Paul, Hermann
Prinzipien der Sprachgeschichte.
Paul, Hermann

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37 Zweites Kapitel.

Die Sprachspaltung.

§ 22. Es ist eine durch die vergleichende Sprachforschung zweifellos sicher gestellte Tatsache, dass sich vielfach aus einer im wesentlichen einheitlichen Sprache mehrere verschiedene Sprachen entwickelt haben, die ihrerseits auch nicht einheitlich geblieben sind, sondern sich in eine Reihe von Dialekten gespalten haben. Man sollte erwarten, dass sich bei der Betrachtung dieses Prozesses mehr als irgend wo anders die Analogieen aus der Entwickelung der organischen Natur aufdrängen müssten. Es ist zu verwundern, dass die Darwinisten unter den Sprachforschern sich nicht vorzugsweise auf diese Seite geworfen haben. Hier in der Tat ist die Parallele innerhalb gewisser Grenzen eine berechtigte und lehrreiche. Wollen wir diese Parallele ein wenig verfolgen, so kann es nur in der Weise geschehen, dass wir die Sprache des einzelnen, also die Gesamtheit der Sprachmittel über die er verfügt, dem tierischen oder pflanzlichen Individuum gleich setzen, die Dialekte, Sprachen, Sprachfamilien etc. den Arten, Gattungen, Klassen des Tierund Pflanzenreichs.

Es gilt zunächst in einem wichtigen Punkte die vollständige Gleichheit des Verhältnisses anzuerkennen. Der grosse Umschwung, welchen die Zoologie in der neueren Zeit durchgemacht hat, beruht zum guten Teile auf der Erkenntnis, dass nichts reale Existenz hat als die einzelnen Individuen, dass die Arten, Gattungen, Klassen nichts sind als Zusammenfassungen und Sonderungen des menschlichen Verstandes, die je nach Willkür verschieden ausfallen können, dass Artunterschiede und individuelle Unterschiede nicht dem Wesen, sondern nur dem Grade nach verschieden sind. Auf eine entsprechende Grundlage müssen wir uns auch bei der Beurteilung der Dialektunterschiede stellen. Wir müssen eigentlich so viele Sprachen unterscheiden als es Individuen gibt. Wenn wir die Sprachen einer bestimmten Anzahl von Individuen zu einer Gruppe zusammenfassen und die anderer Individuen dieser 38 Gruppe gegenüber ausschliessen, so abstrahieren wir dabei immer von gewissen Verschiedenheiten, während wir auf andere Wert legen. Es ist also der Willkür ein ziemlicher Spielraum gelassen. Dass sich überhaupt die individuellen Sprachen unter ein Klassensystem bringen lassen müssten, ist von vornherein nicht vorauszusetzen. Man muss darauf gefasst sein, so viele Gruppen man auch unterscheiden mag, eine Anzahl von Individuen zu finden, bei denen man zweifelhaft bleibt, ob man sie dieser oder jener unter zwei naheverwandten Gruppen zuzählen soll. Und in das selbe Dilemma gerät man erst recht, wenn man die kleineren Gruppen in grössere zusammenzuordnen und diese gegen einander abzuschliessen versucht. Eine scharfe Sonderung wird erst da möglich, wo mehrere Generationen hindurch die Verkehrsgemeinschaft abgebrochen gewesen ist.

Wenn man daher von der Spaltung einer früher einheitlichen Sprache in verschiedene Dialekte spricht, so ist damit das eigentliche Wesen des Vorganges sehr schlecht ausgedrückt. In Wirklichkeit werden in jedem Augenblicke innerhalb einer Volksgemeinschaft so viele Dialekte geredet als redende Individuen vorhanden sind, und zwar Dialekte, von denen jeder einzelne eine geschichtliche Entwickelung hat und in stetiger Veränderung begriffen ist. Dialektspaltung bedeutet nichts anderes als das Hinauswachsen der individuellen Verschiedenheiten über ein gewisses Mass.

