Paul, Hermann
Prinzipien der Sprachgeschichte.
Paul, Hermann

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263 Fünfzehntes Kapitel.

Psychologische und grammatische Kategorie.

§ 180. Jede grammatische Kategorie erzeugt sich auf Grundlage einer psychologischen. Die erstere ist ursprünglich nichts als das Eintreten der letzteren in die äussere Erscheinung. Sobald die Wirksamkeit der psychologischen Kategorie in den sprachlichen Ausdrucksmitteln erkennbar wird, wird sie zur grammatischen. Die Schöpfung der grammatischen Kategorie hebt aber die Wirksamkeit der psychologischen nicht auf. Diese ist von der Sprache unabhängig. Wie sie vor jener da ist, wirkt sie auch nach deren Entstehen fort. Dadurch kann die anfänglich zwischen beiden bestehende Harmonie im Laufe der Zeit gestört werden. Die grammatische Kategorie ist gewissermassen eine Erstarrung der psychologischen. Sie bindet sich an eine feste Tradition. Die psychologische dagegen bleibt immer etwas Freies, lebendig Wirkendes, das sich nach individueller Auffassung mannigfach und wechselnd gestalten kann. Dazu kommt, dass der Bedeutungswandel vielfach darauf wirkt, dass die grammatische Kategorie der psychologischen nicht adäquat bleibt. Indem dann wieder eine Tendenz zur Ausgleichung sich geltend macht, vollzieht sich eine Verschiebung der grammatischen Kategorie, wobei auch eigentümliche Zwitterverhältnisse entstehen können, die keine einfache Einordnung in die bis dahin vorhandenen Kategorieen zulassen. Die Betrachtung dieser Vorgänge, die wir genauer beobachten können, gibt uns zugleich Belehrung über die ursprüngliche Entstehung der grammatischen Kategorieen, die sich unserer Beobachtung entzieht. Wir wenden uns demnach dazu einige der wichtigsten grammatischen Kategorieen von den angedeuteten Gesichtspunkten aus zu betrachten.

Geschlecht.Vgl. zu diesem Abschnitt besonders Jellinek IF 19, 295ff. (über Theorieen der älteren Grammatiker). Grimm Gr. III, 311-563 u. Kl. Schr. III, 349ff. Reisig, Vorlesungen über lateinische Sprachw. § 94-102. Diez III, 92-8. Meyer-Lübke, Rom. Gramm. II § 19, III § 40-46. Miklosich IV, 17-37. Schroeder S. 89. Brugmann, Z. f. Spr. 24, 34ff. u. IF 21, 315. Delbrück SF IV, 4-13 u. Syntax, Kap. I. W. Meyer, Die Schicksale des lateinischen Neutrums im Romanischen, Halle 1883. Lange, De substantivis Graecis feminini generis secundae declinationis capita tria, Lipsiae 1885 (Diss.). Armbruster, Geschlechtswandel im Französischen, Karlsruhe 1888. Michels, Zum Wechsel des Nominalgeschlechts im Deutschen I (Leipz. Diss.), Strassburg 1889. Blumer, Zum Geschlechtswechsel der Lehn- und Fremdwörter im Hochdeutschen, Progr. Oberrealschule Leitmeritz 1890-91. Polzien, Geschlechtswandel der Substantiva im Deutschen, Hildesheim 1903. Ch. B. Wilson, The Grammatical Gender of English Words in German (Americana Germanica 1899). Wilmanns, Deutsche Grammatik 3 § 341-342. Paul, Deutsche Grammatik III, § 38-40, § 54-75. Die Frage nach dem Ursprung des grammatischen Geschlechtes ist lebhaft diskutiert, vgl. Brugmann in Techmers Zschr. IV, 101. Roethe im Vorwort des 3. Bandes d. Grimm'schen Grammatik. Brugmann, Beitr. z. Gesch. d. deutschen Sprache u. Lit. 15, 523. Roethe, Anzeiger f. deutsches Altertum 17, 181. Michels, Germania 36, 121. Henning, Zschr. f. vgl. Sprachf. 33, 402. Jacobi, Kompositum und Nebensatz, S. 115ff. Wheeler, The origin of grammatical gender (Journal of Germ. Philol. 2, 528).

§ 181. Die Basis für die Entstehung des grammatischen Geschlechtes bildet der natürliche Geschlechtsunterschied der menschlichen 264 und tierischen Wesen. Wenn ausserdem noch anderen Wesen, auch Eigenschafts- und Tätigkeitsbezeichnungen ein männliches oder weibliches Geschlecht beigelegt wird, so ist das eine Wirkung der Phantasie, welche diese Wesen nach Analogie der menschlichen Persönlichkeit auffasst. Aber weder das natürliche Geschlecht noch das der Phantasie ist an und für sich etwas Grammatisches. Der Sprechende konnte sich etwas als männliche oder weibliche Persönlichkeit denken, ohne dass im sprachlichen Ausdruck das Geringste davon zu spüren war. Das sprachliche Mittel, woran wir jetzt das grammatische Geschlecht eines Substantivums erkennen, ist die Kongruenz, in welcher mit demselben einerseits Attribut und Prädikat, anderseits ein stellvertretendes Pronomen steht. Die Entstehung des grammatischen Geschlechtes steht daber im engsten Zusammenhange mit der Entstehung eines wandelbaren Adjektivums und Pronomens. Die geschlechtliche Wandelbarkeit des Adjektivms setzt voraus, dass sich der Geschlechtsunterschied an einen bestimmten Stammausgang geknüpft hat. Diese Erscheinung liesse sich daraus erklären, dass der betreffende Stammausgang ursprünglich ein selbständiges Wort gewesen wäre, etwa ein Pron., welchem schon während seiner Selbständigkeit die Beziehung auf ein männliches oder weibliches Wesen zukam. Notwendig aber ist diese Annahme nicht. Es liesse sich auch denken, dass rein zufällig sich bei diesem Stammausgange eine überwiegende Majorität für das männliche, bei jenem eine solche für das weibliche herausgestellt hätte. Der Geschlechtsunterschied beim Pron. kann sich ebenso wie beim Adj. am Stammausgange zeigen, er kann aber auch durch besondere Wurzeln ausgedrückt werden. Am stellvertretenden Pron. 265 hat sich wahrscheinlich das grammatische Geschlecht am frühesten entwickelt, gerade so wie es sich an demselben da, wo es teilweise untergegangen ist, also z. B. im Engl., am längsten erhält.

