Alexander Moszkowski
Das Geheimnis der Sprache
Alexander Moszkowski

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Der Wert der Illusion

Man könnte die Frage aufwerfen, ob das Leben ohne Illusion sonderlich lebenswert wäre; und daran anknüpfend, ob einer Sprache die Aufgabe zufiele, die Zahl der Illusionsworte zu vermindern.

Denn zu Hunderten dienen die Fremdworte allerdings der Illusion, der scheinbaren Erhöhung der Lebenswerte. Sie umspielen die Dinge mit einem Glanz, den keiner für echt hält und den doch jeder zu schätzen weiß, wie alles Symbolische, Allegorische, aus der starren Wirklichkeit herausragende. Grau in grau würde die Welt uns anblicken, wenn wir dahin gelangten, von den Dingen den Schein abzustreifen, nur das Echte übrigzubehalten, die »Dinge an sich«, die uns leere Abstraktionen bleiben. Unser Lebensbedürfnis drängt uns dazu, dieses Grau in grau zu vermeiden und in Anschauungen wie in Worten alles zu versuchen, um uns den farbigen Abglanz des Lebens gegenwärtig zu halten.

Schon Aeschylos hat es ausgesprochen, und Vischer hat ihm das deutsche Echo verschafft: »Es ist derselbe Prometheus, der den Menschen das Feuer, die Technik, das Selbstbewußtsein, die Vernunft, und der ihnen die Illusion gebracht hat: er gab ihnen die Freude am Augenblick und das Glück der blinden Hoffnung – derselbe, Prometheus, der Vordenkende! Er, der uns das Vordenken gebracht, er hat es auch durch die Phantasie begrenzt, begrenzt aus Vordenken, was sonst folgen würde. Die Illusion ist also ein philosophisches Gut!«

In jenem Lebensbedürfnis wurzelt alle Kunst, alle Romantik, die von Aposteln der Nüchternheit totgesagt werden kann, ohne jemals zu sterben. Es gibt keinen Nicht-Romantiker, und wenn es einen gäbe, so müßte er seinen Standort an einem Weltpunkt wählen, wohin nicht Licht noch Ton dringt. Wir andern sind Sonnenanbeter, wes Bekenntnis wir sonst sein mögen; im Regenbogen erblicken wir noch etwas anderes als eine prismatische Lichtzerlegung, ein Wald erzählt uns von andern Dingen, als von seinen Kubikmetern Holz, ein Vogellied berührt uns nicht nur mit soundsoviel Schallschwingungen in der Zeiteinheit.

Kein Zufall, daß das Illusionswort in allem, was schon seinem Wesen nach auf Illusion, als Vortäuschung beruht, so große Geltung erlangt hat. Was ist ein »Theater«? Ein »Schauhaus«, sagt der Kaltverständige, der weit entfernt von jedem Schein nur in der Wesen Tiefe trachtet. Wenn du ins Schauhaus willst, erwidern wir ihm, so geh' in die Leichenkammer, die in gutem Amtsdeutsch Schauhaus genannt wird. Wir gehen wie die Zeitgenossen des Euripides ins Theater, wohin wir ungeheuer viel Illusion mitbringen, z. B. daß uns ein nur dreiseitig geschlossener Raum als ein vierseitiger erscheint, ganz gegen alle Regeln der starren Wahrheit. Wir hören einen ungebildeten Schweizer Bauern namens Melchthal in Versen deklamieren, wie man sie nur auf dem Parnaß spricht, und wir zittern für das Leben eines Knaben aus Anlaß eines Apfels, der sich mit einem nicht abgeschossenen Pfeil zu einer Attrappe verbindet.

In dieser Verfassung sind uns zahllose ursprünglich fremdländische Bezeichnungen willkommen, eben weil sie eine Lautspur des Fremden, des Abseitigen, des nicht auf der grundbürgerlichen Heerstraße Gelegenen aufzeigen. Wir wollen eine Oper hören und nicht ein Singwerk, in einer Prosceniumsloge sitzen und nicht in einer Vorderlaube, uns an einem Tenor begeistern und nicht an einer Hochstimme. Ein Orchester kommt unserem Illusionsdrang besser entgegen als eine Menge von Spielleuten, ein Ballett besser als ein Schautanz, eine Primadonna besser als eine erste Sängerin, und wir rufen bravo! bravo!, um nicht mit wacker! wacker! aus der Illusion zu fallen.

