Paul, Hermann
Prinzipien der Sprachgeschichte.
Paul, Hermann

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106 Fünftes Kapitel.

Analogie.Vgl. Misteli, Lautgesetz und Analogie (vgl. S. 68). V. Henry, Étude sur l'analogie en général et sur les formations analogiques de la langue grecque. Paris 1883. Wheeler, Analogy, and the scope of its application in language. Ithaca 1887.

§ 75. Wie schon in Kapitel 1 hervorgehoben worden ist, attrahieren sich die einzelnen Wörter in der Seele, und es entstehen dadurch eine Menge grösserer oder kleinerer Gruppen. Die gegenseitige Attraktion beruht immer auf einer partiellen Übereinstimmung des Lautes oder der Bedeutung oder des Lautes und der Bedeutung zugleich. Die einzelnen Gruppen laufen nicht alle gesondert neben einander her, sondern es gibt grössere Gruppen, die mehrere kleinere in sich schliessen, und es findet eine gegenseitige Durchkreuzung der Gruppen statt. Wir unterscheiden zwei Hauptarten, die wir als stoffliche und formale Gruppen bezeichnen wollen.

Eine stoffliche Gruppe bilden z. B. die verschiedenen Kasus eines Substantivums. Diese Gruppe lässt sich dann noch wieder nach zwei verschiedenen Prinzipien in kleinere Gruppen zerlegen: entweder Kasus des Sing. - des Plur. (- des Du.), oder Nominativformen (des Sing., Pl., Du.) - Genitivformen etc.; und diese beiden Gruppierungen durchkreuzen einander. Ein viel mannigfaltigeres System von einander über- und untergeordneten und sich durchkreuzenden Gruppen geben die Formen eines Verbums, zumal eines griechischen. Grössere stoffliche Gruppen mit loseren Zusammenhängen entstehen dann aus der Verbindung aller Wörter, die einander in ihrer Bedeutung korrespondieren. In der Regel steht der partiellen Übereinstimmung in der Bedeutung eine partielle Übereinstimmung in der Lautgestaltung zur Seite, welche ihrerseits auf etymologischem Zusammenhang zu beruhen pflegt. Doch gibt es auch stoffliche Gruppen, die lediglich auf die Bedeutung und nicht auf den Laut basiert sind, vgl. Ochse (Stier) - 107 Kuh, Mann - Weib, Knabe - Mädchen, Vater - Mutter, Sohn - Tochter, Bruder - Schwester, Mönch - Nonne; alt - neu oder jung, dünn - dick oder dicht, hier - da und überhaupt alle Gegensätze; sein - werden, werden - machen; sterben - Tod; gut - besser; bin - ist - war, horáo - eîdon - ópsomai.

Als formale Gruppen bezeichne ich z. B. die Summe aller Nomina actionis, aller Komparative, aller Nominative, aller ersten Personen des Verbums etc. Es gibt auch hier grössere Gruppen, die kleinere in sich schliessen; so enthält z. B. die letztgenannte 1. Sg. Ind. Praes., 1. Sg. Konj. Praes. etc. Mithin ist auch eine festere oder lockerere Verbindung zu unterscheiden. Die Verbindung der funktionellen Übereinstimmung mit einer lautlichen ist bei den formalen Gruppen bei weitem nicht so Regel wie bei den stofflichen. Gewöhnlich zerfallen die formalen Gruppen in mehrere kleinere, von denen jede einzelne auch durch lautliche Übereinstimmung zusammengehalten wird, während sie unter sich differieren, vgl. die Dative libro, anno - mensae, rosae - paci, luci etc. Nach dem grösseren oder geringeren Grade der lautlichen Übereinstimmung entsteht dann wieder eine Unterordnung kleinerer Gruppen unter grössere, vgl. gab, nahm - bot, log - briet, riet etc., unter einander immer noch übereinstimmend gegen sagte, liebte etc.

Die stofflichen Gruppen werden von den formalen durchgängig durchkreuzt.

§ 76. Nicht bloss einzelne Wörter schliessen sich zu Gruppen zusammen, sondern auch analoge Proportionen zwischen verschiedenen Wörtern. Veranlassung zur Entstehung solcher Proportionengruppen, die zu gleicher Zeit eine Proportionengleichung bilden, gibt zunächst die eben berührte Durchkreuzung zwischen stofflichen und formalen Gruppen. Die Basis für die Gleichung ist dabei die Übereinstimmung in der Bedeutung des stofflichen Elements nach der einen und des formalen Elements nach der andern Richtung, weshalb wir diese Art als stofflich-formale Proportionengruppen bezeichnen wollen. Es kann dazu auch eine lautliche Übereinstimmung nach beiden Richtungen treten, vgl. Tag : Tages : Tage = Arm : Armes : Arme = Fisch : Fisches : Fische; führen : Führer : Führung = erziehen : Erzieher : Erziehung etc.; oder mit der bei allen Proportionen möglichen Vertauschung der Zwischenglieder Tag : Arm : Fisch = Tages : Armes : Fisches etc. Die lautliche Übereinstimmung kann sich aber auch auf das stoffliche Element beschränken, vgl. gebe : gab = sage : sagte = kann = konnte; lat. mensa : mensam : mensae = hortus : hortum : horti = nox : noctem : noctis etc.; rauben : Raub = ernten : Ernte = säen : Saat = gewinnen : Gewinst; respektive gebe : sage : kann = gab : sagte : 108 konnte etc. Von viel geringerer Bedeutung sind Gleichungen, bei denen die lautliche Übereinstimmung auf das formale Element eingeschränkt ist, wie gut : besser = schön : schöner, oder bei denen überhaupt gar keine lautliche Übereinstimmung stattfindet, wie bin : war = lebe : lebte, horáo : eîdon = týpto : étypsa.

