Balder Olden
Ich bin Ich
Balder Olden

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Zwölftes Kapitel

Was war das für ein neuer Dynamo, der durch Berlin rasselte und so gewaltig stieß, dröhnte, Kraft auspuffte, daß man's in allen Provinzen von Deutschland zu spüren bekam?

Kolonien! Kolonien!

War Deutschland nicht »saturiert«? In Osten und Westen siegreich gewesen, vornehmer Sieger gewesen, in seiner Stärke erkannt und anerkannt?

Wozu das Geschrei nach Kolonien, Ausbreitung des Wirtschaftsgebietes, Platz an der Sonne?

Wozu dies Geschrei, das, überallher geechot, dem Bürger in die Ohren knallte?

Stopfte keiner dies brüllende Maul, dies störende Marktgeheul?

Ein kleiner Kerl, Peters, ein junger Doktor der Philosophie, der eigentlich gar nichts anderes wollte als Privatdozent werden, Privat-Paukerchen für die Studenten der Philosophie, brüllte so schrecklich.

Die wirklichen Leute in Deutschland, die ihren Schnitt gemacht hatten in siegreichen Kriegs- und reichen Friedensjahren, die jetzt, restlos zufrieden, reicher wurden, als sie je geträumt, die ging das nichts an. Sie ließen ihre Jungens Reserveoffizier werden und Mensuren pauken, auf daß der Übermut sein Ziel fände, das heiße Blut sich abtobte, der Hunger nach Ehren gesättigt wurde. Sie waren zufrieden, seit Bismarck gesagt hatte »Deutschland ist saturiert« und fragten wenig nach Weltruhm, Platz an der Sonne.

Im geheimen wußten sie, daß ein Prinz auf die Kaiserkrone wartete, der genug Qualm unterm Dach hatte, um Bewegung für die nächsten Jahrzehnte zu 141 garantieren. Sie wußten, verbissen's aber in ihre blonden Seehundsbärte und sprachen nicht davon. Bis der Heldenjüngling selbst anfing, von sich reden zu machen, die paar Jahre noch wollten sie Ruhe haben.

Wer war Peters? Ein grüner Junge. Doktor der Philosophie war heutzutage jeder bessere älteste Sohn in jedem besseren Bürgerhaus. Alter Herr beim S. C.? Nicht einmal das, gewesener Inaktiver bei einer singenden oder turnenden Blase, wenn's hoch kam.

Was mehr?

Pfarrerssohn aus Neuhaus an der Elbe.

Was noch?

Ein Portemonnaie, angeblich, in England – und eine phantastische Schnauze.

Wie alt?

Ganze sechsundzwanzig.

Zwischen Jüterbog und Emmendingen sprachen zahllose Patrizier – Veteranen von Vierundsechzig bis Siebzig, Besitzer von Gütern, Fabriken, Häusern – die Meinung aus, mit einer Tracht Prügel auf Peters' Hintern ließe der Kolonialorkan sich am schnellsten besänftigen. Danach ein Lehrstühlchen unter denselben Hintern, das kühlend wirken würde, und äußerstenfalls drei Monate Weichselmünde wegen öffentlicher Ruhestörung.

Anders klang es in den Kreisen der Schlachtfeldsieger, die inzwischen nicht verdient oder nur wenig verdient hatten.

Sie waren wohl zu Titeln und Ämtern gekommen, hatten sogar ihre Parteien im jungen Reichstag, und soweit sie nicht selbst in der Armee kommandierten, dienten sich doch ihre Jungens zu großen Kommandoposten empor. 142

Denen war, bei relativ leeren Taschen, nach Jahren voll nationaler Triumphe, vieles zu wünschen übrig geblieben. Sie waren keineswegs Seiner Majestät allerergebenste Opposition, aber seine alleroppositionellste Vasallenschaft. Sie waren nicht beruhigt, hatten an der allgemeinen Saturiertheit nicht Teil.

Weil sie zu wenig Geld . . .? Nein!

Zu wenig Ruhm! Noch immer zu wenig verewigte Helden! Zu wenig Weltgeltung!

Ihr Deutschland, dem schließlich – wenn irgend etwas galt, galt das – auf Erden nichts widerstehen konnte, ihr Deutschland hatte mitten im Laufe innegehalten.

Sie hatten geblutet, gekämpft, geopfert, gesiegt – und wußten heute kaum, warum.

