Paul, Hermann
Prinzipien der Sprachgeschichte.
Paul, Hermann

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189 Zehntes Kapitel.

Isolierung und Reaktion dagegen.Mit diesem Kap. vgl. Kruszewski V, 133-144. 339-348.

§ 132. Der Zusammenschluss der Sprachelemente zu Gruppen muss, wie wir gesehen haben, von jedem Individuum einer Sprachgenossenschaft besonders vollzogen werden. Die Gruppen sind also durchaus subjektiver Natur. Da aber die Elemente, aus denen sie sich zusammensetzen, innerhalb einer bestimmten Verkehrsgemeinschaft im grossen und ganzen die nämlichen sind, so muss auch die Gruppenbildung bei allen der Verkehrsgemeinschaft angehörenden Individuen vermöge der wesentlichen Übereinstimmung ihrer psychischen Organisation eine analoge sein. Wie wir daher überhaupt nach einem gewissen Durchschnitt das in einer bestimmten Periode allgemein Übliche darstellen, sind wir auch im stande für jede Entwickelungsperiode einer Sprache ein im wesentlichen allgemeingültiges System der Gruppierung aufzustellen. Gerade nur dieses Allgemeine, im Wesen der Elemente, aus denen sich die Gruppen zusammensetzen, Begründete ist es, woran sich die wissenschaftliche Betrachtung halten kann, während die individuellen Besonderheiten, von einzelnen, in der grossen Masse verschwindenden Ausnahmen abgesehen, sich der Beobachtung entziehen.

Vergleichen wir nun unsere Abstraktionen über die Gruppierungen aus verschiedenen Zeiten mit einander, so gewahren wir beträchtliche Verschiedenheiten, und zwar nicht bloss insofern, als eine Anzahl Elemente verloren gegangen, andere neu entstanden sind; sondern auch da, wo sich die alten Elemente erhalten haben,Ich meine erhalten natürlich in dem uneigentlichen Sinne, wie man gewöhnlich von Erhaltung in der Sprachgeschichte spricht. Wie der Vorgang seinem eigentlichen Wesen nach aufzufassen ist, habe ich genugsam dargelegt. gruppieren sie sich doch anders in Folge einer Veränderung, welche die Lautform oder die Bedeutung oder beides durchgemacht hat. Was sich früher fest 190 aneinander schloss, hängt jetzt nur noch lose oder gar nicht mehr zusammen. Was früher keinen Zusammenhang hatte, hat sich jetzt zusammengefunden. Den ersteren Vorgang können wir passend als Isolierung bezeichnen, da auch die Lockerung des Verbandes wenigstens eine partielle Isolierung ist. Natürlich ist auch dieser Ausdruck auf dem unvermeidlichen Operieren mit Abstraktionen basiert. Streng genommen dürfte man nicht sagen, dass das früher Zusammengeschlossene sich isoliert habe, sondern nur, dass das in den Seelen einer früheren Generation Zusammengeschlossene sich nicht auch in den Seelen einer späteren Generation zusammengeschlossen hat.

Die Gruppenbildung beruht auf Gleichheit oder Ähnlichkeit der Lautform und der Bedeutung. Diese Gleichheit oder Ähnlichkeit beruht bei weitem in den meisten Fällen im letzten Grunde auf etymologischem Zusammenhange. Aber nicht der etymologische Zusammenhang an sich ist massgebend für den Zusammenschluss, sondern auf jeder Sprachstufe immer nur, soweit er sich zur Zeit in totaler oder partieller Gleichheit von Laut oder Bedeutung zu erkennen gibt; und umgekehrt hat jede zufällig entstandene Gleichheit ganz denselben Erfolg. Aus der Verkennung dieser unleugbaren Tatsache fliessen so viele Fehler der älteren Sprachwissenschaft.

§ 133. Wir betrachten in diesem Kapitel zunächst die Lockerung und Auseinanderreissung der Gruppen. Veranlasst wird dieselbe durch Laut- und Bedeutungswandel, zuweilen auch durch die Analogiebildung. Zwar wirkt die letztere, wie wir noch sehen werden, vorzugsweise zur Herstellung des gestörten Zusammenhanges; indem aber verschiedene Analogieprinzipe sich gegenseitig stören, kann sie auch die entgegengesetzte Wirkung haben.

Dass die verschiedenen Bedeutungen eines Wortes sich mehr und mehr gegen einander isolieren können, haben wir schon in Kap. 4 gesehen. Wir haben ferner ib. § 73 gesehen, dass ein Wort als Element einer festen syntaktischen Verbindung sich isolieren kann gegenüber seiner sonstigen Verwendungsweise. Ebenso können die in Kap. 5 besprochenen Gruppen von Worten und Wortformen auseinandergerissen werden.

§ 134. Die etymologisch-lautlichen Gruppen werden zerstört, wenn aus irgend welcher Ursache die Bedingungen wegfallen, die den Lautwechsel veranlasst haben und auf Grund deren er sich dann weiter analogisch geregelt hat. Durch das Vernersche Gesetz ist im Urgermanischen ein durchgreifender Wechsel zwischen hartem und weichem Reibelaut entstanden (h-z, þ-ð, f-b, s-z), bedingt durch die Stellung des Akzentes nach der ursprünglichen (indogermanischen) Betonungsweise. Nachdem diese Betonungsweise durch die jüngere, spezifisch 191 germanische ersetzt war, gab es keinen ersichtlichen lautlichen Grund mehr für den Wechsel, derselbe musste daher als ganz willkürlich erscheinen. Es konnte sich zwar ein allgemeines Gefühl dafür bilden, dass die betreffenden Laute mit einander zu wechseln pflegten, aber man konnte sich den Sprachgebrauch nicht mehr anders aneignen, als indem man jede einzelne Form besonders erlernte. Der Lautwechsel hatte aufgehört ein lebendiger zu sein, er war erstarrt, tot. Zweitens kann ein jüngerer Lautwandel zerstörend auf diese Art von Gruppen einwirken. Als Beispiel kann hier wieder der Wechsel nach dem Vernerschen Gesetz dienen. Statt des urgermanischen Wechsels zwischen hartem und weichem Reibelaut haben wir im Hochdeutschen den Wechsel h-g (daneben ck), d-t, f-b (daneben pp), s-r. Der einartige Wechsel hat sich also in mehrere ganz verschiedenartige gespalten, und eine solche Spaltung ist immer eine Schwächung. Aber der eigentliche Hauptfeind der etymologisch-lautlichen Gruppen ist die ausgleichende Wirkung der stofflich-formalen Proportionengruppen, die weiter unten zu besprechen ist.

§ 135. Die Isolierungen, welche auf syntaktischem Gebiete eintreten können, sind zum Teil schon in Kapitel 7 besprochen. Wir haben hier zunächst die Isolierungen der verschiedenen Bedeutungen eines syntaktischen Verhältnisses gegen einander. Hierdurch werden die syntaktischen Proportionengruppen nicht gestört, so lange jede einzelne Funktion des Verhältnisses vollkommen lebendig bleibt. Aber jede Erstarrung durch gewohnheitsmässige Verbindung mit einem bestimmten Worte ist eine Loslösung aus dem allgemeinen Proportionenverbande. So kann man z. B. kaum sagen, dass die Verbindung zu dir noch in einem analogen Verhältnis zu der Verbindung irgend einer andern Präposition mit dem Dativ stünde, geschweige denn, dass eine allgemeinere Funktion des Dativs damit vom Sprachgefühl in eine analogische Beziehung gesetzt würde. Innerhalb einer engeren Proportionengruppe bleibt aber auch diese Verbindung noch stehen und zwar einer solchen, in welcher durch alle einzelnen Proportionen dasselbe Glied hindurchgeht: zu : dir = zu : dem Vater = zu : allen etc.

Hier kann dasjenige Wort beliebig wechseln, an welchem das syntaktische Verhältnis eine besondere formelle Ausprägung hat. Es gibt noch eine andere Art der Isolierung, bei der gerade dieses Wort fixiert ist, während das andere, an welchem das Verhältnis keinen Ausdruck findet, beliebig wechseln kann. Diese Isolierung entsteht dadurch, dass Konstruktionsweisen im allgemeinen untergehen, sich aber in einzelnen Resten erhalten, die wegen ihres häufigen Gebrauches sich besonders stark eingeprägt haben, so dass sie der Unterstützung 192 durch die analogen Proportionen nicht bedürfen und deshalb auch nach dem Untergange der letzteren dauern können.

So gibt es im Nhd. mehrere Funktionen des Genitivs, die früher vollkommen lebendig waren, jetzt aber auf die Genitive einiger weniger Wörter beschränkt sind, die nun ganz für sich stehen oder sich zu ganz kleinen Gruppen zusammenschliessen, welche nur einer sehr geringen oder gar keiner analogischen Ausbreitung fähig sind. Zur Zeitbestimmung kann abgesehen von den isolierten Formeln derzeit, jederzeit, dieser Tage, nächster Tage nur der Gen. sing. männlicher und neutraler Substantiva verwendet werden. Wir können sagen des Morgens, eines Morgens, Abends, Tages, Jahres, aber nicht der Stunde, einer Stunde etc., übrigens auch nicht des Monats. Die betreffenden Genitive können auch kein beliebiges Adj. zu sich nehmen, sondern es gibt nur stehende Formeln wie eines schönen Tages, Morgens. Die Funktion der Zeitbestimmung haftet hier nicht mehr an dem Gen. als solchem, sondern an dem Suffix (e)s, dessen ursprüngliche Identität mit dem Genitivsuffix kaum noch empfunden wird. Man bemerkt dies noch deutlicher an den Formen ohne Artikel abends, morgens, tags, namentlich aber an der altertümlichen Form (des) Nachts, die von der Form, die jetzt als eigentlicher Gen. funktioniert, auch lautlich getrennt ist. Noch mehr isoliert als diese Zeitbestimmungen sind einige Genitive, die ein räumliches Verhältnis bezeichnen: des Weges, gerades Weges, rechter Hand, linker Hand, allerorten, allerwegen. Ferner einige kausale Genitive: Hungers sterben, Todes verblichen; auch der Hoffnung, des Glaubens leben, wenn diese Formeln nicht anders aufzufassen sind. Zahlreicher, aber eben so isoliert sind die, welche ein modales Verhältnis ausdrücken. Es sind dabei verschiedene Verwendungen zu unterscheiden. Eine Gruppe verwandter Genitive wird prädikativ gebraucht. Man sagt: ich bin der Ansicht, Meinung, Hoffnung, Zuversicht, des Sinnes, des Glaubens, nur ohne Artikel willens, auch anderer Ansicht, guter Hoffnung, auch etwa er ging fort, der Meinung, dass etc. Etwas anderer Art sind guten Mutes, guter Dinge. Schon altertümlich erscheinen reinen Sinnes, göttlicher Natur u. dergl. Unmittelbar wie ein Adj. zum Subst. gesetzt und gar nicht mehr als Genitive empfunden erscheinen allerhand, mancherhand, einerhand, keinerhand, allerlei, aller Art etc. Ausserdem sagt man es ist einerlei. Wieder andere Formeln werden adverbial zum Verbum gesetzt, wie meines Bedünkens, meines Erachtens, alles Ernstes, stehenden Fusses, eilenden Schrittes, kurzer Hand, leichten Kaufes, unverrichteter Sache, vorsichtigerweise, törichterweise, vernünftigerweise etc., vorkommendenfalls, bestenfalls, keinesfalls etc. keineswegs, einigermassen, gewisserm. etc., dergestalt, solchergestalt. Einige von diesen Formeln werden, wie schon die jetzt übliche Schreibung 193 zeigt, geradezu als Adverbia angesehen. Dasselbe gilt von flugs, spornstreichs, augenblicks, teils, grösstenteils etc. und den aus Adjektiven abgeleiteten anders, rechts, links, stets, stracks, bereits, besonders, blindlings etc.