Auch innerhalb der zu einer stofflichen Gruppe gehörigen Formen können sich Proportionsgruppen bilden, sobald eine Gliederung derselben nach verschiedenen Gesichtspunkten möglich ist. So können beim Nomen die Kasus des Sg. mit denen des Pl. in Proportion gesetzt werden: hortus : horti : horto = horti : hortorum : hortis. Viel mannigfältigere Proportionen ergibt ein Verbalsystem. Man kann z. B. Gleichungen aufstellen wie amo : amas = amavi : amavisti = amabam : amabas etc. Es besteht hier also keine Verschiedenheit des stofflichen Elementes in den korrespondierenden Gliedern wie bei den stofflich-formalen Proportionsgruppen, sondern an deren Stelle eine teilweise Verschiedenheit in der Funktion des formalen Elementes neben der teilweisen Übereinstimmung. Zu der Übereinstimmung in der Funktion kann auch hier eine lautliche treten, vgl. amabam : amabas = amaveram : amaveras.

Eine andere Art von Proportionengleichungen beruht auf dem Lautwechsel, vgl. Klanges (phonetisch klaññes) : Klang (phon. klañk) = singe : sang = hänge : hängte etc. oder Spruch : Sprüche = Tuch : Tücher = Buch : Büchlein etc. (Wechsel zwischen gutturalem und palatalem ch). Die Glieder einer jeden Proportion bestehen hier aus Wörtern, die in etymologischem Zusammenhange stehen, die daher in ihrem stofflichen Elemente Übereinstimmung hinsichtlich der Bedeutung und Lautgestaltung zeigen, daneben aber eine lautliche Verschiedenheit, die sich in allen übrigen Proportionen entsprechend wiederholt. Die Bedeutung der formalen Elemente bleibt dabei ganz aus dem Spiel. So lange wir nur Fälle in Betracht ziehen wie Klanges : Klang = Sanges : Sang = Dranges : Drang, lässt sich nicht entscheiden, ob wir es nicht vielmehr mit einer stofflich-formalen Proportionengleichung zu tun haben. Der Lautwechsel muss, wenn er hierher gezogen werden soll, sich in Fällen zeigen, die hinsichtlich des Funktionsverhältnisses nichts mit einander zu tun haben, und sich dadurch als unabhängig von der Bedeutung erweisen. Wir bezeichnen diese Art von Proportionengruppen als die stofflich-lautlichen oder etymologisch-lautlichen.

Eine weitere Art entsteht aus den syntaktischen Verbindungen. Diese unterscheidet sich von den bisher besprochenen dadurch, dass die Verbindung der Glieder, aus denen sich die einzelnen Proportionen zusammensetzen, schon von aussen her in die Seele eingeführt wird. Die Verbindung der analogen Proportionen unter einander muss gleichfalls erst durch Attraktion im Innern der Seele geschaffen werden. Es 109 assoziieren sich z. B. Sätze wie spricht Karl, schreibt Fritz etc. (mit Voranstellung des Prädikats) oder Verbindungen wie pater mortuus, filia pulchra, caput magnum (mit Kongruenz in Genus, Numerus, Kasus), und es werden dabei die Gleichungen gebildet spricht : Karl = schreibt : Fritz und pater : mortuus = filia : pulchra = caput : magnum. Mit der äusseren Form der syntaktischen Zusammenfügung assoziiert sich das Gefühl für eine bestimmte Funktion, und diese Funktion bildet dann in Gemeinschaft mit der äusseren Form das Band, welches die Proportionen zusammenhält. Alle syntaktischen Funktionen lassen sich nur aus solchen Proportionen abstrahieren. Daher sind die syntaktischen Proportionengruppen zum Teil auch die notwendige Vorbedingung für die Entstehung der formalen Gruppen und der stofflich-formalen Verhältnisgruppen. Es können sich z. B. die Genitive nicht zusammengruppieren, wenn es nicht Verbindungen wie das Haus des Vaters, der Bruder Karls etc. tun.

§ 77. Es gibt kaum ein Wort in irgend einer Sprache, welches völlig ausserhalb der geschilderten Gruppen stünde. Es finden sich immer andere in irgend einer Hinsicht gleichartige, an die es sich anlehnen kann. Aber in Bezug auf die grössere oder geringere Mannigfaltigkeit der Verbindungen, die ein Wort eingeht, und in Bezug auf die Innigkeit des Verbandes bestehen bedeutende Unterschiede. Die Gruppierung vollzieht sich um so leichter und wird um so fester einerseits, je grösser die Übereinstimmung in Bedeutung und Lautgestaltung ist, anderseits, je intensiver die Elemente eingeprägt sind, die zur Gruppenbildung befähigt sind. In letzterer Hinsicht kommt für die Proportionengruppen einerseits die Häufigkeit der einzelnen Wörter, anderseits die Anzahl der möglichen analogen Proportionen in Betracht. Wo die einzelnen Elemente zu wenig intensiv sind oder ihre Übereinstimmung unter einander zu schwach, da verbinden sie sich entweder gar nicht oder der Verband bleibt ein lockerer. Es sind dabei wieder mannigfache Abstufungen möglich.

