Balder Olden
Ich bin Ich
Balder Olden

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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Frühling in Wiesbaden. War das Leben, was man hier sah, oder lag es wirklich dort, wo Männer sich wie Hunde um ein Stück Land, ein Stück Macht, eine Krone beißen? 258

Waren die hier nicht zufrieden, wenn sie die Wilhelmstraße, zwischen den Auslagen lustiger Geschäfte und einem sonnig-stillen Park, hinauf und hinunter »flanierten«? Viel zufriedener, weil sie ihre Brunnenkur tapfer absolviert oder einen Morgenritt im Taunus geleistet hatten, als jene anderen, die Berge wälzten?

Peters, nach langer Krankheit von seinem Amt in der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft suspendiert, schwarzes Schaf im deutschen Kral, mischte sich unter die Uniformen und Schwalbenschwanzröcke, unter gesunde, rote Burgundergesichter.

Orden gab es in Deutschland! Das Jahr achtundachtzig hatte gut angefangen.

Auf des armen Friedrich hundert Tage war Wilhelms II. Regierung gefolgt. Zweimal in kurzem hatte es Gnaden geregnet.

Ob alle, die da ein Schleifchen, Embryo des ausgewachsenen Piepmatz, im Knopfloch trugen, Wesentliches für Deutschland geleistet hatten?

Peters fiel jedenfalls nicht auf, durch Orden so wenig wie durch Gesten eines siegreich Heimgekehrten. Sein Vertrag mit Said Bargasch war ratifiziert, wurde aber wenig besprochen.

Er kannte keinen. Keiner kannte ihn, den kleinen Mann mit gelber Haut, der seinen Stock wie eine Waffe trug, den Mund vom Schnurrbart verhängt, die ungewöhnliche Stirn vom Hut verdeckt.

Frauen und Fräuleins gingen die Wilhelmstraße hinauf, hinunter, Röcke gerafft, daß man kokette Fußspitzen sah, riesige Federn am Hut, Schmuck am Hals und mit siegreichem Lächeln –. Alle glanzvoller als Lady Maud Wallingham.

Maud war eine sanfte Schönheit, die sich verbarg. 259 Kein Mädchengesicht, diese Fünfundzwanzigjährige war eine Frau. Kein weltumflatternder Kolibri! – Sie war eine ernste, dunkle Frau.

Maud und Peters hätten im gleichen Hotel wohnen können, Tür an Tür, in unbeschränktem Beieinander. Dergleichen war nicht guter Stil. Aber wer hätte es ihnen verdacht, wer beachtet?

Eine Engländerin, die auf Reisen lebt, weil das Festland billiger ist als die Inseln, weil sie für ihre kleine Rente das Erreichbare an Komfort kaufen will . . .

Ein Dr. phil., Pfarrerssohn, entlassener Direktor einer abenteuerlichen Gesellschaft, von Beruf – man könnte ihn Schriftsteller nennen, wenn er schriebe. Besser vielleicht Privatier? Er bezieht Renten von einer englischen Bank und könnte das Leben schließlich auch ohne Beruf tragen . . .

Sie zweiunddreißig, Maud fünfundzwanzig – es wäre der Moment, ein bürgerliches Leben zu beginnen, Herr Doktor? Warum die Braut verblühen lassen? Warum Ihre eigene Begabung einer Hetzjagd nach großen Ehren opfern?

Die kommen nicht!

Zum Reserveleutnant konnten Sie's nicht bringen, Ihrer Kurzsichtigkeit wegen. Im Dienst der eben entstehenden deutschen Kolonien haben Sie sich erfolglos bemüht. Trotz einer gewissen Energie, die wohl beachtet wurde, und emsiger Pflichterfüllung.

Aber Sie haben immer mehr verkannt, wo Ihr Pflichtkreis abgesteckt ist.

Sich selbst die Grenzen gesteckt.

Bei uns geht das nicht.

Das Traurigste, Sie haben zu ernsten Rügen Anlaß gegeben. Gewisse Fehler, die zweifellos gewissen 260 Vorzügen entsprechen, machen Sie zum Beamten völlig ungeeignet. Beweis? Der rote Adler Vierter wäre sonst nicht ausgeblieben.

Er blieb aus – ziehen Sie selbst die Konsequenzen!

Ein Beamter, der seine Vorgesetzten – ja, mucken Sie nicht so: Vor–ge–setz–ten! – immer wieder vor gewisse fait accomplis stellt, drauflos disponiert, als wäre er allein der Herr, fremden Souveränen nicht nur, sondern den eigenen Geheimräten auf die Stiebel tritt – so einer fällt die Treppe nicht hinauf!

Man greift vielleicht, na ja, die eine oder andere Anregung von ihm auf. Eine Anregung so groß und fruchtbar wie Britisch-Indien, konsolidiert, psychologisch und politisch noch tiefer verankert als rechtlich, künftiges Paradies für Tausende von Deutschen –. Natürlich, man nimmt dergleichen an. Aber auf die Dauer! –

Dieser Größenwahn, dies Bramarbasieren, dies ewig betonte ›Ich bin Ich‹ – läßt kein Mensch sich gefallen.

In seinem Amt hat man nicht ›Ich‹ zu sein.

Schließlich dienen andere nicht für Hundelohn jahrzehntelang in der Verwaltung, machen selbst Männchen vor jedem, der besser bezahlt ist, damit ihnen ein Brausewind unreif über die, Pardon, Schnauze fährt.

Der Reichsregierung haben Sie Ultimata gestellt!

So wollen Sie Gouverneur werden? – –

Lassen Sie deshalb den Kopf nicht hängen!

Wenn Sie sich ein bißchen zurückzögen, Peters, bis Ihre letzten peinlichen Entgleisungen vergessen sind? Mal was anderes arbeiten? Schreiben Sie ruhig ein Buch über – na, sagen wir – Ostafrika.

Sie kennen nicht viel davon? Ach, Sansibar, den 261 Sultan, ein Stück Küste, ein paar hundert Meilen Inneres! Bei Ihrem stilistischen Talent kann das ganz brauchbar werden.

Schreiben Sie frisch drauflos über Land und Leute. Ganz objektiv, nichts vom lieben Ich. Von Ihnen will momentan kein Mensch was hören.

Verbringen Sie ein paar Jahre so halb im Privatleben, nur damit Sie etwas trockener hinter den Ohren werden!

Sie heiraten also. Nahrungssorgen haben Sie nicht. Ihre Frau hat immer noch eine schöne Rente, Sie ein ganz beträchtliches Vermögen. Schreiben Sie ein paar Jahre, Doktor!

Wenn Sie später wiederkommen, bläst der Wind, wer weiß, ans einer andern Ecke! Im A. A. ändert sich demnächst manches. S. M. hat was übrig für Brausewinde. Hat vielleicht selbst was davon.

Die Kolonie wird sich inzwischen sanieren, wachsen, Beamte brauchen. Bis dahin weiß man nur noch von Ihren Meriten und hat die gewissen faux pas vergessen. In drei Jahren sind Ihre Chancen hundertmal besser als heute.

Bedenken Sie auch das! Geheimräte, Minister sogar, kommen und gehn. Ihr unzweifelhaft starkes Talent, Ihr an sich zweifellos sympathischer Unternehmungsgeist bleiben!«

So hätte damals ein Freund zu Peters gesprochen!

»Da wir alle nur einmal leben, ist es ratsam, dies Einmal gut und reichlich zu machen. Ist ein Spazierritt im Hydepark nicht behaglicher als ein Marsch selbst durch die trockenste Wüste? Und sollte ein Kürassierstiefel im Wertesten nicht als Lehre genügen?«

Maud natürlich sprach nicht in diesem Ton. 262

Triumphierend ob ihrer Liebe, herrlich an Stolz, sah sie Peters in die Augen.

»Jetzt bin ich arm, Charles!«

Diese sanfte, dunkle, klare Frau kannte ihren tobenden Bezwinger durch Herz und Nerven.

Peters war keiner, den eine Millionärin ins Schlepptau nimmt! Der ließ nicht angeheiratete Hundertpfundnoten springen, bewohnte nicht die Schlösser seiner Gattin. Maud aber war für jeden Mann zu reich gewesen. So viel Geld blendet, daß man ein sanftes, kluges Gesicht mit strahlenden Augen nicht mehr sieht.

