Paul, Hermann
Prinzipien der Sprachgeschichte.
Paul, Hermann

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74 Viertes Kapitel.

Wandel der Wortbedeutung.Zu diesem Kap. vgl. Reisig, Vorlesungen über lateinische Sprachwissenschaft, (1839, wieder abgedruckt bei Heerdegen, Semasiologie). F. Haase, Vorlesungen zur lateinischen Sprachwissenschaft (1874). Pott, Etymologische Forschungen, Bd. 5. L. Tobler, Versuch eines Systems der Etymologie (Zschr. f. Völkerps. I, 349). Heerdegen, Untersuchungen zur lateinischen Semasiologie, Erlangen 1875. 78. 81. Ders., Lateinische Semasiologie, Berlin 1890. Wölfflin, Über Bedeutungswandel (Verh. der Züricher Philologenversammlung 1887 S. 61-70). O. Hey, Semasiologische Studien (Jahrb. f. klass. Phil., Supplementbd. XVIII, S. 83-212). Ders., Die Semasiologie (Archiv f. lat. Lexikogr. 9, 193). Ein Kapitel aus der lat. Bedeutungsgeschichte (ib. 13, 201). M. Hecht, die griechische Bedeutungslehre, eine Aufgabe der klassischen Philologie, Leipzig 1888. F. Schröder, Zur griechischen Bedeutungslehre, Progr. d. Gymn. Gebweiler 1893. Littré, Comment les mots changent de sens (Mémoires et documents publiés par le musée pédagogique, fasc. 45). Ders., Pathologie verbale (in Etudes et glanures 1880). A. Darmesteter, La vie des mots étudiée dans leurs significations, 4 éd. Paris 1893; dazu Bréal, L'histoire des mots (1887, wieder abgedruckt in La Sémantique). Lehmann, Der Bedeutungswandel im Französischen, Erlangen 1884. G. Franz, Über den Bedeutungswandel lateinischer Wörter im Französischen, Prog. d. Gym. Wettin 1890. Morgenroth, Zum Bedeutungswandel im Französischen (Zs. f. französische Sprache u. Lit. XV, 1-23. XXII, 33-55). Mühlefeld, Abriss der französischen Rhetorik und Bedeutungslehre, Leipz. 1887. Ders., Die Lehre von der Vorstellungsverwandtschaft und ihre Anwendung auf den Sprachunterricht, Leipz. 1894. Rosenstein, Die psychologischen Bedingungen des Bedeutungswandels der Wörter, Leipz. Diss. 1884. K. Schmidt, Die Gründe des Bedeutungswandels, Progr. des kgl. Realgymn. Berlin 1894. Van Helten, Over de factoren van de begripswijsingen der woorden, Groningen 1894. Engelbert Schneider, Semasiologische Beiträge I, Progr. des Gymn. Mainz 1892. Stöcklein, Untersuchungen zur Bedeutungslehre, Progr. des Gymn. Dillingen 1895. Ders., Bedeutungswandel der Wörter, München 1898. Thomas, Über die Möglichkeiten des Bedeutungswandels (Blätter f. d. Gymnasial-Schulwesen, Bd. XXX, 705-32. XXXII, 193-219. XXXV, 539-602). Bréal, Essai de Sémantique, Paris 1897.3 1904. E. Martinak, Psychologische Untersuchungen zur Bedeutungslehre, Leipzig 1901. Jaberg, Pejorative Bedeutungsentwickelung im Französischen (Zschr. f. rom. Philol. 25, 561. 27, 25. 29, 57). Biese, Die Philosophie des Metaphorischen, Hamb. u. Leipz. 1893. K. Nyrop, Ordenes liv, Kopenhagen 1901 (deutsch von R. Vogt, Das Leben der Wörter, Leipzig 1903). A. Waag, Bedeutungsentwickelung unseres Wortschatzes, Lahr 1901.² 1908. K. Müller-Fraureuth, Aus der Welt der Wörter, Halle 1904. Noreen, Vårt Språk, Bd. 5, 5ff. K. O. Erdmann, Die Bedeutung des Wortes, 2. Aufl. Leipz. 1910. Erik Wellander, Studium zum Bedeutungswandel im Deutschen. I. Teil. Upsala Universitets Årskrift 1917 (sehr beachtenswert). Vgl. auch meine Abhandlung »Über die Aufgaben der wissenschaftlichen Lexikographie« in den Sitzungsber. der philos.-philol. Klasse der Akad. d. Wiss. 1894, S. 90.

§ 51. Während der Lautwandel durch eine wiederholte Unterschiebung von etwas unmerklich Verschiedenem zu Stande kommt, wobei also das Alte untergeht zugleich mit der Entstehung des Neuen, ist beim Bedeutungswandel die Erhaltung des Alten durch die Entstehung des Neuen nicht ausgeschlossen. In der Regel tritt zunächst das letztere dem ersteren zur Seite, und wenn dann weiterhin, wie es allerdings oft geschieht, dieses vor jenem zurückweicht, so ist das erst ein zweiter, durch den ersten nicht notwendig gegebener Prozess. 75

Darin aber verhält sich der Bedeutungswandel genau wie der Lautwandel, dass er zu Stande kommt durch eine Abweichung in der individuellen Anwendung von dem Usuellen, die allmählich usuell wird. Die Möglichkeit, wir müssen auch sagen die Notwendigkeit des Bedeutungswandels hat ihren Grund darin, dass die Bedeutung, welche ein Wort bei der jedesmaligen Anwendung hat, sich mit derjenigen nicht zu decken braucht, die ihm an und für sich dem Usus nach zukommt. Da es wünschenswert ist für diese Diskrepanz bestimmte Bezeichnungen zu haben, so wollen wir uns der Ausdrücke usuelle und okkasionelle Bedeutung bedienen. Wir verstehen also unter usueller Bedeutung den gesamten Vorstellungsinhalt, der sich für den Angehörigen einer Sprachgenossenschaft mit einem Worte verbindet, unter okkasioneller Bedeutung denjenigen Vorstellungsinhalt, welchen der Redende, indem er das Wort ausspricht, damit verbindet und von welchem er erwartet, dass ihn auch der Hörende damit verbinde.Die Einwendungen von K. Marbe (Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie und Soziologie S. 493ff.) sind hinfällig, sobald man nur die Worte Vorstellung und okkasionell in dem Sinne nimmt, wie ich sie genommen wissen will.

§ 52. Die okkasionelle Bedeutung ist sehr gewöhnlich an Inhalt reicher, an Umfang enger als die usuelle. Zunächst ist hervorzuheben, dass das Wort okkasionell etwas Konkretes bezeichnen kann, während es usuell nur etwas Abstraktes bezeichnet, einen allgemeinen Begriff, unter welchen sich verschiedene Konkreta unterbringen lassen. Ich verstehe hier und im Folgenden unter einem Konkretum immer etwas, was als real existierend gesetzt wird, an bestimmte Schranken des Raumes und der Zeit gebunden; unter einem Abstraktum einen allgemeinen Begriff, blossen Vorstellungsinhalt an sich, losgelöst von räumlicher und zeitlicher Begrenzung. Diese Unterscheidung hat demnach gar nichts zu schaffen mit der beliebten Einteilung der Substantiva in 76 Konkreta und Abstrakta. Die Substanzbezeichnungen, denen man den Namen Konkreta beilegt, bezeichnen an sich gerade so einen allgemeinen Begriff wie die sogenannten Abstrakta, und umgekehrt können die letzteren bei okkasionellem Gebrauche in dem eben angegebenen Sinne konkret werden, indem sie eine einzelne räumlich und zeitlich bestimmte Eigenschaft oder Tätigkeit ausdrücken.

Bei weitem die meisten Wörter können in okkasioneller Verwendung sowohl abstrakte wie konkrete Bedeutung haben. Einige gibt es, die ihrem Wesen nach dazu bestimmt sind etwas Konkretes zu bezeichnen, denen aber nichtsdestoweniger die Beziehung auf etwas bestimmtes Konkretes an sich noch nicht anhaftet, sondern erst durch die individuelle Verwendung gegeben werden muss. Hierher gehören die Pronomina Personalia, Possessiva, Demonstrativa und die Adverbia Demonstrativa, auch Wörter wie jetzt, heute, gestern. Ein ich, ein dieser, ein hier dienen von Hause aus zu keinem andern Zwecke als zur Orientierung in der konkreten Welt,Allerdings können unsere Demonstrativpronomina (auch das pron. er) jetzt auch auf abstrakte Begriffe bezogen werden, vgl. der Walfisch gehört unter die Klasse der Säugetiere; er bringt lebendige Junge zur Welt; oder es ist ein Unterschied zwischen einem Staatenbund und einem Bundesstaat; dieser - jener. aber an sich sind sie ohne bestimmten Inhalt, und es müssen erst individualisierende Momente hinzukommen ihnen einen solchen zu geben. Ferner die Eigennamen. Diese bezeichnen zwar ein Einzelwesen, indem aber der gleiche Name verschiedenen Personen oder Örtlichkeiten anhaften kann, bleibt doch noch eine Verschiedenheit zwischen okkasioneller und usueller Bedeutung. Endlich kommt eine kleine Zahl von Wörtern in Betracht, bei denen das, was sie ausdrücken, als nur einmal existierend gedacht wird, wie Gott, Teufel, Welt, Erde, Sonne. Diese sind zugleich Gattungs- und Eigennamen, aber nur in gewissem Verstande und von bestimmter, nicht allgemeiner Anschauung aus. Umgekehrt gibt es Wörter, die ihrer Natur nach nur auf das Allgemeine, nicht auf das Konkrete gehen, wie die Adverbia und Pronomina je, irgend; mhd. ieman, dehein; lat. quisquam, ullus, unquam, uspiam; aber auch deren Allgemeinheit erleidet in der okkasionellen Anwendung gewisse Beschränkungen; vgl. z. B. wenn er es je getan hat - wenn er es je tun wird.

§ 53. Ein weiterer wichtiger Unterschied zwischen usueller und okkasioneller Bedeutung ist der folgende. Usuell kann die Bedeutung eines Wortes mehrfach sein, okkasionell ist sie immer einfach, abgesehen von den Fällen, wo eine Zweideutigkeit beabsichtigt ist, sei es um zu täuschen, sei es des Witzes wegen. Zwar hat Steinthal, Zschr. f. Völkerps. I, 426 die Ansicht verfochten, dass es überhaupt keine Wörter mit mehrfacher Bedeutung gäbe, jedoch, wie ich glaube 77 mit Unrecht. Zunächst gehören hierher alle die Fälle, in denen die lautliche Übereinstimmung bei Verschiedenheit der Bedeutung nur auf Zufall beruht, wie bei nhd. Acht = diligentia - proscriptio - octo. Diese Fälle schliesst natürlich Steinthal aus, indem er voraussetzt, dass man hier nicht das gleiche Wort, sondern mehrere Wörter anerkenne. Aber lautlich besteht doch Identität, und derjenige, welcher einen solchen Lautkomplex ausser Zusammenhang aussprechen hört, hat kein Mittel zu erkennen, welche von den verschiedenen damit verknüpften Bedeutungen der Sprechende im Sinne hat. Wir haben also, wenn wir uns an den wirklichen Tatbestand halten und nichts ungehöriger Weise hinzutun, ein Wort dem usuell mehrfache Bedeutung zukommt. Wirkliche Mehrheit der Bedeutungen muss man aber auch in sehr vielen Fällen anerkennen, wo nicht bloss lautliche, sondern auch etymologische Identität besteht. Man vergleiche z. B. nhd. Fuchs vulpes - Pferd von fuchsiger Farbe - rothaariger Mensch - schlauer Mensch - Goldstück - Student im ersten Semester, boc hircus - Bock der Kutsche - Fehler, Futter pabulum - Überzug oder Unterzug, Mal Fleck - Zeichen - Zeitpunkt, Messe kirchlicher Akt - Jahrmarkt, Ort locus - Schuhmacherwerkzeug, Stein lapis - bestimmtes Gewicht - Krankheit, Geschick fatum - sollertia, geschickt missus - sollers, steuern ein Schiff lenken - Abgaben zahlen - Einhalt tun; mhd. beizen beizen - mit dem Falken jagen - erbeizen vom Pferde steigen, weide Weide - Jagd - Fischerei - Mal (anderweide zum zweiten Mal); lat. examen Schwarm - Prüfung. Steinthal will immer nur die Grundbedeutung als die einzige anerkennen, während er den geschichtlich daraus abgeleiteten die Selbständigkeit abspricht. Seine Ansicht passt aber nur auf den Zustand, der zu der Zeit besteht, wo die abgeleitete Bedeutung zuerst aus der Grundbedeutung entspringt. Dieser Zustand dauert nicht fort. In den meisten der angeführten Fälle ist es ohne geschichtliche Studien überhaupt nicht möglich, den ursprünglichen Zusammenhang zwischen den einzelnen Bedeutungen zu erkennen, und dieselben verhalten sich dann gar nicht anders zu einander, als wenn die lautliche Identität nur zufällig wäre. Das ist namentlich dann der Fall, wenn die Grundbedeutung untergegangen ist. Aber auch in vielen solchen Fällen, wo die Beziehung der abgeleiteten zur Grundbedeutung noch erkennbar ist, werden wir die Selbständigkeit der ersteren anerkennen müssen, nämlich überall da, wo sie wirklich usuell geworden ist. Dafür gibt es ein sicheres Kriterium, nämlich dass ein Wort okkasionell gebraucht in dem betreffenden abgeleiteten Sinne verstanden werden kann ohne Zuhilfenahme der Grundbedeutung, d. h. ohne dass dem Sprechenden oder Hörenden dabei die Grundbedeutung zum Bewusstsein kommt. Es 78 lassen sich ferner zwei negative Kriterien aufstellen, woran man erkennt, dass ein Wort nicht einfache, sondern mehrfache Bedeutung hat, nämlich erstens, dass sich keine einfache Definition aufstellen lässt, wodurch der ganze Umfang der Bedeutung, nicht mehr und nicht weniger, eingeschlossen ist, und zweitens, dass das Wort okkasionell nicht in dem ganzen Umfange der Bedeutung gebraucht werden kann. Man mache die Probe mit den angeführten Beispielen.