Ein anderer Punkt, in dem wir uns eine Parallele gestatten dürfen, ist folgender. Die Entwickelung eines tierischen Individuums hängt von zwei Faktoren ab. Auf der einen Seite ist sie durch die Natur der Eltern bedingt, wodurch ihr ursprünglich auf dem Wege der Vererbung eine bestimmte Bewegungsrichtung mitgeteilt wird. Auf der andern Seite stehen alle die zufälligen Einwirkungen des Klimas, der Nahrung, der Lebensweise etc., denen das Individuum in seinem speziellen Dasein ausgesetzt ist. Durch den einen ist die wesentliche Gleichheit mit den Eltern bedingt, durch den andern eine Abweichung von denselben innerhalb gewisser Grenzen ermöglicht. So gestaltet sich die Sprache jedes Individuums einerseits nach den Einwirkungen der Sprachen seiner Verkehrsgenossen, die wir von unserm Gesichtspunkte aus als die Erzeugerinnen seiner eignen betrachten können, anderseits nach den davon unabhängigen Eigenheiten und eigentümlichen Erregungen seiner geistigen und leiblichen Natur. Auch darin besteht Übereinstimmung, dass der erstere Faktor stets der bei weitem mächtigere ist. Erst dadurch, dass jede Modifikation der Natur des Individuums, die von der anfänglich mitgeteilten Bewegungsrichtung ablenkt, mitbestimmend für die Bewegungsrichtung einer folgenden Generation wird, ergibt sich mit der Zeit eine stärkere Veränderung des Typus. So auch in der Sprach- 39 geschichte. Wir dürfen ferner von der Sprache wie von dem tierischen Organismus behaupten: je niedriger die Entwickelungsstufe, desto stärker der zweite Faktor im Verhältnis zum ersten.

Auf der andern Seite dürfen wir aber die grossen Verschiedenheiten nicht übersehen, die zwischen der sprachlichen und der organischen Zeugung bestehen. Bei der letzteren hört die direkte Einwirkung der Erzeuger bei einem bestimmten Punkte auf, und es wirkt nur die bis dahin mitgeteilte Bewegungsrichtung nach. An der Erzeugung der Sprache eines Individuums behalten die umgebenden Sprachen ihren Anteil bis zu seinem Ende, wenn auch ihre Einwirkungen in der frühesten Kindheit der betreffenden Sprache am mächtigsten sind und um so schwächer werden, je mehr diese wächst und erstarkt. Die Erzeugung eines tierischen Organismus geschieht durch ein Individuum oder durch ein Paar. An der Erzeugung der Sprache eines Individuums beteiligen sich die Sprachen einer grossen Menge anderer Individuen, aller, mit denen es überhaupt während seines Lebens in sprachlichen Verkehr tritt, wenn auch in sehr verschiedenem Grade. Und, was die Sache noch viel komplizierter macht, die verschiedenen individuellen Sprachen können bei diesem Zeugungsprozess im Verhältnis zu einander zugleich aktiv und passiv, die Eltern können Kinder ihrer eigenen Kinder sein. Endlich ist zu berücksichtigen, dass, auch wenn wir von der Sprache eines einzelnen Individuums reden, wir es nicht mit einem konkreten Wesen, sondern mit einer Abstraktion zu tun haben, ausser, wenn wir darunter die Gesamtheit der in der Seele an einander geschlossenen auf die Sprechtätigkeit bezüglichen Vorstellungsgruppen mit ihren mannigfach verschlungenen Beziehungen verstehen.

Der Verkehr ist es allein, wodurch die Sprache des Individuums erzeugt wird. Die Abstammung kommt nur insoweit in Betracht, als sie die physische und geistige Beschaffenheit des einzelnen beeinflusst, die, wie bemerkt, allerdings ein Faktor in der Sprachgestaltung ist, aber im Verhältnis zu den Einflüssen des Verkehrs ein sehr untergeordneter.

§ 23. Gehen wir von dem unbestreitbar richtigen Satze aus, dass jedes Individuum seine eigene Sprache und jede dieser Sprachen ihre eigene Geschichte hat, so besteht das Problem, das zu lösen uns durch die Tatsache der Dialektbildung auferlegt wird, nicht sowohl in der Frage, wie es kommt, dass aus einer wesentlich gleichmässigen Sprache verschiedene Dialekte entspringen; die Entstehung der Verschiedenheit scheint ja danach selbstverständlich. Die Frage, die wir zu beantworten haben, ist vielmehr die: wie kommt es, dass, indem die Sprache eines jedes einzelnen ihre besondere Geschichte hat, sich gerade dieser grössere oder geringere Grad von Überein- 40 stimmung innerhalb dieser so und so zusammengesetzten Gruppe von Individuen erhält?

