Paul, Hermann
Prinzipien der Sprachgeschichte.
Paul, Hermann

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404 Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Die Gemeinsprache.

§ 286. In allen modernen Kulturländern finden wir neben vielfacher mundartlicher Verzweigung eine durch ein grosses Gebiet verbreitete und allgemein anerkannte Gemeinsprache. Wesen und Bildung derselben zu untersuchen ist eine Aufgabe, die wir notwendigerweise bis zuletzt verschieben mussten. Wir betrachten wieder zunächst die gegebenen Verhältnisse, die sich unserer unmittelbaren Beobachtung darbieten.

Wir sind bisher immer darauf aus gewesen die realen Vorgänge des Sprachlebens zu erfassen. Von Anfang an haben wir uns klar gemacht, dass wir dabei mit dem, was die deskriptive Grammatik eine Sprache nennt, mit der Zusammenfassung des Usuellen, überhaupt gar nicht rechnen dürfen als einer Abstraktion, die keine reale Existenz hat. Die Gemeinsprache ist natürlich erst recht eine Abstraktion. Sie ist nicht ein Komplex von realen Tatsachen, realen Kräften, sondern nichts als eine ideale Norm, die angibt, wie gesprochen werden soll. Sie verhält sich zu der wirklichen Sprechtätigkeit etwa wie ein Gesetzbuch zu der Gesamtheit des Rechtslebens in dem Gebiete, für welches das Rechtsbuch gilt, oder wie ein Glaubensbekenntnis, ein dogmatisches Lehrbuch zu der Gesamtheit der religiösen Anschauungen und Empfindungen.

Als eine solche Norm ist die Gemeinsprache wie ein Gesetzbuch oder ein Dogma an sich unveränderlich. Veränderlichkeit würde ihrem Wesen schnurstracks zuwider laufen. Wo eine Veränderung vorgenommen wird, kann sie nur durch eine ausserhalb der Norm stehende Gewalt aufgedrängt werden, durch welche ein Teil von ihr aufgehoben und durch etwas anderes ersetzt wird. Die Veranlassungen zu solchen Veränderungen sind auf den verschiedenen Kulturgebieten analog. Ein noch so sorgfältig ausgearbeiteter Kodex wird doch immer eine gewisse Freiheit der Bewegung übrig lassen, und immer werden sich in der 405 Praxis eine Reihe von unvorhergesehenen Fällen herausstellen. Der Kodex kann aber auch Schwierigkeiten enthalten, hie und da mehrfache Deutung zulassen. Dazu kommt nun Missverständnis, mangelhafte Kenntnis von Seiten derer, die nach ihm verfahren sollten. Er kann endlich vieles Unangemessene enthalten teils von Anfang an, teils infolge einer erst nach seiner Festsetzung eingetretenen Veränderung der sittlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Diese Unangemessenheit kann die Veranlassung werden, dass sich das Rechtsgefühl der Gesamtheit oder der massgebenden Kreise gegen die Durchführung des Gesetzbuchstabens sträubt. Das Zusammenwirken solcher Umstände führt dann zu einer Änderung des Gesetzbuches durch die Staatsgewalt. Gerade so verhält es sich mit der Gemeinsprache. Sie ist nichts als eine starre Regel, welche die Sprachbewegung zum Stillstand bringen würde, wenn sie überall strikte befolgt würde, und nur soweit Veränderungen zulässt, als man sich nicht an sie kehrt.

Bei alledem ist aber doch der Unterschied, dass die Gemeinsprache nicht eigentlich kodifiziert wird. Es bleibt im allgemeinen der Usus, der die Norm bestimmt. Es kann das aber nicht der Usus der Gesamtheit sein. Denn dieser ist weit entfernt davon ein einheitlicher zu sein. Auch in denjenigen Gebieten, in welchen die Gemeinsprache sich am meisten befestigt hat, finden wir, dass die Einzelnen sehr beträchtlich voneinander abweichen, auch wenn wir sie nur in soweit berücksichtigen, als sie ausdrücklich bestrebt sind die Schriftsprache zu reden. Und selbst wenn diese Abweichungen einmal beseitigt wären, so müssten nach den allgemeinen Bedingungen der Sprachentwickelung immer wieder neue entstehen. Sowohl um eine Einheit herbeizuführen als um eine schon vorhandene aufrecht zu erhalten, ist etwas erforderlich, was von der Sprechtätigkeit der Gesamtheit unabhängig ist, dieser objektiv gegenüber steht. Als solches dient überall der Usus eines bestimmten engeren Kreises.

§ 287. Wir finden nun aber, so weit unsere Beobachtung reicht, dass die Norm auf zweierlei Art bestimmt wird, nämlich einerseits durch die gesprochene Sprache, anderseits durch niedergeschriebene Quellen. Soll sich aus der ersteren eine einigermassen bestimmte Norm ergeben, so müssen die Personen, welche als Autorität gelten, sich in einem beständigen oder nach kurzen Unterbrechungen immer wiederholten mündlichen Verkehre untereinander befinden, wobei möglichst viele und möglichst vielseitige Berührungen zwischen den Einzelnen statthaben. In der Regel finden wir die Sprache einer einzelnen Landschaft, einer einzelnen Stadt als mustergültig angesehen. Da aber überall, wo schon eine wirkliche Gemeinsprache ausgebildet ist, auch innerhalb eines so engen Gebietes, nicht unbeträchtliche Verschiedenheiten zwischen 406 den verschiedenen Bevölkerungsklassen bestehen, so muss die Mustergültigkeit schon auf die Sprache der Gebildeten des betreffenden Gebietes eingeschränkt werden. Aber auch von dieser kann sich das Muster emanzipieren, und das ist z. B. in Deutschland der Fall. Es ist ein reines Vorurteil, wenn bei uns eine bestimmte Gegend angegeben wird, in der das ,reinste Deutsch` gesprochen werden soll. Die mustergültige Sprache für uns ist vielmehr die auf dem Theater im ernsten Drama übliche, mit der die herrschende Aussprache der Gebildeten an keinem Orte vollständig übereinkommt. Die Vertreter der Bühnensprache bilden einen verhältnismässig kleinen Kreis, der aber räumlich weit zerstreut ist. Die räumliche Trennung widerspricht aber nur scheinbar unserer Behauptung, dass direkter mündlicher Verkehr notwendiges Erfordernis für die Mustersprache sei. Denn der Grad von Übereinstimmung, wie er in der Bühnensprache besteht, wäre nicht erreicht und könnte nicht erhalten werden, wenn nicht ein fortwährender Austausch des Personals zwischen den verschiedenen Bühnen, auch den am weitesten von einander entlegenen stattfände, und wenn es nicht gewisse Zentralpunkte gäbe und gegeben hätte, die wieder den anderen als Muster dienen. Dazu kommt, dass hier auch eine kürzere direkte Berührung die gleiche Wirkung tun kann wie in anderen Fällen eine längere deshalb, weil eine wirkliche Schulung stattfindet, eine Schulung, die bereits durch lautphysiologische Beobachtung unterstützt wird. Die Ursachen, warum sich gerade die Bühnensprache besonders einheitlich und abweichend von allen Lokalsprachen gestalten musste, liegen auf der Hand. Nirgends sonst vereinigte sich ein so eng geschlossener Kreis von Personen aus den verschiedensten Gegenden, die genötigt waren in der Rede zusammenzuwirken. Nirgends war einem Verkehrskreise so viel Veranlassung zur Achtsamkeit auf die eigene und fremde Aussprache, zu bewusster Bemühung darum gegeben. Es musste einerseits der Notwendigkeit sich vor einem grossen Zuschauerkreise allgemein verständlich zu machen, anderseits ästhetischen Rücksichten Rechnung getragen werden. Aus beiden Gründen konnten dialektische Abweichungen auch nicht mehr in der Einschränkung geduldet werden, in der sie sich etwa zwischen den verschiedenen lokalen Kreisen der Gebildeten noch erhalten hatten. Es ist selbstverständlich, dass eine gleichmässig durchgehende Aussprache, an die sich das Publikum allmählich gewöhnt, das Verständnis bedeutend erleichtert. Jede Ungleichmässigkeit in dieser Beziehung ist aber auch für das ästhetische Gefühl beleidigend, wenn sie nicht zur Charakterisierung dienen soll. Gerade aber weil der Dialekt etwas Charakterisierendes hat, muss er vermieden werden, wo die Charakterisierung nicht hingehört. Indem nun verschiedene dialektische Nuanzierungen mit einander um die Herrschaft kämpften, bevor 407 es zu einer Einigung kam, konnte es geschehen, dass, wenn auch vielleicht im ganzen die eine überwog, doch in diesem oder jenem Punkte einer andern nachgegeben wurde. Massgebend für die Entscheidung musste dabei auch das Streben nach möglichster Deutlichkeit sein. Dies Streben musste aber auch zu einer Entfernung von der Umgangssprache überhaupt führen. Diejenigen Lautgestaltungen, welche in dieser nur dann angewendet werden, wenn man sich besonderer Deutlichkeit befleissigt, wurden in der Bühnensprache zu den regelmässigen erhoben. Es wurden insbesondere die unter dem Einflusse des Satzgefüges oder auch der Wortzusammensetzung entstandenen, von Assimilation oder von Abschwächung in Folge der geringen Tonstärke betroffenen Formen, nach Möglichkeit wieder ausgestossen und durch die in isolierter Stellung übliche Lautgestalt ersetzt. Es wurde mehrfach auf die Schreibung zurückgegriffen, wo die Aussprache schon abweichend geworden war. Gerade in diesen Eigenheiten, welche durch das Bedürfnis nach klarer Verständlichkeit für einen grossen Zuhörerkreis veranlasst sind, kann übrigens die Bühnensprache nie absolutes Muster für die Umgangssprache werden. In dieser würde das gleiche angespannte Streben nach Deutlichkeit als Affektation erscheinen.