Peters sieht es und rast gegen den Glanz dieses Goldes! Er wirft nieder, aus Instinkt, stürzt jede Macht! Übermut der Ämter, Druck der Mächtigen, Spott und Geißel der Zeiten sogar! Ihm ist der kalifornische Reichtum nur ein Hindernis, das er nehmen will, indem er sich selbst noch höher schwingt.

Aber jetzt, da es weg ist, verloschen und ausradiert aus den Kontobüchern der Banken?

Das Hindernis verschwunden!

Maud flammt von den Geschäften Georges, denen ihr Vermögen die Basis gegeben!

Maud schillert von Armut und Alleinsein.

Sie hat das Ihre getan!


Peters war vor drei Jahren – welch eine Epoche in diesem Leben! – inkommensurabel genannt worden. Unübersehbar.

Der ihn so genannt hatte, Reichskanzler Fürst Bismarck, war der Weiseste seiner Zeit.

Der Unübersehbare nahm Mauds Opfer mit jubelndem Dank. Aber in derselben Minute stieg es in ihm 263 auf, daß gerade jetzt sein Versprechen entscheidend wurde und sein Wahn!

Über Leidenschaft und Sehnsucht bis zu einer Art Zärtlichkeit war sein Weg zu Maud gegangen. »Liebe« sollte daraus werden? Ein elementares Gefühl, von dem er viel gehört, an das er nie geglaubt hatte. Heut glaubte er daran, seit jede Stunde mit Maud ihn wärmer und weicher machte.

Er fühlte die Gier, den Heißhunger aller Sinne nach dieser Frau nicht mehr – dies stille Zusammensein war das Neue und Große!

Aber gerade das verpflichtete. Was zu ihm gehörte, mußte steigen!

Diese blasse Frau, die als Kind gestrahlt hatte, sollte strahlende Fürstin werden! Geschworen hatte er's als Unreifer. Seine Lust war es, als Reifer dies Wort zu halten!

Man müßte Peters verwandt sein – diesem Stahlgenie, Maximhirn, Napoleoniden ohne Distanz –, um zu glauben, wie er jetzt in Tagen seine Schlüsse zog, Wege suchte, Wege fand.

Er schuldete Maud eine andere Stellung als »Frau Doktor«.

War denen in Berlin für den Stiefel im Gesäß einen Fußtritt ins Gesicht schuldig.

Er, der rekonvaleszent und müde schien, vibrierte noch immer von jener Kraft, die im Dorf, in Ilfeld, vor der Fakultät – immer Unmögliches bezwungen!

Versagt hatte diese Kraft einmal, unter Bismarcks schrecklichem Blick, als Peters ein im Heimlichsten Zerstörter war. Nie aber, auch im Bewußtsein furchtbarster Schuld, wenn die Augen der Welt auf ihm lagen! 264

Und so, während er Maud glücklich machte mit einer Hingabe, als wäre sie schon, was er aus ihr machen wollte, warf er sich auf neue Taten, auf die ganz entscheidende Tat.

 

Bald nach Peters' Auszug gegen den Sultan von Sansibar war Stanley aufgebrochen, Emin Pascha zu entsetzen.

Von Stanley meldeten jetzt die Zeitungen, daß er in Afrika ersoffen, erstickt, verflogen war. Der also zählte nicht mehr.

Emin Pascha regierte noch immer in einem Land sondergleichen, fruchtbar, groß, strategisch überwichtig. Ein Land, das den Unterlauf des Nils und die innerafrikanischen Seen beherrschte, Nord–Süd wie Ost–West, das Herz, der Schwerpunkt Afrikas war.

Die anglo-ägyptische Regierung, die Emin dorthin geschickt, war vor den Bränden des Mahdi, der im Sudan wütete, gewichen. Karthum war längst gefallen, der obere Sudan geräumt! Offiziell und feierlich hatte sie sich zurückgezogen, ohne Anspruch.

Emin Pascha regierte wirklich, denn keine Macht stand über ihm. Sein war die »Äquatorialprovinz«.

Aber er war im Untergehen.

Ein Hirn voll Ideen und eine Leidenschaft dorthin getragen – einhundert Schützen, einhundert Lasten Munition –.

Mehr tat nicht not.

Nicht Schwarz-Weiß-Rot diesmal, kein Sternenbanner der Gesellschaft! Eine neue Flagge, die nur Emin und Peters gehörte!

Über Karten und Zeitungen, im Telegrammwechsel 265 mit den Regierungen, wuchs der Plan, bekam täglich festere Gestalt, wucherte wie Lianen.

»Noch ein Jahr, Maud! Ein letztes, einziges Jahr! Ich schaffe mir ein Kaisertum, dort, wo der Nil aus dem See kommt – rings um den See! Nicht viel größer als Deutschland vielleicht. Aber von mir gelenkt und diszipliniert!

»Mein Kaiserreich. Schutzstaat keiner Krone!

»Ich hab' dir einmal versprochen – du weißt es nicht mehr –, daß ich dich zur ersten Frau Europas mache. Viel mehr sollst du werden! Europa hat nichts Großes zu geben!«

 

Fürst Bismarck war jedem Unternehmen geneigt, das Peters von seiner Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft trennte.

Die Gesellschaft selbst erklärte die Rettung Emin Paschas, der als Eduard Schnitzer in Schlesien aufgewachsen war und auf deutschen Universitäten studiert, doktoriert hatte, als eine nationale Notwendigkeit, für die sie ihren Präsidenten Carl Peters freudig zur Verfügung stellte. Sie hatte sich seit Erwerbung der Ostküste weit über Deutschland ausgebreitet und zielte auf gute, reibungslose Beziehungen zur Regierung.

Sogar eine Zeichnung von dreißigtausend Mark stellte der Vorstand aus immer noch knappem Budget bereit. Soviel war der Gesellschaft eine Peters-Expedition, die »Expedition« ihres unbequemen Gründers, wert.

Maud sah zu mit traurig-offenen Augen. Das Schicksal vollzog sich, ein Komitee trat zusammen, Aufrufe gingen hinaus und brachten flüssige Mittel.

Sie war an einen gebunden, der sich nicht binden ließ. 266

»Alle wollen sie dein Ende, Charles!«

Das wußte Peter so gut!

Das war's ja, das feuerte an.

Der Weg zu Emin ging von Sansibar nach Bagamoyo, dann die vielbereiste Karawanenstraße zum Südufer des Viktoriasees. Von dort zu Schiff oder am Rande des Sees hin, nordwärts. Zum Albertsee, weiter nordwärts, durch unbekannte Wildnis.

Ein Marsch etwa wie von Mailand nach Königsberg!

Das war zu leisten.

Plötzlich kamen Depeschen: Aufruhr im Küstengebiet!

Die Araber, ergrimmt, weil die neue Regierung ihren Sklavenhandel verbietet, haben einen Aufstand angezettelt. Willig haben sich die Neger angeschlossen – Sklaven, brennend und mordend im Dienst der Sklavenhändler, gegen ihre Befreier!

Im Augenblick waren fast alle Küstenstationen verloren, die Peters angelegt hatte. Beamte und Soldaten fielen im Kampf, flüchteten. Nur Bagamoyo hielt und Dar-es-Salam. Aber auch von da ging kein Weg mehr ins Innere.

»Nur die Folge eurer Verwaltungsböcke!« schrie und schrieb Peters. »Nur weil ihr meine Ratschläge nicht befolgt habt!«

Die Emin-Pascha-Expedition aufgeben?

Das neugegründete Komitee, verantwortlich für vierhunderttausend Mark, die patriotische Männer und Kegelklubs gestiftet hatten, stimmte dafür.

Peters wankte keine Minute.

Es gab andere Häfen und andere Wege.

Der Tanastrom wurde genannt. 267

»Ich fürchte weder Araber noch Bantu«, erklärte Peters und dachte an den Kiboko des »alten Afrikaners« von seiner ersten Reise.

»Aufständische Negerfürschte kriege fünfundzwanzig auf der Blanke, nach sind sie nimme aufständisch.«

Aber wenn man durchaus den Tatarennachrichten glauben wollte – warum nicht die Tanaroute?

Bismarck beschloß endlich, eine bewaffnete Macht unter Hauptmann Wißmann an die Ostküste zu schicken, dort Ordnung zu schaffen. Es war eine militärische Demonstration in den Tropen, ein peinlich gefährliches Spiel, das England verschnupfen konnte.

