Balder Olden
Ich bin Ich
Balder Olden

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Achtzehntes Kapitel

Die Europäer zehrten vom Rest ihrer Kraft. Von seiner Hängematte aus hatte Peters mit dem Sultan von Usagara verhandelt. In der »Manzilla«, die von vier Negern über einer Bambusstange getragen wurde, marschierte er zur Küste ab. Nur Jühlke begleitete ihn, schleppte sich zu Fuß mühselig dahin. 195

Beiden raste die Malaria im Blut. Peters, in seiner offenen Hängematte, in der er sich mit dem Tropenhelm nicht schützen konnte, wollte die Sonne das Hirn aus dem Schädel brennen. In seinen Fuß hatte der Sandfloh ein Loch gebohrt, das allzu lang vernachlässigt war. Jetzt war da eine große eiternde Wunde. Dornen zerfetzten ihm den Leib auf dieser Fahrt durch Sansivieren und Mimosengebüsch. Erbärmlich wurde der Hunger nach allen Dingen, die dem Europäer unentbehrlich sind: Zucker, Kaffee, Gemüse, nach einem einzigen Trunk Bier oder Wein!

Schon wirklich kühles Wasser schien auf langen Tagemärschen den Ausgedörrten ein Traum von Glück und Gesundheit!

Wie eine Fata morgana schwebte vor ihrer Phantasie ein Bild: schäumendes Bier! Goldgelbe, klare Masse, kühl wie Schnee, schaumgekrönt!

Zwei sterbenskranke Weiße, acht Träger, drei Boys.

Hungernd und durstend zogen sie durch eben gewonnenes Land. Eine Siegerschar, die sich ausnahm wie ein Trupp fliehender Marodeure.

Nach wenig Tagen brach Jühlke, der nie geklagt hatte, ohnmächtig zusammen.

Mit letzter Energie erhob sich Peters aus seiner Hängematte, humpelte, auf Ramassan und Hamisi gestützt, dem nächsten Dorf zu, schmerzbeladen, viele Stunden lang.

Von seinen Hoheitsrechten wußte in diesem Dorf niemand. Kein Schriftkundiger konnte den Unterwerfungsvertrag des Sultans entziffern. Geld, gemünztes Gold sogar, war hier wie Kiesel. Die letzten Geschenklasten waren in Sagara geblieben.

Dennoch! 196

Es gelang Peters, ein halbes Dutzend schwarzer Bürger, die sich für Freie hielten, als Träger zu dingen. Es gelang, obwohl jetzt selbst auch die Beredsamkeit Ramassans und Hamisis versagte, wenn's an Versprechen ging und von dem grenzenlosen Reichtum dieses fieberschwachen, zerlumpten Weißen zu reden war.

Am vierzehnten Dezember zogen sie elend in Kangasi ein, Residenz des Sultan von Ukami.

Ein Korb voll Gemüse, das Ramassan aus dem armen Gärtchen eines französischen Missionars gebettelt hatte, gab beiden einen letzten leisen Antrieb von Kraft.

Fest überzeugt, daß er die Küste nicht mehr erreichen würde, zwischen Schüttelfrost und Ohnmachten, wies Peters dem Sultan von Ukami seine Verträge und verlangte auch von ihm die Unterwerfung.

Er hatte nicht mehr Glasperlen oder Weckeruhren, Zeugnis seines Reichtums, zu bieten. Konnte nicht mehr durch einen Schuß auf große Ferne einen Strauß oder ein Zebu-Rind erlegen, um zu beweisen, daß der weiße Mann über Zauberwaffen gebietet.

Mit finsterer Stirn, aus fieberkrustigen Lippen heraus, die Hände zitternd, während er den Vertrag schrieb, verlangte er auch von diesem Sultan, daß er Rechte, Macht, Zukunft seines Reiches hingab.

Auch diesmal mit dem Erfolg, daß Peters' Land wuchs, Zahl seiner Untertanen, Zahl der unterworfenen Herrscher.

Ein herrliches Gebirgsland war gewonnen, das auf fünf Meilen an die Küste heranreichte, Schlüssel zu Usagara, dem Edelstein in Peters' junger Krone.

Als Peters dies letzte Dokument den Kostbarkeiten seiner Mappe einreihte, befahl er Jühlke: 197

»Wenn ich heut oder morgen verrecke, laß den Schwarzen meinen Kadaver!

