Balder Olden
Madumas Vater
Balder Olden

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Schukrins spielen Afrika

Mitten in Deutschland, in einer so untropisch deutschen Stadt wie Hannover, hatten Schukrins sechs Jahre lang Afrika gespielt. Vater Schukrin, der als Missionar bei den Schwarzen »Bwana Kitabu« geheißen hatte, »Herr Heiliges Buch«, konnte es sich nicht abgewöhnen, statt Straße »Barabara« zu sagen, statt Mahlzeit »Chakulla«, sich auf die »Kitanda« zu legen, wenn er müd war.

Frau Schukrin sprach das schönste Norddeutsch mit spitzem St und Sp, wenn sie Kaffeegesellschaft hatte und ihr schwarzseidenes Kleid trug, das alte, ererbte und zwanzigmal umgearbeitete. Aber in der Küche ging noch alles in der Negersprache. »Ich bin mein eigener Mpischi« sagte sie, wenn sie kochte. »Lete Bilauri ya Massiva« rief sie ihrem Rudi zu, wenn er ein Glas Milch holen sollte. 10

In die Schule ging Rudi wie ins ferne Ausland. Er war in Latein schon bei Julius Caesars gallischem Krieg, fand aber den Krieg in Afrika, an dem sein Vater vier Jahre lang teilgenommen, als gemeiner Soldat, er der alte Pfarrer tausendmal interessanter und kannte ihn besser in jeder Einzelheit.

Wie die Soldaten auf einsamem Posten Grashütten gebaut, von Wildfleisch und Maismehl gelebt, wie sie aus einer bestimmten Grasart Salz gewonnen, wenn die Zufuhr stockte, in Termitenhaufen ihre Backofen gegraben und Maisbrot gebacken hatten, das alles wußte er haargenau, denn jeden Abend, wenn Bwana Kitabus Arbeit getan und Rudis Schulbücher für morgen früh schön sauber im Schulranzen verpackt waren, fing ja das wahre Leben an: Karten lagen auf dem Tisch, Photographien, ganze Mappen voll. Rudi fragte, der Vater erzählte, die Mutter erzählte, und Rudi selbst erzählte zuletzt am lautesten und meisten. Er war ja schon Sechs gewesen, als die Mutter und all die in Kriegsjahren zusammen geflüchteten Pflanzerfrauen und -kinder das Missions-Paradies am Meru verlassen mußten, mit verschleierten Augen und in Angst vor »Uleia«, dem kalten, fremden Europa, das »kulä kulä« lag, weit, weit fort von ihrer 11 Herzensheimat am Meruberg, dem schneegekrönten Bruder des Kilimandscharo. Er erinnerte sich an alles so gut: an seine schwarzen Spielgefährten, die Boys im weißen Kanzu, das Brüllen der Löwen aus der Steppe und das strahlende Haupt des Kilimandscharo im Mondglanz.

»Umbukwe!« »Kommt wieder!«, hatten die schwarzen Bauern und Diener, ihre Frauen und Kinder ihnen nachgerufen, plärrend und traurig, als auf Eseln, in Tragmatten, in Rickschah-Wägelein, von Schwarzen gezogen, der traurige Zug sich in Bewegung setzte, von englischen Soldaten geleitet und beschützt.

Damit schloß jeder Abend: »Tunarudi«, »wir kehren zurück«, ehe es in die Kitanda ging.

»Laß uns zurückkehren, lieber Gott« war der Schluß für jedes Nachtgebet.

Der Papa war jetzt Sechsundfünfzig und Student. Er studierte alles, was ihn für Afrika noch verwendbarer machte, als er je gewesen: Ackerbaukunde und Tierheilkunde, Botanik und Mineralogie, denn eine deutsche Mission würden die neuen Herren in Afrika nicht erlauben, das wußte er. Er wollte als Pflanzer und Viehzüchter wieder anfangen, wo er Seelenhirte und bewaffneter Reiter gewesen. Eines Tages wurde er Doktor, ein junger Doktor 12 mit weißem Bart, hatte vor dem Examen mehr Angst gelitten als vor den Schlachten in Afrika, aber siegreich bestanden.