Lorbeer war gekommen, bergehoch, auf ihre Häupter. Aber die Früchte, die seit Alexander notorischen Früchte der Siege?

Sie hatten sich unzufrieden in Klubsesseln und auf den Stufen des Thrones gerekelt, unzufrieden, ohne zu wissen, was ihnen fehlte.

Bis aus London ein kleiner, schmächtiger, gelehrter und großschnauziger Dr. phil. kam, der gleich in die noch schüchterne, an Paragraphen und blassen Stratagemen herumdrechselnde Gesellschaft für Kolonien hineingriff, unbekümmert, als fiele er vom Mars. Der brüllend durch die Gassen lief:

»Das gibt's! Aufgewacht! Das nehmen wir!«

Drei Dinge standen fest, und Peters brüllte sie aus:

Erstens: Bei der Verteilung der Welt unter die muskel- und kanonenstärksten Völker Europas war Deutschland zu spät gekommen. 143

Amerika hatte sich frei gemacht in Nord und Süd – nicht seine armen Eingeborenen, die fast vertilgt waren, sondern die Kolonisatoren selbst hatten die Aufsicht der Mutterländer abgeschüttelt.

Aber Sprach- und Kulturgebiete, riesengroß, für Engländer, Spanier, Portugiesen, waren geblieben.

Auch Asien, auch Australien, waren teils englischer Besitz, teils Boden unter englischem Schutz, und ihre Eingeborenen wußten es nicht besser, als daß sie für die Londoner City zu schuften hatten.

Peters schrieb:

»Wozu haben wir denn unsere Kolonien? heißt es einmal in einer Novelle von Thackeray, wo von der Versorgung eines jüngeren Sohnes die Rede ist.

»In ausländischen Hotels sah ich die Engländer meistens auf den Stühlen an der Table d'hôte sitzen, und meine Landsleute als Kellner dahinter stehen.«

»Das englische Staatswesen gleicht einem Baume, der Luft und Licht hat, nach allen Seiten hin seine Äste frei und üppig auszuwachsen. Das deutsche einem wohl noch edleren Stamme, der aber in die Schlucht eines zerklüfteten Felsgebirges geraten ist . . .«

»Der große Strom deutscher Auswanderung taucht seit Jahrhunderten in fremde Rassen ein, um in ihnen zu verschwinden . . .«

»Alljährlich geht die Kraft von etwa zweihunderttausend Deutschen unserem Vaterland verloren!«

»Der deutsche Import von Produkten tropischer Zonen geht von ausländischen Niederlassungen aus, viele Millionen deutschen Kapitals gehen an fremde Nationen verloren!« . . . 144

Das war schon eine gewaltige Trommel, die da in deutsche Ohren wirbelte.

Aber er galt denen noch wenig, die ihren jüngeren Söhnen im eigenen Haus einen Platz bieten konnten, auch in der Armee, die, immer wachsend, für Tausende gute, hochgeachtete Plätze bot. Die zudem nicht fragen mußten, ob an ihrem Kaffee, Kautschuk und Zucker Engländer oder Spanier ein wenig verdienten.

Aber auf die zielte eine andere Note von Peters' Alarm:

»Der deutsche Export ist abhängig von der Willkür ausländischer Zollpolitik.«

»Ein unter allen Umständen sicherer Absatzmarkt fehlt unserer Industrie, weil eigene Kolonien unserem Volke fehlen!«

Das gab zu denken, war ein Schuß ins Schwarze . . .

Die andere Tatsache aber:

Afrika, dieses Riesengebiet, reich an Strömen, Seen, Erzen, war ja frei. Lag auf dem Präsentierteller, wenig durchforscht, von niemand verteidigt, dem Zugriff der Starken zur Hand!

Im Norden, die Mittelmeerstaaten, das waren strategische Punkte, schon gemarkt durch England, Frankreich, Spanien. Den Süden bis zur Sambesigrenze respektierte Bismarck als englisches Interessengebiet.

Aus purer Großmut, überflüssiger Großmut, für die England gewiß nicht Dank wußte.

Aber ein Reich, zehnmal so groß wie Europa, weißer Fleck auf den Landkarten, ließ sich im Augenblick nehmen, der Kultur erschließen, ohne daß eine Hand sich dagegen gerührt hätte.

Im Augenblick! Nur noch in diesem letzten Augenblick! brüllte Peters. 145

Denn der junge König eines winzigen Ländchens, des winzigen Nachbarländchens Belgien, war drauf und dran, diesen Bissen vor des deutschen Michels Nase wegzuschnappen, einzusacken. Aufpassen, Michel!