§ 182. Bei der ersten Entstehung des grammatischen Geschlechtes wird dasselbe durchgängig mit dem natürlichen in Übereinstimmung gewesen sein. Allmählich konnten Abweichungen davon entstehen, namentlich durch den Wandel der Wortbedeutung, auch durch bloss okkasionelle Modifikation der Bedeutung. In Folge davon macht sich das natürliche Geschlecht wieder vollständig geltend, zunächst dadurch, dass es eine Durchbrechung der grammatischen Kongruenz veranlasst; vgl. Fälle wie eines Frauenzimmers, die sich am artigsten gegen mich erwiesen hatte (Goe.); die hässlichste meiner Kammermädchen (Wieland); lat. duo importuna prodigia, quos egestas addixerat (Cic.); capita conjurationis virgis caesi ac securi percussi (Liv.); septem milia hominum in naves impositos (Liv.); griech. ô^ phíltat', ô^ perissà timêtheìs téknon (Eur.); phíltat' Aigísthou bía (Aesch.). Von hier aus gelangt man dann zu einem vollständigen Geschlechtswechsel. So werden im Griech. männliche Personen- und Tierbezeichnungen ohne weiteres auch zu Femininen gemacht, indem sie auf weibliche Wesen übertragen werden. Es stehen z. B. nebeneinander ho - hê ángelos, didáskalos, iatrós, túrannos, élaphos, hípposVgl. Lange a. a. O. S. 27ff. u. a. Umgekehrt hat man in christlicher Zeit ein ho parthénosVgl. Lange S. 28. gemacht. Die ursprünglich neutralen Deminutiva erhalten leicht männliches oder weibliches Geschlecht, wenn die Deminutivbedeutung verdunkelt wird. So ist die Fräulein häufig mundartlich, auch bei älteren Schriftstellern. Wenn Kollektiva oder Eigenschaftsbezeichnungen zu Personenbezeichnungen werden, kann ein Geschlechtswechsel die Folge sein. Dem it. la guida entspricht franz. le guide (ursprünglich Führung); franz. le garde der Wächter ist ursprünglich identisch mit la garde die Wache; vgl. ferner im Span. el cura der Pfarrer, el justicia der Richter; altbulgarisch junota Jugend, als Masc. Jüngling, starosta Alter, als Masc. Dorfältester; russ. golova Fem. Haupt, Masc. Anführer. Hundsfott und Range (eigentlich »Mutterschwein«) sind als Schimpfworte für männliche Personen Masculina geworden. Besonders häufig werden weibliche Beinamen zu männlichen Personennamen vgl. lat. Alauda, Capella, Stella; it. Colonna, Rosa, Barbarossa, Malaspina etc.

Massgebend für das Geschlecht ist öfters die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Wortkategorie. Dies liegt mitunter daran, dass das Geschlecht der allgemeinen Gattungsbezeichnung das der spezielleren Benennung bestimmt. So erfolgt dann auch ein Geschlechtswandel 266 leicht im Anschluss an begriffsverwandte Wörter, ein Vorgang, der unter die § 114 besprochene Art von Kontamination einzureihen ist. So ist Mittwoch, älter mittewoche (media hebdomas), noch jetzt mundartlich als Fem. gebraucht, zum Masc. geworden nach den übrigen Bezeichnungen der Wochentage; entsprechend franz. dimanche. Franz. été ist Masc. geworden nach hivers etc.; minuit ist Masc. geworden nach midi. Die fremden Tiber und Rhone haben sich der Majorität der deutschen Flussnamen angeschlossen. Im Griech. sind viele Bezeichnungen von Bäumen und Pflanzen weiblich geworden, nachdem einmal für diese Klasse in Anlehnung an die Gattungsbezeichnungen drûs und botánê das weibliche Geschlecht das normale geworden war.Vgl. Lange a. a. O. S. 35ff. Am klarsten zeigt sich dieser Prozess bei solchen Wörtern, die in ihrer eigentlichen Bedeutung noch ein anderes Geschlecht aufweisen und nur in der Übertragung auf Pflanzen Feminina sind,Vgl. ibid. S. 11. vgl. ho kúanos Stahl - hê kúanos die wegen der Farbenähnlichkeit danach benannte Kornblume. Ebenso neigen die Städtenamen zum Fem., vgl. hê Kéramos aus ho kéramos Ton, hê Kissós aus ho kissós Efeu, hê Márathos aus ho márathos Fenchel, hê Ípnos aus ho ipnós Ofen, hê Ialusós Stadt - ho Iálusos Personenname.Vgl. Lange a. a. O. S. 42ff.

In anderen Fällen sind formelle Gründe die Veranlassung zum Geschlechtswandel geworden. So war man im Lat. gewohnt, dass die Wörter auf -a, soweit sie nicht Bezeichnungen für männliche Personen waren, weibliches Geschlecht hatten. In Folge davon erscheinen auch die griechischen Neutra auf -ma bei vorklassischen und nachklassischen Schriftstellern, jedenfalls in Anschluss an die Volkssprache als Feminina, z. B. schema, dogma, diadema, und sie sind daher auch in den romanischen Sprachen häufig Feminina.Vgl. das Nähere bei W. Meyer S. 93ff. Das dem Lat. acus entsprechende it. ago ist Masc. Die altgriechischen Feminina auf -os sind im Neugriechischen grösstenteils beseitigt, zum Teil durch Übertritt ins Masc., z. B. ho plátanos, ho kupárissos.Vgl. Hatzidakis, Zschr. f. vgl. Spr. 27, 82, Lange a. a. O. S. 9. Selbst das natürliche Geschlecht hat zuweilen den Genuswandel nicht verhindert, vgl. prov. papa, profeta als Feminina.Vgl. W. Meyer S. 9.

Der Widerspruch zwischen dem überlieferten Geschlechte des einzelnen Wortes und demjenigen, welches man nach seiner Endung erwartet, kann noch in einer anderen Weise ausgeglichen werden, indem nämlich nicht das Geschlecht, sondern die Endung vertauscht wird, 267 natürlich mit einer solchen, der das betreffende Geschlecht regelmässig anhaftet. So erscheint im Lat. peristromum neben peristroma. Lat. socrus ergab span. prov. suegra, port. sogra; lat. nurus it. nuora, span. nuera, port. prov. nora, afranz. nore. Auch dieses Mittels hat sich das Neugriechische bedient, um die Feminina auf -os zu beseitigen, daher hê parthéna, hê platánê u. a. Schon im Altgriechischen steht hê mínthê neben hê mínthos, hê ebénê neben hê ébenos u. a.Vgl. Hatzidakis und Lange a. a. O. In einem Teile der Fälle war das überlieferte Geschlecht zugleich das natürliche, ein Grund mehr, dass es nicht der Endung nachgab, sondern diese sich unterwarf. Hierher gehört es auch, dass im Griech. die männlich gewordenen a-Stämme das Nominativ-s angenommen haben (z. B. neanías).Vgl. J. Grimm, Kl. Schr. S. 357.

Bis hierher bewegen wir uns auf einem ziemlich sicheren Boden. Misslich aber ist es zu entscheiden, wieweit das natürliche Geschlecht der Phantasie auf den Wandel des grammatischen Geschlechtes eingewirkt hat. Die subjektive Anschauung der einzelnen Menschen kann sich dem nämlichen Objekte gegenüber sehr verschieden verhalten. Im heutigen Englisch kann sich diese Subjektivität bis zu einem gewissen Grade ungehemmt geltend machen, und wir können uns danach eine Vorstellung davon bilden, wie anfänglich die Übertragung des männlichen und weiblichen Geschlechtes auf Gegenstände, die kein natürliches Geschlecht haben, vor sich ging. In andern Sprachen ist die freie Tätigkeit der Phantasie durch das überlieferte Geschlecht eingeschränkt; so lange dieses fest im Gedächtnis haftet, kann sie nicht zur Geltung kommen. Eine gewisse Unsicherheit in Bezug auf die Tradition wird daher immer erst den Anstoss geben müssen, damit die Phantasie nach dieser Richtung hin in Tätigkeit gerät. Ist aber einmal das traditionelle Geschlecht dem Sprechenden gar nicht oder nicht genügend eingeprägt, so bedarf es keiner besonders starken Erregung der Phantasie um ihn dazu zu bringen, dem betreffenden Worte ein beliebiges Geschlecht beizulegen. Denn der Geschlechtsunterschied hat die Sprache derartig durchdrungen, dass es in vielen Fällen unmöglich ist, das Geschlecht unbestimmt zu lassen, und man sich also für irgend eins entscheiden muss. Unter diesen Umständen gibt oft bloss der Zufall den Ausschlag, d. h. irgend ein geringfügiger Umstand, der mit den Momenten, die ursprünglich die Entstehung des grammatischen Geschlechtes veranlasst haben, gar nichts zu schaffen zu haben braucht. Man denke an die Verstösse, die man in einer fremden Sprache macht.

