Balder Olden
Madumas Vater
Balder Olden

 << zurück weiter >> 

Kulä, kulä blaute ein Hügel

Diesem Entsetzen folgte ein Morgen, so voll Sonnenpracht und Frische, daß Herz und Lungen, jedes Organ des Leibes für sich, wie mit Entzücken zu arbeiten schien.

Ein nie erlebtes Glücksgefühl drängte zum Wandern, zum Singen und machte aus jedem Handgriff, sonst als Arbeit empfunden, ein Fest.

Den schweren Tragsattel auf Pastor Schukrins Rücken zu bringen, war fast unmöglich. Aber es ging doch unter »Heil« und »Ho« – er wurde unter einen Baum geschleift, an einem Ast emporgewunden und fiel dann sanft auf den geduldigen Rücken.

Kochen, Geschirr waschen, packen, alles war Spiel. Boloti nochmals anzublitzen, hatten die Jungens nicht versucht. Ehe die Sonne hoch genug stand, um Lichtbriefe zu schreiben, wollten sie ein gutes 124 Stück Weg hinter sich gebracht haben. Ihr Vorsprung, falls sie verfolgt wurden, war nicht mehr groß genug.

Als Rudi die Stiefel anzog, merkte er freilich, daß der zweite Marsch an Schweiß und Plage teurer werden sollte, als der erste. Seine Füße schmerzten, die Knie brannten, in den Hüften saß bleierne Müdigkeit. Der Karabiner, gestern noch sein Stolz, mit Freuden getragen, wuchtete heut über die Schulter und zog seinen Körper schief.

Von diesen Qualen wußte Muhmadi nichts. Er hatte täglich, seit er laufen konnte, viele Kilometer zurückgelegt; wie junge Tiere, die hin und her toben, nur um die Kraft ihrer Glieder zu fühlen, rennt so ein Negerjunge durch die Welt. Rudi war immerhin Tertianer – das Wissen für Obersekundareife zu sammeln, war nur einem sitzenden, viele Stunden des Tages abhockenden Menschen möglich. Seine Wege zum Negerdorf, zur Telegraphenstation am Urwaldrand, seine Pürschgänge am Sonntag – all das war kein Training für solche Märsche gewesen.

Kulä, kulä blaute ein Hügel in der Steppe, der etwa die Hälfte des Weges zwischen Boloti und Longido markierte. 125

Zuckerhutförmig lag der Muckel im Pori, kahl wie rasiert schien er durch's Glas, und nichts an ihm reizvoll. Trotzdem: dieser Zuckerhut mußte heut erreicht und erstiegen werden.

»Nie wieder eine Nacht in der Steppe!« schwur sich Rudi zu, gelobte es seinem Kameraden und dem alten Vierbeiner, der übrigens auch steifer und schwerer noch als Tags zuvor ging.

Nach einer Stunde Safari waren die Konturen des Zuckerhuts um nichts klarer und näher geworden – nach zwei, drei Stunden, als die erste Rast kam, lag er noch immer kule–e–e–e, kule–e–e–e.

Muhmadi kochte und wirtschaftete mittags allein, an einem der hellen Teiche, die von der großen Regenzeit her gnädig noch standen. Rudi lag auf dem Rücken. nur den Tropenhelm übers Gesicht gedeckt, das Khakihemd halb offen über der rot gebrannten Brust. Er war zu müd, war sterbensmüd.

Das konnte Muhmadi nicht übel nehmen, – nur die erste Viertelstunde mußte Rudi sich gönnen! Dann wollte er überall die Hände rühren. Aber schon hatte der Schlaf ihn fortgetragen, weit fort, in bessere, leichtere Tage.

So tückisch fern der Zuckerhut lag, so boshaft der Weg sich zog – ehe es Abend wurde, standen sie 126 trotzdem an seinem Fuß! Das letzte Stück war eigentlich leichter gewesen, als Rudi anfangs gefürchtet. Nach der Rast war er bewußtlos vor Müdigkeit, fast schlafend, im Glied marschiert, hatte sich überlegt, ob man dem alten Pastor zu allen Lasten noch die eines zwölfjährigen Riesensprößlings zumuten durfte. Aber dann war ihm ganz von selbst wieder Gelenkigkeit in die Beine und Mut in's Hirn gekommen. Das Gewehr freilich hing jetzt an einem Haken des Tragsattels, seine eigenen fünfzig Kilogramm aber schleppte Rudi tapfer durch die Sonne.