 

War es nicht mit Händen zu greifen, brauchte man wirklich diesen sechsundzwanzigjährigen Tambour für solche Schamade?

Es gab aber einen deutschen Kolonialverein, reich an betagten, hochgestellten Mitgliedern, von Bismarck freundlich gesehen, einen Fels im Meer, der schon bestimmen würde, wenn Deutschlands Stunde geschlagen hatte.

Peters fand taube Ohren und Hände im Sack, in denen keineswegs Gold klimperte.

»Unsere Tätigkeit soll einstweilen nur darin bestehen, Deutschland auf eine kolonisatorische Tätigkeit vorzubereiten. Das zwanzigste Jahrhundert wird die Epoche unserer Kolonisations-Politik sein, wie das neunzehnte die unseres inneren Aufbaus war!«

In seinem möblierten Zimmer in der Dennewitzstraße, ein kleiner, junger Anwärter auf ein Dozentenstühlchen, saß Peters. Die Karte von Afrika hing an seiner Wand.

Wo sie weiße Flecken zeigte, handgroß, schimmerte ihm Mauds spöttisches Gesicht entgegen, spöttisch und doch verheißend wie beim ersten Wiedersehen nach dem mißglückten Schwimmrekord, auf dem ein kleiner Trawler, ein schäbiges Fischerboot, den bewußtlosen Kanalbezwinger aufgenommen. Während Georges mit einem Ausdruck, dessen nur ein Engländer ohne Tränen, ohne Umarmung fähig ist, seine Hand umklammert hielt, 146 hatte Maud zum erstenmal ein Lächeln gezeigt, in dem mehr Verheißung als Spott war.

»Ich bin sehr froh, Sie wiederzusehen, Bonaparte. Was kann ich für Sie tun? . . .

Damit waren Qual und Todesnot des Kanalabenteuers verwischt.

»Sie haben mich gefragt, was Sie für mich tun können?« sagte Peters später am Teetisch, in einer Zufallsminute des Alleinseins.

»Ouhh! Man sagt so!«

»Nein, Miß Maud, Sie können etwas für mich tun,«

Das war nicht wie auf dem Hügelchen bei Hannover, zehn Schritte ab von den fliegenschlagenden Pferden, dem schläfrigen Reitknecht.

Diesmal saß Peters so am Tisch, daß zu jeder Minute Mrs. Toxend hereinkommen durfte. ohne zu stören. Er hielt sogar eine Tasse aus Chinaporzellan, duftig und zerbrechlich, in der Hand. An seiner Zigarette die kleine Mütze aus grauer Asche war nicht in Gefahr!

Aber doch war mehr Schwüle um die beiden, zwei junge Menschen, die das Leben nun schon zwei Jahr lang wieder und wieder zusammenführte. Aber doch stieg das Blut rauschender in Mauds Stirn als damals unter Peters' Griffen. Er hielt sie fester umklammert als damals mit seinen jungen Ringerfäusten.

»Sie könnten anfangen, an mich zu glauben, Maud.«

Maud hatte die Augen auf den Tisch gesenkt, spielte mit Krumen und Veilchenblättern.

Dies dunkle Rot bis in die Stirn hinauf, bis unter die Haare! Dies lange Zögern!

»Was soll ich Ihnen glauben, Dr. Peters?« 147

Er, der auf halbem Weg nach Frankreich kaum dem Tod entgangen war, durch fremde Kraft gerettet, sagte wie ein Sieggekrönter:

»Daß ich mein Ziel erreiche!«

Sie glaubte ihm, das bewies ein Atmen, das Stöhnen war.

Dann erschien Mrs. Toxend, drehte das Licht an. Georges erschien, schenkte Peters einen Siegelring, ein schweres, wuchtiges Ding, in dessen innere Fläche graviert war: »fight and be« . . . »Kämpfe und sei!«

Peters drehte den Ring, vor seiner Landkarte grübelnd, genoß die Angst Mauds, das Motto ihres Vaters.

Wie fern schon wieder, nach acht Wochen, dieser Nachmittag! Ein Jahr fast seit der Fahrt ins Totenhaus.

Im Fazit dieses Jahres wog jeder Tag.

Welch ein Weg aus den Fängen des Wahnsinns in die des Todes zwischen Dover und Calais.