Du hältst dich keine Minute auf, gehst schnurstracks an die Küste!

Krepierst du auch, muß Ramassan die Kontrakte nach Sansibar bringen!

Hörst du, Ramassan! Nach Sansibar, zum Bwana O'Swald aus Uleia, vom Volk der Wadatschi!«

Die Haut zerfetzt, in Lumpen und krank, kein Geld im Sack, kam die große Expedition an der Küste an, zwei weiße Vagabunden, ein Dutzend schwarzer.

Aus den gotischen Fenstern des Jesuitenklosters zu Bagamoyo klang Orgelspiel ihnen entgegen.

Orgelspiel an dieser Schwelle eines neuen, napoleonischen Lebens, wiederum Orgelspiel!

Ein Mensch, den Hunger und Strapazen, mit heroischer Kraft ertragene Triumphe zermürbt haben, weint vielleicht auf in unbewachten Stunden, verbirgt sein Haupt, das der Umgebung steinern und majestätisch sei.

Peters aber schrieb Jahrzehnte später, als er ein Fazit seines Lebens zog:

»Ich schäme mich nicht, zu bekennen, daß ich in krampfhaftes Schluchzen ausbrach!«

Im Interesse der Gesamtheit, wie er sich's geschworen hatte, war nun eine Tat geschehn, die ihn entsühnte. Was er sich gelobt, als er in Boulogne-sur-Mer Abrechnung hielt und Karl Engel – noch lebend – ihm schon Vision – im Rücken fühlte: es war erfüllt.

Klang die Orgel, klang die Orgel – klang sie nicht, wie unter Engels Händen? 198

Das Kloster von Bagamoyo half, pflegte.

Ein arabischer Kaufmann streckte zweihundert Rupie vor, zur Ablöhnung der Träger, zur Überfahrt nach Sansibar.

Alle Summen, jeder kleinste Posten, hastete in Peters' Hirn. Bisher brauchte er kein Hauptbuch.

Zweitausend Mark hatte, von Sansibar bis Sansibar, die Eroberung eines Landes, Keimzelle eines Kolonialreichs wie Indien, gekostet!

Peters fieberte, nicht von Malaria nur!

Vor fünf Wochen an diesen Strand geworfen, auf allen Vieren, – heut der Herr! Was hatte Deutschland, was hatte die Welt gesagt, als er vor fünf Wochen in Afrika einbrach?

Waren schon Zeitungen da, Briefe – von Behr-Bandelin, von Lange, von . . .

Jetzt würde ein Telegramm in die Welt hinausgehen, Weltgeschichte, erschütternd!

Ja oder Nein, Fürst Bismarck? Reichsschutz für die Erwerbungen meiner Gesellschaft, Usagara, Uguru, Useguba, Ukami? Reichsschutz für neue Erwerbungen, zu denen von mir trainierte, von mir erwählte, schnelle Adjutanten entsendet werden?

Jühlke, der in Sansibar genesen wird, nimmt auf meinen Befehl das Somaliland.

Pfeil, den stumpfen Pfeil, schnelle ich bis Uganda hinaus, zu den großen Seen, dem Binnenmeer im Herzen Afrikas!

Ich werde mir erlauben, zwischen den Breiten von Sambesi und Kap Guardafui diesen hellen, lustigen, dunklen Erdteil zu besetzen.

Werden Euer Durchlaucht, dessen Befehl die Ermordung Ihres bescheidenen Dieners so quasi angeordnet 199 hat, heute den nie erbetenen, aber ohne Bitte einst abgelehnten Reichsschutz gewähren? Für einen Besitz, um den selbst England uns beneiden wird?

Oder soll Ihr Diener sich mit dem kleinen, aber afrikahungrigen König der Belgier an einen Tisch setzen – seinem smarten Stanley, der ihm das Wasser nicht reicht, der Millionen ausgibt, wo unsereins mit Hunderten rechnet, als Experten zur Seite?

Dann ist für Euer Durchlaucht – aber nicht für mich! – für Deutschland, dessen Mehrer ich, wie Sie, mich nennen möchte, die letzte Stunde vergeben. Für Europa nicht, das Land braucht, darin Kautschuk und Kaffee, Palmnuß und Früchte reifen, das Eisen, Gold und Kohlen braucht – in Ewigkeit, unmeßbar viel!

In ein paar Stunden hält man Zeitungen und Briefe, Briefe und Telegramme in Händen! Jühlke röchelt aus Fieberwahnsinn und glaubt sich im Kampf.

