Peter Rosegger
Nixnutzig Volk
Peter Rosegger

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Die Familie Kolbenblutt.

Im Hause des Rentmeisters Kolbenblutt herrscht eine strenge Zucht. Da ist sogar das Kranksein verboten. Das Kranksein vor allem! Nichts kann der Frau Kolbenblutt einen größeren Schrecken, einen tieferen Abscheu einjagen als irgend ein körperliches Leiden. Sie hält derlei geradezu für unsittlich, die ganze Erziehung ihrer Kinder geht darauf hinaus, daß sie gesund seien.

Und doch müssen sie immer krank sein, doch hält der Wagen des Arztes vor keiner Tür so oft, als vor der ihren. Wenn jemand im Hause den Schnupfen hat – der Arzt muß gerufen werden. Wenn jemand hustet – der Arzt! Muß ein Kind des Tages zweimal hinaus, oder in zwei Tagen nur einmal – der Arzt! Hat die Frau Kopfweh oder die Magd Zahnweh oder der Junge ein bißchen Ohrenreißen – also gleich der Arzt!

»Warum ißt du denn nicht, Kind?« wird das Mädchen gefragt, wenn es den zweiten Semmelknödel ablehnt. »Du hast keinen Appetit, du hast dir den Magen verdorben. Oder sind etwa gar die Masern in Anzug? Ich will den Doktor holen lassen.«

»Poldi! Du hast mir heute so verdächtig rote Flecken auf den Wangen. (Denn der Junge hat eine schlechte Schulnote in der Tasche.) Geh, lang' einmal deine Hand her, daß ich den Puls greif'. Mein Gott, das Kind hat ja Fieber! Die Mali soll sofort zum Doktor laufen. Ich lass' bitten, so schnell als möglich!«

»Mann, du bist ja heiser! Lass' mich einmal in den Hals gucken. Der ist gerötet auf der linken Seite. Auch die Zunge ist belegt. Am Ende bekommst du mir die Influenza. Am besten, du legst dich gleich ins Bett, ich lass' den Doktor holen.«

»Aber Mädel, was fällt dir ein! Du wirst heute doch nicht mit der Frühjahrsbluse ausgehen! Es geht ja der Wind! Sofort ziehe mir den Tuchmantel an!«

»Seitenstechen, sagst du? Warum laufst du wie nicht gescheit! Auf der rechten Seite? Stark? Du wirst mir noch eine Rippenfellentzündung bekommen, Franz. Das dumme Turnen! Die Turnstunden werden aufgehoben, hörst du! Heute bist du das letzte Mal gewesen. Ich werde mir nicht die Gesundheit meiner Kinder verderben lassen! – Es wär' schon wieder gut? Das ist nicht wahr. Seitenstechen wird nicht so schnell gut. Ich werde den Doktor holen lassen.«

»Jetzt schau aber, daß du ins Zimmer kommst! Da auf dem zugigen Gang – kehr' um die Hand, hast wieder dein Reißen! Heute bleibst du im Zimmer, es ist regnerisch. Warm, was warm! Es ist regnerisch, sage ich, und auf ja und nein ist wieder eins krank!«

»Mann! Gustl! Was hast du denn? Jesus Maria! Gustl, was ist dir denn! Ihr Heiligen Gottes, steht uns bei! Gustl! Gustl!« Die Frau ist aufgesprungen und schlägt mit beiden Fäusten auf den Rücken des Herrn Gemahls los, der sich bei einem Trunk Wasser ein bißchen verschluckt hat und mit einem Hustenkrampf kämpft. Er wehrt mit den Händen ab, kann kaum zu sich kommen, weil die Frau ihn wie tobsüchtig bearbeitet. Das ganze Haus ist zusammengelaufen und weil sie immer noch grauenhafter um Hilfe ruft, so meinen die Leute, der Herr ersticke, bis er sich endlich ruhig räuspern kann, und schimpfen über das Geschrei, wenn einmal ein Wassertropfen »in den unrechten Hals kommt.«

Die Schulzeugnisse der Kolbenbluttschen Kinder sind voll versäumter Lehrstunden. Alle natürlich korrekt entschuldigt mit Krankheiten. Die Kinder wollen schon gar nicht mehr in die Schule, weil sie immer rückständig sind. »Ist kein Unglück!« meint die Mutter. »In der schlechten Schulzimmerluft werden sie doch allemal krank und bringen von andern allerlei Ansteckungen heim. Gesundheit ist die Hauptsache. Auf alles andere pfeif' ich.« Die Kinder waren's soweit ganz zufrieden.