Köstlichen Schatten warf der Zuckerhut, der wirklich nur Ginster und dürftiges Gestrüpp trug, ziemlich steil, aber in Schlangenwegen leicht zu ersteigen war. Der war sein erstes Geschenk, das zweite würde eine Nacht ohne Löwenangst sein! Eine Nacht, in der das Un–u–a drunten orgeln und dröhnen mochte, ohne zu schrecken. Den Dreien war ja, als hätten sie lange, lang schon keine Nacht ohne Todesängste verbracht.

»Willst du ein Stück Fleisch schießen?« fragte Muhmadi und wies auf die Steppe. Da hatten viele Hufe ihre Spur hinterlassen, da, dort, überall glitzerte es von frischen, schwarz polierten 127 Kugeln in Pyramiden, verheißungsvoller Wildlosung.

Muhmadi las vom Boden, wie man aus einem Brief liest: »Oryxspringböcke, Bwana Rudi. Zebras und Strauße.«

Er studierte weiter, nahm ein wenig Losung auf, um zu prüfen, wie alt sie war, ob sie gar noch Wärme hatte, flüsterte auf einmal, als stünde der Oryx-Häuptling neben ihm:

»Vor einer Stunde waren sie noch hier, Bwana. Sie stehen jetzt auf der anderen Seite, sie mochten den Schatten nicht. Willst du das Fleisch schießen oder soll ich?«

So müd konnte Rudi nie werden, daß er freiwillig sein Privileg preisgab!

Wo kam der Wind her? Der nasse Finger versagte, es war kein Lufthauch zu spüren. Aber das Benzinflämmchen aus dem Taschenfeuerzeug wurde ganz wenig aus der senkrechten Lage gedrängt – von links mußte Rudi das Wild anmarschieren, um nicht gewittert zu werden.

»Bleibt hier« befahl er, »bis ich geschossen habe. Dann marschiert ihr langsam den Hügel hinauf, bis du mich siehst. Ich schieße nur, wenn ich ganz sicher bin. Dann schneiden wir ein Filet aus dem Bock und laden es auf den Sattel.« 128

»Ja, Herr. . . . .«

Schon saß Muhmadi auf seinen Keulen, friedlich in die Steppe blinzelnd, als ginge die Jagd ihn nichts an. So oft Rudi des Schwarzen Überlegenheit empfand, seine tausend und eine Kenntnis der Natur, seine Zähigkeit und Gewandtheit – Muhmadi selbst schien gar nicht zu fühlen, daß er meist der Stärkere war, gehorchte immer.

»Akili des Weißen« dachte er, »europäischer Akili! Was der Weiße befiehlt, ist sicher gut und richtig.« Über einen Zeppelin im Äther hätte kein Schwarzer gestaunt, auch wenn er gar nicht wußte, daß der Mensch fliegen gelernt hat. Die ersten Drähte, an denen hin man tausend Kilometer weit sprechen konnte, hatten die Neger grinsend, aber ohne Verwunderung hingenommen. »Akili Uleia« – »Geist Europas«.

Rudis Ansehn bei seinem Gefolgsmann Muhmadi hatte unter dem Angstgeheul dieser Nacht, unter seiner Schlaffheit und Schlafschwere nicht gelitten. Wenn's auf den Geist ankam, ans Disponieren und Kommandieren, war Rudi doch immer der große Herr.

Die Oryx hatten sich jenseits des Hügels um einen Akazienstamm gelagert, wohl dreißig Köpfe stark, ästen im Liegen ein wenig und fühlten sich sicher. 129 Rings um ihr Lager hatten sie Posten ausgestellt, die pflichttreu die Umgebung abäugten. Ein paar Zebras, liebe runde Pferdchen in Pantherfellen, waren bei ihnen zu Gast und genossen mit jungem Steppengras den Schutz der Oryx-Postensicherung. Im Astwerk der Akazien suchten zwei königlich-stolze und dumme Strauße nach allerlei Delikatessen. Man war unter sich, in tiefem Frieden, und kostete letztes Sonnenlicht, den Magen voll nach einem guten Tag kaum unterbrochenen Äsens. Inmitten des Lagers freilich stand einer, der nie ruhen durfte, auf dessen Schulter alle Verantwortung für Mütter und Kinder, für das Wohl des Stammes lag, der die Posten im Auge behielt und Befehle zum Abmarsch gab, wenn der Moment es heischte: der Häuptling der Oryx, ihr stolzes Leittier mit dem Feldherrnblick und den prachtvollen Stangen.

