Peter Rosegger
Nixnutzig Volk
Peter Rosegger

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Dämon Weib.

Abend im Walde.

Rula: Nein, niemals das, mein lieber, schöner Rabenbart, meinen Mann betrüge ich nicht!

Rabenbart: Und immer wieder dieser schielend' Spion, der mich eines halbverreckten Auerhahns wegen in den Kotter gebracht hat. Daß du dich an den hast verwerfen können, du Herzmädel! Ja! Ja! Für mich bist du noch ein Mädel, und wenn du zehnmal getraut worden wärest mit diesem Giftmaul! Mein Mädel wirst du sein!

Rula: Bleib' mir vom Leibe! Hältst du mich für eine solche? da irrst du, mein Lieber. Es bleibt dabei, meinem Mann will ich treu sein, so lang' er lebt.

Rabenbart: Und dann? Ließest du dich dann von mir gern haben?

Rula: Du bist ja ein herziger Kerl.

Rabenbart (leidenschaftlich): Und ich soll warten, bis dieses Unkraut verdirbt? Mach mich nicht rasend, Rula!

Rula: Wenn ich dir schon am Tag nach seinem Tod erlaubte zu kommen?

Rabenbart (lauernd): Wann soll denn das sein, Mädel? Wohl bis die Katz ihre ersten Eier legt.

Rula: Geh jetzt hübsch heim zu deinem Weib und denke darüber nach, daß auch für den schönen Großbauern nicht jeder Apfel vom Baume fällt, sobald er dran rüttelt.

Rabenbart (zärtlich): Geh' Kindel, wenn das dein Ernst wär', müßtest du ein bissel anders dreinschauen! Deine schwarzen Augen sind aufrichtiger als deine Zung. Komm!

Rula: Kannst du denn nicht eine Minute ruhig bleiben? (Leise): Höre einmal, ich will dir eine Geschichte erzählen. Vielleicht kommst du dabei auf andere Gedanken. Aber sie ist ja gar nicht lang. Du kannst derweil deinen Kopf auf meinen Arm legen, so. Und jetzt merke hübsch auf. – Da war einmal eine junge Häuslerin und ein sauberer Großbauer. Und die hatten sich lieb. Aber sie konnten nicht zusammenkommen, weil der Ehemann der Häuslerin ein argwöhnischer Alter war, sie bewachte, wie der Drache den Schatz. Was geschah? In einer Nacht sieht sie in der Kornkammer, die just gegenüber ihrem Fenster steht, Licht. Sie weckt ihren Mann, daß er hinausgehe, um nachzusehen und den Dieb zu verscheuchen. Als er vor die Türe tritt, fällt von der Kornkammer ein Schuß, der Alte stürzt zu Boden und ist tot. Der Dieb ist entflohen und niemals ist aufgekommen, wer es getan hat.

Rabenbart (schweigt ein Weilchen und sagt dann gedehnt): Rula, ich verstehe. Aber solche Gedanken solltest du nicht haben.

Rula: Habe ich denn Gedanken? Heb' dich weg jetzt, ich will heim.

Rabenbart: Ist das dein letztes Wort?

Rula: Mein erstes und mein letztes. Ein braves Weib bleibt ihrem Mann treu, so lang' er lebt.

Rabenbart: Gut.

Nacht in der Hütte.

Rula: Johannsel! – – Johannsel!

Johannsel (schlaftrunken): Was ist denn? Was hast denn?

Rula: Hörst du nichts? Draußen in der Kornkammer war vorhin ein Gepolter. Du hast doch den Schlüssel abgezogen?

Johannsel: Geträumt wird dir haben. Laß mich schlafen.

Rula (sich im Bette aufrichtend): Aber um Gotteswillen, es ist ein Licht in der Scheune! Schau doch ins Fenster. Es ist jemand draußen. Diebe sind in der Kornkammer. Johannsel, steh' auf.

Johannsel (sich langsam erhebend): Was Teufel sind denn das für Geschichten bei der Nacht?

Rula: So nimm es doch wahr! Ein Dieb ist beim Korn. Du mußt ihn verjagen gehen.

Johannsel: Wie viel Uhr mag's denn sein?

Rula: Lieber Mann, das ist jetzt alles eins. Häng' geschwind den Rock um, zünd' die Latern an, nimm den Stecken und geh' hinaus.

Johannsel: Aber ich sehe und höre ja nichts. Laß mich doch in Ruh', ich will schlafen.

Rula: Du wirst dir doch nicht das Korn in Säcken davontragen lassen. Schlafen kannst nachher.

Johannsel: Glaubst, daß ihrer mehrere sind?

Rula: Gott nein, 's ist halt so ein alter Haderer. Neben deiner auf dem Kasten liegen die Streichhölzer. Mach', mach'!