Keines der Kinder will in der Nähe der Mutter schlafen, denn so oft eines hustet, wird es ausgezankt. Wenn es trotzdem das zweite- oder gar das dritte Mal hustet, so wird es gestraft. Sie haben die Mutter sehr lieb, wenn sie aber einmal ein paar Tage abwesend ist, dann sind sie ganz vergnügt – nun darf man wieder einmal ungeniert einen Huster tun. Nun braucht man nicht mehr zu ersticken bei Unterdrückung eines augenblicklichen Hustenreizes, nun kann man, wenn's einmal in der Nase beißt, frisch drauf los niesen. Man kann auch kaltes Wasser trinken, in Hemdärmeln und barfuß im Garten herumlaufen. Natürlich schadet das dem verweichlichten Geschöpflein und das führt die Mutter dann mit schrecklichem Zorn als Beweis dafür an, daß ihre Vorsicht notwendig und die richtige Methode sei, um die »Fratzen« gesund zu erhalten.

Die älteren Kinder sind demnach richtig schon Hypochonder geworden. Sie trauen keinem frischen Luftzug, keiner freien Bewegung, keinem derben Stück Brot mehr – das könnte schaden. Spüren sie irgendwo im Leibe ein Zwicken und Zwacken, so fahren sie erschreckt auf, forschen ängstlich nach, ob sich nicht da eine Krankheit entwickele und schreien nach jedem vorübergehenden Unbehagen nach dem Arzt. Einzelne Leiden, die besonders in der Jugend sich öfters einstellen, als Kopfweh, Katarrhe, Magendrücken, Ohrenreißen und dergleichen, halten sie für besonders krankhafte Anlagen, für beginnendes Siechtum. Hingegen besuchen sie skrupellos Bälle, trinken in der Erhitzung kaltes Bier, rauchen Tabak ins Maßlose – das schadet nicht. Das treiben ja auch andere so. Wenn man nicht einmal mehr so kleine Genüsse soll haben dürfen, dann hat das Leben überhaupt keinen Wert. Dann sei es am besten – eine Kugel! – Zwischen Angst vor Fensterluft und Hang zum Revolver pendelt der moderne Mensch. Frau Kolbenblutt hat daran wohl auch einige Schuld.

Körpergesundheit ist freilich eine Hauptsache, aber man erreicht sie nicht durch völlige Außerachtlassung krankhafter Anlagen, nicht durch rücksichtslose Abhärtung, und auch nicht mit dem Gegenteil. Die Gesundheit liegt nicht rechter Hand und nicht linker Hand, sondern – geradeaus. Aber wie man's da treibt, ist mit der größten Fürsorge die größte Rücksichtslosigkeit verbunden.

Der Hausarzt der Kolbenblutts ist ein Greis von mehr als siebzig Jahren, er ist gichtisch und asthmatisch und sehnt sich nach verantwortungsvoller Tageslast bei Schwerkranken abends allemal nach dem Bette. Und siehe, um Mitternacht wird er geweckt. Unverzüglich zum Rentmeister Kolbenblutt kommen! Eines der Kinder hat die Diphtheritis! – Er steht auf und geht hin und findet an dem fünfjährigen Mädchen eine leichte Angina. Ein einfacher Prießnitz-Umschlag, wie ihn bei solchen Fällen andere Hausfrauen zu machen verstehen, hätte die Sache behoben. Gott sei Dank! sagt die Mutter, insgeheim hat sie aber doch ihren Ärger. »Der Doktor nimmt halt alles so leicht.«

Sonst hat jedes Haus seine kleine Apotheke gehabt von altbewährten Hausmitteln. Nein! Derlei lehnt Frau Kolbenblutt energisch ab, mit beiden Händen! »Ich fange nicht an zu patzen! Mit der Gesundheit ist nicht zu spielen. Wenn wer krank ist, geht man zum Doktor! Mir ist noch keines gestorben!«

Keines gestorben, aber auch keines gesund. Treibhauspflänzchen. Und zwar solche, an denen fortwährend herumgezwickt und geschmiert wurde. Hatte eines Schnupfen – zum Doktor. Hatte es Zahnreißen – zum Dentisten. Hatte es Gliederschmerzen – zum Masseur. Hatte es sich ein Speilchen in den Finger gestoßen – zum Chirurgen. Hatte es ein gerötetes Auge – zum Augenarzt. – Hatte es einen überladenen Magen – zum Mediziner. In den meisten Fällen wäre es schon am nächsten Tage gut, aber man wartet nicht darauf, man läuft zum Arzt und ist empört, wenn er nicht im Augenblick zur Verfügung steht.

