Balder Olden
Madumas Vater
Balder Olden

 << zurück weiter >> 

Vor Jahren trat ein fremder Mann ans Feuer

Die Regenzeit setzte ein. In prangender Sonne begann ein Tag, Vögel und Insekten priesen ihr Dasein, oben in Boloti schien Mai, herrlich-unvergänglicher Mai. Da plötzlich wurde der Himmel grün und schweflig, die Bergspitzen, die Berge selbst, verschwanden. Wo eben noch das Pori gelegen, wogten die grauen Schwaden einer endlos hingebreiteten See. Die Wolken taten sich auf, Sintflut ging nieder; solche Massen von Wasser stürzten in's Land, daß in fünf Minuten Seen und Teiche entstanden, wo sich nur ein Grübchen im Antlitz der Erde fand.

Stundenlang tobten Gewitter, rasten Donnersalven, und so breite Blitze zerfetzten das Wolkendunkel, daß es schien, hinter diesem Mantel läge als ein goldner Küraß das Weltall. 72

Wagenräder sanken tief in die Erde, bis zur Achse, daß sechzehn Ochsenpaare einen leeren Wagen nicht weiter schleppen konnten. Schuhe und Strümpfe verlor man, jedes Stück Gewand wurde triefender Schwamm. Das Rauschen des Wolkenbruchs steigerte sich zu Trommeln und Dröhnen.

Da auf einmal sproßte alles, die mürbe Steppe deckte neues Grün, im Urwald wuchsen sich die Baumkronen zu dichten Zelten aus, die aneinander stießen, ineinander wucherten, bis der ganze Wald ein einziges Dach trug und einer Tropfsteinhöhle glich, einem grünen, feierlich tropfenden Tempel.

Nur eine Viertelstunde meist, höchstens eine Stunde lang, währte die Sintflut. Danach sonnten Halme und Blätter sich schnell wieder trocken, aus dampfenden Graswänden strömte die Feuchtigkeit zurück, Pelze und Federbälge allen Getiers waren leichter, wärmer als je, und köstlicher war es, sie zu tragen. Die Sonne brannte, als müßte sie rasch alles in Ordnung bringen, Straßen trocknen, Ochsenhufe und Räder flott machen, Erkältung und Rheuma heilen, soweit ihre herrliche Macht reichte.

Denn schon drohten abermals dunkle Schwaden, viermal, fünfmal am Tag wiederholte sich dies Übergleiten aus Grün in Grau, aus Grau in Schwarz – aus Schwarz in Himmelsblau! 73

Das Pori aber, vom Meru zum Longido und weiter, das wurde noch für viele Wochen, – wenn die Wasserstürze vorbei waren, Rauschen und Trommeln der Güsse nicht mehr Alltagsmusik, – ein Garten, durch den man fröhlich ziehen mochte. Himmlische Weiden für jedes Getier, himmlische Tränke überall, denn diese neu gebildeten Seen, Teiche und Tümpel haben langen Bestand.

Das war der Moment: gleich, wenn die Regenzeit vorbei war, mußte alles bereit sein! Dann würde Rudi seinem Stab, Muhmadi (Untergeneral und Troßbub in einer Person), zuflüstern: »Safari!« Bis dahin gab's noch viel Heimliches zu tun.

Seit Rudi Mitwisser am großen Geheimnis der Schwarzen war, gingen Latein und Mathematik nicht mehr von der Stelle. Sein Kopf arbeitete viel zu mühsam, sein Herz war von kommenden Taten erfüllt.

Es stand ja absolut fest: Onkel Gregorius hatte vor sieben Jahren noch gelebt, als er Engländern wie Deutschen, Feinden wie Kameraden, längst verschollen war und für tot galt; damals, als die hohe Mamma weinend ihre Koffer packte, Bündel schnürte, mit Rudi auch Maduma zur großen, traurigen Fahrt über die See rüstete.

Was Deutsch sprach und atmete, war damals des 74 Landes verwiesen worden, unbarmherzig und ohne Aussicht auf Gnade. Das Gerüst, das Rückgrat des staatlichen Lebens: Pflanzer, Lehrer, Beamte, Missionare, Kaufleute, ihre Unternehmungen, die sich kunstvoll über das ganze Land breiteten, ein Geäder, durch das Arbeit und Lohn, Saat und Ernte verteilt wurde – alles zugleich fegte der eiserne Besen davon, zur Küste, ins Meer. Es war die Zeit der Unversöhnlichkeit, das bitterste Ende eines Kampfes, der bis zum bitteren Ende geführt worden, die Zeit des Waffenstillstandes, die an Schrecken selbst die der Waffen noch übertraf.

Damals hatte ein fremder Mann, unbekannten Stammes, unbekannter Herkunft, nachts am Feuer der Boloti-Neger gelagert. Er erzählte, sein Volk wohne am Nil, dem großen Strom, und nenne sich Wa-Sudani. Dort trügen alle Neger Hosen, könnten lesen und schreiben und ließen sich auch vom höchsten Herrn des Landes nicht mit der Peitsche strafen, sondern sie seien längst freie Bauern und büßten mit Geld oder Gefängnis, wenn sie sich vergangen hatten.

»Keine Peitsche!« hatten die Wa-Tschagga gelacht und gehöhnt. Das mußte ein komisches Land sein, in dem es keine Disziplin und keine Arbeit gab. Kinder, ja die dürfte man nicht schlagen, weil sie 75 noch keinen Verstand haben. Aber erwachsene Leute haben ihren Verstand, um zu wissen, daß sie die Peitsche bekommen, wenn sie faul sind und sich dem Befehl ihres Herrn nicht fügen.