§ 78. Diejenigen Proportionengruppen, welche einen gewissen Grad von Festigkeit gewonnen haben, sind für alle Sprechtätigkeit und für alle Entwickelung der Sprache von eminenter Bedeutung. Man wird diesem Faktor des Sprachlebens nicht gerecht, wenn man ihn erst da zu beachten anfängt, wo er eine Veränderung im Sprachusus hervorruft. Es war ein Grundirrtum der älteren Sprachwissenschaft, dass sie alles Gesprochene, so lange es von dem bestehenden Usus nicht abweicht, als etwas bloss gedächtnismässig Reproduziertes behandelt hat, und die Folge davon ist gewesen, dass man sich auch von dem Anteil der Proportionengruppen an der Umgestaltung der Sprache keine rechte Vorstellung hat machen können. Zwar hat schon W. v. Humboldt nachdrücklich 110 betont, dass das Sprechen ein immerwährendes Schaffen ist. Aber noch heute stösst man auf lebhaften und oft recht unverständigen Widerspruch, wenn man die Konsequenzen dieser Anschauungsweise zu ziehen sucht.

Die Wörter und Wortgruppen, die wir in der Rede verwenden, erzeugen sich nur zum Teil durch blosse gedächtnismässige Reproduktion des früher Aufgenommenen. Ungefähr eben so viel Anteil daran hat eine kombinatorische Tätigkeit, welche auf der Existenz der Proportionengruppen basiert ist. Die Kombination besteht dabei gewissermassen in der Auflösung einer Proportionengleichung, indem nach dem Muster von schon geläufig gewordenen analogen Proportionen zu einem gleichfalls geläufigen Worte ein zweites Proportionsglied frei geschaffen wird. Diesen Vorgang nennen wir Analogiebildung. Es ist eine nicht zu bezweifelnde Tatsache, dass eine Menge Wortformen und syntaktische Verbindungen, die niemals von aussen in die Seele eingeführt sind, mit Hilfe der Proportionengruppen nicht bloss erzeugt werden können, sondern auch immerfort zuversichtlich erzeugt werden, ohne dass der Sprechende ein Gefühl dafür hat, dass er den festen Boden des Erlernten verlässt. Es ist für die Natur dieses Vorganges ganz gleichgültig, ob dabei etwas herauskommt, was schon früher in der Sprache üblich gewesen ist, oder etwas vorher nicht Dagewesenes. Es macht auch an und für sich nichts aus, ob das Neue mit dem bisher Üblichen in Widerspruch steht; es genügt, dass das betreffende Individuum keinen Widerspruch mit dem bisher Erlernten empfindet. In andern Fällen hat zwar eine Aufnahme von aussen stattgefunden, die Nachwirkung derselben würde aber zu schwach sein, als dass das Aufgenommene wieder in das Bewusstsein gerufen werden könnte, wenn ihm nicht die Proportionengruppe, in die es eingereiht ist, zu Hilfe käme.

§ 79. Ohne weiteres wird zugegeben werden müssen, dass die wenigsten Sätze, die wir aussprechen als solche auswendig gelernt sind, dass vielmehr die meisten erst im Augenblicke zusammengesetzt werden. Wenn wir eine fremde Sprache methodisch erlernen, so werden uns Regeln gegeben, nach denen wir die einzelnen Wörter zu Sätzen zusammenfügen. Kein Lehrer aber, der nicht ganz unpädagogisch verfährt, wird es versäumen zugleich Beispiele für die Regel, d. h. mit Rücksicht auf die selbständig zu bildenden Sätze Muster zu geben. Regel und Muster ergänzen sich gegenseitig in ihrer Wirksamkeit; und man sieht aus diesem pädagogischen Verfahren, dass dem konkreten Muster gewisse Vorzüge zukommen müssen, die der abstrakten Regel abgehen. Bei dem natürlichen Erlernen der Muttersprache wird die Regel als solche nicht gegeben, sondern nur eine Anzahl von Mustern. 111 Wir hören nach und nach eine Anzahl von Sätzen, die auf dieselbe Art zusammengefügt sind und sich deshalb zu einer Gruppe zusammenschliessen. Die Erinnerung an den speziellen Inhalt der einzelnen Sätze mag dabei immer mehr verblassen, das gemeinsame Element wird durch die Wiederholung immer von neuem verstärkt, und so wird die Regel unbewusst aus den Mustern abstrahiert. Eben, weil keine Regel von aussen gegeben wird, genügt nicht ein einzelnes Muster, sondern nur eine Gruppe von Mustern, deren spezieller Inhalt gleichgültig erscheint. Denn nur dadurch entwickelt sich die Vorstellung einer Allgemeingültigkeit der Muster, welche dem Einzelnen das Gefühl der Berechtigung zu eigenen Zusammenfügungen gibt. Wenn man eine auswendig gelernte Regel häufig genug angewendet hat, so erreicht man es, dass dieselbe auch unbewusst wirken kann. Man braucht sich weder die Regel noch ein bestimmtes Muster ins Bewusstsein zu rufen, und man wird doch ganz korrekte Sätze bilden. Man ist somit, wenigstens was das gewöhnliche Verfahren bei der praktischen Ausübung betrifft, auf einem abweichenden Wege eben dahin gelangt, wo derjenige sich befindet, der keinen grammatischen Unterricht genossen hat.

