Balder Olden
Ich bin Ich
Balder Olden

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Sechstes Kapitel

Die letzte Feile legte Peters an sein Werk, als er wieder in Hannover war, im Witwenhaus, das nach Lavendel roch und Seife.

Vieles, womit er sich aus Wahnsinn und Nacht befreien wollte, stand noch, mußte aufgestöbert und abgewürgt werden wie der Angstschrei aus tiefem Schlaf. Rotstift, Papierkorb!

Denn Peters wollte nicht als Reuiger vor die Mitwelt treten.

Ganz allein er, Onkel Karl, sollte verstehen und würdigen.

Vierhundert Seiten Philosophie? Ein einziger Brief 70 an Onkel Karl, der drüben in London zur Hochzeit rüstete, treuherzig davon Bericht gab, das festgesetzte Monatliche sandte. Der sollte lesen und wissen, wie's um die Seele seines Charles bestellt war, darinnen Gott und Satan rangen, – indessen er sie beide leugnete.

»Das Wesen der Sittlichkeit besteht darin, den Konflikt, in dem der einzelne durch seine Doppelstellung als Sonder-Ich und Teil der Gesamtheit gerät, im Interesse der Gesamtheit zu lösen.«

Das war Versprechen auf gemeinnützige Taten eines Menschen, der sich selbst nicht schonte, in großen Taten sühnen wollte, was er schäbig gefehlt.

Seit das grimme Theater entfiel, das Peters im Lichtkreis Maud Louistones spielen mußte; seit das große Plädoyer vollendet war, begann er ruhiger zu schlafen.

Nach Boulogne-sur-Mer tat Hannover ihm gut, das Lavendel seiner Mutter sogar nach jenem Inferno aus Reue und Brunst. So gab er sein Buch in Druck.

Der majestätisch-große Verleger Brockhaus ließ sich von diesem Anfänger auf kurze Termine und beeilte Herstellung drängen.

»Homer mußte mehr Geduld aufwenden, seine Ilias gedruckt zu sehen« schrieb er freundlich an den Ehrgeizigen. Brockhaus ahnte nichts vom Doppelzweck dieses Werkes. Was es zu bedeuten hatte, wenn der junge Philosoph von »fast dämonischem Grauen« sprach, das ihn während der Arbeit geschüttelt. Ahnte nicht, daß dieser Druck in Onkel Karls Händen liegen sollte, gleich nach Violets Beichte.

Diese Braut würde dann weinend ins Dunkel ziehn. Man konnte sie mit Goldstücken trösten, Goldstücke würden ihr einen Freund gewinnen, dem sollte sie eine 71 tüchtige, kleine Frau sein. Nicht im stillen Palais Addison Road, sondern in drei braven Zimmern, am Kochtopf, am Waschfaß. Das entsprach ihrer Herkunft.

Onkel Karl aber liest dies Buch, wenn Schmerz und Enttäuschung sich über ihn werfen!

 

Peters schlief besser, als er in Boulogne geschlafen hatte. Karl Engels melancholisches Haupt beugte sich nicht mehr über die Korrekturen zu »Weltwillen und Willenswelt«. Aber, wachend und schlafend, war doch dies Gefühl einer nahen Katastrophe geblieben, dies erbärmliche Schuldgefühl, das einem Philosophen nicht anstand, der eben gelehrt hatte: alles, was geschieht, ist notwendig von Ewigkeit her!

Den Regierungspalast in Kalkutta würde er nicht beziehen. Aber es gab andere Reiche, die einen Herrscher suchten. Der englische Zivildienst war ihm verschlossen, da er nicht Engländer wurde. Aber es gab freiere Wege als dies Vorwärtsschieben in der Ochsentour einer jahrhundertealten Verwaltung!