Wieviel Befreiung aus der Wüste jener Schlaflosigkeit bis zum Sprung, zu dem er jetzt die Gelenke spannte!

Dieser Tag im Kanal blieb, auch ohne Sieg, auch ohne Frankreichs Küste.

Jetzt wußte Peters von sich, daß er den Tod sterben konnte, um jeden Preis, der ihm wertvoll schien!

Das war viel – er, der töten konnte, konnte auch sterben!

Das war alles, worauf es ankam, – Georges und Maud hatten es beide erkannt. Ein Kanalsieg mit Begleitboot und Rücksicherung hätte diese Niederlage mit nackten Händen nicht halb gewogen.

Seither fühlte er sich stark, trieb sein Leben vor sich her wie drüben ein Stürmer im Fußballkampf seinen Ball. Sein Ziel, Deutschland ein Kolonialreich zu geben. 148

Er hatte nicht gern mit diesen deutschen Gegenspielern und Spießern zu tun.

Verpestet von ihrer Atmosphäre schien ihm die Luft Berlins, armselig ihr Stil, banal ihre Sprache.

Wenn ein Wort ihm gut klingen sollte, mußte er sich's ins Englische übersetzen.

Wie geht's denn? . . .«

Das sollte heißen: »How are you?«

»Endlich hört's mal auf, zu gießen.«

»Rains are stopping!«

Arm und unerzogen war dies Volk, mißtrauisch, hinterhältig. Kahl waren seine »schamber gahnies«, wie sie die furnished lodgings nannten. Ihre Klubs waren Bierkneipen, serviler Hunger und Niedertracht sprudelte aus der Wort-Bouillon ihrer Zeitungen.

Wie frei und imperatorisch war drüben der Ton der Zeitungen! Wie nahm man dort das Neue einer Idee mit Frische auf, verlangte, daß jeder seine »Chance« bekam, der ein Können für sich in Anspruch nahm.

Und hier, und hier – die handgreiflichste Wahrheit noch beschnüffelten sie feindselig, schmeckten die eigene Groschengier in jedem frohen Gedanken. Schon unter ihren Augen wurde zu Dreck das lebendige Brot, das man ihnen reichte. Nur lautes Geschrei über künftige Taten, das die Völker der Welt nervös machte, über kommende Kolonien, die großdeutsche Vereinigung aller Länder, die Goethes Sprache sprachen, eine dereinst zu bauende Flotte, die der Englands gewachsen war.

Als »tapferes Wort« galt die Prophezeiung alldeutscher Weltbeherrschung im fünften Akt eines Jamben polternden Fürstendramas.

Sprach aber einer mit klaren, in englischer Präzision 149 geschliffenen, deutschen Worten, hinter denen kein Arg war:

»Hier ist der große Weltteil Afrika. Niemand schielt nach ihm als der smarte kleine Belgier. Nehmt's euch, Kameraden, die Stunde vergeht sonst unwiderruflich –.« Welch ein Gebrodel von Feigheit und Haß!

Wie klang die Antwort auf sein praktisch erweisbares, klares, kluges Programm?

Nicht etwa Hinweis auf Kolonialprojekte der Geschichte, der Wirrnis und Verwilderung gebracht.

Nicht fachliche Diskussion darüber, ob Afrika ein Arbeitsland für Weiße sein könnte, ein zweites Amerika oder Australien – oder nur Tummelplatz für Länderspekulanten und Glasperl-Fabrikanten.

Denn das war der wunde Punkt! Das sollte Peters erst erforschen! Einstweilen behauptete er nur froh, den zweihunderttausend Auswanderern jeden Jahres eine Heimstätte schaffen zu wollen.

Dachte sich, selbst nur als Absatzstätte für deutschen Export, Wirkungsfeld deutschen Kapitals in von Negern beackertem Urland, wäre eine Kolonie nicht schlecht, deren Gouverneur Carl Peters hieß.

Diesen wunden Punkt aber berührten sie gar nicht, diese Landsleute, in ihrer Unbildung und Unsachlichkeit.

Sondern ihre Argumente lauteten:

»Dieser Peters ist ja nicht dreißig Jahre alt! Ein unreifer Querulant! Haltet die Taschen zu, das ist der pure Schwindel!«

Mißtrauten sie ihm, weil er Deutscher war wie sie, Prophet im Vaterlande?

Wie er sich selbst haßte, Deutscher zu sein!