Die Formel es sei denn dass ist ein Rest einer im älteren Nhd. noch lebendigen Konstruktionsweise, vgl. 1. Mos. 32, 26 ich lasse dich nicht, du segnest mich denn; noch allgemeiner war dieselbe im Mhd. mit der Negation en und auch ohne denne. Von dieser älteren Weise haben wir einen gar nicht mehr erkennbaren Rest in dem Adverbium nur = enwære.

Die Isolierung kann nun endlich noch weiter gehen, indem keines der mit einander verbundenen Glieder mehr frei wechseln kann, so dass dann also jede einzelne Formel nur noch gedächtnismässig fortgepflanzt wird, ohne irgend eine neue Verbindung zu erzeugen.

Es ist im Nhd. nicht mehr möglich Präpositionen mit einem beliebigen Subst. im Sing. zu verbinden ohne Beifügung des Artikels. Man kann z. B. nicht sagen an Hause, vor Tür, zu See etc., sondern nur am Hause, vor der Tür, zur See. In gewissen beschränkteren Umkreisen aber ist es noch möglich Verbindungen ohne Artikel frei zu schaffen, z. B. vor Liebe, Besorgnis, Kummer etc. (zur Bezeichnung des Hindernisses); auf Ehre, Gewinn, Weisheit, Geld gerichtet (so kann auf mit jeder Zustands- oder Stoffbezeichnung verbunden werden, um das Ziel des Strebens zu bezeichnen); zu Gelde, Weine, Wasser werden, machen, und so bei jeder Stoffbezeichnung, aber die Arbeit wird ihm zur Erholung, zum Genuss, der Knabe wird zum Mann, das Mädchen zur Frau. Andere Verbindungen dagegen gehören gar keiner schöpferischen Gruppe mehr an, und es lässt sich nichts ihnen noch so vollkommen Analoges mehr neu schaffen. Am zahlreichsten sind wohl die Formeln mit zu: zu HauseMan beachte, dass in mehreren dieser Formeln zu noch zur Bezeichnung der Ruhe an einem Orte gebraucht wird, was nur in ganz bestimmten Verbindungen möglich ist. (aber nicht zu Dorfe, zu Stadt), zu Wasser, zu Lande (das letztere im Gegensatz zum ersteren, aber nicht mehr wie mhd. ze lande, analog dem zu Hause), zu Schiffe, Wagen, Fusse, Pferde, zu Anfang, Ende, zu Tische, Bette, Markte, zu Leide, Liebe, Gute, zurück, zurecht, zunichte; anderes ist jetzt auf die Verbindung mit bestimmten Verben beschränkt, während im älteren Nhd. vielfach noch eine freiere Gebrauchsweise herrscht: zu Grunde gehen, zu Rande sein mit etwas, zu Berge stehen, zu Kopfe steigen, mir ist zu Mute, zu Sinne, einem zu Gemüte führen, zu Schaden kommen (aber zum Schaden gereichen), zu Tode kommen, quälen, zu Statten kommen, zu Wege bringen, zu Gesichte kommen, einem etwas zu Danke machen, einem zu Willen 194 sein, zu Rate gehen, halten, zu Abend, zu Nacht, zu Mittag speisen, zu Tage bringen, fördern, aber nicht zu Tage = am Tage oder an diesem Tage, wohl aber heutzutage. Bemerkenswert sind auch die Parallelverbindungen zu Nutz und Frommen, aber zum Frommen, zum Nutzen, abgesehen von der Wendung sich etwas zu Nutze machen; zu Spiel und Tanz, aber zum Spiel, zum Tanz; in Freud und Leid, aber in der Freude, im Leide; in Krieg und Frieden, aber im Kriege, im Frieden (in Frieden hat abweichende Bedeutung); in (durch) Feld und Wald, aber im Felde, im Walde, durch das Feld, durch den Wald; in Dorf und Stadt, aber im Dorfe, in der Stadt etc.

Ein anderes hierher gehöriges Beispiel ist folgendes. Im Mhd. kann das Adj. in attributiver Stellung, namentlich nach dem unbestimmten Artikel im Nom. Sg. aller Geschlechter und im Akk. Sg. Neutr. noch in der sogenannten unflektierten Form gebraucht werden also ein guot (schoene) man, frouwe, kint. Dagegen im Nhd. kann nur die flektierte Form gebraucht werden: ein guter Mann, eine gute Frau, ein gutes Kind. Zahlreiche Spuren aber hat die ältere Konstruktionsweise hinterlassen in den uneigentlichen Kompositis, die durch Zusammenwachsen eines Adj. mit einem Subst. entstanden sind wie Altmeister, Junggesell, Bösewicht, Kurzweil, Neumann etc. Und ferner erscheint die unflektierte Form noch in einigen stehenden Verbindungen: gut Wetter, schlecht W., ander W., ein gut Stück, ein gut Teil, ein ander Mal, manch Mal, ein ander Bild (noch im achzehnten Jahrh. ist ander auch sonst häufig), gut Ding will Weile haben.

Ganz vereinzelte Reste sind: zweifelsohne (im Mhd. kann nachgestelltes âne mit jedem beliebigen Genitiv verbunden werden), mutterseelenallein (im Mhd. ist alleine mit dem Gen. im Sinne von »getrennt von« in allgemeinem Gebrauch), Vergissmeinnicht (vergessen früher allgemein mit dem Gen. konstruiert), dass es Gott erbarme (mhd. mich erbarmet ein dinc mir tut etwas leid).

§ 136. Die syntaktischen Isolierungen sind zum Teil auch Isolierungen auf dem Gebiete der formalen Gruppierung, da ja diese zum guten Teile auf der syntaktischen Funktion beruht; vgl. namentlich die oben angeführten Genitive. Die formale Isolierung aber steht wieder in engem Zusammenhange mit der Isolierung des stofflichen Elementes, soweit dieselbe eine Folge des Bedeutungswandels ist. Eine Trennung der etymologisch zusammenhängenden Formen wird so lange vermieden, als die Bedeutungsentwickelung der einzelnen sich in parallelen Linien bewegt. Dies wird um so mehr der Fall sein, je mehr sie immer von neuem auf einander bezogen werden. Am lebendigsten aber ist die Beziehung, wenn sie nicht bloss jede für sich gedächtnismässig überliefert, sondern auch fortwährend die eine 195 zur andern nach sonstigen Analogieen hinzugeschaffen werden. Da, wie wir gesehen haben, bei jeder Neuschöpfung einer Form eine stoffliche und eine formale Gruppe zusammenwirken, so bedingen sich beide gegenseitig in Bezug auf ihre schöpferische Kraft. Eine formale Isolierung ist fast immer zugleich eine stoffliche. Wenn rechts nicht mehr als Gen. empfunden wird, so steht es auch nicht mehr in so innigem Zusammenhange mit dem Nom. recht. Kunst steht in keinem so engen Zusammenhange mit können als Führung mit führen; denn -ung ist ein noch lebendiges Suffix, mit Hilfe dessen wir jederzeit im stande sind neue Substantiva aus Verben zu bilden, nicht so -st. Ja wir dürfen weiter behaupten, dass Regierung im Sinne von `regierendes Kollegium', Mischung = Gemischtes, Kleidung = Mittel zum Kleiden u. dgl. nicht in so engem Zusammenhange mit den betreffenden Verben stehen als Regierung = das Regieren etc. Denn nur die Bezeichnung einer Tätigkeit ist die vollständig lebende Funktion des Suffixes -ung, in welcher sich wenigstens den meisten transitiven Verben ein Subst. zur Seite stellen lässt.

Die auf die Flexion bezüglichen Gruppen haben natürlich einen festeren Zusammenhang als die auf die Wortbildung bezüglichen. Einerseits ist das Mass des gemeinsamen Elementes ein grösseres, anderseits ist das Gefühl für die Bildungsweise am lebendigsten. Charakteristisch ist in dieser Hinsicht das Verhalten der Nominalformen des Verbums. Sobald sie als wirkliche Nomina gebraucht werden, der Inf. mit dem Artikel versehen, das Part. zur Bezeichnung einer bleibenden Eigenschaft verwendet wird, ist der Zusammenhang mit den übrigen Verbalformen gelockert, und damit die Möglichkeit zu einer abweichenden Weiterentwickelung der Bedeutung geschaffen.

Eine Bedeutungserweiterung des Grundwortes oder des dem Sprachgefühl als solches erscheinenden Wortes teilt sich leichter der Ableitung mit, als umgekehrt eine Bedeutungserweiterung der Ableitung dem Grundwort. Weil man sich nämlich bei der Ableitung leichter an das Grundwort erinnert als umgekehrt, so knüpft man auch die Ableitung leichter an alle Bedeutungen des Grundwortes an, als das Grundwort an alle Bedeutungen der Ableitung. Deshalb geht der Anstoss zur Isolierung gewöhnlich von einer Bedeutungsveränderung der Ableitung aus. Wie das Grundwort zur Ableitung verhält sich das Simplex zum Kompositum.