Auch das noch durchgrübelte Peters in langen Nachtstunden, in denen Bündel von Korrekturfahnen durch seine Hand gingen, der Stil seines Werkes von letzten Schlacken gereinigt, die Flut seiner Gedanken und Schlüsse noch einmal durchmessen wurde: Maud war achtzehn Jahre alt! Sie mußte sich ihm ergeben, das war beschlossen in nicht gesprochenen Worten, wenn er die Höhe der Macht erklommen hatte. Schon glaubte sie ihm dazu Willen und Fähigkeit. Den Beweis hatte er zu bringen!

Mit dreißig Jahren konnte sie halb verblüht sein. Was galten zwölf Jahre im Leben eines pflichteifrigen Beamten, selbst wenn ihm der Prince of Wales die 72 Schulter geklopft, die Königin ihn vielleicht in Audienz empfangen hat?

In zwölf Jahren konnte Maud verblüht sein. Mindestens dieser Glanz reifer Kindlichkeit, dies Eben-Erblüht- und Schon-Vollendetsein, das über ihr berauschend lag, war dann nicht mehr.

Sieben Jahre ließ er ihr, sieben Jahre!

Fünfundzwanzig war das Alter der Juno, der Venus, der Mediceischen Madonna. Wenn sie dies Alter herrlichster Reife erreicht hatte, auf dem Thron ihres Lebens stand – eine Königin! – dann sollte sie ihn, den Sieger, kniend im Zelt erwarten! Dann sollte sie es inne werden, daß all ihr Reifen, Schöner-, Reicherwerden nur ihm gegolten hatte, dem ihr Bestimmten.

Sieben Jahre Kampf mit Hart auf Hart – dann Sieg, Macht, Maud!

Das wurde so zum Glauben in Peters – derzeit Anwärter auf ein unbezahltes Pöstchen als Dozent, vom Zorn seines Wohltäters und neuer Armut bedroht –, daß er auch das triumphierend in sein philosophisches Werk eintrug.

»Oft allerdings mag etwas zufällig erscheinen, wenn z. B. von Amerika herüber und zur selben Zeit von Deutschland aus zwei Fäden zusammenschießen, um in London sich zu verschlingen, etwa in einem Liebesbund.

Aber wenn man immer im Auge behält, daß jede dieser Ketten mit Notwendigkeit in sich zusammenhängt, so wird man auch die eherne Notwendigkeit zweier solcher Ketten nimmermehr verkennen.«

Fäden eben noch – Ketten im Nachsatz! 73

Auf diese Stelle wollte er einmal den Finger legen. »Damals, Maud, hab ich schon von Ketten gesprochen!«

In wenig Tagen entschied sich sein Verhältnis zu Karl Engel. Würde er Violet fortschicken und sich, noch einsamer, noch inniger, vielleicht dankbar für eine Untat, die ihm die alten Augen geöffnet hatte, ihm, dem Sohn seines Herzens, zuwenden?

Oder einen Fluch über den Kanal schicken, der Peters' Weg dornenvoller und steiler machte?

In wenig Tagen sollte, 54. Addison Road, Hochzeit sein! Hatte Violet bis dahin nicht gesprochen, dann sprach er, am Vorabend der Hochzeit, am Polterabend!

Sie würden beisammensitzen, der alte Herr in seiner Fröhlichkeit, die kleine Nichtsnutzige, ein paar Freunde, ein paar Carpenters.

Der Butler: »Ein Telegramm, Sir!«

»Danke James, Glückwünsche?«

Zehn Worte, die alles niederrissen, Schicksalsvernichtung. Polterabend – nein, Donnerabend, Sturm im Haus, Jammer in den Herzen und Heulen. Es mußte sein.

Längst gingen die Probedrucke an Karl Engel ab, Fahne um Fahne, das ganze Werk. Wie er es lesen würde? Stolz auf dies Genie, den herrlichen Fleiß seines Neffen, den Wohlleben und Leidenschaft nicht beirrt hatten, zu schaffen, Ehre einzulegen, zu forschen und zu bauen?