Auch da, wo sich die usuelle Bedeutung als eine einfache betrachten lässt, kann die individuelle ohne konkret zu werden, davon abweichen, indem sie nur auf eine von den verschiedenen Arten geht, die in dem generellen Begriffe enthalten sind. Das einfache Wort Nadel z. B. kann im einzelnen Falle als Stecknadel, Nähnadel, Stopfnadel, Stricknadel, Häkelnadel etc. verstanden werden.Treffliche Bemerkungen über die Vieldeutigkeit des sprachlichen Ausdrucks gibt K. O. Erdmann, a. a. O. S. 1ff.

§ 54. Alles Verständnis zwischen verschiedenen Individuen beruht auf der Übereinstimmung in deren psychischem Verhalten.Die folgenden Auseinandersetzungen berühren sich sehr nahe mit den Ausführungen Wegeners in seinem Buche Aus dem Leben der Sprache, nach einer bestimmten Richtung hin auch mit Bréal, Les idées latentes du language, Paris 1868. Zum Verständnis der usuellen Bedeutung ist nicht mehr Übereinstimmung erforderlich, als zwischen allen Angehörigen der gleichen Sprachgenossenschaft besteht, soweit sie bereits der Sprache völlig mächtig sind. Wenn aber im okkasionellen Gebrauch die Bedeutung spezialisiert ist und doch verstanden werden soll, so ist das nur auf Grund einer noch engeren Übereinstimmung zwischen den sich Unterhaltenden möglich. Es können die gleichen Worte entweder vollkommen verständlich sein oder unverständlich, respektive Missverständnissen ausgesetzt je nach der Disposition der angeredeten Personen und der Beschaffenheit der sonstigen Umstände, je nachdem gewisse zum Verständnis mitwirkende Momente vorhanden sind oder nicht. Diese Momente brauchen an sich gar nicht sprachlicher Natur zu sein. Wir müssen uns dieselben im einzelnen vergegenwärtigen.

§ 55. Um Wörtern, die an sich eine abstrakte Bedeutung haben, Beziehung auf etwas Konkretes zu geben, dient die Verknüpfung mit den § 52 bezeichneten Wortarten, deren Funktion es ist das Konkrete auszudrücken, insbesondere die mit dem Artikel, wo ein solcher ausgebildet ist. Indessen hat sich gerade der Gebrauch des letzteren meist so entwickelt, dass er nicht auf die Funktion des Individualisierens beschränkt ist, sondern dem Nomen auch da beigesetzt wird, wo es den Gattungsbegriff ausdrückt. Sprachen, die keinen Artikel entwickelt 79 haben, verwenden die abstrakten Wörter auch ohne besonderes sprachliches Kennzeichen zur Bezeichnung von etwas Konkretem.

Mag nun die Beziehung auf das Konkrete an sich ausgedrückt sein oder nicht, zur näheren Bestimmung desselben müssen andere Mittel hinzukommen. Ein solches bildet erstens die dem Sprechenden und Hörenden gemeinsame Anschauung. Der Letztere erkennt, dass der Erstere mit dem Worte Baum oder Turm einen bestimmten einzelnen Baum oder Turm meint, wenn sie den betreffenden Gegenstand eben beide vor Augen haben. Die Anschauung kann unterstützt und näher bestimmt werden durch Deuten mit den Augen oder Händen und sonstige Gebärden. Hierdurch kann auch auf solche Gegenstände hingewiesen werden, die man nicht unmittelbar sinnlich wahrnimmt, von denen man aber weiss, nach welcher Richtung hin sie sich befinden.

Ein zweites Mittel, wodurch das Wort Beziehung auf etwas bestimmtes Konkretes erhält, bildet das im Gespräch, respektive in der einseitigen Auseinandersetzung des Redenden Vorangegangene. Ist der Sinn eines Wortes einmal konkret bestimmt, so kann diese Bestimmung im weiteren Verlaufe der Unterhaltung andauern; die Erinnerung an das vorher Ausgesprochene vertritt die Stelle der unmittelbaren Anschauung. Diese Rückbeziehung kann wieder unterstützt werden durch die Demonstrativ-Pronomina und -Adverbia. Mit der Übertragung derselben von der Anschauung, wofür sie ursprünglich allein verwendet worden sind, auf das in der Rede Vorangegangene, ist daher ein treffliches Mittel gewonnen, die von dem Sprechenden beabsichtigte Individualisierung der Bedeutung dem Hörenden verständlich zu machen.

Drittens kommt in Betracht die besondere Macht, welche die Vorstellung von etwas Konkretem auch ohne die Hülfe der Anschauung oder vorangegangener Erwähnung übereinstimmend in der Seele der sich Unterredenden haben kann. Die Übereinstimmung in dieser Hinsicht wird erzeugt durch Gemeinsamkeit des Aufenthaltsortes, der Lebenszeit, der Stellung und Beschäftigung, überhaupt mannigfacher Erfahrungen. Hierher gehört, was man gewöhnlich den Gebrauch kat' exochê'n nennt. So wird das Wort Stadt ohne nähere Bestimmung von den Landleuten einer bestimmten Gegend auf die ihnen zunächstliegende Stadt bezogen, Wörter wie Rathaus, Markt von den Einwohnern des gleichen Ortes auf Rathaus, Markt eben dieses Ortes, Wörter wie Küche, Speisezimmer von den Hausgenossen auf Küche, Speisezimmer des von ihnen bewohnten Hauses etc. So verstehen wir unter Sonntag den uns zunächst liegenden Sonntag, und es braucht dann nur noch angedeutet zu sein, ob von Zukunft oder Vergangenheit die Rede ist, um zu wissen, welcher Sonntag gemeint ist. Wörter, welche das Verhältnis einer Person zu einer anderen bezeichnen, werden ohne weiteres auf Personen 80 bezogen, welche sowohl zum Hörenden wie zum Sprechenden in dem betreffenden Verhältnisse stehn, und zwar ist auch der Singular vollkommen deutlich, sobald es nur eine Person der Art gibt. So ist für den Verkehr von Geschwistern untereinander die konkrete Beziehung der Wörter Vater und Mutter, für den Verkehr von Angehörigen des gleichen Landes die von Kaiser, König etc. selbstverständlich. Auch wo das Verhältnis nur einseitig entweder zu dem Sprechenden oder zu dem Hörenden besteht, kann doch, durch Nebenumstände unterstützt, die Beziehung zweifellos werden, so dass z. B. der Vater ebenso viel besagt wie mein Vater oder dein, euer Vater. Ist ein konkreter Gegenstand früher einmal gleichzeitig dem Sprechenden und dem Hörenden irgendwie bedeutsam geworden, so kann er durch das auf ihn passende Wort in das Bewusstsein gerufen werden, besonders wenn die Erinnerung daran noch frisch ist, oder wenn man sich wieder in einer ähnlichen Situation befindet wie diejenige, in welcher er früher die Aufmerksamkeit an sich gezogen hat. Es sind z. B. zwei Freunde mehrmals auf einem bestimmten Spaziergange einer ihnen sonst unbekannten Dame begegnet, über die sie einige Worte gewechselt haben, und sie machen nun wieder den gleichen Gang: so wird die Frage des einen »wird uns heute wieder die Dame begegnen?« von dem andern richtig bezogen werden.

Viertens kann eine nähere Bestimmung zu Hülfe genommen werden. Eine solche Bestimmung bringt aber in der Regel an sich keinen konkreten Sinn hervor, sondern nur durch Zusammenwirken mit den andern schon besprochenen Faktoren. Es muss durch diese entweder dem Worte, welchem die Bestimmung beigefügt wird, schon eine Beziehung auf eine Gruppe konkreter Dinge gegeben sein, aus denen durch die Bestimmung eine weitere Aussonderung gemacht wird; oder es muss durch sie dem bestimmenden Worte schon konkrete Beziehung gegeben sein. Beides kann zusammentreffen. So erhält das Wort Graf durch das Epitheton alt an sich keinen konkreten Sinn. Ist aber durch die Situation bereits die Beziehung auf eine bestimmte gräfliche Familie gegeben, so wird damit die Persönlichkeit genau bestimmt. Das Wort Schloss erhält durch das Epitheton königlich oder den Gen. (des) Königs nur dann einen konkreten Sinn, wenn dem Worte König schon durch die Situation eine konkrete Beziehung gegeben ist. Eindeutig aber ist die Bezeichnung das Schloss des Königs erst dann, wenn entweder vorausgesetzt werden kann, dass überhaupt nur ein Schloss des betreffenden Königs existiert, oder wenn in der Situation noch sonst etwas Individualisierendes liegt, wenn man z. B. schon auf einen bestimmten Ort hingewiesen ist, in dem man sich das in Frage stehende Schloss liegend denken muss. 81

Der konkrete Sinn überträgt sich endlich von einem Worte auf andere dazu in Beziehung gesetzte. In Sätzen wie Karl zog den Rock aus, ich berührte ihn mit der Hand, ich fasste ihn beim Kopfe, du klopftest mir auf die Schulter enthalten die Wörter Rock und Hand eine konkrete Beziehung durch das Subjekt, das Wort Kopf durch das Objekt, Schulter durch den Dat. mir.

Auf dieselbe Weise, wie Gattungsnamen eine bestimmte konkrete Beziehung erhalten, werden auch Eigennamen, die verschiedenen Individuen zukommen, eindeutig. Der blosse Name Karl genügt, wenn der, den wir meinen, vor uns steht, wenn wir eben von ihm gesprochen haben, auch ohne das innerhalb einer Familie oder eines engeren Bekanntenkreises, dem dieser Karl und zwar nur dieser angehört. Sonst bestimmen wir ihn näher, z. B. König Karl VI. von Frankreich. Ebenso genügt ein Ortsname, der in verschiedenen Gegenden vorkommt, ohne weiteres für die nähere Umgebung, auch für weitere Kreise, wenn der gemeinte bei weitem der bedeutendste unter den gleichnamigen Orten ist (vgl. Strassburg); sonst hilft man sich mit einer näheren Bestimmung.