Ein Hauptnachteil desjenigen, dem bloss Muster überliefert sind, gegenüber demjenigen, der Regel und Muster zugleich überliefert bekommen hat, besteht darin, dass er nicht wie dieser von vornherein über den Umfang der Gültigkeit seiner Muster unterrichtet ist. Wer z. B. die Präposition in zunächst wiederholt mit dem Akk. verbunden hört, wird dies leicht als die allgemeine Verbindungsweise von in auffassen, und wer es auch bald mit dem Akk., bald mit dem Dat. verbunden hört, wird mindestens einige Zeit brauchen, bis er den Unterschied richtig herausgefunden hat, und mittlerweile vielleicht beides promiscue gebrauchen. Hier kommt man mit Hilfe der Regel viel schneller zum Ziele. Eine solche Zusammenwerfung zweier Gruppen, die nach dem Usus auseinandergehalten werden sollen, ist um so eher möglich, je feiner die logische Unterscheidung ist, die dazu erfordert wird, und je grösserer Spielraum dabei der subjektiven Auffassung gelassen ist. Vor allem aber ist eine Gruppe dann leicht im Stande ihr Muster über das Gebiet einer verwandten Gruppe auszudehnen, wenn sie diese in Bezug auf die Häufigkeit der vorkommenden Fälle bedeutend überragt. Und nun gibt es vollends vieles im Sprachgebrauch, was überhaupt vereinzelt dasteht, was sich weder unter eine mit Bewusstsein abstrahierte Regel noch unter eine unbewusst entstandene Gruppe einfügt. Alles dasjenige aber, was die Stütze durch eine Gruppe entbehrt oder nur in geringem Masse geniesst, ist, wenn es nicht durch häufige Wiederholung besonders intensiv dem Gedächtnisse eingeprägt wird, nicht widerstandsfähig genug gegen die Macht der grösseren 112 Gruppen. So, um ein Beispiel anzuführen, ist es im Deutschen wie in andern indogermanischen Sprachen die Regel, dass, wo zwei Objekte von einem Verbum abhängen, das eine im Akk., das andere im Dat. steht. Es gibt aber daneben einige Fälle, und gab früher noch mehr, in denen ein doppelter Akk. steht. Diese Fälle müssen und mussten besonders erlernt werden. In Folge des Widerspruchs mit der allgemeinen Regel wird das Sprachgefühl unsicher, und das kann schliesslich zum Untergang der vereinzelten Konstruktionen führen. Man hört heutzutage fast eben so häufig er lehrt mir die Kunst als er lehrt mich die Kunst, und niemand sagt mehr ich verhehle dich die Sache nach mittelhochdeutscher Weise, sondern nur ich verhehle dir.

§ 80. Sehr bedeutend ist die schöpferische Tätigkeit des Individuums aber auch auf dem Gebiete der Wortbildung und noch mehr auf dem der Flexion. Bei den wenigsten Nominal- und Verbalformen, die wir aussprechen, findet eine rein gedächtnismässige Reproduktion statt, manche haben wir nie vorher gesprochen oder gehört, andere so selten, dass wir sie ohne Hilfe der Gruppen, an die sie sich angeschlossen haben, niemals wieder in das Bewusstsein würden zurückrufen können. Das Gewöhnliche ist jedenfalls, dass Produktion und Reproduktion zusammenwirken, und zwar in sehr verschiedenem Verhältnis zu einander.

Besonders klar sehen wir die Wirkungen der Analogie bei der grammatischen Aneignung der Flexionsformen einer fremden Sprache. Man lernt eine Anzahl von Paradigmen auswendig und prägt sich dann von den einzelnen Wörtern nur soviel Formen ein, als erforderlich sind, um die Zugehörigkeit zu diesem oder jenem Paradigma zu erkennen. Mitunter genügt dazu eine einzige. Die übrigen Formen bildet man in dem Augenblicke, wo man ihrer bedarf nach dem Paradigma, d.h. nach Analogie. Im Anfang wird man dabei immer das erlernte Paradigma vor Augen haben. Nachdem man aber erst eine grössere Anzahl von Formen danach gebildet hat und auch diese Spuren in der Seele hinterlassen haben, erfolgt die Bildung auch ohne dass das Wort, welches als Paradigma gedient hat, in das Bewusstsein tritt. Die aus andern Wörtern früher gebildeten Formen wirken jetzt mit, und die Folge davon ist, dass nur das allen gemeinsame formelle Element zum Bewusstsein kommt, während die verschiedenen stofflichen sich gegenseitig hemmen. Nunmehr ist das Verhältnis des Sprechenden zu den Flexionsformen im Augenblicke der Anwendung ungefähr das nämliche wie dasjenige, welches bei der natürlichen Erlernung der Muttersprache gewonnen wird. Diese natürliche Erlernung führt auf einem weniger direkten, schliesslich aber eben so sicheren Wege zu dem gleichen Ziele. Hierbei findet von Anfang an kein vorzugsweises Haften der formalen 113 Elemente an ein bestimmtes einzelnes stoffliche statt, und die Gesamtheit der möglichen Formen ordnet sich niemals in bestimmter Folge zu einer Reihe zusammen. Es wird nicht gelehrt, dass sich dieses Wort nach jenem zu richten habe. Der Umstand, dass eine Anzahl von Formen verschiedener Wörter sich gleichmässig verhalten, genügt das Gefühl zu erzeugen, dass man berechtigt ist diese Gleichmässigkeit weiter durchzuführen. Nachdem einmal von einer Anzahl von Wörtern die sämtlichen Formen eingeprägt sind und sich zu Gruppen zusammengeschlossen haben, wird es vom Sprachgefühl als selbstverständlich betrachtet, dass auch die Formen anderer Wörter solchen Gruppen angehören, dass also z. B. zu dem Nom. oder Gen. eines Substantivums die übrigen Kasus als notwendiges Komplement gehören. Daher kommt es ja auch, dass wir nicht jeden Kasus und jede Verbalform als ein besonderes Wort auffassen, sondern unter die übliche Nennform eines Substantivums oder Verbums (Nom., Inf.) gleich den ganzen Formen komplex einbegreifen.