So geringfügig das Unternehmen, es bog von der bewährten und gepriesenen Linie seiner Politik ab.

So weit also hatte Peters ihn gebracht!

Nun genug! Was dieser Inkommensurable weiter unternahm, sollte er selbst ausbaden.

Deutlich genug erklärte Herbert Bismarck im Reichstag: »England und Deutschland haben eine Kolonialehe geschlossen«.

Nie bekam das Emin-Pascha-Komitee ein Wort der Billigung von höchster Stelle. Nur leise, mündlich, durfte Wißmann mitteilen, er habe Befehl, in seinem Machtgebiet die Expedition Peters zu unterstützen.

All das war gut, von allen Möglichkeiten die beste! Denn diesmal zog Peters für sich selbst hinaus, wollte in seinem Namen die Sultanate unterwerfen, die er durchzog. Diesmal zog er aus, um sich zum Kaiser krönen zu lassen!

Diesmal nahm er keine Verpflichtung mit.

Den braven, nüchternen Wißmann hatte man ihm als Begleiter, mit gleichen Vollmachten, auf die Reise mitgeben wollen! Sie hatten schon verhandelt, ihre 268 Befugnisse voneinander abgegrenzt. Gottlob, der ließ also seine Musketiere in Bagamoyo Gewehrgriffe üben.

Begeisterte stellten sich zur Verfügung. Nie brauchte Peters das Kalbfell zu schlagen.

Ein junger Leutnant von Tiedemann – dessen Vater Regierungspräsident und hochgeehrt in den Ämtern – sollte Adjutant sein.

Noch einer von den Bedingungslosen! Dreiundzwanzig Jahre alt, gescheit und voll guter Laune. Ein Riese mit Riesenkräften, der taub schien, wenn von Gefahr und Tod die Rede war.

Der hatte schon mit Kadettenohren den Namen Peters gehört und seine Pläne bejubelt.

Jetzt schrieb er seinem Vater, in Erwartung großer Proben:

»Solange von der Emin-Pascha-Expedition noch zwei Mann zusammen sind, ist einer davon Adolf Tiedemann.« Hundert Somalisoldaten sollten Peters begleiten.

Sechshundert Träger bestellte er durch seine Agenten in Sansibar und den Häfen.

Zweitausend Winchestergewehre gingen nach Aden ab, um von dort weiter verladen zu werden. Dazu vierzigtausend Schuß Munition, Bewaffnung für eine Armee, die in kurzem die Äquatorialprovinz beherrschen würde.

Schritt um Schritt ging's vorwärts – Schritt um Schritt mußte Maud es erleben.

Sie widersprach nie mehr und klagte nie.

Manchmal preßte sie Peters in ihre Arme.

»Ich lasse dich nicht!«

Aber sie wußte, daß sie ihn lassen würde. 269

»Diesmal greift Zahn in Zahn wie im Uhrwerk!« schwur Peters.

Afrika war plötzlich reif geworden. Stanley hatte den Kongostaat begründet, Cecil Rhodes gerade in jenen Tagen seine royal charter für ein neues Land nördlich der Burenstaaten bekommen. Peters, dem dritten Pionier Europas, hatte man sein Werk aus den Händen gerissen.

»Jetzt bau ich den letzten, neuen Staat, den der Boden Afrikas zu vergeben hat!«

Fiebernd rechnete er Maud vor:

»Rhodes ist um drei Jahre älter als ich – hat angefangen wie ich – bezieht jährlich zweihundertfünfzigtausend Pfund!«

Was bedeutete Geld für eine Frau, die den Reichtum von sich geworfen hatte, um dem Geliebten schöner zu werden?

»Er nennt sein Land Rhodesien, Rhodes-Land! Viel größer als Deutschland! Er ist zugleich Premierminister der Kapkolonie, drei Jahre älter als ich! Und mich wollen sie zum Briefträger in Bagamoyo machen!«

Dunkle, ernste Maud – sie widersprach nicht mehr und klagte nie.

Zwischen ihrem Vater, der, fast ein Greis, daran ging, Weltmärkte zu erobern, und diesem Geliebten, der als Knabe angefangen, sein Kaiserreich zu bauen – klare, kluge Maud! – zwischen diesen Bränden gab es nur Verbrennen.

Kapitänleutnant Rust fuhr nach Aden ab, Somaliaskari zu heuern, die besten Landsknechte für tropisches Land.

Adolf Tiedemann reiste ihm nach, bei der 270 Verschiffung dieser hundert Schokoladeriesen, an die Zähne bewaffnet und zum Kampf gedrillt, behilflich zu sein.

Schritt um Schritt erlebte es Maud. Wußte, daß die Sonne geht, kommt, Regen, Winter, Stürme wechseln, Halme wachsen und fallen, Peters fallen würde, Rust, Tiedemann. Dünger auf einem fremden, heißen Boden.

Fielen sie nicht dort unter giftigen Pfeilen, dann tat ihnen die Tropensonne das Letzte an, pestete ins Hirn, zerstörte ihr Wollen.

Sie hatte Peters zu schrecklich erfahren im Koller der Siege!

Wer in den Tropen siegt, wird maßlos und hat sich selbst gefressen, während er fraß. Arme, kleine Maud!

Von einem Berliner Bahnhof, der wie alle Bahnhöfe war, rußig und banal, reiste Peters ab, von ein paar Herren begleitet, die Zylinder und Scheitel trugen, Zinnassessoren aus einer preußischen Schachtel.

 

Maud erlebte es von irgendeiner Ecke des Bahnsteigs aus. Sie sollte Peters' großes Geheimnis bleiben. Dort am Kupeefenster war alles »offiziell«.

Er wischte sich, durchs Fenster gebeugt, die Zwickergläser, wischte sie klar, suchte nach Maud und winkte ins Dunkel hinein.

Da war alles vorbei.

Jetzt hatte sie genug und viel zu viel gelitten.

Gibt es mehr zu opfern als eine Jugend?

Kann man mehr tun, als sich auslöschen zu lassen aus den Bezirken des eigenen Ich?

Dann wird man lebendigen Leibes zum Symbol geknetet, blecherner Leitstern eines fremden Lebens, Trägerin eines gleichgültigen Zepters – – – 271

Wird alt unter Warten, um endlich einen »Sieg« zu krönen . . .

Genug und viel zu viel!

Der Zug stampft aus der Halle. Gescheitelte Herren, die zum offiziellen Berlin gehören, winken mit Zylinderhüten.

Ein Kurzsichtiger sucht irgend jemanden und winkt zurück, biegt sich weit aus dem Fenster.

Maud ist fort.

In ihre Wagenecke gelehnt und weinend, nimmt sie Abschied.

Es ist kalt und naß in Berlin, März neunundachtzig.

Maud will fort, nie wieder an diesen kalten, nassen Märztag denken.

Wie schön hatte sie Peters gehaßt in Hannover, in Boulogne, in Bombay noch!

Wie hatte sie ihn gebeten: bleib! In Wallingham Schloß, in Wiesbaden, hier. Bis zur letzten Minute.

Schluß unter diese Jugend!

 

Glückselig war Peters von Berlin abgefahren. Während Maud in ihrem kalten Winkel zum letztenmal nach ihm aussah, hatte Vater Tiedemann ihm erzählt: »Bismarck hat auf das Gelingen Ihrer Expedition getrunken, gestern abend! Wenn ich jung wäre, ging ich selbst mit, hat er gesagt.«

Also doch!

Das war Abschiedsmusik, unergründlicher Bismarck! Dank für dies Wort!

In Sansibar aber warf der deutsche Konsul die Tür vor Peters ins Schloß! Auf Briefe kam keine Antwort. 272

Konsul O'Swald war tot, hatte sich auf dem Dach seines Hauses erschossen. Warum? Weil er zu ihm gehalten hatte?

Frieda von Bülow fort für immer.

Die Beamten der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft hatten Befehl, Peters zu schneiden.

Kein Wort der Erklärung.

Das konnte nur Order vom Auswärtigen Amt sein, Uriasorder, verkleidetes Todesurteil! Wie damals, als Peters zum erstenmal den Fuß auf Afrikas Boden setzte.

War es noch zu begreifen, nach diesen Erfolgen, diesen Vorbereitungen?

War Bismarck kein Bismarck mehr, ein Spielzeug schlechter Träume, schlechter Verdauung, schlechter Gesinnung?