Kein Tier aber, weder Häuptling noch Posten, sah, was da klein und steppenfarbig am Rücken des Berges hinkroch, ein menschlicher Jägerbub, die Eisen schleudernde Keule im Arm.

Nach Strapazen, wie sie hinter Rudi lagen, war es nicht leicht, auf allen Vieren um einen Berg zu kriechen, durch hohes Gras, das mit Sporen und Pfeilen bewehrt war, ihm Knie und Hände 130 zerkratzte. Schweiß sammelte sich in seinen Augen, brannte wie Feuer, rann aus den Augen zum Mund und laugte die Lippen aus. Diese ganze Strapaze konnte nutzlos sein, vielleicht war das Rudel längst abmarschiert. Aber es konnte auch sein, daß . . . Jetzt lag Rudi plötzlich, auf kaum hundert Meter, dem Wild gegenüber! Das Leittier schien ihm mitten in die Augen zu schauen.

Rudi hielt sich bewegungslos, wagte kaum zu atmen.

Sah der Häuptling ihn wirklich an, mit seinen königlichen, schönen Augen?

Nein, er wedelte jetzt, wiegte die Hörner, bog den Hals – anscheinend ärgerten ihn Fliegen oder Zecken. Er ahnte den Feind nicht.

Schönere Tiere hat die Steppe nicht hervorgebracht! Groß wie ein Pferd ist der Oryx, die dunkle Decke mit lichter Zeichnung glänzt über prallen Muskeln, die geraden, langen Spieße sind prachtvolle Wehr, zeigen geradeaus gegen den Feind.

War es Wahnsinn, diese gewaltige Macht in Zorn und Angst auf sich zu ziehn? Rudis Herz schlug zu stark, er setzte ab, wischte den Schweiß aus seinen Augen, atmete tief. War es nicht 131 schändlich, den Frieden dieses Völkchens, den Abendfrieden der Steppe zu stören?

»Frisches Fleisch!« hatte Muhmadi gesagt. Wenn das hohe Ziel dieser gefahrvollen Reise erreicht werden sollte, mußte der Stärkere immer und immer sein Recht behaupten. Um ein Kilo seines Fleisches mußte das edle Tier dort drüben sein einziges, ganzes Leben lassen, um dies Stück Fleisch, um zwei Beefsteaks, mußte Rudi jede Gefahr auf sich nehmen.

Er legte an, zielte wie auf die Scheibe, zog musterhaft ruhig ab.

Das vorgeschobene Postentier lag im Feuer, in's Herz getroffen. Steif und tot lag es eine Sekunde nach dem Knall, als wäre es nie beweglich und voll herrlichen Lebens gewesen.

Der Schuß brachte alles Wild auf die Beine. Ein Pfiff des Leittiers, helles Gebell des Zebras: wo ist der Feind? Wohin die Flucht?

Rudi war zu gut verborgen. Die Oryx sahen ihn nicht und sein Mordgewehr, formierten sich im Zeitraum eines Atemzuges, alle Stangen voraus wie die Lanzen einer Ulanen-Schwadron, in denen die Sonne spielt.

So stürmten sie in ungeheurem Flüchten, nicht wie Pferde sondern ganz beschwingt, eine fliegende 132 Kavalkade, den Berg an, in dessen Rücken sie Schutz glaubten.

Rudi sprang auf – wehe, es dröhnte die Erde, sechzig Lanzen zielten auf ihn, unter diesen fliegenden Hufen würde er bleiben, Hilfe war nirgends, nur im Gewehr. Er knallte blindlings, repetierte – da hatten die Tiere ihren Todfeind endlich eräugt, bremsten zwanzig Schritte vor ihm wie Pferde vor einer unerwarteten Hürde. Sechzig Lanzen änderten die Richtung, rings um den Zuckerhut ging jetzt die Flucht, auf Muhmadi und Pastor Schukrin zu.

»Schieß, Muhmadi!« brüllte Rudi, daß ihm die Lungen fast platzten. In Sekunden mußte das flüchtige Rudel dort sein, wo sein Gefolge lagerte. Gleich darauf puffte drüben die Schrotflinte, wieder kam das Dröhnen von einer Schwenkung dieser rasenden Kriegsmacht, dann war alles vorbei.