§ 56. Dieselben Momente, durch welche ein Wort konkrete Beziehung erhält, dienen auch zur Spezialisierung der Bedeutung. Ohne Mitwirkung besonderer Umstände wird man, wenn man ein Wort hört, zunächst an die gewöhnlichste unter den verschiedenen Bedeutungen desselben oder an die Grundbedeutung denken. Beides fällt häufig zusammen. Wo aber mehrere ungefähr gleich häufige Bedeutungen neben einander stehen, da wird nach einem allgemeinen psychologischen Gesetze die Grundbedeutung eher in das Bewusstsein treten als eine abgeleitete, ja dies wird selbst oft der Fall sein, wo eine abgeleitete gewöhnlicher ist. Anders dagegen stellt sich die Sache, sobald in der Seele des Hörenden gewisse Vorstellungsmassen schon vor dem Aussprechen des Wortes erregt sind oder gleichzeitig mit demselben erregt werden, die eine nähere Verwandtschaft mit einer abgeleiteten oder selteneren Bedeutung haben. Es macht einen grossen Unterschied, ob ich das Wort Blatt bei einem Spaziergang im Walde höre oder in einer Kunsthandlung, wo ich mir Stiche oder Photographien besehe, oder in einem Caféhause, wo über Zeitungen gesprochen wird; ebenso ob ich das Wort Band in einem Posamentiergeschäft höre oder in einer Böttcherei oder in einer Bibliothek. Unterhalten sich Tischler, Jäger, Ärzte oder sonst Leute von einerlei Beruf untereinander, so sind sie dazu disponiert alle Wörter von derjenigen Seite her aufzufassen, die ihnen dieser Beruf nahe legt. Von grosser Bedeutung ist die Verbindung, in der ein Wort auftritt. Durch sie können die verschiedenen Möglichkeiten der Auffassung eines Wortes auf eine einzige beschränkt 82 werden. Vgl. ein schwarzes Mal - ein zweites Mal - ein reichliches Mahl, ein wohlgemeinter Rat - ein neu ernannter Rat; Gericht der Geschwornen - Gericht Fische, Fuss des Tisches - des Berges etc.; Zunge der Wage; Sturm auf der Nordsee - Sturm auf eine Festung - Sturm in meinem Herzen; ein Ball zu dem hundert Personen geladen sind; ein Kränzchen, welches sich wöchentlich versammelt; Land und Leute - Wasser und Land - Stadt und Land, Feder und Tinte, ein Fuchs und ein Schimmel; er reitet einen Fuchs, er schraubt den Hahn auf, er spielt den König aus, es kostet zwei Kronen, drei Adler wurden erbeutet, der Zug setzt sich in Bewegung - es kommt ein unangenehmer Zug durch das Fenster; eine helle Stimme - heller Sonnenschein, reine Wäsche - reines Herz, Fritz ist ein Esel; der Mann geht - die Mühle geht - es geht ihm gut - das geht nicht, Karl steht auf einem Beine - es steht in der Zeitung - die Uhr steht - es steht dir frei etc.

§ 57. In den bisher besprochenen Fällen bestand die Abweichung der okkasionellen Bedeutung von der usuellen darin, dass die erstere alle Elemente der letzteren in sich enthielt, aber zugleich noch etwas mehr. Es gibt aber auch eine Abweichung von der Art, dass die okkasionelle Bedeutung nicht alle Elemente der usuellen einschliesst, wobei sie aber doch zugleich wieder etwas zu der letzteren nicht Gehöriges enthalten kann. Die allgemeine Grundbedingung für die Möglichkeit einer solchen bloss partiellen Benutzung der usuellen Bedeutung eines Wortes ist dadurch gegeben, dass sich diese bei weitem in den meisten Fällen aus mehreren Elementen zusammensetzt, die sich von einander sondern lassen. Jede Vorstellung von einer Substanz enthält notwendigerweise die Vorstellung mehrerer Eigenschaften. Aber auch viele Vorstellungen von Eigenschaften und Tätigkeiten, die wir mit einem einzigen Worte bezeichnen können, sind zusammengesetzt. Ganz einfache Qualitäten (natürlich vom psychologischen Standpunkte aus) bezeichnen z. B. die Benennungen der Farben: blau, rot, gelb, weiss, schwarz. Und selbst bei diesen ist es möglich, dass sie für Qualitäten verwendet werden, die ihrer eigentlichen Bedeutung nach nicht vollkommen adäquat sind. Da nämlich jede Farbe mit jeder anderen in beliebigem Verhältnis gemischt werden kann, so gibt es unendlich viele Übergangsstufen, die unmöglich jede ihre besondere Bezeichnung haben können. Und so ergibt es sich, dass man bei der Bezeichnung Beimischungen in geringerem Grade unberücksichtigt lässt, so dass die Grenze, innerhalb deren eine Farbenbenennung anwendbar ist, unsicher und verschiebbar wird. Einen viel weiteren Spielraum aber für nicht adäquate Verwendung bieten die Wörter, deren Bedeutung ein Vorstellungskomplex ist. 83

Hierher gehört alles, was man als bildlichen Ausdruck bezeichnet. Man pflegt zu sagen, zur Vergleichung gehöre ausser den beiden mit einander verglichenen Gegenständen ein tertium comparationis. Dieses tertium ist aber nicht etwas Neues, was noch dazu käme, sondern es ist derjenige Teil von dem Inhalt der beiden mit einander verglichenen Vorstellungskomplexe, den sie mit einander gemein haben. Sagen wir von einem Menschen, er ist einem Schweine gleich oder er ist einem Schweine zu vergleichen, so ist das keine Identifizierung wie bei einer mathematischen Vergleichung, sondern es soll damit nur gesagt sein, dass eine von den charakteristischen Eigenschaften, aus denen sich der Begriff Schwein zusammensetzt, auch in der Vorstellung inbegriffen ist, die wir uns von diesem Menschen machen, d. h. in der Regel die Unflätigkeit. Wir können daher genauer sagen, indem auch das tertium zum Ausdruck kommt: er ist unflätig wie ein Schwein. Anderseits aber kann man noch einfacher sagen er ist schweinisch, wobei das Adj. wiederum nicht den vollen Inbegriff aller Eigenschaften eines Schweines bezeichnet, sondern nur eine Auswahl daraus, und endlich am einfachsten er ist ein Schwein.

§ 58. Noch eine andere Möglichkeit gibt es, wodurch ein Wort über die Schranken seiner eigentlichen Bedeutung hinausgreifen kann, wiederum natürlich zunächst nur okkasionell. Diese besteht darin, dass etwas, was mit dem usuellen Bedeutungsinhalt nach allgemeiner Erfahrung räumlich oder zeitlich oder kausal verknüpft ist, unter dem Worte mitverstanden oder auch allein darunter verstanden wird. Hierher gehört die aus der lateinischen Stilistik als pars pro toto bekannte Figur, sowie manches andere, was noch im Folgenden zu behandeln sein wird.

§ 59. Bei jedem Hinausgreifen des Wortes über die Schranken seiner usuellen Bedeutung muss noch ein bestimmendes Moment hinzukommen, wenn die Beziehung richtig verstanden werden soll. Ein solches ist hier noch viel notwendiger als da, wo es sich nur darum handelt zu erkennen, welche von mehreren schon usuellen Bedeutungen gemeint ist, vgl. § 56. Wir fühlen uns überhaupt nie veranlasst ein Wort in einem Sinne zu verstehen, welcher nicht alle Elemente der usuellen Bedeutung in sich schliesst, so lange wir nicht durch irgend etwas darauf hingewiesen werden, dass das unmöglich ist, und zum wirklichen Erfassen des wahren Sinnes gehört dann noch, dass dieser Hinweis unseren Gedanken auch eine positive Richtung gibt. In dem Sprichworte Eigenlob stinkt, Freundes Lob hinkt würden wir die Prädikate nicht in bildlichem Sinne verstehen, wenn sie in eigentlichem mit den Subjekten vereinbar wären. Ähnlich verhält es sich mit Verbindungen wie das Feuer der Leidenschaft, der Durst nach Rache, der kalte Gruss. 84 Wenn Schiller sagt zu Aachen sass König Rudolfs heilige Macht oder Wolfram von Eschenbach dar nâch sîn snelheit verre spranc erkennen wir an den Prädikaten, dass die Subjekte Umschreibungen für die Personen sein sollen.

§ 60. Der Unterschied zwischen usueller und okkasioneller Bedeutung macht sich besonders fühlbar beim Übersetzen aus einer Sprache (oder Sprachstufe) in eine andere. Das Ziel, welches dabei angestrebt werden kann, ist möglichste Entsprechung der okkasionellen Bedeutung der Wörter und Wortverbindungen. Dagegen ist es unvermeidlich, dass das Verhältnis dieser okkasionellen Bedeutung zu der usuellen der betreffenden Wörter in den beiden Sprachen oft ein sehr verschiedenes ist. Wenn wir z. B. lat. altus bald durch hoch, bald durch tief wiedergeben, so decken sich im Deutschen okkasionelle und usuelle Bedeutung, während im Lateinischen nur eine okkasionelle Beschränkung der usuellen Bedeutung vorliegt, nach welcher das Wort sich auf jede Erstreckung in vertikaler Richtung bezieht. Analog verhält es sich, wenn wir lat. hospes bald durch Wirt, bald durch Gast übersetzen oder für das mhd. varn, welches jede Art von Bewegung ausdrückt, entweder fahren oder reiten oder gehen oder noch andere Verba einsetzen.

§ 61. In allen besprochenen Abweichungen der okkasionellen Bedeutung von der usuellen liegen Ansätze zu wirklichem Bedeutungswandel. Sobald sie sich mit einer gewissen Regelmässigkeit wiederholen, wird das Individuelle und Momentane allmählich generell und usuell. Die Grenzlinie zwischen dem, was bloss zur okkasionellen, und dem, was auch zur usuellen Bedeutung eines Wortes gehört, ist eine fliessende. Für das Individuum ist der Anfang zum Übergang einer okkasionellen Bedeutung in das Usuelle gemacht, wenn bei dem Anwenden oder Verstehen derselben die Erinnerung an ein früheres Anwenden oder Verstehen mitwirkend wird; der vollständige Abschluss des Überganges ist erreicht, wenn nur diese Erinnerung wirkt, wenn Anwendung und Verständnis ohne jede Beziehung auf die sonstige usuelle Bedeutung des Wortes erfolgt. Dazwischen ist eine mannigfache Abstufung möglich. Innerhalb der engeren oder weiteren Verkehrsgenossenschaften können sich dann wieder die verschiedenen Individuen auf verschiedenen Stufen des Übergangsprozesses befinden. Es ist aber gar nicht möglich, dass der Prozess sich an einem Individuum vollziehen könnte, während dessen Verkehrsgenossen vollständig unberührt davon blieben. Denn zum Wesen des Prozesses gehört es ja eben, dass er durch wiederholte gleichmässige Anwendung der anfänglich nur okkasionellen Bedeutung zu Stande kommt und dieser muss ein Verstehen wenigstens von Seiten eines Teiles der Verkehrsgenossen entsprechen, und das Verstehen ist für diese wiederum mindestens ein 85 Anfang des Prozesses. Es wird aber auch nicht leicht an einem einzelnen Individuum der Prozess vollkommen durchgeführt werden, wenn die Beeinflussung, welche es auf die Verkehrsgenossen ausübt, nicht von diesen zurückgegeben wird. Ein solches Zurückgeben wird natürlich da am leichtesten sich einstellen, wo nicht bloss Beeinflussung von aussen wirkt, sondern ein spontaner innerer Trieb zu der nämlichen okkasionellen Verwendung des Wortes, wie er sich naturgemäss aus der Übereinstimmung ergibt, die zwischen den Individuen rücksichtlich ihrer Verhältnisse besteht.