Die Ursache zu ungleichmässiger Bedeutungsentwickelung etymologisch verwandter Wörter liegt, soweit sie nicht erst die Folge anderweitiger Isolierung ist, in der von Anfang an bestehenden Verschiedenheit der Funktion. Ein Nomen kann sich nach Richtungen hin entwickeln, nach denen ihm das Verbum nicht nachfolgen kann. In wirk- 196 licher Korrespondenz mit dem Verbum stehen nur die eigentlichen nomina agentis und nomina actionis. Sobald das Nomen agentis zur Bezeichnung einer bleibenden Eigenschaft oder des Trägers einer bleibenden Eigenschaft, das Nomen actionis zur Bezeichnung eines bleibenden Zustandes oder eines Produkts, eines Werkzeugs geworden ist, so kann sich dann ein weiterer Bedeutungsinhalt anheften, wie er sich zu einem Verbum nicht fügt. So ist nhd. Ritter Nomen agentis zu reiten, wird dann zur Bezeichnung eines Mannes, der das Reiten gewohnheitsmässig, berufsmässig treibt. Dabei bleibt es zunächst noch mit dem Verbum innig verbunden. Indem dann aber das Wort vorzugsweise von berittenen Kriegern gebraucht wird und aus diesen berittenen Kriegern sich ein privilegierter Stand entwickelt, ein Orden, in den man feierlich aufgenommen wird, ist es bei einer Bedeutung angelangt, der überhaupt keine verbale Bedeutung entsprechen kann. Und so hat es denn noch weiter einen Sinn bekommen, der mit dem ursprünglichen gar nichts mehr zu schaffen hat. Auch für das Adv. sind manche Bedeutungsentwickelungen möglich, die dem Adj. unmöglich sind. Man denke z. B. an die allgemein verstärkenden oder beschränkenden Adverbien, wie nhd. sehr = mhd. sêre von einem Adj. sêr verwundet, ahd. harto und drâto valde von den Adjektiven herti hart und drâti schnell, nhd. in der Umgangssprache schrecklich, furchtbar, entsetzlich, fast zu fest, auch an solche wie schon zu schön.

§ 137. Die etymologischen Gruppen und die Formen mit lautlicher Übereinstimmung und somit auch die aus beiden sich zusammensetzenden Proportionengruppen erfahren auch durch den Lautwandel Einwirkungen, die den Zusammenhalt stark beeinträchtigen oder gänzlich zerstören. Es werden durch denselben eine Menge zwecklose Unterschiede erzeugt. Denn es ist in den allgemeinen Ursachen des Lautwandels begründet, dass in den seltensten Fällen sich ein Laut überall da, wo er in der Sprache erscheint, auf die gleiche Art verändert. Selbst ein so spontaner Lautwandel, wie die urgermanische Lautverschiebung hat doch gewisse hemmende Schranken gefunden, die sich einer gleichmässigen Durchführung widersetzt haben, indem z.B. in den Verbindungen sk, st, sp die Verschiebung unterblieben ist. Noch viel mehr Veranlassung zu Differenzierung ursprünglich gleicher Laute liegt da vor, wo die Veränderung durch die umgebenden Laute oder durch die Akzentuation bedingt ist. So entstehen fast bei jedem Lautwandel zwecklose Unterschiede zwischen den verschiedenen Ableitungen aus derselben Wurzel, zwischen den verschiedenen Flexionsformen desselben Wortes (vgl. z. B. gr. stízô - stíxô - stiktós - stígma, nhd. sitze - sass, heiss - heize - Hitze; schneide - schnitt; 197 friere - Frost etc.); die gleichen Ableitungs- und Flexionssuffixe spalten sich in verschiedene Formen (vgl. z. B. die verschiedenen Gestaltungen des indogermanischen Suffixes -tei- in lat. hostis, messis, pars, in got. ansts - gabaurþs - qiss, die verschiedene Behandlung der Nominativendung -r in altn. sonr - steinn [aus *steinr] - heill - îss - fugl [aus *fuglr] etc.); ja das gleiche Wort nimmt je nach der Stellung im Satze verschiedene Form an (vgl. die mehrfachen Formen griechischer Präpositionen wie en - em - eg; sun - sum - sug). Daraus entspringt für die folgenden Generationen eine unnütze Belastung des Gedächtnisses. Zugleich aber ist auch die unvermeidliche Folge die, dass die einzelnen Formen wegen des verringerten Masses der lautlichen Übereinstimmung sich jetzt weniger leicht und weniger fest zu Gruppen zusammenschliessen. Die Folge davon ist, dass sich ein Bedeutungswandel weniger leicht von einem verwandten Worte auf das andere überträgt. Die Zerstörung der Übereinstimmung in der Lautgestaltung begünstigt daher die Zerstörung der Übereinstimmung in der Bedeutung.

Das Absterben der lebendigen Bildungsweisen nimmt meist seinen Ausgang von einer lautlichen Isolierung, die häufig sowohl stofflich als formal ist, die Bedeutungsisolierung kommt erst hinterher. Wir können z. B. im Germanischen eine Periode voraussetzen, in welcher vielleicht aus jedem intransitiven starken Verbum ein schwaches Kausativum gebildet werden konnte. Dasselbe unterschied sich schon von der indogermanischen Zeit her im Wurzelvokal vom Präs. des Grundwortes, indem es aber mit dem Sg. Ind. Prät. übereinstimmte (brinna - brann - brannjan etc.), war doch eine nahe lautliche Beziehung gewahrt. Aber ein Riss trat schon im Urgerm. ein durch die Wirkung des Vernerschen Gesetzes, infolge dessen in vielen Fällen eine konsonantische Abweichung des Kausativums nicht bloss vom Präs., sondern auch vom Sg. Prät. des Grundwortes entstand. Diese Abweichung hat weiterhin im Ahd. mitunter vokalische Abweichungen im Gefolge. Das Kausativum nimmt dann abweichend vom Sg. Prät., wo es moglich ist, den Umlaut an. So entstehen im Mhd. Verhältnisse wie springen - spranc - sprengen, varen - vuor - vüeren, sîhen - sêch - seigen, ziehen - zôh - zöugen, genesen - genas - neren. Unter solchen Umständen war es natürlich, dass Grundwort und Kausativum nun ihre eigenen Wege in der Bedeutungsentwickelung gingen, so dass z. B in nhd. genesen - nähren niemand mehr einen Zusammenhang fühlt. Durch die erwähnten Lautveränderungen wird aber auch die Gleichmässigkeit der Bildungsweise angegriffen, und darunter leidet der Zusammenhang der Kausativa unter einander auch nach der Seite der Bedeutung und wird schliesslich ganz zerstört. 198

Das Absterben der indogermanischen Ableitungssuffixe im Germanischen hat seinen ersten Anlass meist in einer Lautveränderung. So erscheint z. B. das t der Suffixe -tei, -teu, -to etc. nach der Lautverschiebung in fünffacher Gestalt: t (got. þaurfts »Bedürfnis« zu þaurban, gaskafts »Schöpfung« zu skapjan, mahts »Macht« zu magan, frawaurhts »Vergehen« zu waurkjan), þ (gaqumþs »Zusammenkunft« zu qiman, gabaurþs »Geburt« zu bairan), d (-deds »Tat« zu alts. dôn, gamunds »Gedächtnis« zu munan), st (ansts »Gnade« zu unnan, alabrunsts »Brandopfer« zu brinnan), s (-qiss »Rede« zu qiþan, -stass »Tritt« zu standan, gawiss »Verbindung« zu gawidan). Ein Bewusstsein für die ursprüngliche Identität dieser verschiedenen Lautgestaltungen kann es natürlich nicht geben. Die grosse Gruppe zerteilt sich in fünf kleinere. Keinem von den fünf Suffixen kommt Allgemeingültigkeit zu. Dazu ist der Zusammenhang mit dem Grundwort vielfach gelockert durch Veränderungen des Wurzelauslauts, wofür die Beispiele schon gegeben sind. Daher ist die unausbleibliche Folge gewesen, dass die alten Suffixe die Fähigkeit verlieren mussten noch zur Bildung neuer Wörter zu dienen, dass fortan nur noch die alten Bildungen gedächtnismässig weiter überliefert wurden, und zwar nur so weit, als sie wegen häufigen Gebrauches einer Stütze durch das Grundwort nicht bedurften. So ist ferner Suffix -no abgestorben, weil es in vielen Fällen in Folge der Assimilation des n an den vorhergehenden Konsonanten unkenntlich geworden war, vgl. fulls = indog. plnos etc.

§ 138. Der Symmetrie des Formensystems ist also im Lautwandel ein unaufhaltsam arbeitender Feind und Zerstörer gegenüber gestellt. Man kann sich schwer eine Vorstellung davon machen, bis zu welchem Grade der Zusammenhangslosigkeit, Verworrenheit und Unverständlichkeit die Sprache allmählich gelangen würde, wenn sie alle Verheerungen des Lautwandels geduldig ertragen müsste, wenn keine Reaktion dagegen möglich wäre. Ein Mittel zu solcher Reaktion ist nun aber in der Analogiebildung gegeben. Mit Hilfe derselben arbeitet sich die Sprache allmählich immer wieder zu angemesseneren Verhältnissen durch, zu festerem Zusammenhalt und zweckmässiger Gruppierung in Flexion und Wortbildung. So sehen wir denn in der Sprachgeschichte ein ewiges Hin- und Herwogen zweier entgegengesetzter Strömungen. Auf jede Desorganisation folgt eine Reorganisation. Je stärker die Gruppen durch den Lautwandel angegriffen werden, um so lebendiger ist die Tätigkeit der Neuschöpfung.

Wo durch den Lautwandel eine unnötige und unzweckmässige Differenz entstanden ist, da kann dieselbe mit Hilfe der Analogie beseitigt werden, indem nämlich eine so differenzierte Form allmählich durch eine Neubildung verdrängt wird, welche die betreffende Differenz 199 nicht enthält. Wir können diesen Prozess als Ausgleichung bezeichnen, nur müssen wir uns klar darüber sein, dass mit diesem Ausdruck nicht das eigentliche Wesen des Vorgangs bezeichnet ist, dass derselbe sich vielmehr aus einer komplizierten Reihe von Einzelvorgängen zusammensetzt, wie sie in Kap. 5 analysiert sind.

Gehemmt wird die Ausgleichung durch die stofflich-lautlichen Proportionen. Ein noch lebendiger, durch solche Proportionen gestützter Lautwandel entzieht sich öfters der Ausgleichung lange Zeit, jedoch ohne dass er derselben ein unüberwindliches Hinderniss in den Weg stellte. Sind einmal die stofflich-lautlichen Proportionen durchbrochen, so verliert der Lautwechsel sehr an Widerstandskraft.

