Peter Rosegger
Nixnutzig Volk
Peter Rosegger

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Ein Tag der Unzukömmlichkeiten.

Das war ein Tag der Unzukömmlichkeiten, wie solche von Zeit zu Zeit abgehalten werden müssen in einem Landesschulrate. Die Herren saßen beisammen im hohen Rate. Mancher verfügte über ein gemütliches Gesicht, aber heute hatte er es zu Hause gelassen. Heute mußte das strenge aufgesteckt werden, das Amtsgesicht, und das ist bei den Herren Schulräten besonders martialisch!

Es handelte sich um Einläufe über unzukömmliche Vorfälle in den Landschulen.

»Wir haben heute, meine Herren,« sagte einleitend der Vorsitzende, ein Mann mit eckigem, tiefgebräuntem Gesichte, dessen graue Äuglein scharf und unbeglast auslugten im Gegensatz zu den vier übrigen Räten, die trotz ihrer bewaffneten Augen verhältnismäßig friedlich dreinschauten. »Wir haben heute – Sie Franz, bringen Sie doch einmal die Mappe B. – wir haben heute einige Einläufe zu erledigen, die – danke!« Er legte die Mappe vor sich zurecht und nahm die schmalgebogenen Aktenstücke heraus.

»Haben Sie die Güte, Herr Doktor!« Er lud den Nächstsitzenden ein, das Schriftstück vorzulesen.

»Bitte!« sagte der Doktor und ergriff das Blatt.

»Haben die Herren etwas dagegen, wenn ich das Fenster öffne? Es wird schwül.«

Dienstbereit flogen die Flügel auf.

Der Doktor begann: »Also, Nummer eins. Eine erbauliche Katechetengeschichte, meine Herren. Sie erlauben.«

Die einen bliesen ihre Nasen pusternd ins Sacktuch aus, die anderen putzten mit dem Sacktuchzipf ihre Augengläser – wohl damit sie besser sollten hören können.

»In Kleingöding,« begann der Doktor, das einemal in den Bogen, das anderemal über den Rand desselben hinausblinzelnd, »hat der dortige Cooperator in der dritten Volksschulklasse über die Wunderkraft der heiligen Namen geredet, und zur Erhärtung seines Lehrstückes folgendes Exempel erzählt: Da war – der Berichterstatter versichert, daß es der Wahrheit gemäß wörtlich wiedergegeben ist. Da war einmal ein frommer Mann, der einen Starmatz besaß und demselben aus kindlicher Frömmigkeit die drei heiligen Namen einlernte. Des Morgens, wenn der Mann aufwachte, begrüßte ihn der Star mit dem Rufe: Jesus, Maria und Josef! Desgleichen, wenn er an die Arbeit ging, oder zu Tische, oder wenn er sich des Abends schlafen legte. Auch wenn der Vogel Hunger oder Durst hatte, oder ein anderes Leid, als wenn die liebe Sonne zum Fenster hereinschien, rief er in Schmerz oder Freude die drei Worte aus, also daß das Haus jeden Augenblick mit den heiligen Namen besegnet ward. Nun trug es sich zu, daß eines Tages aus Unachtsamkeit der Magd, der Star seinem Käfig entkam und hinausflog in den grünen Wald. Und zur Stunde stieß vom hohen Himmel ein Geier nieder auf das arme wehrlose Tier. ›Jesus, Maria und Josef!‹ kreischt der Vogel in größtem Schreck. Was geschieht? Als der Geier diesen Ruf hört, prallt er zurück, es erlahmen seine Flügel und er stürzt in den Abgrund. Daraus erseht Ihr, liebe Kinder.« – Und nun die Moral: »Gewöhnet Euch an, die heiligen Worte recht oft auszusprechen. Wenn sie schon beim unvernünftigen Tier eine solche Wunderwirkung haben, um wie mehr erst beim Christenmenschen.«

Der Doktor hatte das gelesen und dann den hohen Rat der Reihe nach angeblickt.

»Nun? Was sagen die Herren dazu?« fragte der Vorsitzende.