Im Lande der Kegel-, Skat- und Singvereine, der zugeknöpften Taschen, mangelnden Individuen, ließ sich 150 nur mit einem Verein etwas durchsetzen. Vielleicht glückte es ihm, aus diesem Volk von vierzig Millionen Brotfressern ein halbes Tausend klare Köpfe, mutige Herzen herauszufischen und zu organisieren?

Denn allen Haß in Ehren: nur diesen Deutschen konnte Peters seine Kolonie schenken! Unter ihnen war er geboren, konnte nur unter ihnen seine Stellung finden, weil er hier der einzige war, der richtig sah.

Es ist nicht unmöglich, daß Peters' große Idee in den Händen eines anderen Mannes eine bessere Presse gefunden hätte.

Immer war es sein Schicksal, sich mit dem Auftritt schon begeisterte Freunde oder erbitterte Feinde zu machen. Gleichgültiges Wohlwollen, freundliches Gewährenlassen sollten ihm das Leben hindurch verweigert bleiben. Dafür unterstrich er viel zu sehr die Kanten seines Wesens, gab sich viel zu stolz auf jede Antipathie, die ihm gewissermaßen kampflos in den Schoß fiel.

Der junge deutsche Reichsbürger, dieser neugebackene Großmächtler, war für Lob und Schmeichelei ja so empfänglich.

Wie versuchte es Peters, sich bei diesen Großdeutschen, denen die Eierschalen ihrer kaum abgestreiften Kleinbürgerlichkeit noch am Steiß klebten, beliebt zu machen?

Beinah die ersten Worte des ersten Zeitungsartikels, mit dem er die Kolonial-Kampagne begann, lauteten:

»Es macht einen geradezu kümmerlichen Eindruck, wenn man aus dem Kreis englischer Gentlemen heraus plötzlich unter die deutschen Herren geworfen wird.«

Während er noch um die Gunst jedes einzelnen buhlen mußte, der seinen Plan mit einem guten Wort oder ein paar Goldstücken unterstützen konnte, – dies 151 Buhlen ging nun einmal durch die Vereine, an Stammtischen hin, Abend für Abend, von Bierglas zu Bierglas, – schnarrte er fröhlich durch die Spalten der »Täglichen Rundschau«:

»Ich bin der festen Überzeugung, daß das Stammtischleben in Deutschland mit seinem philiströsen Geschwätz über alle möglichen und unmöglichen Dinge eine der Ursachen der Verschlammung ist . . .«

Ganz gewiß, ein wirklicher Engländer, einer, dem das englische Selbstbewußtsein organisch war, hätte auch in jenem nach einwärts orientierten Deutschland, einer Weltmacht ohne Weltempfinden, leichtere Arbeit gehabt. Gerade von Peters, der in London vielleicht schon als echt wirkte, dem man aber an der Spree den Parvenu anroch, – gerade von ihm wollte Berlin weder Belehrung noch Führung haben.

Seine Agitation ging in ungeheurem Tempo. Aber wie ein Schneeball zugleich vergrößerte sich die Masse instinktiver Feindseligkeit und Ablehnung, die seine Person, mehr als sein Plan, erregte.

Dennoch: da war Jühlke, ein junger Anwärter auf Staatsposten, der Bismarcks besonderes Wohlwollen genoß. Aus einer Familie, die im Schatten des Thrones lebte! Gescheit, beherrscht, die solide, große Karriere im Sack. Der brach alles ab, stellte sich Peters zur Disposition wie ein Leutnant seinem General, prüfte und kritisierte nicht.

Adjutant, Ordonnanz, gemeines Truppenschwein in Peters' Troß – was immer er hier wurde, war ihm recht. Er wollte unter Peters dienen.

Da war ein Graf Behr-Bandelin, Kammerherr des Kaisers, Vorsitzender des konservativen Klubs, ein Mann in den Fünfzigern, dessen Wort Gewicht hatte. 152

Der hörte sich Peters zehn Minuten lang an, kritisierte nicht, prüfte nicht, sondern sagte: »Bin dabei, mein guter Doktor!« Und Peters hatte einen Gefolgsmann an ihm durch dick und dünn, durch alle Taifune und Katarakte der Zukunft.

Da war Dr. Friedrich Lange, jung, konservativ, als Herausgeber der »Täglichen Rundschau« früh auf verantwortlichen Posten gestellt. Er sollte erst beweisen, ob er seiner Aufgabe gewachsen war, riskierte eine in großem Stil begonnene Laufbahn, wenn er falsche Signale gab.

