Ihr habt vorhin gesagt, Ihr hättet in Welhartitz glückliche Stunden verlebt? Diese Stunden verlebten wir gemeinsam als glückliche, sorgenfreie Kinder. Euer Vater verstand es, dem meinen zu Gefallen zu sein. Er versah uns mit den schönsten Pferden, die er selbst gezüchtet, und handelte dafür Getreide von uns ein; das Schönste dabei aber war, daß Ihr ihn bei solchen Gelegenheiten begleiten durftet, denn ich freute mich stets auf Euer Kommen.«

»Und ich tanzte vor Freude, wenn der Vater mich dorthin mitnahm; es war immer so lustig dort. Einmal – wißt Ihr noch – wie die Zigeuner während des Mahles aufspielten und wir uns auf den Gang hinausschlichen, um dort Czardas zu tanzen?«

»Und wie wir in unserm Eifer der großen Treppe zu nahe kamen und über dieselbe hinabkollerten –«

»Festverschlungen, denn Ihr ließt nicht los –«

»Ihr auch nicht,« lachte der Junker. »Der Unfall lief glücklich ab; ich hatte zwar ein Loch im Kopf, doch Ihr bliebt unversehrt. Euer Schutzengel bewährte sich vortrefflich.«

18 »Spottet nicht!« sprach Marianka ernst. »Wir hätten beide das Genick brechen können.«

»Wie schade wäre das gewesen! Da hätten wir nicht mehr mit dem Fischer hinabsteigen können zur Wostruzna, um beim Forellenfang zu helfen, was wir doch so gerne thaten. Erinnert Ihr Euch noch daran?«

»Oft!« versicherte Marianka. »Fließt ja die Wostruzna auch knapp an unserm Hofe vorüber. Wie beneidete ich oft das rasch dahineilende Wässerchen um seinen Weg, der es an Eurer schönen Burg vorüberführte. Ich gab ihm in meiner kindlichen Einfalt Grüße mit. –« Sie stockte plötzlich tief errötend. »Verzeiht,« sagte sie dann in holder Verwirrung; »wer erinnert sich nicht gerne der glücklichen, sorgenlosen Kinderzeit.«

»Ja, ja, das ist das verlorene Paradies, das niemals wiederkehrt und das im rauhen Leben nur allzu früh und unbarmherziger Weise verwischt wird. Das gemahnt mich an meine Pflicht. Ich muß gegen Mittag wieder in Hartmanitz sein, wo sich die Herren der ganzen Gegend versammeln. Mein Vater liegt an einem Gichtanfall zu Bette, ich habe seine Stelle zu vertreten.«

»Doch bei keiner Protestversammlung?« fragte Marianka erschrocken und den Junker besorgt anblickend.

»Wie kommt Ihr zu dieser Frage?« fragte nun Wolf seinerseits überrascht.

»Je nun – Eure vorige Bemerkung der Künischen wegen –«

»Richtet Eurem Vater aus, was ich Euch sagte. Er braucht's ja nicht zu sagen, daß der Rat von mir kam. Er ist klüger als ich, er wird wissen, was er davon zu 19 halten hat. Gutwasser liegt vor uns. Lebt wohl! Ich reite sofort nach Hartmanitz. Dort auf freiem Felde unter dem alten Eichenbaum sehe ich eine Versammlung, das werden die Künischen sein. Grüßt mir Euren Vater, Marianka. Ich hoffe Euch bald in Seewiesen begrüßen zu können.«

Er blickte dem Mädchen lange in die tiefblauen Augen, als wollte er aus denselben das vorhin erwähnte verlorene Paradies seiner Kindheit hervorzaubern. Marianka war es wundersam zu Mute, sie konnte ihr Auge nicht von seinem trennen. »Lebt wohl!« sagte er nochmals rasch. »Gedenket meiner, wie ich es thun werde, so oft ich zur Wostruzna hinabblicke; vielleicht bringt sie mir dann einen Gruß von Euch.« Die beiden Mädchen freundlich grüßend, entfernte er sich dann raschen Schrittes zum Einkehrhause und sprengte wenige Minuten später auf prächtigem Rappen gen Hartmanitz. Er grüßte im Vorüberreiten nochmals die beiden Mädchen, die ihm erfreut nachwinkten.

Marianka sah noch lange nach der Stelle, wo der Reiter ihren Augen entschwunden war. Es war ihr, als ob sich düstere Schatten über ihr Herz breiteten, das noch vor wenigen Minuten über das Wiedersehen des Jugendfreundes so freudig bewegt war. Fürchtete sie doch, daß eine Versammlung des mit König Ferdinand unzufriedenen Adels zu keinem guten Ende führen könne, denn ihr Vater sagte oft: Wer sich der Macht nicht beugt, der wird zu Grunde gehen. 20


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