Drei Diurnistenfamilien könnten jahraus jahrein leben von dem Gelde, das die Kolbenblutts für Ärzte ausgeben, und doch sind sie immer »krank«.

Die Ängstlichkeit ist eines unserer größten Übel. Wer ist denn heutzutage überhaupt vollkommen gesund? Und wie viel hat selbst der Gesunde Tage, an denen er nicht irgendwo an seinem Körper einmal einen Schmerz, ein Unbehagen empfindet? Wer da allemal die Hände über den Kopf zusammenschlagen wollte, da gebe es mehr Hände über den Köpfen, als Köpfe über den Händen. Man behalte vielmehr den Kopf oben. Man denke doch nicht immer nur an sein leibliches Befinden! Unser Körper ist manchmal ein Simulant, ohne daß wir es wissen. Wenn wir jeglicher seiner krankhaften Regungen Gehör geben, so fängt er bald an, die Sachen aufzubauschen. Wenn man alle seine Finessen gleich beachtet und bedenkt, dann fängt man eben an, »bedenklich« krank zu werden. Wenn man seine Versuche, zu außergewöhnlichen Zeiten in ein warmes Bett zu kommen, gelassen überhört und übersieht, verdrießt es ihn weiter nicht, sondern tritt wieder frisch und munter ins Leben. Wenn man sie aber lockt, die schalkhaften kleinen Schmerzen, wenn man ihnen geradezu entgegenkommt, dann packen sie aus und spielen sich auf die schönsten Krankheiten hinaus.

In einer Nacht war es, daß Ricki, das kleinste Töchterchen der Kolbenblutts, gar bitterlich schluchzte. Die Mutter, schwer erschrocken, stand auf und fragte, was der Kleinen denn wäre um Gotteswillen!

»Mama! Mama!« stöhnte das Kind, »ich habe so Angst, daß ich krank werde.«

»Mein Gott, tut dir was weh?«

»Jetzt noch nicht, aber ich habe so Angst, daß ich krank werde.«

»Das arme Kind!« klagte die Frau ihrem Manne, »es ist so aufgeregt. Ich will doch morgen den Doktor holen lassen.«

Ihr Mann hat sie schon vielfach beschworen: »Lass' es, Margaret', es ist ja nichts, es geht vorüber!« Und sie: »Du bist auch so einer! Weil dir die paar Groschen Doktorhonorar leid tun, sollen die armen Wesen leiden wie Hunde, wenn's nicht schlimmer wird, Gott bewahre uns. Du hast kein Herz für deine Kinder.«

Der Doktor hat ihr schon oft zu verstehen gegeben: »Wenn an den Kindern etwa die und die Erscheinungen auftreten sollten, so wenden Sie bloß das und das an, und brauchen Sie sich nicht die Mühe zu nehmen, mich holen zu lassen. Ich bin auch nicht immer zu Hause, weil es Schwerkranke gibt.«

»Du, mir scheint, unser Doktor will streiken,« sagte die Frau einst zu ihrem Manne. »Nun, wenn es ihm nicht gefällig ist, es gibt noch andere Ärzte. Ich werde meine Kinder nicht verkommen lassen, wenn ihnen was ist. Es ist doch gescheiter, man schaut dazu, bevor sie schwer krank werden, nicht?«

Unvorsichtig tat Herr Kolbenblutt einen ungeduldigen Huster.

»Du könntest auch einmal was tun für deinen verdächtigen Husten,« rief sie, »wenn du erst die Lungensucht hast, dann ist es zu spät.«

So sind sie – und so bleiben sie.

Eines Tages ersuchte mich diese Frau, etwas in ihr Stammbuch zu schreiben. Sie hat eins angelegt für »berühmte Leute zum Einschreiben, und weil die Frau Bezirksrichterin auch eins hat«. Ich schrieb aufs Blatt: »Man muß nicht zu jeder Krankheit, die anklopft, herein sagen.«

»Siehst du, Gustl!« rief sie triumphierend ihrem Mann zu, »der Rosegger sagt's auch! Er fürchtet sich auch vor den Krankheiten. Wenn sie einmal im Hause sind, dann ist's zu spät.«

 


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