Der lernte Peters kennen, und von der ersten Stunde an gehörte ihm so viel Raum der »Täglichen Rundschau«, wie er nur wünschte.

Dr. Lange paukte im Leitartikel nach, wenn Peters tags zuvor die Welt vor den Kopf gestoßen hatte. Es gab keine Mensur, in der er nicht sekundierte, keinen Husarenritt, bei dem er nicht Seitendeckung nahm.

Oktober dreiundachtzig war Peters in Berlin eingetroffen. Er hatte – um in den Kreisen, die für ihn entscheidend waren, nicht als Abenteurer oder wohlhabender Sportsmann zu gelten – eine neue philosophische Arbeit begonnen und behauptete, noch immer auf die Professur zu steuern.

Während er nachts die Frage »Inwiefern ist Metaphysik als Wissenschaft möglich?« durchackerte, wieder einmal eine ganze Bibliothek in sich aufnahm, exzerpierte und schrieb, verbrachte er die Abende an den »verschlammten« Stammtischen, in Klubs und Vereinen, wühlte, phantasierte, warb.

Im Spätherbst hatte er eine entschlossene, kleine Garde um sich gesammelt.

Im Frühling vierundachtzig sprengte er den 153 Kolonialverein. Der von Peters geführte Flügel fiel ab, organisierte sich neu, vierundzwanzig Mann stark, warf der Regierung, die noch gar nicht Stellung genommen hatte, den Handschuh ins Gesicht.

»Bis das Reich sich entschließt, in eine energische Kolonialpolitik einzutreten, ist es möglich, daß das Volk selbst mit praktischen Schritten in dieser Richtung vorangehe!«

Die vierundzwanzig Mitglieder starke »Gesellschaft für deutsche Kolonisation«, an der Spitze neben Graf Behr Carl Peters, repräsentierte dies Kolonien verlangende deutsche Volk.

Carl Peters hielt den programmatischen Vortrag, Carl Peters formte in vier wuchtigen Sätzen die Bedingungen und Ziele des Vereins, Carl Peters schuf einen Aufruf für ganz Deutschland, lancierte ihn, wirbelte ihn hin über das ganze Reichsgebiet.

»Jeder Deutsche, dem ein Herz für die Größe und die Ehre seiner Nation schlägt, ist aufgefordert, unserer Gesellschaft beizutreten. Es gilt, die Versäumnisse von Jahrhunderten gutzumachen! . . .«

Zehntausende, Hunderttausende von Bürgern, Vätern, Abenteurern sollten der Gesellschaft zuströmen. Aber selbst die Vierundzwanzig in Peters' Tafelrunde waren ihm schon zu viel, wenn es mehr galt, als die Hand beistimmend zu erheben oder Stimmzettel mit »ja« abzugeben. Aus den vierundzwanzig schälte er sechs heraus, einen Ausschuß, der nach seinen Befehlen einschwenkte oder avancierte.

Verfassungsgemäß hatte der Ausschuß absolute Gewalt in allen äußeren und inneren Angelegenheiten der Gesellschaft, durfte Verträge schließen, verfügte selbständig über eingegangene Mittel. 154

Peters diktierte den Plan zur Kapitalbeschaffung. Es wurden Zeichnungslisten ausgegeben, auf denen man durch einen Beitrag von fünfzig Mark à fonds perdu Mitglied der Gesellschaft werden konnte. Durch Zeichnung von fünftausend Mark aber gewann man Teilhaberschaft an den Landkäufen der Gesellschaft, irgendwo in Afrika an einer Küste, von der weder General noch Soldaten mehr wußten, als daß sie auf der Landkarte ein paar Häfen, Flußläufe und vag gezeichnete Berge wies.

Während die Zeichnungslisten im Umlauf waren, mitten aus dem Fieber dieser Wochen heraus, während jeder Tag seinen Gewinn buchen ließ, Peters' Befehle, kaum herausgeschnarrt, schon Taten wurden, während die deutsche Presse immer zorniger und höhnischer dem Kolonialphantasien an die Waden fuhr, die englischen Zeitungen anfingen, zu horchen und zu registrieren: mitten aus Sturm und oft verbissenem Kampf heraus, fuhr Peters im April nach Hannover, um sich einige Zeit der »Metaphysik als Wissenschaft« allein zu widmen.