Alles Anwachsen der dialektischen Verschiedenheit beruht natürlich auf der Veränderung des Sprachusus. Um so stärker die Veränderung, um so mehr Gelegenheit ist zum Wachstum der Verschiedenheit gegeben. Aber der Grad dieses Wachstums ist nicht durch die Stärke der Veränderung allein bedingt, denn keine Veränderung schliesst notwendig eine bleibende Differenzierung ein, und die Umstände, welche auf die Erhaltung der Übereinstimmung oder auf die baldige Wiederherstellung derselben wirken, können in sehr verschiedenem Masse vorhanden sein.

Ohne fortwährende Differenzierung kann das Leben einer Sprache gar nicht gedacht werden. Wäre es denkbar, dass auf einem Sprachgebiete einmal alle Individualsprachen einander vollständig gleich wären, so würde doch im nächsten Augenblicke der Ansatz zur Herausbildung von Verschiedenheiten unter ihnen gemacht werden. Die spontane Entwickelung einer jeder einzelnen muss nach den Besonderheiten in der Anlage und den Erlebnissen ihres Trägers eine besondere Richtung einschlagen. Der Einfluss, den der einzelne übt oder erleidet, erstreckt sich immer nur auf einen Bruchteil der Gesamtheit, und innerhalb dieses Bruchteils finden bedeutende Gradverschiedenheiten statt. Demgemäss findet zwar auch eine immerwährende Ausgleichung der eingetretenen Differenzierungen statt, die darin besteht, dass Abweichungen von dem bisherigen Usus entweder wieder zurückgedrängt werden oder auf Individuen übertragen, die sie spontan nicht entwickelt haben. Diese Ausgleichung wird aber nie eine vollständige. Eine annähernde wird sie immer nur innerhalb eines Kreises, in dem ein anhaltender reger Verkehr stattfindet. Je weniger intensiv der Verkehr ist, um so mehr Differenzen können sich bilden und erhalten. Noch weiter geht die Möglichkeit zur Differenzierung, wenn gar kein direkter Verkehr mehr besteht, sondern nur eine indirekte Verbindung durch Mittelglieder.

§ 24. Wäre die Verkehrsintensität auf allen Punkten eines Sprachgebietes eine gleichmässige, so würden wir lauter Individualsprachen haben, von denen diejenigen, die in enger Verbindung unter einander stünden, immer nur wenig von einander differieren würden, während zwischen den entgegengesetzten Enden doch starke Verschiedenheiten entstanden sein könnten. Es würde dann nicht möglich sein eine Anzahl von Individualsprachen zu einer Gruppe zusammenzufassen, die man einer anderen solchen Zusammenfassung als ein geschlossenes Ganzes gegenüberstellen könnte. Jede Individualsprache würde als eine Zwischenstufe zwischen mehreren andern aufgefasst werden können. Ein solches 41 Verhältnis aber besteht nirgends und hat niemals bestanden. Es wäre nur denkbar, wenn keine natürlichen Grenzen existierten, keine politischen und religiösen Verbände, wenn etwa das ganze Volk in einer Ebene ohne grösseren Fluss wohnte in lauter Einzelgehöften in ungefähr gleich weitem Abstande von einander ohne gemeinsame Versammlungsörter. Auch dann würde wenigstens die Gruppierung zu Familiensprachen stattfinden. In Wirklichkeit aber finden wir entweder ein Zusammenwohnen in Städten und Dörfern, respektive bei nomadischen Völkerschaften in Horden, oder, wo das System der Einzelhöfe besteht, doch wenigstens kleinere und grössere politische und religiöse Verbände mit Versammlungsörtern. In den Gebirgsgegenden sind die einzelnen Täler mehr oder weniger gegen einander abgeschlossen. Das Meer trennt Inseln ab. Selbst wo keine solche Hemmungen bestehen, liegen oft unkultivierte Landstrecken, Wald, Heide, Moor etc. zwischen den einzelnen Ansiedelungen. Es ist demnach notwendig, dass sich den natürlichen wie den politischen und religiösen Verkehrsverhältnissen entsprechend die Individualsprachen zu Gruppen zusammenschliessen, die verhältnismässig einheitlich und nach aussen abgeschlossen sind. Solche Gruppen werden also zunächst von den kleinsten Verbänden, den einzelnen Ortschaften gebildet. Wo ein Zusammenwohnen der Ortsangehörigen stattfindet, da wird jeder einzelne dem andern näher stehen als dem Angehörigen eines anderen Ortes. Es kann sich also hier eine wirkliche Grenze herausbilden, die nicht durch Zwischenstufen verdeckt ist. Hier zuerst können deutlich merkbare und zugleich bleibende Verschiedenheiten entstehen, wie sie zwischen den Angehörigen des gleichen Ortes mindestens auf die Dauer sich nicht halten können. So lange aber Nachbarorte einen regen Verkehr unter einander unterhalten, kann es auch sein, dass sich zwischen ihnen noch gar kein deutlich hervorstechender und dauernder Unterschied bildet, jedenfalls werden die Unterschiede unerheblich bleiben. Versucht man nun aber um jeden Ortsdialekt diejenigen benachbarten zu gruppieren, die mit demselben in einem regelmässigen Verkehr stehen, so wird man eine Menge sich gegenseitig durchschneidende Gruppen bekommen. Es kann für jeden einzelnen Ort die Gruppierung ein wenig anders ausfallen. Es können Orte hinzutreten oder wegfallen, und auch zu denjenigen, welche bleiben, kann das Verkehrsverhältnis sich etwas modifizieren.

