Paul, Hermann
Prinzipien der Sprachgeschichte.
Paul, Hermann

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373 Einundzwanzigstes Kapitel.

Sprache und Schrift.

§ 262. Über die Abweichungen der sprachlichen Zustände in der Vergangenheit von denen in der Gegenwart haben wir keinerlei Kunde, die uns nicht durch das Medium der Schrift zugekommen wäre. Es ist wichtig für jeden Sprachforscher niemals aus den Augen zu verlieren, dass das Geschriebene nicht die Sprache selbst ist, dass die in Schrift umgesetzte Sprache immer erst einer Rückumsetzung bedarf, ehe man mit ihr rechnen kann. Diese Rückumsetzung ist nur in unvollkommener Weise möglich (auch dessen muss man sich stets bewusst bleiben); soweit sie aber überhaupt möglich ist, ist sie eine Kunst, die gelernt sein will, wobei die unbefangene Beobachtung des Verhältnisses von Schrift und Aussprache, wie es gegenwärtig bei den verschiedenen Völkern besteht, grosse Dienste leistet.

Die Schrift ist aber nicht bloss wegen dieser Vermittlerrolle Objekt für den Sprachforscher, sie ist es auch als ein wichtiger Faktor in der Sprachentwickelung selbst, den wir bisher absichtlich nicht berücksichtigt haben. Umfang und Grenzen ihrer Wirksamkeit zu bestimmen ist eine Aufgabe, die uns noch übrig bleibt.

Die Vorteile, welche die geschriebene vor der gesprochenen Rede in Bezug auf Wirkungsfähigkeit voraus hat, liegen auf der Hand. Durch sie kann der enge Kreis, auf den sonst der Einfluss des Individuums beschränkt ist, bis zur Weite der ganzen Sprachgenossenschaft anwachsen, durch sie kann er sich über die lebende Generation hinaus, und zwar unmittelbar auf alle nachfolgenden verbreiten. Es ist kein Wunder, dass diese in die Augen stechenden Vorzüge gewöhnlich bei weitem überschätzt werden, auch in der Sprachwissenschaft überschätzt sind, weil es etwas mehr Nachdenken erfordert sich auch diejenigen Punkte klar zu machen, in denen die Schrift hinter der lebendigen Rede zurückbleibt.

§ 263. Man unterscheidet gewöhnlich zwischen Sprachen, deren Aussprache von der Schrift abweicht, und solchen, in denen man schreibt, 374 wie man spricht. Wer das letztere anders als in einem sehr relativen Sinne nimmt, der befindet sich in einem folgenschweren Irrtum. Die Schrift ist nicht nur nicht die Sprache selbst, sondern sie ist derselben auch in keiner Weise adäquat. Es handelt sich für die richtige Auffassung des Verhältnisses nicht um diese oder jene einzelne Diskrepanz, sondern um eine Grundverschiedenheit. Wir haben oben § 34 gesehen, wie wichtig für die Beurteilung der lautlichen Seite der Sprache die Kontinuität in der Reihe der hintereinander gesprochenen wie in der Reihe der bildbaren Laute ist. Ein Alphabet dagegen, mag es auch noch so vollkommen sein, ist nach beiden Seiten hin diskontinuierlich. Sprache und Schrift verhalten sich zueinander wie Linie und Zahl. So viele Zeichen man auch anwenden mag und so genau man die entsprechenden Artikulationen der Sprechorgane definieren mag, immer bleibt ein jedes nicht Zeichen für eine einzige, sondern für eine Reihe unendlich vieler Artikulationsweisen. Und wenn auch der Weg für den Übergang von einer bezeichneten Artikulation zur andern bis zu einem gewissen Grade ein notwendiger ist, so bleibt doch die Freiheit zu mancherlei Variationen. Und dann erst Quantität und Akzent.

§ 264. Die wirklich üblichen Alphabete bleiben nun auch hinter dem Erreichbaren weit zurück. Zweck eines nicht der wissenschaftlichen Phonologie, sondern nur dem gewöhnlichen praktischen Bedürfnisse dienenden Alphabetes kann niemals sein die Laute einer Sprache von denen einer andern, ja auch nur die eines Dialektes von denen eines andern unterscheidbar zu machen, sondern nur die innerhalb eines ganz bestimmten Dialektes vorkommenden Differenzen zu unterscheiden, und dieses braucht auch nur so weit zu geschehen, als die betreffenden Differenzen von funktionellem Wert sind. Weiter gehen daher auch die meisten Alphabete nicht. Es ist nicht nötig, die durch die Stellung in der Silbe, im Worte, im Satze, durch Quantität und Akzent bedingten Unterschiede zu bezeichnen, sobald nur die bedingenden Momente in dem betreffenden Dialekte immer die gleiche Folge haben. Wenn z. B. im Nhd. der harte s-Laut in Lust, Brust etc. durch das gleiche Zeichen wiedergegeben wird wie sonst der weiche s-Laut, dagegen in reißen, fließen durch ß (ss), so beruht das allerdings auf einer historischen Tradition (mhd. lust - rîzen); es ist aber doch sehr fraglich, ob die Schreibung ß sich bewahrt haben würde, wenn nicht im Silbenanlaut das Bedürfnis vorhanden gewesen wäre zwischen dem harten und dem weichen Laute zu scheiden (vgl. reißen - reisen, fließen - Fliesen), während in der Verbindung st das s stets hart ist, auch in Formen aus Wörtern, die sonst weiches s haben (er reist in der Aussprache nicht geschieden von er reißt). Dass die Entstehung aus mhd. z nicht das allein massgebende gewesen ist, wird durch die 375 Schreibung im Auslaut bestätigt. Auch hier ist kein Unterschied der Aussprache zwischen dem aus mhd. s und dem aus mhd. z entstandenen s; das s in Haß, heiß wird gesprochen wie das in Glas, Eis. Man schreibt nun ß im Auslaut (für mhd. z) nur da, wo etymologisch eng verwandte Formen mit inlautenden harten s daneben stehen, also heiß - heißer etc., dagegen das,Die Ausnahmen bei der Konjunktion daß erklärt sich aus dem Differenzierungsbedürfnis der Grammatiker. es, alles, aus, auch blos als Adv. und bischen = ein wenig. Man schreibt auch nicht etwa Kreiß - Kreises = mhd. kreiz - kreizes u. dergl. Aus alledem ist klar, dass die Scheidung der Schreibweise nur von solchen Fällen ausgegangen ist, in denen eine mehrfache Aussprache in dem gleichen Dialekt möglich war. So ist auch bei der schriftlichen Fixierung der meisten Sprachen nicht das Bedürfnis empfunden ein besonderes Zeichen für den gutturalen und palatalen Nasal zu verwenden, sondern man hat dafür dasselbe Zeichen wie für den dentalen angewendet, während der labiale sein besonderes hat. Ursache war, dass der gutturale und palatale Nasal immer nur vor andern Gutturalen und Palatalen vorkam, also in den Verbindungen nk, ng etc., und in dieser Stellung ausnahmslos galt, während der labiale und der dentale auch im Auslaut und im Anund Inlaut vor Vokalen üblich waren, daher voneinander unterschieden werden mussten. Es ist ferner nicht nötig im Nhd. zwischen dem gutturalen und dem palatalen ch zu unterscheiden. Denn die Aussprache ist durch den vorhergehenden Vokal zweifellos bestimmt und wechselt danach innerhalb desselben Stammes: Fach - Fächer, Loch - Löcher, Buch - Bücher, sprach, gesprochen - sprechen, spricht. Gäbe es dagegen ein palatales ch auch nach a, o, u, ein gutturales auch nach e, i, ä, ö, ü, so würde allerdings das Bedürfnis nach Unterscheidung vorhanden und vielleicht auch befriedigt sein. Noch weniger ist es notwendig solche Unterschiede zu bezeichnen, wie sie mit Notwendigkeit durch die Stellung im Silbenauslaut oder Anlaut bedingt sind, z. B. bei den Verschlusslauten, ob die Bildung oder die Lösung des Verschlusses hörbar ist. Überall schreibt man kk, tt, pp, während man doch nicht zweimal die gleiche Bewegung ausführt, sondern die zweite die Umkehr der ersten ist. Nirgends haben auch die vielfachen Ersparungen in der Bewegung bei dem Übergange von einem Laute zum andern einen schriftlichen Ausdruck gefunden, vgl. darüber Sievers, Grundzüge der Phonetik[4] § 378ff. ([5] § 404ff.).

