Balder Olden
Madumas Vater
Balder Olden

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Maduma lernt Schreiben

Zu Sefu, dem alten Boy aus kriegerischen Tagen, gesellte sich Mann um Mann aus den Dörfern von Boloti, bei dem alten, vertrauten, lieben Bwana Heiliges Buch Arbeit zu tun. Alle kamen gern, die je bei ihm gearbeitet oder in seiner Missionsschule das Alphabet, die Bibel, Gemüsebau erlernt hatten. Sie mußten andere Arbeitsverträge lösen, andere Arbeiten aufgeben, es ging nicht rasch. Nach Abzug der zwölf starken Männer von Aruscha hatten Schukrins mit ein paar kleinen Negerjungens, die sich zum Koch oder Boy ausbilden wollten, lange Zeit allein in ihren üppigen Grasschlössern gesessen. Dann aber kamen Männer, spannten ihre Zebuochsen in den Pflug, rissen die Krume der Erde auf. 43

Das Pflanzen begann, endlich begann es!

Schukrins wohnten noch immer im Zelt, aber die beiden Zelte standen in einer Ecke der Grashäuser. Über dem Zeltdach wölbte sich ein zweites, großes Dach aus Leinwand, und darüber kam der Giebel des Grasdaches. Das war sicherer Schutz für die große Regenzeit: unter diesem dreifachen Schirm würde man sicher sein, wenn Wolkenbruch um Wolkenbruch niederging.

Die Veranda vor diesem Haus war ausgestattet wie die Halle eines vornehmen Hotels, mit schwellenden, tiefen Klubsesseln und Polsterbänken. Natürlich waren diese Prunkmöbel aus Knüppelholz und Gras gefügt, aber das war gerade das Schöne daran, denn man brauchte sie nicht zu schonen.

Diese Veranda war Speise- und Wohnzimmer, vor allem aber Schule, Schule, Schule! Rudi hatte nur unter einer Bedingung mit den Eltern nach Afrika auswandern dürfen: daß er bis zur Obersekundareife weiterlernte.

Seine Lektionen bei dem Vater dauerten oft nur zwanzig Minuten, höchstens eine halbe Stunde, waren ziemlich willkürlich über den ganzen Tag verteilt. Ein so guter Lehrer der Vater war, er hatte viele Dinge zu bedenken, mußte rechts und links die Augen haben, immer zu sprechen sein. Um so mehr 44 hatte Rudi selbst zu lernen, sein eigener Lehrer zu sein! Acht Tage Ferien und Afrikaglück – da begann schon diese Prüfung auf seine innere Reife. Eine Prüfung, die zwei Jahre lang dauern sollte! Denn in zwei Jahren etwa sollte Rudi nach Deutschland reisen, um sein Examen zu machen. Man würde sehen, ob er sich dann zu einem Studium entschloß oder Pflanzer wurde. Merkte der Vater aber vorher, daß Rudi seine Arbeit lässig betrieb, dann hieß es unerbittlich: zurück nach Hannover! Mochte der Urwald aus tausend Kehlen rufen, das Pori in allen Farben locken – Rudi hockte Tag um Tag seine Stunden ab, bis in jedem Fach ein neues Steinchen zum Bau der Obersekundaweisheit herbeigetragen war. Wenn er selbst sein Tagespensum beendet glaubte, durfte er die Bücher zusammenpacken, ohne zu fragen. Latein ging noch, aber Mathematik wollte nicht in seinen Kopf. Es mußte, Rudi war unbarmherzig gegen sich selbst. Bald aber saß er länger im Schulzimmer, als sein Ziel forderte: vom Schüler war er plötzlich Lehrer geworden! Maduma, Muhmadi und ein paar andere Bolotikinder saßen artig vor ihm, wenn er an die schwarze Tafel das ABC malte, aus einer richtigen Fibel in Kisuaheli-Sprache schreiben und lesen lehrte. 45

Dabei wurde Maduma Zwang angetan – zum Unterricht mußte sie kommen, mochte sie auch sonst einen Bogen um Schukrins Haus und Garten machen, mochte sie aus ihren goldenen Augen noch so böse und gleichgültig in die blauen Augen der großen Mamma starren. Sie gehorchte, denn sich strafen zu lassen, war Maduma viel zu stolz. Von ihren schwarzen Pflegeeltern wurde sie wie eine Prinzessin gehalten!

