Balder Olden
Madumas Vater
Balder Olden

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Rudi findet einen Blutsfreund

Am Waldrand, keine fünfzig Schritte voneinander, hatten Rudi und Muhmadi ihre Heliostationen errichtet. Mit der ersten Warensendung – Schukrins wollten jetzt neben der Pflanzung auch einen Eingeborenenladen, eine »Duka«, führen – war auf Pastor Schukrins Rücken eine Kiste voll runder Spiegel gekommen, die leicht beweglich in Scharnieren hingen. Der Vater gab gern zwei davon ab, lehrte, sie aufzustellen, half bei diesem Spiel mit Rat und Tat.

Er hätte ja so gern, so furchtbar gern viele Stunden lang mitgespielt, war den Buben fast neidisch um ihren herrlichen Sport, ihr Wettrennen, Tiere beschleichen und belauern, Vogelstimmen nachahmen – beim Spielen war er ihnen ganz gleichaltrig, 50 ehrgeizig und leidenschaftlich bei jeder Sache. Aber je mehr Arbeiter sich einfanden, – und die Schar wuchs täglich –, desto weniger Stunden hatte der Tag für ihn. Erträgnisse seiner Pflanzung waren in weiter Sicht, sein Kapital gering. Es kam darauf an, schleunigst Einnahmen zu erreichen! Eine große Gärtnerei war angelegt – Kohl und Erbsen, Salate und Radieschen sproßten der ersten Ernte entgegen, die bald in Aruscha auf den Markt kommen sollte. Europäisches Gemüse war stets begehrt.

Aus Wellblechwänden wurde die »Duka« zusammen gehämmert, daß es tief und erschreckend in den Urwald dröhnte. Die Neger brauchten vieles und gaben lieber bei ihrem Bwana Heiliges Buch den Arbeitslohn aus als beim Hindukrämer in Aruscha, dem sie nicht trauten, und bei dem jeder Kauf viele Wegstunden kostete.

Tücher und Ketten für die Frauen, Khakianzüge für die Männer, Messingdraht zum Schmuck als Armringe, Beinringe, Halsringe, Tabak und Nahrungsmittel, Salz vor allem, Salz und Zucker – in Boloti lebten ja nicht Wilde sondern schwarze Bürger von alter Kultur und vielen Kulturbedürfnissen.

Drei Monate lang gab der Großhändler Kredit 51 auf alle Waren – in dieser Zeit mußte das Lager zweimal geräumt und neu gefüllt werden. Pastor Schukrin war immer unterwegs.

Aber casi motto, sehr heiße Arbeit, kostete all das! Mutter und Vater waren auf den Beinen, vom Morgengrauen zur tiefen Nacht. Abends waren sie heiser, so viel gab es anzuordnen, zu treiben, zu schelten.

So bemerkten sie beide nicht, wie zwischen Rudi und Maduma der Ton sich änderte!

Aus der Schule entwich das Kind noch immer nackt und flüchtig wie eine Eidechse, als schämte sie sich ihres Gehorsams. Aber wenn die Jungens aus ihren Spiegeln die Sonne blitzen ließen, Morsen und Morsenlesen übten, war sie plötzlich da, wie ein Tier aus dem Wald heraus, stand hinter Rudi, griff plötzlich zu, wo ein Griff nötig war; immer mit dem Schleier strengen Ernstes über Mund und Augen, ohne den Rudi sie nie gesehen hatte. Ganz selten, wenn das heliographische Lesen und Schreiben gelang, kam ängstlich ein Strahl Freude durch diesen Schleier. Einmal griff sie falsch zu – sie hatte nur gute Absichten, hatte helfen wollen, aber ein großes Unglück geschah! Sie stieß an das Stativ, es rutschte, sie wollte zugleich mit Rudi den Spiegel fassen, aber beider Hände stießen in der 52 Luft gegeneinander, und da lag die Herrlichkeit zersplittert am Boden!

»Marsch nach Haus!«

Rudi zeigte ihr mit ausgestrecktem Finger den Weg. Maduma weinte nicht, sie weinte nie, und einen Weißen um etwas bitten, gar um Verzeihung bitten – das hätte sie um alles Glück nicht getan. Aber wo eben noch, wie Sonne durch Wolken, ein Lächeln versucht hatte, ihr dunkles Kindergesicht zu erhellen, da lag jetzt tiefe Hoffnungslosigkeit.

Einen Blick noch auf den zornigen Rudi – dann . . .

»Laß sie, hoher Herr!« bat Muhmadi. »Maduma war nicht böse!«

»Ich bin unerbittlich!«

»Hoher Herr!«

»Befehl ist Befehl!«

Als Maduma gegangen war, mit leidbeschwerten Schultern und kleineren Schritten, als sie sonst tat, kam Muhmadi in demütiger Haltung heran.

