Balder Olden
Madumas Vater
Balder Olden

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»Großes Jambo und viele Salaam«

Am Fuß des Longido: ein grünes Wäldchen, aus dem schwarze Granitwände steil sich reckten, in Felsmassiven ein Quell glasklaren Wassers – das war die Südwasserstelle, an der Rudis Vater und Onkel Gregorius einst ihre Feuertaufe empfangen. Rudi erkannte die Stelle wieder, als hätte er damals mit tödlich erschrockenen Askari tödlich erschrockenen englischen Reitern jählings gegenüber gestanden, als hätte er mit gesehn, wie man hier die Schar hölzern-steifer Gefallner, Weißer und Schwarzer, Mann an Mann reihte, ihre beiden Gräber schaufelte. Hier ließ er sich nieder, weiter kam er nicht.

»Weg die Stiefel, Muhmadi!«

Der gehorchte, ohne nachzudenken.

Nun kühlte der Gebirgsquell diese wunden, von Sandflöhen zerstörten, tapferen Füße, denen Rudi mehr zugemutet, als sie ertragen konnten. 145

Gebirgswasser kühlte seine fiebergequälte Stirn, der heißen Sonne gab er nackt zur Heilung den kranken, wie von Messerhieben durchzuckten Leib, während sein armer Kopf im Schatten ruhte.

»Milch, Muhmadi!«

An Daua hatte Rudi nicht gedacht, als er zur großen Fahrt gerüstet – damals war doch die Steppe eine einzige Lust, damals strotzte sein Körper von Kraft, damals war er ja um so viele Tage jünger gewesen. »Milch –« war alles, was er von Behandlung solcher Krankheiten wußte. Aber Milch und Sonne, das war keine schlechte Kur. Allgäuer Büchsenmilch, in reinstem Wasser ausgekocht, floß lindernd durch die Därme, in denen rote Blutkörperchen energisch den Abwehrkampf gegen freche Parasiten, Mörder und Zerstörer, aufgenommen hatten. Die Sonne kommandierte das Blut herbei, dorthin, wo der Kampf geführt wurde, warf Armee um Armee der roten Verteidiger in die vordersten Reihen. Es half ihnen, daß Rudi an Sterben nicht denken wollte! Der klammerte sich mit allen Gedanken an sein Ziel, Onkel Gregorius zu finden, gab sich Fieber und Schmerzen nicht hin. Ein Schwächling hätte die Glieder von sich gestreckt und das Ende erbetet. Aber ein mutiges Herz ist nicht waffenlos gegen Krankheit und Schrecken. 146

Als die Sonne wich, glaubte Rudi sich stark genug, nicht den Berg zu erklimmen, aber stark genug, sich hinauf schleppen zu lassen.

Der Tragsattel blieb zurück, Zeltpläne und Bittonglast, Gewehre und Patronen, die Säcke mit Mehl und Säckchen mit Salz, alles, was die Jungens nicht am Leib tragen oder in einen länglichen Beutel stopfen konnten, der über Pastor Schukrins Schultern gelegt wurde. Unentbehrlich waren nur noch die Signalapparate, Spiegel und Fahrradlampe, das Säckchen Kalziumkarbid, die Stative. Davon blieb nichts zurück.

Von einem Felsblock aus erkletterte Rudi den armen, redlichen, vom Sattel wund gedrückten Rücken des Maultiergreises. Zwei Woilachs unter sich, saß er nicht schlecht, lag halb vorn über Pastor Schukrins Hals, die Hände in seiner ergrauten Mähne.

Muhmadi nahm die Trense, zog an, denn von selbst ging der Alte, auch unter der geringeren Last, nicht mehr. Er fühlte: dies war sein letzter Dienst.

»Habt ihr mich so weit, Jungens?« dachte er. »Ich hab's voraus gewußt.«

Er bewegte seltsam den Kopf, schnüffelte den Boden ab, hob tastend den Huf vor jedem Schritt. Kein Schimmer Licht fiel mehr in seine Augen. 147

»Ist es Nacht, oder bin ich blind?« fragte er sich. Aber unter Negern ergraut und schicksalsergeben, trug er bergauf die letzte Last. »Heisuru!«

So ging's durch Dickicht und ängstlich über Felsplatten, Muhmadis Augen quälten sich, den richtigen Einstieg zu finden. Wenn er in den Urwald geriet oder sich an Hänge verirrte, die oft senkrecht in die Tiefe brachen, war alles umsonst und verloren.

Er suchte nicht lange, von Rudi, der sich mühsam hielt, kaum unterstützt.

»Barabara!« verkündete er mit glücklichen Augen. »Der Weg!«

Ein richtiger Fußsteig, oft gegangen, zog sich unverkennbar den Berg hinan!