»Tunarudi sassa?« hatte Rudi gefragt – was nützte dem Papa all sein neues Wissen, wenn er hier bleiben mußte, in Uleia, wo man keinen Kaffee und keinen Kautschuk, kein Sisal, keine Kokosnuß pflanzen kann!

Als hätte der liebe Gott, den die Schwarzen Mungo nennen, gerade diesen Tag bestimmt; als wäre es »amri ya Mungo«, Gottes Befehl, gewesen, daß der alte Herr Schukrin sich noch einmal auf die Schulbank setzte und im Wettbewerb mit den jungen Studenten seine Kolleghefte vollschrieb, seine Doktorarbeit in Angst und Schweiß machte, um ihm dann erst den großen Wunsch seines Herzens zu erfüllen: kaum war das Examen bestanden, als auch der große, wichtige, erbetete und ersehnte Brief aus England eintraf.

Rudi ging in die Schule und hatte zwei Stunden lang sein Geheimnis, länger trug er's nicht, es hätte ihm das Herz abgebissen.

»Wir fahren heim, nach Boloti!« vertraute er in der ersten Pause seinem Intimus an. »Sag's noch keinem.« 13

Die Angst war so furchtbar, es könnte doch und doch noch etwas dazwischen kommen.

Wie stünde man da, wenn alle es wußten und doch nichts daraus wurde!

»Wenn ich heut ein Tor schieß, wird's« sagte er vor sich hin und trieb als Links-Außen seinen Fußball unwiderstehlich, das Herz in Aufruhr.

»Wenn ich bei den unregelmäßigen Verben morgen stecken bleib, wird's nicht . . .«

Er lernte auswendig, beide Fäuste an die Ohren gepreßt, als wären die unregelmäßigen Verben das Wichtigste für einen Jungen in Boloti am Meruberg.

Sie wußten's bald alle, die Jungens von Quarta bis Untersekunda, daß Rudi Schukrin »heim« nach Afrika durfte. Nur die Sextaner und Quintaner sollten's nicht wissen, damit es ein bißchen Geheimnis blieb. Traurig war keiner, obwohl Rudi als guter Kamerad galt. Es war auch sein Verdienst, daß seine Untertertia, nur seine Untertertia, nie Indianer oder Räuber oder Weltkrieg spielte, sondern nur Löwenjagd oder Longidoschlacht oder Aufstand der Massai. Bei den Spielen hießen sie nicht Freund und Feind sondern »raffiki« und »adui« – in dieser Schule wurde überhaupt viel 14 Kisuaheli gesprochen. Aber gerade deshalb gönnte jeder Rudi sein Glück. Das war ja nur ein Abschied auf wenig Jahre! In dieser Untertertia war kein Junge, der nicht, spätestens nach dem Einjährigenzeugnis, seinen Tropenkoffer für Afrika packen würde. »Jetzt finden wir auch den Onkel, ganz sicher finden wir den Onkel wieder, Mama!«

Das war der Schmerz, der in Mutters und Vaters Herzen neu ausbrach, als ihnen nach sechs Jahren voll Harren und Hoffen Afrika wieder in Sicht kam: Onkel Gregorius! Mamas Bruder und Vaters Freund – der war jung gewesen, ein so glühender Freund der Schwarzen, daß sie keinen besseren hatten, so närrisch verliebt in afrikanische Sonne und afrikanische Steppe, daß er oft gesagt hatte: lieber tot als zurück nach Uleia!

Er war an Vaters Seite in den Krieg gezogen, als es sein mußte, und hatte tapfer gedient, obwohl Malen, Mundharmonika blasen und Bücher lesen sein Glück war, nicht anderer Mütter Söhne wie ein Jaguar belauern, nicht Schießen und Schlagen, schwarze Hirtenjungens zu Rekruten drillen.

Rudi kannte sein Schicksal, als wäre er damals, vor zehn Jahren, nicht ein dummes Baby gewesen, sondern Onkel Gregorius' bester Freund.