§ 183. Was nun auch die positiven Veranlassungen für einen Wandel des Geschlechtes sein mögen, jedenfalls darf auch die negative 268 Veranlassung nicht übersehen werden, die oft von entscheidenderer Bedeutung ist als die positive. Welche Rolle sie spielt, lässt sich historisch daraus erweisen, dass diejenigen Wörter dem Geschlechtswandel besonders ausgesetzt gewesen sind, bei denen im Zusammenhange der Rede das Geschlecht am häufigsten eines Charakteristikums entbehrt und sich deshalb am wenigsten fest einprägt. Im Franz. sind die vokalisch anlautenden Wörter dem Geschlechtswandel besonders ausgesetzt gewesen, weil vor ihnen der bestimmte Art. unterschiedslos l' lautet. Im Nhd. haben wir im Plur. gar keinen Geschlechtsunterschied mehr, auch nicht am Artikel. Es ist daher natürlich, dass gerade Wörter, die am häufigsten im Plur. gebraucht werden, ihr Geschlecht verändert haben, zum Teil in Verbindung mit einer Veränderung ihrer Lautgestalt, die gleichfalls dadurch ermöglicht ist, das der Sing. weniger fest haftet als der Plur., vgl. Wange (mhd. N.), Woge (mhd. der wâc), Locke (mhd. der loc), Träne (mhd. der trahen), Zähre (mhd. der zaher), Wolke (mhd. daz wolken), Waffe (mhd. daz wâfen), Ähre (mhd. daz äher), Binse (mhd. der binez). Wenn ferner viele schwache Masculina weiblich geworden sind (vgl. meine Mhd. Gr. § 130, Anm. 4), so wird das damit zusammenhängen, dass die Deklination der schwachen Masculina und Feminina im Mhd. vollkommen identisch war. Überhaupt wird kein Wort ein grammatisches Genus annehmen, welches man mit den ihm anhaftenden Flexionsendungen nicht zu verbinden gewohnt ist, abgesehen von den Fällen, wo das natürliche Geschlecht einwirkt. Diese passive Bedeutung des formalen Elementes für den Geschlechtswandel ist nicht zu verwechseln mit dem oben besprochenen aktiven Einflusse desselben, wiewohl sich nicht in jedem einzelnen Falle die Grenzlinie scharf ziehen lässt.

§ 184. Das Neutrum ist ursprünglich nichts weiter als das Geschlechtslose, wie der Name richtig besagt. Während das Masc. und das Fem. als psychologische Kategorieen existiert haben, bevor sie zu grammatischen wurden, hat sich das Neutrum lediglich in Folge der formellen Abhebung der beiden natürlichen Geschlechter und in Folge der Durchführung der Kongruenz zu einem dritten grammatischen Genus konstituiert.

Das Neutrum findet naturgemässe Anwendung, wo Beziehung auf beide Geschlechter vorliegt. Dem entspricht das Geschlecht von Wörtern wie Kind (mhd. barn), Kalb. In den älteren germanischen Mundarten werden Pronomina und Adjektiva, die sich auf ein Masc. und ein Fem. beziehen, in neutraler Form gesetzt. Landschaftlich ist jetzt jedes von Personen, deren Geschlecht man unbestimmt lässt. Indessen ist dies Prinzip nicht durchgeführt, indem es durch ein anderes durchkreuzt wird. Wenn von den deutschen Grammatikern die Bezeichnung neutral 269 durch sächlich wiedergegeben ist, so passt dieselbe insofern nicht, als viele Sachbezeichnungen das grammatische männliche oder weibliche Geschlecht angenommen haben. Indessen ist ein Ansatz, das Neutrum wirklich zur Bezeichnung des Nichtpersönlichen zu machen, von Anfang an da, und dem entspricht es dann, dass das Masc. zur Bezeichnung des Persönlichen mit Einschluss des Weiblichen gemacht wird. Dies ist der Unterschied von wer und was beim Fragepron., und zwar wohl schon in der idg. Grundsprache, während ein Fem. wohl von Hause aus nicht gebildet ist. Entsprechend sind die Unterschiede beim Pron. indef. jemand - etwas (mhd. etewer - etewaz, ieman - iht), niemand - nichts. Auch das substantivierte Neutrum des Adj., soweit kein bestimmtes Subst. hinzuzudenken ist, dient zum Ausdruck des Nichtpersönlichen.

Numerus.Vgl. Tobler, Zschr. f. Völkerps. 14, 410. Delbrück, Syntax, Kap. II.

§ 185. Auch der Numerus wird zu einer grammatischen Kategorie nur durch Ausbildung der Kongruenz. Auch in den flektierenden Sprachen ist der Plur. nicht durchweg erforderlich, wo es sich um Bezeichnung einer Mehrheit handelt. Jede Vielheit kann von dem Sprechenden wieder als eine Einheit zusammengefasst werden. Und so gibt es gerade Bezeichnungen für eine bestimmte Anzahl, die singularisch sind, wie Paar, Schock, Dutzend, Mandel, wie ursprünglich durchaus tausend, hundert und wahrscheinlich auch andere Zahlwörter. So sind ferner überhaupt die sogenannten Kollektiva zusammenfassende singularische Bezeichnungen für Mehrheiten. Da nun die Auffassung einer Masse als Einheit oder Vielheit so sehr vom subjektiven Belieben des Sprechenden abhängt, so kann seine Auffassung auch in Widerspruch geraten mit derjenigen, welche durch die grammatische Form des gewählten Ausdruckes angezeigt ist, und diese Abweichung der subjektiven Auffassung dokumentiert sich dadurch, dass sie statt des grammatischen Numerus die Kongruenz bestimmt, was dann zum Teil auch Abweichungen im Genus zu Folge hat.

Der häufigste Fall ist, dass auf ein singularisches Kollektivum ein Plur. folgt. In unserer gegenwärtigen Schriftsprache, die ja überhaupt sehr stark von grammatisch - logischer Schulung beeinflusst ist, ist diese Erscheinung sehr eingeschränkt. Aber noch im 18. Jahrhundert ist sie häufig wie im Griech. und Lat. und noch jetzt im Engl. Vgl. ich habe mich offenbaret deines Vaters Hause, da sie noch in Egypten waren (Lu.); im vollen Kreise des Volks entsprungen, unter ihnen lebend (Herder); civitati persuadet ut exirent (Caes.); ex eo numero, qui per eos annos consules fuerunt (Cic.); ängstlich im Schlafe liegt das betäubte 270 Volk und träumt von Rettung, träumt ihres ohnmächtigen Wunsches Erfüllung (Goe.); das junge Paar hatte sich nach ihrer Verbindung nach Engagement umgesehen (Goe.); alle Menge deines Hauses sollen sterben, wenn sie Männer worden sind (Lu.); the whole nation seems to be running out of their wits (Smollet); Israel aber sog aus in den Streit und lagerten sich (Lu.); dass der Rest von ihnen sich durch Libyen nach Cyrene retteten und von da in ihr Vaterland zurückkamen (Le.); the army of the queen mean to besiege us (Sh.); pars saxa jactant (Plaut.); concursus populi, mirantium quid rei esset (Liv.); ho óchlos êthroísthê, thaumázontes kaì ideîn boulómenoi (Xen.).

