Balder Olden
Ich bin Ich
Balder Olden

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Dreizehntes Kapitel

In einer Ausschußsitzung der Gesellschaft für deutsche Kolonisation war Graf Behr-Bandelin gestürzt worden.

Ein linker Flügel, anfangs kaum beachtet, hatte ein paar Ausschußmitglieder an sich gezogen und war plötzlich Majorität!

So tapfer und ergeben Jühlke und Lange sich neben den Grafen stellten, – in einer einzigen Sitzung, die nur wenige Stunden dauerte, fiel Peters' Programm, fielen Peters' Statuten.

Dieser Ausschuß, der gerade nach Peters' Statuten für die ganze Gesellschaft, für ihre Haltung und die Verwendung des Vereinsvermögens absolut entscheidend war, dachte von dieser Stunde ab nicht mehr daran, ein deutsches Kolonialreich in Afrika zu gründen.

Nicht von heute auf morgen, sondern von sieben auf acht Uhr wurde beschlossen, auf südamerikanischem Boden – dessen Bedingungen für weiße Siedler, dessen 160 Tragfähigkeit und Zukunftskonjunkturen man beurteilen konnte – Land anzukaufen.

Luftschloß war beides. Aber aus dem Luftschloß eines neuen Deutschland an der Küste des Indischen Ozeans wurde das Luftschloß einer kleinen Kolonie für deutsche Ackerbauern, wie sie in Brasilien schon bestand, am Kaukasus, in Palästina.

Aus dem Luftschloß eines neuen Reiches wurde in einer einzigen Stunde der Plan einer Landspekulation!

Billig ein paar tausend Hektar kaufen, zu denen noch keine Eisenbahn und kein Dampfschiff führte! Auswanderer dort ansiedeln, die das Land rodeten, schlecht bezahlt wurden und mit ihrer Lebenskraft den Wert des Hektars erhöhten!

Dann verkaufen oder aus der Anlage eine Rente machen.

Nicht Geschichte, sondern Terrainspekulation.

Als Peters einen Brief von Dr. Lange bekam, er müsse sofort nach Berlin kommen, wenn er von dem schon Erreichten nur ein weniges retten wollte, wurde in Hannover, ausgerechnet in Hannover, im »Courier« ein Leitartikel gesetzt:

»Die ephemere Existenz dieser ›Gesellschaft für deutsche Kolonisation‹ ist Gott sei Dank zu Ende.«

Die wenigen Blätter des Reiches, die Peters' Unternehmung ein gewisses Abwarten geschenkt hatten, schwenkten um wie auf Kommando, wollten mit den unreifen Kolonialschwärmern und -stürmern nichts mehr zu tun haben.

Peters brauste in den Ausschuß wie ein Gewitter.

Er drohte nicht damit, sich zurückzuziehen, dies undankbare Deutschland und diese undankbare Gesellschaft, die von ihm den Atem hatte, in Stich zu lassen. 161

Er drohte ganz anders, wie ein Cäsar: Jeden an die Luft zu setzen, mit Schimpf und Spott zu beladen, der nicht parierte! Daß er dazu keinerlei Macht noch Befugnis hatte, kam ihm so wenig wie den Bedrohten in den Sinn. Zu elementar waren sein Zorn und seine Verzweiflung.

»Ich fühle mich wie Napoleon auf dem Rückzug von Moskau! . . .« brüllte er in einer feierlich offiziellen Sitzung auf, und keiner wagte es, diesen Vergleich lächerlich zu finden.

»Ich muß den Ausschuß unserer Gesellschaft neu organisieren, beziehentlich säubern . . .« manifestierte er in schnarrendem Furor, und niemand warf ihm entgegen, daß er selbst nichts zu tun hatte, als sich der Majorität nach der von ihm geschaffenen Verfassung zu beugen.

