Balder Olden
Ich bin Ich
Balder Olden

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Zweites Kapitel

Carl Peters saß in seiner Bude, einer armen Studentenbude ohne Heizung. Es war ein kalter, nasser April, 1878.

Lesen konnte er all die Bücher und Auszüge nicht mehr, die zu seiner Arbeit gehörten. Dazu hätte er Monate gebraucht. Nur anschauen. Aber er hatte ja selten ein Kolleg ganz gehört; meist genügte es, am Schluß des Semesters die Aufzeichnungen eines emsigen Kommilitonen zu durchfliegen, um das Wesentliche aus der Professorenleistung herauszuwittern.

Das eben hieß Genie! Ein Buch gerade da aufmachen, wo das Wichtige steckt. Einen Autor verstehen aus dem Schatten, den er wirft, aus dem, was man über ihn gehört hat, ihn so quasi durch die Fingerspitzen ergründen.

Wer das nicht hatte – pfui Teufel, die Vorstellung nur, so trübetümplig, plumpedatschig zu sein wie die absolute Mehrheit seiner Kommilitonen.

Als Fuchs von neunzehn Jahren hatte er hundertdreiundsechzig Taler besessen. Das war sein Studienkapital, kein Pfennig mehr zu erwarten, noch Freßpaket, bezahlte Schneiderrechnung. Er hatte nicht nach Krücken gegriffen, Freitischen, Privatstunden. Sondern war mit neunzehn Jahren, in freier Konkurrenz, politischer Leitartikler des »Beobachter am Harz« geworden. In freier Konkurrenz bezahlter Herausgeber zweier Museumskataloge. Durch seine Preisarbeit »Der Kreuzzug 1101« hatte er ein drittes Stipendium gewonnen, feste Rente auf vier Jahre.

Neunzehn Jahre und sechs Monate alt war er Student geworden. Noch vor dem zwanzigsten Geburtstag 18 hatte er sich diese drei Geldquellen erschlossen, so stark, daß er bei den reichen Jüngen, den Barönchen, Kommerzienratssöhnen mittun konnte. Kneipen, Fechten, Mensuren schlagen. Er mußte mittun, denn in der Couleur, im Turnverein, im Gesangverein, nur in den Organisationen fand er zum Geführtsein Gewillte, Präsidentenposten, die er brauchte seit Kinderjahren.

Er hatte schon als Dorfhähnchen in Neuhaus an der Elbe präsidierend auf dem Mist gekräht, seine Mitbuben zusammengerufen.

Während Peters um den Frieden von Venedig kämpfte, mußte er hungern. Der Proppenbund hatte Anhänger gebracht, aber kostspielige Wirtschaft. Auch hing er noch in Göttingen und Tübingen bei Korporationen, mit deren Waffen er Mensuren geschlagen. Dazu hatte er Freund Baldamus in Thüringen, auf Grund einer Bierwette, ein Jahr lang die Hälfte seines Stipendiums überlassen.

Er hungerte und fror, sah keinen Freund und keine Zeitung. Heringe und Brot, selbstgekochter Tee, Friede von Venedig.

Wie kalt war »Februar 78« für einen, der nach Norden wohnt! Draußen freilich lag manchmal die Sonne auf der Gasse, hingeklext auf Pflastersteine, lockend nah. Aber zu seiner Bude kam sie nicht, und er hatte keine Zeit, dem Frühlingswunder nachzulaufen.

Seine Wirtin klopfte.

»Herr Doktor, jehnse doch schon in'n Bierjarten, Mittach essen. Wirklich!«

Aber in zehn Wochen mußte er Arbeit von Jahren leisten.

»Frau Stiebel, Mattjeshering für Mittag.«

Einmal kam Amalia, nicht mehr Proppenschwester, 19 blaß, schlank und verweint. Sie trug ein Riesenpaket im Arm. Peters saß am Schreibtisch, einen Plaid um die Beine gewickelt. Um den Plaid zu schonen, trug er keine Schuhe.

Sie hatte sich nicht melden lassen. Als sie eintrat, mußte er aufstehen. In bloßen Socken wirkte er noch kleiner, war im Pelz, aber ohne Kragen und Schlips. Auf dem Schreibtisch die leere Tasse, armselige Reste der armseligen Mahlzeit. Er biß sich auf die Zähne vor Wut. Sie war elegant, so groß auf ihren Stöckeln, prinzessinnenhaft.

»Carl«, bat sie, »du willst dich totarbeiten. Aber ich geb's nicht zu. Komm, schenk mir eine Stunde. Ich hab' . . .«

Und sie wies auf ihr Paket, wollte auspacken, Tisch decken, ein Festmahl arrangieren.

Ihn im Bau überfallen! In Socken und Jägerhemd. Ihm Liebesgaben!

»Lebendes Bild für die Gartenlaube stellen?« fragte er mit bösem Hohn, und dabei schnarrte seine Stimme.

»Überschrift: Liebe geht durch den Magen. Oder: Idyll auf der Hintertreppe.«

Er dachte nicht daran, auspacken zu lassen.

»Daß ich keine Zeit für dich hab', gilt schließlich nicht nur draußen, sondern erst recht in meinen vier Wänden.«

»Intra muros et extra!«

Er öffnete ihr die Tür.