Auf dem Gebiete der Wortbildung sind die Verhältnisse nur zum Teil ähnlich wie auf dem der Flexion. Manche Bildungsweisen allerdings erzeugen sich analogisch ebenso leicht und unbefangen wie die Flexionsformen, vergleiche namentlich Komparativ und Superlativ aus Positiv. Bei andern rufen die überlieferten Wörter nur in beschränktem Masse Analogiebildungen hervor, wieder bei andern gar keine. Dieses verschiedene Verhalten ist einfach bedingt durch die verschiedene Fähigkeit des überlieferten Stoffes zur Gruppenbildung.Vgl. dazu meine Abhandlung »Über die Aufgaben der Wortbildungslehre« in den Sitzungsber. der philos.-phil. Klasse der bayer. Akad. d. W. 1896. S. 692ff.

§ 81. Da die meisten der in der Sprache üblichen Formen sich in Verhältnisgruppen unterbringen lassen, so ist es ganz natürlich, dass mit Hilfe der Proportionen häufig Formen geschaffen werden müssen, die schon vorher in der Sprache üblich waren. Wenn das aber immer der Fall sein sollte, so müssten einerseits alle nach Proportion bildbaren Formen schon einmal gebildet sein, anderseits müsste eine so vollkommene Harmonie des Formensystems bestehen, wie sie nirgends anzutreffen ist, oder es dürften wenigstens, wo verschiedene Bildungsweisen neben einander bestehen, verschiedene Deklinations- oder Konjugationsklassen, verschiedene Arten ein nomen agentis aus einem Verbum zu bilden etc., niemals die entsprechenden Formen aus verschiedenen Klassen eine analoge Gestalt haben; es müsste aus jeder einzelnen Form zweifellos hervorgehen, in welche der vorhandenen Klassen das betreffende Wort gehört. Sobald eine Form ihrer Gestalt nach mehreren Klassen angehören kann, so ist es auch möglich von ihr aus die andern 114 zugehörigen Formen nach verschiedenen Proportionen zu bilden. Welche von den verschiedenen anwendbaren Proportionen dann sich geltend macht, hängt durchaus nur von dem Machtverhältnis ab, in welchem sie zu einander stehen.

Eine Proportionsbildung findet gar keine Hemmung in der Seele, wenn für die Funktion, für welche sie geschaffen wird, bisher überhaupt noch kein Ausdruck vorhanden gewesen ist. Aber auch dann nicht, wenn zwar ein abweichender Ausdruck bereits üblich, aber dem betreffenden Individuum niemals überliefert worden ist, was bei etwas selteneren Wörtern häufig genug der Fall ist. Ist aber die übliche Form einmal gedächtnismässig aufgenommen, so ist es eine Machtfrage, ob in dem Augenblick, wo eine bestimmte Funktion ausgeübt werden soll, zu diesem Zwecke eine Form durch einfache Reproduktion ins Bewusstsein gehoben wird, oder mit Hilfe einer Proportion. Es kann dabei der Fall eintreten, dass die Proportion sich zunächst geltend macht, dass aber die früher geknüpfte Verbindung mit dem Erinnerungsbilde der üblichen Form noch stark genug ist, um hinterher den Widerspruch der Neubildung mit diesem Erinnerungsbilde bemerklich zu machen. Man besinnt sich dann, dass man etwas Falsches hat sagen wollen oder schon gesagt hat. Es ist das also eine von den verschiedenen Arten, wie man sich versprechen kann. Wir werden auch da noch ein Versprechen anerkennen müssen, wo der Sprechende auch hinterher den Widerspruch mit dem Erinnerungsbilde nicht von selbst gewahr wird, aber denselben sofort erkennt, wenn er durch eine leise Hindeutung darauf aufmerksam gemacht wird. Die Macht des Erinnerungsbildes kann aber auch so gering sein, dass es gar nicht gegen die Proportionsbildung aufzukommen vermag und diese ungestört zur Geltung gelangt.

Durch die Wirksamkeit der Gruppen ist also jedem Einzelnen die Möglichkeit und die Veranlassung über das bereits in der Sprache Übliche hinauszugehen in reichlichem Masse gegeben. Man muss nun beachten, dass alles, was auf diese Weise geschaffen wird, eine bleibende Wirkung hinterlässt. Wenn diese auch nicht von Anfang an stark und nachhaltig genug ist, um eine unmittelbare Reproduktion zu ermöglichen, so erleichtert sie doch eine künftige Wiederholung des nämlichen Schöpfungsprozesses, und trägt dazu bei die etwa entgegenstehenden Hemmungen noch mehr zurückzudrängen. Durch solche Wiederholungen kann dann hinzugefügt werden, was dem Neugeschaffenen etwa noch an Macht fehlte, um unmittelbar reproduziert zu werden.

§ 82. Aber jede solche Überschreitung des Usus erscheint, auf ein Individuum beschränkt, wo sie zu dem Üblichen ein Mehr hinzu- 115 fügt, ohne sich mit demselben in Widerspruch zu setzen, als eine gewisse Kühnheit, wo sie aber das letztere tut, geradezu als Fehler. Ein solcher Fehler kann vereinzelt bleiben, ohne zur Gewohnheit zu werden, kann auch, wenn er zur Gewohnheit geworden ist, wieder abgelegt werden, indem man sich durch den Verkehr das Übliche aneignet, sei es zum ersten Male, oder sei es von neuem. Wenn er aber auch nicht wieder abgelegt wird, so geht er in der Regel mit dem Individuum zu Grunde, wird nicht leicht auf ein anderes übertragen. Viel leichter überträgt sich eine Schöpfung, die mit keiner früher bestehenden in Konflikt kommt, hier kann viel eher ein Einzelner den Anstoss geben. Dagegen mit der Ersetzung des bisher Üblichen durch etwas Neues verhält es sich gerade wie mit dem Laut- und Bedeutungswandel. Nur wenn sich innerhalb eines engeren Verkehrskreises an einer grösseren Anzahl von Individuen spontan die gleiche Neuschöpfung vollzieht, kann sich eine Veränderung des Usus herausbilden. Die Möglichkeit eines solchen spontanen Zusammentreffens vieler Individuen beruht auf der überwiegenden Übereinstimmung in der Organisation der auf die Sprache bezüglichen Vorstellungsgruppen. Je grösser die Zahl derjenigen, bei denen die Neubildung auftritt, um so leichter wird die Übertragung auf andere, je mehr gewinnt das, was anfangs als Fehler erschien, an Autorität.