Ganz besonders wirksam aber für die Verwandlung der okkasionellen Bedeutung in eine usuelle ist die erste Überlieferung an die nachwachsende Generation. Die Erlernung der WortbedeutungVgl. Meumann, Die Entstehung der ersten Wortbedeutungen beim Kinde (Philosophische Studien 20, 152) und Die Sprache des Kindes, Zürich 1903. Dort sind die wichtigsten Arbeiten über Kindersprache aufgezählt, die auch für andere Teile der Prinzipienlehre in Betracht kommen. Ich füge dazu noch Axel Kock, Om barnspråk (Nordisk tidskrift. Årg. 1901). Vgl. auch Marty 1, 701. erfolgt im allgemeinen nicht mit Hilfe einer Definition, durch welche die usuelle Bedeutung nach Inhalt und Umfang bestimmt würde. Eine solche wird überhaupt erst für eine schon ziemlich fortgeschrittene Stufe der Sprachkenntnis möglich und bleibt auch auf dieser Ausnahme. Das Kind lernt nur okkasionelle Verwendungsweisen des Wortes kennen, und zwar zunächst nur Beziehungen desselben auf ein durch die Anschauung gegebenes Konkretes. Nichtsdestoweniger verallgemeinert es diese Beziehung sofort, wenn es dieselbe überhaupt erfasst hat. Ganz natürlich. Die Beziehung auf das einzelne Konkretum kann überhaupt nicht festgehalten werden. Denn in dem Erinnerungsbilde, welches dasselbe hinterlässt, liegt an sich gar nichts, woran bei einer neuen Anschauung die reale Identität oder Nichtidentität mit dem früher Angeschauten erkannt werden könnte. Die richtige Erkenntnis davon beruht immer erst auf einer Schlusskette und ist sehr häufig überhaupt nicht zu gewinnen. Für das naive Bewusstsein genügt Übereinstimmung des Vorstellungsinhalts um die Identifikation vorzunehmen, mag reale Identität bestehen oder nicht. Es genügt auch eine partielle, unter Umständen eine sehr geringfügige Übereinstimmung, solange das Erinnerungsbild noch sehr unbestimmt und verworren ist. Es kommt dabei in Betracht, dass die Aufmerksamkeit des Kindes zunächst an bestimmten Seiten eines Gegenstandes oder Vorganges haftet, solchen, die zu seinen Gefühlen und Begierden in Beziehung stehen, und dass das Erinnerungsbild sich also auf diese beschränkt. So bildet sich vom Beginn der Spracherlernung an die Gewohnheit nicht bloss einen sondern mehrere Gegenstände oder Vorgänge, nicht bloss gleiche, 86 sondern auch nur irgendwie ähnliche Gegenstände oder Vorgänge mit dem gleichen Worte zu bezeichnen, und diese Gewohnheit bleibt, auch wenn anfangs übersehene Unterschiede später bemerkt werden, da sie fortwährend durch den Vorgang der Erwachsenen unterstützt wird. Es ist aber gar nicht anders möglich, als dass zunächst keine klare Vorstellung über Inhalt und Umfang der usuellen Wortbedeutung besteht. Das Kind macht eine Menge Fehler, indem es mit dem Worte bald einen zu reichen, bald einen zu armen Begriff verbindet und ihm demgemäss bald eine zu enge, bald eine zu weite Verwendung erteilt. Das letztere ist bei weitem das häufigere, um so häufiger, je geringer noch der zu Gebote stehende Wortvorrat ist. So begreift etwa ein kleines Kind unter Stuhl ein Sofa mit ein, unter Stock einen Regenschirm, unter Hut eine Haube und andere Kopfbedeckungen. Eine andere Veranlassung zu ungenauer Auffassung der Bedeutung ergibt sich dadurch, dass die bezeichneten Gegenstände vielfach Teile eines grösseren Ganzen sind oder mit anderen Gegenständen in der Anschauung unzertrennlich verbunden. Hier wird das Kind vielfach unsicher sein, wie der Ausschnitt aus der ganzen Anschauung, den das Wort bezeichnen soll, zu begrenzen ist. Es wird die Grenzen bald weiter, bald enger ziehen, als es der Usus verlangt, mitunter zugleich etwas Hineingehöriges herauslassen und etwas nicht Hineingehöriges einbegreifen. Übrigens ist das Erlernen neuer Wörter und neuer Verwendungsweisen der alten keineswegs auf die frühe Kindheit eingeschränkt. Ausdrücke, die seltener vorkommen, kompliziertere Vorstellungskomplexe bezeichnen, eine höhere Bildung oder spezifische Kenntnis voraussetzen, hat auch der Erwachsene noch immer zu erlernen, und erlernt er sie nur auf Grund der okkasionellen Verwendung, so ist er ähnlichen Fehlgriffen ausgesetzt wie das Kind. Alle diese Ungenauigkeiten in Erfassung der usuellen Bedeutung sind vereinzelt von keinem Belang und werden in der Regel mit der Zeit korrigiert. Doch kann es nicht ausbleiben, dass in einzelnen Fällen das Zusammentreffen einer grösseren Anzahl von Individuen in dem gleichen Missverständnisse dauernde Spuren hinterlässt. Wir werden also eine Art des Bedeutungswandels anzuerkennen haben, die darauf beruht, dass der für die ältere Generation usuellen Bedeutung von der jüngeren eine nur partiell damit Übereinstimmende untergeschoben wird. Das Gebiet dieser Art des Wandels werden wir aber auf die selteneren und nicht leicht klar zu fixierenden Begriffe einzuschränken haben, da bei anderen die allmähliche Korrektur nach dem bestehenden Usus nicht ausbleiben kann.

Gewöhnlich geht der Anstoss zur Bedeutungsveränderung von der älteren Generation aus, die den Usus schon vollkommen beherrscht; die jüngere hat aber an der Weiterentwickelung einen besonderen Anteil. 87 Dieser besteht darin, dass sich die verschiedenen Verwendungsweisen eines Wortes von Anfang an etwas anders gruppieren als bei der älteren Generation. Jede Anwendungsweise kann, weil sie zunächst am einzelnen Falle erfasst wird, für sich ohne Rücksicht auf die übrigen erlernt werden und daher eine grössere Selbständigkeit erhalten als sie in den Seelen der älteren Generation hatte. Für die Verselbständigung der abgeleiteten gegenüber der Grundbedeutung kommt noch besonders in Betracht, dass die letztere nicht selten früher erlernt wird als die erstere. So wird es sich z. B. leicht treffen, dass ein Kind mit Fuchs zuerst ein Pferd, mit Kamel zuerst einen einfältigen Menschen bezeichnen hört. Dann wird die Grundbedeutung von Anfang an nicht als Vermittlerin herbeigezogen. So lange ein Individuum den Usus noch nicht vollständig beherrscht, vermag es auch vielfach nicht zu unterscheiden, ob eine Verwendungsweise, die ihm vorkommt, bereits usuell oder nur rein okkasionell ist, und es kann daher die okkasionelle, wenn sie sich ihm nur in Folge begünstigender Umstände stark eingeprägt hat, eben so unbefangen nachahmen wie die usuelle.

Bei weitem in den meisten Fällen entspringt also der Wandel der usuellen Bedeutung aus den Modifikationen in der okkasionellen Anwendung, ohne dass dabei eine auf Veränderung des Usus gerichtete Absicht mitwirkt. Doch ist es daneben nicht ausgeschlossen, dass Einzelne mit Bewusstsein einen bestimmten Sinn an ein Wort anzuknüpfen suchen, und dass solche Bemühungen zum Teil Erfolg haben. Dies bewusste Eingreifen spielt namentlich eine Rolle bei der Ausbildung der Terminologie in Gewerbe, Kunst und Wissenschaft (vgl. § 16).

§ 62. Aus unseren Ausführungen erhellt, dass die Veränderungen der usuellen Bedeutung den verschiedenen Möglichkeiten der okkasionellen Modifikationen entsprechen müssen.Eine ganz andere Klassifikation der Arten des Bedeutungswandels gibt Wundt. Ich vermag darin keinen Fortschritt zu erkennen und verweise auf die eingehende kritische Beurteilung von Marty (Grundlegung I, 543ff.); vgl. auch Rozwadowski in der S. 90, Anm. 2 angeführten Schrift. Die Einteilung, an die ich mich angeschlossen habe, wird von Wundt als eine bloss logische abgefertigt, bei der die psychischen Motive ganz im Dunkeln blieben (II, 471ff.). Ich muss es dem unbefangenen Leser überlassen zu beurteilen ob meine in diesem Kapitel gegebenen Auseinandersetzungen gar nichts zum psychologischen Verständnis der Vorgänge beitragen. Die erste Hauptart ist demnach Spezialisierung der Bedeutung durch Verengung des Umfangs und Bereicherung des Inhalts. Als ein instruktives Beispiel für den Unterschied zwischen bloss okkasioneller und usueller Spezialisierung kann das Wort Schirm dienen. Wir können das Wort für jeden schirmenden Gegenstand gebrauchen. Im okkasionellen Gebrauche kann damit ein 88 Ofenschirm, Lampenschirm, Augenschirm, Regenschirm, Sonnenschirm u. a. gemeint sein. Aber während wir das Wort als Ofenschirm oder Lampenschirm zu verstehen nur durch eine ganz bestimmte Situation veranlasst werden, liegt es uns auch ohne solche nahe es als Regenoder Sonnenschirm zu fassen, und wir denken dann kaum mehr so sehr an die allgemeine Funktion des Schirmens wie an einen Gegenstand von bestimmter Gestalt und Konstruktion. Wir müssen daher anerkennen, dass sich diese Bedeutung als eine eigene, selbständige von der allgemeineren abgezweigt hat, gleichviel ob sie sich noch logisch unter dieselbe unterordnen lässt. Denn diese logische Unterordnung ist nur möglich, wenn man von Momenten absieht, die für die Bedeutung mindestens ebenso wesentlich sind als dasjenige, was man allein berücksichtigt. Weitere Beispiele sind: Frucht im süddeutschen Gebrauche = »Getreide«, Früchte auf Speisekarten = »Obst«; Kraut süddeutsch speziell = »Kohl«; Korn, welches einerseits allgemeine Bezeichnung für Getreide überbaupt ist, anderseits spezielle für die gewöhnlichste, hauptsächlich zur Brotbereitung verwendete Getreideart, in Norddeutschland für Roggen, in einigen Landschaften für Dinkel oder Weizen oder Hafer. Eine besondere hierher gehörige Art ist die Verwendung von Stoffbezeichnungen für Produkte aus dem Stoff, vgl. Glas, Feder, Gold - Silber - Kupfer - Papier (als Geldsorten) etc. Der Lexikograph muss sich bemühen bei der Aufzählung der speziellen Verwendungen eines Wortes zu scheiden zwischen solchen, die usuell geworden, und solchen, die rein okkasionell sind, eine Scheidung, die ganz gewöhnlich versäumt wird.

Die angeführten Beispiele zeigen, dass die ältere allgemeinere Bedeutung neben der jüngeren spezielleren ungestört fortbestehen kann. In anderen Fällen ist die erstere untergegangen. Unser Fass hat ursprünglich jede Art von Gefäss bezeichnet (vgl. noch Zusammensetzungen wie Salzfass, Tintenfass etc.); Miete ist ursprünglich überhaupt »Lohn«, »Vergeltung«; List ist noch im Mhd. = »Klugheit« ohne üblen Nebensinn, Reue = »Seelenschmerz« überhaupt, Hochzeit = »Festlichkeit«; Brunnen ist früher = »Quell«, ohne dass eine künstliche Einfassung dabei zu sein braucht (vgl. noch Sauerbrunnen u. dgl.); Lehen ist ursprünglich überhaupt »etwas Geliehenes« (vgl. Darlehen); genesen bedeutet ursprünglich überhaupt »am Leben bleiben«, »mit dem Leben davon kommen«, z. B. auch in einem Kampfe, einer Hungersnot; nähren ist eigentlich das Kausativum dazu, bedeutet also ursprünglich »am Leben erhalten«, z. B. auch mit Bezug auf die Tätigkeit des Arztes oder den Schirm im Kampfe.

Spezialisierung der Bedeutung stellt sich namentlich in der Sprache der verschiedenen Standes- und Berufsklassen ein, indem einer jeden 89 gewisse Vorstellungen besonders nahe liegen. Eines der gewöhnlichsten Mittel zur Schaffung technischer Ausdrücke besteht einfach darin, dass gewissen Wörtern und Wortverbindungen der allgemeinen Sprache ein bestimmterer Sinn untergelegt wird. Manche von diesen gehen dann mit dem zunächst in der Klassensprache angenommenen engeren Sinne in die allgemeine Sprache über, in der dann die ältere weitere Bedeutung teils noch daneben bestehen, teils schon untergegangen sein kann. Vgl. z. B. Druck, genauer Buchdruck; Stich, genauer Stahlstich, Kupferstich; ags. wrîtan (= nhd. reissen) im Sinne von »schreiben«; gerben = mhd. gerwen mit dem allgemeinen Sinne »fertig, bereit machen« (zu gar); griech. hópla und lat. arma, ursprünglich mit dem allgemeinen Sinne »Gerät«. Man erkennt die Bedeutung, welche die verschiedenen Berufsklassen für das Volksleben im Ganzen haben, an der Zahl der Spezialisierungen, die sie in die allgemeine Sprache eingeführt haben.

Durch Verwandlung der okkasionellen konkreten Bedeutung gewisser Wörter in usuelle entspringen die Eigennamen. Alle Personenund Ortsnamen sind erst aus Gattungsbezeichnungen entstanden, und den Ausgangspunkt dafür bildet der Gebrauch kat' exochê'n. Wir können den Prozess deutlich verfolgen bei sehr vielen Ortsnamen. In dieser Beziehung sind besonders so allgemeine überall wiederkehrende Bezeichnungen lehrreich wie Aue, Berg, Bruck, Brühl, Brunn, Burg, Haag, Hof, Kappel, Gmünd, Münster, Ried, Stein, Weiler, Zell, Altstadt, Neustadt (Villeneuve, Newtown), Neuburg (Neuchâtel, Newcastle), Hochburg, Neukirch, Mühlberg etc. Dergleichen haben ursprünglich nur den nächsten Umwohnern der betreffenden Örtlichkeit gedient, für welche sie ausreichten, um diese von andern in der Nähe gelegenen Örtlichkeiten zu unterscheiden. Zu zweifellosen Eigennamen wurden sie in dem Augenblicke, wo sie auch von Fernerstehenden mit diesem konkreten Sinne übernommen, oder wo sie durch den Zutritt weiterer isolierender Momente schärfer von den ursprünglich identischen Gattungsbezeichnungen gesondert wurden. Daneben gibt es freilich eine grosse Klasse von Ortsnamen, die von Anfang an der Natur wahrer Eigennamen sehr nahe kommen, weil sie aus Personennamen abgeleitet oder durch Personennamen bestimmt sind.