Bei manchen Wörtern wird die Verknüpfung mit dem Plur. so häufig, dass man sie selbst als pluralisch auffassen kann, falls kein formelles Element auf den Sing. deutet. Das ist z. B. der Fall bei engl. people Leute. Die Entwickelung kann noch weiter gehen, indem der Widerspruch zwischen grammatischem und psychologischem Numerus dadurch ausgeglichen wird, dass ersterer sich dem letzteren akkommodiert. So ist im Mhd. liute Leute an Stelle des Singulars liut Volk getreten; ganz analog sind franz. gens (afranz. noch ja furent venu la gent), it. genti (daneben noch gente), spätlat. populi (Apulejus, Augustinus), engl. folks. Im Ags. bedeutet -waru civitas, der Plur. -ware cives. Unser die Geschwister ist hervorgegangen aus dem Kollektivum das Geschwister, welches noch im 18. Jahrhundert üblich war. Im Got. gibt es ein kollektives Neutrum fadrein im Sinne von Eltern. Dieses verbindet man nicht nur mit dem Plur. des Prädikats, sondern setzt auch den Artikel dazu in den Plur.: þai fadrein, þans fadrein. Daneben erscheint es dann auch in pluralischer Form: ni skulun barna fadreinam huzdjan, ak fadreina barnam.

Es geschieht auch umgekehrt, dass ein pluralischer Ausdruck die Funktion eines Singulars erhält, indem die dadurch bezeichneten Teile zu einem einheitlichen Ganzen zusammengefasst werden. So sagt man ein zehn Mark; engl. a two shillings; sogar there's not another two such women (Warren). Anhd. ist ein Eier in Schmalz (Rühreier). Am leichtesten vollzieht sich dieser Übergang bei Wörtern, von denen der Sg. untergegangen ist (Pluralia tantum) oder wenigstens nicht eine vollständig entsprechende Bedeutung hat. Vgl. mhd. ze einen pfingesten; lat. una, bina castra etc.; engl. if a gallows were on land; there's some good news (Sh.); that cristal scales (Sh.).Vgl. weitere Beispiele aus dem Engl. bei Storm, Englische Phil. I, S. 215. Schliesslich erhalten solche Pluralia auch singularische Form. Wir gebrauchen jetzt die Festbezeichnungen Ostern, Pfingsten, Weihnachten als Singulare (eigentlich Dative Plur.). Unser Buch ist im Got. pluralisch: bokos, eigentlich 271 Buchstaben; noch im Ahd. wird der Pl. für ein Buch gebraucht. Lat. castra wird zuweilen als singularisches Fem. gefasst und bildet einen Gen. castrae; entsprechend ist festa in den romanischen Sprachen zu einem Sing. fem. geworden. Lat. litterae im Sinne von ,Brief` wird zu it. lettera, franz. lettre; minaciae zu it. minaccia, franz. menace; nuptiae zu franz. noce neben noces; tenebrae zu span. tiniebla neben tinieblas.

Es gibt mancherlei Gegenstände, von denen immer ein Paar zusammengehört. Ein solches Paar wurde ursprünglich in den indogermanischen Sprachen durch den Dual bezeichnet, für den dann bei Untergang des Duals der Plur. eintrat. Es fand aber bei manchen auch infolge der Zusammenfassung Vertauschung mit dem Sg. statt. Hose bezeichnete ursprünglich die (strumpfartige) Umhüllung eines Beines, wobei kein Zweifel darüber aufkommen konnte, daß der Mensch mit zwei Hosen bekleidet war. Nachdem aber die Umhüllungen der Beine mit der Umhüllung des Unterleibs (mhd. bruoch) verbunden waren, konnte neben dem Pl. Hosen der Sg. Hose aufkommen. Wir sprechen jetzt noch von den Brüsten eines weiblichen Wesens, früher wurde der Dual (Plur.) allgemein für die menschliche Brust gebraucht. Ebenso sind die Singulare Nase, Tür an die Stelle alter Duale (Nasenflügel, Türflügel) getreten.

§ 186. Abstrakt gebraucht ist das Wort eigentlich keines Unterschiedes der Numeri fähig. Da aber der äusseren Form nach ein Numerus gewählt werden muss, so ist es gleichgültig welcher. Die Sätze der Mensch ist sterblich und die Menschen sind sterblich sagen in abstrakter Geltung das Nämliche aus. Daher ist denn auch ein Wechsel der Numeri in den verschiedenen Sprachen gewöhnlich. Otfrid macht die Verbindung engilon joh manne. Ein Pron., welches sich auf einen abstrakten Ausdruck bezieht, steht zuweilen im Plur.: nicht als ob in ihm kein einziges Punkt wäre, die hat er (Herder); ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden, doch ihre Weine trinkt er gern (Goe.); nobody knows what is to lose a friend, til they have lost him (Fielding); mhd. swer gesiht die minneclîchen, dem muoz si wol behagen, daz sie ir tugent prîsent; jedes triftige Beiwort, an denen er glücklich ist (Herder); insofern ein jeder Schriftsteller in einem besondern kleinen Artikel behandelt wird, die stilistisch mit einander verbunden sind (Ebert, Christl. lateinische Lit.). Das Präd. kann im Plur. stehen: mhd. daz ieslîcher recke in den satel saz und ir schar schihten; lat. ubi quisque vident, eunt obviam (Plaut.); uterque sumus defessi (id.); uter meruistis culpam (id.); neuter ad me iretis (id.); it. come ogni uomo desinato ebbero; engl. neither of them are remarkable (Blair). Die meisten indogermanischen Sprachen haben zur Bezeichnung der Allgemeinheit ein singularisches und ein pluralisches Pronomen nebeneinander (jeder 272 - alle). Diese können leicht eins in das andere übergehen. So findet sich schon im Lat. neben omnes der Sg., z. B. militat omnis amans (Ov.); im It. ist der Sg. ogni alleinherrschend geworden. Im Griech. stehen amphóteros und amphóteroi nebeneinander. Aus beide haben sich singularische Formen herausgebildet. Häufig ist das Neutr. beides, vereinzelt schon mhd. Ebenfalls schon mhd. ist ze beider sît, vgl. beiderseits. Im älteren Nhd. kommen andere singularische Verwendungen des Wortes vor: beider Baum (Mathesius), mit beidem Arm (Lohenstein), auf beyde Weise (Le.). Le. sagt auch das alles dreies auf einmal. Der Plur. jede ist namentlich im 18. Jahrhundert häufig (vgl. DWb. 4², 2290), und umgekehrt findet sich der Sg. aller im Sinne von jeder (vgl. DWb. 1, 209).