Durch die Bühne wird also für die Lautverhältnisse eine festere Norm geschaffen als durch die Umgangssprache eines bestimmten Bezirkes. Aber auf die lautliche Seite beschränkt sich auch ihr regelnder Einfluss. Im übrigen wird ihr die Sprache von den Dichtern oktroyiert, und sie kann nach den andern Seiten hin nicht ebenso tätig eingreifen wie die Umgangssprache.

Die Übereinstimmung, welche in der Sprache desjenigen Kreises besteht, der als Autorität gilt, kann natürlich niemals eine absolute sein. Sie geht in einer Umgangssprache nicht leicht über dasjenige Mass hinaus, welches in der auf natürlichem Wege erwachsenen Mundart eines engen Bezirkes besteht. In einer künstlichen Bühnensprache kann man allerdings noch etwas weiter kommen. Und wie die Normalsprache nicht frei von Schwankungen ist, so unterliegt sie auch allmählicher Wandlung wie sonst eine Mundart. Denn sie hat keine anderen Lebensbedingungen wie diese. Wenn auch die Norm einem weiteren Kreise sich als etwas von ihm Unabhängiges gegenüberstellen kann, so kann sie dies nicht ebenso dem engeren massgebenden Kreise, muss vielmehr naturgemäss durch die Sprechtätigkeit desselben allmählich verschoben werden. Dies würde selbst geschehen, wenn dieser engere Kreis sich ganz unabhängig von den Einflüssen des weiteren halten könnte. Es ist aber gar nicht denkbar, dass er bei dem ununterbrochenen Wechselverkehre stets nur gebend, niemals empfangend sein sollte. Und auf diese Weise wird doch auch die Gemeinsprache durch 408 die Gesamtheit der Sprachgenossen bestimmt, nur dass der Anteil, den die Einzelnen dabei haben, ein sehr verschiedener ist.

§ 288. Die andere Norm der Gemeinsprache, welche mit Hilfe der Niederschrift geschaffen ist, bietet manche erhebliche Vorteile. Erst durch schriftliche Fixierung wird die Norm unabhängig von den sprechenden Individuen, kann sie unverändert auch den folgenden Generationen überliefert werden. Sie kann ferner auch ohne direkten Verkehr verbreitet werden. Sie hat endlich, soweit sie nur wieder die niedergeschriebene Sprache beeinflussen soll, ein sehr viel leichteres Spiel, weil um sich nach ihr zu richten es nicht nötig ist sein Bewegungsgefühl neu einzuüben, wie man es tun muss um sich eine fremde Aussprache anzueignen. Dagegen hat sie anderseits den Nachteil, dass sie für Abweichungen in der Aussprache noch einen sehr weiten Spielraum lässt, wie aus unseren Ausführungen in Kapitel XXI erhellt, daher als Muster für diese nur schlecht zu gebrauchen ist.

Für die Regelung der Schriftsprache im eigentlichen Sinne ist es jedenfalls möglich den Gebrauch bestimmter Schriftsteller, bestimmte Grammatiken und Wörterbücher als allein massgebende Muster hinzustellen und sich für immer daran zu halten. Das geschieht z. B., wenn die Neulateiner die Ciceronianische Schreibweise wiederzugeben trachten. Aber schon an diesem Beispiele kann man wahrnehmen, dass es auch da, wo ein ganz bestimmtes Muster klar vor Augen steht, schwer möglich ist etwas demselben ganz Adäquates hervorzubringen. Es gehört dazu, dass man sich mit dem Muster ununterbrochen vollkommen vertraut erhält, und dass man sich ängstlich bemüht alle anderen Einflüsse von sich fern zu halten. Wem es noch am besten gelingt, der erreicht es nur durch eine Selbstbeschränkung in der Mitteilung seiner Gedanken, durch Aufopferung aller Individualität und zugleich auf Kosten der Genauigkeit und Klarheit des Ausdrucks. Wie reich auch der Gedankenkreis eines Schriftstellers sein mag, so wird doch selbst derjenige, der mit ihm der gleichen Bildungsepoche angehört, in ihm nicht für alles das, was er selbst zu sagen hat, die entsprechenden Darstellungsmittel finden; viel weniger noch wird es ein späterer, wenn die Kulturverhältnisse sich verändert haben.