Unter die Spezialisierung können wir auch einen Vorgang einreihen, der gewöhnlich nicht als ein Bedeutungswandel gefasst wird, nämlich dass sich zu dem, was allein als die Bedeutung des Wortes angesehen zu werden pflegt, ein gewisser Empfindungston gesellt, in Folge dessen es entweder nur in edler oder nur in gemeiner Sprache, nur in dieser oder in jener Stilgattung gebraucht werden kann. Man vgl. z. B Wörter wie Weib, Pfaffe, Mähre, Mahl, Gemahl, Gatte, Lenz, Maid. An diesen lässt sich geschichtlich nachweisen, dass der heute 90 damit verbundene Gefühlston erst auf Ideenassoziationen beruht, die sich innerhalb bestimmter Gebrauchssphären an sie angeschlossen haben.Vgl. K. O. Erdmann, Die Bedeutung des Wortes, S. 78ff. (Nebensinn und Gefühlswert der Worte). Jaberg, Pejorative Bedeutungsentwicklung (s. oben).

§ 63. Es gibt auch eine Art von Spezialisierung, die gleich ihren Anfang nimmt, sobald das Wort überhaupt gebraucht wird. Diese findet sich bei Wörtern, die aus anderen üblichen Wörtern nach den Bildungsgesetzen der Sprache beliebig abgeleitet werden können, aber doch nur dann wirklich zur Verwendung kommen, wenn ein besonderes Bedürfnis dazu treibt. Solche Wörter sind vielfach von Anfang an nur mit einer spezielleren Beziehung zum Grundwort nachzuweisen, als sie die Ableitung an sich ausdrückt. Die von Substantiven abgeleiteten Bildungen auf -er, mhd. -ære bezeichnen an sich eine Person, die zu dem Begriff des Grundwortes in irgend einer Beziehung steht, welcher Art diese Beziehung auch sein mag, aber an den einzelnen Wörtern zeigen sich die verschiedenartigsten Spezialisierungen. Mhd. æhtære von âhte (Acht, Verfolgung) bedeutet sowohl Verfolger wie Verfolgter; bei der individuellen Anwendung kann jedenfalls niemals beides zugleich darunter verstanden sein. Unter Schüler hätte an sich auch der Schulmeister begriffen sein können, es liegt aber keine Spur davon vor, dass es jemals anders als im neuhochdeutschen Sinne gebraucht wäre. So ist ferner Schreiner nie anders als für den Verfertiger von Schreinen gebraucht, Schäfer nie anders als für den Hüter von Schafen, Bürger nie anders als für den Bewohner einer Burg oder Stadt, Falkner nie anders als für einen, der mit Falken jagt; Vogeler ist Vogelsteller, daneben Geflügelhändler. Lateinische Wörter wie praetor, tribunus sind wohl kaum vorher gebraucht, bevor sie zu Bezeichnungen bestimmter Beamten gemacht wurden. Ähnlich verhält es sich mit Verben wie bechern, buttern, haaren, hausen, herzen, kernen, karren, köpfen, mauern, stunden, tafeln u. a. Bei vielen Wörtern sind wir ausser Stande zu entscheiden, ob eine Verwendung in einem allgemeineren Sinne vorangegangen ist oder nicht. Auch viele Zusammensetzungen sind erst zur Anwendung gelangt, indem man mit ihnen, durch das Bedürfnis veranlasst, einen spezielleren Sinn verband, als er durch die Bestandteile an sich gegeben ist, vgl. Eisenbahn, Pferdebahn, Drahtbericht, Fernsprecher, Radfahrer, Zweirad, Standesamt etc.Hierüber vgl. man die lehrreichen Ausführungen bei Jan v. Rozwadowski, Wortbildung und Wortbedeutung, Heidelberg 1904. Wellander a. a. O. will nicht mit Unrecht die Spezialisierung, die gleich mit der Bildung eines Wortes vorgenommen wird, scharf von dem eigentlichen Bedeutungswandel trennen. Die Schöpfung solcher Ableitungen und Zusammensetzungen mit spezialisiertem Sinne ist das sich am bequemsten dar- 91 bietende und am häufigsten angewendete Mittel, um das Bedürfnis nach Bezeichnung neu auftretender Begriffe zu befriedigen. Auf diesem Gebiete spielt auch bewusste Absicht eine nicht geringe Rolle, eine grössere vielleicht als auf irgend einem andern der Sprachentwickelung. Die Etymologie lehrt, dass auch in den älteren Perioden die Benennung von Gegenständen sehr gewöhnlich nach bestimmten Merkmalen erfolgt ist, wodurch sie an sich in ihrer Totalität nicht ausgedrückt sind. Doch ist darum gewiss der Schluss nicht berechtigt, dass alle Substanzbezeichnungen auf diese Weise entstanden sein müssten.

§ 64. Eine zweite, der ersten entgegengesetzte Hauptart des Bedeutungswandels ist die Beschränkung auf einen Teil des Vorstellungsinhalts, die also eine Erweiterung des Umfanges bedingt. Dieser Vorgang kann seinen Ausgang nehmen von solchen Fällen, auf die das betreffende Wort zwar noch in der älteren Bedeutung nach allen ihren Momenten anwendbar ist, so jedoch, dass davon nur ein Teil für den Sprechenden und Hörenden relevant, der andere irrelevant ist. Als Beispiel kann fertig dienen. Es bedeutet eigentlich, wie die Etymologie zeigt, »in einem zu einer Fahrt (d. h. auch einem Ritt, einem Gange) geeigneten Zustande«, »zu einer Fahrt gerüstet, bereit«. Wenn z. B. jemand, von einem andern zu einem Gange aufgefordert, erwidert ich werde mich sogleich fertig machen, so könnte man das Wort an sich noch in dem ursprünglichen Sinne nehmen. Indessen schon zu einer Zeit, wo dieser noch lebendig war, musste die Beziehung auf die Beendigung der Vorbereitungen in den Vordergrund treten, während die Vorstellung von dem zu unternehmenden Gange als etwas bereits Gegebenes und Selbstverständliches im Hintergrunde blieb. Indem nun bloss das erstere Moment deutlich in das Bewusstsein trat, konnte sich das Gefühl bilden, als ob damit die ganze Bedeutung erschöpft sei. So konnte man dazu gelangen, fertig auch auf den Abschluss der Vorbereitungen zu andern Dingen als einer Fahrt (im mhd. Sinne) zu beziehen. Die mittelhochdeutsche Wendung niht ein brôt umbe (für) ein dinc geben konnte nach dem ursprünglichen Sinne nur in Bezug auf etwas gebraucht werden, wovon sich annehmen liess, dass man Wert darauf legte es zu haben. Sie wird aber auch in Bezug auf etwas gebraucht, von dem vermutet werden könnte, dass man Wert darauf legt, es nicht zu haben, es los zu werden, vgl. sine gæben für die selben nôt ze drîzec jâren niht ein brôt (Wolfram). Wir ersehen daraus, dass der Bedeutungsinhalt auf die Vorstellung beschränkt ist, dass einem etwas gleichgültig ist, nichts ausmacht.

Welche Momente des Bedeutungsinhalts relevant sind oder nicht, hängt häufig von dem Gegensatz ab, den man im Sinne hat. Unser gehen bezeichnet ursprünglich das Schreiten mit den Füssen; es kann 92 einen Gegensatz zu anderen Fortbewegungsarten wie fahren, reiten etc. bilden, aber auch den Gegensatz zu dem ruhigen Verharren an einem Orte; Fälle der letzteren Art sind die Veranlassung gewesen, dass die Fortbewegung als der wesentliche und weiterhin als der alleinige Inhalt der Bedeutung empfunden ist, so dass man auch sagt (schon frühzeitig) das Schiff, das Mühlrad, die Uhr geht etc. Bei stehen kann einerseits der Gegensatz zu einer anderen Ruhelage wie liegen, sitzen in Betracht kommen, anderseits der Gegensatz zu einer Bewegung; indem nur noch der letztere als wesentlich für die Bedeutung empfunden wurde, ist man dazu gelangt, es mit Subjekten wie der Stern, die Wolke, das Wasser, die Uhr zu verbinden. Ähnlich wird noch bei manchen anderen Verben ein Teil des ursprünglichen Bedeutungsinhaltes ausgeschieden; so bei sitzen, vgl. der Hut sitzt auf dem Kopfe, die Frucht sitzt am Baume, der Rock sitzt gut; bei setzen, vgl. Fische in einen Teich, den Hut auf den Kopf, Spitzen auf ein Kleid, einem das Messer an die Kehle setzen; bei fliegen, welches ursprünglich die Bewegung durch Flügel bezeichnet, dann von jeder Bewegung durch die Luft, ferner auch von eiligem Laufen und Fahren gebraucht wird.

§ 65. Ein Wort kann auch dadurch einen Teil seines Bedeutungsinhaltes einbüssen, dass derselbe in einem syntaktisch angeknüpften Worte noch einmal ausgedrückt ist. Unser ungefähr ist aus älterem ohngefähr hervorgegangen = mhd. âne gevære, d. h. eigentlich »ohne feindselige Absicht«. So könnten wir es noch fassen, wenn es z. B. bei Luther heisst wenn er ihn ohngefähr stösst ohne Feindschaft. Indem aber in einem solchen Falle schon durch das Verb. eine Schädigung ausgedrückt war, trat in ohngefähr nur noch die Vorstellung der Absicht hervor, nicht die Absicht des Schädigens, und es wurde dann weiterhin in dem Sinne »ohne Absicht«, »zufällig« auch in solchen Fällen verwendet, wo es sich gar nicht um ein Schädigen handelt, so schon bei Luther es begab sich ohngefähr, dass ein Priester dieselbige Strasse hinabzog. Unser arg ist früher = »schlimm«. Wie dieses tritt es verstärkend zu Wörtern, die an sich etwas Böses Unangenehmes bezeichnen, vgl. ein arges Unwetter, eine arge Bosheit, ein arger Sünder, er hat sich arg vergangen. Eben, weil die Vorstellung von etwas Schlimmem schon in den Wörtern, denen es beigefügt wird, liegt, erscheint arg wesentlich nur als Verstärkung. Ein weiterer Schritt war dann, dass arg in süddeutscher Umgangssprache auch neben etwas Gutem, Angenehmem als Verstärkung verwendet wurde: sie ist arg schön, es hat mich arg gefreut. Auf ähnliche Weise sind eine ganze Anzahl von Wörtern zu blossen Verstärkungen geworden , vgl. furchtbar, schrecklich, entsetzlich, ungeheuer (eigentlich 93 »unlieblich«), schmählich, höllisch, verdammt; auch sehr gehört hierher, denn es bedeutet ursprünglich »schmerzlich«.

In entsprechender Weise kann ein Glied einer Zusammensetzung durch das andere Glied eines Teiles seines Bedeutungsinhaltes beraubt werden. Die Partikel ver- drückt, soweit sie auf got. fra- zurückgeht, ursprünglich ein Zugrundegehen oder Zugrunderichten, ein Verderben aus (vgl. verdampfen, -klingen, -salzen, -urteilen). In der Zusammensetzung mit Verben, die an sich einen zum Schlimmen führenden Vorgang bezeichnen (vgl. z. B. verschwinden, -faulen, -welken, -tilgen, -zehren, -fehlen), war diese Vorstellung eigentlich doppelt ausgedrückt, konnte aber nur einfach empfunden werden. Daraus ergab sich die Folge, dass ver- nur noch als Ausdruck dafür empfunden wurde, dass der Vorgang zum Abschluss gebracht ist. Nunmehr wurde es als Resultatsbezeichnung auch mit Wörtern verbunden, die keine üble Bedeutung haben, vgl. verheilen, -mischen, -binden, -spüren, -zieren etc. Die Partikel er- bedeutet zunächst »heraus aus etwas«, woran sich dann weiter die Vorstellung von einer Bewegung aus der Tiefe in die Höhe angeknüpft hat. Von Zusammensetzungen aus wie etwa erstehen (jünger auferstehen), -wachsen, -heben ist es wie ver- zu einer allgemeinen Resultatbezeichnung geworden. Schon im Urgerm. hatte ga- (= nhd. ge-) diese Funktion, die sich entsprechend aus der Bedeutung »zusammen« entwickelt haben wird, etwa von Verben aus wie got. gabindan, gahaftjan, galukan, ganagljan, gawidan.