§ 265. Allerdings gibt es auch einige Alphabete, z. B. das des Sanskrit, die über das Mass dessen, was das unmittelbare praktische Bedürfnis erheischt, hinausgehen und strengeren Ansprüchen der Lautphysiologie Genüge leisten, indem sie auch in solchen Fällen ähnliche, 376 aber doch nicht gleiche Laute auseinander halten, wo die Unterscheidung für den der Sprache Mächtigen, auch ohne Rücksicht auf Sinn und Zusammenhang sich von selbst versteht. Viel häufiger aber sind solche Alphabete, die auch hinter der bezeichneten billigen Anforderung noch zurück bleiben. Die erste Ursache solcher Mangelhaftigkeit ist die, dass fast sämtliche Völker nicht sich selbständig ihr Alphabet den Bedürfnissen ihrer Sprache gemäss erschaffen, sondern das Alphabet einer fremden Sprache der ihrigen, so gut es gehen wollte, angepasst haben. Dazu kommt dann, dass in der weiteren Entwickelung der Sprache neue Differenzen entstehen können, die bei der Einführung des Alphabetes nicht vorgesehen werden konnten. Dieselben Gründe können übrigens auch einen unnützen Überfluss erzeugen. Beides, Überfluss und Mangel, sind häufig nebeneinander. Als Exempel kann das Neuhochdeutsche dienen. Mehrfache Zeichen für den gleichen Laut sind c-k-ch-q, c-z, f-v, v-w, s-ß, ä-e, ai-ei, äu-eu, i-y. Ein Zeichen, welches verschiedene Laute bezeichnen kann, ohne dass dieselben durch die Stellung ohne weiteres feststehen, ist e, welches sowohl = französisch é als = französisch è sein kann. In dem Verhältnis von ä und e zeigen sich also Luxus und Mangel vereinigt. Ähnlich ist es mit v (allerdings nur in Fremdwörtern) in seinem Verhältnis zu f und w. Auch ch kann in Fremdwörtern verschiedene Geltung haben (Chor - charmant). Zur Bezeichnung der Vokallänge sind mehrere Mittel in Anwendung, Doppelschreibung, h und e (nach i) und doch bleibt sie in so vielen Fällen unbezeichnet. Diese Übelstände sind zum Teil so alt wie die Aufzeichnung deutscher Sprachdenkmale und machten sich früher in noch störenderer Weise geltend. Andere, die früher vorhanden waren, sind allmählich geschwunden. So war es gleichfalls eine Vereinigung von Luxus und Mangel, wenn u und v, i und j jedes sowohl zur Bezeichnung des Vokales als des Reibelautes verwendet wurden und nach rein graphischen Traditionen miteinander wechselten. In mittelhochdeutschen Handschriften sind o - ö, u (û) - ü (iu) - uo - üe meist nicht voneinander geschieden. Und so könnte man noch weiter in der Aufzählung von Unvollkommenheiten fortfahren, an denen die deutsche Orthographie in den verschiedenen Perioden ihrer Entwickelung gelitten hat.