»Bravo« rufen und »pereat« telegraphieren –? Peters wußte nur noch, daß er herausgefordert war, weiter zu stürmen, Rot vor den Augen wie ein Amokläufer.

Für ihn gab es kein Deutschland und keine Kolonien, kein Ziel und kein Glück. Ihm hatte die Menschheit aufgekündigt. Er war outcast und außer dem Gesetz.

Gut, in der Wildnis gab es bessere Gegner und besseren Untergang als ein Ersaufen in deutschen Tintesümpfen. Bismarck, wenn noch ein Spornhieb mir gefehlt hat, jetzt dank' ich ihn dir!

Dir werde ein langer, endloser Abend, damit du mich noch erlebst als Triumphator, als Souverän, den kleinen Peters als Kaiser von deinen Ungnaden!

In den Büchern der Geschichte sollst du's noch lesen, wie du blind warst und neidisch! 273

An die Tür des Sultanats brauchte Peters nicht erst zu klopfen.

Drin lag auf dem Gebetsteppich ein gekrönter alter Mann, preßte die gefurchte Stirn zum Boden, vor seine Knie.

»Räche mich, Allah!«

Wie hatte dieser Peters ihn betrogen, um Reich und Zukunft seines Blutes! Ein Abenteurer, der nichts hinter sich hatte, keinen Soldaten und keine Rupie, hatte ihm die Macht seiner Väter abgeschwätzt.

Nun war Aufruhr im Küstenland, durch den Palast geisterte Meuchelmord.

»Du hast dich den Weißen verkauft, Sultan, dich und deine Getreuen! Dafür mußt du sterben, wie der Hundesohn Mohamed starb, dein käuflicher Großwesir!«

Peters wieder da! Warb Träger, gierig nach neuem Frevel?

Den alten Sultan würgte die Schmach.

Wieder in sein Reich wagte sich der Räuber, doppelzüngig, als ein Entlarvter sogar!

»Räche mich, Allah!«

Es war Said Bargaschs letzte Regierungshandlung, an die Straßenecken seiner engen, schmutzigen, geliebten Stadt Sansibar die Drohung zu schreiben:

»Wer von meinen Untertanen in Peters' Dienste tritt, verliert den Kopf!«

Weiter reichte des Sultans Macht nicht.

Noch heiß von Rache, der Peters' Tod nicht genügt hätte, verschwand er für immer im Dunkel seines Palastes. Es wurde nie bekannt, wie er den Tod gefunden.

Afrikas Küste war blockiert! Von allen Häfen, die Peters gewonnen, durfte er nicht einen betreten! Galt 274 die Blockade, in die England und Deutschland sich teilten, dem Kampf gegen Buschiris Leute, galt sie ihm? Nur ihm konnte sie gelten!

Deutsche, englische Funktionäre gleich undurchdringlich. Tiedemann mit den Somalisoldaten hatte Peters in letzter Minute auf eine neutrale Insel des Sultanats Witu dirigiert. Dort saßen sie, wo der Äquator die Küste schneidet, – tatenlos, aßen und bezogen Löhnung, Woche um Woche.

Eine Schlachtreihe war gegen Peters aufgestellt, wie die Welt sie vielleicht nie einem einzelnen entgegengeworfen. Drei britische Kriegsschiffe unter Admiral Freemantle, der Peters' Waffenkisten schon konfisziert hatte.

Zwei deutsche Kriegsschiffe unter Admiral Deinhard, der Freemantle riet:

»Schmeißen Sie Peters' Gewehre über Bord.«

Auch hundert Lasten Tauschartikel, das schwer bezahlte Kleingeld jeder Expedition, fielen in Freemantles Hände. Der Sultan von Sansibar mit seinem Henker.

Die aufständischen Araber der Küste. – –

»Gib's auf, Peters,« riet Wißmann in warmer Teilnahme.

»Würdest du es aufgeben?«

»Unbedingt!«

Peters wandte sich ab.

. . . Er hatte Visionen. Ein windzerzauster Baum vor seinem Fenster trug immer wieder das Haupt eines alten Mannes mit zornigem Haar, der mit der Hand nach Westen zeigt.

In Peters erwachte die Kinderzeit: sein Vater saß tief über die Karte Afrikas gebeugt.

»Schau hierher, Carl!« 275

Der Vater wies auf die großen Seen, diese Wasserkette aus Albert-, Viktoria-, Tanganjikasee.

»Hier steckt die Zukunft, Carl!«

Peters stöhnte um Maud und Jühlke, Kensington Road und den Kanal, Karl Engel und Violet. Sein Leben war sinnlos, wenn er umkehrte.

Ihn bewegte neu alles Dunkle und Jenseitige, an das er im Leben gerührt.

Ein Freund, der Okkultist war, hatte gewußt:

»Im dritten Jahrhundert nach Christus warst du byzantinischer Gouverneur in Alexandrien, Peters!

In einer späteren Inkarnation warst du Dschingis Khan.«

Reinkarnation des größten Eroberers?

Peters dachte nicht mehr in Zahlen und Wirklichkeitsbegriffen. Er fühlte nur noch das Muß in seinem Rücken. Die Alternative »Sieg oder Tod« war ihm selbstverständlich geworden, war keine Alternative. Jeder Schicksalsschlag sogar machte ihn froh; denn einem dieser gleichwertigen Ziele führte er näher.

An das Komitee der Emin-Pascha-Expedition, ans Auswärtige Amt, die Ostafrikanische Gesellschaft flogen die Kabel.

Viele gedrahtete Schreie brachten die einzige Antwort: »Auswärtiges Amt verweigert jede Vermittlung und Unterstützung.«

Verächtlich, daß er dort noch einmal angeklopft hatte.

Da glückte es, ein winziges Dampfboot zu chartern. Fünfundsiebzigtausend Mark für eine Fahrt durch die Blockade!

So zerrann das Geld. Von den hundert Schokoladeriesen mußten siebzig nach Aden zurück. Sechshundert Träger? Er durfte kaum an hundertfünfzig denken. 276

Siebzig Träger vom Stamm der Wanjamwesi – einzig bewährtes Transportmittel Afrikas – konnte Peters endlich in Bagamoyo auf seine »Neera« laden. Hundert Vorderlader und fünfzig Hinterlader mit dreitausend Patronen schanzte Wißmann ihm zu. Dazu siebzehn Repetiergewehre als kostbarsten Schatz!

Bis in die Poren voll Gift, drängte Peters all diese Habe an Menschen und Lasten auf die »Neera« zusammen, bezog mit zwei weißen Begleitern die einzige Kajüte, trieb zur Fahrt.

Er sprengte Gerüchte über die Absicht einer Landung in Beira aus, schlug kunstvoll einen Haken nach Süden, umging die Blockade!

Wenn ein Kriegsschiff ihn sichtete? Er war entschlossen, Trotz zu bieten. Von dieser Fahrt brachte keine Drohung ihn ab!

Wurde sein Kahn wirklich unter Feuer genommen, dann schoß Peters sich die Kugel ins Hirn. Keine Sekunde früher gab er auf!

Als die »Neera« durch Sturm und Regen, ohne Lotsen, verfolgt, die felsige Küste abkreuzte, fiel im Lagerraum für Gewehre und Munition eine Lampe um. Sie zerbrach, brennendes Petroleum schwelte über Patronen und Granaten.

Peters kam nicht das Bewußtsein einer Gefahr.

Seine Neger stöhnten von Seekrankheit. Das kleine Schiff drohte zu kentern, wütende Brandung vereitelte jeden Landungsversuch. Wieder hinaus auf hohe See!

Die Leute spien Galle und heulten vor Durst. Es war kein Wasser an Bord.

Peters ließ Regen auffangen und gewann fünfzehnhundert Eimer Regenwasser.

Der Kapitän hatte Länge und Breite verloren, wußte 277 nicht, vor welcher Felsennase Afrikas das Boot tanzte. Er wollte nach Sansibar zurück.

Peters gab ihm schriftlich, was ihn im Falle des Meuterns erwartete. Er fühlte in diesen Tagen, wie weit seine Nervenkraft reichte, aus welchem Stoff er gemacht war. Er fand, dies sei »eine große und schöne Zeit«.

 

Fünfundachtzig Träger mit dreizehn Weibern, einundzwanzig Soldaten, zwölf Kameltreiber, acht Boys, ein Dolmetsch, sechzehn Kamele, acht Esel, ein Reitpferd, zwei Hunde, einiges Schlachtvieh.