§ 66. In den bisher besprochenen Fällen handelt es sich um einen allmählich ohne Bewusstsein sich vollziehenden Prozess. Es kann aber ein Wort auch mit Bewusstsein gebraucht werden, wo nur ein Teil seines Bedeutungsinhaltes anwendbar ist, während der andere unberücksichtigt bleibt. Dies ist häufig innerhalb einer Zusammensetzung, vgl. Erdapfel, Gallapfel, Klatschrose, Apfelwein, Eichelkaffee, Kamillentee, Kaffeebohne, Rehbock, Rehgeiss, Handschuh, Fingerhut, Tischbein, Seehund. Die Möglichkeit der Entstehung dieser Benennungen ist gegeben durch die partielle Übereinstimmung zwischen dem durch die Zusammensetzung und dem durch den zweiten Bestandteil ausgedrückten Vorstellungsinhalt. Die durch das erste Glied gegebene Bestimmung nötigt dazu, das zweite nicht nach seinem vollen Inhalt zu fassen. Neben einfachen Wörtern kann eine syntaktische Bestimmung den gleichen Erfolg haben, vgl. der Hals der Flasche, das Haupt der Verschwörung, ein Zweig des Geschlechtes. Endlich genügt dazu auch ohne eine direkte Bestimmung der Zusammenhang der Rede oder die Situation.

Der oben besprochenen Entstehung der Eigennamen aus Appellativen steht der umgekehrte Übergang von Eigennamen in Appellativa 94 gegenüber. Zwei Fälle sind dabei zu unterscheiden. Einerseits werden bekannte Personen der Geschichte oder der Dichtung als Repräsentanten der für sie charakteristischen Eigenschaften gefasst, vgl. ein Cicero (Redner wie Cicero), ein Krösus, Nestor, Adonis, Don Juan, eine Xantippe; noch weiter ist die Entwickelung gegangen in Mäcen, da die zugrundeliegende Person nicht so, sondern Mäcenas genannt wird. Anderseits werden besonders häufige, darum nichts Individuelles enthaltende Personennamen für Typen verwendet, zunächst dann mit Bestimmungen, vgl. eine dumme Lise, Trine, ein langweiliger Peter, Hans in allen Gassen, ein Prahlhans, Wühlhuber, Angstmeier. Auch diese können zu reinen Appellativen werden, vgl. Rüpel (= Ruprecht), Metze (= Mechtild).Reiches Material bei J. Reinius, On transferred appellations of human beings chiefly in English and German I (Göteborg 1903) 12ff.

§ 67. Die zuletzt besprochene Art des Bedeutungswandels verbindet sich leicht, wie sich schon aus den angeführten Beispielen ergibt, mit der ersten Hauptart. Indem ein Teil des Bedeutungsinhaltes schwindet, wird ein neues Moment darin aufgenommen. Sagen wir er ist ein Esel, so nähert sich ein Esel als Prädikat adjektivischer Natur und wir sind daher wohl berechtigt zu sagen, dass damit nur die für den Esel charakteristische Eigenschaft ausgedrückt ist. Etwas anders liegt die Sache schon, wenn wir mit Bezug auf eine bestimmte Person sagen der Esel oder in Bezug auf eine Art von Personen allgemein ein Esel; hier ist die Vorstellung »Mensch« mit in den Inhalt aufgenommen. Noch entschiedener zeigt sich die Aufnahme einer neuen Vorstellung, wenn der Übergang der okkasionellen Bedeutung in die usuelle weitere Fortschritte gemacht hat, z. B. in Fuchs = »Pferd von der Farbe des Fuchses«. Vollends, wenn dann die Grundbedeutung untergegangen ist, vgl. Rappe, welches in der Bedeutung »Rabe« nicht mehr bekannt ist. Bei den meisten usuell gewordenen Metaphern liegt Verbindung der beiden ersten Hauptarten des Bedeutungswandels vor.

§ 68. Die Metapher ist eines der wichtigsten Mittel zur Schöpfung von Benennungen für Vorstellungskomplexe, für die noch keine adäquaten Bezeichnungen existieren. Ihre Anwendung beschränkt sich aber nicht auf die Fälle, in denen eine solche äussere Nötigung vorliegt. Auch da, wo eine schon bestehende Benennung zur Verfügung steht, treibt oft ein innerer Drang zur Bevorzugung eines metaphorischen Ausdrucks. Die Metapher ist eben etwas, was mit Notwendigkeit aus der menschlichen Natur fliesst und sich geltend macht nicht bloss in der Dichtersprache, sondern vor allem auch in der volkstümlichen Umgangssprache, die immer zu Anschaulichkeit und drastischer 95 Charakterisierung neigt. Auch hiervon wird vieles usuell, wenn auch nicht so leicht wie in den Fällen, wo der Mangel an einer andern Bezeichnung mitwirkt.

Es ist selbstverständlich, dass zur Erzeugung der Metapher, soweit sie natürlich und volkstümlich ist, in der Regel diejenigen Vorstellungskreise herangezogen werden, die in der Seele am mächtigsten sind. Das dem Verständnis und Interesse ferner liegende wird dabei durch etwas Näherliegendes anschaulicher und vertrauter gemacht. In der Wahl des metaphorischen Ausdruckes prägt sich daher die individuelle Verschiedenheit des Interesses aus, und an der Gesamtheit der in einer Sprache usuell gewordenen Metaphern erkennt man, welche Interessen in dem Volke besonders mächtig gewesen sind.

§ 69. Eine erschöpfende Übersicht über alle möglichen Arten der Metapher zu geben ist eine kaum zu lösende Aufgabe. Ich begnüge mich damit, einige besonders gewöhnliche kurz zu besprechen.

Häufig ist die Ähnlichkeit in der äusseren Gestalt das Massgebende, vgl. Kopf (von Kohl oder Salat), Auge, (Pfauenauge, Fettauge, A. = »Keim an einer Kartoffel oder dergl.«, = »Punkt auf dem Würfel«), Nase (eines Berges), Ohr (Eselsohr = »umgeknickte Ecke eines Blattes«), Ader (in Pflanzen, im Gestein), Horn (als Bezeichnung einer Bergspitze, eines Gebäckes, wofür noch üblicher Hörnchen), Kelch (einer Blume), Kessel (in Talkessel), Würfel (ursprünglich, wie die Etymologie zeigt, nur den zum Würfeln gebrauchten Körper bezeichnend), Kamm (des Hahnes, der Traube); Pflanzenbezeichnungen wie Löwenmaul, Löwenzahn, Rittersporn, Hahnenfuss. Zu der Ähnlichkeit der Gestalt kann noch der Umstand kommen, dass etwas als Teil eines grösseren Ganzen in seiner Lage dem Teile eines anderen Ganzen entspricht, und dies Verhältnis kann die Hauptveranlassung zur Metapher abgeben, während von einer Ähnlichkeit der Gestalt kaum noch die Rede sein kann, vgl. Kopf (Kehlkopf, Mohnk., Säulenk., Brückenk., Nadelk., Nagelk., vgl. auch lat. caput montis), Hals (einer Flasche, einer Säule, eines Saiteninstrumentes), Bauch (einer Flasche), Rücken (eines Buches, eines Messers, eines Berges), Arm (eines Wegweisers, eines Flusses), Saum (des Waldes, der Wolken). Mit der Ähnlichkeit der Gestalt kann sich Gleichheit der Funktion verbinden, vgl. Feder = Stahlfeder, Horn (als Blasinstrument, wenn auch aus Metall verfertigt). Hierbei kommt noch als begünstigender Umstand hinzu, dass der Gegenstand auf den die Bezeichnung übergegangen ist, denjenigen, von dem sie entnommen ist, in der Funktion abgelöst hat. Ähnlichkeit der Lage innerhalb eines Ganzen verbindet sich mit Ähnlichkeit der Funktion bei Fuss (eines Tisches, Stuhles, u. dergl., eines Berges). Die Funktion kann auch allein massgebend sein, vgl. Haupt (einer Familie, eines 96 Stammes, einer Verschwörung u. dergl., vgl. auch die Verwendung in Zusammensetzungen wie Hauptsache, -bau, -grund), Hand (in Wendungen wie er ist seine rechte Hand) etc.

Die Analogie zwischen räumlicher und zeitlicher Erstreckung macht die Übertragung der für die räumliche Anschauung geschaffenen Ausdrücke, soweit dabei nur eine Dimension in Betracht kommt, auf zeitliche Verhältnisse möglich; vgl. lang, kurz, gross, klein, Mass, Teil, Hälfte etc., Ende, Grenze, Zeitraum, Zeitpunkt, Zeitabschnitt, Mal (ursprünglich »sich abhebender Fleck«); die Präpp. in, an, zu, bis, durch, über, um, von, ausser, ausserhalb, innerhalb etc.: bisher, hinfort, fortan. Demgemäss können auch die Ausdrücke für Bewegungen auf die Zeit übertragen werden, vgl. die Zeit geht dahin, vergeht, kommt, im Laufe der Zeit, Zeitläufte: ferner folgen, reichen, sich ausdehnen, sich erstrecken etc. Die Raumverhältnisse liefern ferner Bezeichnungen für die Intensität, vgl. grosse Hitze, Kälte etc., ein hoher Grad, die Hitze, die Begeisterung steigt; für Wertschätzung, vgl. die Preise steigen, fallen, sinken, er steigt, sinkt in meiner Achtung u. dergl., hoch, niedrig, über, unter; auf die Tonabstufung, vgl. hoch, tief; steigen, fallen, sinken.

Die Verhältnisse und Vorgänge im Raume werden auf das Gebiet des Unräumlichen übertragen. So wird alles Seelische als in unserem Innern ruhend oder sich bewegend vorgestellt, entweder in bestimmte Teile des Körpers verlegt oder in die Seele hinein, der dann Attribute des Raumes beigelegt werden, vgl. ein Gedanke geht mir im Kopfe herum, fährt mir durch den Kopf, das will mir nicht in den Kopf, das liegt mir am Herzen, einem etwas ans Herz legen, sich etwas zu Herzen nehmen, das fährt mir durch den Sinn, das kommt mir nicht in den Sinn, aus dem Sinn. Dem entspricht auch der unsinnliche Gebrauch von Wörtern wie fassen, erfassen, auffassen, begreifen, sich einbilden, es fällt mir ein, fähig (eigentlich »im Stande zu fassen«). Das Verhältnis der Vorstellungen zu einander wird als ein räumliches gedacht: Vorstellungen verbinden, verknüpfen sich, Empfindungen streiten mit einander. Desgleichen das Verhältnis der inneren Vorgänge zu den Aussendingen, vgl. sein Herz woran hängen, seine Gedanken, seinen Sinn, seine Aufmerksamkeit etc. worauf richten, auf etwas verfallen, sich vornehmen, vorstellen. Die Bezeichnungen für körperliche Wirkung werden auf geistige übertragen, vgl. treiben, ziehen (anz., abz.), abstossen, Anstoss, drängen, rühren, regen, bewegen, erwägen, leiten, führen. Charakteristisch ist besonders der lateinische Ausdruck für »denken« cogitare. Die Bezeichnungen für Rechtsverhältnisse knüpfen an sinnliche Verhältnisse in der räumlichen Welt an, vgl. haben (eigentlich »halten«), geben, nehmen, übertragen, besitzen, recht (eigentlich »gerade«), richten. Auch die Zustände werden als etwas räumlich Ausgedehntes gefasst, 97 vgl. in Gedanken (versunken, vertieft, verloren), im Rausch, im Zorn, aus Rache, aus Bosheit, durch Besonnenheit etc. Eine Zustandsveränderung wird als eine Bewegung aufgefasst, vgl. vom Schlaf zum Wachen, vom Hass zur Liebe übergehen, die Krankheit wendet sich zum Besseren.

Die Verwandtschaft zwischen den durch verschiedene Sinne hervorgerufenen Empfindungen ermöglicht die Übertragung von dem Eindrucke eines Sinnes auf einen anderen, vgl. süss (auch von Geruch und Ton), schön (vom Gesicht auf Gehör und Geschmack übertragen), hell (ursprünglich nur auf Gehör bezüglich), lat. clarus (umgekehrt ursprünglich nur auf Gesicht bezüglich), hart, weich, scharf; rauh (vom Gefühl auf das Gehör übertragen), schreiende Farben, knallrot; man spricht von Farbenton und Klangfarbe. Die Bezeichnungen für die Sinneseindrücke werden auf die innere Empfindung übertragen, vgl. süss, bitter, sauer, schön, heiter, trübe, finster, hart, scharf; rauh, sanft, gelind, satt, schwer, leicht, gross, erhaben, niedrig, hungern, dürsten, drücken, beissen, reizen, rühren, verwunden, Geschmack. Desgleichen werden geistige Wahrnehmungen durch Ausdrücke für sinnliche bezeichnet, vgl. fühlen, sehen (einsehen, ans., abs., vors., übers., vers.), spüren, wittern, lat. sapere.