§ 266. Nimmt man nun hinzu, dass die Akzentuation entweder gar nicht oder nur sehr unvollkommen bezeichnet zu werden pflegt, so ist es wohl klar, dass auch diejenigen unter den üblichen schriftlichen Fixierungen, in denen das phonetische Prinzip nicht durch die Rücksicht auf die Etymologie und den Lautstand einer älteren Periode beeinträchtigt ist, ein höchst unvollkommenes Bild von der lebendigen Rede geben. Die Schrift verhält sich zur Sprache etwa wie eine 377 Skizze zu einem mit der grössten Sorgfalt in Farben ausgeführten Gemälde. Die Skizze genügt, um demjenigen, welchem sich das Gemälde fest in der Erinnerung eingeprägt hat, keinen Zweifel darüber zu lassen, dass sie dieses vorstellen soll, auch um ihn in den Stand zu setzen die einzelnen Figuren in beiden zu identifizieren. Dagegen wird derjenige, der nur eine verworrene Erinnerung von dem Gemälde hat, diese an der Skizze höchstens in Bezug auf einige Hauptpunkte berichtigen und ergänzen können. Und wer das Gemälde niemals gesehen hat, der ist selbstverständlich nicht imstande, Detailzeichnung, Farbengebung und Schattierung richtig hinzuzudenken. Würden mehrere Maler zugleich versuchen nach der Skizze ein ausgeführtes Gemälde herzustellen, so würden ihre Erzeugnisse stark voneinander abweichen. Man denke sich nun, dass auf dem Originalgemälde Tiere, Pflanzen, Geräte etc. vorkämen, welche sie niemals in ihrem Leben in der Natur oder in getreuen Abbildungen gesehen haben, die aber eine gewisse Ähnlichkeit mit andern ihnen bekannten Gegenständen haben, würden sie nicht nach der Skizze auf ihrem eigenen Gemälde diese ihnen bekannten Gegenstände unterschieben? So ergeht es notwendigerweise demjenigen, der eine fremde Sprache oder einen fremden Dialekt nur in schriftlicher Aufzeichnung kennen lernt und danach zu reproduzieren versucht. Was kann er anders tun, als für jeden Buchstaben und jede Buchstabenverbindung den Laut und die Lautverbindung einsetzen, die er in seinem eigenen Dialekt damit zu verbinden gewohnt ist, und nach den Prinzipien desselben auch Qualität und Akzent zu regeln, soweit nicht Abweichungen ausdrücklich durch ihm verständliche Zeichen hervorgehoben sind? Darüber ist man ja auch allgemein einverstanden, dass bei der Erlernung fremder Sprachen, auch wenn sie sich der gleichen Buchstaben bedienen, mindestens eine detaillierte Beschreibung des Lautwertes erforderlich ist, und dass auch diese, zumal wenn sie nicht auf lautphysiologischer Basis gegeben wird, nicht das Vorsprechen ersetzen kann. Selbstverständlich aber ist das gleiche Bedürfnis vorhanden, wenn uns eine richtige Vorstellung von den Lauten des Dialektes beigebracht werden soll, der mit dem unsrigen zu derselben grösseren Gruppe gehört. Es kommt darauf an die daraus sich ergebenden Konsequenzen nicht zu übersehen.

§ 267. Auf einem jeden in viele Dialekte gespaltenen Sprachgebiete existieren in der Regel eine grosse Anzahl verschiedener Lautnuancen, jedenfalls, auch wenn man nur das deutlich Unterscheidbare berücksichtigt und alle schwer merklichen Feinheiten bei Seite lässt, sehr viel mehr, als das gemeinsame Alphabet, dessen man sich bedient, Buchstaben enthält. In jedem einzelnen Dialekte aber existiert immer nur ein bestimmter Bruchteil dieser Nuancen, indem die nächstverwandten 378 sich vielfach ausschliessen, so dass sich ihre Zahl, wenn man diejenigen nur für eine rechnet, die zu scheiden das praktische Bedürfnis nicht erfordert, ungefähr mit der Zahl der zur Verfügung stehenden Buchstaben decken mag. Wenn unter so bewandten Umständen an verschiedenen Punkten Aufzeichnungen in der heimischen Mundart gemacht werden, so ist gar kein anderes Verfahren denkbar, als dass jeder Buchstabe eben für diejenige Spezies einer grösseren Gattung von Lauten verwendet wird, die gerade in der betreffenden Mundart vorkommt, also hier für diese, dort für jene. Dabei kommt es auch vor, dass, wenn zwei nahe verwandte Spezies in einem Dialekte neben einander vorkommen, ein Zeichen für beide ausreichen muss, während umgekehrt von zwei für die übrigen Dialekte unentbehrlichen Zeichen für den einen oder andern das eine entbehrlich sein kann. Wir brauchen uns nur einige der wichtigsten derartigen Fälle anzusehen, wie sie auf dem deutschen Sprachgebiete vorkommen, wobei es sich nicht bloss um die eigentliche Mundart, sondern auch um die Sprache des grössten Teiles der Gebildeten handelt. Der Unterschied zwischen harten und weichen Geräuschlauten besteht in Oberdeutschland so gut wie in Niederdeutschland. Aber während er dort auf der grösseren oder geringeren Energie der Exspiration beruht, kommt hierAuf genauere Grenzbestimmungen, die zu geben mir unmöglich ist, kommt es natürlich hier und im Folgenden nicht an. Die Tatsache ist zuerst festgestellt von Winteler, Grammatik der Kerenzer Mundart, S. 20ff. noch ein weiteres Charakteristikum hinzu, das Fehlen oder Vorhandensein des Stimmtons. Das Obersächsische und Thüringische aber kennen weder eine Unterscheidung durch den Stimmton, noch durch die Energie der Exspiration. Demnach bezeichnet also z. B. b für den Oberdeutschen einen andern Laut (tonlose Lenis) als für den Niederdeutschen (tönende Lenis) und wieder einen andern für den Obersachsen (tonlose Fortis). Auch k, t, p bezeichnen in gewissen Stellungen für den Obersachsen und Thüringer einen andern Laut (hauchlose Fortis) als für die Masse der übrigen Deutschen (Aspirata).Vgl. Kräuter, Ztschr. f. vgl. Sprachforschung 21, 30ff. Das w spricht der Niederdeutsche als labio-dentalen, der Mitteldeutsche als labio-labialen Geräuschlaut, der Alemanne als konsonantischen Vokal. Das s im Wortanlaut vor t und p wird in einem grossen Teile Niederdeutschlands als hartes s, im übrigen Deutschland wie sonst sch gesprochen. Das r ist in einem Teile lingualer, in dem andern uvularer Laut, und noch mannigfache sonstige Variationen kommen vor. Das g wird in einem Teile Niederund Mitteldeutschlands, auch in einigen oberdeutschen Gegenden als gutturaler oder palataler Reibelaut gesprochen, entweder durchweg oder nur im Inlaut. Von jeher ist g in den germanischen Dialekten sowohl 379 Zeichen für den Verschlusslaut als für den Reibelaut gewesen. Den Unterschied in der Aussprache des ch nach der Natur des vorhergehenden Vokales kennt das Hochalemannische nicht. Dagegen macht es einen Unterschied zwischen f = nd. p und f = nd. f; den andere Gegenden nicht kennen.