Ein kleines Geschütz, hundertzwanzig Gewehre, hundertsechzig Lasten.

So begann am 3. Juli 1880 die Expedition.

Acht Tage später waren sechs Kamele krepiert, fünfundzwanzig Träger davongelaufen. Ein Soldat hatte sich erschossen.

Am zweiten August schon Hungersnot! Zwei der weißen Herren mußten an die Küste zurück, um Träger und Getreide nachzubringen. Erfolglos. Sie holten die Expedition nicht wieder ein.

Die meisten Träger marschierten und lagerten in Ketten. Für jeden Fluchtversuch gab es fünfzig Peitschenhiebe, doppelt das in Afrika Übliche.

Die Somali waren Landsknechte bis ins Mark und schienen zuverlässig. Aber auch von ihnen waren bald einzelne schon ausgepeitscht worden, ebenso Weiber, die ihre Männer zur Flucht beredeten.

Die Nilpferdpeitsche war Peters' einzige Macht, unter Feinden, ohne Rückzugslinie.

Die Emin-Pascha-Expedition Peters, 278 E. P. E. P. nannte sie sich, steckte im Lande der Wapokomo, einem wenig freundlichen, athletischen Volk, dessen Krieger Feuerwaffen trugen.

An ihnen vorbei rauscht der schiffbare Tana, mächtig wie die Elbe vor Kuxhaven.

Aber die Wapokomo verkaufen ihre Boote nicht. Sie verkaufen nichts, nicht Vieh, nicht Korn.

Damals fielen die ersten Schüsse, erklärte Peters Kriegsrecht, wurden Boote voll Reis »säsiert«.

Dann gelingt es, den Sultan der Wapokomo zum Schauri zu bewegen. Er erscheint vor den ermatteten Europäern und ihren gefesselten Trägern, ein selbstbewußter Herrscher.

Peters braust auf, läßt sich wieder besänftigen, droht mit einer Macht, die mystisch und vom Jenseits ist.

»Du kannst nichts gegen ihn tun, Sultan«, flüstert Hamiri, der Dolmetsch, der vierzig Rupie Monatslohn bezieht. »Er kommt von Gott.«

Peters ertrotzt Boote und Bootsführer, den Trägermangel auszugleichen. Zu Wasser und Land rückt er gleichzeitig vor.

Er durchreist ein Gebiet, das ans Nildelta erinnert, bei ewig strömendem Regen und ewig heulendem Sturm. Menschen und Tiere werden krank. Viele sterben. Ihn selbst schüttelt Rheumatismus. Er kuriert sich mit Salizyl und Chinin in Massen, lebt halb betäubt dahin und treibt, selbst wie ein Schlafwandler, sein buntes Volk immer weiter nach Westen.

Am vierundzwanzigsten August schreibt er einen Brief:

»Vom Rücken bin ich abgeschlossen. Deutschland wird, wie immer, seit ich den Vorzug habe, in deutschen Interessen zu arbeiten, empört über mich sein. 279 Schlimmer ist, daß mir Sansibar und die Küste, Träger und Proviant abgeschnitten sind.

»Jeder Versuch, meinen unbeirrbaren Entschluß durch Hunger, Negerpöbel, Regen und Wind oder Krankheit zu hemmen, kommt mir lächerlich vor. Ich denke nicht eine Minute daran, zurückzuweichen.«

Der Adressat dieses Briefes ist ein frommer Mann.

»Ich hoffe, ich werde Euch keine Unehre machen! Gott wird nicht so grausam sein, es anders zu wollen.«

Zu Tisch erscheint er wie Tiedemann stets rasiert und in frischen Kleidern, auch wenn es nur Hirsebrei gibt. Peters erklärt dem jungen Leutnant Schopenhauer. Die Schwarzen fangen an, ihren strengen Führer zu bewundern, den jeder Schicksalsschlag lustiger macht. Sie glauben ihm sein lachendes Gesicht.

Tiedemann aber schreibt in sein Tagebuch: »Ich fühle, daß Peters ein Scheitern seiner Expedition nicht überleben mag.«

Aus dem Delta des Tana wird ein breiter, ruhiger Strom, der durch Steppenland fließt.

Peters schont sein Reittier, marschiert mit seinen Hunden an der Spitze. Es ist September, der Regen vorbei, ein Land ohne Wild.

Tag um Tag zehn Stunden Steppenmarsch! Peters löst im Kopf mathematische Probleme, stundenlang, deklamiert Shakespeare, berechnet nach den Glücks- und Unglücksdaten seines Lebens die Aussichten dieser Expedition. Drei ist seine erprobte Zahl. Wird dies Jahr überwunden, dann hat er gesiegt. 1890 ist sein großes Jahr! Nicht nur durch drei – durch dreimal drei teilbar, wie 1881, das ihn nach London brachte!

Stunden und Wochen fliegen hin. Er langweilt sich nie und spürt den Hunger nicht. Als der letzte Ochse 280 geschlachtet ist, kommen drei Tage ganz ohne Nahrung. Lange Durststrecken, wenn das Terrain vom Tana abdrängt. Peters zieht mit der Kraft eines Irren die Karawane Verzweifelter hinter sich.

Wenn Wasser gefunden, der Lagerplatz bestimmt ist, wird die Steppe oder ein Wald in Brand gesteckt. Turmhohe Flammen, schwarzgoldene Fahnen der Nacht, schlagen zum Himmel. Dreht sich der Wind, dann frißt es das Lager selbst, ist alles verloren. Aber dies Signal ist notwendig, die Karawane zusammenzuziehn.

Dem Verhungern nah erreichen sie ein Dorf! Gallaneger wohnen hier, große Menschen von edlem, kaukasischem Gesichtsschnitt, die wie auf einer Insel leben, von lauter Feinden eingeschlossen. Ein untergehendes Volk, das im Kampf schön und tragisch geworden ist.

Der Sultan erscheint höflich zum Schauri, wird sofort in Ketten gelegt. Er bleibt Gefangener, bis Ziegen, Hühner, Mais zur Stelle sind.

Acht Tage später sind sie Freunde, Peters und Sultan Hujo.

Hujo gesteht, daß Kämpfe mit den Somali, den Wandorobbo, Wakama seine Kriegsschar dezimieren.

»Einst zählten sie nach vielen Tausenden, heut sind es Hunderte. Es kommt der Tag, wo kein Gallafuß mehr die Steppen am Tana durcheilt.«

Peters verspricht ihm Schutz und Rettung.

Er hißt die Fahne der Expedition, die deutsche Fahne mit seinen Initialen E. P. E. P., und verkündet ruhmredig dem Volk der Wagalla:

»Ihr kennt die Engländer und kennt uns. Ihr könnt selbst urteilen, wer der Größere ist. Friede allen, die mit uns friedlich leben wollen, Amani, Amani! Die 281 Schwachen schützen wir, die Starken werfen wir zu Boden!«

Er kann den Mund nicht voll genug nehmen, die Galla freundlich zu stimmen.

Peters errichtet auf der Tanainsel Oda-Boru-Ruwa eine feste Station, das Von-der-Heydt-Haus.

Aber Wagalla verbrennen ein englisches Stationshaus auf der anderen Seite des Flusses, gegen Peters' »Befehl«. Das führt zu Verstimmungen, die langsam wachsen.

Diesmal ist es nicht Peters' Schuld, wenn Krieg entsteht. Er liebt die Wagalla und braucht Frieden.

Tiedemann liegt krank im Zelt: Leber oder Milz? Es ist gleichgültig – das einzige Mittel ist Morphium, wenn die Schmerzen unerträglich werden.

Tiedemann spritzt, schläft, träumt – wacht auf, ist von Schmerzen gefoltert, spritzt wieder.

In seinem Schlaf hört er einmal Gewehrknattern. Dann singen die Schwarzen:

»Kupanda, Kupanda Scharo.«

Es heißt »Städtebezwinger« und ist seit den ersten Gefechten Peters' Afrikaname.

»Kupanda Scharo« ist Kriegsruf und Text für lange Gesänge. Seit ein einzelner nicht mehr hoffen darf, lebendig die Küste zu erreichen, brauchen die Träger keine Ketten mehr. Jetzt kämpfen sie wie Soldaten mit ihren Vorderladern, vergöttern Kupanda Scharo.