§ 139. Wir gehen jetzt dazu über, die verschiedenen Arten der Ausgleichung näher zu betrachten. Wo ein und dieselbe Form unter dem Einflusse verschiedener Stellung innerhalb des Satzgefüges sich in mehrere verschiedene Formen gespalten hat, geht der anfängliche Unterschied in der Verwendung dieser Formen verloren, indem die eine Form auch an solcher Satzstelle gebraucht wird, an welcher die lautliche Entwickelung zur Erzeugung der andern geführt hat.

G. Curtius in seinen Studien 10, 205ff. hat gezeigt, dass sich der Auslaut der griechischen Präpositionen sowie der des Akk. Sing. des Artikels in der älteren Zeit nach dem Anlaut des folgenden Wortes richtet, z. B. kàd dè - kàk kephalê`n - kàn gónu - kàp pedíon - kàn nómon - kàm mèn - kàr rhóon - kàl lapárên, tòm béltiston - tòn krátiston - tòn thrasútaton - tòl lâston etc., während in späterer Zeit eine von diesen mannigfaltigen Formen oder die davon noch verschiedene AdverbialformDafür muss man wohl z. B. aná, katá, pará ansehen im Gegensatze zu an, kat, par mit ihren verschiedenen Nebenformen; ebenso ení, perí, potí, protí gegen en, per, pot oder pos, prot oder pros. zur allgemeinen Normalform wurde.Wieweit in der wirklichen Aussprache, wieweit bloss in der Schrift, bleibt in einigen Fällen noch zweifelhaft.

In den germanischen Sprachen wiederholt sich mehrmals in verschiedenen Perioden der Prozess, dass die gleichzeitig als Adverbien und als Präpositionen gebrauchten Wörter, je nachdem sie im Satze vollbetont sind oder enklitisch, und je nachdem sie als Enklitika noch einen Nebenton tragen oder ganz unbetont sind, sich in zwei oder mehr verschiedene Formen spalten, deren anfänglicher Funktionsunterschied aber nicht festgehalten wird, indem sich die eine Form an Stelle der andern eindrängt, vgl. darüber Beitr. z. Gesch. d. deutschen Spr. VI, 144. 191ff. 199ff. 207ff. 248ff. 137². Um nur ein Beispiel 200 anzuführen, urgerm. * (zu) ist, wo es vollbetont war, also in adverbialem Gebrauche ungeschwächt geblieben, als Proklitikum dagegen zu *to verkürzt. Aus dem letzteren entstehen unter verschiedenen Akzentbedingungen im Ahd. za - ze - zi. Diese werden in einigen der ältesten Denkmäler unterschiedslos neben einander gebraucht, in jüngerer Zeit setzt sich in jedem Dialekt eins davon fest. Alle drei werden im Mhd. zu ze. Neben diesem tritt dann aber die aus * regelrecht entwickelte Form zuo auch als Präp. auf und gelangt in der nhd. Schriftsprache zur Alleinherrschaft. Ähnlich verhält es sich mit den Formen der Pronomina und des Artikels, vgl. Beitr. 137². 144ff.

In der Übergangszeit vom Ahd. zum Mhd. fällt auslautendes r nach langem Vokal ab in aus dâr, hie aus hier etc., bleibt aber erhalten in enger Verbindnng mit einem folgenden Worte, weil es dann zur folgenden Silbe hinübergezogen wird, also daran, hieran etc. Im Nhd. tritt hier auch sonst an Stelle von hie und verdrängt letzteres in der Schriftsprache allmählich ganz, abgesehen von der Verbindung hie und da. Umgekehrt finden sich im Mhd. auch die Verbindungen hie inne, hie ûze und zusammengezogen hinne, hûze, noch jetzt oberdeutsch.

Der Prozess der Differenzierung und Ausgleichung kann sich mehrmals hinter einander wiederholen. Im Ahd. hat sich ana in ana (Adv.) und an (Präp.) gespalten; die erstere Form hat dann die letztere verdrängt. Im Mhd. spaltet sich ana wieder in ane und an, und die erste Form wird durch die letztere verdrängt. Eine ähnliche Entwickelung hat aba (ab) durchgemacht.

Die Einwirkung des Satzgefüges auf die Lautentwickelung begreift sich, wie wir gesehen haben, dadurch, dass eine Wortgruppe ebenso wie das einzelne Wort als eine Einheit erfasst wird, welche von dem Hörenden nicht erst in ihre Elemente zerlegt, von dem Sprechenden nicht erst aus ihren Elementen zusammengesetzt wird. Das Verhältnis ist also dasselbe wie bei einem Kompositum, wie es denn überhaupt, was noch weiterhin zu erörtern sein wird, gar keine scharfe Grenze zwischen Kompositum und Wortgruppe gibt. Namentlich ist ursprünglich zwischen der Verbindung der Präposition mit einem Nomen und der mit einem Verbum kaum ein Unterschied zu machen. In unserem Falle tritt demnach an die Stelle der traditionellen Gestalt der Gruppe eine neugeschaffene Zusammensetzung.

Es sind dabei zwei verschiedene Wege der Entwickelung möglich. Entweder es greift nur die eine Form in die Funktion der andern über, oder der Übergriff ist ein wechselseitiger. Letzteres wird natürlich dann eintreten, wenn die verschiedenen Formen in Bezug auf Häufig- 201 keit des Vorkommens einander ungefähr die Wage halten, ersteres, wenn die Häufigkeit der einen die der andern bedeutend überwiegt. In beiden Fällen ist der Erfolg der, dass zunächst eine zeitlang Doppelformen (respektive Tripelformen etc.) neben einander herlaufen, aber in dem einen Falle nur auf einem beschränkten Gebiete, während sonst Einformigkeit bleibt, in dem andern Falle mit unbeschränkter Geltung. Eine allgemeine Einformigkeit ergibt sich dann erst wieder im Laufe der weiteren Entwickelung durch den Untergang der einen Form. Da, wo der Mehrformigkeit auf dem einen noch Einformigkeit auf dem andern Gebiete gegenübersteht, kann es natürlich nicht zweifelhaft sein, welche Form den Sieg davontragen muss. Wo aber die Mehrformigkeit einmal allgemein geworden ist, da ist auch das Kräfteverhältnis kein so ungleiches, der Kampf nicht so leicht zu entscheiden, der Ausgang von zufälligen Umständen abhängig, die für uns nicht immer zu erkennen sind. Je ungleicher das Verhältnis ist, um so kürzer ist auch der Kampf, um so früher beginnt auch der Angriff.

Die Spaltung einer Form in mehrere verschiedene kann so vor sich gehen, dass unter allen Umständen eine Veränderung eintritt, aber auch so, dass dabei die Grundform neben einer oder mehreren veränderten Formen bewahrt bleibt. Im letzteren Falle hat bei der weiteren Entwickelung die Grundform an sich keinen Vorzug vor der abgeleiteten; denn sie wird nicht als solche anerkannt. Wohl aber hat diejenige Form einen Vorzug vor den übrigen, in welcher das Wort erscheint, wenn es von einer Beeinflussung durch das Satzgefüge unabhängig ist, mag sie die Grundform sein oder nicht. Der Franzose, der sich nicht wissenschaftlich mit seiner Muttersprache beschäftigt hat, weiss nichts davon, dass in un ami das n eine ursprünglichere Aussprache hat als in un fils. Er wird, wenn er überhaupt darüber reflektiert, viel eher geneigt sein die Aussprache des n in un ami für eine Abänderung der normalen zu halten.

Diese Bemerkungen lassen sich mutatis mutandis auf jede andere Art der Ausgleichung durch Analogiebildung anwenden.

§ 140. Wesentlich derselbe Vorgang ist die Ausgleichung zwischen lautlich differenzierten Formen, die aus dem gleichen Stamme, oder Wörtern, die aus der gleichen Wurzel gebildet sind. Wir können diese Ausgleichung die stoffliche nennen im Gegensatz zu der formalen, die sich zwischen den entsprechenden Formen verschiedener Wörter, den entsprechenden Bildungen aus verschiedenen Wurzeln, zwischen verschiedenen Flexions- oder Wortbildungssystemen vollzieht. Häufig ist übrigens die stoffliche Ausgleichung zugleich eine formale.

Beispiele liessen sich zu grossen Massen anhäufen. Besonders lehrreich sind gewisse durchgreifende Differenzierungen, die in einer 202 sehr frühen Periode eingetreten sind. Mit der Reaktion gegen dieselben haben die nachfolgenden Geschlechter oft viele Jahrhunderte zu tun, während deren immer ein Fall nach dem andern der Ausgleichung zum Opfer fällt, und schliesslich doch nicht selten noch einige Residua der Differenzierung übrig bleiben. Um so mannigfaltiger und zugleich um so lehrreicher wird die Entwickelung, wenn nach dem Eintritt der lautlichen Differenzierung die Sprache sich mannigfach dialektisch gespalten hat. Das grossartigste Beispiel der Art, das mir bekannt ist, liefert die Vokalabstufung der indogermanischen Ursprache, deren Reste zu beseitigen sich noch jetzt die lebendigen Dialekte bemühen. Auf germanischem Gebiete stehen obenan die Wirkungen des Vernerschen Gesetzes, wonach im Urgerm. die harten Reibelaute h, þ, f, s sich nach ursprünglich betonter Silbe erhalten haben, nach ursprünglich unbetonter zu den entsprechenden weichen (got. g, d, b, z) geworden sind. Die Bewegung, welche dadurch hervorgerufen ist, empfiehlt sich ganz besonders zum methodologischen Studium, zumal da man sich dabei auf einem sicheren, allgemein anerkannten Boden befindet. Der Sprachforscher, der sich einmal die Mühe gegeben hat die Reaktionen gegen ein solches Lautgesetz bis in alle Einzelheiten zu verfolgen, der kann unmöglich solche verkehrten Behauptungen und Einwendungen betreffs der Analogiebildung vorbringen, wie sie sich leider so vielfach breit machen. Und wie mit einem Lautgesetze, so ist es mit allen übrigen. Es gibt überhaupt kein Lautgesetz, das nicht, sobald es einmal in einer Anzahl von Fällen das etymologisch eng Zusammenhängende lautlich differenziert hat auch eine Reaktion gegen diese Differenzierung hervorriefe, es sei denn, dass der hinterlassene Lautwechsel bleibend durch die Analogie gestützt wird (vgl. § 84). Das muss als ein Fundamentalsatz der historischen Sprachforschung anerkannt werden. Man durchsuche alle Sprachen, deren Entwickelung sich kontinuierlich verfolgen lässt, nach einem derartigen Lautgesetze, das einige Jahrhunderte, nachdem es gewirkt, noch keinerlei Reaktion im Gefolge gehabt hat. Ich bin überzeugt, es darf getrost für den ehrlichen Finder eine königliche Belohnung ausgesetzt werden, niemand wird sie verdienen.