Wie hinsichtlich der Lautverhältnisse und hinsichtlich der Bedeutung, die den Wörtern beigelegt wird, so zeigen sich auch hinsichtlich der analogischen Neubildung die stärksten Abweichungen vom Usus in der Kindersprache. Je unvollständiger und je schwächer noch die Einprägung der einzelnen Wörter und Formen ist, um so weniger Hemmung findet die Neubildung, um so freieren Spielraum hat sie. So haben alle Kinder die Neigung anstatt der unregelmässigen und seltenen Bildungsweisen, die noch nicht in ihrem Gedächtnis haften, die regelmässigen und gewöhnlichen zu gebrauchen, im Nhd. z. B. alle Verba schwach zu bilden. Wenn bei zunehmender Entwickelung des Individuums die Neubildung mehr und mehr abnimmt, so ist das natürlich nicht die Folge davon, dass ein anfangs vorhandenes Vermögen schwindet, sondern davon, dass das Bedürfnis abnimmt, indem sich für den Zweck, für den früher die Neubildungen geschaffen wurden, immer mehr gedächtnismässig aufgenommene Formen zur Verfügung stellen. Im allgemeinen lassen auch auf diesem Gebiete die Abweichungen der Kindersprache keine Konsequenzen für die allgemeine Weiterentwickelung der Sprache zurück; aber hie und da bleiben doch Spuren. Insbesondere wird in solchen Fällen, wo schon die Erwachsenen zu Neubildungen neigen, die entsprechende Neigung bei den Kindern noch stärker hervortreten, und sie werden sich dieser Neigung frei 116 überlassen, sobald die nötige Hemmung durch die Sprache der Erwachsenen fehlt.

Durch eine analogische Neubildung wird eine früher bestehende gleichbedeutende Form nicht mit einem Schlage verdrängt. Es ist nicht wohl denkbar, dass das Bild der letzteren gleichzeitig bei allen Individuen so verblassen sollte, dass die Analogiebildung ohne Hemmung vor sich gehen könnte. Vielmehr bewahren immer einige Individuen die alte Form, während andere sich schon der Neubildung bedienen. So lange aber zwischen diesen und jenen ein ununterbrochener Verkehr unterhalten wird, muss auch eine Ausgleichung stattfinden. Es müssen daher einer kleineren oder grösseren Anzahl von Individuen beide Formen geläufig werden. Erst nach einem längeren Kampfe zwischen beiden Formen kann die Neubildung zur Alleinherrschaft gelangen.Wundt behandelt einen Teil der Analogiebildungen auf morphologischem Gebiete (die übrigen bleiben von ihm überhaupt unberücksichtigt) unter dem Abschnitt »Lautwandel« als »assoziative Fernwirkungen der Laute« (I, 431ff.). Er stellt dieselben in Parallele zu den assoziativen Kontaktwirkungen (Assimilation etc.), eine Parallelisierung, die nur Irre führen kann, da die betreffenden Erscheinungen völlig verschiedener Natur sind. Zu den Konsequenzen, die sich daraus ergeben, gehört Folgendes. Wenn im Nhd. starben an Stelle des Mhd. sturben getreten ist, so soll nach Wundt das u des letzteren in analoger Weise durch das a von starb, wie er sich ausdrückt, induziert sein, wie etwa bei der Verwandlung von lat. octo in it. otto des c durch das nachfolgende t. Das ist offenbar falsch. Denjenigen, die zuerst die Form starben gebildet haben, ist die Form sturben nicht ins Bewusstsein getreten, denn sonst hätten sie sich eben ihrer bedient. Die Neubildung konnte nur von Individuen ausgehen, denen die Form sturben nicht genügend eingeprägt war. Wenn Wundt für einen derartigen Vorgang die Bezeichnung Angleichung für zutreffender erklärt als Analogiebildung, so ist gerade das umgekehrte richtig. Niemand kann doch bezweifeln, dass, wenn ein Kind nach ich darf auch wir darfen bildet, dies dadurch bedingt ist, dass es die Form dürfen noch nicht erlernt hat. Niemand kann auch leugnen, dass, wenn ein Schüler ähnliche Fehler in einer Übersetzungsarbeit macht (etwa tutundi statt tutudi), dies nur daher kommt, weil er sich die richtige Form nicht eingeprägt hat. Wie kann man sich aber dagegen sträuben, anzuerkennen, dass die in Frage stehenden Veränderungen des Sprachgebrauchs auf die nämliche psychologische Grundlage zurückzuführen sind? Die Auffassung der Analogiebildungen als assoziative Fernewirkungen der Laute hat es übrigens mit sich gebracht, dass Dissimilationen wie tréphô für *thréphô unter der Rubrik Kontaktwirkungen behandelt sind, wohin sie doch offenbar nicht gehören. Für sie wäre ein Ausdruck, der den Gegensatz zu Kontakt bildete, angemessen, wenn auch nicht gerade Ferne-, und Brugmann hat wirklich die Ausdrücke Fernassimilation und Ferndissimilation dafür verwendet..