Die Höhe und Tiefe der Erbauung oder des Vergnügens bedingt dabei keinen Unterschied. Ob wir uns einem Oratorium, einem Requiem, einer Kantate hingeben oder uns bei kinematographischen Künsten zerstreuen, – das fremdländische Wort steht der Illusionslage durchgängig um eine Gradstufe näher. Gewiß, wir können »Kientopp« sagen oder auch »Flimmerkiste«; aber wir begeben uns damit auf den Weg einer verulkenden Kritik und versauern uns selbst absichtsvoll eine Erregung, die der Kinematograph und sogar noch das Kino hervorzurufen vermag.

In einem Etablissement glühen Lampions und bengalische Feuer, Raketen explodieren, Transparente erscheinen, Karussels wirbeln, neben der fontaine lumineuse lockt eine Tombola unter elektrischen Guirlanden, das ganze nennt sich Italienische Nacht. Wir wissen ganz gut, daß dies bengalische Feuer nicht aus Bengalen, sondern aus der Ackerstraße stammt, daß es Springwasser beleuchtet, und daß die ganze Veranstaltung ebenso treffend eine Hinterpommersche Nacht genannt werden könnte. Es ist also Mumpitz. Aber da wandeln hunderte von kleinen Leuten, in deren Unterbewußtsein traumhaft etwas lebt, was mit der brutalen Formel des Mumpitz nicht abgetan wird. In ihnen glimmt ein Willensrest, der unbeeinflußt vom Verstande sein Feuerchen aus der groben Täuschung bezieht. Was sie umfängt, ist doch nicht ganz der graue Werkeltag, sondern eine Art von Maskerade, ein winziger Ausschnitt aus dem Karneval des Lebens, in dem die Dinge nicht genau das bedeuten, was sie sind, sondern was wir in sie hineinlegen. Auf Augenblicke empfinden sie die Nacht wirklich als eine exotische, in die Versatzstücke von Pappe träumen sie etwas Fernes, Ersehntes hinein; so plump die Suggestion auch angelegt sein mag, sie bleibt nicht wirkungslos, und in ihr stellt sich auch die Wortempfänglichkeit williger ein auf Lampions, Raketen und Karussels, als auf Lämpchen, Steilfeuer und Ringelbuden.

Die Welt der Artisten, welche die Variétés und Zirkusse bevölkern, zeigt die Vereinigung von Internationalität und Illusion in vollkommener Verschlingung. Und wer möchte diese Welt missen, in der Kraft, Geschicklichkeit, Mut und stürmischer Humor Kunsterscheinungen ermöglichen, die im Punkte der Vollendung alles sonst erlebte übertreffen. Wieviel Lobredner hat sie unter den Höchstentwickelten gefunden, eben weil sie sich so ganz außerhalb der gewohnten Welt der Trägheit, der Schwergesetze, der Kausalität und des Kampfes mit dem Objekt stellt!

Nur ein Illusionsräuber wird diese Welt um das Illusionswort bringen wollen, das zu ihrem wirkenden Rüstzeug gehört wie ihr berufliches Blendwerk. Um Artisten handelt es sich, nicht um Künstler oder Kunstmacher, ihr Platz ist das Variété und der Zirkus, nicht der Tingeltangel, das Brettl, die Kleinbühne, die Reithalle; und der Jongleur, nicht der Gaukler, sei er bürgerlich ein Schulze, Piefke oder Cohn, soll Cinquevalli, Kara, Spadoni heißen. Der Akrobat, der einen Originalakt mit einem Saltomortale zeigt, entfernt uns auf Minuten weiter von der Planimetrie des Daseins als der Hochturner mit dem Todessprung einer Urhandlung. Die Dompteuse, der Star in einer Monumentalplastik, die Colombine in einer burlesken Commedia dell'arte, der Excentric, der looping-the-loop-Fahrer, der Soubretten-Parodist, der Illusionist einer Fata Morgana, der Voltigeur, der Parforcereiter, die Pirouettistin stehen dem Märchen, dem Unwahrscheinlichen um einen Grad näher als ihre irgendwie übersetzten Berufsbrüder und -schwestern, sind, um mit Kant zu reden, um einen Grad transzendenter; schon darum, weil ihre Bezeichnungen auf eine Internationalität hinweisen, die der landläufigen Erfahrung widerspricht, weil sie sich in anderen Berufskreisen nicht wiederholt. Das ganze Handwerk der Artisten läßt sich, wenn man will, verdeutschen, und es wird dann für uns richtiger, wahrer werden, so wie der Artist selbst richtiger und wahrer wird, wenn man ihn abschminkt und seiner Flitter entkleidet.