§ 141. Wer eine solche Entwickelung im Zusammenhange verfolgt hat, der wird auch nicht, wie dies neuerdings mehrfach geschehen ist, an eine Formenerklärung, die auf die Annahme von Ausgleichungen basiert ist, den Anspruch stellen, dass die Ausgleichung in allen von dem Lautgesetze betroffenen Formen gleichmässig und nach derselben Richtung hin eingetreten sein müsse. Das heisst eine Entwickelung fordern, wie sie der Erfahrung, die wir aus den wirklich zu beobachtenden Tatsachen abstrahieren können, schnurstracks widerspricht. Solche 203 Forderung beruht auch auf einer offenbaren Begriffsverwechselung. Für den Lautwandel allerdings muss man verlangen, dass er überall, wo die gleichen lautlichen Bedingungen vorhanden sind, gleichmässig eintritt. Aber für die Ausgleichung kommt Gleichmässigkeit oder Nichtgleichmässigkeit der lautlichen Verhältnisse gar nicht in Betracht. Entweder entwickelt sich dabei jede durch stoffliche Verwandtschaft verbundene Gruppe für sich, oder, wenn mehrere solche Gruppen auf einander einwirken, so geschieht dies dadurch, dass gleichzeitig formale Ausgleichung im Spiele ist; aber das Betroffensein von dem gleichen Lautgesetze gibt an sich gar keinen Grund ab zu einer gegenseitigen Beeinflussung bei der Ausgleichung. Dagegen wirken gar manche fördernde und hemmende Umstände darauf hin, dass der Prozess in den verschiedenen Fällen sehr ungleichmässig verläuft.

§ 142. Zu diesen gehört auch ein lautliches Moment. Solche Formen, welche durch die Wirkung mehrerer Lautgesetze differenziert sind, sind der Ausgleichung weniger günstig, als solche, in denen nur eins davon differenzierend gewirkt hat.

Die bekannte neuhochdeutsche Vokaldehnung tritt abgesehen von ganz bestimmten Verbindungen niemals vor Doppelkonsonanten ein, wovor im Gegenteil sogar ursprüngliche Länge gekürzt wird (vgl. brachte = mhd. brâhte, Acht = mhd. âhte etc.). Demnach kommt auch der 2. 3. Sg. und der 2. Plur. Ind. Präs., falls der Endungsvokal synkopiert ist, Kürze zu, auch da, wo die übrigen Formen des Präs. Dehnung haben eintreten lassen. Bei weitem in den meisten Fällen aber ist Ausgleichung eingetreten, so stets im schwachen Verbum (z.B. lebe - lebst, lebt), wo die Vokalqualität durch alle Formen hindurch von jeher die gleiche war; ferner in den starken Verben mit wurzelhaftem a: trage - trägst, trägt (niederdeutsch mit Kürze dröchst, dröcht). Dagegen hat sich die Kürze der 2. 3. Sing. erhalten bei den Verben, in denen der Wurzelvokal von Alters her zwischen e und i wechselt, allgemein in nehme - nimmst, nimmt, trete - trittst, tritt, wenigstens nach der in Niederdeutschland üblichen Aussprache auch in lese - list, gebe - gibst, gibt. Die Ursache, warum diese Verba der die Quantität betreffenden Ausgleichung besser Widerstand geleistet haben als die andern, haben wir gewiss in der gleichzeitigen Verschiedenheit der Qualität zu suchen. Das bestätigt sich noch dadurch, dass sie sich in der 2. Pl. der Ausgleichung nicht entzogen haben. Die Differenz zwischen a und ä ist nicht so empfunden, weil der Umlaut etwas dem Sprachgefühl sehr Geläufiges ist.

Im Ahd. hätten die Partizipia der Verba lesan, ginesan, uuesan nach dem Vernerschen Gesetze gileran, gineran, giuueran zu lauten, aber abgesehen von wenigen Resten in den ältesten Denkmälern ist 204 mit Anlehnung an das Präs. gilesan, ginesan, giuuesan eingetreten. Dagegen noch im Mhd. lauten die Partizipia von kiesen, friesen, verliesen mit Beibehaltung des Wechsels gekoren, gefroren, verloren. Die Gleichheit des Vokalismus im ersteren, die Verschiedenheit im letzteren Falle ist für den Konsonantismus massgebend gewesen.

Die starken Verba, die im Sg. und Pl. des Prät. gleichen Vokal haben, haben auch den durch das Vernersche Gesetz entstandenen konsonantischen Unterschied schon frühzeitig aufgehoben, vgl. ahd. sluog - sluogun, hieng - hiengun, huob - huobnn, hluod - hluodun gegen zôh - zugun, meid - mitun. Man sieht, wie auf diese Weise selbst Formen, die nicht bloss von dem gleichen Lautgesetze betroffen, sondern auch nach Funktion und sonstiger Bildungsweise verwandt sind, in verschiedene Disposition gesetzt werden.

Diese Erscheinung verlangt eine psychologische Erklärung. Man sollte zunächst meinen, da das, was wir Ausgleichung nennen, von einer Neuschöpfung nach Analogie ausgeht, dass die lautliche Gestalt der durch die Neuschöpfung zurückgedrängten Form dabei gar nicht in Betracht käme. Tritt das Bild der traditionellen lautlich differenzierten Form ins Bewusstsein, so ist keine Neuschöpfung möglich, tritt es nicht in das Bewusstsein, so ist die Neuschöpfung freigegeben. Nun ist aber kein Grund abzusehen, warum eine Form deshalb leichter ins Bewusstsein treten sollte, weil sie sich lautlich stärker von einer verwandten unterscheidet als eine andere. Die Schwierigkeit ist nur zu lösen, wenn wir das Zusammenwirken rein gedächtnismässiger Reproduktion und schöpferischer Kombination, wie wir es für die tägliche Hervorbringung der schon in der Sprache üblichen Formen anerkennen mussten, auch bei der Schöpfung von neuen Formen annehmen. Es gibt einen Zustand, in welchem das Bild der traditionellen Form nicht mächtig genug ist, um unter allen Umständen leichter ins Bewusstsein zu treten als eine durch Analogie veranlasste Neubildung, aber doch nicht so schwach, um vor einer solchen widerstandslos zurückzuweichen. Es liegen also zwei Vorstellungen im Kampfe mit einander darüber, welche von ihnen zuerst in das Bewusstsein treten und damit die andere zurückdrängen soll. Nur wo ein solches Verhältnis besteht, kommt die Grösse des Abstandes zwischen der traditionellen Form und der eventuellen Neuschöpfung in Betracht. Ist nämlich die letztere in Begriff sich zuerst vorzudrängen, so kann ihr doch die erstere, auch ohne deutlich bewusst zu werden, eine Kontrolle entgegenstellen, welche das Sprachgefühl in Bezug auf jene nicht zu der nötigen unbefangenen Sicherheit gelangen lässt und so zum Besinnen auf diese treibt. Die Vorstellung der traditionellen Form wirkt aber um so stärker hemmend, je weiter sie ihrem Inhalte 205 nach von der neuen Kombination verschieden ist. Ähnlich wie dem Sprechenden ergeht es dem Hörenden. Eine Neubildung wirkt um so befremdender auf ihn, wird um so schwerer gut geheissen und nachgeahmt, je mehrseitiger sie der überlieferten Form widerspricht, sofern überhaupt die Erinnerung an dieselbe in seiner Seele noch einigermassen wirkungskräftig ist.

§ 143. Eine viel wichtigere Rolle als der lautliche Abstand spielen zwei andere Momente bei der Förderung und Hemmung der Ausgleichung, die grössere oder geringere Festigkeit des Zusammenhangs der etymologischen Gruppen und die grössere oder geringere Intensität, mit der die einzelnen Formen dem Gedächtnisse eingeprägt sind.

Die erstere hängt ab von dem Grade der Übereinstimmung in der Bedeutung und von dem Grade lebendiger Bildsamkeit der einzelnen Formen. Beides steht, wie wir schon gesehen haben, in Wechselbeziehung zu einander. Die grössere oder geringere Innigkeit des Zusammenhangs kann schon mit der Funktion der Formen an sich gegeben sein, wie z. B. die Formen des Präs. unter einander enger zusammenhängen als mit denen des Prät., die Formen desselben Wortes enger unter einander als mit den Formen der aus der gleichen Wurzel abgeleiteten Wörter. Es kann aber auch durch sekundäre Entwickelung der Verband gelockert werden. Jede Art von Isolierung, welche die Funktion trifft, erschwert auch die Reaktion gegen die Isolierung, von der die Lautgestalt betroffen ist, und macht sie, sobald sie selbst einen bestimmten Grad erreicht hat, unmöglich.

Einige Beispiele mögen diese Sätze erläutern. Die durch Wirkung des Vernerschen Gesetzes entstandenen zahlreichen Differenzierungen des Konsonantismus sind innerhalb der Flexion der Nomina schon in den ältesten auf uns gekommenen Denkmälern ganz getilgt. Wir sehen ihre Spuren aber noch in manchen unterschiedslos neben einander stehenden Doppelformen. Im Verbum dagegen hat sich die Differenzierung besser bewahrt, offenbar unterstützt durch die damit zusammentreffende Vokaldifferenzierung (den Ablaut), vgl. mhd. ziuhe - zôch - zugen - gezogen. Wir können nun mehrfach deutlich beobachten, wie der später eintretende Ausgleichungsprozess damit beginnt, dass der Unterschied zwischen Sing. und Plur. des Prät. aufgehoben wird, und zwar auch so, dass der Sing. dadurch erst vom Präs. verschieden gemacht wird. Dies ist in den westgermanischen Dialekten fast in allen denjenigen Fällen geschehen, in denen keine Verschiedenheit des Vokalismus hemmend im Wege stand, also ahd. slahu - sluog - sluogun statt *sluoh - sluogun, fâhu - fiang - fiangun statt *fiah - fiangun etc. Ein Beispiel, in dem auch durch die Verschiedenheit des Vokalismus 206 diese Entwickelung nicht verhindert ist, sehen wir in alts. fîthan. Dieses sollte bei rein lautlicher Entwickelung des Prät. fôth - fundun bilden. Es heisst aber nur fand - fundun, während im Präs. zwar auch schon findan, aber doch erst neben fîthan auftritt. Die wenigen nhd. Reste dieses alten Wechsels zeigen sämtlich die Abweichung von den älteren, noch im Mhd. bestehenden Verhältnissen, dass der Sing. des Prät. an den Plur. angeglichen ist: ziehe - zog (ahd. zôh) - zogen, leide - litt (ahd. leid) - litten, schneide - schnitt (ahd. sneid) - schnitten, siede - sott (ahd. sôd) - sotten, erkiese - erkor (ahd. irkôs) - erkoren. Ebenso hat sich der Ablaut zwar im allgemeinen im Nhd. erhalten, aber zwischen Sg. und Pl. des Prät. ist Übereinstimmung hergestellt.