Der eine stemmte den Ellbogen auf den Tisch, stützte das Haupt auf die Hand und brummte: »Es ist ganz niederträchtig, den Kindern mit solch naturwidrigem Gefasel den Kopf zu verwirren. Solches Altweibergeschwätz, anstatt die Kleinen in den Naturwissenschaften zu unterrichten, sie darüber aufzuklären, daß der Starmatz und der Geier auf dogmatische Dinge pfeifen.«

Der Vorsitzende blickte auf den Nächsten. Dieser tat einen großen Atemzug und sagte: »Wenn ich der Sache von diesem Starmatz und dem Geier auch keine besondere Bedeutung beimessen möchte, so finde ich doch – offen gestanden –.« Er brach ab, wollte dem Vorsitzenden mit seiner Meinung nicht vorgreifen. Denn dieser hatte noch nicht gesprochen, obschon ihm entschieden das erste Wort gebürte. Denn er war ein Graf.

»Nun, bitte, Herr Rat!«

»Exzellenz!« murmelte ein dritter und machte mit der Hand eine Bewegung, gleichsam, als gebe er Sr. Exzellenz darüber das Wort, ob man dem Katecheten den Geier durchgehen lassen solle, oder ihm eine Rüge erteilen müsse.

Seine Exzellenz zuckte die Achseln und sagte kurz und trocken: »Was weiter? Ist halt ein klerikaler Geier gewesen.«

Sie lachten und der Bogen wurde beiseite gelegt. Nun kam das zweite Stück dran. Es war die Beschwerde des Dorfschulrates zu Mitterwies darüber, daß der Lehrer den Kindern gesagt hatte, es sei nicht wahr, daß die Sonne aufgeht. Es drehe sich vielmehr die Erde um die Sonne. Man bitte hohenorts, eine so offenkundige Lüge zu bestrafen. Als Zeuge einerseits, daß der Lehrer die Worte wirklich ausgesprochen habe, und anderseits, daß die Sonne Tag für Tag aufgehe, erböte sich die ganze Gemeinde Mitterwies.

Seine Exzellenz legte das Aktenstück beiseite und sprach: »Die Herren aus Mitterwies werden demnächst dem Reichsrate wahrscheinlich eine Gesetzvorlage unterbreiten, es möge beschlossen werden, daß in Zukunft die Erde nicht mehr um die Sonne kreisen darf, sondern die Sonne täglich pflichtgemäß auf- und unterzugehen hat, damit man ihretwegen nicht am Ende gar die Schulbücher abändern müsse!«

Sie lachten und eine weitere Erledigung dieser Beschwerde aus Mitterwies hat nicht stattgefunden.

Das dritte Aktenstück schloß sich insofern an das erste, als es den Katecheten einer Marktgemeinde verklagte. Dieser hatte nämlich bei Behandlung des Altarssakramentes den Schulkindern folgende Geschichte erzählt: In alter Zeit, als in Deutschland fast noch heftiger als heute das Christentum verfolgt wurde, ging eines Tages ein Priester mit Monstranze und Hostie aus, um einem Sterbenden die letzte Wegzehrung zu spenden. Und als der fromme Mann so im Gebete dahinwandelte, da wurde er plötzlich angefallen von berittenen Heiden, die ihn mißhandelten und des hochwürdigsten Gutes beraubten. Dann ritten sie davon, zerbrachen die Monstranze, um das Gold derselben unter sich zu teilen, und die Hostie warfen sie zur Erde. Dort blieb sie liegen unter Heidekraut, von wildem Gewürme umzingelt. Da flog zur Zeit ein Bienenschwarm über die Heide, und als diese Tierchen die Hostie liegen sahen, umflogen sie die Stelle im Kreise und huben an, aus wilden Blumen Wachs zu sammeln und aus Wachs ein Tabernakel, mit Trepplein und feinen Säulen und einem kunstreichen Baldachin. Und in die zierliche kleine Halle hoben sie die heilige Hostie. Also blieb das Tempelchen stehen, Hirten fanden es und an derselben Stelle wurde eine Kirche erbaut, genannt die Immenkirche, in welcher das Wunderwerk der Bienen heute noch zu sehen ist.