Eine Schriftsprache, die dem praktischen Bedürfnisse dienen soll muss sich gerade wie die lebendige Mundart mit der Zeit verändern. Wenn sie auch zunächst auf dem Usus eines Schriftstellers oder eines bestimmten Kreises von Schriftstellern beruht, so darf sie doch nicht für alle Zeiten an diesem Muster unbedingt festhalten, darf sich zumal nicht exklusiv gegen Ergänzungen verhalten, wo das Muster nicht ausreicht. Der Einzelne darf nicht mehr bei allem, was er schreibt, das Muster vor Augen haben, sondern er muss wie in der Mundart die 409 Sprachmittel unbewusst handhaben mit einem sicheren Vertrauen auf sein eigenes Gefühl, er muss eben dadurch einen gewissen schöpferischen Anteil an der Sprache haben, und durch das, was er schafft, auf die übrigen wirken. Der Sprachgebrauch der Gegenwart muss neben den alten Mustern, wo nicht ausschliesslich zur Norm werden. So verhält es sich mit dem Latein des Mittelalters. Indem die Humanisten die lebendige Entwickelung der lateinischen Sprache abschnitten und die antiken Muster wieder zu ausschliesslicher Geltung brachten, versetzten sie eben damit ganz wider ihre Absicht der lateinischen Weltliteratur den Todesstoss, machten sie unfähig fortan noch den allgemeinen Bedürfnissen des wissenschaftlichen und geschäftlichen Verkehrs zu dienen.

Indem sich eine Schriftsprache von den ursprünglichen Mustern emanzipiert, ist es allerdings unvermeidlich, dass sie an Gleichmässigkeit einbüsst, dass zwischen den Einzelnen mannigfache Abweichungen entstehen. Aber ein Zerfallen in verschiedene räumlich getrennte Dialekte, wie es in solchem Falle bei der gesprochenen Sprache unvermeidlich ist, braucht darum doch nicht einzutreten. Eine, und zwar die wichtigste Quelle der dialektischen Differenzierung fällt in der Schriftsprache ganz weg, nämlich der Lautwandel. Flexion, Wortbildung, Wortbedeutung, Syntax bleiben allerdings der Veränderung und damit der Differenzierung ausgesetzt, aber auch diese in einem geringeren Grade als in der gesprochenen Mundart. Eine Hauptveranlassung zu Veränderungen auf diesem Gebiete ist ja, wie wir gesehen haben, der Mangel an Kongruenz zwischen den Gruppierungsverhältnissen, die auf der Lautgestaltung und denen, die auf der Bedeutung beruhen. Von diesem Mangel ist ja natürlich auch die Schriftsprache in ihrer ursprünglichen Fixierung nicht frei, aber es werden in ihr nicht wie in der gesprochenen Mundart durch den Lautwandel fortwährend neue Inkongruenzen hervorgerufen, und es werden nicht die verschiedenen Gebiete durch eine abweichende Lautentwickelung in verschiedene Disposition zur Analogiebildung gesetzt. Es ist daher zu Veränderungen in den Bildungsgesetzen für Flexion und Wortbildung sehr viel weniger Veranlassung gegeben. Es treten aber nicht bloss weniger Veränderungen ein, sondern die, welche eintreten, können sich, so lange der literarische Zusammenhang nicht unterbrochen wird, leicht über das ganze Gebiet verbreiten. Wo sie nicht die nötige Macht dazu besitzen, werden sie in der Regel auch in dem beschränkten Gebiete, in dem sie sich etwa festgesetzt haben, übermächtigen Einflüssen weichen müssen. Am wenigsten wird die Einheit der Sprache gefährdet sein, wenn die alten Muster neben den neuen immer eine gewisse Autorität behaupten, wenn sie viel gelesen werden, wenn aus ihnen Regeln abstrahiert werden, 410 die allgemein anerkannt werden. Erhaltung der Übereinstimmung und Anbequemung an die veränderten Kulturverhältnisse sind am besten zu vereinigen, wenn man sich in der Syntax und noch mehr in der Formenbildung möglichst an die alten Muster hält, dagegen in der Schöpfung neuer Wörter und in der Anknüpfung neuer Bedeutungen an die alten Wörter eine gewisse Freiheit bewahrt. So verhält es sich auch im allgemeinen bei den gebildeteren mittellateinischen Schriftstellern.

§ 289. An dem Mittel- und Neulateinischen können wir am besten das Wesen einer Gemeinsprache studieren, die nur Schriftsprache ist.Eine ganz ausschliesslich nur in der Niederschrift lebende und sich entwickelnde Sprache ist allerdings auch das Mittellateinische nicht. Es wurde ja auch im mündlichen Verkehre verwendet. Auf die Entwickelung wird das aber von geringem Einflusse gewesen sein, da die Erlernung doch immer an der Hand schriftlicher Aufzeichnungen erfolgte. Dagegen ist ein anderer ausserhalb der schriftlichen Tradition liegender Faktor jedenfalls von grosser Bedeutung gewesen, namentlich für die Gestaltung der Syntax, nämlich die Muttersprache der Lateinschreibenden. Die nationalen Gemeinsprachen dagegen sind zugleich Schrift- und Umgangssprachen. In ihnen stehen daher auch eine schriftsprachliche und eine umgangssprachliche Norm neben einander. Es scheint selbstverständlich, dass beide in Übereinstimmung mit einander gesetzt und fortwährend darin erhalten werden müssen. Aber, wie wir im Kap. XXI gesehen haben, ist solche Übereinstimmung in Bezug auf die lautliche Seite im eigentlichen Sinne gar nicht möglich, und die Verselbständigung der Schrift gegenüber der gesprochenen Rede kann so weit gehen, dass die gegenseitige Beeinflussung fast ganz aufhört. Und gerade die Einführung einer festen Norm begünstigt diese Verselbständigung. Es erhellt daraus, wie notwendig eine besondere Norm für die gesprochene Sprache ist, da sich auf Grundlage der blossen Schriftform kaum eine annähernde Übereinstimmung in den Lautverhältnissen erzielen lassen würde, eher freilich noch mit einer Orthographie wie die deutsche als mit einer solchen wie die englische.

Ferner ist zu berücksichtigen, dass zwischen Schriftsprache und Umgangssprache immer ein stilistischer Gegensatz besteht, dessen Beseitigung gar nicht angestrebt wird. In Folge davon erhalten sich in der ersteren Konstruktionsweisen, Wörter und Wortverbindungen, die in der letzteren ausser Gebrauch gekommen sind, anderseits dringt in die letztere manches Neue ein, was die erstere verschmäht.

Eine absolute Übereinstimmung beider Gebiete in dem, was in ihnen als normal anerkannt wird, gibt es also nicht. Sie sind aber auch noch abgesehen von den beiden hervorgehobenen Punkten immer von der Gefahr bedroht nach verschiedenen Richtungen hin auseinander 411 zu gehen. Die massgebenden Persönlichkeiten sind in beiden nur zum Teil die gleichen, und der Grad des Einflusses, welchen der Einzelne ausübt, ist in dem einen nicht derselbe wie in dem andern. Dazu kommt in der Schriftsprache das immer wieder erneuerte Eingreifen der älteren Schriftsteller, während in der Umgangssprache direkt nur die lebende Generation wirkt. Um einen klaffenden Riss zu vermeiden, muss daher immer von neuem eine Art Kompromiss zwischen beiden geschlossen werden, wobei jede der andern etwas nachgibt.

