Balder Olden
Madumas Vater
Balder Olden

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Heuschrecken und wilder Honig

Seltsam geformte, dichte Wolkensäulen wanderten durch die Steppe auf den Longido zu. Wildrudel, groß genug, so gewaltige Staubmassen aufzuwirbeln, hatten die Jungens nie gesehen.

Was nahte da: Reitermassen, marschierende Armeen?

Aber das war unmöglich. Die Weltgeschichte hatte vor vierzehn Jahren einmal fremde Legionen hier bewegt und gehetzt. Längst wieder gehörte die Steppe denen allein, die sie hervorbrachte, ihren Tieren, den Massai-Nomaden.

Eine Windhose also? Davon hatte Rudi oft gehört, nie aber eine beobachtet. Jedenfalls nahte Schreckliches – die Atmosphäre war voll Drohung, ein seltsam fremder Rhythmus bewegte die Luft. Die Staubwolken kamen wachsend näher, ihre Schatten fielen schon auf das Gebirge, und immer noch waren sie unerkennbar. Sie vereinten sich zum ungeheuren, 152 die Sonne verdunkelnden Ball: grau, langsam in der Bewegung und schicksalhaft schwerfällig! Etwas, das Unglück bringt.

»Heuschrecken? . . .« fragte Muhmadi zweifelnd. Von dieser ägyptischen Plage wußte er. Als er selbst noch ein ganz dummes Junges war, hatten Heuschrecken die Landschaft Boloti überfallen, Felder und Gärten kahl gefressen, im Lauf einer Stunde den Menschen das Brot und die Frucht, den Kühen und Ziegen das Futter, den Säuglingen die Milch geraubt, allen Preis der Arbeit von vielen Monaten, alle Nahrung, alles Glück für viele Monate.

Auf Rudis Lager zu stürmte der Wolkenball, wie dorthin gezielt. Dann wurde langsam aus der Wolke ein Schwarm, schwarz im Zentrum, dünner und blasser an den Rändern – ja das waren die Heuschrecken, »mzige«, das schreckliche Verderben! An ihrer Richtung war kein Zweifel: der Meruberg! Auch Muhmadi begriff das mit Entsetzen:

»Sie fliegen nach Boloti!«

Jetzt erkannte Rudi durchs Fernglas, daß in den hellen Rändern des Schwarmes Flügel und Beine sich regten. Jetzt summte es, schärfer und schärfer, jetzt war die Luft voll des ungeheuren Schwirrens von Millionen und Millionen großer Insekten, jetzt war der Himmel über der Felskuppe des Longido 153 verschwunden, undurchdringlich voll die Luft von ihrer Masse.

Es war unfaßbar, ein häßlicher Traum – Gestöber wie von Schneeflocken an einem nordischen Tag echtesten Winters, nur daß diese Flocken groß sind, zwölf Zentimeter lang eine jede, und rotbraun, fast zinnoberfarben.

Mit Klatschen fallen die Schwärme nieder, blindlings auf junges Grün und grauen Fels. Sie fallen auf Hände und Gesichter, Pastor Schukrins armer Kadaver ist goldbraun überdeckt, der Wald, die Hänge, die breite Fläche im Sattel des Longido, Bergwand und ein Streifen Steppe unten – alles rot, alles tot, alles der Vernichtung gegeben. In Rot und Tod liegt alles Land, wie im nordischen Winter alles weiß und gleißend ist, eingehüllt die Erde in ein neues, fremdes Gewand. Jeder Dornzweig, jeder Grashalm beugt sich unter fremder Last – Leib an Leib wiegen sich die Tiere und ruhen aus von einem erschöpfenden Flug durch viele Meilen Luft.

Diese Milliarden seltsamer Körper aber sind nicht blinde Masse – in jedem einzelnen lebt der Wille, sich zu erhalten. Zusammen waren sie wie Schnee, aber wo man in dies Ungeheure faßt, war nichts vorhanden. Selbst des flinken Muhmadi Hand griff nur in's Leere. Ging man über diesen rotleuchtenden 154 Teppich der Erde, dann zog sich plötzlich unter den Füßen eine grüne Straße – nicht ein einziges Tier kam in Gefahr, zertreten zu werden. Wo eben noch ein rotes Tuch zu liegen schien, hob sich ein rotes Schwirren und Stöbern . . .

Die Jungens erreichten ihre Höhle. Auch dort waren die Insekten eingefallen, aber sofort entschwirrten sie, die Menschenwohnung fegte sich rein, man konnte wieder atmen.