Es ist furchtbar, das Herz voll Liebe, den Arm voll festlicher Gaben, auf einer Treppe zu stehen.

Es ist furchtbar, allein auf einer kalten Treppe zu stehen, wenn man so freudig im Zimmer Ruf und Zukunft opfern wollte. 20

Peters hörte nichts mehr von Amalia und dachte ihrer nur selten.

Dieser Friede von Venedig wuchs sich zu einem unfaßbar weiten Problem aus – jedes Buch, jede Urkunde führte zu neuen Quellen und ganzen Wissenskomplexen. Je mehr er las und seinem Plan einfügte, um so weitläufiger, ihn zu lösen. Kurz entschlossen warf er ein paarmal ganze Kapitel über Bord, brach gleichsam Quadern aus dem Bauwerk dieser Historie. Er schuf bewußt einen Torso statt eines Körpers. Fließend und wuchtig im Stil, sollte seine Arbeit über das Fehlende wegblenden.

Oft, nachts, quälte ihn diese Pfuscherei. Nicht nur, weil er, ein Schüler Waitz', Wissenschaftler, Anwärter auf Gelehrtenruhm war. Aber wenn das Prüfungskollegium die Lücken entdeckte! Es konnte wirken, als hätte er nicht mehr Quellen gebraucht, als ließ' er vieles unter den Tisch fallen, das nur Pedanten wichtig schien. Aber sie konnten auch merken, daß er einfach in der Eile seine Lücken überkleistert hatte, ein schlampiger Primus war. Dann bekam er den Preis nicht. Dann hatte er renommiert, war sein heroischer Abschieds-Proppen-Abend eine Posse.

Schmachvoll, sich vorzustellen, daß er verlacht wurde!

Die letzte Woche des März war eine einzige Kasteiung. Tag ging in Nacht und Nacht in Tag. Immer knisterten Blätter, immer kratzte Peters' trotzige Feder.

Als die Arbeit abgeliefert war, befahl er sich einen gigantischen Schlaf. Er, der zehn Wochen lang alles entbehren konnte, war auch begabt, sich dem Schlaf grenzenlos hinzugeben, Lärm der Straße, Unrast in sich und alle Fragen an die Zukunft so zu besiegen, daß diese 21 Ruhe von vierundzwanzig Stunden ihn für jeden Kampf neu waffnete.

Bald darauf sagte Jühlke sich an. Karl Jühlke, der Freund aus Ilfeld, Tübingen, Göttingen. Partisan bei jedem Streich und jedem Streben. Paladin in jeder Machtstellung. Karl Jühlke, der weiche, phantasievolle, tüchtige Kamerad, den Peters liebte, wie er nie seine Mutter geliebt.

Jühlke war erregt und bedrückt beim Wiedersehn.

»Wie hast du das getragen, Carl, das mit . . .?«

Amalia – aber so hieß sie nur im Proppenbund – lebte nicht mehr. Sie hatte Gift genommen, ohne eine Spur ihres Kummers zu lassen, ohne ein Wort, das zu Peters führte. Nur Jühlke kannte ihren Namen und ihr Geheimnis.

»Um diesen elenden Preis, um diese verfluchte Pappmünze! . . .« tobte Peters. »Dreimal verflucht diese Arbeit!«

Aber er wartete fiebernd auf das Ergebnis des Preisausschreibens.

In der großen Aula, in feierlicher Sitzung, verkündete der Rektor:

»Goldene Medaille der Arbeit unter dem Motto: ›Es irrt der Mensch, solang er strebt‹.«

Das Kuvert mit diesem Kennwort wurde erbrochen. Preisträger: Cand. phil. Carl Peters.

Perkeo Gracchus, etliche Semester älter als Peters, schon Doktor und Preis-Kandidat – er, dessen Pflaume den Präsidenten des Proppenbundes erst zur Teilnahme veranlaßt hatte –, stand bekniffenen Gesichts dabei. In zehn Wochen hatte dieser Bursche übertroffen, was er selbst in sechs Monaten harter Arbeit geleistet!

»Meine herzlichsten Glückwünsche, Peters.« 22

»Aber dafür nehm' ich keinen Glückwunsch an, Doktor Baumann! Wenn Sie Ihre sechs Monate richtig ausgenützt hätten, wär's Ihnen zur Not vielleicht auch geglückt!«

Und Amalia? Er besaß die Goldmünze, so viel wert wie einem Quartaner sein Fleißbillett, das sich rollt und wieder aufrollt, wenn er's anhaucht. Das Mädchen war tot.

Es lebte noch, hätte er für ein gutes Wort Zeit gehabt.

Er straffte sich, riß die Schultern zurück, ballte die Fäuste.

»Zwischen einen Mann und sein Werk darf nichts sich drängen!«

Und war dies Werk auch noch ein Spiel, eine Münze aus gelbem Metall, akademischer Bierulk in seinen Konsequenzen – es war zu seiner Stunde Ziel gewesen!

So log er sich vor, nur dies fanatische Aufgehen in seiner Arbeit über den Frieden zu Venedig im Jahre 1177 habe Amalia getötet. Er bekannte sich nicht, daß es ihm Genugtuung gewesen, das schöne, noble Wesen an seiner Schwelle betteln zu lassen.

 


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