§ 290. Wir haben oben § 30 gesehen, dass wir das eigentlich Charakteristische einer Mundart im Gegensatz zu den übrigen in den Lautverhältnissen suchen müssen. Dasselbe gilt von der Gemeinsprache im Gegensatz zu den einzelnen Mundarten. Man darf daher eine technische Sprache oder einen poetischen Kunststil ebensowenig mit einer Gemeinsprache wie mit einer Mundart auf gleiche Linie setzen.

§ 291. In jedem Gebiete, für welches eine gemeinsprachliche Norm besteht, zeigen sich die Sprachen der einzelnen Individuen als sehr mannigfache Abstufungen. Zwischen denen, welche der Norm so nahe als möglich kommen, und denen, welche die verschiedenen Mundarten am wenigsten von der Norm infiziert darstellen, gibt es viele Vermittlungen. Dabei verwenden die meisten Individuen zwei, mitunter sogar noch mehr Sprachen, von denen die eine der Norm, die andere der Mundart näher steht. Diese ist die zuerst in der Jugend erlernte, von Hause aus dem Individuum natürliche, jene ist durch künstliche Bemühungen im späteren Lebensalter gewonnen. Hie und da kommt es allerdings auch vor, dass man von Anfang an zwei nebeneinander erlernt, und durch besondere Umstände kann mancher auch im späteren Alter veranlasst werden eine von der Norm weiter abweichende Sprache zu erlernen und sich ihrer zu bedienen. Der Abstand zwischen den beiden Sprachen kann ein sehr verschiedener sein. Er kann so gering sein, dass man sie im gemeinen Leben nur als etwas sorgfältigere und etwas nachlässigere Aussprache unterscheidet; in diesem Falle stellen sich leicht auch noch wieder Abstufungen dazwischen. Es kann aber auch ein klaffender Gegensatz bestehen. Die Grösse des Abstandes hängt natürlich sowohl davon ab, wieweit die natürliche Sprache von der Norm absteht, als davon, wie nahe ihr die künstliche kommt. In beiden Beziehungen bestehen grosse Verschiedenheiten. Wenn man die künstliche Sprache im gemeinen Leben schlechthin als Schriftsprache bezeichnet, so zieht man dabei eine Menge ziemlich erheblicher lokaler und individueller Differenzen nicht in Rechnung; wenn man die natürliche Sprache schlechthin als Mundart bezeichnet, so übersieht man bedeutende Abstände innerhalb des gleichen engen Gebietes. Es kommen natürlich auch Individuen vor, die sich nur einer Sprache bedienen, 412 einerseits solche, die in ihrer natürlichen Sprache der Norm schon so nahe kommen oder zu kommen glauben, dass sie es nicht mehr für nötig halten sich derselben durch künstliche Bemühungen noch weiter zu nähern, anderseits solche, die von den Bedürfnissen noch unberührt sind, die zur Schöpfung und Anwendung der Gemeinsprache geführt haben.

Je weiter sich die natürliche Sprache eines Individuums von der Norm entfernt, um so mehr wird die daneben stehende künstliche Sprache als etwas Fremdes empfunden; wir können aber auch im allgemeinen behaupten, um so mehr Sorgfalt wird auf die Erlernung der künstlichen Sprache verwendet, um so näher kommt man darin der Norm, namentlich in allen denjenigen Punkten, die sich schriftlich fixieren lassen. In Niederdeutschland spricht man ein korrekteres Schriftdeutsch als in Mittel- und Oberdeutschland. Ebenso ist das sogenannte ,gut Deutsch' der Schweiz ein sehr viel korrekteres als etwa das des benachbarten badischen oder württembergischen Gebietes, weil hier die Stadtmundarten schon der Norm bei weitem mehr genähert sind als dort.

Wenn auf demselben Gebiete viele Abstufungen neben einander bestehen, so müssen sich diese selbstverständlich fortwährend unter einander beeinflussen. Insbesondere muss das der Fall sein bei den beiden Stufen, die in demselben Individuum neben einander liegen. Alle Stufen des gleichen Gebietes müssen gewisse Eigentümlichkeiten miteinander gemein haben. Die der Norm am nächsten stehenden Stufen aus den verschiedenen Gebieten müssen sich immer noch einigermassen analog zueinander verhalten wie die der Norm am fernsten stehenden.

§ 292. Überall ist die schriftsprachliche Norm bestimmter, freier von Schwankungen als die umgangssprachliche. Und noch mehr übertrifft in der wirklichen Ausübung die Schriftsprache nach dieser Seite hin auch die der Norm am nächsten kommenden Gestaltungen der Umgangssprache. Das ist ein Satz, dessen Allgemeingültigkeit man durch die Erfahrung bestätigt finden wird, wohin man auch blicken mag, und der sich ausserdem aus der Natur der Sache mit Notwendigkeit ergibt. Denn erstens müssen, wie wir gesehen haben, alle feineren Unterschiede der Aussprache in der Schrift von selbst wegfallen, und zweitens gelingt es dem Einzelnen leichter sich eine bestimmte Schreibweise als eine von seiner bisherigen Gewohnheit abweichende Aussprache anzueignen. Es gehört daher nur wenig unbefangene Überlegung dazu, um die Verkehrtheit gewisser Hypothesen einzusehen, die für eine frühere Periode grössere Einheit in der gesprochenen als in der geschriebenen Sprache voraussetzen. 413

§ 293. In dem Verhältnis der einzelnen individuellen Sprachen zur Norm finden in einem fort Verschiebungen statt. Während dieselben einerseits von den allgemeinen Grundbedingungen der natürlichen Sprachentwickelung sich nicht emanzipieren können und daher zu immer weiter gehender Differenzierung und damit zu immer weiterer Entfernung von der Norm getrieben werden, bringen anderseits die künstlichen Bemühungen eine immer grössere Annäherung an die Norm hervor. Es ist von Wichtigkeit festzuhalten, dass beide Tendenzen neben einander wirksam sind, dass nicht etwa, wenn die letztere zu wirken anfängt, damit die Wirksamkeit der ersteren aufgehoben ist. Die stufenweise Annäherung an die Norm können wir zum Teil direkt beobachten. Ausserdem aber finden wir alle die Entwickelungsstufen, welche die einzelnen Individuen nach und nach durchmachen, an verschiedenen Individuen gleichzeitig nebeneinander. Suchen wir uns nun die einzelnen Vorgänge klar zu machen, mittelst deren sich die Annäherung vollzieht.