§ 187. Unanwendbar ist die Kategorie des Numerus auch bei den reinen Stoffbezeichnungen. Denn erst durch die Berücksichtigung der Form entstehen Individualitäten, entsteht der Gegensatz von Einzeldingen und Mehrheiten. Die Stoffbezeichnungen werden daher meistens nur im Sing. gebraucht, welcher die nicht vorhandene numeruslose Form ersetzen muss. Aus demselben Grunde pflegen sie nicht mit dem unbestimmten Art. verbunden zu werden. Es stellt sich aber sehr leicht ein Übergang her von einer Stoffbezeichnung zur Bezeichnung für ein Einzelding und umgekehrt, indem die individualisierende Form leicht hinzu oder weggedacht werden kann, vgl. Haar, Gras, Blüte, Frucht, Kraut, Korn, Rinde, Tuch, Gewand, Stein, Wald, Feld, Wiese, Sumpf, Heide, Erde, Land, Brot, Kuchen etc. Hierher gehört auch Huhn, Schwein statt Hühnerfleisch, Schweinefleisch, lat. leporem et gallinam et anserem (Caes.); lat. fagum atque abietem (Caes.) = Buchen- und Tannenholz. So erklärt sich auch der Sing. in Fällen wie der Feind zieht heran; der Russe (= das russische Heer) kommt. Entsprechend gebraucht Livius die Singulare Romanus, Poenus, eques, pedes etc. und wagt sogar die Verbindung Hispani milites et funditor Balearis. Bei Seneca findet sich sogar multo hoste. Damit vergleiche man mit willkürlicher Beliebung des ganzen Kaufmanns (Micrälius) u. a. (vgl. DWb. 5, 337).

§ 188. Der Sing., wiederum in der Funktion einer absoluten Form, an der die Kategorie des Numerus noch nicht ausgeprägt ist, steht im Nhd. von vielen Wörtern nach Zahlen. Ihren Ausgang hat diese Konstruktionsweise allerdings von solchen Fällen genommen, in denen eine wirkliche Pluralform zugrunde liegt, die nur lautlich mit der Singularform zusammengefallen ist, so bei Mann - Pfund, Buch. Wenn aber die altertümlichen Formen sich gerade nach Zahlen erhalten haben, und ihrer Analogie andere Wörter wie Fuss, Zoll, Mark gefolgt sind, so muss das besondere Ursachen haben. Das Sprachgefühl empfindet 273 in den altertümlichen Verbindungen so wenig wie in den analogisch nachgeschaffenen eine Pluralform. Es ist eben gerade nach einer Zahl kein Bedürfnis zu einem besonderen Ausdruck für die Mehrheit, da dieselbe schon hinlänglich durch die Zahl gekennzeichnet ist.im Ungarischen unterbleibt neben Zahlwörtern durchgängig die Bezeichnung des Plurals. So ist man zu einer gegen den Numerus gleichgültigen, zu einer absoluten Form gelangt, also wieder zu einem Standpunkte, wie er vor der Entstehung des grammatischen Numerus bestand.

Tempus.Vgl. zu diesem Abschnitt Brugmann, Ber. der phil.-hist. Class. der sächs. Gesellsch. d. Wissenschaften 1883, S. 169ff.; Delbrück, Syntax, Kap. XVI-XXVIII, wo man auch weitere Literatur verzeichnet findet.

§ 189. Es sind verschiedene Versuche gemacht die Tempora der indogermanischen Sprachen in ein logisches System zu bringen, wobei es nicht ohne Willkürlichkeit und Spitzfindelei abgegangen ist. Man muss sich auch hier davor hüten sich bei den logischen Bestimmungen von den vorliegenden grammatischen Verhältnissen und bei der Beurteilung der letzteren von rein logischen Sonderungen abhängig zu machen. Es findet keine volle Kongruenz der logischen und grammatischen Kategorieen statt. Es kommt dazu, dass an den indogermanischen Tempora noch manche Momente zum Ausdruck kommen, die mit Zeitabstufung direkt nichts zu schaffen haben, und für die man neuerdings den Ausdruck Aktionsart anzuwenden pflegt.Über Aktionsart im Arabischen vgl. Reckendorf S. 172-5. Sehr ausgebildet sind die Bezeichnungen der Aktionsart im Ungarischen, vgl. Simonyi S. 284ff.

Die Kategorie des Tempus beruht, wenn wir zunächst die Aktionsart bei Seite lassen, auf dem zeitlichen Verhältnis, in dem ein Vorgang zu einem bestimmten Zeitpunkt steht. Als solcher kann zunächst der Augenblick genommen werden, in dem sich der Sprechende befindet, und so entsteht der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, welchem die grammatischen Kategorieen Perfektum, Präsens, Futurum entsprechen. Ich setze das Perfektum als den eigentlichen Ausdruck für dieses Verhältnis, nicht den Aorist, der allerdings auch in dieser Funktion vorkommt. Die gewöhnliche Definition, dass das Perf. die vollendete, der Aor. die vergangene Handlung bezeichne, ist eine blosse Worterklärung, mit der sich kein klarer Begriff verbinden lässt. Das Charakteristische des Perf. im Gegensatz zu Aor. und Imperf. liegt darin, dass es das Verhältnis eines Vorganges zur Gegenwart ausdrückt.

Statt der Gegenwart kann nun aber ein in der Vergangenheit oder in der Zukunft liegender Punkt genommen werden, und zu diesem 274 ist dann wieder in entsprechender Weise ein dreifaches Verhältnis möglich. Es kann etwas gleichzeitig, vorangegangen oder bevorstehend sein. Die Gleichzeitigkeit mit einem Punkte der Vergangenheit hat ihren Ausdruck im Imperfektum gefunden, das ihm Vorausgegangene wird durch das Plusquamperf. bezeichnet, für das in der Vergangenheit Bevorstehende ist kein besonderes Tempus geschaffen, man muss sich mit Umschreibungen behelfen. Das einem Punkte der Zukunft Vorangegangene wird durch das Fut ex. bezeichnet, das von diesem aus Bevorstehende kann nur durch Umschreibung ausgedrückt werden, das Gleichzeitige wird durch das einfache Fut. gegeben. Bei diesem Schema hat der Aor. und das, was als Ersatz für ihn in den einzelnen Sprachen eingetreten ist, noch keine Stelle gefunden. Was ihn im Gegensatz zu andern Tempora charakterisiert, ist zunächst nicht die Zeitstufe, sondern die Aktionsart. Er bezeichnet etwas Momentanes, daher den Eintritt eines Zustandes oder den Abschluss eines Vorganges. Der Ind. Aor. hat insbesondere Anwendung in der Erzählung gefunden. Dabei bezeichnet er einen in die Vergangenheit fallenden Vorgang nicht in seinem Verhältnis zur Gegenwart, sondern im Verhältnis zu einem andern, aber früheren Punkte der Vergangenheit. Hierbei aber wird der betreffende Vorgang nicht als noch bevorstehend, sondern als schon erfolgt bezeichnet. Der Zeitpunkt, auf den man sich stellt, wird immerfort gewechselt und nach vorwärts gerückt.