Tiedemann macht Notizen ins Tagebuch und schläft wieder ein. Seit zehn Tagen schon ist er meist ohne Besinnung. Als er wieder einmal aufwacht, hört er die Schwarzen singen, schön eingeübt, sicher in Ton und Rhythmus: 282

»Unser junger Herr ist krank,
bald wird er sterben.«

Er schreibt ins Tagebuch: »Nein, ihr Scheusale, das wird er nicht!«

Drei Tage später ist er gesund, aber nicht mehr »Gurri«, der Starke, wie ihn die Schwarzen getauft.


Bei jener nächtlichen Schießerei war Peters in den Hauptkral eingedrungen.

Amani! Amani!

Aber ein Galla warf die Lanze nach ihm.

Eine Salve zur Antwort!

Der Sultan und sieben seiner Großen fielen. Die Wagalla sahen zum erstenmal Feuer aus Keulen springen. Sie flohen in alle Weiten, der ganze Stamm! Den Tana abwärts berichten sie von einer furchtbaren Schlacht, in der Kupanda Scharo gefallen.

Die Nachricht kam zur Küste, fing sich in Briefen und Kabeln, lief durch die Zeitungen Europas.

Den wenigen, die Peters liebten, war diese Gewißheit tröstlich nach endlosem Bangen.

Wie lebte er noch! Ein Sturm!

Er riß die Witwe Sultan Hujos mit dreiundzwanzig edlen Frauen als Geisel ins Lager, erbeutete achtzig Bootsladungen Getreide, befreite dreißig Sklaven und nahm sie in Dienst.

Danach ernannte er den neuen Sultan, Sadeh, und schloß mit ihm einen Freundschaftsvertrag.

»Die Wagalla erkennen Dr. Carl Peters unbedingt als ihren Herrn an . . .«

Vier Wochen hatte der Aufenthalt gedauert. Rust und seine Lasten blieben aus. – 283

Jetzt ging es, ohne Geschenklasten, in die Massaisteppe, den sagenhaft blutdürstigen, tapferen und verschlagenen Elmoran entgegen!

Das unbrauchbare Geschütz blieb zurück.

Als Hunger wieder alles zu vernichten schien, glückte es, elf junge Wandorobbomädchen zu fangen. Es kommt zum Kampf, in dem fasernackte Wilde mit Giftpfeilen zu Tausenden gegen ein paar Repetiergewehre unterliegen. Peters erobert eine Herde von zweihundertundfünfzig Stück Ziegen und Schafen.

Nie wieder Hunger! Nun ist er reich! Fleisch und Milch wandern mit ihm!

Es kommt zum Schauri, die Mädchen werden freigegeben, Führer gestellt.

Man ist sehr höflich, spuckt einander zur Begrüßung und zum Abschied vielfach ins Gesicht. Amani! Amani!

Aus Steppe wird Bergland, den Fluß des Tana unterbrechen riesige Katarakte, es ist nichts mehr mit den Boten. Aber die Lasten schmelzen ja zusammen.

Die Wadsakka sind kultivierte Leute, die in schönen Hütten wohnen, von Dornkralen umgeben, Ackerbau treiben und reich an Vieh sind. Sie haben nie einen Weißen, nie einen Araber gesehen und haben keinen Respekt vor den Sendlingen Gottes.

Erst fliehen sie vor dem Aufflackern eines Streichhölzchens. Aber sie ermannen sich wieder, fangen einen zurückgebliebenen Träger ab, geben ihn nicht mehr heraus.

Krieg also! Tiedemann erbeutet sechshundert Schafe und Ziegen. Die kleine Regenzeit ist eben vorüber. Voll von saftigem Gras und Blüten die Steppe! Frisch die Luft in diesem Bergland. Man kann jede Herde mit sich treiben. 284

Aber bald dröhnen Kriegshörner und Trommeln. Tausende von nackten Feinden!

Sechs ihrer Dörfer werden verbrannt, niemand zählt die Gefallenen.

»Kupanda Scharo!« jubeln Askari und Träger.

Ukigugu ist ein paradiesisches Land, in dessen Hauptstadt die E. P. E. P. mit Musik und Fahnen einmarschiert.

Der Sultan, süß wie Honig, führt Kriegstänze und Gesänge vor.

E. P. E. P. revanchiert sich mit zwei Raketen. Ein Friedensland!

Einem seiner Untertanen, der Peters eine Ziege stehlen will, schlägt der Landesvater wohlwollend den Kopf ab. Eintracht der Guten. Hier wird eine Woche gerastet.

Kalt wird es an den Hängen des Kenia, nachts heulen die Schwarzen vor Frost. Dennoch besser als die glühenden Tage im Tiefland! Jeden Tag Fleisch, Milch, Früchte, Reis und Mais!

Jeden Abend am Lagerfeuer der gleiche Gesang:

Andre haben nichts zu essen,
Uns gibt Kupanda Scharo Essen.
Ku–pan–da – Schahahaharo!«

Nun freilich kam das Land der Elmoran, die Massaisteppe, die noch kein Forscher bezwungen hatte. Vor einem Jahr erst war hier eine Araberkarawane von zweitausend Gewehren bis auf den letzten Mann zerrieben worden. Zwei Engländer, die den Durchmarsch versucht hatten, waren nach großen Verlusten und schlimmer Demütigung umgekehrt. Aller europäische 285 Zauber, Macht und Opulenz der Führer, die tief in die Tauschlasten griffen, hatten versagt.

Peters war arm an Geschenken, seine Karawane von sechzig Mann nicht furchterregend.

Die Erfolge aber von sechs Monaten, die hinter ihm lagen, hatten sein Selbstvertrauen absolut gemacht. An Hindernisse, die ihn zur Umkehr zwängen, glaubte er nicht.

Sechs Monate der Zucht, maßloser Strapazen, endloser Siege hatten seine Truppe zu Einem geschweißt. Heute war sie manövrierfähig und schnell, trug blökende, meckernde Nahrung in Menge mit sich, die sie vom Lande unabhängig machte; jeder Mann im Zug hielt sich selbst für einen kleinen Kupanda Scharo.

So wurden die ersten Elmoran begrüßt, die nackt und herrlich an einer Furt dem Weißen gegenübertraten.

»Geh fort mit deinen Leuten, weißer Mann! Hier soll unser Vieh tränken!«

»Ihr dürft tränken. Aber ich werde mein Lager nicht wechseln.«

Massaikrieger drängten sich ins Lager. Schild und Speer war ihre einzige Waffe, aber Gang und Blick wie von Panthern. Nur die Alten des Stammes trugen Pfeil und Bogen.

»Vergiß nicht, Weißer, wir sind Elmoran!«

Sie waren kriegstüchtige Männerjugend, Blüte eines Nomadenvolkes, das von seiner Vergangenheit wußte.

Von den Ufern des Mittelmeers war es einst hierher gezogen, hatte am Nil alle Völker unterworfen, stammte von Gott und hatte immer gesiegt. Die unermeßliche Hochebene Zentralafrikas war sein Eigentum. 286 Alle Nachbarstämme lebten in Angst vor diesen Speeren, Schilden und buntbemalten Gesichtern voll Hochmut.

Sie fraßen rohes Fleisch und soffen dem lebenden Stier sein Blut aus der Halsader.

Sie hatten nicht Weib und Kind – jedem Elmoran gehört die Gesamtheit der Mädchen seines Stammes und aller Weiber der Unterworfenen.

Sie waren schnell wie Büffel, hart gegen Frost und Hitze, die in ihrem Hochland von Stunde zu Stunde wechseln.

Zweikampf mit Simba, dem Löwen, suchte jeder – kein Elmoran hing am Leben, jeder am Ruhm.

»Zahl deinen Tribut, weißer Mann!« befahl der Führer der Elmoran. »Wer unser Land durchzieht, muß zahlen.«

»Deutsche zahlen nie! Aber ich brauche Esel und Führer. Dafür will ich eine Rolle Draht geben.«

Die Führer lachten höhnisch und brachen auf.

»Jetzt ist Krieg, hoher Herr«, erklärte der Dolmetsch.

In der Nacht stiegen rote und blaue Raketen über Peters' Lager empor. Von den Berghöhen links, aus zwei befestigten Kralen, tobte tausendstimmiges Hohngebrüll Antwort. Es war, als lachte die unberührte Steppe Afrikas selbst über den Fürwitz weißer Pygmäen.