Erstens: Es lernt ein Individuum zu der bis dahin allein angewendeten natürlichen Sprache eine der Norm näher stehende künstliche. Das geschieht in den modernen Kulturländern meist zuerst durch den Schulunterricht, und man lernt dann gleichzeitig die Schriftsprache im eigentlichen Sinne und eine der Schriftsprache angenäherte Umgangssprache. Man kann aber eine künstliche Sprache auch dadurch erlernen, dass man in einen andern Verkehrskreis, der sich schon einer der Norm näher stehenden Sprache bedient als derjenige, in dem man bisher gelebt hat, neu eintritt, oder dass man wenigstens zu einem solchen Kreise in nähere Berührung tritt als zu der Zeit, wo man zuerst sprechen gelernt hat. In diesem Falle braucht man eventuell gar nicht lesen und schreiben zu lernen. Das Verhältnis des Individuums zu der neuen Sprache ist natürlich immer erst eine Zeit lang ein passives, bevor es ein aktives wird, d. h. es lernt zunächst die Sprache verstehen und gewöhnt sich an dieselbe, bevor es sie selbst spricht. Ein derartiges mehr oder minder intimes passives Verhältnis hat der Einzelne oft zu sehr vielen Dialekten und Abstufungen der Umgangssprache, ohne dass er jemals von da zu einem aktiven Verhältnis übergeht. Dazu bedarf es eben noch eines besonderen Antriebes, einer besonders energischen Einwirkung. Die Aneignung der künstlichen Sprache ist zunächst immer eine unvollkommene, es kann allmählich zu immer grösserer Vollkommenheit fortgeschritten werden, viele aber gelangen niemals dazu sie sicher und fehlerfrei anzuwenden. Unter allen Umständen bleibt die früher angeeignete natürliche Sprache eines Individuums bestimmend für den spezifischen Charakter seiner künstlichen Sprache. Auch da, wo die letztere sich am weitesten von der 414 ersteren entfernt, wird sie doch nicht als eine absolut fremde Sprache erlernt, sondern immer noch mit Beziehung auf diese, die bei der Anwendung unterstützend mitwirkt. Man richtet sich zunächst, wie überhaupt bei der Anwendung einer jeden fremden Sprache oder Mundart, soviel als möglich nach den Bewegungsgefühlen, auf die man einmal eingeübt ist. Die feineren lautlichen Abweichungen der Mustersprache, die man nachzubilden strebt, bleiben unberücksichtigt. So kann es geschehen, dass, selbst wenn die betreffende Mustersprache der gemeinschaftlichen Norm so nahe als möglich steht, bei der Nachbildung doch eine dem ursprünglichen Dialekte gemässe Nuanzierung herauskommt. Nun aber ist weiter in Betracht zu ziehen, dass der Einzelne in der Regel seine künstliche Sprache von Heimatsgenossen lernt, deren Sprache bereits auf der Unterlage des nämlichen Dialektes aufgebaut ist. Soweit ferner die künstliche Sprache durch Lektüre erlernt wird, ist ja die Unterschiebung verwandter Laute aus der eigenen Mundart ganz selbstverständlich. Aber auch Wortschatz und Wortbedeutung, Flexion und Syntax der künstlichen Sprache bilden sich nicht bloss nach den Mustern, sondern auch nach dem Bestande der eigenen natürlichen Sprache. Man ergänzt namentlich den Wortvorrat, den man aus der Mustersprache übernommen hat, wo er nicht ausreicht oder nicht geläufig genug geworden ist, aus der natürlichen Sprache, gebraucht Wörter, die man in jener niemals gehört hat oder, wenn man sie auch gehört hat, nicht zu reproduzieren imstande sein würde, wenn sie nicht auch in dieser vorkämen. Man verfährt dabei mit einer gewissen unbefangenen Sicherheit, weil in der Tat ein grosser oder der grössere Teil der in der natürlichen Sprache üblichen Wörter auch in der Mustersprache vorkommt, weil man vielfach die Lücken seiner Kenntnis der letzteren auf diese Weise ganz richtig ergänzt. Es kann dabei aber natürlich auch nicht fehlen, dass Wörter in die künstliche Sprache hinübergenommen werden, welche die Mustersprache gar nicht oder nur in abweichender Bedeutung kennt. Wo dasselbe Wort in der Mustersprache und in der natürlichen Sprache vorkommt, bestehen häufig Verschiedenheiten der Lautform. Finden sich diese Verschiedenheiten gleichmässig in einer grösseren Anzahl von Wörtern, so müssen sich in der Seele des Individuums, welches beide Sprachen nebeneinander beherrscht, Parallelreihen herstellen (z. B. nd. water - hd. Wasser = eten - essen = laten - lassen etc.). Es entsteht in ihm ein, wenn gleich dunkles Gefühl von dem gesetzmässigen Verhalten der Laute der einen Sprache zu denen der andern. In Folge davon vermag es Wörter, die es nur aus seiner natürlichen Sprache kennt, richtig in den Lautstand der künstlichen Sprache zu übertragen. Psychologisch ist der Vorgang nicht verschieden von dem, was wir als Analogiebildung bezeichnet haben. Dabei können 415 durch unrichtige Verallgemeinerung der Gültigkeit einer Proportion Fehler entstehen, wie ich z. B. von einem in niederdeutscher Mundart aufgewachsenen Kinde gehört habe, dass es hochdeutsch redend Zeller für Teller sagte.Hebel erzählt: Das wäre nicht veil sagte der Schulz. Denn dort in Lande sagt man veil statt viel wenn man sich hochdeutsch explizieren will. Dergleichen bleibt aber meist individuell und vorübergehend, da es immer wieder eine Kontrolle dagegen gibt. Anderseits aber zeigen sich die Parallelreihen nicht immer wirksam, und es gehen auch Wörter in ihrer mundartlichen von dem Lautstande der Mustersprache abweichenden Gestalt in die künstliche Sprache über. Übrigens verhält es sich wie mit dem Lautlichen, so in allen übrigen Beziehungen: in der Regel ist die dem Einzelnen zunächst als Muster dienende Umgangssprache schon durch ein Zusammenwirken der eigentlichen Normalsprache mit dem heimischen Dialekte gestaltet.

Zweitens wirkt die künstliche Sprache auf die natürliche, indem aus ihr Wörter, hie und da auch Flexionsformen und Konstruktionsweisen entlehnt werden. Die Wörter sind natürlich solche, welche sich auf Vorstellungskreise beziehen, für die man sich vorzugsweise der künstlichen Sprache bedient. Sie werden wie bei der umgekehrten Entlehnung entweder in den Lautstand der natürlichen Sprache umgesetzt oder in der Lautform der künstlichen beibehalten. Es gibt keine einzige deutsche Mundart, die sich von einer solchen Infektion gänzlich frei gehalten hätte, wenn auch der Grad ein sehr verschiedener ist.