Was ich von dem Verhältnis der wirklich vorliegenden Tempora zu den ideal zu konstruierenden gesagt habe, gilt uneingeschränkt nur für den Indikativ. Für Infinitiv und Partizipium wird der Zeitpunkt, nach dem man sich richtet, durch das Verbum finitum, an welches sie angeknüpft sind, bestimmt. Es reicht daher dreifaches Tempus aus. Dieselben Tempora, die dazu dienen das Verhältnis zu einem gegenwärtigen Augenblicke auszudrücken, werden auch gebraucht, um das Verhältnis zu einem Punkte der Vergangenheit oder der Zukunft zu bezeichnen.Vgl. Brugmann a. a. O. S. 174. Dies ist auch die Ursache, warum die Partizipia in Verbindung mit einem Verb. fin. so gut geeignet sind die einer Sprache mangelnden Tempora zu ersetzen. Der Imperativ ist seiner Natur nach immer futurisch, desgleichen der Konj. und Opt., soweit sie bezeichnen, dass etwas geschehen soll oder gewünscht wird.

§ 190. Bevor grammatische Tempora ausgebildet waren, musste an ihrer Stelle ein und dieselbe Form funktionieren und das Tempusverhältnis musste entweder durch besondere Wörter angedeutet oder aus der Situation erraten werden. Eine besondere gegen den Tempusunterschied gleichgültige Form liegt nicht mehr vor. Aber die Funktion 275 einer solchen versieht zum Teil das Präsens als das am wenigsten charakteristische Tempus neben der eigentlich präsentischen. Wir können uns danach eine Vorstellung von den Verhältnissen machen, wie sie vor der Ausbildung der grammatischen Tempora bestanden.

Als absolutes Tempus fungiert das Präs. zunächst in allen abstrakten Sätzen (vgl. § 89). Ein Satz wie der Affe ist ein Säugetier erstreckt sich auf Vergangenheit und Zukunft ebenso wie auf die Gegenwart. Ist dem abstrakten Satze ein anderer untergeordnet, so kann die Handlung desselben der des Hauptsatzes zeitlich vorangehend gedacht und daher das Perf. gesetzt werden: wenn das Pferd gestohlen ist, bessert der Bauer den Stall. Dem abstrakten Satze ist also zwar der Tempusunterschied überhaupt nicht fremd, wohl aber die Fixierung eines Ausgangspunktes.

Der konkret-abstrakte Satz hat das mit dem reinabstrakten gemein, dass kein bestimmter einzelner Zeitpunkt massgebend ist, dass er vielmehr für eine Anzahl verschiedener Zeitpunkte gilt, weshalb in ihm das Präsens gleichfalls Vergangenheit und Zukunft in sich schliesst. Seine Zeit ist aber doch keine absolute. Sie ist vor- und rückwärts in bestimmte Grenzen eingeschlossen, und es können innerhalb dieser Grenzen Unterbrechungen stattfinden. Es können auch sämtliche Zeitpunkte in die Vergangenheit oder Zukunft fallen, daher kann auch das Imperfektum oder Perfektum und das Futurum stehen.

Die abstrakten und konkret-abstrakten Sätze können, soweit sie Vorgänge bezeichnen, auch als iterativ angesehen werden. Wir haben im Nhd. kein Mittel, die iterative Natur des Verb. anzudeuten. Daher sind Sätze wie er hinkt, er schläft lange, er hört schlecht, spielst du Schach? an sich zweideutig. Andere Sprachen haben eigene Ausdrucksformen für das Iterativverhältnis. Im Griech. und Lat. dient dazu bei Beziehung auf die Vergangenheit das Imperf. im Gegensatz zum Aor. (Perf.), was aber doch wieder nicht die einzige Funktion des Imperf. ist.

Im konkreten Satze fungiert das Präs. in sehr vielen Sprachen statt des Futurums. So namentlich, wenn durch irgend ein anderes Wort genügend bezeichnet ist, dass es sich um ein zukünftiges Geschehen handelt, vgl. ich reise morgen ab, das nächstens erscheinende Buch; aber auch sonst, wo die Situation kein Missverständnis zulässt. Es überträgt sich ferner der futurische Charakter des Hauptsatzes auf den Nebensatz, so dass Präs. und Perf. futurischen Sinn erhalten, vgl. wenn er kommt, werde ich dich rufen; wenn ich die Arbeit beendigt habe, werde ich es dir sagen. Umgekehrt findet sich im Griech. Präs. des Hauptsatzes nach Fut. des Nebensatzes, vgl. ei haútê hê pólis lêphthê'setai, 276 échetai kaì hê pâsa Sikelía (Eur.).Vgl. Brugmann a. a. O. S. 170. Im Ahd. wird das Präs. auch ohne jede sonstige Unterstützung futurisch verwendet.

Eine Verwendung des Präs. statt des Prät. ist uns nicht geläufig, abgesehen vom Präs. hist., bei dem doch wohl eine wirkliche Verrückung des Standpunktes in der Phantasie anzunehmen ist. Im Sanskr. aber findet sich purâ', im Griech. páros mit dem Präs. im Sinne des Prät., vgl. páros ge mèn oú ti thamízeis = »früher kamst du nicht häufig« (Hom.).Vgl. ib. S. 170ff.

Es gibt ferner Fälle, in denen das Präs. sich zugleich auf Vergangenheit und Gegenwart bezieht; vgl. ich weiss das schon lange = ich weiss es jetzt und habe es schon lange gewusst; er ist seit 20 Jahren verheiratet; so lange ich ihn kenne, habe ich das noch nie an ihm bemerkt; seitdem er in Rom ist, hat er mir nicht geschrieben.

Das relative Zeitverhältnis zweier in die Vergangenheit oder in die Zukunft fallenden Vorgänge bleibt vielfach unbezeichnet. Wir sagen als ich ihn erreichte neben erreicht hatte, wenn ich ihn finde neben gefunden habe. Im Griech. steht bekanntlich in Nebensätzen der Aor. statt des lat. Plusquamp., im Lat. selbst nach postquam das Perf.; im Mhd. steht ganz gewöhnlich das einfache Prät., wo wir jetzt die Umschreibung anwenden, welche das Plusq. ersetzen muss. Diese ungenauere Verwendung der Tempora ist die altertümlichere. Das Plusquamp. ist erst eine sekundäre Bildung. Noch gewöhnlicher wird das relative Zeitverhältnis beim Part. vernachlässigt, wobei zum Teil der Mangel der eigentlich erforderlichen Formen mitwirkt. Vgl. in Zug ans Land steigend, kehrten wir im Ochsen ein (Goe., weitere Beispiele bei Andr. Sprachg. 112); haec Maurus secum ipse diu volvens tandem promittit (Sall., vgl. weitere Beispiele bei Draeg. § 572). Umgekehrt erscheint im Lat. das Part. Perf. mit präsentischer Bedeutung: moritur uxore gravida relicta (Liv., vgl. Draeg. § 582). Das Part. auf -ndus wird nicht nur futurisch, sondern in selteneren Fällen auch präsentisch verwendet: volvenda dies, volvendis mensibus (Virg.); alienos fundos signis inferendis petebat (Cic.); nec vero superstitione tollenda religio tollitur (Cic., vgl. Draeg. § 599). Das deutsche sogenannte Part. Perf. vereinigt präsentische und perfektische Bedeutung, oder, richtiger gesagt, es kann durativ gebraucht werden oder zur Bezeichnung des Abschlusses eines Vorganges, vgl. z. B. der noch immer betrauerte, früh verstorbene Vater.Vgl. meine Abhandlung »Die Umschreibung des Perfektums im Deutschen mit haben und sein« (Abh. der bayer. Akad. I. Cl. XXII Bd. I. Abt.) S. 162. Daher auch in der älteren Sprache bei der Umschreibung des Pass. das Schwanken zwischen den Verben sein und 277 werden, das sich erst allmählich zugunsten des letzteren entschieden hat.