Rudi hatte zuerst gedacht: jüngster Tag, das Ende aller Dinge! Dann starrte er nur noch entsetzt und entzückt . . .

Uns Menschen geben Träume die Fähigkeit, dem Verstande Unfaßbares hinzunehmen, Grauenhaftem zu widerstehn. Wenn etwas geschieht, zu dessen Dimensionen selbst ein Traum sich nie erhoben hat, – dann stockt das Denken, versagen Kopf und Nerven. Aber jetzt, wieder in den Frieden seiner Höhle eingekehrt, fand Rudi zu sich zurück. Jetzt hieß es denken!

Ein Angriff böser Dämonen, des Sheitani, unsagbar tückisch und unwiderstehbar, drohte der jungen, alten Heimat! Was der Vater mit all seiner Kraft, all seinem armen Besitz bisher aufgebaut, sollte zerstört werden. Bettelarm würde er sein! Bettelarm sollten die Bauern und Arbeiter rings um Boloti 155 werden, auf die er angewiesen war, seine helfenden Hände, die Kunden seiner Duka.

Die Signallampe, rasch, die Signallampe!

Gottlob, das Kalziumkarbid hatte nicht gelitten, lag in festen, grauen Kristallen da. Wasser, aus dem Muhmadi eben Tee kochen wollte, floß in's Bassin – den Hahn geöffnet, Feuer an die Zündkerze! Bläßlich und ärmlich schwelte ein Flämmchen auf, wuchs, wurde stark, und jetzt fiel durch das gewölbte Glas soviel Licht in die Tiefen der Höhle, daß sie weiß und schimmernd kein Geheimnis mehr hatte. Rudi sperrte die Wasserzufuhr wieder und ließ das Licht verlöschen.

Sobald es dunkelte, wollte er Boloti anblitzen, unermüdlich, die halbe Nacht hindurch, bis Antwort kam; selbst wenn keine Antwort kam, immer wieder das Telegramm geben:

»Heuschrecken im Anzug auf Boloti, schon im Longido!«

Man konnte allen Busch zugleich in Brand stecken, durch den zwischen Longido und Boloti die Gerade sich zog. Ungeheure Rauchschwaden mußten morgen zum Himmel schlagen. Vielleicht scheuchten sie den Schwarm ganz vom Meru ab, sicher retteten sie den Ausschnitt Boloti! 156

Das Stativ wurde eingepflanzt, im letzten Strahl der Sonne Richtung genommen, es mußte haargenau stimmen. Da war eine neue Rodung im Urwaldgürtel, so rechteckig und charakteristisch wie kein anderer Punkt. Davor lag das alte Missionshaus, genau im Mittelpunkt, dorthin wurde gezielt.

Jetzt ging die Sonne, ihr letzter Schein fiel auf den milliardenkörperigen Teppich, entzündete sich in jedem dieser roten Panzer, die alle zugleich zum ungeheuersten Feuerwerk aufblitzten.

Da war die Plage zur Herrlichkeit geworden – dies tiefrot und grellrot Ineinanderfunkeln war von Feen erdacht, so über allem Schönen, daß man fast weinen mochte.

Dann verlosch das glutende Feld, verstummte die gleitende Welt dieser Farben, meldete sich fern das Nachtgetier mit Rufen, Pfeifen und Bellen –. Jetzt also hieß es handeln!

Die Lampe warf kaum ihren weißen Kegel zum Meru hin, die ersten Signale waren kaum gegeben, da meldete Muhmadi:

»Licht in Boloti! Licht in Boloti!«

Rudi setzte das Glas an, sah ein winziges helles Pünktchen dort, wo er Boloti wußte, eine Art Glühwurm von Sternlein, darin alle Herzen glühten, die ihn lieb hatten. 157

Er machte schwarz, der Glühwurm drüben verlosch. Ticktack, Punkt, Strich, gab er das Anrufzeichen. Zögerten sie drüben, arbeitete die andere Lampe schlechter? Es blieb eine Minute, zwei Minuten lang stumm in Boloti.

Dann war das Lichtfleckchen wieder da, blieb, verlosch, schrieb Striche und Punkte – heil, Viktoria, heureka, msuri ssana! Das Zeichen kam unverfälscht: »aufnahmefertig«.

Auf jedes Wort, das Rudi nun gab, kam die Antwort: »Verstanden!«

»Heuschreckenschwärme im Anzug, schon im Longido« meldete er. »Kannst du das Unglück abwenden, Vater?«

Muhmadi las und diktierte Buchstaben um Buchstaben die Antwort, Rudi malte sie auf sein Papier.