Mit Jühlke, Lange und Graf Behr bildete er zwar nur eine Minderheit. Aber es gelang ihm, listig und gewalttätig zugleich, eine Sitzung einzuberufen, zu der außer seiner Gruppe nur drei Mitglieder erscheinen konnten. Genauer: es gelang ihm, zwei Mitglieder am Erscheinen zu verhindern.

Für diesen einzigen Abend war es gelungen – durch katilinarische Intrigen –, mit vier Mann Majorität zu sein. Nur drei Herren der eigentlich herrschenden Gegnerschaft waren erschienen!

An diesem Abend grollte und schnarrte Peters' Zorn unhemmbar über den Siebener-Ausschuß hin.

Er diktierte, nachdem er die eigene Gefolgschaft abgekanzelt, die schwache Gegnerschaft wie auf einer Anklagebank zusammengedrängt hatte:

»Was habt ihr aus meinem Werk gemacht, im Augenblick, wo ich den Rücken kehrte!« 162

Er sprach allein, und sein dünnes Organ füllte den Raum, krähte und knallte jeden Widerspruch zu Boden. Er kommandierte die Zuwahl von zwei neuen Ausschußmitgliedern, ließ sie herbeiholen, und im Augenblick fiel das südamerikanische Projekt.

Die Tatsache, daß Peters wirklich der Schöpfer dieser ganzen Bewegung war, und daß diese Bewegung vielleicht sinnlos wurde, wenn er ihr fehlte, fiel an diesem Abend kaum ins Gewicht. – Es konnte ja niemand widersprechen. Es hagelte ja rhetorische Peitschenhiebe. Es hatte ja keiner entfernt so viel Willen zum Widerspruch wie Peters zum Spruch.

Mühsam kam Molitor von Mühlfeld so weit zum Wort, daß er den Vorsitz niederlegen konnte. Das erste und letzte jedenfalls, was er zu sagen hatte.

Peters kommandierte einfach, er selbst sei nun zum Ersten Präsidenten zu wählen. Ernannte den Grafen zum Zweiten Vorsitzenden, indem er ihn zur Wahl stellte.

Er schwur mit der Emphase eines schlechten Schauspielers und echten Tribunen, daß Afrika und nur Afrika Ziel dieses Volkes, dieser Gesellschaft und dieses Komitees sei. Davon würde er nicht lassen und schlimmstenfalls an Stelle seiner Organisation so rasch eine neue bauen, so rasch die alte, selbstgeschaffene der Lächerlichkeit preisgeben, daß sie nicht Zeit fänden, ihre Knochen im Schnupftuch davonzutragen. Niemand wage es, ihm abermals Knüppel zwischen die Beine zu werfen!

Es war ungeheuer – wie Neger duckten sich die selbstbewußten Herren. –

Als Peters mit Jühlke nach Hause ging, die lange Potsdamer Straße hinunter, in den Westen hinein, war sein Sprechmechanismus noch immer nicht abgestellt. 163

Dunkle Nacht, einsame Gassen, schweigende Häuser. Von den Fronten dieser schlafenden Berliner Häuser schnarrte es zurück, große Worte, ungeheure Pläne, zerschmettern und zerstampfen, bauen und schaffen, Weltreich, Rivalität für England, in Staub jeder Widerspruch! . . .

An seiner Haustür, als sie sich trennten, sprach Jühlke, der schweigende, bedächtige, nur in seinem Herzen enthusiastische Mensch.

»Auf diesen Abend müssen unmittelbar Taten folgen! Wenn du das nicht kannst, Peters . . .«

Den Schlüssel schon von innen in seinem Berliner Haustürschloß, zwischen einem schäbigen Foyer und einer schäbigen Treppe ohne Beleuchtung, brüllte Peters noch rasch in die Nacht hinaus, dem Echo schweigender Häuser entgegen, als wenn er zu einem Volke spräche:

»Die Taten fangen morgen an, Jühlke! Ich bin Ich!«

Schnarrte, knallte das Tor zu und drehte den Schlüssel.

 


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