Die Genüsse der Tafel erscheinen um so verfeinerter, je lebhafter an ihnen die Illusion beteiligt wird. Ja, ihre ganze Einordnung in die Kultur, ihre Bedeutung für die Geselligkeit, ihr Rang im Lebensfest beruhen darauf, daß sie den Stoff unter einer Hülle von Illusion verschleiert. Die rauhen Forderungen der Zeit haben diese Beziehung arg entstellt, das rein Animalische des Essens und Trinkens in den Vordergrund geschoben und die Phantasie auf Hungerkost gesetzt; und man muß heute schon die Erinnerung bemühen, um sich zu vergegenwärtigen, wieviel Kunst und Romantik sich zwischen Suppe und Käse zu entfalten vermag.

Ich werde wohl kaum in den Verdacht geraten, als wollte ich die Herrlichkeiten des Apicius und Trimalchio wieder heraufbeschwören. Nur das Illusionäre jedes über die elementare Notdurft herausgehobenen Tafelwerkes betone ich, und dieses verknüpft sich allerdings in weit höherem Maße, als die Meisten ahnen, mit den alten Vorbildern. Jedenfalls ist mit den allgemeinen Formeln von Gutschmecken, Besserschmecken und Andersschmecken nichts anzufangen. Das Wesen dieser Genüsse im höheren Sinn genommen, ist der Programmsymphonie zu vergleichen, sie erregen den Geschmack, wie das Gehör, nicht nur durch die nachweisbaren Reize, sondern durch die Ideen, die der Empfänger in sie hineingeheimnist. Sehr viele, vielleicht die meisten Menschen vermögen mit verbundenen Augen nicht zu unterscheiden, ob man ihnen Weißwein oder Rotwein vorsetzt, während ihnen sonst weit über den Farbunterschied hinaus zahllose Abstufungen im Geschmack aufgehen. Aber die Zunge verlangt die beratende Mithilfe nicht nur vom Auge, von der Nase, sondern von jenem sechsten Sinn, der ausschließlich auf Illusion reagiert; dem es nicht gleichgültig ist, zu wissen, wo die Beere wuchs, wie sie heißt und welche Fernwelt sie zum Reifen brachte. Im Namen der Gewächse kann ein Troubadourklang herüberschwingen, oder der Duft aus südlicher Landschaft, irgendwelche Dinge, die mit der Chemie des Stoffes nicht das geringste zu tun haben und doch nicht bedeutungslos sind als Anregung für den Genießenden.