In Gram und bitterer Enttäuschung über den Undankbaren, Schamlosen, der ihm die kleine, reine Braut genommen?

Er wußte ja selbst nicht: mußte er sich bewundern oder anspeien? 74

Jetzt war November, Nebelschlangen krochen an Häusern hin, wuchsen zu Mauern, verschleierten die Straßenlichter.

Drüben in London, aus den Hafendocks, zeterten jetzt die Sirenen, Tag und Nacht heulte das Nebelhorn. Man kannte den nicht, dessen Weg man kreuzte, den besten Freund, den Bruder nicht. So gelblich-dunkel war es in den Gassen, daß keiner den andern fand.

War es anders, im Mai sogar, bei Jasmin und Flieder, bei goldnem Vollmond und Musik?

Nie kannte einer den andern, noch sich selbst. Feuer brennt mich, Wasser kühlt mich. Ein Mädchengesicht ist mir Ekstase. Mädchenkörper beglücken mich. Schwere Aufgaben reizen mich, sie zu lösen.

Güte zwingt mich nicht zum Gutsein!

Ein Schrei von Schmerzen, die ich geweckt habe, klingt in mein Ohr brünstiger und süßer als Koseworte. Unschuld zwingt mich zur Zerstörung. Ein Stein, wenn er den Halt verliert, geht senkrecht in die Tiefe. Blut ist mir etwas Herrliches, aus jungen Wunden springendes Blut. Herrlich ist die Qual eines niedergerungenen Mädchens!

Mehr wußte Peters nicht von sich. Mehr hatte Kant nicht von sich gewußt als seine Beziehungen zum Außen.

Und doch hätte Peters jetzt eine Hand dafür gegeben, Geschehenes ungeschehen zu machen. Reue zerfaserte ihm das Hirn, fraß in seiner Brust, als sei eine Ratte lebendig dort eingeschlossen.

Er, der nichts getan hatte, als den schwarzen, wüsten Gesetzen seines Lebens treulich und ruchlos zu folgen – heulte nun »pater peccavi!« wie ein Büßender unter der Geißel. Es bewies, daß etwas in seinem System nicht stimmen konnte. Es bewies, daß er verworfen und 75 verurteilt war, wenn kein Verzeihen kam. Bewies, daß einer der Gnade bedürftig war, der mit Shakespeare dies herrliche Wort, scharf und gewaltig wie eine mathematische Formel, zur Devise gemacht hatte: I am I.

Er bedurfte der Gnade des »Ich bin Ich«. Und mit winselnder Seele schrieb er, schrieb er – denn dem, der die Sprache meistert, wird alles Wort zur Tat und jede Tat zum Wort.

Das wurde ein Nachtrag in Aphorismen, nur für Karl Engel bestimmt, das Bitten eines, der auf Knien lag.

»Was kann die Kröte dafür, daß sie Kröte ist und nicht etwa Nachtigall? Ist es die Schuld der Distel, daß sie keine Rosen hervorbringt? Und doch widert die Kröte uns an und raufen wir die Distel aus! – Sollten wir den Bösewicht weniger hassen und verachten, weil er unter dem Gesetz von Ursache und Wirkung steht, sollten wir das Gemeine nicht zertreten, weil es ohne eigene Schuld gemein ist?«

Das hieß »Zertritt mich, weil ich gemein bin!« Was aber hieß das?:

»In der Lehre von der absoluten Notwendigkeit alles Geschehenden von Ewigkeit her liegt eine Quelle unendlichen Trostes. Es ist dies im letzten Grunde derselbe Trost, welchen die stille Ergebung in den unabänderlichen Ratschluß Gottes dem gläubigen Herzen bietet. Hier wie dort der süße Trost, daß alles vollkommen und gut ist, für das Einzelindividuum selbst; bei uns, daß es seinen Zweck für dieses große und 76 wunderbare All im ganzen hat, zu dem ja auch wir gehören.«