»Wie nennst du dich, großer Verkünder des Heils?« hatten sie den Fremden gehöhnt.

»Jussuf bin Jussuf.«

Seine Lippen waren dünner als die der Neger, seine Nase schmal und wie ein Schnabel, seine Augen größer, schärfer geschnitten. In seinen Ohren hatte er kein Messing getragen, das die Ohrlappen anderer Leute so lieblich bis zu den Schultern zieht, nur einen goldenen Knopf im Nasenflügel, sonst gar keinen Schmuck. Trotzdem machte er den Eindruck eines wohlhabenden Mannes.

»Jussuf bin Jussuf, grüß das Land am großen See, in dem es keine Peitsche gibt, und erzähle anderen Leuten dein Märchen.«

»Ich hörte von einem weißen Mann«, erzählte Jussuf, der den Hohn nicht zu spüren schien und ruhig weiter seine Pfeife rauchte, »daß auch in Europa kein Schensi geschlagen wird. Kinder werden vielleicht von ihren Eltern so gestraft, aber niemals Erwachsene!«

»Wie heißt der Europäer, der so Merkwürdiges erzählt?« 76

»Bwana Raffiki von Boloti!«

Der Fremde hatte sich erhoben, die Decke um seinen hohen, starken Leib geschlagen, stand reisefertig.

»Lebt seine Bibi?« fragte er nachlässig, als hätte er es eilig und wollte nur Abschiedsworte sprechen. »Lebt Fatuma noch, lebt ihr Junges?«

Fatuma tot? Das Junge, ein kleines Mädchen, fährt morgen mit allen Weißen nach Uleia? Es erregte ihn nicht. Ja, ja, der Krieg war nun vorbei, und es kehrte jeder zu seinem Stamm zurück. Jetzt waren die Wa-Ingresa, die Engländer, Herren im Land, und die Deutschen mußten von dannen. So war es der Wille Gottes. . . .

»Gute Nacht also, Dank für Feuer und Tschakulla, ihr Leute von Boloti. Jambo ssana!«

»Halt, Jussuf bin Jussuf!«

Der tapfere Sefu, damals eben erst heimgekehrt aus vielen Kriegs-Safaris und Schlachten, Freund des Bwana Heiliges Buch und der Seinen, war dem schnellen Fremdling in's Dunkel nachgeeilt. . . . Wirklich, nur Bwana Raffiki, der nie einen Menschen schlug, nie zornig und böse war, konnte dieses Mannes Herr sein! Es war untrüglich, daß Jussuf gesandt war, nach Fatumas Schicksal und dem ihres Kindes zu fragen.

»Du kehrst zurück zu Bwana Raffiki? Sag ihm 77 Salaam von mir und meinen Freunden, Salaam von seinen Dienern und ihren Frauen, Salaam von allen Kindern und Salaam von allen Tieren in Boloti. Sag mir, daß ich's deutlich höre und mein Herz sich freut: Bwana Raffiki lebt, und du wirst ihm unser Salaam überbringen?«

In Flüsterton kam die Antwort:

»Höre, was ich deinen Ohren vertraue, weil du sein Freund bist, Sefu! Er lebt, dort lebt er, weit, weit! . . .

Dabei hatte Jussuf mit seinem Wanderstab gen Westen gezeigt.

»Laß es in keines Weißen Ohr fallen, wenn du sein Leben nicht zerstören willst! Sein Bruder selbst und die Schwester aus dem Leib seiner eigenen Mutter darf es nicht wissen. . . .«

Der Fremde war davon geeilt, auf schnellen Füßen, die gewaltige Schritte taten. Er ging in der Richtung, die er gewiesen, ging fest, wie einer, der Weg und Steg kennt. –

Sieben Jahre lang hatte kein weißes Ohr von diesem nächtlichen Gast und seiner Kunde gehört. Nun war sie doch in Rudis Ohr gefallen, Maduma hatte ihm alles gesagt. Die Weißen hatten ihr den Vater geraubt, verwehrten ihm, sein Kind zu sich zu holen. Deshalb haßte sie die Weißen! 78

Durfte sie nicht sein liebes Junges, des guten Herrn Tochter sein, dann wollte sie auch nicht unter Weißen leben und ihnen ähnlich sehn. Sie wollte als Schensikind heranwachsen und lieber Lasten tragen, Körner mahlen, niedrig sein, als vaterlos, mutterlos am Tisch der Herren sitzen!

Nur um ihm einen Brief schreiben zu können, wenn vielleicht Jussuf bin Jussuf doch noch einmal aus dunklem Pori emporstieg, hatte sie sich in Rudis Schule gefunden. Nur damit Rudi der Sonne einen Brief an ihren Vater diktierte, hatte sie sich auf der Telegraphenstation zu den Jungens gesellt. Nun sollte Rudi ihr Helfer werden, da er alles wußte: sollte mit ihr gen Westen ziehn, durch's Pori, über die Berge – bis sie ihn fanden, viele Monde lang.

»Ich werde deine Sklavin sein, Bwana Rudi. Ich werde deine Feldflasche und dein Gewehr tragen. Ich will dir Tschakulla kochen und zu deinen Füßen schlafen, wachsam wie ein Hund, der dir fehlt. Ich werde nicht klagen über Dornen und Steine, Hunger leiden und Durst leiden. Wenn ich sterben muß, sollst du mich an deinem Weg sterben lassen, ohne dich umzuwenden. Geh ihn suchen und nimm mich mit, Bwana Rudi, guter, hoher Bruder.« 79

 


 << zurück weiter >>