»Du bist des ganz großen Herrn und der großen Mamma Sohn, hoher Herr! Aber darf ich nicht auch dein Raffiki sein?«

»Natürlich, du bist mein bester Freund!«

»Willst du Maduma jetzt gleich, ganz schnell, zurückrufen?«

»Du bist verrückt!« 53

»Also jetzt sind wir noch Raffiki eine kleine Weile, gar nicht Diener und Herr?« fragte Muhmadi, ganz bös, die dicken Lippen aufgeworfen, die Zähne offen und beide Fäuste schon geballt. Es war kein Zweifel, wie er diesmal Freundschaft verstand. Rudi stand sofort in Positur. . . .

Dann bekamen die Vögel, Eidechsen und Erdferkel, die Affen und Meerkatzen etwas zu sehn, ein unvergeßliches Schauspiel! So schön und unvergeßlich fast wie den seltenen Kampf zweier Elefantenbullen.

Muhmadis Faust prallte gegen Rudis Gesicht, aber der fing den Schlag mit der Stirn auf, warf beide Arme um den Schwarzen, hatte Untergriff, als Muhmadis zweiter Stoß saß, richtig auf der Nase! Jetzt floß das erste Blut, und es wurde nicht mehr gerungen. Jetzt boxte Rudi auch, kam Muhmadis Nase an die Reihe. Sie schlugen beide, ohne an Parade zu denken, aufeinander ein wie unten beim Duka-Bau die Hämmer auf Nägel und Holz.

Kein Wort, kein Ton kam heraus, Rudis Gesicht war weiß, Muhmadis Gesicht schmutzig grau. Sie atmeten kurz und bissig, ihr Kampf tobte auf dem Boden weiter, aus dem Boxen wurde abermals Ringen, sie schlugen sich mit dem Schädel an 54 Baumstämme, daß es schwarz vor ihren verschwollenen Augen wallte.

»Hab ich dich, Raffiki!«

Unten lag Muhmadi, auf ihm kniete Rudi, das Blut aus seiner Nase lief Muhmadi in den keuchenden Mund.

»Bist du besiegt?«

Wenn Rudi auch viel, viel stärker war – des mächtigen Schukrin kerniger Bub – Muhmadi war biegsam, als hätte er keine Knochen!

Eine Sekunde, Rudi glaubte noch, auf ihm zu knien, da saß Muhmadi ihm im Nacken, warf die ganze Wucht seines Körpers auf ihn, stieß Rudis Gesicht in die Erde. Er hatte sein Haar in einer Faust und trommelte mit der andern. Dann lag Muhmadi wieder unten.

Es wurde keiner Herr, sie rauften und tobten zur Lust des Urwald-Publikums, bis ihnen beiden der Atem ausging. Dann saßen sie schnaufend nebeneinander, rieben und befühlten sich die blutverkrusteten Lippen, hinkten Seite an Seite zum Bach, der aus des Meru Höhen eiskalt herab kam und Schukrins Brunnen speiste.

Dort wuschen und kühlten sie lange, saugten Wasser in die Nasen und hielten die Köpfe zum Himmel, um das Blut zum Stocken zu bringen. Sie lagen 55 nebeneinander auf dem Bauch und tranken aus hohlen Händen, tief, mit Genuß, das Bergwasser; sie fühlten sich zum Verbrennen heiß, vom Mund bis zu den Füßen, innen und außen. Zuletzt hockten sie trotz Beulen und Blasen ruhig auf der harten Rinde eines gefällten Baumes, sahen wieder einmal zu, wie in tausendfach wechselnden Tinten ganz rasch der Tag zur Nacht wurde. Vom Missionshaus her klang das Glöckchen, das den Arbeitern Feierabend und allen Hungrigen Tschakulla verkündete. Rudi mußte pünktlich erscheinen, die Mahlzeit war Dienst, – vorher mußte er heimlich, in aller Eile, Khakihemd und Hosen wechseln.

»Qua heri, hoher Herr!«

Muhmadi stand aufrecht vor ihm, die Hand zum höflichen »Salaam« an der Stirn.

»Darf Maduma morgen wieder kommen?«

»Natürlich darf sie! Qua heri, Freund!«

Sie schüttelten sich die Hände, trennten sich, mit Beulen und Wunden geziert, für eine kurze Nacht; Herr und Diener vor der Welt, aber fürs Leben einander hoch achtende Freunde.

 

»Junge, wie siehst du aus!« rief der Vater, obwohl Rudi in frisch geplättetem Khakihemd, das sogar ein bunter Schlips wie am Sonntag zierte, blanker 56 und sauberer als je war. Eins seiner Augen war ganz geschlossen, durch das andere blinzelte er dürftig; an heiße Suppe durfte er nicht denken, so wund und verschorft waren die Lippen.

»Um Gottes Willen!« schrie die hohe Mamma.

»Wenn du erlaubst, Papa, erzähle ich nichts davon. Aber der eine Spiegel ist leider kaputt, Papa«.

Dr. Schukrin, der vor gar nicht langer Zeit, kaum fünfzig Jahren, auch ein Junge gewesen, war zwar neugierig, wie Muhmadis Gesicht aussehen mochte. Aber er drängte sein Vertrauen nicht auf und sagte nur:

»Natürlich bekommt ihr einen anderen Spiegel!« 57

 


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