»Kupanda Scharo!«

Peters kannte zeit seines Lebens nur eine Verteidigung: den Angriff.

Bei Morgengrauen führte er fünfunddreißig Mann im Gänsemarsch gegen den Kral Eljegeto. Vor dem Sturm fielen die Somali aufs Knie und baten Allah um Schutz. Nie hatten sie das getan, nie gegen einen Feind wie die Massai gekämpft. 287

Aber nie hatten die Massai sich gegen Repetiergewehre und eine Truppe von preußischer Exaktheit geschlagen.

Mit Kriegsgeschrei, unter prasselndem Feuer, wird der Hügel genommen. Wie Bienen schwärmen die Massai aus ihrem Kraal, heulen Wut, fallen – die Masse flieht.

Ein Vorpostenkampf, der nur Minuten gedauert hat. Zweitausend Stück Vieh, wohlgenährt, marschgewohnt, wird Beute des Siegers.

Eljegeto geht in Flammen auf.

»Heia, Safari!«

Das Lager wird abgebrochen, die ungeheure Karawane in Bewegung gesetzt. Es geht in den Wald – da steckt ein Elmoran hinter jedem Baum! Sie laufen mit, decken sich kunstvoll, weichen nicht für Minuten.

Um elf Uhr greifen sie an, so eng geschlossen, daß jede Kugel ihnen zwei oder drei Helden kostet.

»Derrerra! Derrerra!« ist ihr Schlachtruf.

»Kupanda Scharo!« brüllt es ihnen entgegen.

Die Schilde versagen! Durch Schild, Mann, abermals Schild, den zweiten Mann – tobt eine einzige Kugel.

Schnelligkeit, Todesfreudigkeit versagen – so rasch repetiert das feindliche Gewehr, daß von Salve zu Salve keine Minute zum Nahkampf bleibt.

Peters verliert sieben Mann, schleppt vier Verwundete mit sich, rückt weiter.

Seine Leute folgen ihm wie Hypnotisierte. Für sie gibt es nichts mehr als Kupanda Scharo, der den Willen Gottes verkörpert. Sie wissen, daß die Munition zu Ende geht. Sechshundert Schuß sind noch da für die Somaligewehre – neunhundert hat dieser einzige Tag 288 gekostet! Arm sind auch die Träger mit ihren Hinterladern. Kein Sieg wie der vom Morgen des zweiundzwanzigsten Dezember ist mehr zu tragen!

Hinter ihnen Friede, noch erreichbar die gastlichen Dörfer der Wakagu. Vor ihnen Zehntausende von Massai, die immer, immer wieder angreifen werden.

Die Neunundvierzig marschieren.

Am dreiundzwanzigsten Dezember wird schon um Mittag ein neues Lager bezogen, ein verlassener Massaikral in überhöhter Lage.

Geschlachtet wird und gefressen – ist nicht Jüngster Tag?

Peters und Tiedemann sitzen vor dem Zelt, spielen Ecarté. Warum nicht Kartenspielen am Jüngsten Tag? Die Sonne brennt vom wolkenlosen Himmel.

»Massai, hoher Herr!«

Man sieht sie vom Hügel aus. Sie toben nicht wie Brandung, heulen nicht. Sie kommen schweigend, Trupp um Trupp, über Hügelketten, ausgerichtet wie reisige Ameisen, von allen Seiten zugleich!

So werden sie den Hügel enger und enger umstellen, werden ihre Leiber den vierzig Gewehren preisgeben und sich auch durch Hunderte ihrer Leichen nicht aufhalten lassen.

Bis das Lager gestürmt und jeder Mann gespeert – oder bis die letzte Patrone verknallt ist, nur noch Kolben und Zähne gegen die Speere kämpfen.

»Wir brechen wohl die Partie ab?«

Peters legt die Karten zusammen.

Tiedemann wirft in sein Tagebuch eine Zeile, die er für die letzte hält.

»Sollte dieses Buch in die Hände eines Weißen 289 gelangen, so bitte ich, es an die Adresse zu senden, die auf dem ersten Blatt steht.«

Die Neunundvierzig liegen in Schützenlinie. Auf tausend Meter sind die Massai heran.

Peters allein steht aufrecht, hebt sich scharf vom Horizont ab. Ganz allein steht er da vor Engai, dem Gott der Elmoran. Er hebt die Arme –

Dunkelt es?

In diesem Augenblick hat die Welt sich verwandelt!

Ein Schatten krallt um die Sonne. Gelb und purpurn sprenkelt Licht über das Leikipia-Plateau; ein nie erlebtes Blitzen – Sekundenlang.

Dann ist Nacht.

Nur das weiße Haupt des Kenia strahlt noch in eisigem Feuer.

Sprach da Engai zu seinen tapferen Elmoran, warnte er sie, den weißen Zauberer zu vernichten?

Minuten später wieder lachten Fluß und Steppe, war Licht und Glanz der Sonne wieder da. Minuten nur der Sonnenfinsternis.

Aber Trupp um Trupp, ohne Laut, zogen die Armeen der Massai sich fort. Fort aus dem Bereich dessen, der Nacht und Tag in seinen Händen trug!

 

Es kam Weihnachten.

Im neuen Lager wurden Kugeln gegossen, Patronen gestopft. Die Träger bekamen rotes Tuch, machten Turbane daraus, fanden sich nun schön und kriegerisch. Ein paar Stunden Schlaf kostete jeder, Milch und Fleisch in herrlichen Massen.

Ein Weihnachtslied wird gesungen, Solofuge und Antwort des Chorus: 290

»Ist unser Herr der große Städtestürmer?
Eh! eh! Städtestürmer!
Ist er es, Kupanda Scharo?
Eh, eh, Kupanda,
Kupanda, Kupanda, Ku–pan–da Schaharohh.«

Darüber wird es Nacht.

Weit vor der Front flammen Lagerfeuer. Um halb zehn melden die Posten:

»Nothing master.«

Um zehn Uhr tobt die Hölle. Es tönt wie Hyänengeschrei, Löwengebrüll – die Steppe heult ihren Haß aus.

Ein Pfeilhagel geht über das Lager nieder.

»Heran, Elmoran! Alle sollt ihr sterben!«

Peters hat das in die Nacht gedröhnt.

Leuchtraketen zeigen den Feind in schwarzen Massen. Vier Stunden lang rennt er an, immer frisch in die Flinten hinein.

Dann endet der Kampf. Aber mit Hohn und Gelächter zieht diesmal der Elmoran ab.

»Nettes Weihnachten, Herr Doktor!«

»Weiß Gott, Tiedemann. Schlafen Sie gut.«

Tags darauf aber! Wird nicht gekämpft? Parlamentäre treten dem Zug entgegen.

Ein altes Weib ist Wortführer.

Zum Kämpfen hat Engai die Männer geschaffen, die Weiber zum Lügen.

Friede?

Peters stellt nur diese Bedingung: Führer zum Baringosee!

Man tauscht Grasbündel und Blumen, schüttelt Hände, spuckt einander in Gesicht und Augen, ist selig. Kein Schießen, kein Kampf mehr! 291

Und nun führen elf Elmoran die Karawane. Stunde um Stunde in Mittagsglut.

Ist so viel Tücke denkbar bei nackten, tapferen Wilden: nicht zum Fluß Guaso Narok, sondern von ihm fort, in die Wüste hinein, führen sie!

Spuk? Wahnvorstellung ermatteter, kranker Sinne?

Die Führer sind plötzlich verschwunden. Alle Höhen wieder besetzt von Kriegern, die keine Lust zum Angriff zeigen.

Sie wollen nur Zuschauer sein, im weiten Abstand folgen, Mann um Mann der Eindringlinge fallen und in Durstqual sterben sehn.

Dreizehn Stunden lang dauert am fünfundzwanzigsten Dezember der Durstmarsch, auf dem Tiedemanns schwarzer junger Schopf sich grau färbt.

Dreizehn Stunden im Marsch, schwer beladen, von Feinden umdroht, bis das Hirn in Bildern rast, die Zähne Sand zu mahlen glauben, der Urin sich blutig färbt.

Dann siegt Peters abermals, vom Genius umrauscht!

Er hat gefühlt, als er sich verraten sah, wo der Strom fließen muß. Ist mit einer kleinen Vorhut im Eilmarsch vorgestoßen . . .