Wo die Gleichheit des Zeichens bei Abweichung der Aussprache zusammentrifft mit etymologischer Gleichheit, da ist in der Schrift ein dialektischer Unterschied verdeckt. Da dies sehr häufig der Fall ist, zumal wenn man auch die vielen im einzelnen weniger auffallenden, aber doch im Ganzen sich bemerkbar machenden Abweichungen mit in Betracht zieht, da ferner meist die Quantität, da vor allem die Modulationen der Tonhöhe und der Exspirationsenergie unbezeichnet bleiben, so muss man zugestehen, dass es ein erheblicher Teil der dialektischen Differenzen ist, der in der Schrift nicht zur Geltung kommt. Gerade das macht die Schrift als Verständigungsmittel für den grossen Verkehr noch besonders brauchbar. Aber es macht sie gleichzeitig ungeeignet zur Beeinflussung der Aussprache, und es ist eine ganz irrige Meinung, dass man mit dem geschriebenen Worte in derselben Weise in die Ferne wirken könne wie mit dem gesprochenen in die Nähe.

Wie kann einer z. B. wissen, wenn er das Zeichen g geschrieben sieht, welche unter den mindestens sieben in Deutschland vorkommenden deutlich unterscheidbaren und zum Teil stark voneinander differierenden Aussprachen die des Aufzeichners gewesen ist? Wie kann er überhaupt aus der blossen Schreibung wissen, dass so vielerlei Aussprachen existieren? Was kann er anders tun, als die in seiner Heimat übliche Aussprache dafür einsetzen?

Nur die gröbsten Abweichungen von der eigenen Mundart kann man aus der Schrift ersehen, aber auch ohne dass man über die spezielle Beschaffenheit der abweichenden Laute etwas Sicheres erfährt. Soweit man die Abweichungen erkennt, ist man natürlich auch im Stande sie nachzuahmen. Das kann dann aber nur geschehen mit vollem Bewusstseins und mit voller Absichtlichkeit, indem sich das Nachahmen des fremden Dialekts als etwas Gesondertes neben die Ausübung des eigenen stellt. Es ist ein Vorgang, der sich von der Aneignung einer fremden Sprache nur dem Grade, nicht der Art nach unterscheidet, der dagegen ganz verschieden ist von jenem unbewussten Sichbeeinflussenlassen durch die Sprache seiner Verkehrsgenossen, wie es § 37ff. geschildert ist. Grundbedingung für dasselbe war eben der kleine Raum, innerhalb dessen sich die Differenzen der Einzelnen voneinander bewegen, und die unendliche Abstufungsfähigkeit der gesprochenen Laute. Innerhalb der Sphäre, in welcher diese Art der Beeinflussung 380 ihre Stelle hat, zeigt die Schrift noch gar keine Differenzen und ist deshalb unfähig zu wirken.

§ 268. Und wie mit der Wirkung in die Ferne, so ist es mit der Wirkung in die Zukunft. Es ist blosse Einbildung, wenn man meint in der Schrift eine Kontrolle für Lautveränderungen zu haben. So gut wie an verschiedenen Orten ziemlich stark voneinander verschiedene Laute mit den gleichen Buchstaben bezeichnet werden können, ebensogut und noch leichter kann das an demselben Orte zu verschiedenen Zeiten geschehen. Kein Buchstabe steht ja mit einem bestimmten Laute in einem realen Zusammenhange, der sich für sich zu erhalten im Stande wäre, sondern der Zusammenhang beruht lediglich auf der Assoziation der Vorstellungen. Man verbindet mit jedem Buchstaben die Vorstellung eines solchen Lautes, wie er gerade zur Zeit üblich ist. Der Vorgang beim natürlichen Lautwandel ist nun der, wie wir § 38 gesehen haben, dass sich an Stelle dieser Vorstellung unmerklich eine etwas abweichende unterschiebt, die nun der folgenden Generation von vornherein als mit dem Buchstaben verbunden überliefert wird. Das mit dem Buchstaben verbundene Lautbild kann daher keinen hemmenden Einfluss auf den Lautwandel ausüben, weil es selbst durch diesen verschoben wird. Und natürlich überträgt man jederzeit den eben geltenden Lautwert eines Buchstaben auch auf die Aufzeichnungen der Vergangenheit. Irgend ein Mittel den früheren Lautwert mit dem jetzigen zu vergleichen, gibt es überhaupt nicht. Dass mit Hilfe wissenschaftlicher Untersuchungen etwaige Konjekturen über die Abweichungen gemacht werden können, kommt natürlich hier nicht in Betracht. In der Regel kann sich auch die veränderte Aussprache mit unveränderter Schreibweise lange vertragen, ohne dass daraus irgend welche Unzuträglichkeiten entstehen. Jedenfalls stellen sich solche erst heraus, wenn die Veränderung eine sehr starke geworden ist. Dann aber ist eine Veränderung der Sprache nach der Schrift, wenn überhaupt, nur mit bewusster Absicht möglich, und eine derartige Veränderung würde wieder etwas der natürlichen Entwickelung durchaus Widersprechendes sein. So lange diese ungestört ihren Weg geht, bleibt nichts anderes übrig als die Unbequemlichkeiten weiter zu tragen oder die Orthographie nach der Sprache zu ändern.