§ 191. Für die Bedeutung der grammatischen Tempora können noch manche Momente sekundärer Natur in Betracht kommen. Da z. B. ein stattgehabter Vorgang ein Resultat zu hinterlassen pflegt, so kann bei der Angabe, dass ein Vorgang stattgehabt hat, das nachgebliebene Resultat mitverstanden werden, und dieses eigentlich nur Akzidentielle in der Bedeutung kann zur Hauptsache werden. Indem aber das Resultat als die eigentliche Bedeutung angesehen wird, muss die Bedeutung des Perf. als präsentisch erscheinen. Es hat auch die Ansicht Vertretung gefunden, dass dies die ursprüngliche Funktion des idg. Perf. gewesen sei,z. B. durch Delbrück. so dass also die Entwickelung den umgekehrten Verlauf genommen hätte. Diese Annahme ist kaum richtig, lässt sich jedenfalls nicht erweisen. Sicher aber liegt dieser umgekehrte Verlauf vor bei dem deutschen umschriebenen Perf.Vgl. meine Abhandlung S. 164ff. Die Doppelnatur desselben zeigt sich z. B. an den verschiedenartigen Zeitbestimmungen, die es zu sich nehmen kann, vgl. er ist gestern angekommen - jetzt ist er angekommen (so kann man auch sagen, wenn die Ankunft schon vor einiger Zeit erfolgt ist). Untergang des eigentlichen Präs. führt dann zu dem, was man in der deutschen Grammatik Präteritopräsens nennt.

In dem nämlichen logischen Verhältnis, wie das Präs. zu dem das Resultat bezeichnenden Perf. steht, können auch verschiedene Verba zueinander stehen, vgl. treten - stehen, fallen - liegen, verstummen - schweigen, erwachen - wachen, entbrennen - brennen, sich setzen - sitzen etc. Während hier das Geraten in einen Zustand und das Sichbefinden in demselben durch zwei verschiedene sprachliche Ausdrücke wiedergegeben wird, gibt es auch Fälle, in denen das gleiche Verb. beides bezeichnen kann. Im Mhd. können sitzen, stân, ligen, swîgen den Sinn von sich setzen, treten, sich legen oder fallen, verstummen haben; vgl. nhd. aufsitzen, aufstehn, abstehn etc. und den jetzigen oberdeutschen Gebrauch von sitzen. In Folge davon können mhd. ich bin gesezzen und ich sitze gleichbedeutend sein. Entsprechend ist es, wenn im griech. pheúgô bedeuten kann »ich bin verbannt«, adikô^ »ich bin im Unrecht«. Hierher gehört es auch, wenn Vorgänge, die der Vergangenheit angehören, deshalb durch ein Präsens bezeichnet werden, weil ihre Wirkung fortdauert, vgl. er lässt dich grüssen; der Herr schickt mich; ich höre, dass er zurückgekehrt ist; er schreibt mir, dass alles gut steht etc. So gebraucht man im Griech. akoúô, punthánomai, 278 aisthánomai, manthánô u. dergl., und entsprechend verfahren andere Sprachen.

§ 192. Wir haben schon oben § 189 gesehen, dass die modalen und temporalen Verhältnisse nicht unabhängig voneinander sind. Da es für den Imperativ charakteristisch ist, dass er einen in die Zukunft fallenden Vorgang bezeichnet, so begreift es sich, dass das Fut. mit Hilfe der Situation und des Tonfalles imperativisch verstanden werden kann, vgl. du wirst das sofort tun. Ebenso kann das Fut. optativisch werden, vgl. sic me di amabunt, ut me tuarum miseritumst fortunarum (Ter.). In den Frageaufforderungssätzen (vgl. § 94) fungieren Konj. und Fut. in der gleichen Weise, vgl. lat. quid faciamus mit griech. tí poiê'somen. Sogar als Potentialis kann das Fut. gebraucht werden, vgl. das wird sich so verhalten; entsprechend in der lat. Volkssprache, z. B. haec erit bono genere nata (Plaut.), vgl. Draeg. § 136; über den nämlichen Gebrauch in den romanischen Sprachen vgl. Diez III, 282; Mätzn., Franz. S. 72, 3. 4. 75, 2. Man kann an zwei verschiedene Erklärungen für diese Erscheinung denken. Erstens: da alles in die Zukunft Fallende etwas Unsicheres ist, so könnte die Bedeutung des Fut. sich so entwickelt haben, dass nur das Moment der Unsicherheit übrig geblieben wäre. Zweitens aber könnten wir einen Satz wie er wird zu Hause sein auffassen als »es wird sich herausstellen, dass er zu Hause ist«. Ein Prät. zu diesem potentialen Fut. ist der französische Conditionel. Derselbe bezeichnet ursprünglich den von einem Zeitpunkte der Vergangenheit aus zukünftigen Vorgang, wie z. B. noch in dem Satze nous convînmes que nous partirions le lendemain. Als eigentlicher Conditionel kann er futurischen Sinn haben, muss es aber nicht. Auch im Deutschen gebrauchen wir entsprechend futurische Umschreibung, die nicht notwendig futurischen Sinn hat, aber im Konj.: ich würde zufrieden sein. Wie das Fut. in eine modale Bedeutung übergeführt worden ist, so ist umgekehrt im Lat. der Konj. zum Fut. geworden.

Genus des Verbums.Vgl. Delbrück Syntax, Kap. XXXI.

§ 193. Während die Tempora und die Modi an und für sich nichts Syntaktisches sind und nur durch die Beziehung aufeinander, also erst im zusammengesetzten Satz zum Ausdruck syntaktischer Verhältnisse werden, ist der Unterschied zwischen Aktivum und Passivum von Hause aus syntaktischer Natur, indem dadurch nichts anderes als ein verschiedenes Verhältnis des Prädikatsverbums zum Subj. ausgedrückt wird. Was neben dem Akt. Objekt ist, wird neben dem Pass. Subjekt. Die Anwendung des Passivums ermöglicht es daher ein psychologisches 279 Subjekt, welches sonst die grammatische Form des Objektes annehmen müsste, auch zum grammatischen Subj. zu machen, und dies ist ein Hauptgrund für den Gebrauch der passivischen Konstruktion. Im unpersönlichen Satze ist es an und für sich einerlei, ob man das Akt. oder das Pass. setzt. Der Sprachgebrauch hat sich so geregelt, dass diejenigen Verba, die normaler Weise persönlich konstruiert werden, wenn sie ausnahmsweise unpersönlich gebraucht werden, in das Passivum gesetzt werden (es wird gesungen, getanzt etc.), während bei den normaler Weise unpersönlichen Verben das einfachere Aktivum gesetzt wird (es regnet, es taut etc.). Es kommen aber Berührungen zwischen aktiver und passiver Konstruktion vor, vgl. der Wald rauscht - es rauscht, das Haus brennt - es brennt. In den altnordischen Sagas findet sich sehr häufig in den Einleitungen zu einem Abschnitte die Formel hér segir hier sagt es = hier wird gehandelt. Im Mittellateinischen ist dicit gleich einem dicitur der klassischen Zeit. In einer Überschrift des althochdeutschen Isidor heisst es hear quidhit umbi dhea bauhnunga = hier wird gehandelt von der vorbildlichen Darstellung; Ähnliches auch sonst. Entsprechend ist im Altnordischen der Gebrauch von skal in dem Sinne »man soll (wird)« und anderes.