Eine nicht nur nach Daten geordnete Geschichte der Gastronomie wird in ihr einen Bestandteil aussondern, die Gastrologie, die mit den Mitteln der Einbildungskraft arbeitend Künstlerisches, Jenseitiges, Übersinnliches anstrebt. Vom Hunger und vom Sattwerden ist darin ebensowenig die Rede wie im Tanz von der zweckdienlichen Fortbewegung, wie sie dem Gewühl des Marktes dient. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, daß die Alten bloß schlemmen wollten, wenn sie sich Nachtigallenzungen auftragen ließen; nein, »sie schmeckten die ganze Musik dieses Vogels in dessen Singorganen«, und in ihrem Verlangen steckte ein phantastischer Trieb. In der Auster steckt noch heute ein Geheimnis. Wer nur die Substanz analysiert, geht am Reiz vorbei und behält nichts zurück als eine Menge Wasser, einige Prozent phosphorsauren Salzes, etwas Fett, alles zusammen eine fischige Minderwertigkeit. Wenn man die Auster aus der Schale löst, entbartet und sie zu Dutzenden in einer Suppenterrine aufträgt, so hat sich an der Substanz nichts geändert; man kann mit der Kelle hineinfahren und sie auslöffeln; aber selbst der Wahrheitsfanatiker, dem es um die Sache zu tun ist, wird sich dafür bedanken; denn so serviert kann man die Austern allenfalls noch essen, etwa wie ein Gericht Pilze, aber nicht im geringsten mehr genießen. Der Schein, das Hantieren mit der Auster und eine hierdurch angeregte bis in den Meeresgrund reichende Verträumtheit, kurz das Außersubstantielle steckt auch in den gastrologischen Bezeichnungen. Ganz sachlich genommen ist die Sauce wirklich nichts anderes als die Tunke, an der Mayonnaise ändert sich nichts, wenn sie sich in Ölbeiguß verwandelt, und ein Chateaubriand bleibt, was es ist, auch wenn es der Wirt Rindsdoppel oder Doppellendenstück nennt. Nur ein leiser Mitklang geht verloren, nämlich an das, was die fremdländischen Bezeichnungen galten, als sie noch unverfolgt auftreten durften; als sie noch international waren und sich die Fäden der Gastlichkeit zwischen den Lebensfesten der Kulturländer spannen. Diese Worte bedeuten nicht bloß, sie erzählen auch und wecken Erinnerungen. Es sind Illusionsworte, die man aus ihrer fremdländischen Schale ganz bequem herauskratzen kann wie Austern, und die weiter nichts verlieren, als ihr bißchen Illusion, wenn man sie in der großen völkischen Terrine gebrauchsfertig aufträgt.

Es geht natürlich auch so, und die Sauce Béarnaise könnte als Eiertunke ebensogut in Chemnitz erfunden worden sein, als in Béarn. Bleiben wir also streng bei der Sache und lassen wir alle schweifenden Gefühlsverbindungen beiseite. Ganz gewiß, der Mensch braucht nicht zu soupieren, und er bleibt sogar etymologisch im Richtigen, wenn er statt dessen einfach »suppt«. Zudem ist bei so vielen Eßwerken der Sprachweg so klar vorgezeichnet. Das welsche Beefsteak wird durch das kerndeutsche Biefstück ersetzt, ein Cake durch Kek oder Kehk, wenn wir Pralinen sagen, so stehen wir treu auf der Scholle und dürfen den, der noch von Pralinées spricht, als nicht ganz wurzelecht betrachten. Wir hatten einst in Berlin ein doppelsprachiges Restaurant, dessen Karte a broiled chicken mit: »ein gebroiltes Tschicken« übersetzte. Auch dieser Weg ist gangbar. Wer die Omelette soufflée durch Schaum-Eierkuchen ersetzt, kann von jeder Köchin eines Fehlers beschuldigt werden; warum also nicht ein gesuffeltes Omlett? oder ein Wollowang? Da sähe man doch wenigstens den guten Willen, wie man ihn sah, als sich der fremdländische Autoomnibus in Autobus und der Kinematograph in einen Kientopp verwandelte.

Ich widerstehe der Versuchung, diese Betrachtungen auf das Gebiet der Bekleidungsstoffe, der Juwelierarbeit, der Konfektion, der Parfümerie (Duftei) auszudehnen. Jedermann weiß, wie kräftig die Illusionstöter hier schon gearbeitet haben und wie emsig sie dabei sind, ihr Werk zu vollenden. Herunter mit dem Toiletten-Crême, der doch nichts anderes ist als eine täuschende Hautwichse, und daß sich keiner mehr unterstehe, an frivole Dessous zu denken, wo in echter Wirklichkeit nichts anderes vorhanden als Unterwäsche und braver Flanell. Aber wohin soll das arme Illusionswort flüchten, wenn man ihm nicht einmal in solchen, auf Illusion gestellten Betrieben einen Unterschlupf gönnen will?