§ 269. Es ist nun auch mit allen den besprochenen Mängeln der Schrift noch lange nicht der Grad gekennzeichnet, bis zu welchem das Missverhältnis zwischen Schrift und Aussprache gelangen kann. Wir haben bisher eigentlich immer nur den Zustand im Auge gehabt, der in der Periode besteht, wo die Sprache erst anfängt schriftlich fixiert zu werden, wo jeder Schreibende noch selbständig mit an der Schöpfung der Orthographie arbeitet, indem zwar ungefähr feststeht, 381 welches Zeichen für jeden einzelnen Laut zu wählen ist, aber nicht, wie das Wort als Ganzes zu schreiben ist, so dass es der Schreiber immer erst, so gut es angehen will, in seine Elemente zerlegen und die diesen Elementen entsprechenden Buchstaben zusammensetzen muss. Es ist aber keine Frage, dass bei reichlicher Übung im Schreiben und Lesen das Verfahren immer mehr ein verkürztes wird. Ursprünglich ist die Verbindung zwischen den Lautzeichen und der Bedeutung immer durch die Vorstellung von den Lauten und durch das Bewegungsgefühl vermittelt. Sind aber beide erst häufig durch diese Vermittelung an einander gebracht, so gehen sie eine direkte Verbindung ein und die Vermittelung wird entbehrlich. Auf dieser direkten Verbindung beruht ja die Möglichkeit des geläufigen Lesens und Schreibens. Man kann das leicht durch eine Gegenprobe konstatieren, indem man jemandem Aufzeichnungen in einem Dialekte vorlegt, der ihm vollständig geläufig ist, den er aber bisher immer nur gehört hat; er wird immer erst einige Mühe haben sich zurechtzufinden, zumal wenn die Aufzeichnungen sich nicht genau an das System der Schriftsprache mit allen Übelständen desselben anschliessen. Und noch viel mehr kann man ihn in Verlegenheit setzen, wenn man ihm aufgibt einen solchen Dialekt, sei es auch derjenige, den er von Kind auf gesprochen hat, selbst in der Schrift zu verwenden. Er wird eine wirkliche Lösung der Aufgabe immer dadurch umgehen, dass er sich in ungehöriger Weise von der ihm geläufigen Orthographie der Schriftsprache beeinflussen lässt. Das zeigen alle modernen Dialektdichter. Diesen Hintergrund der jetzt immer als Analogon dienenden schriftsprachlichen Orthographie müssen wir uns noch wegdenken, wenn wir uns den Unterschied klar machen wollen zwischen der Stellung, die wir jetzt der Niederschrift unserer Gemeinsprache gegenüber einnehmen, und derjenigen, welche etwa die althochdeutschen Schreiber bei Aufzeichnung ihres Dialektes einnahmen. Man wird dann auch nicht leicht vornehm auf das Ungeschick unserer Vorfahren herabsehen. Man wird vielmehr finden, zumal wenn man nicht alles durcheinander wirft, sondern den Schreibgebrauch eines jeden Einzelnen für sich untersucht, dass sie die Laute richtiger beobachten, als es heutzutage zu geschehen pflegt, und das aus einem Grunde, der von anderer Seite her betrachtet als ein Mangel den heutigen Verhältnissen gegenüber erscheint: ihnen stand noch keine festgeregelte Orthographie objektiv gegenüber, ihnen wurde daher auch nicht der unbefangene Sinn für den Laut durch den steten Hinblick auf eine solche Orthographie verwirrt. Das will aber ungefähr ebensoviel sagen als: sie konnten der Vermittlung des Lautbildes zwischen Schriftbild und Bedeutung noch nicht entbehren. 382

§ 270. Beides steht in der engsten Wechselbeziehung zueinander. Wenn jetzt die direkte Verbindung zwischen Schriftbild und Bedeutung bei allen einigermassen Gebildeten eine sehr starke ist, so ist das zu einem guten Teile der Konstanz unserer Orthographie zu danken. Man sieht das namentlich an solchen Wörtern, die in der Aussprache gleich, in der Schrift verschieden sind. Jede Abweichung in der Orthographie, mag sie auch vom phonetischen Standpunkte aus eine entschiedene Verbesserung sein, erschwert das Verständnis. Wenn das ein schlagender Beweis für die direkte Verbindung von Schrift und Aussprache ist, so muss anderseits der negative Schluss daraus gezogen werden: je weniger konstant die Schrift, je weniger ist direkte Verbindung zwischen ihr und der Bedeutung möglich. Der Mangel an Konstanz kann auf unpassender Beschaffenheit des zu Gebote stehenden Materials oder Ungeschick der Schreiber beruhen, indem etwa mehrere Zeichen in der gleichen Verwendung miteinander wechseln oder umgekehrt ein Zeichen bald in dieser, bald in jener Verwendung auftritt, oder auf dem Fehlen regelnder Autoritäten, die eine Zusammenfassung und Einigung der verschiedenen orthographischen Bestrebungen ermöglichen könnten. Er kann aber auch gerade aus lautphysiologischer Vollkommenheit und Konsequenz entspringen. Wenn z. B. die Schreibung des Stammes in den verschiedenen Formen mit dem Laute wechselt (mhd. tac - tages, neigen - neicte etc.) oder wenn gar wie im Sanskrit die Schreibung einer und derselben Form mit der Stellung im Satze wechselt, so stehen der gleichen Bedeutung eine Anzahl Variationen der Schreibung gegenüber, und in Folge davon ist es nicht möglich, dass sich ein ganz bestimmtes Schriftbild mit der ersteren verbindet. So lange die Konstanz der Schreibung fehlt, ist mit aller Übung im Lesen und Schreiben die direkte Verbindung nicht vollkommen zu machen. Zugleich aber wirkt eben die Übung darauf hin allmählich eine grössere Konstanz herbeizuführen. Jeder Fortschritt der ersteren kommt auch der letzteren zu Gute, und jeder Fortschritt in der letzteren erleichtert die erstere.

So ist denn auch der natürliche Entwickelungsgang der Schreibweise einer Sprache Fortgang zu immer grösserer Konstanz, auch auf Kosten der lautphysiologischen Genauigkeit. Freilich geht es nicht immer in dieser Richtung ganz gleichmässig vorwärts. Namentlich starke Lautveränderungen rufen oft Ablenkungen und rückläufige Bewegungen hervor. Es sind drei Mittel, mit Hilfe deren sich die Schreibung zur Konstanz durcharbeitet: Beseitigung des Schwankens zwischen mehreren verschiedenen Schreibweisen, Berücksichtigung der Etymologie, Festhalten an der Überlieferung den Lautveränderungen zum Trotz. Das erste Mittel ist auch vom phonetischen Gesichtspunkte 383 betrachtet häufig ein Fortschritt oder wenigstens kein Rückschritt, nicht selten wird aber damit über das phonetische Prinzip hinausgegriffen, die beiden andern sind direkte Durchbrechungen dieses Prinzipes. Natürlich aber bleibt daneben doch immer die Tendenz wirksam, Sprache und Schrift in grössere Übereinstimmung miteinander zu setzen, welche Tendenz teils in der Beseitigung anfänglicher Mängel, teils in der Reaktion gegen die in einem fort durch den Lautwandel sich erzeugenden neuen Übelstände sich betätigt. Indem sie in den meisten Fällen mit dem Streben nach Konstanz in Konflikt gerät, so zeigt die Geschichte der Orthographie das Schauspiel eines ewigen Kampfes zwischen diesen beiden Tendenzen, wobei der jeweilige Zustand einen Massstab für das derzeitige Kraftverhältnis der Parteien gibt.