Muhmadi suchte den staubigen, steinigen Weg nach Fährten ab, forschte rechts und links in's Buschwerk, viele Minuten lang. Er kauerte sich manchmal nieder und studierte mit gerunzelter Stirn, maß und prüfte mit seinen kleinen schwarzen Pfoten. Dann meldete er:

»Leute, Bwana Rudi! Drei Leute mit Sandalen und zwei Esel mit Lasten, aber viele andere Esel . . .«

»Wann?« schrie Rudi beseligt.

»Vor kurzem.«

»Heute? . . .« 148

Mehr verriet die Wegspur nicht, als daß spätestens gestern drei Männer in Sandalen, also zivilisierte Schwarze, mit beladenen Eseln den Weg gegangen. Es konnten nur Gregorius' Leute sein, oder er selbst . . . Afrikanische Reiter behaupten:

»Ein Pferd geht, bis es tot umfällt, ein Maultier aber, bis sein Reiter tot aus dem Sattel fällt.« Blind, lahm und gedrückt, fand Pastor Schukrin auf diesem langen ansteigenden Pfad, den er vor vielen Jahren oft gegangen, noch einmal Kraft! Sein ängstliches Tasten hörte auf, was die Esel an Losung und Spuren zurückgelassen, fand seine Nase so deutlich heraus wie Muhmadis Auge und erfreute sein Herz. Wo diese Vettern gegangen, konnte auch er gehn, den Weg zum Longidolager, den er so oft bezwungen, bezwang er noch einmal. Dort oben kam Ruhe! Noch zwei Stunden schätzte er nach der Erinnerung, noch eine Stunde, noch eine halbe . . .

 

Beinahe war das Lagerfeuer der Sandalenträger erreicht, als Pastor Schukrin in die Knie sank. Der Gipfel des Longido war bestiegen, ringsum lag die Steppe frei dem Blick, wild übermalt vom letzten Sonnenpurpur.

Rudi sah mit trunkenen Augen um sich: dort der Meru im Süden, dort im Norden das Matu-Batu 149 Gebirge . . . Hier war es, an diesem Feuer, wo die Kunde von Gregorius wartete, Hand sich in Hand schloß. Da tat Pastor Schukrin sich nieder, würgte und machte sich steif. An seinem Hals schluchzte Rudi:

»Stirb nicht! Stirb nicht!«

Nicht einmal den Gnadenschuß konnte er seinem standhaften Reittier geben, er hatte keine Waffe mehr. Aber Pastor Schukrin war nicht verzärtelt, hatte dem Leben getrotzt und verlangte zum Sterben keine Hilfe. Er warf sich zur Seite, zuckte im letzten Herzschlag noch einmal. Sein brav verdienter Tod kam ohne Qual.

 

Als Erster trat Muhmadi zu den Fremden:

»Salaam, vielen Salaam und großes Jambo! Mein junger Herr ist Rudi, des Bwana Heiliges Buch in Boloti hochgeborener Sohn, und ich bin Muhmadi, sein Diener. Wer seid ihr? Wohin?«

Die lagernden Neger sprangen auf, legten an ihre Stirn salutierend die Rechte:

»Großes Jambo und viele Salaam, Bwana Rudi und kleiner Muhmadi. Wir sind Leute des Sudanesen Bwana Jussuf bin Jussuf, Herr der Viehherden im Matubatu-Land.«

»Allah!« 150

Rudi schrie auf vor Glück, stützte sich zitternd auf Muhmadi.

»Lebt Bwana Raffiki vom Stamme der Deutschen bei Bwana Jussuf bin Jussuf?«

»Auch du bist vom Stamme der Deutschen, junger Herr aus Boloti?«

»Dein Wort ist wahr, ich bin vom Stamme der Deutschen.«

»Dann sei es dir kein Geheimnis, daß Bwana Raffiki der Herr über uns alle ist, auch über Jussuf bin Jussuf, den Sudanesen. Wir haben für ihn viele Lasten Käse und Butter auf den Markt in Moschi gebracht und gegen Dukaware getauscht.«

 

In der berühmten, weiten Longidohöhle, die bald gefunden war, lagerte Rudi in seinem Woilach am Feuer und schlief als ein Glücklicher. Mit dem ersten Licht zogen Gregorius' Diener von dannen, so schnell ihre Esel zu treiben waren, ihrem Herrn die wichtige Kunde zu bringen:

»Deines Bruders junger Sohn, hoher Herr, erwartet dich in der Longidohöhle. Er lebt, aber er ist krank, und sein Maultier ist tot.« 151

 


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