§ 25. Jede Veränderung des Sprachusus ist ein Produkt aus den spontanen Trieben der einzelnen Individuen einerseits und den geschilderten Verkehrsverhältnissen anderseits. Ist ein spontaner Trieb gleichmässig über ein ganzes Sprachgebiet bei der Majorität verbreitet, so wird er sich auch rasch allgemein durchsetzen. Es kann aber sein, 42 dass er in den verschiedenen Bezirken sehr verschieden stark verteilt ist. Unter solchen Umständen muss in den von einander abgelegenen Bezirken, die in keinem Verkehr mit einander stehn, die Ausgleichung, soweit sie nötig ist, zu verschiedenem Resultate führen. Dazwischen wird dann der Kampf fortdauern und deshalb nicht leicht zur Entscheidung kommen, weil auf diesen Teil die eine, auf jenen die andere Seite stärker einwirkt. Dieses Zwischengebiet bildet einen Grenzwall durch welchen die Einflüsse von der einen auf die andere Seite nicht durchdringen können, oder nur in solcher Abschwächung, dass sie so gut wie wirkungslos bleiben. Ein solches Zwischengebiet könnte nirgends fehlen, wenn die Kontinuität des Verkehres durch das ganze Sprachgebiet hindurch eine gleichmässige wäre, wenn nirgends durch räumliche Abstände, natürliche Hindernisse oder politische Grenzen Verkehrshemmungen verursacht würden. Indem die gegenseitige Beeinflussung der durch solche Hemmungen getrennten Gebiete auf ein geringes Mass herabgesetzt wird, können sich auch deutliche Grenzen für dialektische Eigentümlichkeiten herausbilden. Ein völliges Abbrechen des Verkehres ist dazu nicht nötig. Er braucht nur so schwach zu werden, dass er ohne einen gewissen Grad spontanen Entgegenkommens wirkungslos bleibt. So kann auch eine zeitweilig bestehende Dialektgrenze allmählich wieder aufgehoben werden, wenn sich das anfangs fehlende spontane Entgegenkommen späterhin einstellt, oder wenn die gleichen Einflüsse von verschiedenen Seiten her kommen.

§ 26. Jede sprachliche Veränderung und mithin auch die Entstehung jeder dialektischen Eigentümlichkeit hat ihre besondere Geschichte. Die Grenze, bis zu welcher sich die eine erstreckt, ist nicht massgebend für die Grenze der andern. Wäre allein das Intensitätsverhältnis des Verkehres massgebend, so müssten allerdings wohl die Grenzen der verschiedenen Dialekteigenheiten durchaus zusammenfallen. Aber die spontanen Tendenzen zur Veränderung können sich in wesentlich anderer Weise verteilen, und danach muss sich das Resultat der gegenseitigen Beeinflussung bestimmen. Wenn sich z. B. ein Sprachgebiet nach einem dialektischen Unterschiede in die Gruppen a und b sondert, so kann es sein und wird häufig vorkommen, dass die Sonderung nach einer andern Eigentümlichkeit damit zusammenfällt, es kann aber auch sein, dass ein Teil von a sich an b anschliesst oder umgekehrt; es kann sich sogar ein Teil von a und von b einem andern Teile von a und von b gegenüberstellen.