Drittens wird bei den Individuen, die eine künstliche und eine natürliche Sprache nebeneinander sprechen, der Gebrauch der ersteren auf Kosten der letzteren ausgedehnt. Anfangs wird die künstliche Sprache nur da angewendet, wo ein wirkliches Bedürfnis dazu vorhanden ist, d. h. im Verkehr mit Fremden, die einem wesentlich abweichenden Dialektgebiete angehören. Dieser erfolgt mehr durch schriftliche als durch mündliche Mittel, es bedarf dafür mehr einer künstlichen Schriftsprache als einer künstlichen Umgangssprache. Im Verkehr zwischen Heimatgenossen kommt die künstliche Sprache zuerst da zur Anwendung, wo gleichzeitig auf Fremde Rücksicht genommen werden muss. Nachdem sie sich für die Literatur und für offizielle Aktenstücke festgesetzt hat, dehnt sie sich überhaupt auf alle schriftlichen Aufzeichnungen aus, auch die privater Natur, die nicht für fremdes Dialektgebiet bestimmt sind. Es ist das die natürliche Konsequenz davon, dass man an den literarischen Denkmälern das Lesen und Schreiben erlernt, infolge wovon es bequemer wird, sich an die darin herrschende Orthographie anzuschließen, als auch noch für die eigene Mundart eine Schreibung zu erlernen oder selbst zu finden. Weiter wird die 416 künstliche Sprache üblich für den an schriftliche Aufzeichnungen angelehnten öffentlichen Vortrag, für Predigt, Unterricht etc. Erst nachdem sie in allen den erwähnten Verkehrsformen eine ausgedehntere Anwendung gefunden hat, wird sie einem Teile des Volkes, natürlich demjenigen, der sich am meisten in denselben bewegt, der am meisten durch Literatur, Schule etc. beeinflusst wird, so geläufig, dass sie derselbe auch für den Privatverkehr in der Heimat zu gebrauchen anfängt, dass sie zur allgemeinen Umgangssprache der Gebildeten wird. Erst auf dieser Entwickelungsstufe natürlich kann der Gebrauch der Mundart im Umgange für ein Zeichen von Unbildung gelten, erst jetzt tritt die Mundart in der Wertschätzung hinter der künstlichen Sprache zurück. In der Schweiz ist man durchgängig noch nicht soweit gelangt. In den höchstgebildeten Kreisen von Basel, Bern oder Zürich unterhält man sich, solange man keine Rücksicht auf Fremde zu nehmen hat, in der einem jeden von Jugend auf natürlichen Sprache und nimmt auch in den politischen Körperschaften an Reden in Schweizerdeutsch keinen Anstoß. Wenigstens annähernd ähnliche Verhältnisse waren in Holstein, Hamburg, Mecklenburg und anderen niederdeutschen Gegenden noch vor wenigen Dezennien zu finden. In ganz Süd- und Mitteldeutschland erträgt man wenigstens in der Umgangssprache noch einen bedeutenden Abstand von der eigentlichen Normalsprache. Schon die Betrachtung der noch bestehenden Verhältnisse kann lehren, wie verkehrt die Anschauung ist, dass mit der Existenz einer künstlichen und einer natürlichen Sprache von vornherein eine Herabwürdigung der letzteren gegenüber der ersteren verbunden sein müsste, wie verkehrt es ferner ist, nicht das Bedürfnis, sondern das Streben durch feinere Bildung von der grossen Masse des Volkes abzustechen zum ersten Motiv für die Erlernung und für die Schöpfung einer künstlichen Sprache zu machen. Wer dergleichen annimmt, steckt eben noch in den Vorurteilen einer unwissenschaftlichen Schulmeisterei, die von historischer Entwickelung nichts weiss. Die Anwendung der künstlichen Sprache im täglichen Verkehr kann in sehr verschieden abgestufter Ausdehnung statthaben. Zunächst braucht man sie abwechselnd mit der natürlichen. Dabei macht man dann einen Unterschied je nach dem Grade, in dem derjenige, mit dem man redet, mit der künstlichen Sprache vertraut ist und sie selbst anwendet. Schliesslich gelangt man vielleicht dazu die natürliche Sprache gar nicht mehr anzuwenden. Es kommen heutzutage Fälle genug vor, in denen man diese ganze Entwickelung Schritt für Schritt an einem Individuum verfolgen kann. Man gelangt nirgends zu ausschliesslicher Anwendung der künstlichen Sprache, ohne dass eine längere oder kürzere Periode der Doppelsprachigkeit vorangegangen wäre. 417

§ 294. Sind erst eine Anzahl von Individuen dazu gelangt sich der künstlichen Sprache ausschliesslich oder überwiegend zu bedienen, so erlernt derjenige Teil des jüngeren Geschlechts, welcher vorzugsweise unter ihrem Einflusse steht, das, was ihnen noch künstliche Sprache war, von vornherein als eine natürliche Sprache. Dass die ältere Generation auf künstlichem Wege zu dieser Sprache gelangt ist, ist dann für ihr Wesen und ihr Fortleben in der jüngeren Generation ganz gleichgültig. Diese verhält sich zu ihr nicht anders als die ältere Generation oder andere Schichten des Volkes zu ihrer von der gemeinsprachigen Norm nicht beeinflussten Mundart. Man muss sich hüten den Gegensatz zwischen künstlicher und natürlicher Sprache mit dem zwischen Gemeinsprache und Mundart einfach zu konfundieren. Man muss sich immer klar darüber sein, ob man die verschiedenen individuellen Sprachen nach ihrer objektiven Gestaltung mit Rücksicht auf ihre grössere oder geringere Entfernung von der gemeinsprachlichen Norm beurteilen will oder nach dem subjektiven Verhalten des Sprechenden zu ihnen. Von zwei Sprachen, die man von zwei verschiedenen Individuen hört, kann A der Norm näher stehen als B, und kann darum doch A natürliche, B künstliche Sprache sein.

Wenn auf einem Gebiete ein Teil an der ursprünglichen Mundart festhält, ein anderer sich einer künstlichen eingeführten Sprache auch für den täglichen Verkehr bedient, so gibt es natürlich eine Anzahl von Individuen, die von frühester Kindheit einigermassen gleichmässig von beiden Gruppen beeinflusst werden, und so kann es nicht ausbleiben, dass verschiedene Mischungen entstehen. Jede Mischung aber begünstigt das Entstehen neuer Mischungen. Und so geschieht es, daß ein grosser Reichtum mannigfacher Abstufungen auch in der natürlichen Sprache entsteht. In Ober- und Mitteldeutschland kann man fast überall von der der Norm am nächsten stehenden Gestaltung bis zu der davon am weitesten abstehenden ganz allmählich gelangen, ohne dass irgendwo ein schroffer Riss vorhanden wäre. In der Schweiz dagegen, wo die künstliche Sprache noch nicht in den täglichen Verkehr eingedrungen ist, sich nicht in natürliche Sprache verwandelt hat, gibt es zwar eine Abstufung zwischen den Mundarten, je nachdem sie stärker oder schwächer von der Schriftsprache beeinflußt sind, aber zwischen der Schriftsprache und der am stärksten von ihr beeinflussten Mundart besteht ein durch keine Abstufungen vermittelter Gegensatz.

Wenn jemand von Hause aus eine der Norm näher stehende Sprache erlernt hat, so hat er natürlich kein so grosses Bedürfnis noch eine künstliche dazu zu erlernen, als wenn er die reine Mundart seiner Heimat erlernt hätte. Er begnügt sich daher häufig für den mündlichen Verkehr mit der Einsprachigkeit. Die Ver- 418 hältnisse können ihn aber dazu drängen eine noch grössere Annäherung an die Norm anzustreben, und dann wird er wiederum zweisprachig, und wiederum kann seine künstliche Sprache einer folgenden Generation zur natürlichen werden, und dieser Prozess kann sich mehrmals wiederholen.