Vielfach können wir beobachten, dass lautliche Differenzierungen, die innerhalb der verschiedenen Flexionsformen eines Wortes entweder durchaus oder bis auf geringe Reste beseitigt werden, zwischen etymologisch verwandten Wörtern bestehen bleiben oder nur da getilgt werden, wo ihre Beziehung zu einander eine sehr enge ist. In den germanischen Sprachen besteht von altersher ein Wechsel zwischen dem Laute unseres h und unseres ch in der Art, dass ersteres im Silbenanlaute, letzteres im Silbenauslaute und vor Konsonant steht, vgl. mhd. rûch (rauh) - Gen. rûhes, ich sihe - er siht (gesprochen wie unser sicht) - er sach - wir sâhen. In der jetzigen Schriftsprache ist dieser Wechsel in der Flexion beseitigt ausser in hoch, ausserdem ist auch der Komparativ und Superlativ dem Positiv angeglichen, abgesehen von höher - höchste - und näher - nächste. Sonst aber ist er beibehalten, vgl. sehen - Gesicht, geschehen - Geschichte, fliehen - Flucht, ziehen - Zucht, schmähen - Schmach. Ein über viele Fälle sich erstreckender Wechsel auf vokalischem Gebiete war in den altgermanischen Dialekten unter dem Einflusse des Vokals der folgenden Silbe entstanden, nämlich zwischen e und i und zwischen u und o. Dieser Wechsel ist innerhalb der Nominalflexion grösstenteils schon vor dem Beginne unserer Überlieferung beseitigt. Innerhalb der etymologisch zusammenhängenden Wortgruppen ist er im Mhd. noch durchaus bewahrt, abgesehen von den Femininbildungen aus Bezeichnungen lebender Wesen (vgl. got - gotinne [ahd. gutinna], doch auch noch birin neben berinne und wolf - wülpinne) und den Deminutiven (vgl. vogel - vögelîn [ahd. fugilî]). Im Nhd. tritt dann die Ausgleichung nur bei ganz besonders enger Beziehung ein. So regelmässig zwischen Subst. und Adj. bei Stoffbezeichnungen, z. B. Leder - ledern (mhd. liderîn), Gold - golden (mhd. guldîn), Holz - hölzern (hulzîn), ausserdem z. B. in Wort - Antwort, antworten (mhd. antwürte, antwürten); Gold - vergolden (altertümlich noch vergülden). Dagegen heisst es noch Recht - richten, 207 richtig, Gericht; Berg - Gebirge; Feld - Gefilde; Herde - Hirt; hold - Huld; voll - füllen; Koch - Küche etc.

Selbstverständlich tritt da keine Ausgleichung ein, wo durch divergierende Bedeutungsentwickelung das Gefühl für den etymologischen Zusammenhang ganz geschwunden ist, auch da nicht, wo es so wenig rege mehr ist, dass es nicht ohne ein gewisses Nachdenken zum Bewusstsein kommt. Das ist z. B. die Ursache, warum die eben besprochenen Lautdifferenzen in folgenden Fällen bewahrt sind: rauh - Rauchwerk, Rauchware, Rauchhandel; nach (mhd. nâch) - nahe; Erde - irden, irdisch; Gold - Gulden (substantiviertes Adjektivum). Im Mhd. existieren von tragen die zusammengezogenen Formen du treist, er treit; diese sind im Nhd. wieder durch trägst, trägt ersetzt, aber in der Ableitung Getreide ist die Kontraktion bewahrt. Mhd. gar hat in den flektierten Formen ein w (garwe etc.), welches sich im Nhd. lautgesetzlich zu b entwickeln musste; aber eine Flexion gar - garber konnte auf die Dauer nicht beibehalten werden, und die flektierten Formen richteten sich nach dem Muster der unflektierten; dagegen in dem Verb. gerben blieb das b wegen der abweichenden Bedeutungsentwickelung. Jede Sprache auf jeder beliebigen Entwickelungsstufe bietet reichliche Belege für diese Erscheinung.

§ 144. Die Intensität der gedächtnismässigen Einprägung ist zunächst massgebend für das Kraftverhältnis der einander gegenüber stehenden Faktoren, in welcher Beziehung die in § 139 gemachten Bemerkungen auch hier zutreffen. Wenn z. B. im Altnordischen die 1. Sg. Konj. im Präs. wie im Prät. auf a ausgeht (gefa, gæfa), während in allen übrigen Formen ein i erscheint (gefir, gefi, gefim, gefið, gefi und gæfir, gæfi etc.), so sind natürlich die Chancen für die erstere sehr ungünstig, und so erscheint denn auch in den jüngeren Quellen gefi, gæfi. Natürlich kann aber unter Umständen eine vereinzelte gegen mehrere zusammenstimmende Formen den Sieg behaupten, wenn sie für sich häufiger gebraucht wird als die übrigen zusammen. Wenn z. B. in nhd. ziemen das i durch das ganze Präs. verallgemeinert ist, wovon dann auch statt des alten starken ein neues schwaches Prät. gebildet ist, während doch im Mhd. die meisten Formen e haben, so liegt dies daran, dass die 3. Sg. es ziemt wie noch jetzt so schon früher an Häufigkeit alle andern überwog.

Die meisten Ungleichmässigkeiten aber in der Behandlung von etymologischen Gruppen, die sonst in vollständigem Parallelismus zu einander stehen, gehen daraus hervor, dass die einzelnen Gruppen sich in Bezug auf die Häufigkeit des Vorkommens und damit in Bezug auf die Leichtigkeit, mit der die einzelnen Formen mit ihren traditionellen Unterschieden gedächtnismässig reproduziert werden können, sehr weit 208 von einander unterscheiden. Die seltensten Wörter unterliegen bei sonst gleichen Verhältnissen der Ausgleichung am frühesten, die häufigsten am spätesten oder gar nicht. Dieser Satz lässt sich nicht bloss deduktiv, sondern auch induktiv beweisen.

Ausserdem aber wird der Gang der Bewegung durch eine Menge zufälliger Vorgänge in der Seelentätigkeit der einzelnen Individuen und ihrer Einwirkung auf einander beeinflusst, Vorgänge, die sich unserer Berechnung wie unserer Beobachtung entziehen. Namentlich spielen solche unserer Erkenntnis verschlossenen Faktoren eine grosse Rolle in dem Kampfe, den die durch Ausgleichung entstandenen Doppelformen mit einander zu bestehen haben. Wir müssten eben allwissend sein, sollten wir im stande sein überall die Ursache anzugeben, warum in diesem Falle so, in jenem anders entschieden ist. Und die Tatsache lässt sich nicht wegleugnen, dass sehr häufig ganz analoge Fälle in demselben Dialekte, ein und derselbe Fall in verschiedenen Dialekten abweichenden Ausgang haben. So, um nur ein ganz sicheres Beispiel anzuführen, während das Gotische den sogenannten grammatischen Wechsel sonst dadurch ausgeglichen hat, dass der Konsonant des Präs. und des Sg. Prät. verallgemeinert ist, sind die Verba hvairban, swairban, skaidan den umgekehrten Weg gegangen und haben den Konsonanten des Pl. Prät. und des Part. verallgemeinert, und gerade in dem letzten Verbum ist im Hochdeutschen, welches sonst viel öfter als das Gotische den Konsonanten des Pl. Prät. durchführt, der Konsonant des Präs. zum Siege gelangt.

§ 145. Natürlich aber ist die Entwickelung in den einzelnen stofflichen Gruppen nicht ganz unabhängig von der formalen Gruppierung. Namentlich sobald eine lautliche Differenzierung sämtliche zu einer formalen Gruppe gehörigen etymologischen Parallelgruppen trifft, so ist dadurch ein Zusammenwirken der stofflichen und der formalen Gruppierung bedingt. Dies Zusammenwirken ist häufig entscheidend für die Richtung der Ausgleichung. Im Urgermanischen bestand in den zahlreichen Nominalbildungen mit Suffix -no ein Wechsel des dem n vorangehenden Vokals zwischen u (später weiter zu o-a entwickelt) und e (i), so dass sich beide nach einer bestimmten Regel auf die verschiedenen Kasus verteilen.Vgl. Beitr. VI, 238ff. Späterhin wird dann bald u (a), bald e (i) durch alle Kasus eines Wortes gleichmässig durchgeführt. So stehen im Got. Formen wie þiudans (König) solchen wie maurgins (morgen) gegenüber, im Altn. Formen wie Jormunn solchen wie Oðinn, und neben einander morgunn und morginn. Aber die hierhergehörigen Partizipia haben der regellosen Willkür in den sonstigen Formen 209 gegenüber im Got. stets -an, im Altn. stets -in. Wie entscheidend dabei die formale Gruppierung gewesen ist, zeigt sich besonders daran, dass solche Partizipia, die zu reinen Adjektiven oder zu Substantiven geworden sind, teilweise einen andern Weg eingeschlagen haben, vgl. got. fulgins (verborgen) gegen fulhans, echtes Part. zu filhan verbergen; aigin (Eigentum), substantiviertes Part. zu aigan (haben); ferner altn. jotunn (Riese), altes Part. zu eta (essen) mit aktiver Bedeutung.

Aber nicht bloss für die Richtung der Ausgleichung, sondern auch für das Eintreten oder Nichteintreten kann die formale Gruppierung entscheidend sein. Je weniger die lautliche Differenzierung den formellen Parallelismus der einzelnen Gruppen unter einander stört, desto widerstandsfähiger sind sie gegen die Tendenzen zur Ausgleichung. So wäre z. B. die lange Erhaltung der Ablautsreihen im Germanischen nicht möglich gewesen, wenn etwa jedes Verbum seine eigene Art Ablaut gehabt, wenn es nicht grössere Gruppen von Verben mit dem gleichen Schema gegeben hätte. So lässt sich denn auch der Nachweis führen, dass die uns erhaltenen Schemata nur eine Auslese aus den vor Beginn unserer Überlieferung vorhandenen darstellen, indem alle diejenigen, die nur in wenigen Exemplaren oder nur in einem einzelnen vertreten waren, bis auf geringe Reste untergegangen sind. An andern lässt sich der Untergang noch historisch verfolgen, z. B. got. truda - traþ - tredum - trudans. Ähnlich verhält es sich mit dem Umlaut in der 2. 3. Sg. Ind. Präs. der starken Verba: ahd. faru - ferist - ferit, und so noch nhd. fahre - fährst - fährt.