Verfolgen wir die Bewegung ins einzelne, so zeigen sich merkwürdige Analogieen zur Entwickelung der Sprache neben beachtenswerten Verschiedenheiten. Die letzteren beruhen hauptsächlich auf folgenden Punkten: Erstens geschehen die Veränderungen in der Orthographie mit viel mehr Bewusstsein und Absichtlichkeit als die der Sprache; doch muss man sich hüten diese Absichtlichkeit zu überschätzen. Zweitens ist bei dem Kampfe um die Orthographie nicht wie bei dem um die Sprache die ganze Sprachgenossenschaft beteiligt, sondern jedenfalls nur der schreibende (resp. druckende oder drucken lassende) Teil derselben und dabei die einzelnen in sehr verschiedenem Grade und mit sehr verschiedenen Kräften; es macht sich in viel stärkerem Grade als in der Sprache das Übergewicht bestimmter Individuen geltend. Drittens, weil die Wirkungsfähigkeit nicht an die räumliche Nähe gebunden ist, so können sich auf orthographischem Gebiete ganz andere Verzweigungen der gegenseitigen Beeinflussungen herausstellen als auf sprachlichen. Viertens stehen die orthographischen Veränderungen dadurch in entschiedenem Gegensatz zum Lautwandel, dass sie nicht in feinen Abstufungen, sondern immer nur sprungweise vor sich gehen können.

§ 271. Betrachten wir zunächst die Beseitigung des Schwankens zwischen gleichwertigen Lautzeichen. Ein solches Schwanken kann auf mehrfache Weise entstehen. Entweder sind die Zeichen schon in der Sprache, der man das Alphabet entlehnt, gleichwertig verwendet worden. So verhält es sich im Ahd. mit den Doppelheiten i - j, u - v, k - c, c - z. Oder zwei Zeichen haben zwar in dieser Sprache verschiedenen Wert, es fehlt aber der Sprache, die sie entlehnt, an einem einigermassen entsprechenden Unterschiede, so dass nun beide auf einen Laut fallen. Namentlich kommen sie dann leicht beide in Gebrauch, wenn der eine Laut der eigenen Sprache zwischen den zweien der 384 fremden mitten inne liegt. So gab es im Oberdeutschen zur Zeit der Einführung des lateinischen Alphabetes in der Guttural- und Labialreihe keinen dem lateinischen zwischen tönender Media und Tenuis vollkommen entsprechenden Unterschied, im Silbenanlaut auch nicht einmal einen annähernd entsprechenden, sondern nur einen Laut, der sich von der lateinischen Media durch Mangel des Stimmtons, von der Tenuis durch schwächeren Exspirationsdruck unterschied. Daher ist ein Schwanken zwischen g und k, b und p entstanden. Auch das Schwanken zwischen f und v (u) und im Mitteldeutschen das Schwanken zwischen v und b ist auf ähnliche Weise entstanden. Ferner ergeben sich Doppelzeichen erst im Laufe der weiteren Entwickelung dadurch, dass zwei ursprünglich verschiedene Laute zusammenfallen und ihre beiderseitigen Bezeichnungen dann miteinander ausgetauscht werden. So fallen z. B. im späteren Mittelhochdeutsch hartes s und z zusammen, und man schreibt dann auch sas für saz und umgekehrt huz für hus etc., letzteres allerdings von Anfang an seltener. Endlich aber kann Spaltung durch verschiedene Entwickelung desselben Schriftzeichens eintreten, man vergleiche lat. i - j, u - v, in unserer Frakturschrift s und s. Besonders gross kann die Mannigfaltigkeit werden, wenn in einer spätern Periode auf eine ältere Entwickelungsstufe zurückgegriffen wird, wie wir es z. B. an dem Gebrauche der Majuskeln neben den Minuskeln sehen.

Der auf diese Weise entstehende Luxus wird auf analoge Weise beseitigt wie der Luxus von Wörtern und Formen. Die einfachste Art ist die, dass das eine Zeichen sich allmählich ganz aus dem Gebrauche verliert. Die andere Art besteht in der Differenzierung der anfänglich untermischt gebrauchten Zeichen. Dieselbe kann sich innerhalb des phonetischen Prinzips halten, indem mit dem Luxus ein dicht daneben stehender Mangel ausgeglichen wird, z. B. wenn im Nhd. i, u und j, v allmählich als Vokal und Konsonant geschieden werden. Nicht selten wird für die Unterscheidung die Stellung des Lautes innerhalb des Wortes massgebend, ohne dass ein phonetischer Unterschied vorhanden ist, oder wenigstens ohne dass ein solcher von den Schreibenden bemerkt ist, so wenn j und v lange Zeit hindurch hauptsächlich im Wortanlaut (auch für den Vokal) gebraucht werden; wenn c im Mhd. (von den Verbindungen ch und sch abgesehen) ganz überwiegend auf den Silbenauslaut beschränkt wird (sac, tac, neicte, sackes) und dann im Nhd., weil es in den übrigen Fällen durch etymologische Schreibweise verdrängt wird, nur noch in der Gemination (ck) verwendet wird; wenn im Mhd. f vor r, l und vor u und verwandten Vokalen viel häufiger gebraucht wird als vor a, e, o. Eine dritte Weise endlich besteht darin, dass ohne phonetische oder graphische Motivierung sich 385 nach Zufall und Willkür in dem einen Worte diese, in dem andern jene Schreibweise festsetzt. Auf diese Weise regelt sich im Nhd. das Verhältnis von f - v (Fall - Vater etc.), t - th (Tuch - thun, Gut - Muth etc.)Dass die Unterscheidung von t und th, r und rh wieder aufgehoben ist, kommt für unsern Zweck nicht in Betracht., r - rh, ai - ei, ferner das Verhältnis zwischen Bezeichnung der Länge und Nichtbezeichnung und zwischen den verschiedenen Weisen der Bezeichnung (nehmen - geben, Aal - Wahl, viel - ihr etc.). Ein wesentliches Moment dabei und ein Haupthinderungsgrund, der es nicht zur Durchführung einer einheitlichen Schreibung hat kommen lassen, der sich ja auch neuerdings immer wieder einer konsequenten Reform der Orthographie in den Weg stellt, ist das Bestreben gleichlautende Wörter von verschiedener Bedeutung zu unterscheiden. Man vgl. unter andern Ferse - Verse, fiel - viel, Tau - Thau, Ton - Thon, rein - Rhein, Rede - Rhede, Laib - Leib, Main - mein, Rain - rein, los - Loos, Mal - Mahl, malen - mahlen, war - wahr, Sole - Sohle, Stil - Stiel, Aale - Ahle, Heer - hehr, Meer - mehr, Moor - Mohr. Sogar verschiedene Bedeutungen ursprünglich gleicher Wörter werden so unterschieden, vgl. das - daß, wider - wieder etc. Hierher gehört auch die Festsetzung der früher beliebig zur Hervorhebung verwendeten Majuskeln als Anfangsbuchstaben für die Substantiva. Auch hierin zeigt sich die Tendenz die Schrift zu Unterscheidungen zu benutzen, welche die Aussprache nicht kennt. Diese Weise der Differenzierung ist eines der am meisten charakteristischen Zeichen für die Verselbständigung der geschriebenen gegenüber der gesprochenen Sprache. Sie kommt auch erst da vor, wo eine wirkliche Schriftsprache sich von den Dialekten losgelöst hat, und ist das Produkt grammatischer Reflexion. Bemerkenswert aber ist, dass auch diese Reflexion nicht erst Verschiedenheiten der Schreibweise für ihre Unterscheidungen schafft, sondern nur die zufällig entstandenen Variationen für ihre Zwecke benutzt. Wo keine solche Variationen vorhanden sind, kann auch der Differenzierungstrieb nicht zur Geltung kommen, vgl. z. B. die § 149 angeführten Homonyma. Übrigens zeigt er sich auch nicht in allen denjenigen Fällen wirksam, wo man es erwarten könnte.