»Ich hoffe, ich kann es!«

»Bist du zufrieden mit mir, verzeihst du mir?«

»t–« »u–« »b–« »i–« . . .

Dann kamen unverständliche Zeichen, dann:

»a–« »v–« »e–«

»Tubi – ave?« . . .

Auf Station Boloti war eine Hemmung, es ging nicht weiter.

Dort schrieb die Mutter seine Buchstaben auf, die Maduma entzifferte und diktierte, dort hielt der 158 Vater die Schrauben, mit denen man lang und kurz sagt. Sie waren sich ganz nah, über die vielen Meilen und vielen Gefahren hin, Rudi und die Seinen, für die er ausgezogen war!

Aber was hieß das:

»Tubi ave?«

»Unklar, noch einmal geben« telegraphierte er zurück. Es dauerte lang, aber endlich stand untrüglich auf seinem Papier, von seiner Hand, von seines Vaters Herzen geschrieben:

»Du bist ein braver Junge, du und Muhmadi.« Welch eine Lust, Morsezeichen zu geben und nehmen. Die ganze Nacht hätte er so verbringen mögen. Es war, als strömten Milch und Kraft und Liebe aus den glühenden Pünktchen dort hierher in seine Armut. Das Fieber brannte nicht mehr, er war wieder stark. »Gregorius lebt in den Mutubatubergen. Er ist gesund, wir haben seine Diener gesprochen.«

Das Lichtchen flimmerte wie von Entzücken.

»Pastor Schukrin ist tot, Vater. Er war zu alt für diese Safari.«

»Seid ihr gesund?«

»Ein wenig krank, Vater. Aber es ist nicht schlimm.«

»Ich komme, euch holen.« 159

»Ich glaube, Onkel Gregorius wird uns holen.« Wohl eine Stunde lang hatte das herrliche Spiel gedauert.

»Gott behüte euch, Kinder,« war das letzte Wort von drüben.

»Kannst du noch gehen, mein Freund, den ich liebe?« Auf den schlanken Muhmadi gestützt, mit brechenden Knien, kam Rudi in seine Höhle, auf sein Lager zurück.

Sein Fieber wuchs neu, der schwarze Kamerad flößte ihm Tee und Milch ein – die Zähne klapperten, Muhmadis Feuer wärmte nicht. Riesengroß wurde die Nacht, als wäre es die letzte. Rudi schlief in kurzen Intervallen, kam wieder schreckhaft zum Bewußtsein. Mit taufeuchtem Gras wischte Muhmadi den Schweiß von seiner Stirn, gab ihm zu trinken . . .

Wenn diese Nacht wirklich die letzte war?

»Gott behüte euch . . .« »Du bist ein braver Junge.« »Wir sind stolz . . .« Was hätte ein Junge von noch nicht dreizehn Jahren mehr verlangen können, als so geehrt und gehoben zu sein? Was war da Sterben?

Die Nacht aber war gütig und tröstend, nahm langsam von Rudis Stirn die stechenden Schmerzen. Sie nahm den Schweiß von ihm, als auch Muhmadi 160 seiner Müdigkeit nicht mehr Herr war, labte seine heißen Lungen mit dem Balsam ihrer guten Kühle, gab ihm endlich einen festen, langen Schlaf. – –

 

Als Rudi aufwachte, lag Muhmadi nicht mehr an seiner Seite. Der Trinkbecher aber war sorglich gefüllt, der letzte, arme Zwieback bereitgestellt.

Rudi war schwach. So liegen zu bleiben – das tat gut! Tage und Nächte mochten so hingehen über seine Schwäche, er war ganz zufrieden.

Vor der Höhle sah er Muhmadi wie einen kundigen Gärtner durch rote Beete gehn, über den Heuschreckenteppich hin. Nachtfrost hielt die Insekten gelähmt, sie rührten sich nicht. Wenn er nach ihnen griff, lagen sie kalt und starr in seiner Hand.

Muhmadi trug einen Sack, wählte wie ein Kenner die größten Tiere aus, pflückte sie wie Beeren und ließ sie im Sack verschwinden. Mit dem gefüllten Sack kam er zurück, verwahrte ihn, pflückte das Kochgeschirr voll, holte Rudis Tropenhelm und brachte ihn gefüllt wieder herein. – Dann kamen leere Büchsen, verknotete Taschentücher voll Heuschrecken, Ernte um Ernte!