»Beinah tot!« erzählte Muhmadi, als er, das Maultier hinter sich her ziehend, bei Rudi ankam. Er hatte froh in's Pori geschaut und von Fleischsuppe geträumt, als die Woge der Vernichtung plötzlich gegen ihn stürmte.

»Jetzt sind sie weit fort, Bwana!« beruhigte er.

Das eine Filet, um das es ging, hatte der schwarze Junge, ein tüchtiger Zerwirker wie jeder Schwarze, rasch aus dem toten Bock geschnitten. Sein 133 Buschmesser war scharf und drang sogar durch das gewaltige Fell des auf Posten gefallenen Oryxbullen. Alles andere blieb zurück, ein riesiger, muskelgeschwellter Körper, der – wenn schon gemordet werden mußte – hundert Mägen wie denen von Rudi und Muhmadi genügt hätte.

Auf der Spitze des Zuckerhuts kam das Lager endlich zustand, als Dunkelheit hereinbrach. Krüppliges Buschwerk fand sich spärlich, aber genug zu einem tüchtigen Feuer, das vielleicht von Boloti aus durch's Fernglas erspäht wurde, vielleicht dem Vater, der hohen Mamma verriet, wie nahe Madumas ritterliche Freunde dem Longido, ihrem Ziel geb's Gott, waren.

Mit der Acetylenlampe ein Telegramm senden? Rudi war so müd – Boloti noch immer zu nah! Es wäre vielleicht doch lockend, vielleicht zwingend gewesen, auf ein gütiges Wort des Vaters hin die Unternehmung aufzugeben.

Süßes Boloti! Süßes, sicheres Boloti mit deinen weichen Betten und deinem Lampenglanz, in Vaters Schutz, in kühler, starker Bergluft!

Jetzt sollten Schlaf und sichere Ruhe kommen, so ersehnt. . . . .

Am Fuße des Zuckerhuts aber tobte bald die Hölle, erhob sich Fauchen, Knurren, Knirschen, das schaurig 134 durch die Stille kam. Dann schlürfte und schmatzte es, dann krachten Knochen unter schrecklichen Kiefern, aus Festgenossen wurden Gegner, die einander kämpfend an die schlingende Gurgel fuhren. Kampf und Feier, Gier und Neid wogten da mit schaurigen Lauten ineinander – an den Resten vom Mahl der beiden Jungens hatten Löwen, Hyänen und wilde Hunde sich nieder getan, nährten sich von frischem Fleisch und dampfendem Blut.

Geier und Marabus machten ihnen die Bissen streitig.

 

Ein paar Aasgeier mit kahlen Hälsen, die satt und tückisch drein schauten, hockten tags darauf in dürren Akazien um's Aas des Oryxbullen herum. Zwei Marabus, gleißend weiß mit roten Prunkfedern, wie aus sonnenbestrahltem Porzellan, stocherten langschnablig in den Resten herum.

Als die Safari Rudi sich näherte, flogen sie auf – mit schweren Flügeln und böse schweigend die Geier, strahlengrad aber scheltend die Marabus.

Erst schien es, der Springbock sei unversehrt – als wäre die Orgie dieser Nacht spurlos über ihn hingegangen. Rudi trat näher – da lag nur noch die Decke des schönen Tieres, das er getötet hatte, 135 sauber und glatt »angeschnitten« wie von Küchenmeistern. Die Läufe waren unbeschädigt, auch was vom Schädel sichtbar war. Aber durch den Anschnitt sah man, daß der Bock von innen heraus völlig vertilgt war, Fleisch und Knochen, Herz und Lungen, – das Gescheide prall voll halb verdauten Grases hatten Löwen und Hyänen als unentbehrliche Gemüsezutat sich schmecken lassen.

Auch diese letzten Reste würden die Steppe nicht lang mehr decken. Noch zehrten die Vögel, was das Bachanal unter Sternen an Resten gelassen, schon kamen in schön formierten Zügen Ameisen heran, das Ihre für sich und zum Schutz der Steppe gegen Fäulnis und Krankheit zu tun.

So also nahm die Wildnis wieder an sich, was sie von stolzem Leben verschenkt und genährt hatte? So war das Schicksal eines, der in der Steppe liegen blieb, weil sein Herz stockte oder die Füße ihn nicht mehr tragen konnten? 136

 


 << zurück weiter >>