Im Kampf, armer Freund, den Chinin und Eisbeutel, Moskitonetz und Hühnersuppe bald heilen. Im Kampf stehen wir noch, heute noch! Nicht mehr lang! Wir sind Sieger!

Du Kamerad, ich kann dich nicht selbst pflegen, mein Kabel fliegt heute nach Berlin. Ehe es dort noch ganz durchgedacht, durchgekaut ist, steh ich auf Mensur.

Erkenne, greiser, herrlicher Fürst, wie ich dienen will dem Reich, dessen Schöpfer du bist!

Die Dau trug wie ein Dampfschiff, schnurgerad ging ihr Lauf unter vollem Segel. Dieser Ostwind war ein gutes Omen! Und doch, wie endlos die Stunden . . .

Daß man noch immer nicht fliegen kann! Nach Berlin, schnell, wie am Kabel hin das Wort fliegt!

Peters war achtundzwanzig Jahre alt. So aber raste sein Leben, daß nie eine Stunde zu verlieren war. 200

Im Büro von Hansing u. Co. aber galten die Zeitungen nichts, der Leitartikel Langes über Peters' Abmarsch von Sansibar, telegraphische Anfragen, das Weinen im Schreiben der Mutter.

Es war da eine Karte aus Bombay, Hotel Taj Mahal datiert.

»Alter Bonaparte! Warum nicht ein Sprung über den ›Indischen‹ und Lunch in Bombay? Sitzen bis März hier.«

Von Georges, dem treuen Georges!

Darunter von Maud gekritzelt, flüchtig, ironisch.

»Beste Wünsche, Eroberer!«

Es war seltsam, gebadet, in weißen Kleidern, ein zivilisierter Herr, am Kai zu stehen, wo, für Neapel bestimmt, ein schneller Personendampfer lag, schwatzende Passagiere an der Reling.

Daneben eine Dau, die gerade jetzt zur Fahrt nach Bombay fertig machte.

Maud also da drüben im Osten, am nächsten Ufer dieses Meeres! Maud Ziel der Fahrt, die jene Dau nun antrat!

Zehn Tage, zehn Nächte, wenn der Wind von heute morgen blieb – und er stand vor ihr, wie er's geträumt im Größenwahnsinn einer Jugend, die Weltanschauung gab und Dramen dichtete, Menschen zerriß, nach Sternen griff!

Nur daß jede Minute da oben in Deutschland zählte! Auch jetzt, in dieser Stunde noch, konnte ein Schnellerer, ihm aus den Zähnen, die afrikanische Beute an sich reißen!

Was galten die fünfunddreißig Verträge mit Sultanen und Häuptlingen, wenn eine europäische Macht 201 sie umstieß, eine bewaffnete Macht mit Kriegsschiffen und Kanonen?

Halt doch – was war das vorhin gewesen, im Flug erfahren, kaum beachtet?

Ein deutsches Kriegsschiff – den Kolonialexperten des Auswärtigen Amtes, Gerhard Rohlfs, an Bord – war unterwegs nach Sansibar!

Das war erst ein Fühler. Ein Finger nur! Aber wenn dies Schiff einmal da war – konnte er nicht dann, drüben in Deutschland, die ganze Hand packen? Im Augenblick, in dem der Schutzbrief ausgestellt war, stand dies Kriegsschiff, die deutsche Macht, sichtbar für alle Welt, zu seiner Tat, die, vier Wochen war's her, als »Quartanerstreich unreifer Kolonialschwärmer« durch die Zeitungen ging!

Dies Kriegsschiff, Rohlfs an Bord, zwang unerbittlich zur Abfahrt nach Berlin.

Ein schöner Ostwind schaukelte die Dau. Zwei Stunden noch, dann war sie segelfertig für Bombay!

Als sie die Ankerkette hievte, war der Abschied von Jühlke genommen, Ausstattung und Verpflegung für große Fahrt beschafft.

Der braune Kapitän – Hände und Kopf voll Arbeit – merkte nicht, daß ein weißer, sehniger Mann ans Fallreep gerudert wurde, sich an Bord schwang, Blechkisten, eine Bettlast ihm aus schwarzen Fäusten nachflogen.

Die Dau war schon in Fahrt, als er seinen Gast begrüßen durfte. Ihn zurückzuweisen, war es zu spät. 202

 


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