§ 295. Wir haben uns bisher zu veranschaulichen versucht, wie sich die Verhältnisse gestalten unter der Voraussetzung, dass schon eine allgemein anerkannte Norm für die Gemeinsprache besteht. Es bleibt uns jetzt noch übrig zu betrachten, wie überhaupt eine solche Norm entstehen kann. Dass sie in den Gebieten, wo sie jetzt existiert, nicht von Anfang an vorhanden gewesen sein kann, dass es vorher eine Periode gegeben haben muss, in der nur Mundarten gleichberechtigt nebeneinander bestanden haben, dürfte jetzt wohl allgemein anerkannt sein. Aber es scheint doch vielen Leuten schwer zu fallen, sich eine literarisch verwendete Sprache ohne Norm vorzustellen, und die Neigung ist sehr verbreitet ihre Entstehung so weit als möglich zurückzuschieben. Ich kann darin nur eine Nachwirkung alter Vorurteile sehen, wonach die Schriftsprache als das eigentlich allein Existenzberechtigte, die Mundart nur als eine Verderbnis daraus aufgefasst wird. Dass überhaupt Zweifel möglich ist, liegt daran, dass uns aus den früheren Zeiten nur Aufzeichnungen vorliegen, nicht die gesprochene Rede. Infolge davon ist Vermutungen über die Beschaffenheit der letzteren ein weiter Spielraum gegeben. Einen Masstab für die Richtigkeit oder Nichtigkeit dieser Vermutungen können uns bloss unsere bisher gesammelten Erfahrungen über die Bedingungen des Sprachlebens geben. Was diesen Masstab nicht aushält, kann nicht als berechtigt anerkannt werden.

§ 296. Unter den Momenten, welche auf die Schöpfung einer Gemeinsprache hinwirken, muss natürlich, wie es schon aus unseren bisherigen Erörterungen hervorgeht, in erster Linie das Bedürfnis in Betracht kommen. Ein solches ist erst vorhanden, wenn die mundartliche Differenzierung so weit gegangen ist, dass sich nicht mehr alle Glieder der Sprachgenossenschaft bequem untereinander verständigen können, und zwar dann auch nur für den gegenseitigen Verkehr derjenigen, deren Heimatsorte weit auseinander liegen, da sich zwischen den nächsten Nachbarn keine zu schroffen Gegensätze entwickeln. Es kann nicht leicht etwas Bedenklicheres geben, als anzunehmen, dass sich eine Gemeinsprache zunächst innerhalb eines engeren Gebietes, das in sich noch geringe mundartliche Differenzen aufzuweisen hat, ausgebildet und erst von da auf die ferner stehenden Gebiete verbreitet habe. Naturgemäss ist es vielmehr, und das bestätigt auch die Erfahrung, dass eine Sprache dadurch zur Gemeinsprache wird, dass man sie in Gebieten zum Muster nimmt, deren Mundart sich ziemlich 419 weit davon entfernt, während kleinere Differenzen zunächst unbeachtet bleiben. Ja der gemeinsprachliche Charakter kann dadurch eine besondere Kräftigung erhalten, dass eine Übertragung auf entschieden fremdsprachliches Gebiet stattfindet, wie wir es an der griechischen koinê' und der lateinischen Sprache beobachten können.

Soll demnach ein dringendes Bedürfnis vorhanden sein, so muss der Verkehr zwischen den einander ferner liegenden Gebieten schon zu einer ziemlichen Intensität entwickelt sein, müssen bereits rege kommerzielle, politische oder literarische Beziehungen bestehen. Von den Intensitätsverhältnissen des weiteren Verkehrs hängt es auch zum Teil ab, wie gross das Gebiet wird, über welches die Gemeinsprache ihre Herrschaft ausdehnt. Die Grenzen des Gebietes fallen keineswegs immer mit denjenigen zusammen, die man am zweckmässigsten ziehen würde, wenn man bloss das Verhältnis der Mundarten zueinander berücksichtigen wollte. Wenn auf zwei verschiedenen Sprachgebieten die mundartlichen Differenzen ungefähr gleich gross sind, so kann es doch geschehen, dass sich auf dem einen nur eine Gemeinsprache, auf dem andern zwei, drei und mehr entwickeln. Es ist z. B. keine Frage, dass zwischen ober- und niederdeutschen Mundarten grössere Unterschiede bestehen, als zwischen polnischen und czechischen oder serbischen und bulgarischen, ja selbst zwischen polnischen und serbischen. Es können zwei Gebiete mit sehr nahe verwandten Mundarten rücksichtlich der Gemeinsprachen, die sich in ihnen festsetzen, nach verschiedenen Seiten hin auseinandergerissen werden, während zwei andere mit einander sehr fern stehenden Mundarten die gleiche Gemeinsprache annehmen.

Wieviel auf das Bedürfnis ankommt, zeigt auch folgende Beobachtung. Es ist sehr schwer, wo nicht unmöglich, wenn sich für ein grösseres Gebiet eine Gemeinsprache einigermassen festgesetzt hat, für einen Teil desselben eine besondere Gemeinsprache zu schaffen. Man kann jetzt nicht mehr daran denken eine niederdeutsche oder eine provenzalische Gemeinsprache schaffen zu wollen. Auch die Bemühungen eine besondere norwegische Gemeinsprache zu schaffen scheitern an der bereits bestehenden Herrschaft des Dänischen. Umgekehrt ist es auch nicht leicht eine Gemeinsprache über ein grösseres Gebiet zur Herrschaft zu bringen, wenn die einzelnen Teile desselben bereits ihre besonderen Gemeinsprachen haben, durch die für das nächste Bedürfnis schon gesorgt ist. Man sieht das an der Erfolglosigkeit der panslawistischen Bestrebungen. Ebenso wirkt auch eine ganz fremde Sprache, wenn sie sich einmal für den literarischen und offiziellen Verkehr eingebürgert hat, der Bildung einer nationalen Gemeinsprache hemmend entgegen. So sind die Bestrebungen, eine vlämische Literatursprache zu gründen, auf grosse Schwierigkeiten ge- 420 stossen, nachdem einmal das Französische zu feste Wurzeln geschlagen hat. In sehr ausgedehntem Masse hat das Lateinische als Weltsprache diesen hemmenden Einfluss geübt.

§ 297. Es ist nur der direkte Verkehr, für welchen das Bedürfnis im vollen Masse vorhanden ist. Für den indirekten besteht es häufig nicht, auch wenn die Individuen zwischen denen die Mitteilung stattfindet, sich mundartlich sehr fern stehen. Geht die Mitteilung durch andere Individuen hindurch, deren Mundarten dazwischen liegen, so kann sie durch mehrfache Übertragungen eine Gestalt erhalten, dass sie auch solchen leicht verständlich wird, denen sie in der ursprünglichen Mundart nicht verständlich gewesen wäre. Eine solche Übertragung findet selbstverständlich statt, wenn poetische Produkte mündlich von einem Orte zum andern wandern. Aber ihr unterliegen auch aufgezeichnete Denkmäler, die durch Abschrift weiter verbreitet werden. Allerdings bleibt die Übertragung gewöhnlich mehr oder minder unvollkommen, so dass Mischdialekte entstehen. Massenhafte Beispiele für diesen Vorgang liefern die verschiedenen Nationalliteraturen des Mittelalters. Es ist auf diese Weise ein literarischer Konnex zwischen Gebieten möglich, die mundartlich schon ziemlich weit voneinander abstehen, ohne die Vermittelung einer Gemeinsprache. Ja dieses so nahe liegende Verfahren hindert geradezu, dass eine Mundart, in der etwa hervorragende literarische Denkmäler verfasst sind, auf Grund davon einen massgebenden Einfluss gewinnt, weil sie gar nicht mit den betreffenden Denkmälern verbreitet wird, wenigstens nicht in reiner Gestalt. Ganz anders verhält sich die Sache, sobald die Verbreitung durch den Druck geschieht. Durch diesen wird es möglich ein Werk in der ihm vom Drucker gegebenen Gestalt unverfälscht überallhin zu verbreiten. Und sollen überhaupt die Vorteile des Druckes zur Geltung kommen, so muss der Druck womöglich für das ganze Sprachgebiet genügen, und dazu gehört natürlich, dass die darin niedergelegte Sprache überall verstanden wird. Mit der Einführung des Druckes wächst also einerseits das Bedürfnis nach einer Gemeinsprache, werden anderseits geeignetere Mittel zur Befriedigung dieses Bedürfnisses geboten. Übrigens ist es auch erst der Druck, wodurch eine Verbreitung der Kenntnis des Lesens und Schreibens in weiteren Kreisen möglich wird. Vor der Verwendung des Druckes kann für die Wirksamkeit einer schriftsprachlichen Norm immer nur ein enger Kreis empfänglich gewesen sein.