§ 83. Da die analogische Neuschöpfung die Auflösung einer Proportionsgleichung ist, so müssen natürlich schon mindestens drei Glieder vorhanden sein, die sich zum Ansatz einer solchen Gleichung eignen. Es muss jedes mit dem andern irgendwie vergleichbar sein, 117 d. h. in diesem Falle, es muss mit dem einen im stofflichen, mit dem andern im formalen Elemente eine Übereinstimmung zeigen. So lässt sich z. B. im Lat. eine Gleichung ansetzen animus : animi = senatus : x, aber nicht animus : animi = mensa : x. Es kann daher ein Wort in seiner Flexion von anderen nur dann analogische Beeinflussung erfahren, wenn es mit diesen in der Bildung einer oder mehrerer Formen übereinstimmt. Es kommt allerdings zuweilen eine Beeinflussung ohne solche Übereinstimmung vor, die man dann aber nicht mit Recht als Analogiebildung bezeichnet. Es kann eine Flexionsendung wegen ihrer besonderen Häufigkeit als die eigentliche Normalendung für eine Flexionsform empfunden werden. Dann überträgt sie sich wohl auf andere Wörter auch ohne die Unterstützung gleichgebildeter Wörter. Von dieser Art ist z. B. im Attischen die Übertragung der Genitivendung ou aus der zweiten Deklination auf die Maskulina der ersten: polítou statt políteô, wie es Homerischem -ao, dorischem a entsprechen müsste; die Übereinstimmung beider Klassen im Geschlecht hat hier genügt die Beeinflussung zu bewirken. Der Gen. Du. der griechischen dritten Deklination hat seine Endung von der zweiten entlehnt: podoîn nach híppoin. Im Deutschen ist die Genitivendung s auf die weiblichen Eigennamen mit der Endung a übertragen: Bertas, Klaras. Im Engl., Schwed. und Dän. hat sich -s zu einem allgemeinen Genitivsuffix entwickelt, sogar für den Pl.

Neuschöpfungen finden natürlich auch auf Grundlage der oben § 76 besprochenen Proportionsgruppen statt, die sich aus Formen der gleichen stofflichen Gruppe zusammensetzen. Im Mhd. lauten die dritten Personen Pl.: Ind. Präs. gebent, Konj. geben, Ind. Prät. gâben, Konj. gæben. Im Nhd. ist nach Analogie der drei anderen Formen auch im Ind. Präs. geben eingetreten; im Spätmhd. ist auch umgekehrt ent in die übrigen Formen eingedrungen. Die 2. Sg. Ind. Prät. des starken Verbums, die im Mhd. eigentümlich gebildet war (du gæbe, wære), ist nach der Analogie der andern zweiten Personen umgestaltet.

§ 84. Dass eine schöpferische Wirkung der Analogie auch auf dem Gebiete des Lautwechsels statt hat, ist, soviel ich sehe, bis jetzt noch wenig beachtet. Der Lautwechsel ist zunächst, wie wir gesehen haben, eine Wirkung des Lautwandels, die dann eintritt, wenn der gleiche Laut oder die gleiche Lautgruppe sich in Folge verschiedener lautlicher Bedingungen in mehrere gespalten hat. So lange diese Bedingungen fortdauern und ausserdem keine Störung der Wirkungen des Lautwandels durch andere Einflüsse eintritt, ist es möglich, dass die durch den Lautwandel entstandenen Formen sich zu Proportionsgruppen ordnen, vgl. die Beispiele in § 76. Wir können dann den Lautwechsel als einen lebendigen bezeichnen. Fallen dagegen die Bedingungen fort, 118 welche die Ursache der verschiedenen Behandlung des Lautes gebildet haben, so lassen sich keine etymologisch-lautlichen Proportionen mehr bilden, der Lautwechsel ist erstarrt. So ist z. B. der Wechsel zwischen h und g in ziehen - Zug, gedeihen - gediegen nicht mehr durch Verhältnisse in der gegenwärtigen Sprache bedingt; die Ursache, durch welche dieser Lautwechsel ursprünglich hervorgerufen ist, der wechselnde indogermanische Akzent, ist längst beseitigt. Der Wechsel zwischen hoher - hoch, sehen - Gesicht, geschehen - Geschichte trifft zwar zusammen mit einem Wechsel der Stellung innerhalb der Silbe; da aber in den meisten Fällen bei ganz analogem Stellungswechsel kein Lautwechsel mehr statt hat (vgl. rauher - rauh, sehen - sah und sieht, geschehen - geschah und geschieht), so ist auch dieser Wechsel ein toter. Anders im Mhd., wo es eine dnrchgreifende Regel ist, dass einem h im Silbenanlaut in der Stellung nach dem Sonanten der Silbe der Laut unseres ch entspricht, also rûher - rûch, sehen - sach, geschehen - geschach, vor s und t im älteren Mhd. allerdings auch h geschrieben (sihst, siht), im späteren aber gleichfalls durch ch bezeichnet (sichst, sicht).