Ziehen wir daher in einem zusammenhängenden Sprachgebiete die Grenzen für alle vorkommenden dialektischen Eigentümlichkeiten, so erhalten wir ein sehr kompliziertes System mannigfach sich kreuzender Linien. Eine reinliche Sonderung in Hauptgruppen, die man wieder in 43 so und so viele Untergruppen teilt u. s. f., ist nicht möglich. Das Bild einer Stammtafel, unter dem man sich früher gewöhnlich die Verhältnisse zu veranschaulichen gesucht hat, ist stets ungenau.Gegen die Aufstellung von Stammtafeln hat sich zuerst besonders Schuchardt gewendet, vgl. seine 1870 gehaltene, erst später gedruckte Habilitationsvorlesung Über die Klassifikation der romanischen Mundarten (Graz 1900). Zu lebhaften Erörterungen führte dann der Vortrag von J. Schmidt, Die Verwandtschaftsverhältnisse der indogermanischen Sprachen (Weimar 1872). Von neueren Behandlungen der Frage, wieweit Dialektgrenzen anzuerkennen sind, und wieweit dieselben mit Stammesgrenzen und politischen Grenzen zusammenfallen, führe ich an: K. Haag, 7 Sätze über Sprachbewegung (Zschr. f. hochdeutsche Mundarten 1, 138). F. Wrede, Ethnographie und Dialektwissenschaft (Historische Zschr. 88, 22). O. Bremer, Politische Geschichte und Sprachgeschichte (Historische Vierteljahrsschr. 5, 315). K. Bohnenberger, Sprachgeschichte und politische Geschichte (Zschr. f. hochd. Mua. 3, 321, vgl. auch ib. 4, 129. 241. 6, 129. 299). L. Gauchat, Gibt es Mundartgrenzen! (Arch. f. d. Studium der neueren Spr. 111, 365). E. Tappolet, Über die Bedeutung der Sprachgeographie (Festgabe für H. Morf, 1905, S. 385). Man bringt es nur zu stande, indem man willkürlich einige Unterschiede als wesentlich herausgreift und über andere hinwegsieht. Sind wirklich die hervorstechendsten Merkmale gewählt, so kann man vielleicht einer solchen Stammtafel nicht allen praktischen Wert für die Veranschaulichung absprechen, nur darf man sich nicht einbilden, dass damit eine wahrhaft erschöpfende, genaue Darstellung der Verhältnisse gegeben sei.

§ 27. Noch mehr gerät man mit der genealogischen Veranschaulichung ins Gedränge, wenn man sich bemüht dabei auch die Chronologie der Entwickelung zu berücksichtigen, wie es doch für eine Genealogie erforderlich ist.

Da durch die Entstehung einiger Unterschiede der Verkehr und die gegenseitige Beeinflussung zwischen benachbarten Bezirken noch nicht aufgehoben ist, so kann bei später eintretenden Veränderungen die Entwickelung immer noch eine gemeinschaftliche sein. So können Veränderungen noch in einem ganzen Sprachgebiete durchdringen, nachdem dasselbe schon vorher mannigfach differenziert ist, oder zugleich in mehreren schon besonders gestalteten Teilen. So ist z. B. die Dehnung der kurzen Wurzelvokale (vgl. mhd. lesen, geben, reden etc.) in den nieder- und mitteldeutschen Mundarten wesentlich gleichmässig vollzogen, während viele ältere Veränderungen eine bei weitem geringere Ausdehnung erlangt haben. Wir müssen uns das auch bei der Beurteilung der älteren Sprachperioden gegenwärtig halten, für die wir auf Rückschlüsse angewiesen sind. Man ist zu sehr gewohnt alle Veränderungen des ursprünglichen Sprachzustandes, die durch ein ganzes Gebiet hindurch gehen, dann ohne weiteres für älter zu halten als diejenigen, die auf einzelne Teile dieses Gebietes beschränkt sind, und 44 man setzt von diesem Gesichtspunkte aus etwa eine gemeineuropäische, eine slawogermanische, slawolettische, urgermanische, ost- und westgermanische Grundsprache oder Entwicklungsperiode an. Es ist zwar gar nicht zu leugnen, dass im allgemeinen die grössere Ausdehnung einer sprachlichen Eigentümlichkeit einen Wahrscheinlichkeitsgrund für ihr höheres Alter abgibt, aber ein sicherer Anhalt wird damit keineswegs gewährt. Es wird auch ausser den Fällen, bei denen man es positiv nachweisen kann, verschiedene solche geben, in denen die weiter ausgedehnte Veränderung jünger ist, als die auf einen engeren Raum beschränkte.