So war die Katechetengeschichte dem Schulrat hinterbracht worden. Da schlug einer der Herren Räte die Hand auf den Tisch und rief aus: »Das ist nun aber schon zu arg! Das sind Faustschläge ins Gesicht der Natur und der Wahrheit! Wie kann bei systematischer Züchtung solchen Unsinnes der Lehrer den Kindern die Naturgesetze einprägen? Das ist ja die reinste Schule des Aberglaubens. Das Tierreich so in die Religion hineinzuzerren. Ich glaube, meine Herren, das können wir länger nicht dulden!«

Der Exzellenz-Präses zuckte ein wenig die Achseln und meinte, da müsse man erst einen Immenzüchter fragen, ob die Bienen auch Altäre und Tabernakel bauen können. Wenn ja, dann falle der Akt dem Gewerbeamte zu.

Sie lachten wieder ergebenst. Aber ganz unten am grünen Tische saß ein altes Männlein, das bisher geschwiegen hatte. Jetzt räusperte es sich angelegentlich und hob das Wort: »Wenn ich mir erlauben darf, geehrte Herren! Die bisher geäußerten Auffassungen in so ernsten Dingen scheinen mir nicht recht am Platze zu sein. Ich frage, wollen wir in der Schule noch Religion, oder wollen wir keine?«

»Unsere Religion ist Gerechtigkeit und Sittlichkeit,« versetzte einer der Räte.

»Gut. Also dann keine Religion. Die Gerechtigkeit besorgt das Gesetz und die Sittlichkeit besorgt der Brauch.«

»Religion muß sein!« sagte der Nebensitzende würdevoll. »Das Volk muß Religion haben.«

»Jeder Mensch muß Religion haben,« rief das alte Männlein, »und er hat sie, wenn oft auch nur unbewußt. In jedem – er müßte denn allzu frivol sein, Exzellenz! – ist eine Sehnsucht nach Übernatürlichem, ein Durst nach Geheimnisvollem und Weihevollem, nach höchster Erhebung dessen, was wir gut und schön nennen. Diesen überweltlichen Sinn im Menschen ausbilden, gehört zur Erziehung, zur Bildung. Wenn im religiösen Unterrichte nichts Schlimmeres vorkäme, als was unsere heutigen Aktenstücke aufweisen, wir könnten zufrieden sein. Die beiden Legenden, die uns zur Prüfung vorliegen, finde ich geradezu schön und rührend. Sie zeigen, daß Gott nicht bloß für den Christenmenschen da ist, sondern auch für die Tiere und deuten damit die Zusammengehörigkeit und Göttlichkeit aller Kreatur an. Das schadet den Kindern gar nicht. Und auch nicht den Erwachsenen.«

»Der Starmatz!« lachte jener, »und diese bigotten Bienen! Das ist ein Unsinn.«

»Aber Religion müsse sein, sagen Sie?« entgegnete der Alte. »Hören Sie einmal. Wenn Sie an die Transsubstantiation glauben, oder sie lehren lassen wollen, dann können Sie diesen Starmatz mit dem Geier und diese tabernakelbauenden Bienen getrost mit in den Kauf nehmen. Ganz getrost. Derlei Legenden sind wahrlich nicht das Schlechteste in der katholischen Kirche. Der Name des Heilandes zähmt die Raubtiere, Bienen haben Mitleid mit dem obdachlosen Gott und bauen ihm eine Hütte. Ich gestehe, mich berücken solche Geschichten geradezu. Und wer da befürchtet, daß sie den kindlichen Sinn von der realen Welt zu sehr ablenken und in den Aberglauben hineintreiben könnten, der lasse alle Poesie außerhalb der Schulstube und verwehre auch den Dichtern Eingang mit ihren sinnigen Fabeln, Legenden und Liedern. Das ist meine Meinung. Ebenso überflüssig ist es, sich über den Lehrer zu ereifern, der ein astronomisches Naturgesetz vorgetragen hat, oder über einen rührenden Ortsschulrat, der das Kreisen der Erde um die Sonne verbietet. Der heutige Tag der Unzukömmlichkeiten ist nach meiner Meinung nachgerade gegenstandslos. Wenn wir den Leuten den Rat geben, fürder in der Schule Dinge nicht zusammenzumengen, die nicht zusammengehören, so glaube ich, daß wir unseres Amtes gewaltet haben. Naturgeschichte für den Kopf, Religion fürs Herz –«

»Und Slivowitz für den Magen!« sagte Se. Exzellenz, die Sitzung aufhebend.

 


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