§ 194. Der Gegensatz zwischen Akt. und Pass. konnte sich erst herausbilden, nachdem die Scheidung zwischen Subjekt und Objekt sich vollzogen hatte. Vorher musste jedenfalls die einfache Nebeneinanderstellung von Subj. und Präd. sowohl das passive wie das aktive Verhältnis bezeichnen. Den Wechsel zwischen aktiver und passiver Bedeutung können wir noch an den Nominalformen des Verbums beobachten, die in ihrer Bildungsweise nichts an sich haben, was auf die eine oder die andere hinweist.

Das Part. Präs. erscheint im früheren Nhd. öfters in passivem Sinne, vgl. seine dabei hegende verräterische Absicht (Thümmel), dem in petto habenden Gedicht (Schi.).Vgl. Grimm Gr. IV, 66. Andr. Sprg. 82. Besonders häufig ist vorhabende Reise u. dgl. Im Engl. sagt man the horses are putting to die Pferde werden angespannt, the casinos are filling etc.Vgl. Mätzner II, S. 56. Diese passivische Verwendung ist genau so aufzufassen wie die in § 108 besprochene freie Anknüpfung des Partizipiums.

Bei unserem sogenannten Part. perf. zeigt es sich sehr deutlich, dass der Unterschied zwischen Aktivum und Passivum nicht etwas schon der Bildung an sich Anhaftendes sein kann, da ja die Partizipia der transitiven Verba passivisch, die der intransitiven zum Teil aktivisch gebraucht werden. Auch diese Schranke bleibt nicht vollkommen 280 gewahrt. Es entstehen Wendungen wie das den Grafen befallene Unglück (Goe.), des den Erwartungen nicht entsprochenen Aufenthalts (Gutzkow); stattgefunden, stattgehabt sind ziemlich allgemein.Vgl. Andr. Spr. S. 83ff. Namentlich aber sind eine Anzahl Partizipia transitiver Verba in aktiver Bedeutung zu reinen Adjektiven geworden, vgl. erfahren, verdient, geschworen, gereist, gelernt, studiert u. a.

Im Lat. haftet den Partizipien auf -endus, -undus der passivische Sinn ursprünglich nicht notwendig an, vgl. oriundus, dem sich bei älteren Schriftstellern noch andere wie pereundus untergehend, placendus gefallen etc. an die Seite stellen. Ähnliche Beobachtungen lassen sich noch weiter im Lat. wie in andern Sprachen machen.

Dem Inf. ist ursprünglich so gut wie dem Nom. actionis der verbale Genusunterschied fremd. Etwas von Genuscharakter erhält er zunächst einerseits dadurch, dass ein Objektskasus von ihm abhängig gemacht wird, anderseits dadurch, dass er auf das Subj. des regierenden Verbums mitbezogen wird (er kann lesen); ferner auf ein anderes in dem Satze enthaltenes Wort, zu welchem er in keinem direkten grammatischen Verhältnis steht (befehlen steht ihm übel an, durch fliehen kann er sich retten etc.). Eine solche Beziehung ist an sich nicht durchaus nötig. Sie findet z. B. nicht statt in einem Satze wie er befiehlt zu schweigen oder Not lehrt beten. Hier ist der Inf. im Grunde weder aktiv noch passiv, sondern genuslos. Im Gotischen steht nicht selten der einfache Inf. an Stelle des griechischen Inf. pass. in Fällen, wo auch wir jetzt den umschriebenen passivischen Inf. anwenden, z.B. warþ þan gaswiltan þamma unledin jah briggan fram aggilum = egéneto dè apothaneîn tòn ptôchòn kaì anenechthê^nai hupò tô`n angélôn.Vgl. Gram. IV, 57ff. Es wird dies unter Berücksichtigung der ursprünglich neutralen Natur des Infinitivs ganz begreiflich. Andererseits aber begreift es sich auch, wie das Bedürfnis in den einzelnen indogermanischen Sprachen allmählich zur Schöpfung eines passiven Infinitivs führen musste. Am meisten Bedürfnis zur Verwendung eines solchen war natürlich in denjenigen Sprachen, in denen sich der Akk. zum Subjektskasus des Infinitivs herausgebildet hat.

§ 195. Ein grammatisches Passivum besteht nur da, wo dasselbe aus dem gleichen Stamme wie das Aktivum gebildet und von demselben durch eine besondere Formationsweise geschieden ist. Annähernd analog dem Verhältnis von Pass. zu Akt. ist das Verhältnis eines Intransitivums zu dem entsprechenden Kausativum, vgl. fallen - fällen, hangen - hängen und die nicht aus der nämlichen Wurzel entsprungenen 281 Paare werden - machen, sterben - töten, (hin)fallen - (hin)werfen. Doch besteht der Unterschied, dass bei dem Intransitivum nicht so normaler Weise wie beim Pass. an eine wirkende Ursache gedacht wird. Dieser Unterschied ist aber leicht verwischbar. Man sagt im Griech. apothnê'skein hupó tinos. Im Lat. wird fio im Präs. vollständig als Pass. zu facio verwendet.

Das Passivum der indogermanischen Sprachen ist aus dem Medium entstanden. In analoger Weise haben in einer späteren Epoche die skandinavischen Sprachen ein neues Passivum gleichfalls aus dem Medium gewonnen. Von diesem skandinavischen Medium steht es fest, dass es durch Verschmelzung des Aktivums mit dem Reflexivpron. entstanden ist. Im Deutschen haben wir keine formelle Verschmelzung des Reflexivpron. mit dem Verb., wohl aber eine funktionelle. In einem Satze wie er hat sich getötet ist das Verhältnis von Subj. und Obj. kein anderes wie in er hat ihn getötet. Es bleibt dabei die Vorstellung von einem tätigen Subjekte und die von einem Objekte, auf das die Tätigkeit übergeht, gesondert. In anderen Fällen aber verschmelzen beide Vorstellungen miteinander, wovon die Folge ist, dass das Reflexivum einen an dem Subjekte sich vollziehenden Vorgang bezeichnet, vgl. sich regen, stellen, setzen, legen, heben, senken, drehen, wenden, schwingen, nähern, entfernen, klären, lösen, versuchen, freuen, verwundern, irren und viele andere. Das Verhältnis dieser Reflexiva zu den entsprechenden Aktiven ist im wesentlichen das gleiche wie das der oben angeführten Intransitiva zu den entsprechenden Kausativen. In ihnen ist ein teilweiser Ersatz für das indogermanische Medium geschaffen, dessen Funktion allerdings eine noch weitergehende war. Erhält sich ein Verb. bloss als Reflexivum (vgl. sich schämen), so haben wir ein Pendant zu den Medien des Griechischen, die kein Aktivum neben sich haben und zu den lateinischen Deponentia. Den Übergang vom Medium zum Passivum können wir dann wieder in Parallele stellen mit dem oben erwähnten Gebrauch der Intransitiva fio und apothnê'skô. Aus dem Nhd. sind am nächsten zu vergleichen Wendungen wie das lässt sich hören, das hört sich gut an.


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