Johannsel: Sollt' man nicht lieber den Nachbar rufen?

Rula: Die Latern' steht auf dem Kasten. Mach' doch, daß du hinauskommst.

Johannsel: (während er sich sehr langsam anzieht): Verdammter Schelm, den Kornkasten ausrauben! Na wart, Lump, die heutige Nacht sollst du dir merken.

(Während er säumig die Laterne anzündet, blickt sie ihn an, mit großen schönen Augen. Ein absonderlicher Blick.)

Rula: Geh' ihn nur scharf an. Er lauft davon, wirst sehen.

Johannsel: Den will ich lehren, Korn stehlen! (Endlich trottet er zur Tür hinaus in die Nacht, da knallt ein Schuß.) Jesus Maria! – Weib! Hilf mir! Hilf mir! (Er bricht zusammen, sein Haupt schlägt hart an die Wand der Hütte.)

Rula (springt vom Bette auf, reibt die Fäuste ineinander und zischt vor sich hin): Aus ist's! Endlich! (Einige Minuten später geht sie auf die Gasse und schreit kläglich): Nachbarn! Nachbarn! Kommt zu Hilfe! Diebe! Räuber! Mörder! Meinen Mann haben sie mir erschossen!

Morgen im Großhof.

Rabenbart (ihr entgegenkommend): Ist es wahr? ist es möglich? Von einem Unglück hört man bei dir?

Rula: Hören, sagst? Du mußt ja mehr wissen davon.

Rabenbart: Wieso soll ich mehr wissen? Erst hat mir's der Knecht gesagt.

Rula (bläst ihm zu): Willst du's etwa leugnen? Hab' durchs Fenster dein Gesicht genau erkannt, beim Schutzfeuer.

Rabenbart (flüsternd): Ich bitte dich! Man könnte es hören.

Rula (schreiend): Und man wird es hören!

Rabenbart: Die Geschichte von der Häuslerin. Weißt du?

Rula: Meinen Kopf, wenn ich was gesagt habe! (Sie blickt ihn verächtlich an.) Armer Schelm! Ich kann dich jetzt hängen lassen!

Rabenbart: Rula! Dann – hängst du mit!

Rula: Oho, Bürschl! Das war jetzt nicht fein von dir. Das Gericht möcht' ich sehen, das wegen Geschichten erzählen Leute hängt.

Rabenbart: Mach' doch jetzt keine dummen Späße, Mädel. Wir wollen Anstalten treffen, den Raubmörder zu verfolgen.

Rula: Hast denn du Angst vor dem Raubmörder? Wieso denn das? Er ist ja nicht so schlimm, er tut dir nichts. Du kannst dich leicht erlösen. Weißt, ich muß ja nichts gesehen haben, wenn – wenn ich Großbäuerin werde, und – dein eheliches Weib!

Rabenbart: Mein eheliches Weib?

Rula: Billiger ist die Witwe nicht zu haben, mein Schönster! Und dein Leben auch nicht – verstehst?

Rabenbart: Mein eheliches Weib? Hat dir das Unglück den Verstand geraubt? Mein Haus ist zwar groß, aber zwei Eheweiber haben doch nicht Platz darin.

Rula: So muß die eine weg.

Rabenwort: Was? Was sagst du?

Rula: Schöner Rabenbart, warum bist du denn so blaß? Schande über einen Mann, der andere umbringt und dem selber die Hosen blädern vor dem Sterben.

Rabenbart: Rula, Herzmädel! Hi, hi, du bist spaßig, hi, hi!

Rula: Ich hätt' den Meinigen hergeben müssen und du wolltest die deinige behalten! Das wär' ein ungleiches Spiel. Nein, mein Lieber, weil wir schon so weit sind, so will ich jetzt Großbäuerin sein. Bist denn nicht einverstanden? Wenn man dir glauben darf, habe ich dir doch besser gefallen, als die andere.

Rabenbart (in plötzlicher Verzweiflung losbrechend): Bestie, laß mir mein Weib in Frieden!

Rula: Dann gehst du. Wohin, das weißt du.

Rabenbart: Törichte Reden sind's, törichte Reden. Sei gescheit, Rula. Leicht begreiflich, die Aufregung, jetzt. Werden uns schon verstehen. Soll dein Schaden nicht sein.

Rula: Du kannst ihr einen Trunk richten.

Rabenbart: Was sagst du?

Rula: Ich weiß ein Salz dazu . . .

Rabenhart (starr, kalt, verändert): Ein Salz? – Dann will ich doch lieber sehen, ob noch Pulver da ist.

(Er geht rasch ins Haus. In der nächsten Minute kracht ein Schuß.)

Das Gesinde (läuft aus dem Hause und schreit): Der Bauer! Der Bauer! Er liegt auf Erden!

 


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