Die Arbeit gedieh in wenig Wochen, obwohl die Erregung jener Berliner Kampftage in Peters' Nerven nachzitterte, sein Hirn okkupierte. Obwohl der Zeitungslärm nicht plötzlich still war, die alte Mutter, die alten Freunde in Hannover Ansprüche an die Zeit des Vielgenannten, plötzlich berühmt, fast berüchtigt Gewordenen stellten.

Ja, sie gedieh und wurde in wenig Wochen vollendet, obwohl damals Georges Baronet von Wellingham mit seiner Tochter, the honourable Maud Wellingham, seinen Besuch in Hannover machte.

Es war Etikette, daß sich Georges Louistone nach dem 155 Ableben seines älteren Bruders als junger Träger des alten Namens im Kreise der Cumberlands präsentierte.

Ihr Aufsteigen zu einem adligen Namen hatte Maud keinen größeren Eindruck gemacht als irgendein Geburtstag oder Jahreswechsel. Das hatte eines Tages kommen müssen – lästig war es nur, daß man plötzlich von Schloß zu Schloß zog, Pflichten gegen die Gesellschaft hatte, wo es früher nur Rechte gegeben, sich einer Etikette beugen mußte, die man bisher am Hofe selbst mit einer gewissen amerikanischen Nonchalance nur halb beachtet.

In ein paar Monaten würde all das vorbei sein, und dann plante sie für ihren Vater einen großen, herrlich befreienden Trip ins alte Indien, diesmal tiefer hinein in Steppen und Berge, zum Himalaya vielleicht, wo anderer Ozon sie umrauschen würde als der muffiger »Empfangszimmer«.

Nein, dieser Aufstieg galt nichts.

Aber erschütternd war es, daß dieser Bonaparte nun schon seine Schlacht an den Pyramiden schlug. So weit schon, daß er nicht mehr zu prahlen und zu versprechen brauchte. In der »Times«, der großen Weltgeschichte, die täglich neu geschrieben wurde, an die man in ihren Kreisen wie an ein politisches Evangelium glaubte, stand von Peters' Unternehmung:

»Der erste Schritt in Deutschland zu einer wirklichen Kolonialpolitik.«

Wie stolz war Georges auf seinen Bonaparte!

Hatte er früher den jungen Deutschen ausgezeichnet, indem er ihm seine Gesellschaft erlaubte, so schien es heute, als sei er der Partisan, Peters der Gebende.

Wie lange war es her – vier Jahre? Nein, 156 dreieinhalb Jahre erst, genau zweiundvierzig Monate, seit in diesem selben Hotelkorridor ein blasser, komischer, kleiner Privatlehrer herumgestanden, bis ihm durch den Diener der Eintritt erlaubt wurde. Er kam dann linkisch herein, trug einen komischen, unechten Pelz, für den es noch viel zu warm draußen war, unterm Arm ein lächerliches Möbel von Zylinder, wußte nicht, daß man seine Garderobe im Vorzimmer ablegt, stammelte ein unsägliches Englisch, schnarrte einiges über Goethe, während Mrs. Toxend mit den Stricknadeln klapperte und ein kleines Mädchen, strahlend und duftig, dies Geschnarre lächelnd anzuhören geruhte.

Mit drolligem Pathos unterstrich er die Liebesworte goethischer Feuerknaben, rollte die Augen, wenn Mrs. Toxend laut Maschen zählte, und verdiente sich so in Schweiß und Lächerlichkeit einen halben Sovereign.

Heut war er zu Hause in diesem hotel-flat, in dieser Zimmerflucht, deren Pracht ihn damals geblendet, und die er heute armselig fand wie alles, was in Deutschland Pracht sein wollte.

Trat er ins Wohnzimmer, dann kam Georges ihm mit ausgestreckten Händen entgegen, dann »smeilte« Mrs. Toxend so recht sichtbar über ihr faltig gewordenes, gutes Gesicht, dann hatte Maud kein bißchen Spott mehr und kein Verwundertsein um ihren armen, immer zustimmenden Mund.

Man ritt aus, wenn Dr. Peters Zeit für einen Spazierritt hatte, man machte seinen Besuch im Haus der Pfarrerswitwe, dessen sich Peters trotz Lavendel und Seifengeruch nicht schämte. Man bat ihn, sich doch morgen wenigstens eine Stunde frei zu machen. Man erzählte den Hannoverschen Standesgenossen, es sei da ein junger Philosoph, halb Engländer, halb Deutscher, 157 der, wenn nicht alle Zeichen trügten, Weltgeschichte machen würde.