Seltsam; sie kam nicht nur zum Unterricht, dessen Oberleitung natürlich die große Mamma hatte, – sie paßte auch auf wie selten ein europäisches Schulkind, war ehrgeizig, ihren Mitschülern immer voraus zu sein. Das war schwer: die schwarzen Kinder kamen so leicht vorwärts, als würde das Wissen ihnen mit dem Nürnberger Trichter eingeflößt. Schulmeister Rudi fing an, sich für ein pädagogisches Genie zu halten, wenn er die Fortschritte seiner Schüler mit denen verglich, die er selbst als ABC-Schütze gemacht hatte.

Bald kappten die Eltern ein wenig seinen Stolz. Es sei altbekannt, daß schwarze Kinder sich viel rascher und leichter entwickeln als weiße, alle Anfangsgründe spielend lernen.

»Auf einmal ist dann Schluß« erklärte der Vater. 46 »In einen fünfzehnjährigen Negerkopf geht fast nichts mehr hinein.«

Im Europäerhaus mußte Maduma ein Gewand tragen, eins der bunten Tücher, die ihr die hohe Mamma aus Europa mitgebracht hatte. Sie schämte sich anfangs – blank und braun, nur ein Band um die Hüften wie die Negerkinder, erschien sie mit ihrer Tasche, mit Fibel und Tafel, zum Unterricht, kam täglich ganz urwaldscheu aus dem Glanz der Morgensonne. Dann saß sie verhüllt, als wäre ihr kleiner Körper zu schlecht, sich zu zeigen. Nach dem Unterricht ging es blitzschnell wie bei jenem ersten Besuch: herunter das »Lappalapp«, das nur Erwachsenen zukam, in Falten gelegt und verwahrt! Danach auf nackten Füßen, flinker als die Buben, in ihren Urwaldschatten zurück! Die deutschen Worte, die sie als ganz kleines Kind schon gehört, flogen ihr zu wie Lesen und Schreiben. Sie verstand alles, was Mama und Rudi sich sagten, verbarg auch keineswegs, daß sie es verstand. Aber sie selbst sprach nur Ki-Suaheli.

Einmal drohte die große Mamma mit der Rute: du sollst die Sprache deines Vaters sprechen!

Es war eine frische, eigens für diese Unterredung geschnittene Rute!

Maduma bebte und weinte nicht. Ihr Gesichtchen 47 wurde so hart wie sonst nur das Gesicht eines alten Menschen, der viel Enttäuschung gelitten hat. Ihre Pupillen verkrochen sich starr in den Augenwinkeln, nur in ihrer spröden Stimme zitterte etwas, nicht Angst, sondern Haß:

»Ich will meinen Papa zurück!«

Eben noch hatte Mama ganz ernst daran gedacht, Maduma eine Mutterlektion zu geben, so scharf, daß das Kind sie nie vergessen würde. Sie war müde des Bettelns und Werbens, sie war gekränkt, als wäre Maduma eine erwachsene Frau.

Jetzt – auf diesen Ruf voll Haß hin – kniete sie plötzlich neben Maduma, schlang beide Arme um sie, küßte und weinte über das Meerschaumgesicht hin. Es war ja so traurig, was sie jetzt erlebt hatte! Hundertmal wohl, immer vergeblich, hatte sie nach Gregorius gefragt! Immer noch hoffte sie, daß er doch noch lebte, irgendwo atmete. Auch das Kind also hoffte noch.

Maduma aber litt nur Umarmung und Zärtlichkeiten, erwiderte sie nicht. Der Krampf aus ihren Gliedern löste sich, Kinn und Ellbogen wurden weich, als sollte sie ohnmächtig werden. Schon dachte Frau Schukrin an Riechsalz und Baldriantropfen, da war der Anfall vorüber.

Einen Schritt trat Maduma zurück, legte ihr 48 Gewand ab, war nackt so stolz und schön wie eine junge Gazelle. Sie sah Frau Schukrin und ihre Rute nicht, als sie trotzig wiederholte »Meinen Papa!« und dann wie eine Siegerin davonging. Brot, Milch und Früchte waren ihr keinen Blick wert, der Hirsebrei in der Schensihütte war ihr lieber.

Im Rücken hörte sie, ohne sich umzuwenden, der großen Mamma helles Weinen und Rufen »Maduma! Maduma!«

»Liebt sie uns gar nicht, Muhmadi?« fragte später die hohe Mamma den Freund und Bruder ihres Bruderkindes.

Vorsichtig und abwägend, ein echter Neger, erklärte der Bub:

»Sie liebt euch sehr, aber sie haßt euch ein wenig.« 49

 


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