»Tschakulla für viele Tage, Bwana. Süße und gute Tschakulla!« 161

Er fachte ein tüchtiges Feuer an, nahm Butter aus der letzten Dose, riß den Heuschrecken die dünnen Beine aus, ließ ihnen aber die gewaltigen Springbeine, briet die Tiere knusprig.

»Medizin, Bwana!«

Die Speise riecht ein wenig fischig, erinnert an Krabbe, riecht zugleich süß nach Butter – trotzdem ekelt sie Rudi. Muhmadi aber schleckt und kratzt mit den Zähnen, gibt Wollustlaute von sich, stößt beseligt auf.

»Iß, Bwana, Daua ist vom Himmel gefallen, du wirst gesund werden!«

Es war lang her, seit Rudi nichts gegessen. Plötzlich erwacht der Appetit, er greift zu, er denkt nicht mehr daran, daß diese Speise eben noch Lebendiges war, empfindet es nicht. Sie ist fremd und neu, aber so knusprig und lecker wie etwas, das aus der Pfanne des besten Zuckerbäckers in Hannover kommt – nur eben ganz, ganz neu, ein unerhörtes Erlebnis der Zunge.

Rudi ißt, frißt beinah, fühlt neues Wohlbehagen aus dem geschrumpften Magen kommen.

Wie man Heuschrecken fängt, brät, verspeist – das alles wußte Muhmadi aus den oft wiederholten Erzählungen seiner Mutter. Eine Zutat hatte er vergessen, jetzt fällt sie ihm ein: Honig! 162

Unter Honigguß wurde die Delikatesse unbeschreiblich, ein Entzücken dem Gaumen!

Heuschrecken und wilden Honig verspeisten sie. Nach diesem Täufermahl schlief Rudi noch einmal ein, nur kurz, sein Körper brauchte Ruhe, die neue Kraft auszunützen, die dies phantastische Mahl ihm gegeben.

 

Die Sonne war schon ziemlich hoch, es war gegen zehn Uhr, als rauschend und schwärmend die Heuschrecken draußen den Abmarsch begannen. Rudi und Muhmadi sitzen im Eingang der Höhle – es ist ein Bild, das sie nie vergessen werden.

Die Tiere formieren sich in Schwärmen, aus dem riesigen Teppich, den sie gebildet haben, löst da und dort sich ein mächtiges Stück, hebt sich – es sieht aus, als flöge ein rotes Tuch in die Höhe, flatternd, dem Wind sich anschmiegend, wird höher geworfen, vorwärts gestoßen, segelt in die Wolken, wird blaß, eine Staubwolke, ein Dunst . . . Indes neue Schwärme, neue Völker aus dem Grün des Berges steigen.

Eine Stunde vergeht so, dann ist alles Rote dahin, der Berg grün und grau, wie er zuvor war, der Zauber verschwunden. 163

Ihm folgt, daß die Augen kaum folgen können, ein neues, unfaßbares Wunder: die roten Wolken werden von weißen gejagt!

Was da flügelgewaltig und in mächtiger Wolkengestalt heran kam, waren Schwärme von Störchen. Sie strichen tief über den Longido hin, in's Schneeweiß ihrer Gefieder gleißte das Tageslicht. Die roten Ständer weit zurückgelegt, die roten Schnäbel ein wenig geöffnet, mächtig ausgreifend, verfolgte Zug um Zug der Wandervögel die Schwärme der Wanderinsekten.

In ihren Formationen flogen andere Vögel mit: etwas kleinere Vögel mit mächtigen Pelikanschnäbeln, blauschwarz befiedert. Auf den viel kürzeren, aber mächtiger gebauten Flügeln hielten sie Schritt mit den Störchen, die vor Wochen vielleicht noch in der Heide gewohnt, in Holstein oder Hannover, die schnell wie Aeroplane und ihres Weges sicher Europa und Afrika durchquert.

Sie hatten gestern gewaltige Heuschreckenmahle verzehrt, irgendwo gerastet, den Abflug ihrer Beute ruhig abgewartet. Die langsamere Insektenwolke entging ihnen nicht – gemächlich würden sie die Beute erreichen, im Schweben verspeisen, was ihnen gut tat, zwischen Himmel und Erde unerhört und aus der Überfülle schwelgen. 164

Sie sind Tausende, immer neue Heerscharen ziehen schimmernd durch die Luft, fast geräuschlos, sehr majestätisch, obwohl Freßgier sie treibt.

Aber ihre Zahl, mögen es selbst Zehntausende sein, ist doch viel zu gering, dem Milliardenzug der Heuschrecken Abbruch zu tun. Unzählbar die Fresser, unabsehbar der Fraß! 165

 


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