Es sind auch nicht immer die am meisten hervortretenden Eigentümlichkeiten die ältesten. Die jetzt übliche Hauptteilung des Deutschen in Ober-, Mittel- und Niederdeutsch beruht auf dem Stande der Lautverschiebung. Diese hat wahrscheinlich nicht vor dem sechsten Jahrhundert begonnen und erstreckt sich bis ins neunte, ja in einigen Punkten sogar noch weiter. Schon vorher aber gab es erhebliche Unterschiede, die bei der jetzigen Einteilung in den Hintergrund gedrängt sind. Unter Niederdeutsch z. B. sind drei von alters her nicht unwesentlich verschiedene Gruppen zusammengefasst, das Friesische, Sächsische und ein Teil des Fränkischen; das Fränkische ist unter Nieder- und Mitteldeutsch verteilt.

Man kann es auch gar nicht als einen allgemeingültigen Satz hinstellen, dass die Gruppen, die am frühesten angefangen haben sich gegen einander zu differenzieren, auch am stärksten differenziert sein müssten, oder umgekehrt, dass bei den am stärksten differenzierten Gruppen die Differenzierung am frühesten begonnen haben müsste. Die Intensität des Verkehrs kann sich etwas verändern. Die geographische Lagerung der Gruppen zu einander kann sich verschieben. Auch ohne das kann spontanes Entgegenkommen die Veranlassung werden, das neue Veränderungen über ältere Grenzen hinwegschreiten, während sie selbst vielleicht da eine Grenze finden, wo früher keine Grenze war. Oder es kann ein Bezirk, der längere Zeit mit einem benachbarten wesentlich gleiche, dagegen von den übrigen abweichende Entwicklung gehabt hat, von besonderen starken Veränderungen ergriffen werden, während der bisher mit ihm die gleichen Bahnen wandelnde Bezirk mit den übrigen auf der älteren Stufe zurückbleibt.

§ 28. Da es die ausgleichende Wirkung des Verkehrs nicht zulässt, dass zwischen nahe benachbarten Bezirken, die einen regelmässigen Verkehr unterhalten, zu schroffe Verschiedenheiten entstehen, so stellt beinahe jede kleine Gruppe eine Übergangsstufe zwischen den nach den verschiedenen Seiten hin benachbarten Gruppen dar. Es ist eine ganz falsche Vorstellung, die immer noch vielfach verbreitet ist, dass 45 Übergangsstufen immer erst durch sekundäre Berührung zweier vorher abgeschlossener Dialekte entstünden. Natürlich will ich nicht behaupten, dass sie niemals so entstünden. Ein Übergang kann durch eine Gruppe gebildet werden entweder dadurch, dass sie die wirkliche Zwischenstufe zwischen zwei in den benachbarten Gruppen vorliegenden abweichenden Gestaltungen darbietet oder beide nebeneinander, oder dadurch, dass sie einige dialektische Eigentümlichkeiten mit dieser, andere mit jener Gruppe gemein hat. Bei dieser Gestaltung der Dialektverhältnisse braucht das Verständnis zwischen benachbarten Bezirken nirgends behindert zu sein, weil die Abweichungen zu geringfügig sind und man sich ausserdem beiderseitig an dieselben gewöhnt, und es können darum doch zwischen den fernerliegenden Differenzen bestehen, die eine Verständigung unmöglich machen.

Dies Verhältnis lässt sich an den verschiedensten Sprachen beobachten. Recht deutlich an der deutschen. Einem Schweizer ist es unmöglich einen Holsteiner, selbst nur einen Hessen oder einen Baiern zu verstehen, und doch ist er mit diesem indirekt durch ungehemmte Strömungen des Verkehres verbunden. Die allmähliche Abstufung der deutschen Dialekte im grossen lässt sich vortrefflich an dem Verhalten zu der sogenannten hochdeutschen LautverschiebungVgl. Braune, Beiträge zur Gesch. d. deutschen Spr. I, 1ff. und Nörrenberg, ib. IX, 371ff. beobachten. Die selbe Abstufung im kleinen kann man schon bei einer flüchtigen Durchmusterung von Firmenich, Germaniens Völkerstimmen gewahr werden. Ein noch viel deutlicheres Bild von der ausserordentlichen Mannigfaltigkeit der Abstufung gibt der von G. Wenker begründete Sprachatlas. Ebenso verhält es sich nicht bloss innerhalb der einzelnen romanischen Sprachen, sondern sogar innerhalb des ganzen romanischen Sprachgebietes. Die Grenzen der einzelnen Nationen sind nur nach den Schriftsprachen, nicht nach den Mundarten mit einiger Sicherheit zu bestimmen. So teilen z.B. norditalienische Dialekte wichtige Eigentümlichkeiten mit dem Französischen, und stehen den benachbarten Dialekten Frankreichs näher als der italienischen Schriftsprache oder der Mundart von Toscana. Das Gascognesche bildet in mehreren Hinsichten den Übergang vom Provenzalischen (Südfranzösischen) zum Spanischen, das Sardinische den Übergang vom Italienischen zum Spanischen, etc.