Bwana Kitabu und Onkel Gregorius Bergner, den 15 seine Leute Bwana Raffiki nannten, den guten Freund-Herrn, waren bald getrennt worden. Während der Vater, damals schon graubärtig und schwer von Gewicht, aber der beste Schütze und so stark, daß die Kraft seiner Hände weithin bekannt war, an der Spitze der Reiter Kundschafter-Dienst tat, wurde Onkel Gregorius weit von der Truppe fort auf einen Posten im Urwald geschickt. Er war glücklich, wenn weit und breit kein Offizier und kein weißer Kamerad war – mit sechs Askari, schwarzen Soldaten, einem Dutzend Trägern, seinem Koch und seinen Dienern war er dann wie mit einer lustigen, bunten, großen Familie.

Tapfer, ob Löwen ums Lager brüllten oder Schüsse in der Nähe fielen, war Fatuma bei ihm geblieben, seine dunkelhäutige Frau aus Araberblut, die einen weißen Gott in ihm sah, und die er lieb hatte wie den Urwald, die rauschende Steppe und alles, was sanft, goldäugig, anmutig durch diese Steppe zieht: die kleinen Kongoni-Antilopen, die großen grotesken Hartebeest-Antilopen, die Giraffen, Zebras, Klippspringer und Zwerg-Antilopen. Ein Junge wie Rudi konnte diese Liebe verstehn!

Er ging oft in den Zoo, nur um diese Freunde, die Freunde des verschollenen Onkels Gregorius, zu sehn und mit Blicken zu streicheln. 16

So wahr der Wind dort unten noch über glühende Steppen strich und alles, alles auf ihn wartete, wovon er träumte: so wahr mußte Onkel Gregorius leben! Er und Afrika waren doch eins.

Er war krank gewesen, hatte sich mit seinem sterbenden Leutnant den Engländern ergeben und fiebernd im Spital gelegen. Aber das Schicksal der anderen Gefangenen hatte er nicht geteilt: die waren über den Ozean gebracht worden, um in Indien gefangen zu sitzen, viele, viele Jahre lang. Onkel Gregorius war vor dem Abtransport verschwunden, spurlos – keiner seiner Kameraden konnte erzählen, wohin; kein Mensch wußte, ob freiwillig oder gezwungen, ob er das Ende des Krieges erlebt hatte oder damals schon unter afrikanischer Erde lag.

Keiner seiner Kameraden wußte etwas von ihm, auch Fatuma nicht. Sie hatte sich ja, lange schon, von ihm trennen müssen. Eines Tages war sie auf der Mission erschienen, um dort zu warten, bis ihr Bwana heim durfte, zu ihr! Um seine kleine Tochter kennen zu lernen, die in Boloti zur Welt kam.

Fatuma war in Mamas Bett gestorben, das Baby im Arm, die Augen immer zum Fenster gerichtet, ob er nicht käme, ihr Bwana, ihr weißer Abgott. Gregoria hieß dies mutterlose Baby, das so weiß 17 wie Rudi auf die Welt gekommen, mit glattem, blondem Haar, aber dessen zarte Haut sich langsam bräunte wie kunstvoll angerauchter Meerschaum. Mama hatte sie mitgenommen, als der Befehl kam, Boloti zu verlassen, Afrika zu verlassen . . . Aber der Befehl galt nur für weiße Frauen und weiße Kinder. Ein anderer Befehl gebot ebenso bestimmt, daß dies braun überhauchte Mädchen, als »native«, blieb, wo es geboren war. Es galt als »Eingeborene«. Treue Neger versprachen, für Bwana Raffikis Töchterlein zu sorgen. Sie hatte schon mitlaufen können unter den Abschiednehmenden, und ihr klagendes »Umbukwe« schnitt Mama ins Herz, daß sie den Klang nie vergaß.

Onkel Gregorius galt als tot, denn acht Jahre lang hatte man nie von ihm gehört. Er durfte trotzdem nicht tot sein!

Auch von Gregoria hatte man nie gehört, nie ein einziges Wort.

Rudi schwur: »Sie leben beide, Mama, ich versprech dir's«. 18

 


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