§ 146. Ein anderer Umstand, der zur Konservierung einer lautlichen Differenz beiträgt, ist das zufällige Zusammentreffen derselben mit einem Funktionsunterschiede. Wenn z. B. sämtliche Kasus des Sg. sich übereinstimmend sämtlichen Kasus des Pl. gegenüber stellen, so prägt sich dieses Verhältnis leichter und fester dem Gedächtnisse ein, als wenn einige Formen des Sg. mit einigen Formen des Pl. sich zusammen andern Formen des Sg. und Pl. gegenüberstellen. Und so ist es auch natürlich, dass, wo in der Mehrzahl der Fälle die lautliche Differenzierung mit dem Funktionsunterschiede zusammenfällt, die Ausgleichung sich zunächst auf die näher zusammengehörigen Gruppen beschränkt und damit die Übereinstimmung zwischen Laut- und Funktionsunterschied vollständig macht. Im Altdänischen lautet der Pl. von barn (Kind) einem gemeinskandinavischen Lautgesetze zu Folge børn, barna, børnum, børn, während im Sg. a durchgeht. Das Neudänische hat auch für barna børna eintreten lassen. Bei einem andern Worte lagh (Gesetz) ist o schon im Altdänischen durch den ganzen Pl. durchgeführt. Die Ausgleichung innerhalb der engern Gruppen ist häufig nur die Vorstufe zu der weiteren Ausgleichung. So dringt auch bei lagh schon im 210 Altdänischen das o bisweilen in den Sg., und Neudänisch ist lov durchgeführt. Das Zusammenfallen mit einem Funktionsunterschiede kann aber auch die Ursache zu dauernder Bewahrung eines lautlichen Unterschiedes sein, und dies vor allem dann, wenn er zugleich in der eben besprochenen Weise durch die formale Analogie widerstandsfähig gemacht wird.

Bei dem Zusammentreffen dieser beiden Umstände kann sich die Vorstellung von dem lautlichen Unterschiede so fest mit der von dem Funktionsunterschiede verbinden, dass dem Sprachgefühl beides unzertrennbar erscheint. Auf diese Weise wird allmählich der zufällig entstandene bedeutungslose Unterschied zu einem bedeutungsvollen. Er wird es um so mehr, je weniger die Bedeutungsverschiedenheit durch sonstige Unterschiede in der Lautgestaltung deutlich gekennzeichnet ist. So vermag sich die Sprache einen Ersatz zu schaffen für den in Folge des lautlichen Verfalls eintretenden Verlust der charakteristischen Merkmale des Funktionsunterschiedes.

Der Ablaut im germanischen Verbum beruht auf einer Vokaldifferenzierung, die schon in der indogermanischen Ursprache eingetreten ist. Diese ist eine mechanische Folge des wechselnden Akzentes und hat mit dem Funktionsunterschiede der einzelnen Formen ursprünglich nichts zu schaffen. Sie war auch für die Ursprache etwas durchaus Überflüssiges, abgesehen von der Scheidung zwischen Präs. - Impf. und Aorist (vgl. griech. leípô, éleipon, leípoimi - élipon, lípoimi). Namentlich war der Perfektstamm durch die Reduplikation schon deutlich von dem Präsensstamm geschieden. Daher sehen wir denn auch im Griech. den Vokalwechsel zwischen Präs. und Perf. in entschiedenem Verfall begriffen; es heisst zwar noch leípô - léloipa, aber plékô - péplecha, nicht *péplocha. Und von dem ursprünglichen Wechsel zwischen Sg. und Pl. des Perf. sind nur noch wenige Überreste vorhanden (oîda - ísmen). Dieser Verfall des Ablauts ist die Folge seiner Überflüssigkeit, und überflüssig war er, weil das alte charakteristische Kennzeichen des Perfektstammes, die Reduplikation, fort und fort getreu bewahrt blieb, ausserdem auch der Präsensstamm vielfach noch besonders charakterisiert war. Im Germ. sind umgekehrt der Verfall der Reduplikation und die Befestignug des Ablautes Hand in Hand gegangen. Man kann zwar nicht sagen, dass das eine die Ursache des andern gewesen ist. Vielmehr ist der erste Anstoss zum Verfall der Reduplikation durch die lautliche Entwickelung gegeben, infolge deren gewisse Formen nicht mehr als reduplizierte zu erkennen waren (vgl. den Typus berum), und die Konservierung des Ablauts ist in erster Linie durch den Reihenparallelismus bedingt. Aber im weiteren Verlaufe der Entwickelung hat sich ein wechselseitiges 211 Kausalverhältnis herausgestellt. So ist es z. B. charakteristisch, dass im Got. hauptsächlich noch diejenigen Verba die Reduplikation bewahrt haben, bei denen die indogermanische Vokaldifferenz zwischen Präs. und Perf. (Prät.) geschwunden ist, und zwar diese sämtlich, vgl. halda - haihald, skaida - skaiskaid, stauta - staistaut. Immerhin ist auch für das Ahd. ein zwingendes Bedürfnis zur Unterscheidung der Wurzelsilbe des Präs. und Prät. deshalb noch nicht vorhanden, weil bei jeder einzelnen Person des Ind. sowohl wie des Konj. auch in der Endung der Unterschied ausgedrückt war. Anders im Mhd., wo in der 1. 2. Pl. des Ind. und im ganzen Konj. der Unterschied zwischen Präs. und Prät. lediglich auf der Gestalt der Wurzelsilbe beruht, vgl. geben = gâben, gebet = gâbet, gebe = gæbe etc. Im Nhd. ist dazu auch die 2. Sg. und 3. Pl. Ind. gekommen. Der Ablaut ist also ein immer notwendigeres Charakteristikum geworden. Aber nur die Unterscheidung zwischen Präs. und Prät., nicht die Unterscheidung zwischen dem Sg. Ind. Prät. oder nur der 1. und 3. Sg. Ind. Prät. einerseits und den übrigen Formen des Präteritums anderseits hat einen Wert. Diese letztere, wie sie gleichfalls aus der Ursprache überkommen war, wurde lediglich durch die Häufigkeit gewisser Verba und den Reihenparallelismus gestützt. So ist sie denn auch in einigen Klassen schon frühzeitig beseitigt (got. for - forum, faifâh - faifâhum, ahd. fiang - fiangum). In andern hat sie sich bis ins Nhd. fortgeschleppt, ist endlich aber doch bis auf wenige Reste beseitigt. Sicher ist es ein Fortschritt in Bezug auf Zweckmässigkeit der Lautgestaltung, wenn wir jetzt nicht mehr wie im Mhd. spranc - sprungen, flouc - flugen sagen, sondern sprang - sprangen, flog - flogen. Erst im Nhd. hat daher der Ablaut wahrhaft funktionelle Geltung erlangt. Dabei verdient noch eine Erscheinung Beachtung. Der Unterschied zwischen Sg. und Pl. ist (von den Präterito-Präsentia abgesehen) in der jetzigen Schriftsprache nur in dem häufigen Verbum werden erhalten, und auch hier überwiegen bereits Nebenformen mit Beseitigung des Unterschiedes. Dagegen gibt es noch eine Anzahl von Verben, in denen zwar der Vokal des Sg. in den Pl. gedrungen ist, der Konj. aber seinen eigentümlichen Vokalismus bewahrt hat: starb - stürbe, schwamm - schwömme (daneben aber schwämme) etc. Da ist schon innerhalb engerer Grenzen ein lautlicher Gegensatz festgehalten, aber wieder vermöge des Zusammenfalles mit einem funktionellen. Da aber zum Ausdruck des letzteren der Umlaut allein genügen würde (schwammen - schwämmen), so wäre das Festhalten des alten Vokals dennoch etwas Überflüssiges. Aber gerade bei denjenigen Verben, in denen derselbe am festesten haftet (verdürbe, stürbe, würbe, würfe, hülfe), kommt etwas anderes hinzu, die Unterscheidbarkeit vom Konj. 212 Präs.: helfe und hälfe, welche Form allerdings neben hülfe vorkommt, sind zwar graphisch, aber nicht lautlich von einander geschieden. Anderseits bildet kein Verbum mit durchgehendem i im Präs. noch einen Konj. Prät. mit ü (vgl. singe - sünge), weil hier gerade die alte Form nach der in den meisten Mundarten üblichen Ausprache mit dem Konj. Präs. zusammenfallen würde. Und so erklärt es sich, warum gerade die Verba mit mm und nn noch Doppelformen aufweisen (schwämme - schwömme, sänne - sönne, vgl. geschwommen, gesonnen gegen gesungen).

Eine ähnliche Rolle wie der Ablaut hat der durch ein i oder j der folgenden Silbe hervorgerufene Umlaut gespielt. In der männlichen i-Deklination hatte sich im Ahd. zufällig das Verhältnis herausgebildet, dass der ganze Sg. unumgelautet bleibt, der ganze Pl. umgelautet wird (gast - gesti etc.), und aus diesem Grunde beharrt die Differenz. Das Verhältnis wird am besten erläutert, wenn wir damit die Geschichte des gleichfalls durch den folgenden Vokal bedingten Wechsels zwischen e und i, u und o vergleichen. Die u-Deklination musste im Urgerm. etwa folgendermassen aussehen.Es kommt natürlich für unsern Zweck nicht in Betracht, ob die Endungen genau zutreffend bestimmt sind.