Bei dieser Schilderung der Entwickelung ist Sesshaftigkeit der Individuen vorausgesetzt. Jede Wanderung von einzelnen oder gar von Massen bringt Modifikationen hervor, die wir als Mischungen in Kapitel 22 zu behandeln haben. Ebenso modifizierend wirkt das 46 Vorhandensein einer Schriftsprache, worüber in Kapitel 23 zu handeln sein wird.

§ 29. Es kann natürlich auch der Fall eintreten, dass der Verkehr zwischen mehreren Teilen einer Sprachgenossenschaft vollständig unterbrochen wird durch starke natürliche oder politische Grenzen, durch Auswanderung des einen Teiles, durch Dazwischenschiebung eines fremden Volkes und dergl. Von diesem Augenblicke an entwickelt sich auch die Sprache jedes einzelnen Teiles selbständig, und es bilden sich mit der Zeit schroffe Gegensätze heraus ohne vermittelnde Übergänge. So entstehen mehrere selbständige Sprachen aus einer, und dieser Prozess kann sich zu mehreren Malen wiederholen.

Es ist kaum denkbar, dass je bis zu dem Augenblicke, wo eine solche Teilung einer Sprache in mehrere stattgefunden hat, durch das ganze Gebiet hindurch keine merklichen Verschiedenheiten bestanden haben sollten. Ohne mundartliche Unterschiede ist eine Sprache, die sich über ein einigermassen umfängliches Gebiet erstreckt und eine längere Entwickelung hinter sich hat, gar nicht zu denken. Man wird daher in der Regel die selbständigen Sprachen, die sich aus einer gemeinsamen Ursprache entwickelt haben, als Fortsetzungen der Dialekte der Ursprache zu betrachten haben, und kann annehmen, dass ein Teil der zwischen ihnen bestehenden Unterschiede schon aus der Periode ihres kontinuierlichen Zusammenhanges herstammt. Von diesem Teile würde dann das selbe gelten, was überhaupt von mundartlichen Unterschieden eines zusammenhängenden Sprachgebietes gilt. Es könnte also, wenn wir die zu selbständigen Sprachen entwickelten Dialekte mit den Buchstaben des Alphabetes bezeichnen, a einiges mit b gemein haben im Gegensatz zu c und d, anderes mit e im Gegensatz zu b und d, noch anderes mit d im Gegensatz zu b und c u. s. f., und diese Übereinstimmungen könnten auf einem wirklichen Kausalzusammenhange beruhen. Von diesem Gesichtspunkte aus müssen z. B. die Verhältnisse der indogermanischen Sprachfamilien zu einander beurteilt werden. Im einzelnen Falle aber ist es schwer zu entscheiden, ob zu der Übereinstimmung in der Entwickelung wirklich gegenseitige Beeinflussung beigetragen hat. Die Unmöglichkeit eines Zusammentreffens auch bei ganz selbständiger Entwickelung lässt sich kaum je dartun.

Die Trennung braucht auch nicht immer mit alten Dialektgrenzen zusammenzufallen, namentlich dann nicht, wenn sie durch Wanderungen veranlasst wird. Es kann sich ein Teil einer in den wesentlichsten Punkten übereinstimmenden Gruppe absondern, während der andere mit den übrigen ihm ferner stehenden Gruppen in Verbindung bleibt. Es können sich auch Teile verschiedener Gruppen zusammen loslösen. So ist z.B. das Angelsächsische ursprünglich mit dem Friesischen aufs 47 engste verwandt, ja es hat wahrscheinlich auf dem Kontinent niemals als besonderer Dialekt existiert, sondern ist erst entstanden, als friesische Scharen sich von der Heimat loslösten und einige Bestandteile aus andern germanischen Stämmen mit sich vereinigten. Das Angelsächsische hat dann aber eine Sonderentwickelung gehabt, während das Friesische im Zusammenhange mit den übrigen deutschen Mundarten geblieben ist. Zwischen englisch und deutsch gibt es eine scharfe Grenze, zwischen friesisch und niedersächsisch nicht.