Die Gewohnheit des Menschen die Vorgänge an den leblosen Dingen nach Analogie der eigenen Tätigkeit aufzufassen hat in der Sprache viele Spuren hinterlassen, vgl. Wendungen wie der Baum treibt Knospen, die Sonne zieht Wasser, die Erde trinkt die Feuchtigkeit, der Baum will umfallen, das Seil will nicht mehr halten. Fast alle Verba, die ursprünglich die Tätigkeit eines lebenden Wesens bezeichnen, werden metaphorisch von leblosen Dingen gebraucht, vgl. atmen, saugen, schlingen, schlucken, speien, sagen (z. B. was will das sagen?), besagen, zusagen (= »gefallen«), versagen (das Gewehr versagt u. dergl.), sprechen (das spricht dafür, dagegen), versprechen, ansprechen, fordern, verlangen, (ein)laden, gebieten, verbieten, rufen, schreien (das ist himmelschreiend, schreiende Farben), deuten, bedeuten, zeigen, (be)weisen, gehorchen, kämpfen, streiten, stehen, sitzen, gehen, laufen, tun, machen, helfen etc. In der Verwendung des Verb. überhaupt liegt schon ein gewisser Grad von Personifikation des Subj.

§ 70. Wir kommen zu der dritten Hauptart des Bedeutungswandels, der Übertragung auf das räumlich, zeitlich oder kausal mit dem Grundbegriff Verknüpfte.

Für ein Ganzes wird stellvertretend ein Teil gesetzt, der ein charakteristisches Merkmal bildet. Wir können uns die Möglichkeit einer solchen Ausdrucksweise an einem Beispiele wie das folgende klar machen. Wenn jemand auf ein Gewässer hinausschauend ausruft ein Segel taucht auf, so ist es selbstverständlich, dass dieses Segel sich 98 an einem Schiffe befindet, und das Vorhandensein des ersteren setzt das des letzteren voraus. So erklären sich Verwendungen wie rant in der mhd. epischen Sprache = »Schild«, Bogen = »Armbrust«, Klinge = »Schwert«. Besonders gewöhnlich sind Bezeichnungen von Personen oder Tieren nach charakteristischen Teilen des Körpers und Geistes, vgl. bemoostes Haupt; Lockenkopf, Graukopf, Kahlkopf, Krauskopf; Dummkopf, Dickkopf, Trotzkopf, Fettwanst, Linkhand, Hasenherz, Lügenmaul, Grossmaul, Gelbschnabel, Graubart; Rotkehlchen, Rotschwanz, Stumpfschwanz, Blaufuss; starker Geist, schöne Seele; franz. blanc-bec, grosse-tête, rouge-gorge, rouge-queue, pied-plat, gorge-blanche, mille-pieds; esprit fort, bel esprit. Hier können wir auch die Verwendung von Blumenbezeichnungen wie Rose für die ganze Pflanze einreihen; desgl. die von Dorn (Weissdorn, Rotdorn) = Dornstrauch. Im Grunde der gleiche Vorgang ist es, wenn von zwei Gegenständen, die gewöhnlich mit einander verbunden werden, die Benennung des einen wesentlicheren auf das Ganze übergeht. So war Fahne ursprünglich der Zeugstreifen, der an die Stange angebunden wurde, jetzt wird die letztere mit einbegriffen. Speer ist ursprünglich die Speerspitze, jetzt wird der Schaft mit verstanden. Tisch und Tafel bezeichnen ursprünglich die Tischplatte, die für den Gebrauch auf ein Gestell gelegt wurde.

Psychologisch auf dieselbe Weise zu erklären ist es, wenn nicht das Ganze, sondern der mit einem anderen verbundene Gegenstand vermittelst des letzteren bezeichnet wird. Vielleicht noch nicht hierher zu stellen sind Bezeichnungen nach der Kleidung wie Schwarzrock, Rundhut, Blaustrumpf, Rotkäppchen, grüner Domino, Maske, Perücke. Bei diesen ist wohl eher das Kleidungsstück als ein integrierender Bestandteil der Person gefasst, so dass sie mit den Bezeichnungen nach Körperteilen auf gleiche Linie zu stellen sind. Anders steht es, wenn ein Teil der Kleidung zur Bezeichnung des davon bedeckten Körperteils wird. So bezeichnet Schoss ursprünglich nur den Zipfel des Rockes, Sohle nur die Sandale oder Schuhsohle. Umgekehrt wird ein Körperteil zur Bezeichnung des ihn bedeckenden Gewandstückes, vgl. Leibchen, (Schnür)leib, (Schnür)brust, Ärmel (eigentlich Ärmchen), Däumling, Kragen (ursprünglich »Hals«), woran man auch mhd. vingerlîn = »Fingerring« anschliessen kann. Häufig ist es, dass ein Raum für die Bewohner desselben, für die darin Beschäftigten gebraucht wird, vgl. Stadt (die ganze Stadt weiss es schon), Land, Haus, Kammer, Kabinett, Hof, Kirche, Frauenzimmer. Anderseits werden Ministerium, Amt, Gericht, Universität etc. zu Bezeichnungen der Gebäude, in denen sie ihren Sitz haben. Hier anzuführen sind auch Tafelrunde, Liedertafel, mhd. spiz = »Spiessbraten«. 99

Gemütsbewegungen werden nach den sie begleitenden Reflexbewegungen bezeichnet, vgl. z. B. beben, zittern, schauern, erröten, aufatmen, das Maul aufsperren, die Nase rümpfen, die Ohren spitzen, mit den Zähnen knirschen, die Faust ballen, das Herz schlägt ihm, das versetzt ihm den Atem, die Galle läuft ihm über. Mit Verdunkelung des ursprünglichen Sinnes werden solche Ausdrücke zu Bezeichnungen der Gemütsbewegung selbst, vgl. sich sträuben, scheuen, staunen (noch im 18. Jahrh. »starr auf etwas hinsehen«), erschrecken (eigentlich »aufspringen«), sich entsetzen, scheel (im ursprünglichen Sinne »schielend« nicht mehr üblich), hochfahrend, aufgeblasen, lat. horrere, despicere, suspicere, invidere, spernere, griech. phóbos; (ursprünglich »Flucht«), franz. craindre (aus tremere).

Vorgänge, die von einer symbolischen Handlung begleitet sind, werden oft bloss durch die letztere angedeutet, und eine solche Ausdrucksweise kann sich dann erhalten, wenn die Symbole selbst ausser Gebrauch gekommen sind, vgl. auf den Thron setzen, vom Throne stürzen, unter die Haube bringen, auf den Händen tragen, die Hände in den Schoss legen.

Gegenstände, durch die etwas hervorgebracht wird, treten stellvertretend für das Hervorgebrachte ein, vgl. griech. glô^ssa, lat. lingua, deutsch Zunge = »Sprache«, Hand = »Handschrift«, lat. stilus = »Schreibweise«.

Sehr gewöhnlich in den verschiedensten Sprachen geht eine Eigenschaftsbezeichnung über in die Bezeichnung dessen, dem die Eigenschaft anhaftet; vgl. Alter, Jugend; Menge, Fülle, Enge, Fläche, Ebene, Wüste, Säure; Mannschaft, Knappschaft, Gesellschaft, Bürgerschaft, Verwandtschaft, Gesandtschaft und viele andere auf -schaft, welches ursprünglich Beschaffenheit bedeutet; ebenso viele auf -heit (-keit), welches ursprünglich Eigenschaft, Zustand bedeutet, wie Christenheit, Vielheit, Mehrheit, Gottheit, Schönheit, Vergangenheit, Gelegenheit, Eigenheit, Kleinigkeit, Süssigkeit, Neuigkeit, Sonderbarkeit, Gefälligkeit. Auf einer Übergangsstufe stehen noch Titel wie Majestät, Hoheit, Exzellenz etc.; sie standen zunächst parallel mit solchen, wie deine Güte wird mir verzeihen, ich wende mich an deine Grossmut. Wie die Beispiele zeigen, entstehen auf diese Weise sowohl Kollektivbenennungen als Benennungen für einzelne Personen und Dinge, nicht immer aber werden die betreffenden Wörter zu Substanzbezeichnungen. Dasselbe wie von den Eigenschaftsbezeichnungen gilt von den sogenannten Nomina actionis, den Vorgangs- und Zustandsbezeichnungen, die aus Verben abgeleitet sind, vgl. Rat, Fluss, Zug, Abhang, Vorhang, Umhang, Vortrab, Zukunft, Einkommen, Regierung, Vorsehung. In diesen Fällen ist die Bezeichnung der Handlung auf ihr Subjekt 100 übergegangen, sie kann aber auch auf das Objekt übergehen, Objekt im allerweitesten Sinne genommen; so auf das innere Objekt, wodurch eine Bezeichnung des Resultates entsteht: Druck, Stich, Holzschnitt, Riss, Bruch, Sprung, Wuchs, Zuwachs, Ertrag, Erhöhung, Vertiefung, Abhandlung, Versammlung, Vereinigung, Bildung; auf das äussere Objekt, welches irgendwie von der Tätigkeit berührt wird: Saat, Ernte, Spruch, Sprache, Gang, Durchgang, Übergang, Einfahrt, Tritt, Abtritt, Zuflucht, Ausflucht, Auszug, Durchschlag, Wohnung, Kleidung; so entstehen also auch Bezeichnungen für den Ort, wo etwas geschieht, für das Mittel, wodurch etwas bewerkstelligt wird, u. dergl. Die Möglichkeit des Überganges kann man sich etwa an Verbindungen wie die folgenden veranschaulichen: Im Rat der Ältesten wurde beschlossen; Er übernahm die Leitung des Zuges; Er vollendete die Arbeit (Tätigkeit oder Resultat) in drei Tagen; Er nahm eine Abschrift davon; Er brachte allerhand Verzierungen an; Die Leinwand ist auf der Bleiche; Er befindet sich im Gefängnis (ursprünglich = in Gefangenschaft); vgl. auch Eingang, Ausgang als Aufschrift an Türen. Viel seltener ist der umgekehrte Vorgang, dass eine Dingbezeichnung sich zu einer Vorgangsbezeichnung entwickelt, vgl. griechische Bildungen auf -ma wie chárma, thaûma. Aus dem Deutschen könnten wir hierher ziehen Wucher (ursprünglich nur den Ertrag bezeichnend) und Wette (ursprünglich = »Pfand«); doch kommt dabei in Betracht, dass diese Wörter, auch wenn sie nicht von alters her bestanden hätten, leicht zu den betreffenden Verben mit dem Sinne von Vorgangsbezeichnungen hätten gebildet werden können. Kein solches Verhältnis zu einem Verb. besteht bei Kirche, Schule in Verbindungen wie Kirche, Schule halten, nach (vor) der Kirche, Schule. Ein Ansatz zu einer derartigen Übertragung liegt auch schon in vor (nach) Tische (der Tafel).Zu diesem Absatz vgl. C. Collin, semasiologiska studier över abstrakter och konkreter (Från filologiska föreningen i Lund. Språkliga uppsatser III, 225ff.).

Hierher gehört es auch, wenn man Wirtshäuser durch das Schild bezeichnet (Adler, Hirsch, Krone etc.), Schriften durch den Namen des Verfassers (ein Goethe, Schiller), oder Werke der bildenden Kunst durch den Namen des Künstlers (ein Raphael); ferner wenn man jemandem eine Lieblingswendung, die er zu gebrauchen pflegt, als Spitznamen beilegt, vgl. Heinrich Jasomirgott; oder wenn der Hund in der Ammensprache Wauwau genannt wird u. dergl.; entsprechend sind auch Pflanzennamen wie Nolimetangere, Vergissmeinnicht zu beurteilen.

§ 71. Wir haben noch einige Modifikationen der Bedeutung zu besprechen, die sich nicht einfach unter eine der drei Hauptklassen 101 unterordnen lassen. Es handelt sich dabei um Ausdrucksformen, für die meistens schon in der Rhetorik der Alten technische Bezeichnungen gefunden sind. Hier sind dieselben deshalb zu erwähnen, weil sie durch häufige traditionelle Anwendung usuell werden können, wobei sie mehr oder weniger von ihrer eigentümlichen Färbung einbüssen und sich den einfachen normalen Bezeichnungen nähern.