Sg. Pl. Sg. Pl.
N. meduz midiwiz sunuz suniwiz
G. medauz medewô sonauz sonewô
D. midiu medumiz suniu sunum
A. medu medunz sunu sununz

Ein so unzweckmässiger Wechsel konnte sich nicht lange behaupten. Wir finden daher nur noch im Altnordischen Reste davon. Das Althochdeutsche hat schon in der ältesten Zeit in sunu das u durchgeführt, in metu, ehu, eru das e, in situ, quirn das i.Es kommt dabei noch in Betracht, dass für das Ahd. ein lautlicher Übergang des e in i vor u anzunehmen ist. Notwendig zur Unterscheidung ist der Umlaut in der i-Deklination im Ahd. noch nicht, da die Kasus des Pl. auch sonst von denen des Sg. noch deutlich geschieden sind; auch im Mhd. noch nicht, so lange das e der Flexionsendungen gewahrt wird, denn der Nom. Akk. Gen. Pl. geste würden wohl, auch wenn sie des Umlauts entbehrten, mit dem Dat. Sg. gaste nicht leicht verwechselt werden. Sobald aber das e schwindet, wie dies namentlich in den oberdeutschen Dialekten geschehen ist, bleibt der Umlaut im Nom. und Akk. das einzige Unterscheidungszeichen zwischen Sg. und Pl. Auf diesem Standpunkte der Entwickelung hat die i-Deklination einen erheblichen Vorzug vor der a-Deklination, und 213 die rein dynamische Geltung des Umlauts ist vollendet. Das zeigt sich namentlich daran, dass er weit über sein ursprüngliches Gebiet hinausgreift. Dies Hinausgreifen steht mit dem Fehlen oder Vorhandensein eines unterscheidenden e im engsten Zusammenhange. So hat gerade im Oberdeutschen der Umlaut fast alle umlautsfähigen Substantiva der alten a-Deklination ergriffen, vgl. Schmeller, Mundarten Bayerns § 796, Winteler, Kerenzer Mundart S. 170ff. Man sagt also tag - täg, arm - ärm etc. Die mittel- und niederdeutschen Mundarten und die Schriftsprache haben diese Tendenz in viel geringerem Grade, und vorwiegend nur bei den mehrsilbigen Wörter wie sattel, wagen, in denen auch sie das e des Pl. abwerfen. Schon frühzeitig durchgedrungen ist der Umlaut bei den ursprünglich konsonantisch flektierenden und daher einer Endung im Nom. Akk. Pl. entbehrenden Verwandtschaftswörtern: mhd. vater - veter, muoter - müeter etc.

§ 147. Auch die formale Ausgleichung, die wir schon mehrfach mit in die Betrachtung hineinziehen mussten, ist häufig Reaktion gegen eine zwecklose Lautdifferenzierung. Der Hergang ist dann folgender. Es sind innerhalb einer bis dahin gleichförmigen Bildungsklasse lautliche Diskrepanzen in einer oder mehreren Formen entstanden; so hat sich z. B. der Gen. bei einigen Wörtern so, bei andern anders gestaltet, während in den übrigen Kasus die Gleichmässigkeit nicht zerstört ist. Dann macht sich die Tendenz geltend auch in der einen oder den wenigen differenzierten Formen die nämliche Gleichmässigkeit wieder herzustellen, die partielle Übereinstimmung der Bildungsweise wieder in eine totale zu verwandeln. Diese Art von Ausgleichung findet sich besonders in Verbindung mit der stofflichen, wie die angeführten Beispiele zeigen. Sie ist aber auch ausserdem häufig genug. So gehört z. B. hierher die Ausgleichung zwischen hartem und weichem Reibelaut in den Kasus- und Personalendungen der altgermanischen Dialekte.Vgl. Beiträge VI, 548ff. Nach dem Vernerschen Gesetze war þ = idg. t in þ und ð (d), s in s (hart) und z (weich) gespalten. Es hiess demnach im urgerm. *trdési (du trittst), *trdéþi (er tritt), *trdéþe (ihr tretet), *trdónþi (sie treten) gegen *bérezi (du trägst), *béreði, *béreðe, *bérondi, während in der 1. Sg. und Pl. keine Differenzierung eingetreten war; ferner in der o-Deklination Nom. sg. *stigós (Steg), aber *éhwoz (Pferd), Nom. pl. *stigôs, aber *éhwôz, Akk. pl. *stigóns, aber *éhwonz, während die übrigen Kasusendungen gleich geblieben waren; und ähnlich in andern Flexionsklassen. Die darauf eingetretene Ausgleichung hat fast überall zu Gunsten des weichen Lautes entschieden, wobei zu bemerken ist, dass z im Altn. und in den westgerm. Dialekten als r erscheint, im 214 ursprünglichen Auslaut in den letzteren abfällt. Doch hat in einigen Fällen auch das harte s gesiegt. So steht im Nom. pl. der o-Deklination ags. und altfries. dagas neben altn. dagar; im Alts. zeigt der Heliand -os, nur vereinzelt o oder a (grurio, slutila), während in der Freckenhorster Rolle a häufiger ist als os und as; das Ahd. kennt nur a.

Ein Beispiel aus jüngerer Zeit ist die Wiederherstellung des Flexions-e im Nhd. in Fällen, wo es schon im Mhd. geschwunden war. Besonders lehrreich sind die Ableitungen mit -en, -er, -el. Bei den Substantiven bleibt die mittelhochdeutsche Ausstossung des e bestehen, vgl. des Morgens, dem Wagen, die Wagen, der Wagen, den Wagen gegen Tages, Tage, Tagen, ebenso Schüssel, Schüsseln gegen Schule, Schulen. Dagegen in den Adjektiven, die wegen der sonstigen durchgängigen Gleichformigkeit fester zusammengehalten wurden, ist das e nach Analogie der einsilbigen wieder hergestellt: gefangenes wie langes, gefangene, gefangenen (mhd. gevangen), andere, anderes, andere (= mhd. ander, anders, ander). Die neuhochdeutschen Formen kommen übrigens schon im Mhd. neben den synkopierten vor. Wir können dabei wieder Beobachtungen über Isolierung machen. Es heisst ausnahmslos die, den Eltern gegenüber die, den älteren; der Jünger, den Jüngern (Subst.) gegen der jüngere, den jüngeren (Adj.); einzeln, Dat. Pl. des mhd. Adj. einzel; anderseits, unserseits gegen andere Seite, unsere Seite; Vorderseite, Hinterseite, Oberarm, Unterarm, Edelmann, innerhalb, ausserhalb, oberhalb, unterhalb (unechte Komposita, durch Zusammenwachsen von Adj. und Subst. entstanden) gegen die vordere Seite etc.; anders gegen anderes.

Ausser in dem § 146 besprochenen Falle ist der Umlaut dynamisch geworden im Konj. der starken und der ohne Zwischenvokal gebildeten schwachen Präterita, mhd. fuor - füere, sang, Pl. sungen - süngen, mohte - möhte, brâhte - bræhte etc. Hier ist der Umlaut entweder durchgängig oder wenigstens für den Pl. einziges Unterscheidungsmittel. Die dynamische Auffassung im Sprachgefühl bekundet sich darin, dass im Nhd. bei der sonstigen Ausgleichung des Vokalismus doch der Umlaut bleibt (sang, sangen - sänge, für sungen, sünge); ferner noch entschiedener im Mitteldeutschen in der Übertragung des Umlauts von den ursprünglich vokallosen auf die synkopierten Präterita (brante - brente statt brante nach Analogie von brâhte - bræhte).Vgl. Bech, Germania 15, S. 129ff.

Ein dritter Fall ist der Umlaut im Präs. gegenüber dem Unterbleiben des Umlauts im Prät. und Part.: ahd. brennu - branta - gibrantêr. Im Part. hat sich auf lautlichem Wege ein Wechsel entwickelt: gibrennit - gibrant-. Das nächste Resultat der Ausgleichung 215 ist aber unter diesen Umständen, dass die unflektierte Form gibrennit gegen gibrant zurückgedrängt wird. Dann aber erhält sich der Gegensatz in der Wurzelsilbe zwischen Präs. und Prät.-Part. Jahrhunderte hindurch konstant, wiewohl er zur Charakterisierung der Formen nicht notwendig ist.

Auf diese Weise können auch Elemente des Wortstammes in Flexionsendungen verwandelt werden. Dies ist der Fall in unserer schwachen Deklination. In dieser gehört das n (vgl. Namen, Frauen, Herzen) zu dem ursprünglichen Stamme. Indem aber jede Spur der ursprünglichen Flexionsendung durch den lautlichen Verfall getilgt ist, und indem anderseits das n im Nom. (beim Neutrum auch Akk.) Sg. geschwunden ist (Name, Frau, Herz), so ist es zum Charakteristikum der obliquen Kasus im Gegensatz zum Nom. Sg. geworden. Ein anderes auf solche Weise entsprungenes Kasussuffix ist das pluralbildende -er (Rad - Räder, Mann - Männer). Die Bildungsweise ist von einigen neutralen s-Stämmen ausgegangen (vgl. lat. genus - generis), in denen das s lautgesetzlich zu r geworden war. Im Nom. Sg. musste dasselbe nebst dem vorhergehenden Vokal lautgesetzlich schwinden. Unter der Einwirkung der vokalischen Deklination entstand dann zunächst im Ahd. folgendes Schema.

Sg. Pl.
N. kalb kalbir
G. kalbir-es kalbir-o
D. kalbir-e kalbir-um
A. kalb kalbir.

Im Gen. und Dat. Sg. war das -ir- jedenfalls unnötig und störend. Daher sind die betreffenden Formen schon in der Zeit, aus der unsere ältesten Quellen stammen, bis auf vereinzelte Reste verschwunden und durch kalbes, kalbe ersetzt, die nach dem Muster der Normalflexion aus dem Nom.-Akk. gebildet sind. Nun musste das -ir als Charakteristikum des Pl. erscheinen, um so mehr, weil es im Nom.-Akk. gar kein anderes unterscheidendes Merkmal gab. Der funktionelle Charakter des -ir = mhd., nhd. -er dokumentiert sich dann dadurch, dass es allmählich auf eine Menge von Wörtern übertragen wird, denen es ursprünglich nicht zukommt.

Diese Beispiele werden genügen um anschaulich zu machen, wie eine ohne Rücksicht auf einen Zweck entstandene lautliche Differenzierung, durch zufälliges Zusammentreffen verschiedener Umstände begünstigt, ungewollt und unvermerkt in den Dienst eines Zweckes gezogen wird, wodurch dann der Schein entsteht, als sei die Differenz absichtlich zu diesem Zwecke gemacht. Dieser Schein wird um so 216 stärker, je mehr die gleichzeitig entstandenen zweckwidrigen Differenzen getilgt werden. Wir dürfen unsere aus der verfolgbaren historischen Entwickelung zu schöpfende Erfahrung zu dem Satze verallgemeinern, dass es in der Sprache überhaupt keine absichtliche zur Bezeichnung eines Funktionsunterschiedes gemachte Lautdifferenzierung gibt, dass der erstere immer erst durch sekundäre Entwickelung zur letzteren hinzutritt, und zwar durch eine unbeabsichtigte, den sprechenden Individuen unbewusste Entwickelung vermittelst natürlich sich ergebender Ideenassoziation.


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