Er hat das Wasser gefunden!

Als Tiedemann mit seiner Schar Verdurstender ihn erreicht, schon in Wahnsinn und Verzweiflung, begrüßt ihn ein Berliner Witz.

»Bißchen müde, Tiedemann?«

»Wasser? – – – –«

»Aber natürlich, soviel Sie wollen. Schuß Kognak dazu?«

Peters hielt ein Buch in der Hand, Carlyles »Friedrich II.«. 292

Es wird nicht mehr gekämpft. Die Massai räumen vor der anrückenden Schar Kral um Kral, schicken keinen Parlamentär mehr, versuchen's nicht mehr mit Gewalt noch List. Sie verbreiten selbst die Kunde, weithin durch Afrika, daß Peters sie besiegt hat.

Zum erstenmal in ihrer Geschichte besiegt!

Kupanda Scharo!

Am sechsten Tag lacht der Baringosee.

Gesittete Menschen, Mimosenwälder, Dörfer!

Kornfrüchte, Bananen und Hirsebier!

Mit Ehrfurcht, als einen Gebenedeiten, begrüßen die Wakuasi Peters, unterwerfen sich, nennen ihn jubelnd ihren Herrn! Ihn, der die Massai besiegt hat!

»Was wißt ihr von Emin Pascha?«

Weiße sind hier gesehen worden, Elfenbeinhändler, mit denen Peters bald Briefe tauscht.

Sie wissen nichts von Emin Pascha.

Immer reicher wird die Ebene, freundlicher. Unermüdlich geht der Zug nach Westen.

Am 13. Februar 1890 kommt ein Brief des in Europa totgesagten Stanley, sechs Monate alt, nicht an Peters adressiert, sondern an »eine englische Expedition, die angeblich in Karigondo steht«.

Stanley hat Emin Pascha erreicht, ist mit ihm abgezogen, mit vierhundert Sudanesen, vierzig Offizieren!

Die Äquatorialprovinz ist verlassen, Peters' Kaiserreich, des Kaiser Dr. Peters Reich.

Stanley und Emin marschieren zur Küste. Am sechsten September hatten sie das Südende des Viktoriasees schon erreicht.

Lies, Peters, lies, lies, lies!

Friß die Buchstaben, bis die Augen dir übergehen.

Lies, bis das Wasser aus deinen Augen Wort um 293 Wort heruntergewaschen hat von diesem Fetzen Papier. Weg die Tinte! Hirn und Herz halten ja fest, was du gelesen!

Das ist endgültige Wahrheit, Geschichte Afrikas. Nichts wirft sie um:

Zu spät!

Emin Pascha ist fort.

Dafür die Fußtritte in Sansibar, höllische Fahrt durch Sturm und Blockade, acht Monate Marsch und Qual, Malaria, Dysenterie, Hunger, verbrauchte Essenz deines Lebens!

Dafür die blutige Spur am Tana hin, diese Hekatombe von Leichen an deinem Weg!

Jetzt ist das Küstenreich des Viktoriasees erreicht, ein Garten von Land, der keinen Herrn hat.

Mohammedaner und Christen bekämpfen sich – mit Emin Paschas vierhundert Soldaten wäre er Zunge an der Waage, Herr, Herrscher!

Er, vor dem die Sultane sich beugen, weil er Kupanda Scharo ist!

Aber mit vierzig Mann und ein paar hundert Patronen . . .

Niemand soll wissen, niemand darf ahnen, auch Tiedemann nicht, was hier zerschlagen wurde! – – –


Ja, es ist möglich, sich zu beherrschen, wenn einen das Schicksal zermalmt hat. Peters kann es. Aber lebenslang quält ihn die Frage:

War dieser Plan, der einmal heiß und rauschend durch mein Hirn geschossen, ein leerer Knabentraum?

Lebenslang gab der Verstand zu Antwort:

Nein! Ein Dutzend und mehr Verträge mit Stämmen, deren Gebiet er durchzogen, waren schon 294 abgeschlossen. Von der Somaliküste zum großen See war er, Peters – nicht der Sultan der Deutschen! – als Herr anerkannt. Die Massai sogar würden keinen Tribut mehr von ihm fordern!

Leicht wäre es gewesen, mit Emins Kräften oder mit Munition und Gewehren Uganda zu nehmen, den großen See und alles Küstenland.

Die Gewehr- und Patronenkisten allein hätten genügt, die Freemantle ihm beschlagnahmt.

»Schmeißen Sie das Zeug ins Meer!« hatte ein deutscher Admiral dem englischen geraten.

Hab Dank, Deutschland!

Diesen Stachel reißt keiner aus deinem Fleisch, Peters!

 

Selbst mit ihm, dem Führer einer Viehherde und einer zusammengeschmolzenen Hirtenschar, machte Uganda einen Freundschaftsvertrag, der für Deutschland Bedeutung gewinnen konnte. Selbst in diesem Zustand seiner Expedition wurde er um Waffenhilfe gebeten.

Es war ja alles, wie Peters sich vorgestellt hatte! Ein einziger Balken in seinem Bau nur zerbrochen.

Vierhundert Tage der Reise lagen hinter der E. P. E. P., neue Monate voll Abenteuer und Kampf, als eine Schar von sechsunddreißig Mann die Küste erreichte. Sechsunddreißig noch! Sechzig Mann hatte die Steppe gefressen.

Da traf er Emin Pascha, einen zarten, tapferen, stillen und großen Menschen!

»Ja, wenn Sie mich vor Stanley erreicht hätten!«

Mit Gewalt hatte Stanley ihn von seinem Posten geholt. Mit brutalster Gewalt, er war Zunge an der Wage geworden! 295

Alles stimmte, Emin Pascha bestätigte alles. Zusammen wären sie auf dem Äquator unbesiegbar gewesen!

In den Zeitungen aber hatte das Ungeheuerste gestanden, unglaubhafter für Peters als jene Sonnenfinsternis auf seinen befehlenden Wink, unglaubhafter, als daß er und Tiedemann lebten.

Der Helgolandvertrag!

Noch vor Peters' Abreise nach Sansibar hatte Bismarck ihn mit England geschlossen, Bismarck, der jetzt nicht mehr regierte.

Darin verzichtete Deutschland auf jeden Einfluß in Sansibar. Dies Sultanat, das Peters politisch unterworfen hatte, war jetzt englischer Schutzstaat.

Deshalb die verschlossenen Türen, Verweigerung von Schutz und Hilfe, deshalb jenes eisige Schweigen in Sansibar.

Auch verzichtete Deutschland im Helgolandvertrag auf jeden Einfluß im Norden des Viktoriasees, am Tanafluß, in Uganda, im Sudan.

Bis zu seinem Tode rühmte sich Peters, daß er nie herausgebrüllt, was er in dieser Stunde gelitten.

 

Ein Felsblock in der Nordsee: Helgoland!

Helgoland und die Kolonie Deutsch-Ostafrika fielen an Deutschland. Kein Stein darin war Peters' Eigentum.

Dafür hatte er Maud und seine Jugend gegeben!

Er war jetzt vierunddreißig Jahre alt, Maud siebenundzwanzig.

Maud, von der kein Brief und kein Telegramm sich fand, nicht in Bagamoyo, nicht in Sansibar.

 

Seine Heimkehr nach Deutschland, das ihn längst für tot hielt, glich freilich einem Triumphzug. 296

Aber es waren Feiern, die dem größten deutschen Sportsmann galten.

Als Souverän hatte er heimkehren wollen!

Dieser Peters, dem endlich ein Posten im Kolonialdienst gewährt wurde, irgendeine unklar definierte Stellung zweiten Ranges, ein freundlich klingender Titel dazu und die ersten bescheidenen Ehrenzeichen – und der all das annahm, diesen Hungerlohn annahm! – war nicht mehr Kupanda Scharo.

Auch übermenschliches Feuer kann mit vierunddreißig Jahren schon verbraucht sein. Das unterliegt nicht eigenem Wollen.

»Reichskommissar« Dr. Peters – vielleicht war es genug für einen Verbrauchten.

Ihm blieb nur zu einem die Kraft: sein Gesicht zu wahren.

Müde behauptete er, das Bewußtsein, dem deutschen Reich mit Helgoland eine wichtige Bastion erworben zu haben, sei Lohn genug für alle Mühen.

 


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