Man war sehr stolz darauf, dieses Genie entdeckt und zumindest durch ein wenig Anerkennung gefördert zu haben, ehe noch die Welt von ihm wußte.

Die Untersuchung der Metaphysik als Wissenschaft wurde trotzdem in diesen Wochen vollendet, obwohl es Peters grenzenlos gleichgültig war, wer Wundts Nachfolger in Leipzig wurde. Ihm kam es darauf an, zu beweisen, daß er als Kolonialapostel patriotische Zwecke verfolgte, nationalem Ideal seine Zeit opferte, statt dem ehrenvollsten Ruf, den es unter Deutschen gab, dem einer Universität, Folge zu leisten.

Auch Georges und Maud sollten wissen, daß die Stunden, die Peters ihnen schenkte, wirklich Geschenke von höchster Kostbarkeit waren. Das gab jeder Teestunde und jedem Spazierritt Gepräge.

Da Georges und Charles sich beim Vornamen nannten, war es natürlich, daß aus Miß Louistone keine Lady Maud, sondern nur eine Maud wurde. Wie waren die Positionen gewechselt, da sie es kaum wagte, ihn anders als Doktor oder Mr. Peters anzureden!

Daß sie keine Tageseinteilung mehr machte, ehe Peters befragt war!

Kein Gehorsam einer Frau konnte dem, was wir Liebe nennen, ferner sein, als diese Artigkeit eines kleinen Mädchens gegen den Freund ihres Vaters. Aber Peters durfte jetzt zu ihr sagen:

»Mich trennt nur noch ein Schritt von dir, Maud – wenn wir uns wiedersehen, bin ich der Herr von Afrika, ungekrönter, vielleicht schon gekrönter König . . .«

Und sie lachte nicht:

»I never have seen a young man like you!« 158

Sondern beugte traurig, wie unter ihrem Schicksal, den Kopf . . . Es war ja auch nicht Liebe, was Peters von ihr erhoffte, Liebe war nicht das Gefühl, das ihn gegen sie befeuerte, sie berennen ließ, wie er von innen heraus das von ihm belagerte Deutschland, seinen Kolonialplänen feindlich, berannte. Ohne Liebe!

War es raffinierte Kunstfertigkeit, wie er die beiden Ziele seines Lebens gleichsam zu einem verstrickt hatte, ein Seilermeister seines Schicksals? War es verruchte Hypnose, wie er Maud und Georges – denn es war kein Zweifel, daß Georges längst das Spiel durchschaute – von der Notwendigkeit dieser Verstrickung überzeugt hatte?

Maud wußte, daß ihm nichts gelungen wäre, sein Aufstieg zum Gentleman, zum Reichtum, zum Führer einer vulkanisch starken Bewegung, zur Bewunderung ihres armen Daddy, zur Besitzergreifung ihres ärmeren Willens, wenn da von Raffinement und Hypnose zu sprechen war.

Das empfand sie, die noch immer mit wildem Herzschlag seiner Macht widerstrebte, daß alles, was er tat, elementar aus seinem Wesen kam.

Sie hatte seine Philosophie nicht gelesen und ahnte nicht, was in jenem Hause, 54 Addison Road, geschehen.

Aber das wußte sie, daß er ein vom Schicksal Geschleuderter war, notwendig und natürlich wie ein Sturm. Daß nur eine Katastrophe sie davor retten konnte, in den Wirbel dieses Sturmes zu geraten.

Warum wies sie alle Bewerber zurück?

Sie säße ja längst auf einem Schloß in Schottland, in ihren süßen Neunzehn, schön, die reichste Erbin, vom ältesten Blut! 159

Weil sie Georges nicht verlassen konnte? Der war weder ein gebrechlicher Alter, noch wäre er fünftes Rad am Wagen. Der hätte mit ihrem jungen Gatten gejagt und disputiert, liebster Gast an ihrem Kamin, ein kaum ergrauter Großvater mit jungen, blauen Augen.

Maud wußte, daß sie nicht um Georges willen ihre Bewerber von dannen schickte. Sondern um Peters willen, den sie hassen und ehren mußte.

An all dem änderte nichts, daß Peters plötzlich, ohne Abschied, aus Hannover verschwand.

 


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