Wer durchaus nicht von der Wirklichkeitslinie abweichen will, nur Kerne kennt, nicht Schalen, der könnte sich überhaupt gegen die Namensgebung auflehnen bei leblosen Dingen, die eigentlich keine Namen brauchen. Ehedem wurden die deutschen Lokomotiven personifiziert, man saß im Zuge, während vorn eine Marie oder Mathilde, ein Bismarck oder Camphausen fauchte. Diese Nachwehen einer Spätromantik sind längst überwunden, wir fahren mit dampfenden Nummern. So wäre auch eine rechtwinklig gebaute Stadt mit Straßen und Häuserblocks, die nach Ziffern und Buchstaben benannt werden, das Ideal einer städtischen Anlage; denn auch die Illusionslosigkeit strebt nach einem Ideal, nach dem einfachen Koordinatensystem, wie es bereits in einem Teil von New-York und von Mannheim verwirklicht ist. Gleichwohl tragen unsere Straßen fast ausnahmslos noch persönliche Bezeichnungen, auf die sie getauft wurden, passend oder unpassend. Und der Name mag so deutsch sein, wie nur immer, hinsichtlich der Straße bleibt er ein Fremdwort, da eine eindeutige Beziehung zwischen dem Wort und dem Wortträger nicht besteht. Auf die fremdländischen Worte Bellealliance, Kolonie, Kommandant, Invaliden, Pallisade, Garde du Corps sind Berliner Straßen getauft; sie sind der Straße selbst nicht fremder und nicht näher als hunderte von Deutschworten und Deutschnamen; fast alle haben sie eine geschichtliche Begründung in Erinnerung, Anspielung, symbolistischer Verschmelzung, und die so tauften, handelten im Stande der Illusion mit Illusionsworten.

Und im Grunde sind auch all die so übel beleumundeten Welschbezeichnungen in so vielen Betrieben Eigennamen, die irgendwie das Bild einer Persönlichkeit hervorlocken oder mit einem lockenden Begriff spielen. Wenn von zwei Herbergen in gleicher Lage und mit gleicher Leistung das eine Hotel Luxor heißt, das andere Gasthaus zur Stadt Meseritz, so wird das erste in seinen Anziehungskräften eine magnetische Einheit mehr besitzen; und es hat in diesem Falle keinen Sinn, dem Publikum zuzurufen: wählt völkisch! denn wer nur eine Reisetasche in der Hand hat, in dessen Horizont flimmert schon eine blasse Fata Morgana. Auf den Eisenbahnwagen der neuen Orientlinien steht »Mitropa«, mit Herleitung aus Mitteleuropa, mit Anspruch auf den Wert eines Eigennamens. Etwas Fremdländisches klingt an, und das ist des Namens Vorzug, denn das geflügelte Rad deutet auf Internationalität, auf eine Illusion, die über die geographische Heimat hinauswill. Heißt eine gewisse Eisspeise gut deutsch Fürst Pückler, so laßt ein Glas Champagner auf spanisch oder englisch-falstaffisch Sekt, einen geschliffenen Stein Brillant, einen Ring Marquis, eine wippende Hutfeder Pleureuse heißen. Die Worte sind zum geringen Teil eingedeutscht, zum größeren würden sie eingebürgert erscheinen, wenn wir ein Lexikon der Illusion besäßen. Schreibt meinethalben Plöröse, wenn euch das glücklich macht, aber jagt das hübsche und unübersetzbare Anspielungswort nicht von Amtswegen zum Teufel. Laßt auch dem großen Illusionsreich des Titel- und Ordenswesens seine erworbenen Rechte und denkt daran, daß der scharfsinnigste aller Zweifler, Schopenhauer, den Wert dieser Illusion anerkannte. Ersetzt mir den Rector magnificus nicht durch einen prächtigen Leiter, nicht die Exzellenz durch Seine Ausgezeichnet, nicht den historischen Pour le mérite durch ein Verdienstkreuz. Die Welt hängt nicht an diesen Ausdrücken, aber die Ausdrücke hängen an einer unsichtbaren Begleiterin, an der Fee Illusion, die sich in allen Sprachen verständlich macht, obschon sie keine einzige fehlerlos beherrscht. »Die Natur freut sich an der Illusion. Wer diese in sich und anderen zerstört, den straft sie als der strengste Tyrann.« Ein Phantast mag das gesagt haben, ein Wolkenkukuksheimer. Er hieß Goethe.

 


 


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