Was hieß es, wenn die letzten Worte des Nachtrags, die letzten Worte eines für Jahrhunderte geschriebenen Werkes, so lauteten:

»Nicht als ein lachendes wird das Antlitz des verhüllten Bildes sich offenbaren, sondern als ein furchtbar ernstes; aber ein Strahl unendlichen Mitleids und unendlicher Liebe wird seinem in Wehmut verklärten Auge entströmen!«

Es hieß: daß ein Gegeißelter, der auf Knien lag, die Hände hob, nicht zum Kreuz, sondern zu einem Menschen, der in höchster Güte und Weichheit verklärt schien. Peters saß an seinem Tisch zu Hannover, nach Lavendel und Schmierseife duftete das Witwenhaus. Er schrieb, wie er einmal gebetet und gesungen hatte in der Kirche zu Neuhaus, wo sein Vater Pfarrer war.

»Sieh her, hier knie ich Armer,
der Zorn verdienet hat.
Gib mir, o mein Erbarmer,
den Anblick Deiner Gnad'.«

Der Nachtrag wurde nach London geschickt, zwei Tage vor dem Polterabend. Ehe die Sendung bestätigt war, flog ein Telegramm über den Kanal:

»Laß uns schweigen. Violet.«

Ein anderes flog zurück:

»Sprich!«

Als drüben Polterabend war, ging Peters tanzen.

Im Frack, wie alle Welt. Er trank gierig und tanzte unermüdlich.

Damen, die er im Walzer gedreht hatte, ließ er 77 plötzlich stehn, ohne sich zu verabschieden. Er durfte auffallen; denn seit er Londoner und reich war, gehörte der junge Doktor zu den Persönlichkeiten von Hannover.

Gegen morgen fand sich eine kleine Gruppe von Akademikern, alte Proppenbrüder, zu einer Exfidelitas zusammen. Peters präsidierte.

Er trank »Ganze« und »Weinjungen«, trank jedes Glas auf einen Zug leer. Seine Reden an diesem Abend hatten nicht den Ulkglanz der Proppenzeit. Aber sie schienen den meist benebelten Kommilitonen geistreich, oder wahnsinnig-zotige Worte liefen mit unter, die freundlich belacht wurden.

In einer dieser Reden gestand Proppenpräsident Peters, daß er trotz der Alliteration in Titel und Namen, die doch Bestimmung enthielt, seit langer Zeit abstinent lebe. Vielleicht sei das Sünde wider das Gesetz seiner Natur. Aber selbst dem überzeugten Deterministen, der er jetzt sei, passiere es, daß Einzelwille und Weltwille karambolierten.

Hier wurde die Rede dunkel, verlor sich abermals in Zoten.

Der Schluß aber klang wieder!

»Ich bereue tief, daß ich dem Proppen so lange untreu war. Wenn ich Paul hieß', Proppenpräsident Paul Peters, wäre das nicht passiert.

Sechs »P« hätten mich zur Erkenntnis meiner Bestimmung gebracht. Ich bin ein Sünder, der da weiß, daß nur im Schnaps Frieden ist, und der den Schnaps dennoch verraten hat! Im Schnaps nur ist Frieden! Ich aber habe den Schnaps verraten!«

Auf der Straße trennte sich Peters sogleich von seiner fröhlich randalierenden Gesellschaft.

Den Zylinder schief auf dem Kopf, trotz riesiger 78 Alkoholmengen festen, trainierten Schrittes, etwas verkantet wie ein Segelboot im Sturm, raste er nach Hause.

Er tastete nicht nach dem Schlüsselloch. Haustür und Wohnungstür flogen auf mit Krachen. Da war das Studierzimmer, der Schreibtisch, da lag das Telegramm, dessen Inhalt er die ganze Nacht gewußt hatte.

»Fand Karl Engel tot. Sofort kommen.«

Eine Stunde später reiste Peters nach London.

 


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