§ 272. Wie die unphonetische Differenzierung, so macht sich auch die Einwirkung der Etymologie am kräftigsten und konsequentesten in der Schriftsprache geltend, ist aber doch öfters auch schon in mundartlichen Aufzeichnungen nicht zu verkennen. Wir können die Verdrängung einer älteren phonetischen Schreibweise durch eine etymologische mit der Analogiebildung vergleichen, durch welche bedeutungslose Lautunterschiede ausgeglichen werden, ja wir dürfen sie 386 geradezu als eine auf die geschriebene Sprache beschränkte Analogiebildung bezeichnen, für die denn auch eben die Gesetze gelten, die wir schon kennen gelernt haben. Auch hier natürlich ist nicht das etymologische Verhältnis an sich massgebend, sondern die Gruppierungsverhältnisse auf dem dermaligen Stande der Sprache. Isolierung schützt vor der Ausgleichung, und umgekehrt bewirkt sekundäre Annäherung von Laut und Bedeutung Hinüberziehung in die Analogie.

Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus die wichtigsten Fälle, in denen das Nhd. die phonetische Schreibweise des Mhd. verlassen und Ausgleichung hat eintreten lassen. Im Mhd. wird die Media im Auslaut und vor harten Konsonanten in der SchriftAllerdings in den Handschriften nicht so regelmässig als in den kritischen Ausgaben. wie in der Aussprache Tenuis, in Nhd. nur in der Aussprache, nicht in der Schrift: mhd. tac, leit, gap, neicte = nhd. Tag, Leid, gab, neigte. Bewahrung der mittelhochdeutschen Regel haben wir in Haupt (= houbet, houpt), behaupten, weil keine verwandten Formen mit nicht synkopiertem Vokal mehr daneben stehen; in dem Eigennamen Schmitt, Schmidt; in Schultheiss, wo die Zusammensetzung mit Schuld nicht mehr empfunden wird. Im Mhd. wird Konsonantengemination im Auslaut und vor einem andern Konsonanten nicht geschrieben: man - mannes, brante - brennen. Das Nhd. schreibt die Gemination, wo etymologisch eng verbundene Formen das Muster dazu geben: Mann, brannte, männlich, Männchen, (doch schon nicht mehr in Brand, Brunst u. dergl.); jedoch im Pron. man, ferner Brantewein, Brantwein (nicht mehr als gebrannter Wein verstanden); dagegen mit jüngerer Anlehnung an Herr: herrlich, Herrschaft, herrschen = mhd. hêrlich, hêrschaft, hêrsen aus hêr = nhd. hehr. Im Mhd. hat ä (å), soweit es überhaupt verwendet wird, rein phonetische Geltung, indem es den offensten e-Laut bezeichnet. Im Nhd. hat es in der Mehrzahl der Fälle etymologische Geltung, indem es überall eingeführt ist, wo man sich der Beziehung zu einer nichtumgelauteten Form aus der gleichen Wurzel noch deutlich bewusst ist, also Vater - Väter, Väterchen, väterlich, Kraft - Kräfte, kräftig, Glas - Gläser, gläsern, kalt - kälter, Kälte, Land - Gelände, arg - Ärger, ärgern, fahre - fährst, ebenso im Diphthongen: Baum - Bäume, Haut - Häute, häuten, Bärenhäuter (mhd. hût - hiute); dagegen Erbe, Ente, (mhd. ant, Gen. ente), enge, Engel, besser, regen (Verb.), wiewohl auch mit offenem e gesprochen, Eule etc., weil hier unumgelautete verwandte Formen fehlen. Beachtenswert ist die Verschiedenheit von liegen - legen, winden - wenden und hangen - hängen, fallen - fällen; bei den ersteren findet sich zwar auch a im Prät. (lag, wand), aber es wird nur Präs. zu Präs. in Beziehung gesetzt. Wo der Gruppenverband 387 gelöst oder wenigstens stark gelockert ist, bleibt e, vgl. Vetter zu Vater, gerben zu gar, Scherge zu Schar, hegen, Gehege, Hecke zu Hag, Heu zu hauen, fertig zu Fahrt (dagegen hoffärtig), Eltern gegen älteren, behende gegen Hände, Strecke zu stracks. Die Ausgleichung tritt ferner nicht ein, wo die umgelautete Form als das Primäre erscheint, vgl. brennen - brannte, nennen - nannte etc. Es lässt sich auch die Beobachtung machen, dass der Hinzutritt einer weiteren lautlichen Verschiedenheit hemmend wirkt, daher Hahn - Henne, nass - netzen, henken, Henker gegen hangen. Anderseits wird das e in einigen Fällen auch da, wo es gar nicht durch Umlaut entstanden, sondern = urgerm. e (ë) ist, doch als solcher aufgefasst, wenn gerade ein Wort mit a daneben steht, wovon das mit e abgeleitet scheinen kann; vgl. rächen (mhd. rëchen) auf Rache (mhd. râche), schämen (mhd. schëmen) auf Scham, wägen, erwägen (durch Vermischung von mhd. wëgen mit wegen entstanden) auf Wage bezogen (dagegen bewegen).