§ 30. Das eigentlich charakteristische Moment in der dialektischen Gliederung eines zusammenhängenden Gebietes bleiben immer die Lautverhältnisse. Ursache ist, dass bei der Gestaltung derselben alles auf den direkten Einfluss durch unmittelbaren persönlichen Verkehr ankommt. Im Wortschatz und in der Wortbedeutung, im Formellen und im Syntaktischen macht die mittelbare Übertragung keine Schwierigkeiten. Was hier Neues entstanden ist, kann, wenn es sonst Anklang findet, ohne wesentliche Alterierung weithin wandern. Aber der Laut wird, wie wir im folgenden Kapitel sehen werden, niemals genau in der Gestalt weitergegeben, wie er empfangen ist. Wo schon ein klaffender Riss besteht, da hört überhaupt die Beeinflussung auf lautlichem Gebiete auf. So entwickeln sich denn hier viel stärkere Differenzen als im Wortschatz, in der Formenbildung und Syntax, und jene Differenzen gehen gleichmässiger durch lange Zeiten hindurch als diese. Dagegen, wenn eine wirkliche Sprachtrennung eingetreten ist, können sich die Unterschiede zwischen den verschiedenen Sprachen auf andern Gebieten eben so charakteristisch geltend machen als auf dem lautlichen.

Am wenigsten ist der Wortschatz und seine Verwendung charakteristisch. Hier finden am meisten Übertragungen aus einer Mundart in die andere wie aus einer Sprache in die andere statt. Hier gibt es mehr individuelle Verschiedenheiten als in irgend einer andern Hinsicht. Hier kann es auch Unterschiede geben, die mit den mundartlichen gar nichts zu tun haben und diese durchkreuzen. Auf jeder höheren Kulturstufe entstehen technische Ausdrücke für die verschiedenen Gewerbe, Künste und Wissenschaften, die vorwiegend oder ausschliesslich von einer bestimmten Berufsklasse gebraucht und von den übrigen zum Teil gar nicht verstanden werden. Bei der Ausbildung solcher Kunstsprachen kommen übrigens ganz ähnliche Verhältnisse in Betracht wie bei der Entstehung der Mundarten. Eben dahin gehört auch der Unterschied von poetischer und prosaischer Sprache, der sich auch auf Formelles und Syntaktisches erstreckt. Eigenartige Verhältnisse haben im alten Griechenland auch zu absichtlich kunstvoller Verwendung lautlicher Unterschiede geführt. Es kann aber auch eine poetische Sprache geben (und das ist das 48 Gewöhnliche), die in den verschiedensten dialektischen Lautgestaltungen sich doch immer gleichmässig gegen die prosaische Rede abhebt.

§ 31. Alle natürliche Sprachentwickelung führt zu einem stetigen, unbegrenzten Anwachsen der mundartlichen Verschiedenheiten. Die Ursachen, welche dazu treiben, sind mit den allgemeinen Bedingungen des Sprachlebens gegeben und davon ganz unzertrennlich. Es ist eine falsche Vorstellung, der man leider noch in sprachwissenschaftlichen Werken begegnet, die ein grosses Ansehen geniessen, dass die frühere zentrifugale Bewegung, durch welche die Mundarten entstanden seien, auf höherer Kulturstufe, bei reger entwickeltem Verkehre durch eine rückläufige, zentripetale abgelöst werde. Diese Vorstellung beruht auf ungenauer Beobachtung. Die Bildung einer Gemeinsprache, die man dabei im Auge hat, vollzieht sich nicht durch eine allmähliche Angleichung der Mundarten aneinander. Die Gemeinsprache entspringt nicht aus den einzelnen Mundarten durch den selben Prozess, durch welchen eine jüngere Form der Mundart aus einer älteren entsprungen ist. Sie ist vielmehr ein fremdes Idiom, dem die Mundart aufgeopfert wird. Darüber in Kapitel 23.


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