§ 298. Das Bedürfnis an sich reicht natürlich nicht aus, eine gemeinsprachliche Norm zu schaffen. Es kann auch nicht dazu veranlassen, eine solche willkürlich zu ersinnen. So weit geht die Absichtlichkeit auch auf diesem Gebiete nicht, wie viel grösser sie auch 421 sein mag als bei der natürlichen Sprachentwickelung. Überall dient als Norm zunächst nicht etwas neu Geschaffenes, sondern eine von den bestehenden Mundarten. Es wird auch nicht einmal unter diesen nach Verabredung ausgewählt. Vielmehr muss diejenige, welche zur Norm werden soll, schon ein natürliches Übergewicht besitzen, sei es auf kommerziellem, politischem, religiösem oder literarischem Gebiete oder auf mehreren von diesen zugleich. Die Absicht eine Gemeinsprache zu schaffen kommt erst hinten nach, wenn die ersten Schritte dazu getan sind. Wenigstens ist es wohl erst in ganz moderner Zeit vorgekommen, dass man ohne eine bereits vorhandene Grundlage den Plan gefasst hat eine Gemeinsprache zu schaffen, und dann meist nicht mit günstigem Erfolge. Man hat sich dabei die Verhältnisse anderer Sprachgebiete, die bereits eine Gemeinsprache besitzen, zum Muster genommen. Als die Gemeinsprachen der grossen europäischen Kulturländer begründet wurden, schwebten noch keine solche Muster vor. Man musste erst erfahren, dass es überhaupt dergleichen geben könne, ehe man danach strebte.

Bevor irgend ein Ansatz zu einer Gemeinsprache vorhanden ist, muss es natürlich eine Anzahl von Individuen geben, welche durch die Verhältnisse veranlasst werden sich mit einer oder mit mehreren fremden Mundarten vertraut zu machen, so dass sie dieselben leicht verstehen und teilweise auch selbst anwenden lernen. Es kann das die Folge davon sein, dass sie in ein anderes Gebiet übergesiedelt sind oder sich vorübergehend länger darin aufgehalten haben, oder dass sie mit Leuten, die aus fremden Gebieten herübergekommen sind, viel verkehrt haben, oder dass sie sich viel mit schriftlichen Aufzeichnungen, die von dort ausgegangen sind, beschäftigt haben. Die auf diese Weise angeknüpften Beziehungen können sehr mannigfach sein. Ein Angehöriger der Mundart A kann die Mundart B, ein anderer C, ein dritter D erlernen und dabei wieder umgekehrt ein Angehöriger der Mundart B oder C oder D die Mundart A etc. So lange sich die wechselseitigen Einflüsse der verschiedenen Mundarten einigermassen das Gleichgewicht halten, ist kein Fortschritt möglich. Ist aber bei einer Mundart erheblich mehr Veranlassung gegeben sie zu erlernen als bei allen übrigen, und zwar für die Angehörigen aller Mundarten, so ist sie damit zur Gemeinsprache prädestiniert. Ihr Übergewicht zeigt sich zunächst im Verkehre zwischen den ihr angehörigen Individuen und den Angehörigen der andern Mundarten, indem sie dabei leichter und öfter von den letzteren erlernt wird, als deren Mundart von den ersteren, während die übrigen Mundarten untereinander mehr in einem paritätischen Verhältnis bleiben. Der eigentlich entscheidende Schritt aber ist erst gemacht, wenn die dominierende Mundart auch für den Verkehr zwischen Angehörigen ver- 422 schiedener anderer Mundarten gebraucht wird. Es ergibt sich das als eine natürliche Folge davon, dass eine grössere Menge von Individuen mit ihr vertraut ist. Denn dann ist es bequemer sich ihrer zu bedienen, sobald einmal die heimische Mundart nicht mehr genügt, als noch eine dritte oder vierte dazu zu erlernen. Am natürlichsten bietet sie sich dar, wenn man sich ebensowohl an diejenigen wendet, die ihr von Natur angehören, als an die übrige Nation, wie es ja bei dem literarischen Verkehr und unter der Voraussetzung staatlicher Einheit auch bei dem politischen der Fall ist. In dem Augenblicke, wo man sich der Zweckmässigkeit des Gebrauches einer solchen Mundart für den weiteren Verkehr bewusst wird, beginnt auch die absichtliche Weiterleitung der Entwickelung.

§ 299. Die Mustergültigkeit eines bestimmten Dialektes ist aber in der Regel nur eine Übergangsstufe in der Entwickelung der gemeinsprachlichen Norm. Die Nachbildungen des Musters bleiben, wie wir gesehen haben, mehr oder minder unvollkommen. Es entstehen Mischungen zwischen dem Muster und den verschiedenen heimatlichen Dialekten der einzelnen Individuen. Es kann kaum ausbleiben, dass auch diese Mischdialekte teilweise eine gewisse Autorität erlangen, zumal wenn sich hervorragende Schriftsteller ihrer bedienen. Auf der andern Seite unterliegt der ursprüngliche Musterdialekt als Dialekt stetiger Veränderung, während die Normalsprache konservativer sein muss, sich nur durch Festhalten an den Mustern vergangener Zeiten behaupten kann. So muss allmählich der Dialekt seine absolute Mustergültigkeit verlieren, muss mit verschiedenen abweichenden Nuancen um die Herrschaft kämpfen.

Die künstliche Sprache eines grossen Gebietes pflegt demnach in einem gewissen Entwickelungsstadium ungefähr in demselben Grade dialektisch differenziert zu sein, wie die natürliche innerhalb einer Landschaft. Zu grösserer Zentralisation gelangt man in der Regel nur durch Aufstellung wirklicher Regeln in mündlicher Unterweisung, Grammatiken, Wörterbüchern, Akademieen etc. Mit welcher Bewusstheit und Absichtlichkeit aber auch eine schriftsprachliche Norm geschaffen werden mag, niemals kann dadurch die unbeabsichtigte Entwickelung, die wir in den vorhergehenden Kapiteln besprochen haben, zum Stillstand gebracht werden; denn sie ist unzertrennlich von aller Sprechtätigkeit.


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