Auch bei der oben besprochenen Regelung von Schwankungen spielt das etymologische Verhältnis eine wesentliche Rolle. Man schreibt natürlich fahren - Fahrt - Gefährte - Furt etc. mit durchgängigem f. Wo h als Dehnungszeichen gebraucht wird, wird es in der Regel in allen verwandten Formen bei wechselndem Vokalismus durchgeführt, vgl. nehmen - nahm - genehm - Übernahme, Befehle - befiehlt - befahl - befohlen - Befehl etc. Als Beispiele für Isolierung mögen dienen zwar (= mhd. zewâre) gegen wahr, Drittel, Viertel etc. gegen Theil, vertheidigen (aus tagedingen) gegen tag.

Diese Ausgleichung ist aber in der Regel in bestimmte Grenzen eingeschlossen, indem sie nur da eintritt, wo die Aussprache dadurch nicht zweifelhaft werden kann. Man kann im Nhd. ohne Schaden lebte mit b schreiben, weil die Sprache im Silbenauslaut überhaupt keine Unterscheidung zwischen b und p kennt. Aber man darf z. B. ein Längezeichen nur soweit durch die verwandten Formen durchführen, als der Vokal wirklich lang ist (also genommen zu nehmen, Furt zu fahren), und die Gemination nur so lange, als der vorhergehende Vokal kurz ist (also kam zu kommen, fiel zu fallen).

Übrigens wirkt die Analogie (und darin besteht ein Unterschied von den Verhältnissen der gesprochenen Sprache) auch schützend gegen Veränderungen der älteren Schreibweise. Das lässt sich besonders an der französischen Orthographie beobachten. Wenn die im Auslaut verstummten Konsonanten in der Schreibung bewahrt werden, so ist die Ursache die, dass meistens verwandte Formen daneben stehen, in denen man sie noch spricht, und dass sie auch in derselben Form gesprochen werden, wenn ein mit Vokal anlautendes Wort sich eng anschliesst. Würde man z. B. fai, lai, gri, il avai, tu a schreiben, so 388 würde ein klaffender Gegensatz zu faite, laide, grise, avait-il, tu as été eintreten, wie er allerdings in il a - a-t-il nicht vermieden ist. So würde auch die Gleichmässigkeit der Schreibung gestört werden, wenn man für den nasalierten Vokal ein besonderes Zeichen einführen wollte; man müsste dann z. B. in cousin und cousine, un und une, ingrat und inégal verschiedene Zeichen anwenden. Dass die Analogie der verwandten Formen massgebend gewesen ist, sehen wir aus einer Anzahl von isolierten Formen wie plutôt, toujours, hormis, faufiler, plafond (dagegen plat-bord), verglas (zu vert), morbleu, morfil, Granville, Gérarcourt, Aubervilliers, fainéant, vaurien, Omont (zu haut).

§ 273. Wenn die Schrift nicht mit der lautlichen Entwickelung der Sprache gleichen Schritt halten kann, so ist leicht zu sehen, dass die Ursache in nichts anderem besteht, als in dem Mangel an Kontinuität. In den Lautverhältnissen ist es ja wie wir gesehen haben, Kontinuität allein, welche die Vereinigung von steter Bewegung mit einem festen Usus ermöglicht. Ein gleich fester Usus in der Schrift ist gleichbedeutend mit Unveränderlichkeit derselben, und diese mit einem stetigen Wachstum der Diskrepanz zwischen Schrift und Aussprache. Je schwankender dagegen die Orthographie ist, je entwickelungsfähiger ist sie, oder umgekehrt, je mehr sie noch der Entwickelung der Sprache nachzufolgen sucht, um so schwankender ist sie.

Wir müssen aber ausserdem einige Gesichtspunkte hervorheben, unter denen das Festhalten an der alten Schreibung bei veränderter Aussprache noch begreiflicher wird. Bei der Beurteilung des Verhältnisses von Schrift und Laut in einer Sprache mischt sich oft ganz ungehöriger Weise der Standpunkt einer andern Sprache ein, während die Orthographie einer jeden Sprache aus ihren eigenen Verhältnissen heraus beurteilt sein will. So lange immer einem bestimmten Schriftzeichen ein bestimmter Laut entspricht, kann von einer Diskrepanz zwischen Schrift und Aussprache keine Rede sein. Ob das in der einen Sprache dieser, in der andern jener Laut ist, tut nichts zur Sache. Wenn daher ein Laut sich gleichmässig in allen Stellungen verändert und dabei nicht mit einem andern schon sonst vorhandenen Laute zusammenfällt, so braucht keine Veränderung der Orthographie einzutreten, und die Übereinstimmung zwischen Schrift und Aussprache bleibt doch gewahrt. Aber selbst wenn die Veränderung keine gleichmässige ist, sondern Spaltung eintritt, wenn dann nur wieder keiner unter den verschiedenen Lauten mit einem schon vorhandenen zusammenfällt, so bleibt in der Regel nichts übrig als die alte Orthographie beizubehalten; denn man würde, um die Laute zu unterscheiden, mindestens eines Zeichens mehr bedürfen, als zu Gebote stehen, und das lässt sich nicht willkürlich erschaffen. Nur da ist zu helfen, wo früher ein Luxus 389 vorhanden war, der sich jetzt zweckmässig ausnützen lässt. Um einigermassen das phonetische Prinzip aufrechtzuerhalten, bedürfte es von Zeit zu Zeit gewaltsamer Erneuerungen, die sich mit der Erhaltung der Einheit in der Orthographie schlecht vertragen.

Dazu kommt nun, dass die eben besprochene Wirkung der Analogie für die Konservierung der Formen schwer ins Gewicht fällt. Und endlich ist noch in Betracht zu ziehen, dass durch die Einführung phonetischer Schreibung manche Unterscheidungen gänzlich vernichtet werden würden, die jetzt noch in der geschriebenen Sprache vorhanden sind. So würde im Französischen in den meisten Fällen der Pl. nicht mehr vom Sg. verschieden sein, in manchen auch das Fem. nicht mehr vom Masc. (clair - claire etc.) In denjenigen Fällen aber, wo noch Verschiedenheiten blieben, würde die jetzt noch in der Schreibung überwiegend bestehende Gleichmässigkeit der Bildungsweise vernichtet sein.


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