Besonders die volkstümliche Rede ist voll von Übertreibungen sowohl nach der positiven als nach der negativen Seite, häufig mit Metaphern verknüpft. Sehr vieles davon ist traditionell und wird von dem Hörenden ohne weiteres auf das richtige Mass herabgesetzt, vgl. tausend mal, ein Schock mal, ein paar Leute etc. (jetzt vollkommen = »einige wenige«), Berge von Leichen, ein Strom von Tränen, in Tränen schwimmen, zerfliessen, eine Flut von Schimpfwörtern, das dauert eine Ewigkeit, endlos, eine Hand voll Leute, federleicht, sich krank, tot lachen, im Blute baden, das ist zum Rasendwerden, ich möchte aus der Haut fahren, ich sterbe vor Langerweile. Verstärkungen können geradezu zu Abschwächungen werden, Versicherungen zum Ausdruck des Mangels völliger Sicherheit, vgl. ganz, recht, ziemlich, fast, gewiss, wohl.

Eine verwandte Erscheinung sind Derbheiten, die darin bestehen, dass den Dingen eine schlimmere Bezeichnung beigelegt wird, als ihnen eigentlich zukommt. So wird Dreck, ursprünglich = »Exkrement«, für jede Art von Unreinlichkeit gebraucht, und jetzt meist nicht mehr in dem ursprünglichen Sinne empfunden. Der eigentliche Sinn von Schimpfwörtern ist häufig vergessen, vgl. Racker, ursprünglich = »Schinder«, Luder, Schelm, beide ursprünglich = »Aas«. Daran schliesst sich dann leicht eine Abmilderung des Sinnes, die soweit gehen kann, dass etwas Lobendes, Schmeichelndes beigemischt wird, vgl. Schelm, Schalk (ursprünglich »Knecht«, dann »gemeiner Mensch«), Luder in landschaftlichem Gebrauch (besonders obersächsisch).

Auch das Gegenteil der Übertreibung, die Litotes, hat oft das Schicksal, dass sie kaum noch als solche empfunden wird, vgl. nicht übel, nicht sehr entzückt, ich mag ihn wohl leiden. Im Mhd. werden Wörter, die etwas Unbedeutendes, Wertloses bezeichnen, geradezu = »nichts« gebraucht, vgl. ich sage iu ein bast, darumbe gâben sie ein ei. Ferner gebraucht man lützel, wênec, kleine = »nichts«, lützel ieman (wenig jemand) = »niemand«, selten = »nie«. Wie sehr der Sinn dieser Wörter direkt verneinend geworden ist, zeigt sich darin, dass neben ihnen zuweilen wie neben niht, nieman, nie die Negation ensteht, vgl. sôn weiz doch lützel ieman, den entar der hagel slahen selten (den wagt der Hagel nie zu schlagen). 102

Der volkstümlichen Derbheit gegenüber steht der Euphemismus,O. Hey, Euphemismus und Verwandtes (Archiv für lat. Lexikographie 11, 515). Nyrop, Eufemisme (Dania 6, 195). Bökemann, Französischer Euphemismus, Berlin 1899. insoweit er darin besteht, dass aus Schamgefühl der eigentliche Ausdruck vermieden und durch einen andeutenden ersetzt wird. Sehr leicht wird dann auch dieser wieder anstössig. Vgl. Ausdrücke wie der Hintere, die Scham, sein Wasser abschlagen, Abtritt, lat. coitus etc. Ähnlich wie das Schamgefühl ist religiöse oder abergläubische Scheu die Veranlassung zu umschreibenden Ausdrücken, vgl. Gottseibeiuns.

Höflichkeit und Unterwürfigkeit auf der einen, Eitelkeit auf der andern Seite wird die Veranlassung zur Entwertung ehrender Bezeichnungen. Die Bezeichnung Herr, die man ursprünglich nur demjenigen beilegte, zu dem man in einem Abhängigkeitsverhältnis stand, wurde im Laufe des Mittelalters zur allgemeinen Anrede innerhalb der ritterlichen Gesellschaft und verbreitete sich in der neueren Zeit auf immer weitere Kreise. Noch weiter ist die Entwertung des ursprünglich entsprechenden Frau gegangen. So ist die Geschichte der Titulaturen überhaupt nichts anderes als eine Geschichte ihrer allmählichen Herabdrückung. Die gleiche Tendenz macht Wörter, die ursprünglich eine wirkliche Funktion bezeichnen, zu blossen Titeln vgl. Herzog, Fürst, Graf etc., Rat, Amtmann, Professor etc. Sie veranlasst und entwertet auch die Anreden mit Ihr, Sie etc.

Auch die Ironie wird in manchen Wendungen stabil. Hierher gehört der Gebrauch gewisser Adjektiva wie schön (das ist eine schöne Geschichte u. dergl.), nett (ein nettes Pflänzchen), sauber (ein sauberer Patron), erbaulich, reizend, recht (so recht, das ist die rechte Höhe). Vgl. ferner ich frage viel danach, ich kümmere mich viel darum. Wie eine ironische Bejahung geradezu als einer Verneinung gleichwertig gefasst werden kann, zeigt eine Stelle bei Chr. F. Weisse: es ist dem Junker viel um seinen Kammerdiener zu tun, sondern um sich.

§ 72. Die verschiedenen Arten des Bedeutungswandels können natürlich auf einander folgen und so sich kombinieren, was die Folge haben kann, dass von der ursprünglichen Bedeutung gar nichts übrig bleibt. So hat Abendmahl einerseits an Bedeutungsinhalt gewonnen, indem es auf das bestimmte Abendmahl Christi und die in Nachahmung desselben stattfindende Feier beschränkt ist, es hat aber anderseits auch etwas von dem, was eigentlich in dem Worte liegt, eingebüsst, indem es auch von einer nicht am Abend stattfindenden Feierlichkeit gebraucht wird. Rosenkranz wird kat' exochén von einem 103 Kranze gebraucht, der einem bestimmten Zwecke dient, aber auch von einem Kranze, der gar nicht aus Rosen besteht. Horn ist ein aus einem Horne verfertigtes Blasinstrument, dann aber auch ein solches von ähnlicher Form aus anderem Stoffe. Feder bedeutet eine zum Schreiben zugeschnittene Feder, dann aber auch ein Werkzeug von der nämlichen Funktion aus anderem Stoffe. Es ist überhaupt sehr häufig, dass etwas, was eigentlich nicht zur Bedeutung eines Wortes gehört, sondern nur akzidentiell damit verknüpft sein kann, allmählich in die Bedeutung mit aufgenommen wird und dann auch selbständig als die wahre Bedeutung empfunden wird, ohne dass an die Grundbedeutung noch gedacht wird. So werden namentlich Bezeichnungen für räumliche und zeitliche Verhältnisse zu Bezeichnungen für Kausalverhältnisse, vgl. Folge, Zweck, Ende (in zu dem Ende), Grund, Mittel, Weg. Man vgl. auch Zusammensetzungen wie Fensterscheibe, Papiergulden, Goldplombe.

§ 73. Besonders hervorgehoben werden muss, dass der Bedeutungswandel sich nicht bloss an einzelnen Wörtern vollzieht, sondern, wofür schon manche Beispiele angeführt sind, auch an Wortgruppen als solchen und ganzen Sätzen. So gibt es z. B. eine Menge Verbindungen mit Hand, bei denen wir an die eigentliche Bedeutung dieses Wortes nicht mehr denken, ausser wenn unsere Aufmerksamkeit ausdrücklich darauf gelenkt wird, wenn wir etwa über den Ursprung einer solchen Wendung reflektieren, vgl. auf der Hand (flacher, platter Hand) liegen, an die Hand geben, gehen, an der Hand haben, an der Hand des Buches etc., bei der Hand sein, haben, zur Hand nehmen, unter der Hand, unter Händen haben, von der Hand weisen, vor der Hand. Man kann nicht sagen, dass hier eigentümliche Bedeutungen des einzelnen Wortes Hand entwickelt sind, vielmehr ist die Verdunkelung der Grundbedeutung erst innerhalb der betreffenden Verbindungen eingetreten. Unsere Sprache ist voll von derartigen Wendungen. Bei manchen kann der Sinn nur mit Hilfe historischer Sprachkenntnis aus der Bedeutung der einzelnen Wörter abgeleitet werden, vgl. z. B. das Bad austragen, einem ein Bad zurichten, einem das Bad gesegnen, einen Bären anbinden, einem einen Bart machen, einen Bock schiessen, einen ins Bockshorn jagen, er hat Bohnen gegessen, einen Fleischergang tun, weder Hand noch Fuss haben, auf dem Holzwege sein, einem einen Korb geben, Maulaffen feil halten, einem etwas auf die Nase binden, einem den Pelz waschen, einem ein X für ein U machen etc.

§ 74. Die ganze Masse von Vorstellungen, die in der Seele des Menschen vorhanden ist, sucht sich nach Möglichkeit an den Wortschatz der Sprache anzuheften. Da nun die Vorstellungskreise 104 der einzelnen Individuen in der gleichen Sprachgenossenschaft stark untereinander abweichen und auch der Vorstellungskreis der Einzelnen immerfort bedeutenden Veränderungen unterliegt, so müssen sich notwendigerweise in den an den Wortschatz angehefteten Vorstellungen eine Menge von individuellen Besonderheiten finden, die bei der gewöhnlichen Bestimmung der Bedeutung für die einzelnen Wörter und Wortgruppen gar keine Berücksichtigung finden. Es ist z. B. die Bedeutung des Wortes Pferd insofern für alle Individuen gleich, als sie es alle auf den nämlichen Gegenstand beziehen; aber es ist doch nicht zu leugnen, dass ein Reiter, ein Kutscher, ein Zoologe, jeder in seiner Art, einen reicheren Vorstellungsinhalt damit verbinden als jeder beliebige andere, der nichts Besonderes mit Pferden zu schaffen hat. Die Vorstellung von dem Verhalten eines Vaters zu seinem Kinde setzt sich aus einer Reihe von Momenten zusammen, die nicht immer beisammen sind, wo das Wort Vater angewendet wird. Man kann eine Definition des Wortes aufstellen, die physisch und juristisch vollkommen ausreicht, aber gerade das, was nach dieser Definition das Wesen der Vaterschaft ausmacht, ist in dem Vorstellungskomplexe, den ein kleines Kind damit verbindet, gar nicht enthalten. Am merkbarsten sind die Unterschiede auf dem Gebiete der Empfindung und des ethischen Urteils. Was die Einzelnen unter schön und hässlich, unter gut und schlecht, unter Tugend und Laster verstehen, lässt sich nicht so ohne weiteres auf einen allgemeingültigen Begriff bringen, über den niemand mit dem andern streiten könnte.

Indem der Vorstellungskreis eines jeden Einzelnen sich an die zu Gebote stehenden Wörter anheftet, so muss sich auch die Bedeutung des gesamten Wortschatzes einer Sprache nach der Gesamtheit der in dem Volke vorhandenen Vorstellungen richten und sich mit diesen verschieben. Die Wortbedeutung bequemt sich immer der jeweiligen Kulturstufe an. Dies geschieht nicht bloss so, dass für neue Gegenstände und Verhältnisse neue Wörter geschaffen oder dass auf sie alte Wörter von nur ähnlichen, aber doch deutlich verschiedenen Gegenständen und Verhältnissen übertragen werden, wie z. B. (Stahl)feder, sondern es gibt hier eine Menge unmerklicher Verschiebungen, die zunächst gar nicht als Bedeutungswandel beachtet zu werden pflegen und die eine unmittelbare Folge des Wandels in den Kulturverhältnissen sind. So kann z. B. eine Bezeichnung für Schiff entstanden sein zu einer Zeit, wo es nur erst die allerprimitivste Art von Schiffen gab, und dann geblieben sein, auch nachdem man bis zu den grössten und kompliziertesten Fahrzeugen fortgeschritten war. Wir setzen in einem solchen Falle keinen Bedeutungswandel an, aber doch ist es keine 105 Frage, dass die an das Wort Schiff angeknüpften Vorstellungen andere geworden sind. Und so verhält es sich überhaupt mit den Bezeichnungen von Geräten, Kleidungsstücken, Gebäuden etc. Man vgl. ferner die Bezeichnungen von Ämtern wie aedilis, quaestor, Herzog, Graf, Bischof; oder von Instituten wie Lyceum, Akademie. Und vollends in beständiger Umwandlung begriffen ist der Bedeutungsinhalt, wo es sich um ethische, ästhetische, religiöse, philosophische Vorstellungen handelt.


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