Die stofflich-lautlichen Proportionsgruppen sind nun in entsprechender Weise produktiv wie die stofflich-formalen. Es ist z. B. nicht wohl denkbar, dass die beiden verschiedenen Aussprachen unseres ch von jedermann für jeden einzelnen Fall besonders erlernt sind, vielmehr wirken auch hier gedächtnismässige Einprägung und Analogieschöpfung zusammen, und ohne Mitwirkung der letzteren könnte nicht die Sicherheit in dem Wechsel zwischen beiden gewonnen werden, wie sie wirklich vorhanden ist. Besonders zweifellos ist die Mitwirkung der Analogie bei den Sandhi-Erscheinungen. Wie sollte man es sich z. B. sonst erklären, dass im Franz. die auslautenden Konsonanten s, z, t, n konsequent verschieden behandelt werden, je nachdem das sich anschliessende Wort mit Konsonant oder mit Vokal beginnt? Es ist zwar möglich, dass sich eine Anzahl solcher Verbindungen wie nous vendons - nous aimons, un fils - un ami seit der Zeit, wo sie durch den Lautwandel entstanden sind, von Generation zu Generation gedächtnismässig fortgepflanzt haben, aber sicher sind es bei weitem nicht alle, die jetzt zur Anwendung kommen und früher gekommen sind. Nichtsdestoweniger wird der Wechsel genau beobachtet, auch von dem grammatisch- Ungeschulten und bei jeder beliebigen neuen Kombination.

Durch die Wirksamkeit der etymologisch-lautlichen Verhältnisgruppen werden im allgemeinen solche Formen erzeugt, wie sie auch durch den zu Grunde liegenden Lautwandel hervorgebracht sein würden. Doch geschieht es auch zuweilen, dass neue Formen erzeugt werden, die lautgesetzlich nicht möglich wären. Ursache ist entweder eine 119 eigentlich nicht berechtigte Umkehrung der Proportionen oder eine Verschiebung der Verhältnisse durch jüngeren Lautwandel.

Für viele ober- und mitteldeutsche Mundarten gilt das Lautgesetz, dass n im Silbenauslaut geschwunden ist, sich aber auch im Wortende gehalten hat, wenn es bei vokalischem Anlaut des folgenden Wortes zu diesem hinübergezogen ist, also z. B. im Alemannischen e ros (ein Ross) e-n ôbet (ein Abend), i due = mhd. ich tuon - due-n-i. Man ist also daran gewöhnt, dass in vielen Fällen zwischen vokalischem Auslaut und vokalischem Anlaut sich ein n scheinbar einschiebt, und in Folge davon überträgt sich das n auf Fälle, wo in der älteren Zeit kein n bestanden hat. So finden sich in der SchweizVgl. Winteler, Kerenzer Mundart S. 73. 140. Verbindungen wie wo-n-i wo ich , se-n-iss so ist es, wie-n-e wie ein, so-n-e so ein, bî-n-em bei ihm, tsüe-n-em zu ihm. Die selbe Erscheinung findet sich im BadischenVgl. Heimburger, Beiträge z. Gesch. d. deutschen Spr. u. Lit. 13, 242. in Schwaben, z. B. in der Mundart der Gegend von Horb:Vgl. Kauffmann, Geschichte der schwäbischen Mundart § 190. bei-n-em bei ihnen, zue-n-ene zu ihnen, dî mâ-n-i dich mag ich, lô-n-ems lass es ihm, gei-n-ems gib es ihm, entsprechend im bairischen Schwaben und in einem angrenzenden Teile des eigentlich bairischen Gebietes:Vgl. Schmeller, Mundarten Bayerns S. 134. si-n-ist sie ist, wie-n-i wie ich etc. Auch im Kärntischen heisst es bâ-n-enk bei euch.Vgl. Lexer, Kärntisches Wörterbuch S. XIII. Im Altprovenzalischen ist die Nebenform fon zu fo (fuit) nach Analogie von bon - bo etc. gebildet.Vgl. Neumann, Zschr. f. rom. Phil. VIII, 257. Hierher gehört auch das n ephelkustikón, soweit es nicht etymologisch berechtigt ist.

In bairischen Mundarten wird nach Vokal zur gleichen Silbe gehöriges r zu schwachem e (a). Im Auslaut vor vokalischem Anlaut des folgenden Wortes erhält sich r, weil es hinübergezogen wird. Es heisst daher der arm, aber de jung, er is, aber e hât, mei brueder oder i, aber i ode mei bruede.Vgl. Schmeller, S. 141. Schwäbl, Die altbayerische Mundart § 34. In Folge davon entstehen auch Verbindungen wie wie-r-i wie ich, ge-r-e gehe er, dâ sie-r-i da sehe ich, kae-r-i kann ich, ae-r-i abhin = hinab.Vgl. ib. S. 142 und Lexer a. a. O. S. XII. Gleichfalls durch das Verstummen des auslautenden r hervorgerufen sind im Südengl. Verbindungen wie America-r-and England, idea-r-of. Entsprechend wird mhd. jârâ, nûrâ aus , + â zu erklären sein nach Analogie des Verhältnisses (aus älterem dâr) zu dârane, zu wârane, hie zu hierane, zu sârie. 120 Die satzphonetische Doppelformigkeit ist wohl dasjenige Gebiet, auf dem diese Art von Analogiebildung am häufigsten erscheint. Doch ist sie nicht darauf beschränkt. Wenn im Spätmittelhochdeutschen nach Abwerfung des auslautenden e aus zæhe, geschæhe, hæhe etc. zæch, geschæch, hæch entsteht, so liegt wohl schwerlich ein lautlicher Übergang des h in ch vor; die Formen haben sich vielmehr der Analogie des bereits vorher bestehenden Wechsels hôch - hôhes, geschehen - geschach etc. gefügt. Ebenso wird es sich verhalten bei sicht, geschicht (in älterer Zeit noch siht, geschiht geschrieben) aus sihet, geschihet.


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